Vermischtes

Vor 60 Jahren, am 3. November 1957, starb der Psychoanalytiker Wilhelm Reich 60-jährig in einem US-amerikanischen Gefängnis an Herzversagen.
Vorausgegangen war nach jahrelanger Überwachung und einer Verleumdungskampagne ein für die USA wohl noch immer beispielloser Vorgang: Nachdem Reich wegen angeblichen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt worden war, wurden 1956 seine Geräte zerhackt und seine Schriften verbrannt. Am 23. August 1956 gingen in New York »knapp 6 Tonnen« Schriften Reichs und seiner Mitarbeiter, insgesamt »im Wert von rund 15000 Dollar in Flammen auf«. Reich teilte einem der an den Vernichtungen beteiligten Inspektoren mit, dass seine Bücher ja bereits 1933 »in Deutschland verbrannt worden seien und daß er nie damit gerechnet habe, daß so etwas noch einmal passieren würde«.

Wegen Missachtung des Gerichtes wurde Reich anschließend zu zwei Jahren Haft verurteilt – die er nicht überlebte.

Alexander Neill, einer der engsten Freude Reichs, schrieb:

»Die Nachricht von seinem Tod war niederschmetternd, aber dieses Gefühl wich bald einer Art Erleichterung. Erleichterung zu wissen, daß mein Freund nun den Quälereien seiner Feinde entzogen war, denn das Gefängnis muß die Hölle für ihn gewesen sein. […] Durch staatliche Restriktionen an der Arbeit gehindert, seine Bücher verboten, ein großer Teil seiner wissenschaftlichen Apparate verkauft, um die hohen Geldstrafen bezahlen zu können – ich sah keine Zukunft für ihn in Amerika. […]
Ich habe ganz stark das Gefühl, daß der Unterschied zwischen Reich und allen anderen Wissenschaftlern, die ich kennengelernt habe, in seiner außerordentlichen Vitalität lag, in seiner Aufnahmebereitschaft, seiner Menschlichkeit, die sich so sehr von dem prosaischen, oft langweiligen Wesen orthodoxer Wissenschaftler abhob, die auf dem Boden bleiben müssen, weil sie nicht fliegen können.
Reich ist so hoch hinauf geflogen, daß ich für meinen Teil, ehrlich gesagt, nie habe folgen können. Wenn die Gegner des Lebens, in deren Hand unser Leben zur Zeit liegt, die Welt nicht zerstören, dann besteht die Möglichkeit, daß Leute, die heute noch nicht geboren sind, eines Tages verstehen werden, was Reich gemacht und was er entdeckt hat.«

Eine sehr empfehlenswertes Buch aus Reichs letzter Lebensphase wird in Kürze erstmals in deutscher Übersetzung erscheinen: Kinder der Zukunft.
Der Psychosozial-Verlag schreibt dazu:

„Wilhelm Reichs Forschungsprojekt, Kinder möglichst unbeeinflusst von geltenden Erziehungsprinzipien heranwachsen zu lassen, um ihre natürlichen Bedürfnisse zu studieren, ist bis heute in der Säuglingsforschung einzigartig. Durch die kritische Auseinandersetzung mit seinen psychologischen und biologischen Arbeiten erlangte Reich umfangreiche Erkenntnisse über Kinder, und sein Grundinteresse an der Verhütung von Krankheiten führte ihn weiter und weiter zurück, bis er sich schließlich auch mit Neugeborenen befasste.“

Im Juli ist mein neues, auf Reichs Erkenntnissen aufbauendes Buch erschienen: Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus als Erklärungsansatz (Nora-Verlag Berlin, 174 Seiten, 14,90 Euro).
Es kann direkt beim Verlag bestellt werden oder bei amazon.de.

Hier ist es als kostenloses pdf-Dokument herunterzuladen:
Rechtsruck Zweite Auflage 3-11-17
Die Weiterleitung und Verbreitung dieses Textes zu nichtkommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht.

Hier ist das Vorwort zu hören:

 

Im „Blättchen“ 8/2017 hat Wolfgang Brauer das Buch rezensiert: „Rechtsextremismus psychoanalytisch gesehen“. Manfred Lotze schreibt in „Ossietzky“ 17/2017, das Buch „stellt die zentralen Fragen, um lebensfeindliche von lebensbejahenden Einstellungen zu unterscheiden, letztlich um im Bemühen für Frieden nicht zu scheitern.“ In der „Melodie & Rhythmus“ 4/2017 hebt Susann Witt-Stahl unter anderem hervor, dass Reichs Erkenntnisse die Chance bieten, „den  subjektiven Faktor der Geschichte“ endlich angemessen zu würdigen.

Hier findet sich ein biografischer Abriss zu Reich: https://www.psychosozial-verlag.de/cms/nachrichtenleser/items/ein-streitbares-werk-von-aktueller-brisanz.html, hier ein 2007 gestalteter, bebilderter „Rundgang“ durch sein Leben.

Wer manches genauer wissen will: 2017 ist mein Buch „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ beim Psychosozial-Verlag Gießen in 3., korrigierter und um 40 Seiten mit neuen (Be)Funden erweiterter Auflage erschienen.

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Am 22. März hat es Werner Abel für das Neue Deutschland rezensiert. In der Beilage zur Leipziger Buchmesse wertet er es als

„eines der wichtigsten Bücher zur Geschichte der Psychoanalyse, das deren Niedergang von einer sozialkritischen Theorie und Praxis zur medizinalisierten, angeblich ‚unpolitischen‘ Wissenschaft erstmals detailliert nachvollziehbar macht.“

Hier lässt sich das Vorwort zur Neuauflage nachlesen.

Ein Resümee, das ich dort – 4 Jahre nach Erscheinen der Erstauflage – nun ziehen kann, lautet:

„Wilhelm Reich ist wieder deutlich fester in der Historiografie der Psychoanalyse verankert. Insbesondere wer zu den Entwicklungen bis 1934 seriöse Forschung betreiben will, wird unweigerlich auf ihn stoßen. Wer ihn ausspart, kann die Geschichte der Freud’schen Lehre ohnehin nicht schlüssig erzählen.“

Bereits 2015 konnte ich als Gast einer Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung einen Vortrag über Wilhelm Reich halten, in dem ich unter anderem die Frage aufwarf: Wie sähe eine an Wilhelm Reich orientierte Psychoanalyse aus?
Auch daraus ein Zitat:

„Mit Reich wäre ebenfalls kein Katalog seelischer Störungen machbar, in dem zwar Menschen aufgelistet sind, die in belastenden Situationen erröten – nicht aber auch Staatslenker, die ohne jedes Erröten Krieg und Massenmord befehlen, nicht auch US-Präsidenten, die die halbe Welt in Brand setzen oder wöchentlich neue völkerrechtswidrige Drohnen-Exekutionen veranlassen.
Jeder Gedanke daran, Psychoanalytiker könnten eine ‚weiße Leinwand‘ sein – eine Vorstellung, der ja schon Freud nicht entsprochen hat – ließe sich mit Reich erst recht nicht vereinbaren: Wo Analytiker notwendigerweise zu öffentlichkeitswirksamen Kritikern sozialer Missstände werden, ist dafür kein Platz.“

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Über mich.

Ich bin 1957 in Berlin (Ost) geboren.

1981 schloss ich an der Humboldt-Universität das Studium der Klinischen Psychologie mit einem Diplom ab.

Ab 1985 war ich als Redakteur bei Jugendradio DT 64 u.a. für Lebenshilfesendungen zuständig.

Während der DDR-„Wende“ gründete ich mit über 500 interessierten DDR-Bürgerinnen und -Bürgern den Verein „ich-e.V.“ (zunächst „Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse“), den ich die nächsten Jahre leitete. Als verantwortlicher Redakteur von „ICH – die Psychozeitung“ schrieb ich zwischen 1990 und 1998 eine Vielzahl von Beiträgen, hielt Vorträge, leitete zeitweise eine Beratungsstelle.

2008 erhielt ich meine Approbation als tiefenpsychologischer und psychoanalytischer Therapeut, praktiziere seitdem in Berlin.

2013 wurde ich an der Berliner Charité zum Dr. rer. medic. promoviert mit einer Arbeit zum Thema „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“, die im selben Jahr im Psychosozial-Verlag Gießen als Buch erschien.

Insbesondere die Recherchen zu diesem Buch haben mich gezwungen, die Psychoanalyse kritischer zu sehen. Für unverzichtbar halte ich dennoch weiterhin die Aufarbeitung individueller Lebensgeschichte, das Bewusstmachen von Unbewusstem, auch – aber nicht nur – in therapeutischer Form.

Sigmund Freud hat 1917 definiert, die Psychoanalyse lasse sich »auf Kulturgeschichte, Religionswissenschaft und Mythologie ebenso anwenden […] wie auf die Neurosenlehre«, sie »beabsichtigt und leistet nichts anderes, als die Aufdeckung des Unbewussten im Seelenleben«. Psychoanalyse ist also weit mehr als eine Therapiemethode.

Aber es gibt auch keine isolierten seelischen Vorgänge. Sie sind verknüpft mit sozialen, kulturellen, ökonomischen, politischen und ökologischen Prozessen.

Die nicht zuletzt globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden sich deshalb nur konstruktiv bewältigen lassen, wenn wir auch den psychischen Aspekten – endlich – die angemessene Aufmerksamkeit widmen.

Dazu einen Beitrag zu leisten, bemühe ich mich seit langem. Auf dieser Webseite habe ich einiges von dem, was dabei herausgekommen ist und mir mitteilenswert erscheint, zusammengestellt. Gelegentlich werde ich es ergänzen.

Andreas Peglau

PS 1: Für Rückmeldungen, gern auch kritische, steht die Email-Adresse
info@andreas-peglau-psychoanalyse.de zur Verfügung.

PS 2: Diese Webseite steht in enger Beziehung zu, überlappt bzw. ergänzt sich wechselseitig mit dieser Webseite: http://weltall-erde-ich.de/

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