Archiv der Kategorie: Zur Geschichte der Psychoanalyse und speziell zu Wilhelm Reich

Revolutionärer Sozialdemokrat und Kommunist. Zur Rolle des Psychoanalytikers Wilhelm Reich in der österreichischen „Linken“ zwischen 1925 und 1930

Sozial.Geschichte Online, Heft 21/2017. Aus dem Editorial:

Ausgabe 21 beschäftigt sich mit unterschiedlichen Themen der jüngeren bis aktuellen Ideen-, Bewegungs- und Sozialgeschichte. So setzt sich Andreas Peglau in seinem Forschungsbeitrag Revolutionärer Sozialdemokrat und Kommunist. Zur Rolle des Psychoanalytikers Wilhelm Reich in der österreichischen „Linken“ zwischen 1925 und 1930 mit dem bislang unterbelichteten politischen Engagement des Psychoanalytikers auseinander. Im Mittelpunkt stehen dabei neue Erkenntnisse über seine Rolle als revolutionärer Sozialdemokrat und parteigebundener Kommunist in seinen Bemühungen um die Herstellung einer Einheitsfront zwischen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei sowie der Kommunistischen Partei Österreichs vor dem Hintergrund des aufziehenden Faschismus. Aufgrund seines antifaschistischen Einsatzes wurde der vormalige Freud-Schüler von der eher auf Kollaboration bedachten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen. Später wurde Reich dann – unter anderem aufgrund seines angeblich konterrevolutionären Buches Massenpsychologie des Faschismus – auch aus den kommunistischen Organisationen ausgeschlossen. In einem Epilog geht Peglau der Frage nach, ob Reich wegen seiner Komintern-gesteuerten Aktivitäten als Stalinist bezeichnet werden könnte, bevor er sich ab 1934 vehement gegen den autoritären Führerkult in der Sowjetunion wandte.

Zum Beitrag:

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-44161/03_Peglau_Reich.pdf

 

Über Freud und Marx hinaus: Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933)

von Andreas Peglau¹

Nur gelegentlich wird heute, wenn es um die Hintergründe der aktuellen Erfolge „rechter“ Bewegungen und Parteien geht, auf Sigmund Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse verwiesen. Noch seltener ist eine Bezugnahme auf Wilhelm Reichs 1933 erschienene Massenpsychologie des Faschismus – obwohl dieses Buch Freuds Analyse an Tiefgründigkeit bei Weitem übertraf. Es war eines der wichtigsten psychoanalytischen Bücher, die je erschienen sind,² zugleich die erste Veröffentlichung dessen, was heute Rechtsextremismusforschung genannt wird.³ Dennoch ist es, insbesondere in seiner ursprünglichen Fassung, in der Reich noch als „linker“ Psychoanalytiker schrieb, weitgehend in Vergessenheit geraten. Dass dieses Werk 2013 in den Band 100 Klassiker der Sozialwissenschaften aufgenommen wurde,4 ist vielleicht ein Indiz für eine beginnende Wiederentdeckung. 2017, im Jahr von Wilhelm Reichs 60. Todes- und 120. Geburtstag, hat seine Massenpsychologie ihre Brisanz nicht verloren; sie ist sogar im Wachsen. Weiterlesen

Der Mensch ist dem Menschen kein Wolf – über eine eklatante Freud`sche Fehlleistung

von Andreas Peglau

Die noch immer und nicht nur unter vielen kleinianischen und lacanschen Psychoanalytikern verbreitete Auffassung, es gebe einen Todes-, Destruktions- oder zumindest einen, wie Konrad Lorenz postulierte, Aggressionstrieb, lässt sich mit guten wissenschaftlichen Argumenten bezweifeln.¹ Literatur dazu ist reichlich vorhanden.²

Bemerkenswert und meines Wissens wenig bekannt ist jedoch: Auch dem vielfach als Autoritätsbeweis für die Existenz angeborener Bösartigkeit herangezogenen Satz Sigmund Freuds liegt die krasse Fehlauslegung eines Zitates zugrunde.

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100 JAHRE „URSZENE“. Anmerkungen zu einem strittigen Begriff

von Andreas Peglau

Johannes Cremerius (1995, S. 47) urteilte, die Psychoanalyse habe nur eine Zukunft, wenn sie sich „Aufräumarbeiten“ in der Begriffsbildung unterziehe, statt weiter dahin zu stolpern über „Geröllhalden beliebiger, vieldeutiger Begriffe oder solcher, die nur geheime Vokabeln für Eingeweihte sind“. Sogar „im Zentrum der psychoanalytischen Theoriebildung“ stoße man auf „generalisierende Ideen“, „Privatphilosophien“, nie Geklärtes und unreflektiert Weitergegebenes. Ich teile diese Ansicht. Die als kindliche Beobachtung elterlichen Geschlechtsverkehrs verstandene, angeblich traumatisierende „Urszene“ scheint mir einer der hinterfragenswürdigen Begriffe zu sein. Daher wollte ich wissen: Wie wird in der Psychoanalyse Freuds tatsächlicher Umgang mit diesem Terminus berücksichtigt? Ist die dieser Szene zugeschriebene Wirkung mittlerweile empirisch geprüft? Weiterlesen

Wie sähe eine an Wilhelm Reich orientierte Psychoanalyse aus?

(Auszug aus Wilhelm Reichs Bedeutung für die Psychoanalyse – seine Ausgrenzung als negative Zäsur, seine Re-Integration als Chance, Vortrag von Andreas Peglau, gehalten auf der Frühjahrstagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung in Kassel, am 6.6.2015, veröffentlicht in Allert, Gebhard/Rühling, Konrad/ Zwiebel, Ralf (Hg.): Pluralität und Singularität in der Psychoanalyse, Gießen: PsychosozialVerlag, S. 450–473.)

… Lässt sich aus all dem, was ich Ihnen nun berichtet habe, der Schluss ziehen, es wäre wünschenswert, Reich – wie 1997, anlässlich seines 100. Geburtstages, gefordert wurde –, durch Wiederaufnahme in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) zu „rehabilitieren“?

Zum einen glaube ich nicht, dass Reich Wert darauf gelegt hätte, posthum erneut IPV-Mitglied zu werden. Weiterlesen

Unpolitische Wissenschaft? Vorwort zur dritten und erweiterten Auflage 2017

Die Vorarbeiten zu diesem Buch begannen 2007, im Jahr von Wilhelm Reichs 110. Geburts- und 50. Todestag. An Reichs Berliner Wohnhaus – das mit Fug und Recht als »Geburtshaus der Körperpsychotherapie« angesehen werden kann – wurde damals eine Gedenktafel eingeweiht.

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„Amtliche Kommunistenförderung“: Zweimal Wilhelm Reich in der Wiener Arbeiter-Zeitung, 1930

Karl Fallend, Autor von Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik (1988), wies mich am 5.7.2016 auf Texte in der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung hin, die in Reaktion auf den Übertritt der „Revolutionären Sozialdemokraten“ erschienen sind. Weiterlesen

Ein Kommunist als „revolutionärer Sozialdemokrat“. Ergänzungen und Korrekturen zur Biografie Wilhelm Reichs

von Andreas Peglau[1]

 Schüller 3 Detail

 

Vorbemerkung

Seit einiger Zeit arbeite ich an der erweiterten dritten Auflage meines Buches Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Sie wird  im März 2017, zu Reichs 120. Geburtstag erscheinen und eine Vielzahl neuer Fakten enthalten. Einige Entdeckungen will ich vorab bekannt machen: Archivfunde, u.a. in den Akten der Kommunistischen Internationale (Komintern),[2] ermöglichen die Neudatierung wesentlicher Details der Biografie Reichs sowie eine teilweise Umwertung seiner Rolle in der österreichischen „Linken“.

(Text als pdf-Dokument herunterladen: Peglau Reich – ein Kommunist als Revolutionärer Sozialdemokrat 2017)

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Wilhelm Reich und der „Einheitsverband“ in Düsseldorf

Klar war bislang schon, dass Düsseldorf und die Region Niederrhein eine wichtige Rolle spielten für die Sexualreformorganisation, an deren Entstehung und Leitung Wilhelm Reich beteiligt war. Bekannt war auch, dass Reich auf die Gründungskonferenz des ersten „Einheitsverbands für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ (EV), die am 2.5.1931 in Düsseldorf stattfand, wesentlichen Einfluss hatte (siehe hier). Dazu lässt sich nun einiges ergänzen.

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