Ausgebürgerte Psychoanalytiker

Die Psychoanalyse wurde im Nationalsozialismus weit weniger unterdrückt, als üblicherweise, selbst von Experten, angenommen wird. Das – und die Sonderstellung Wilhelm Reichs – belegen auch die hier erstmal ausgewerteten Akten des damals für Ausbürgerungen zuständigen Auswärtigen Amtes.

von Andreas Peglau [1]

Von 1933 bis 1945 verließen etwa 278.500 Juden bzw. als jüdisch geltende Personen Deutschland und das „angeschlossene“ Österreich sowie „ungefähr 40.000 Menschen, die aufgrund ihrer politischen Ansichten, religiösen Überzeugungen, sexuellen Orientierung oder künstlerischen Tätigkeit als ‚Feinde‘ […] galten“ (Unger 2009, S. 9). Dieser Exodus war von den NS-Machthabern einerseits gewünscht, führte andererseits zu unliebsamen Konsequenzen. Denn zahlreiche Exilanten opponierten nun vom Ausland her gegen das Regime (ebd., S. 89 f.):

[Um] der internationalen Öffentlichkeit ein besseres Bild von der deutschen Situation zu vermitteln und sie um Unterstützung zu bitten, verfassten Exilanten Zeitungsartikel und Flugschriften, veranstalteten Informationsveranstaltungen und Vorlesungsreihen und organisierten Ausstellungen […]. Neben der Gründung von politischen Gruppen spielte die Etablierung von Zeitschriften und Zeitungen [sowie das Verfassen von Romanen, Erzählungen, Gedichten, Drehbüchern usw.] eine wichtige Rolle in der politischen, sozialen und kulturpolitischen Arbeit der Exilanten.

An der Oppositionsarbeit beteiligten sich Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler wie Hannah Ahrendt, Bertolt Brecht, Hans Eisler, Ernst Fraenkel, Oskar Maria Graf, Alfred Kantorowicz, Walter Janka, Fritz Lang, Erika, Klaus, Heinrich und Thomas Mann, Anna Seghers, Franz Werfel, Stefan Zweig (ebd., S. 28 f., 60 f., 91-107).

Um solche Aktivitäten einzudämmen, wurde § 2 des am 14. 7. 1933 verabschiedeten „Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit“ eingesetzt. [2] Auf dessen Grundlage konnte „Verhalten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk verstößt“ zur Ausbürgerung inklusive „Nebenstrafen“ führen: Verlust des Vermögens, „Erstreckung“ der Ausbürgerung auf Familienangehörige, also Sippenhaft; später Aberkennung von Doktorwürde und anderen akademischen Graden, Entzug aller Versorgungsansprüche, Gleichsetzung des angeblich ausbürgerungswürdigen Verhaltens mit nicht verjährbaren Schwerverbrechen (Lehmann 1985, S. XV). Weltweit sammelten Diplomaten und andere deutsche Staatsbedienstete nun akribisch Informationen über missliebige Exilanten (vgl. Stephan 2007, S. 153; Hachmeister 1998, S. 144-198). Diese möglichst schnell staatenlos zu machen, ihnen somit auch das Recht zu nehmen, sich als „Deutsche“ zu artikulieren, war das weitaus üblichste Verfahren. [3] Gegen 39.006 deutsche bzw. ehemalige österreichische [4] Bürgerinnen und Bürger wurde schließlich die Strafe der Ausbürgerung nach diesem Paragraphen verhängt (Lehmann 1985, S. XIV), unter ihnen Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht (Stephan 2007, S. 125-219). [5]

An Psychoanalytikern, Mitgliedern psychoanalytischer Organisationen bzw. zur Psychoanalyse gerechneten Personen waren von diesen Vorgängen betroffen: Therese Benedek (Psychoanalytikerin in Leipzig, ab 1936 in Chicago), Bruno Bettelheim (ohne förmliche psychoanalytische Ausbildung; vgl. Fisher 2003, S. 73-77, 150 ff.), Wilhelm Reich (IPV-Mitglied bis 1933/34) und Adolf Josef Storfer (der langjährige Direktor des Internationalen Psychoanalytischen Verlags). Kein weiterer Analytiker wurde ausgebürgert, auch nicht Sigmund oder Anna Freud. [6]

Die Ausbürgerungsbeschlüsse wurden im Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger veröffentlicht. Die entsprechenden Akten lagern heute im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin. Zu den erwähnten vier Personen erfährt man dort u. a. Folgendes.

Therese Benedek

Am 28. 2. 1939 wandte sich das Büro des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei (das ist: Heinrich Himmler) an das Auswärtige Amt in Berlin, mit dem Betreff: „Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit des Juden Dr. Tibor Benedek“. Gegen Therese Benedek selbst wurde also kein Ausbürgerungsverfahren eingeleitet, auf sie und ihre zwei Kinder sollte das Verfahren nur „erstreckt“ werden. Tibor Benedek wurde hier im Wesentlichen der Vorwurf gemacht: „stand der SPD. nahe und ist im Arbeiterführer [7] 1931 als Redner für Sozialhygiene und Medizin verzeichnet und gehörte dem Verein sozialistischer Ärzte an“. Die Nähe der Benedeks zur SPD, speziell ihre Freundschaft zur Familie des prominenten sächsischen SPD-Politikers und -Journalisten Hermann Liebmann, ist auch durch die biographische Forschung belegt (siehe Schröter 2012).

Gleichwohl ist nicht völlig sicher, ob mit der zitierten Aktennotiz der wahre oder ausschließliche Grund benannt wurde. Selbst Ernst Simmel, der ja sogar Vorsitzender des Vereins sozialistischer Ärzte gewesen war (vgl. Hermanns u. Schultz-Venrath 1993) und ebenfalls jüdischer Herkunft, wurde nicht ausgebürgert. Oft lösten zudem eher aktuelle, also nach 1933 erfolgte Aktivitäten die Ausbürgerung aus. Vielleicht hatte Tibor Benedek sich in den USA irgendwo, zum Beispiel in einer öffentlichen Veranstaltung, kritisch zum Dritten Reich geäußert? Gerhard Keiper wies mich außerdem darauf hin, dass viele der angegebenen Begründungen für Ausbürgerungen wenig glaubhaft wirken (wie zum Beispiel das vorübergehende Abonnement einer eher bürgerlichen Zeitung in den 1920er Jahren). Hintergrund könnte sein, dass das NS-Regime für die Umsetzung des Ziels, sämtliche Juden aus Deutschland zu entfernen, zunächst noch halbwegs als „rechtsstaatlich“ darstellbare Methoden bevorzugte (vgl. Stephan 2007, S. 132 ff.). Insofern dürften Ausbürgerungsgründe wohl manchmal auch schlicht konstruiert worden sein bzw. man griff alles auf, was sich halbwegs als Begründung nutzen ließ.

Was Therese Benedek betrifft, so enthält die Akte außer Geburtsdatum, früherer Leipziger und jetziger Chicagoer Adresse, Emigrationsdatum 24. 4. 1936 sowie dem Hinweis, dass Tibor durch Heirat mit ihr 1921 die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, keine weiteren biografischen Informationen. Auch ihre Tätigkeit als Psychoanalytikerin findet keine Erwähnung.

Am 21. 4. 1939 stimmte Walter Hinrichs als Vertreter des Auswärtigen Amtes (vgl. Stephan 2007, S. 189 f., Anm. 33 f.) dem Ausbürgerungsantrag einschließlich „Erstreckung“ zu.

Bruno Bettelheim

Für Bettelheim beantragte der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei am 17. 11. 1940 die Ausbürgerung (R 99893, 5 Seiten). [8] Hier bezog sich die „Erstreckung“ auf seine Ehefrau Regina. Für den damals 37-jährigen Bettelheim („Zeitpunkt der Abwanderung: 28. 4. 1939“, „Jetziger Aufenthalt: New-York“) wurden als „Gründe der Ausbürgerung“ benannt: „Dr. Bettelheim war Mitglied des Verbandes ‚Sozialistische Studenten Österreichs‘ und später Mitglied der V. F.“ [9] Zudem wurde ihm seine KZ-„Schutzhaft“ „vom 28. 5. 1938 bis 14. 4. 1939“ in Dachau und Buchenwald angelastet. Über seinen beruflichen Werdegang erfährt man, dass er zunächst Holzhändler gewesen sei, dann am 28. 2. 1938 an der Universität Wien zum Dr. phil. promovierte. [10]

Auch hier findet sich keinerlei Hinweis auf eine Verbindung Bettelheims zur Psychoanalyse. Allerdings steckte dieser 1938 noch mitten in seiner Ausbildung, hatte „mit der Lehranalyse gerade begonnen, als die Nazis einmarschierten“ (Bettelheim; zit. bei Fisher 2003, S. 150).

Adolf Josef Storfer

Das Dokument zu Storfer (R 99896, 4 Seiten) beginnt mit dem üblichen Anschreiben, diesmal vom 27. 8. 1940. „Gründe für die Ausbürgerung“: „Der Jude Adolf Storfer ist nach Shanghai emigriert und erwarb dort die Halbwochenschrift ‚Gelbe Post‘. In dieser Zeitschrift wird eine üble Hetzpropaganda gegen das Dritte Reich entfaltet“.

Storfer (vgl. zu ihm Mühlleitner 1992, S. 334–336) hatte sich mit seiner zunächst zweimonatig erscheinenden Zeitschrift an (vorwiegend jüdische) Emigranten gewandt, sich aber zunächst um politische Neutralität bemüht (vgl. Storfer 1999). Das änderte sich mit Heft 6, erschienen Ende Juli 1939. Hier schimmerte in einem Artikel über den aktuellen japanisch-chinesischen Konflikt deutliche Sympathie durch mit einem „allgemeine[n] antiimperialistische[n] und anti-fascistische[n] Programm im Sinne einer ‚Volksfrontpolitik’“, und Oskar Panizza erhielt Gelegenheit, in einem Gedicht NS-Deutschland einen bitteren Spiegel vorzuhalten (ebd., S. 142, 139). Heft 7, erschienen am 1. 11. 1939, enthielt eine entlarvende Karikatur auf „Roosevelt, Stalin, Hitler, Mussolini“ (ebd., S. 156). Danach ließ Storfer die Gelbe Post erst monatlich, dann 14-tägig, also „halbwöchentlich“ erscheinen – in dieser Zeit scheint er den deutschen Behörden aufgefallen zu sein –, dann wöchentlich, schließlich täglich, bis er sie im August 1940 einstellen musste (Rosdy 1999, S. 6). Vermutlich hat sich Storfers NS-Kritik ab Ende 1939 weiter verschärft; jedenfalls scheint sie die Ausbürgerung in Gang gesetzt zu haben, die dann am 7. 9. 1940 beschlossen wurde. [11]

Auch bei Storfer aber: keinerlei Bezug zur Psychoanalyse in der Akte. Als Beruf ist angegeben: „Schriftsteller“.

Wilhelm Reich

Am umfangreichsten sind mit 37 Seiten die Dokumente zu Wilhelm Reich (R 99855). Am 23. 4. 1938, also nur fünf Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs, der ja Reich ebenso wie Storfer und Bettelheim unfreiwillig zum deutschen Staatsbürger machte, bat die Deutsche Gesandtschaft in Oslo in einem Schreiben an das Auswärtige Amt in Berlin darum, die Ausbürgerung Reichs „beschleunigt in die Wege zu leiten“, da ansonsten „die Gefahr besteht, daß Reich als früherer österreichischer Staatsangehöriger eines Tages nach Deutschland abgeschoben wird“ – und, so kann man wohl den dahinter liegenden Gedanken fortspinnen: dort dann „zersetzend“ wirken könne. Die Vorwürfe an Reich umfassen mehrere Seiten, von seiner Mitgliedschaft in der österreichischen KP und SP Ende der 1920er Jahre, kommunistischer Betätigung in Deutschland bis 1933, welche er angeblich in Dänemark und Norwegen fortgesetzt habe („soll namhafte Geldbeträge aus Moskau beziehen“) [12] bis zu Teilen seiner Forschungsarbeiten: „Der Jude Reich, […] eine der übelsten jüdischen Typen, die man sich vorstellen kann, hatte sich als Hauptfach die ‚Sexualökonomie‘ gewählt, eine ‚Wissenschaft‘, die selbst von marxistischer Seite heute als Schweinerei bezeichnet wird“.

Da nicht vorauszusehen sei, wann die Ausbürgerungsentscheidung falle, gab das Büro des Reichsführers SS am 16.12.1938 grünes Licht für die Genehmigung eines „auf die zur Einreise nach Amerika befristeten Reisepasses“, welchen Reich kurz zuvor beantragt hatte. Bedingung sei aber, dass er „nachweist, dass er tatsächlich dorthin abwandert“. Offenbar wollte man ihn zunächst einmal weit weg haben, um ihm dann in den USA die Staatsbürgerschaft so schnell als möglich abzuerkennen.

Im April 1939 wurde Reich dieser Reisepass ausgehändigt [13] – und Reich lehnte ihn ab. Seine schriftliche Begründung[14] enthalten die Akten ebenfalls:

Reich Ausbürgerung 1 klein

Nach weiterem Schriftwechsel zwischen Reichssicherheitshauptamt/Reichsführer SS, Reichsinnenministerium, Auswärtigem Amt, Osloer Botschaft wurde am 19. 12. 1939 Übereinstimmung darüber erzielt, Reich auszuweisen – vier Monate, nachdem Reich mit Hilfe eines „amerikanischen Professorenvisums“ Norwegen bereits in Richtung USA verlassen hatte.

Reich Ausbürgerung 2 klein

Am 27. 5. 1940 wurde Reich dann auch in der Ausbürgerungsliste Nr. 178 im Reichsanzeiger aufgelistet (Hepp 1985, Bd. 1, S. 344).

Ausbürgerung Reichs, bekannt gemacht im "Reichsanzeiger" vom 27.5.1940, Ausbürgerungsliste Nr. 178.

 

Aber auch in den, wie gesagt, teils durchaus detailprallen 37 Aktenseiten des Auswärtigen Amtes zu Wilhelm Reich: keinerlei Erwähnung der Psychoanalyse. [15]

Fazit

Die hier ausgewerteten Akten unterstützen die These, dass niemand NS-Verfolgungen erlebte wegen psychoanalytischer Betätigung an sich bzw. wegen Zugehörigkeit zu analytischen Organisationen (vgl. Schröter 2009, S. 1088f.). Die Tatsache, dass nur vier Personen aus dem Kreis der Psychoanalytiker von NS-Ausbürgerungen betroffen waren, verweist zudem darauf, in welch geringen Maße sich Psychoanalytiker auf öffentlichkeitswirksame Weise gegen Nationalsozialismus und Faschismus positionierten (mehr dazu in Peglau 2013).

 

 

Literatur

Fisher, D. J. (2003): Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen. Essays über Bruno Bettelheim. Gießen (Psychosozial).

Hachmeister, L. (1998): Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six. München (Beck).

Hepp, M. (Hg.) (1985): Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen. München (Saur).

Hermanns, L. M. u. Schultz-Venrath, U. (1993): Einleitung. In: Simmel, E.: Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Frankfurt a. M. (Fischer): 9-18.

Lehmann, H. G. (1985): Acht und Ächtung politischer Gegner im Dritten Reich. Die Ausbürgerung deutscher Emigranten 1933-1945. In: Hepp (1985): IX-XXIII.

Lockot, R. (2002): Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus, Gießen (Psychosozial).

Mühlleitner, E. (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen (ed. diskord).

Mühlleitner, E. (2005): Das Ende der psychoanalytischen Bewegung in Wien und die Auflösung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, in Wiener Psychoanalytische Vereinigung (Hg.): Trauma der Psychoanalyse? Die Vertreibung der Psychoanalyse aus Wien 1938 und die Folgen, Wien (Mille Tre): 12-27.

Peglau, A. (2013): Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Gießen (Psychosozial).

Rosdy, P. (1999): Adolf Josef Storfer, Shanghai und die Gelbe Post. Dokumentation zum Reprint der Gelben Post. Wien (Turia + Kant) [bei Storfer 1999].

Reich, Wilhelm (1997): Jenseits der Psychologie. Briefe und Tagebücher 1934-1939, Köln (Kiepenheuer & Witsch).

Schröter, M. (2009): „Hier läuft alles zur Zufriedenheit, abgesehen von den Verlusten …“. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936. Psyche, 63: 1085-1130.

Schröter, M. (2012): Verschüttete Anfänge. Therese Benedek und die Frühgeschichte der Psychoanalyse in Leipzig 1919–1936. Psyche, 66: 1166–1209.

Sharaf, M. (1994 [1983]): Wilhelm Reich: Der heilige Zorn des Lebendigen. Die Biografie. Berlin (Simon und Leutner).

Stephan, A. (2007): Überwacht, ausgebürgert, exiliert. Schriftsteller und der Staat. Bielefeld (Aisthesis).

Storfer, A. J. (Hg.) (1999): Gelbe Post. Ostasiatische Illustrierte Halbmonatszeitschrift (Reprint). Wien (Turia + Kant).

Unger, C. R. (2009): Reise ohne Wiederkehr? Leben im Exil 1933 bis 1945. Darmstadt (Primus).

 

Anmerkungen

[1] Veröffentlicht in Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, Jg. 24, Heft 47/2011, S. 103-115. Literaturangaben wurden aktualisiert, Illustrationen ergänzt, ebenso im letzten Satz vor dem „Fazit“ die Worte „des Auswärtigen Amtes“. Ich danke insbesondere Gerhard Keiper vom Archiv des Auswärtigen Amtes für seine Unterstützung beim Entstehen des Beitrags.

[2] Für „Denaturalisationen“ stand § 1 zur Verfügung. Eine solche „Widerrufung“ der erteilten Staatsbürgerschaft wurde gegen knapp 7.000 Juden und mehr als 3.500 Nicht-Juden plus Angehörigen ausgesprochen (siehe Lehmann 1985, S. XII).

[3] Aktionen wie die Ermordung des emigrierten Philosophen und Publizisten Theodor Lessing 1933 oder die zweimalige Entführung des Journalisten Berthold Jacobs aus dem Exil 1935 und 1941 und dessen Verbringung in ein KZ bildeten dagegen sehr seltene Ausnahmen.

[4] Da die weiteren NS-Okkupationen nicht dazu führten, dass – analog zu Österreich – die Staatsangehörigen von Polen, Tschechoslowakei usw. nun als Deutsche galten, konnten diese auch nicht aus Deutschland ausgebürgert werden. Bewohner der ehemaligen Tschechoslowakei konnten allerdings ihre „Protektorats-Angehörigkeit“ verlieren (persönl. Mitt. G. Keiper, 9. 9. 2010).

[5] Erst im November 1941, im Zuge der „Endlösung“, verloren durch die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz alle jüdischen Deutschen mit dauerhaftem Aufenthalt außerhalb der Reichsgrenzen (250-280.000 Menschen; so Lehmann 1985, S. XIV) die deutsche Staatsangehörigkeit. Über diesen Personenkreis entstanden im Auswärtigen Amt  keine individuellen Aktenvorgänge mehr (persönl. Mitt. von G. Keiper, 30. 6. 2010).

[6] Vgl. die alphabetisch geordneten Ausbürgerungslisten bei Hepp (1985). Insgesamt wären theoretisch wohl mehr als etwa 160 Psychoanalytiker für Ausweisungen infrage gekommen: 89 DPG-Mitglieder (Lockot, S. 151) und 68 WPV-Mitglieder plus eine unbekannte Anzahl Ausbildungskandidaten (Mühlleitner 2005, S. 22).

[7] Vermutlich die Zeitschrift Arbeiterführer für die Zeitschrift Leipzig.

[8] Faksimile unter: www.hagalil.com/archiv/20-10/07/bettelheim-ausbuergerung.pdf.

[9] V. F. = Vaterländische Front (mit Dank an R. Kaufhold).

[10] Am 8. 5. 1941 wurde ihm die Doktorwürde aus rassistischen Gründen aberkannt; siehe www.hagalil.com/archiv/2010/03/09/bettelheim-einfuehrung.

[11] Da das entsprechende Dokument „versehentlich“ nicht abgeschickt worden war, wurde dies am 29. 11. 1940 erneut bestätigt.

[12] In Wirklichkeit war er von der Komintern zu diesem Zeitpunkt längst geächtet (vgl. Sharaf 1994 [1983], S. 192-206).

[13] Sein österreichischer Pass war ihm zuvor abgenommen worden.

[14] Unterstreichungen im Original. Vgl. auch Reich 1997, S. 277f., 308, 310ff., 335. Im Artikelabruck in Luzifer-Amor wurden nur Auszüge aus diesem Schreiben zitiert.

[15] Eine ausführlichere Auswertung dieser Akte findet sich bei Peglau 2013.