Gab es psychoanalytische Schriften gegen den Faschismus? (Auszug 3 aus „Unpolitische Wissenschaft?“)

Resultate einer (fast vergeblichen) mehrmonatigen Recherche. 

von Andreas Peglau

Schon in den 1920er Jahren hatten NS-Größen wie Alfred Rosenberg linken und liberalen Journalisten, welche die Nationalsozialisten angriffen, für die Zeit nach einer etwaigen NS-Machtübernahme Repressalien angedroht (Rosenberg 1940, S. 92–112, 119, 401f.). Carl von Ossietzky gehörte zu denjenigen, die ihre Hitlerkritischen Beiträge aus der Zeit der Weimarer Republik dann tatsächlich mit dem Leben bezahlten. Ebenso dürften für die Inhaftierung Erich Mühsams und seine Ermordung am 10.7.1934 im Konzentrationslager Oranienburg dessen publizierte Warnungen vor dem Faschismus eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Ehm Welk kam 1934 drei Monate ins selbe KZ, weil er in einem Zeitungsartikel ironisch auf eine Goebbels-Rede reagiert hatte (Longerich 2010, S. 260). Dem »Nationalbolschewisten« Ernst Niekisch brachten sein 1932 erschienenes Buch Hitler – ein deutsches Verhängnis und andere regimekritische Publikationen eine achtjährige Haft ein, aus der er erst 1945 körperlich schwer geschädigt freikam (Niekisch 1932; Haffner 1980, S. 255). Auch der konservative Erfolgsautor Ernst Wiechert wurde 1938, nachdem er sich mit dem politisch verfolgten Martin Niemöller solidarisiert und die Teilnahme an der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs verweigert hatte, zunächst ins Zuchthaus, anschließend ins KZ Buchenwald eingewiesen. Die fünf Monate seiner Haft überlebte Wiechert nur mithilfe der Mithäftlinge (Barbian 1995, S. 398–409, 2010b, S. 405f.; Wiechert 2008). Anschließend machte Goebbels ihm persönlich klar, dass er »bei dem geringsten Anlass« wieder ins Lager käme, dann aber »auf Lebenszeit und mit dem Ziel der physischen Vernichtung« (ebd., S. 135f.; vgl. Longerich 2010, S. 405). Jan-Pieter Barbian bilanziert:

»[S]obald offene Kritik am nationalsozialistischen Staat oder der NSDAP geübt wurde, scheute der Propagandaminister auch vor physischer Gewaltandrohung nicht zurück« (Barbian 1995, S. 398);

sobald »ein Schriftsteller die ihm vom Regime gesetzten politischen Grenzen überschritt, setzte er nicht nur seine Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer und damit seine berufliche Existenz, sondern im Extremfall auch sein Leben aufs Spiel« (Barbian 2008, S. 20).

Aber inwieweit betraf das die Psychoanalyse? Welche psychoanalytischen Autoren übten – vor und nach 1933 – in ihren Publikationen solch eindeutige Kritik?

[…]

Es waren offenbar nur relativ wenige, die schon vor 1933 die von der NSDAP ausgehende Bedrohung erkannten und öffentlich benannten (Koebner 1982). Die deutschen Kommunisten, soweit sie Stalins Linie folgten, sahen in der »sozialfaschistischen« SPD ihren Hauptgegner (Flechtheim 1976, S. 263–288; Hoppe 2007, S. 157–173, 291–328). Sie erwarteten schlimmstenfalls eine kurzlebige Hitler-Regierung, der umso schneller der endgültige Zerfall des Kapitalismus in Deutschland folgen würde. Daran glaubte auch die SPD: »Nach Hitler kommen wir« (Abosch 1982, S. 26ff.). Im Gegensatz zur kommunistischen Führung änderte der SPD-Vorstand jedoch nach dem NSDAP-Wahlerfolg vom September 1930 seinen Kurs (Zimmermann 2007, S. 9). Der nun oft mittels Karikaturen vermittelte Inhalt antifaschistischer SPD-Broschüren reduzierte sich allerdings

»auf wenige handfeste Kernaussagen:
– der Nationalsozialismus wird die Arbeiterbewegung blutig unterdrücken […]
– allen Gruppen der arbeitenden Bevölkerung wird es unter den Nationalsozialisten schlechter gehen
– Profiteure eines künftigen nationalsozialistischen Regimes werden die herrschenden ökonomischen Oberschichten sein
– Hitler bedeutet Krieg« (ebd., S. 13f.).

In der Weltbühne (Auflage ca. 10.000 Exemplare – Wieland 1982, S. 81) konzentrierten sich Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky vor allem darauf, die Nazis lächerlich zu machen. Hitler sei eine »feige, verweichlichte Pyjamaexistenz«, schrieb Ossietzky zum Beispiel 1930 und sah in Reichskanzler Heinrich Brüning die weit größere Gefahr (Radkau 1982, S. 57, 67f.). Aber einige Intellektuelle nahmen sehr wohl vorweg, dass NS-Herrschaft Terror, Mord und Krieg bedeuten würde, und machten diese Befürchtung öffentlich. So schrieb Ernst Toller am 7.10.1930 in der Weltbühne, eine NS-Regierung werde mit blutigem Terror die »Linke« verfolgen; er prophezeite eine »Periode des europäischen Faschismus«, »deren Ablösung nur im Gefolge grauenvoller, blutiger Wirren und Kriege zu erwarten ist« (ebd., S. 72). Ebenfalls in der Weltbühne teilte Erich Mühsam Ende 1931 mit, bei einer Machtübernahme der Nationalsozialisten erwarte er »standrechtliche Erschießungen, Pogrome, Plünderungen, Massenverhaftungen« (ebd.).

In Das Andere Deutschland – mit 40.000 Exemplaren »auflagenstärkste[s] Blatt des deutschen Pazifismus« – war ab September 1930 über die Nationalsozialisten zu lesen, diese wollten »Freiheit des Rüstens […]. Raum und Weltgeltung für ein deutsches Hundertmillionen-Volk […]. Zertrümmerung der Demokratie«, »Erdrosselung der freien Gewerkschaften und Umwandlung in halbmilitarisierte faschistische Gebilde«; sie betrieben »nationalistische Aufrüstungs- und Intrigenpolitik mit dem Ziel der Sprengung des Völkerbundes und des Revanchekrieges«, seien »fanatische Entfacher des neuen Weltkrieges«, der »Deutschlands Vernichtung« und »die völlige Vernichtung der europäischen Kultur« bringen werde (Wieland 1982, S. 91–94).

Die katholische, sozialistische und republikanische Impulse aufnehmende Zeitschrift Deutsche Republik (Auflage ca. 20.000) erkannte schon Anfang 1929, dass der internationale Faschismus »zusehends zur weltpolitischen Größe« und der »Aufmarsch der deutschen ›Faszisten‹« zur elementaren Bedrohung werde. Die Deutsche Republik betrachtete sich selbst ab September 1931 als »antifaschistische[s] Kampfblatt« und warnte 1932, der Faschismus werde von »Deutschland nur Kasernen, Zuchthäuser und Gräber übrig lassen« (Prümm 1982, S. 108, S. 133).

Bereits im Jahresband 1929/30 findet sich sogar etwas, das sich als Prophetie herausstellen sollte, Beitragsautor Hugo Hugin aber so absurd vorkam, dass er es als Satire formulierte:

»Man kann überhaupt alle Juden totschlagen, 600.000 Mann, Frau und Kind, da wir jedes Jahr 400.000 Mäuler mehr zu füttern haben, ist aus dem natürlichen Bevölkerungswachstum die Lücke in 1,5 Jahren wieder geschlossen« (ebd., S. 136).

Ein Zitat aus der Deutschen Republik vom Juli 1931 (ebd., S. 130) belegt zudem, dass auch andere auf Fragen stießen, wie ihnen Reich dann in der Massenpsychologie des Faschismus nachgehen sollte. Ernst Fischer machte nämlich »den dringlichen Vorschlag, ›materialistische Geschichtsbetrachtung und Psychoanalyse‹ «, »Freuds Unbehagen in der Kultur und den ›ungeheuerlichen Erfolg des Nationalsozialismus‹« zusammenzudenken:

»Nicht das Unbehagen in der Kultur, sondern das Unbehagen in der kapitalistischen Gesellschaft darzustellen und zu zeigen, wie soziale Krankheiten (etwa der Nationalsozialismus) nicht nur aus rationalen Voraussetzungen (im Fall Nationalsozialismus: die Krise des Kapitalismus, die Proletarisierung des Kleinbürgertums, die Last der [Versailler] Friedensverträge usw.) sondern auch aus irrationalen Elementen (die Sehnsucht einer entnervten Generation nach einem starken Mann, nach dem Führer, dem Diktator, ihre sexuelle Abwegigkeit, ihre Todeslüsternheit usw.) abzuleiten sind. Ferner zu zeigen, wie gesellschaftliche Konstellationen zu seelischen Ereignissen werden, wie es etwa dem Kapitalismus gelingt, Hunderttausende für sich zu gewinnen, die weit mehr an seinem Sturz als an seinem Bestand interessiert sind, welche Instinkte es sind, die der Demagoge für sich wirksam macht, wie es zu Massenbildungen und Massenerhebungen kommt.

Schließlich zu zeigen, welche Bedeutung das Symbol hat (Fahne, Uniform, Abzeichen, Schlagwort), welche Kräfte durch völlig irrationale, durch magische Mittel entfesselt werden. Das alles wäre eine Aufgabe, ebenso verlockend wie ungelöst.«

Zu Teilen hat Reich diese Aufgabe erfüllt, zu Teilen auch übererfüllt. Unter anderem indem er sich zusätzlich zu zeigen bemühte, wie im 20. Jahrhundert seelische Konstellationen zu gesellschaftlichen Ereignissen wurden.

Vielleicht machten sich ja auch Psychoanalytiker, speziell jene, die emigrierten, über die Zukunft ähnlich sorgenvolle Gedanken wie die in den genannten Zeitschriften mitgeteilten. Öffentlich artikuliert haben sie diese jedoch offenbar so gut wie gar nicht, auch nicht in ihren Publikationen.

Im August 1932 nahm Ernst Simmel in seinen Artikel Nationalsozialismus und Volksgesundheit einige psychoanalytisch fundierte Bewertungen Hitlers und seiner Bewegung vor:

»Hitler […] macht sich anheischig, die Menge von der Ausweglosigkeit ihres Denkens zu befreien durch das einfache Mittel, daß er jeden einzelnen vom individuellen Nachdenken über seine Lage dispensiert. Er appelliert an das Gefühl und spekuliert dabei gleichzeitig auf die denkmüde Verantwortungsscheu des Volkes […]. Man will in Hitler gar nicht den politischen Führer, sondern einen Messias sehen […].

Die Hitler-Bewegung ist nun, psychologisch gesehen, eine Wiederherstellung des Kriegszustandes für ihre Anhänger. Es herrscht wieder absolute Befehlsgewalt des einen unverantwortlichen Führers, der allen anderen die Schuldgefühle und damit ihre Verantwortung abnimmt. Der Feind steht wieder außerhalb der Gemeinschaft.

Diesmal ist es der Jude, der Marxist, der Andersdenkende überhaupt« (Simmel 1993a, S. 154, 161).

Als Erklärung dafür, »daß in eine solche Bewegung so viele Menschen hineingeraten, die aufgrund ihrer Klassenlage und ihrer Mentalität eigentlich« auf die »Seite […] des Proletariats gehören«, schlägt er lediglich vor, »daß der Hitlerismus […] ihre klare Einsicht umnebelt« und das »bewußte Ich […] gelähmt und überrannt« wird »von unkontrollierbaren Strebungen unbewußter Instinkte«(ebd., S. 161f.). Was sie dafür bereit machte, sich »umnebeln« zu lassen, fragte er nicht.

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Der sozialistische Arzt. In psychoanalytischen Publikationen habe ich nur zwei inhaltlich identische Stellen gefunden, die belegen, dass der Nationalsozialismus noch vor seiner »Machtergreifung« thematisiert wurde – und zwar von Wilhelm Reich.

Seit 1931 arbeitete er an dem Buch, das später Massenpsychologie des Faschismus heißen sollte. Thesen daraus stellte er im Juni 1932 in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft zur Diskussion. Die Zusammenfassung dieses Vortrags wurde in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. 1933, S. 559f. sowie in englischer

Übersetzung im Bulletin of the International Psychoanalytic Association, 13/1932 veröffentlicht. Diese kurze, von Sprachschludereien geprägte Meldung hat, wie sich noch zeigen wird, größere Bedeutung innerhalb der Geschichte analytischer Veröffentlichungen als man zunächst annehmen sollte. Sie lautete:

»28. Juni 1932, Vortrag Dr. Reich: Massenpsychologische Probleme innerhalb der Wirtschaftskrise.

– ›An der [sic] Hand der nationalsozialistischen Bewegung wird gezeigt, dass die familiäre Situation des Kleinbürgertums seine Radikalisierung im Sinne der politischen Reaktion statt in dem der Revolution abbiegt [sic]. Der Nationalsozialismus erfüllt die Rebellion der Mittelschichten mit reaktionären Inhalten, zu deren Annahme die frühere soziale und familiäre Lage besonders disponierte. Die Analyse des effektiven [affektiven? – A.P.] Gehaltes der Rassentheorie ergibt, dass nordisch-rassig gleich rein, d.h. asexuell setzt [sic], fremdrassig dagegen das Sinnliche, niedrige Tierische meint.‹ – Diskussion: Staub, Schultz-Hencke, Fenichel, Simmel, Bernfeld.

Dr. Felix Boehm, Schriftführer.«

Um neben Reich weitere psychoanalytische Autoren ausfindig zu machen, die sich mit dem Faschismus auseinandersetzten, bin ich die fünf zwischen 1956 und 1960 erschienenen Bände des Grinstein-Index sowie deren bis 1965 erschienene Ergänzungs- und Nachtragsbände durchgegangen. Dieses Verzeichnis hat den (allerdings nicht vollständig eingelösten) Anspruch, komplett zu erfassen, was Psychoanalytiker zwischen 1900 und 1952 innerhalb und außerhalb von Fachblättern publiziert haben, in allen Sprachen und zu allen – auch nichtpsychologischen – Themen. Ich habe mir dort sämtliche Verweise zu den Stichwörtern »Fascism«, »fascist«, »National socialism«, »Nazi(s)«, »Nazi Germany«, »Hitler«, »Hitlerism« angesehen, darüber hinaus alles zu den Stichwörtern »Germany« und »German«, wo ich eine Thematisierung des NS-Systems für wahrscheinlich hielt. Allerdings war schon die Zahl der hierfür angegebenen Treffer mit knapp 40 gegenüber den insgesamt mehr als 50.000 aufgelisteten Arbeiten, von denen mindestens die Hälfte nach 1930 entstanden sein dürfte, verschwindend gering.

Ergebnis der Suche: Abgesehen von einem Hinweis auf Reichs Massenpsychologie stammte der früheste von Grinstein aufgeführte Artikel aus dem April 1939. Es ist Gregory Zilboorgs A psychiatrist looks at Hitler, erschienen in der US-Zeitschrift The New Republic. Hierbei handelt es sich allerdings um einen ausgesprochen oberflächlichen »psychopathologischen Befund«: Auf zwei Druckseiten wird aufgrund teils eher fragwürdiger Quellen zum Beispiel behauptet, Hitler sei ein einsamer Mann, auf impulsive Weise aggressiv, fühle mehr als er denke. Auch die wenigen psychoanalytisch anmutenden Sätze sind inhaltlich wenig ergiebig: »Wir wissen nichts über Hitlers Mutter, aber es gibt genügend Belege, die uns berechtigen anzunehmen, dass Hitler an einer schrecklichen unbewussten Wut ihr gegenüber leidet […], er mag Süßigkeiten aber hasst Fleisch« (Übers. A.P.) – was man ja oft bei Neurotikern finde, deren Mutterprobleme unbearbeitet seien. Kurz: Dieser Artikel kann nicht als ernsthafte Beschäftigung eines Analytikers mit dem Phänomen Hitler gelten.

Erste Erwähnungen des Faschismus in psychoanalytischen Publikationen erfolgten laut Grinstein-Index erst 1940. Das legt also nahe, dass bis Ende 1939 – mit Ausnahme von diversen Schriften Reichs, Simmels 1932er Artikel und Zilboorgs Auslassungen – keine offene psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem Thema Faschismus publiziert wurde.

Doch mit diesem Ergebnis wollte ich es nicht bewenden lassen. Ein derartig geringes öffentliches Engagement der damaligen Analytiker erschien mir nicht vorstellbar. Ich recherchierte also weiter, befragte auch andere Kollegen, die die Psychoanalysegeschichte erforschen.

Zunächst las ich sämtliche Überschriften der zwischen 1932 und 1939 verfassten Beiträge der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, der Imago (beide erschienen bis 1937 sowie 1939–1941), der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik (erschienen bis 1937), der Psychoanalytischen Bewegung (erschienen bis Dezember 1933), des International Journal of Psychoanalysis, des Psychoanalytic Quarterly, des The Psychoanalytic Review sowie der American Imago (erschienen ab 1939): Das Stichwort »Faschismus« taucht dort nicht auf. Wenn man sich die Titel der in die Tausende gehenden psychoanalytischen Zeitschriftenartikel der Jahre 1932 bis 1939 ansieht, ist es schwer fassbar, dass Themen wie »Der Neger und seine Kirche«, »Heilige und profane Katzen« oder »Die Kreutzer-Sonate: Ein Problem latenter Homosexualität und Kastration« (Übers. A.P.) (Psychoanalytic Review, 1934, 1935, 1938) vielfach Platz eingeräumt wurde, während es die politische Realität Europas, die viele der Schreibenden und deren Angehörige existenziell bedroht hatte bzw. noch immer bedrohte, niemals bis in die Titelzeilen schaffte.

Dann sichtete ich die Publikationslisten von Simmel, Fromm und Fenichel – also derjenigen, die am ehesten für politische Stellungnahmen infrage kamen. Bei Simmel fand ich nur den bereits erwähnten Artikel von 1932 (Simmel 1993a, S. 229–238). Ludger M. Hermanns machte mich allerdings darauf aufmerksam, dass ein Beitrag Simmels für eine 1937er Ausgabe des Bulletins der US-amerikanischen Menninger-Klinik einen Passus beinhaltet, in dem auch die Bücherverbrennung erwähnt wird:

»Obwohl die gegenwärtige Regierungspartei in Deutschland Freuds Werke öffentlich verbrannt hat, bleibt die seinerzeitige historische Mission448 davon unberührt. Freud persönlich kann sich nicht dadurch beleidigt fühlen, denn niemand kann besser als er das Wirken des Todestriebs verstehen, gerade in der Kollektivseele, wie sie sich z.B. in der praktischen Politik einer Nation manifestiert« (ebd., S. 175).

In den zahlreichen Rezensionen von Otto Fenichel, der über internationale analytische Publikationen bestens informiert war und wohl bevorzugt jene besprach, die sich mit politischen Themen befassten, deutet vor 1940 nichts auf eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus hin (Fenichel 1998, Bd. 2, S. 2006–2026).

In Fenichels Rundbriefen bin ich jedoch auf einen Hinweis gestoßen (ebd., Bd. 1., S. 567, 568). Dort wird ein Artikel von Heinrich Löwenfeld aufgeführt, der unter dem Pseudonym »Jiri Benda« über Die Psychologie des Faschismus schrieb. Dieser Artikel beruhte auf Teilen eines 1935 in Prag gehaltenen Urania-Vortrags und wurde 1937 in der auf historische Fragen ausgerichteten tschechischen Zeitschrift Geschichte und Gegenwart gedruckt. Löwenfeld nutzte hier Gedanken aus Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse und Reichs Massenpsychologie des Faschismus. An seiner negativen Wertung des Faschismus, speziell dessen deutscher Spielart, ließ er keinen Zweifel. In seiner Nachrede zu diesem Artikel (Lowenfeld 1977, S. 578) entdeckte ich, dass Löwenfeld bereits 1933 für die in Prag erscheinende Neue Weltbühne den Beitrag Geburt einer neuen Religion? verfasst hatte. Unter dem Pseudonym »Heinrich Lind« schreibend, konstatierte er dort:

»Erst das Nebeneinander von bestialischer Triebentfesselung und brünstigem Schauern religiöser Führer- und Staatsvergötterung, von knechtseliger Selbstvernichtung und privater Opferbereitschaft ergibt die eigentümliche Luft, in der Deutschland lebt, ergibt eine geistige Höhlenexistenz, vor der ein Außenstehender fassungslos ist« (zitiert in Mueller 2000, S. 132).

Löwenfeld schloss hier mit einer Warnung vor »der deutschen Gefahr für die Welt«. […] Allerdings wurde er erst 1937 außerordentliches Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (ebd., S. 133), sodass bestenfalls sein 1937 erschienener Beitrag als der eines Mitglieds einer analytischen Organisation gelten kann.

Beim Blick in Fromms Rezensionen (Fromm 1989, Bd. 10, S. 381–391) wurde ich nicht fündig, was die ausdrückliche Thematisierung des Faschismus betraf. Der Psychoanalytiker und Fromm-Biograf Rainer Funk machte mich jedoch auf eine andere Stelle aufmerksam, an der man Derartiges kaum vermuten würde und die auch Grinstein offenbar nicht gefunden hat: In The Social Philosophy of »Will Therapy« – 1939 veröffentlicht in dem in Washington erscheinenden Fachjournal Psychiatry, S. 229–237 – setzte sich Fromm mit Auffassungen Otto Ranks auseinander, die ihm Parallelen zur faschistischen Ideologie aufzuweisen schienen (ohne dass er deshalb Rank für einen Faschisten hielt). Hier benannte Fromm als Charakteristika des Faschismus vor allem den »Relativismus« (»daß es keine Wahrheit gibt und daß das Suchen nach Wahrheit vergeblich oder sogar schädlich ist«) sowie die »autoritäre Einstellung«:

»Die faschistische Philosophie unterteilt die Menschen in zwei Gruppen, in die Mächtigen, die töten müssen, und in die Machtlosen, die getötet werden müssen.

Es ist eine Hierarchie, in der jeder jemanden über sich hat, dem er sich unterordnen muß, und jemanden unter sich, über den er herrscht. Selbst der Führer – als höchstes Wesen – ist dem Schicksal, der Vorsehung oder Gott unterworfen« (Fromm 1989, Bd. 8, S. 106f.).

Zum »Führerprinzip der Faschisten« schrieb er: »Als Individuum bist du nichts […], wenn du dich aber dem Führer völlig unterwirfst, dann kannst du […] an seinem Glanz und seiner Stärke teilhaben« (ebd., S. 108).

Regine Lockot erinnerte mich zudem an eine öffentliche Kontroverse von 1934. Hier stand auf der einen Seite der ehemalige »Kronprinz« Sigmund Freuds und nunmehrige analytische Psychologe, der Schweizer C.G. Jung. Seit 1933 gab er das in Deutschland erscheinende Zentralblatt für Psychotherapie heraus. Sein Kontrahent war der 1930 DPG-Mitglied gewordene Schweizer Psychoanalytiker Gustav Bally, der Deutschland 1933 wegen »Staatsfeindlichkeit« hatte verlassen müssen (Lockot 2002, S. 97). Bally reagierte am 27.4.1934 in der Neuen Zürcher Zeitung empört auf antisemitische Äußerungen Jungs im Zentralblatt für Psychotherapie und hielt Jung dabei unter anderem entgegen:

»Wer sich mit der Rassenfrage als Herausgeber einer gleichgeschalteten Zeitschrift vorstellt, muß wissen, daß sich seine Forderung vor dem Hintergrund organisierter Leidenschaft erhebt, der ihr schon die Deutung geben wird, die in seinen Worten implizit enthalten ist« (zitiert ebd.).

Auf diesen Artikel Ballys weist der Grinstein-Index unter den von mir überprüften Stichworten ebenso wenig hin wie auf die erwähnten Beiträge von Löwenfeld und Fromm. Vielleicht war also doch in der Fülle der in diesen acht Jahren veröffentlichten Artikel mehr eindeutig Faschismuskritisches enthalten, vielleicht auch im Text versteckt, als die jeweiligen Überschriften vermuten lassen?

In den deutschsprachigen Publikationen habe ich die, allerdings nicht in jedem Fall vorliegenden, Stichwortverzeichnisse nach »Faschismus«, »faschistisch«, »Nationalsozialismus«, »nationalsozialistisch« und »Hitler« durchsucht.

Ergebnis: keine entsprechenden Einträge. Bei gänzlichem Verzicht auf die Verwendung dieser Wörter kann das Thema jedoch nicht explizit abgehandelt worden sein. Zusätzlich habe ich mir angesehen, was jeweils in Bezug zum Stichwort »Juden« vermerkt war. Auch hier: kein Zusammenhang mit Faschismus.

Schließlich habe ich mir jeden Artikel gründlicher vorgenommen, bei dem ich es für möglich hielt, dass dieses Thema berührt wurde. Doch auch hier wieder: keine wirklichen Treffer.

[…]

Für die erwähnten sieben englischsprachigen psychoanalytischen Zeitschriften bzw. Bulletins besteht eine weitere, sehr genaue Möglichkeit der Recherche. Die Webseite www.pep-web.org enthält deren komplette Texte. Hier lässt sich auch nach einzelnen Wörtern suchen.

Das Ergebnis: Ich habe einen einzigen offenen Protest gegen das Vorgehen der deutschen Machthaber gefunden. Dieser wurde ausgelöst durch die Bedrohung Freuds nach der Besetzung Österreichs. Das American Journal of Psychiatry vom März 1938 hatte dazu eine kurze Erklärung veröffentlicht, die in Ausgabe 7/1938 des Psychoanalytic Quarterly kommentarlos nachgedruckt wurde. Dort heißt es zu Beginn:

»Seit langem schon haben wir die Demütigungen und Misshandlungen schweigend mit angesehen, denen zahlreiche Männer, Frauen und ihre Familien – Freunde und Kollegen, bedeutende Vertreter der großen Kultur, die Deutschland einst hatte – ausgesetzt waren. Wir haben geschwiegen, weil wir sehr wohl wussten, dass es denen, für die wir uns einsetzen würden, nur schaden würde, wenn wir unsere Gefühle der Verachtung und unseren Protest lautstark vorbringen würden. Nicht, dass das Eindringen in eine private Wohnung etwas Einzigartiges wäre; es ist nur allzu gewöhnlich. Aber es schmerzt uns in diesem Fall ganz besonders, weil es Professor Sigmund Freud war, in dessen Wohnung man eindrang, sie verwüstete und ihm den Pass abnahm.«

Gegen diese Behandlung Freuds – und nur dagegen – wurde in den letzten Zeilen »im Namen von zweitausend amerikanischen Psychiatern«, unter denen sich sicherlich viele Psychoanalytiker befanden, Protest eingelegt. Die Behauptung, dass es verfolgten Juden grundsätzlich geschadet hätte, wenn gegen ihre Verfolgung offen protestiert worden wäre, kann ich allerdings bestenfalls für eine Rationalisierung halten.

Kommentarlos (»Es wird von Interesse sein, daß …«) war auch den Leserinnen und Lesern des Psychoanalytic Quarterly, Heft 3/1934 mitgeteilt worden, dass der »ehemalige Psychoanalytiker« C.G. Jung neuer Herausgeber des deutschen Zentralblattes für Psychotherapie sei, das nun staatlich kontrolliert werde und laut Jung in Zukunft zwischen »jüdischer« und »arischer« Psychologie unterscheiden werde. Es folgte wörtlich ein Zitat von »Prof. Dr. jur. Dr. med. M.H. Göring«, wonach dieser von allen Psychotherapeuten verlange, Hitlers Mein Kampf »mit allem wissenschaftlichen Ernst« durchzuarbeiten, um mitzuarbeiten »an dem Werke des Volkskanzlers, das deutsche Volk zu einer heroischen, opferwilligen Gesinnung zu erziehen«.

Das Wort »Faschismus« wurde in den sieben englischsprachigen Publikationen vor 1944 nur einmal verwendet, und zwar in einer Rezension H. Mayors (offenbar kein Psychoanalytiker, jedenfalls weder in amerikanischen noch englischen Analytikervereinigungen registriert) von Reichs Massenpsychologie (im International Journal of Psychoanalysis 15/1934). Dies ist gleichzeitig offenbar die einzige Rezension der 1933er Massenpsychologie in einer psychoanalytischen Zeitschrift. Mayor setzte sich in diesem äußerst knappen Text (sechs Sätze plus ein Reich-Zitat) allerdings nicht mit dem Faschismus auseinander, sondern mit Reich. Diesem unterstellte er, Entstehung und Charakteristik faschistischer und nationalistischer Ideologie weniger unter analytischen, sondern eher unter marxistischen Gesichtspunkten zu untersuchen, zwar »analytischen Appetit« zu wecken, diesen jedoch nicht zu befriedigen, sich allerdings zu Recht gegen »Vulgärmarxismus« zu wenden. Mayor schloss daher: »Kommunisten täten gut daran, dieses Buch zu lesen«.

Das Wort »fascism« wurde vor 1940 nur einmal, »fascist« an fünf Stellen beiläufig erwähnt, »nazi« zweimal, »nazism« gar nicht. »Nationalsozialismus« tauchte überhaupt nicht auf, »National Socialism« nur in der erwähnten Übersetzung der Thesen von Reichs Vortrag vom 28.6.1932. »National socialist« fand 1937 einmal beiläufig Verwendung sowie einmal in einer weiteren Rezension einer Reich-Schrift[…].

Vom »Third Reich« war einmal die Rede – auch hier ohne weitere Erörterung. »Concentration Camp«, »pogrom«: Fehlanzeige.

Vor 1940 wurde »Hitler« elfmal benannt, ohne jedoch inhaltlich bedeutsame Aussagen daran zu knüpfen. »Hitlerism« tauchte nicht auf, ebenso wenig »Goebbels«, »[Hermann] Göring«, »Himmler«, »[Alfred] Rosenberg«, »Hess«, »Ley«, »Streicher«, »Heydrich«, »Gestapo«, »SS«, »SA« (bzw. »storm troops«) oder »NSDAP«. Auch an den fünf Stellen, an denen Antisemitismus erwähnt wurde, fand sich kein oder zumindest kein klarer Bezug zum Faschismus. Die zusätzliche Kontrolle der knapp 100 Stellen, an denen zwischen 1932 und 1939 »Germany« benannt wurde, erbrachte ebenfalls keine anderen Resultate. […]

Dass eine genauere Reflexion durchweg unterblieb, ist umso verblüffender, als ja viele Artikelthemen förmlich danach schrien, diese Realität einzubeziehen – wenn zum Beispiel massenpsychologische Aspekte, Kriegsneurosen, gegenwärtige Lage und Zukunft der Psychoanalyse oder Sprachprobleme in der Emigration thematisiert wurden. Aber es unterblieb.

Prädestiniert für eine Thematisierung des Faschismus war auch die von Max Horkheimer herausgegebene Zeitschrift für Sozialforschung, die mehrfach faschismuskritische Beiträge publizierte (siehe Horkheimer 1980, Bd. 1, S. 63, Bd. 9, Gesamtregister). Tatsächlich veröffentlichten hier die Psychoanalytiker G. Bally, M. Grotjahn, O. Fenichel, E. Fromm, F. Fromm-Reichmann, K. Landauer, B. Lantos und W. Reich. Aber der Faschismus kommt auch in deren Beiträgen so gut wie nicht vor. Bis auf zwei Ausnahmen: Karl Landauer rezensierte 1934, im Wesentlichen zustimmend, Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus sowie dessen Charakteranalyse (Horkheimer 1980, Bd. 3, S. 106f.), und Erich Fromm wies kurz darauf hin, dass sich Reuben Osborn zu »faschistischer Demagogie« äußerte (ebd., Bd. 6, S. 433).

Wäre es nach Fromm gegangen, hätte er allerdings auch in dieser Zeitschrift umfassender Stellung bezogen. Rainer Funk verschaffte mir Einblick in einen Brief Fromms vom 20.8.1934 an Horkheimer, dem Fromm eine Rezension des Buches von Conrad Aiken, Hitler over Europe, für die Zeitschrift für Sozialforschung beigelegt hatte. In dieser Rezension schrieb Fromm:

»Das Buch […] versteht den Nazismus eindeutig als Konsequenz der ökonomischen Kräfte und der Klassendynamik des deutschen Imperialismus. […] Es hat auch hinreichend Phantasie, um die außenpolitischen Pläne des Hitler-Imperialismus und die militärischen Möglichkeiten seiner Verwirklichung zu sehen. Wenn es sich von jeder Unterschätzung des Hitler-Faschismus freihält, so sieht es andererseits völlig klar die rein imperialistische, auf völlige Versklavung der Arbeiterschaft ausgehende, ganz im Dienst des Großkapitals stehende Funktion des Regimes« (Fromm 2006).

Zu einer Veröffentlichung dieser Buchbesprechung, in der Fromm zwar eher marxistisch als psychoanalytisch argumentierte, aber doch die Bedrohlichkeit des Dritten Reiches benannte, kam es nicht.

[…]

Zusammengefasst heißt das: Abgesehen von den erwähnten Publikationen Reichs, Simmels, Löwenfelds, Fromms, Ballys, […] und Zilboorgs, dem Protest der amerikanischen Psychiater gegen die Behandlung Freuds […] konnte ich unter mehreren Tausend Artikeln, Rezensionen, Mitteilungen, Büchern und sonstigen Veröffentlichungen von Psychoanalytikern in den Jahren von 1932 bis Ende 1939 keinerlei offen gegen Faschismus oder Nationalsozialismus gerichtete Beiträge entdecken. Darüber hinaus verwiesen Landauer und der Nicht-Analytiker Mayor in ihren Rezensionen der Massenpsychologie auf Reichs Faschismuskritik. Ausdrückliche Versuche, das Phänomen Faschismus einem psychoanalytischen Verständnis zuzuführen, wurden in diesem Zeitraum offenbar nur von Reich, Fromm und Löwenfeld veröffentlicht […].

Hier ist nun auch der Platz, die Bedeutung jener Meldung über Wilhelm Reichs Vortrag vom 28.6.1932 zu Massenpsychologischen Problemen innerhalb der Wirtschaftskrise zu würdigen.

Die Beiträge von Simmel, Fromm, Löwenfeld, Zilboorg und Bally wurden allesamt in nichtpsychoanalytischen Blättern veröffentlicht. Ich nehme an, dass in solchen Publikationen, zumal unter einem Pseudonym, noch mehr Faschismuskritik von Psychoanalytikern veröffentlicht worden ist, die Grinstein nicht identifizieren konnte. Darüber hinaus sind auch die Querverweise im Grinstein-Index nicht immer exakt.

Was die psychoanalytischen Zeitschriften betrifft, halte ich es hingegen eher für unwahrscheinlich, dass sich in diesem Zeitraum und zu dieser Thematik zusätzliche Artikel finden lassen, in denen der Faschismus offen, geschweige denn ausführlich thematisiert wurde.

Das heißt: Ungeachtet ihrer Oberflächlichkeit und Kürze enthielt die 1932er Meldung über den Reich-Vortrag das Tiefgründigste, was in psychoanalytischen Publikationen acht Jahre lang – von 1932 bis Ende 1939 – an Faschismusanalyse mitgeteilt wurde.

Eine Tendenz zu offenerer oder wenigstens ausführlicherer Auseinandersetzung mit dem deutschen Regime vonseiten der Analytiker ist erst ab 1940 zu verzeichnen. Zu einer »Schwemme« psychoanalytischer Faschismuskritik kam es allerdings nicht, politisch neutrale Themen dominierten weiter in den psychoanalytischen Zeitschriften.

Um nur einen der zahlreichen Artikel zu nennen, deren Titel in besonders starkem Kontrast zum aktuellen Weltgeschehen standen: 1940 veröffentlichte A.N. Foxe im Psychoanalytic Review einen Beitrag über die Terrorisierung der Libido und Schneewittchen (Orig.: Terrorization of the Libido and Snow White). […]

Insgesamt habe ich im Grinstein-Index nur knapp 20 Verweise auf Artikel und Bücher entdecken können, die sich zwischen 1940 und Ende 1946 ausdrücklich mit dem Thema Faschismus befassten. Oft wurden dabei aber keine eigene Wertung des Faschismus mitgeteilt oder nur Publikationen anderer, auch nichtanalytischer Autoren zu dieser Thematik rezensiert.

[…]

1941 bezog Erich Fromm als erster nach Reich (und Löwenfeld) ausführlicher öffentlich Stellung. Er widmete ein ganzes Kapitel seines Buches Escape from Freedom (dt.: Die Furcht vor der Freiheit) der »Psychologie des Nazismus« (Fromm 1989a, S. 338–357). »Der Nazismus ist«, so Fromm dort,

»ein psychologisches Problem, aber man muß die psychologischen Faktoren aus den sozioökonomischen Faktoren verstehen; der Nazismus ist ein ökonomisches und politisches Problem, aber daß er ein ganzes Volk erfaßt hat, ist mit psychologischen Gründen zu erklären.«

[…]

Auch nach 1945 kam es zu keiner systematischen Aufarbeitung der politischen Geschehnisse der zurückliegenden zwölf Jahre durch die Psychoanalytiker.

[…]

Im Juni 1944 fand auf Initiative von Ernst Simmel in San Francisco ein Symposium über »Massenpsychologie und Antisemitismus« statt; »vielleicht«, so schreibt Russel Jacoby, »die letzte große Versammlung der politisch orientierten Freudianer« (Jacoby 1985, S. 86). Neben Simmel und Fenichel sprachen unter anderem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Die meisten Vorträge (ebd., S. 86, Fußnote 9), die allerdings nicht den Anspruch hatten, sich umfassend mit dem NS-System auseinanderzusetzen, wurden 1946 in Buchform veröffentlicht (auf Deutsch erst Jahrzehnte später – Simmel 1993b; vgl. dazu auch Richter 2003, S. 54–64). Auch hier unterblieb jegliche Bezugnahme auf Reich oder Reichs Schriften. Diese innerhalb der Analyse nun immer üblicher werdende Ignoranz ist umso befremdlicher, als – obwohl in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch diverse Arbeiten von Psychoanalytikern zu Aspekten des Nationalsozialismus entstanden – meines Wissens Reichs Massenpsychologie bis heute der mit Abstand ausführlichste und neben diesbezüglichen Ausarbeitungen Erich Fromms (insbesondere in Fromm 1989a, S. 338–356, 1989e, S. 271–294, 312–325, 335–393) auch der einzige psychoanalytische Versuch ist, eine spezifische und umfassende Theorie der sozialpsychologischen Voraussetzungen des Faschismus zu formulieren.

 


 

Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft?
Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus

unpol_wissenschaft
Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse
Verlag: Psychosozial-Verlag
635 Seiten, Gebunden, 148 x 210 mm
Erschienen im August 2013
Mit einem Vorwort von Helmut Dahmer und einem ausführlichen Dokumentenanhang
ISBN-13: 978-3-8379-2097-0, Bestell-Nr.: 2097