Die deutsche „Sexpol“: Massenorganisation oder »kleine Splittergruppe«? Zur Glaubwürdigkeit von Wilhelm Reich

von Andreas Peglau

 

Zum besseren Verständnis dieses Textes empfiehlt es sich, vorab Die Einheitsverbände für proletarische Sexualreform und Mutterschutz zu lesen. Aufgrund weiterer Recherchen habe ich nun (25.12.2015) einige neue Bewertungen des Zahlenmaterials und Ergänzungen vorgenommen.

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Schon während seiner Lebenszeit war Reich das Opfer intensiver Verleumdungen. Aufgehört haben sie nie. Noch heute bestimmen sie hochgradig das über ihn verbreitete Bild.

Peter Bahnen kommt das Verdienst zu, als erster Reichs sexualreformerische Aktivitäten in Berlin rekonstruiert zu haben. Dies allerdings ausgehend von deutlich negativer Voreingenommenheit gegenüber Reich. Bahnen hat auch angezweifelt, was Reich an Zahlen über die „deutsche Sexpol“ angibt.

So hatte Reich 1934 mitgeteilt, der erste Kongress eines Einheitsverbandes für proletarische Sexualreform und Mutterschutz (EV) »erfasste mit einem Schlage rund 20.000 Mitglieder« (Reich 1934, S. 263). Später wurde er konkreter und schrieb, der erste EV-Kongress habe »etwa 20.000 Mitglieder in zusammen etwa acht Verbänden erfasst« (Reich 1995, S. 164). Im Laufe eines Jahres seien »Einheitsorganisationen auch in Leipzig, Dresden, Stettin etc.« entstanden – womit er sich auf weitere Gründungen von EVs oder von EV-Ortsverbänden bezogen haben dürfte. Die »Bewegung«, so Reich weiter, habe »rasch um sich« gegriffen: »Innerhalb weniger Monate zählte sie bereits das Doppelte, etwa 40.000 Mitglieder« (ebd.).

Bahnen kommentiert: Der

»Zug, alles zu übertreiben und zu dramatisieren, der in Reichs freigiebigem Umgang mit Zahlenangaben zum Ausdruck kommt, in Verbindung mit dem […] ans Wahnhafte streifenden Drang, die Größe und Bedeutung des eigenen Wissens aufzublähen, macht sich gerade bei Angaben über seine Organisationen bemerkbar« (Bahnen 1986, S. 86f.).

In einem späteren Beitrag hat sich Bahnen sogar recht genau festgelegt:

»Der KPD-Verband blieb eine kleine Splittergruppe mit etwa 3000 Mitgliedern. Alle höheren Zahlenangaben […] entbehren jeder Grundlage und sind Ausdruck jener Größenphantasien, die Reich in seinen autobiographischen Schriften publizierte« (Bahnen 1988, S. 8).

Auch Marc Rackelmann suchte vergeblich nach Belegen für die von Reich angegebenen Zahlen und hielt es daher für möglich, dass Reich hier übertrieben hat. Rackelmann veranschlagte als reale Größe des EV – er wie auch Bahnen haben die Existenz mehrerer EVs nicht eruiert – »zumindest 1931« auf »deutlich unter 10.000« (Rackelmann 1992, S. 54). Dafür gab er eine schlüssige Begründung: Da im August 1931 nachweislich nur 8.500 Exemplare der Vereinszeitschrift Die Warte gedruckt wurden, dürfte es wohl zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als 8.500 Mitglieder gegeben haben – denn jedes Mitglied sollte doch sicher ein Exemplar erhalten.

Da es hier um die grundsätzliche Glaubwürdigkeit Reichs geht, fand ich es lohnenswert, zusammenzutragen, was ich in mehreren Archiven und Publikationen an Fakten dazu finden konnte. Wenn ich diese im Folgenden vorstelle, lassen sich Häufungen von Zahlen leider nicht vermeiden.

Zur deutschen Sexualreformbewegung insgesamt gibt es teils übereinstimmende, teils sich widersprechende Zahlenangaben. In der Broschüre Liebe verboten ist von 300.000 Mitgliedern der Sexualreform- und Geburtenregelungsvereine die Rede. Diese Personengruppe hatte sicherlich auch Reich vor Augen, wenn er schrieb:

»Deutschland umfasste 1930 etwa achtzig verschieden aufgebaute, gesondert geführte und gegeneinander oft feindliche sexualpolitische Organisationen mit zusammen etwa 350.000 Mitgliedern« (Reich 1995, S. 163).

Einem Polizeibericht vom 13.4.1931 lässt sich die Einschätzung entnehmen:

»In Deutschland existieren in allen Bezirken derartige [Sexual-]Organisationen, die wie Pilze aus der Erde schiessen und in ihren Reihen hunderttausende von Mitgliedern haben. In Berlin zählt die Organisation ca. 70.000 Mitglieder«.

In der Broschüre Liebe verboten werden die Mitglieder der reinen Sexualreformverbände in Gesamtdeutschland (also ohne die Geburtenregelungsvereine) noch einmal gesondert mit 150.000 beziffert. Diese Zahl nennt auch ein Polizeibericht vom 15.8.1931 und andere Quellen.
Der Sexualreformer Hans Lehfeldt verweist in einem Artikel von 1932 auf »ungefähr 113.000« von den Verbänden insgesamt angegebene Mitglieder, ergänzt jedoch:

»Die tatsächliche Zahl ist aber wesentlich höher, einmal weil mehrere Splitterorganisationen unberücksichtigt geblieben sind, vor allem aber weil bei einigen Verbänden die Ehefrauen der Mitglieder, die sich oft besonders aktiv in der Bewegung betätigen, wohl nicht berücksichtigt werden«.

Aus Lehfeldts Artikel stammt ebenfalls die mit keiner Zeitangabe verbundene Einschätzung, der EV habe 3.000 bis 5.000 Mitglieder. Er beschränkt sich dabei jedoch ausdrücklich auf den im Mai 1931 in Düsseldorf gegründeten ersten EV.

Die Proletarische Sozialpolitik meldete schon im Juli 1931, der Düsseldorfer Einheitsverband habe »mehr als 10.000 Mitglieder«. Eine aus Propaganda-Gründen überhöhte Angabe? Wenn ja, hielt sich die Übertreibung in Grenzen. Polizeiakten bescheinigten dem Düsseldorfer EV am 15.2.1932, dass er der einzige der von der KPD unterstützten »Sexualverbände« sei, dem es geglückt sei, »größere Erfolge zu erzielen und z.B. in Düsseldorf die Ortsgruppe der Liga für Mutterschutz zum größten Teil aufzusaugen«. Er »zählt zur Zeit etwa 8000 Mitglieder, davon 1000 in Düsseldorf«.

Quelle: Bundesarchiv Berlin, R1501/20979, Blatt 27.

Quelle: Bundesarchiv Berlin, R1501/20979, Blatt 27.

Aber auch die später gegründeten EVs warben offenkundig erfolgreich um Mitglieder. Am 28.6.1932 vermerkte die eine EV-Konferenz der Region Ruhrgebiet auswertende Polizei: »Dem Geschäftsbericht nach veränderte sich der Mitgliederbestand vom Ende November 1931, wo in 18 Ortsgruppen 3055 abgerechnete Mitglieder gezählt wurden, auf 6010 Mitglieder in 40 Ortsgruppen am 15. April 1932«. Allein im Ruhrgebiet gab es also im Frühjahr 1932 über 6.000 Mitglieder.

In den mir vorliegenden Ausgaben der Warte konnte ich keine Angaben zu Mitgliederzahlen finden. Allerdings werden Angaben zu Ortsgruppen des EV gemacht. Im März 1932 werden für das Ruhrgebiet 33 Ortsgruppen erwähnt, im Juli zehn für die Region Niederrhein und im Oktober 22 für Berlin, insgesamt also 65. Doch das sind keine Auflistungen aller Ortsgruppen, sondern nur Informationen darüber, welche von ihnen Veranstaltungen, Beratungen, Verhütungsmittelausgaben oder Ähnliches durchführten. Zudem gab es mindestens in den Unterbezirken Sachsen, Mittelrhein sowie Halle-Merseburg (Die Warte 10/1932, S. 16, 12/1932, S. 14) weitere Aktivitäten und somit wohl auch weitere Ortsgruppen.

Dass es auch in Berlin nicht bei den 22 Gruppen blieb, belegt ein weiteres Dokument: der Rundbrief der Berliner EV-Bezirksleitung vom Januar 1933. Hatten im Juni 1932 noch 17 Berliner Ortsgruppen 882 Mitglieder, so gab es, hieß es hier, im Dezember bereits 28 Ortsgruppen mit 1.512 Mitgliedern. Das ist, zumal »Ehepaare nur als 1 Mitglied gezählt« wurden, ein Anstieg von fast 80 Prozent in sieben Monaten.

Aus dem Rundbrief der Berliner EV-Bezirksleitung vom Januar 1933.

Aus dem Rundbrief der Berliner EV-Bezirksleitung vom Januar 1933.

Zählen wir die vorliegenden Zahlen zusammen, kommen wir für Ende 1932 auf mindestens 8000 (Region um Düsseldorf) plus 6000 (Ruhrgebiet) plus 1500 (Berlin), also insgesamt 15.500 durch Dokumente abgesicherte EV-Mitglieder. Da es weitere EVs gab und die Mitgliederzahlen vermutlich insgesamt wuchsen, muss die Anzahl für den Gesamt-EV weit darüber gelegen haben.

Mit seiner Festlegung auf höchstens 3.000 Mitglieder hat Bahnen sich also diskreditiert.[1] Rackelmann hingegen könnte mit seiner Annahme, dass es 1931 weniger als 10.000 Mitglieder waren, richtig liegen. Spätestens im Frühjahr 1932 ist freilich von deutlich höheren Zahlen auszugehen.

Aber Reich sprach ja schon für 1931 von 40.000 »Erfassten«. Hat er also doch übertrieben?

Nein.

Für möglich halte ich, dass sich die angeführten Zahlenangaben nur auf Einzelmitglieder bezogen und dass sich – in für KPD-Massenorganisationen üblicher Weise – »korporative Mitglieder«, also andere Vereine, den Abteilungen des Gesamt-EV anschlossen. Die Dachorganisationen ARSO wie auch IFA hatten ja ihre nicht zuletzt aus anderen Massenorganisationen bestehenden »Mitgliedschaften zur tatkräftigen Mitarbeit« aufgefordert. Sollte es also auch bei den EVs zu diesem Verfahren gekommen sein, hätte dies die Zahlen explodieren lassen. Aber diese Zahlen ernst zu nehmen, wäre reine Augenwischerei gewesen.

Als mögliche Begründung dafür, dass Reich diesbezüglich nicht übertrieben hat, halte ich etwas anderes, das weder Bahnen noch Rackelmann in Betracht ziehen, für weit schlüssiger: Reich sprach hier weder über den ursprünglichen Düsseldorfer Verein noch über den Gesamt-EV.

Reich hält, wie schon zitiert, fest, der EV-Gründungskongress – also jener am 2.5.1931 in Düsseldorf – habe »etwa 20.000 Mitglieder in zusammen etwa acht Verbänden erfasst«. Die Zahl 20.000 bezieht sich somit eindeutig nicht auf den Düsseldorfer EV selbst – den Reich übrigens meist als „Westdeutschen Verein“ von den anderen „Einheitsorganisationen“ abgrenzt -, sondern auf den von diesem veranstalteten Kongress und die Mitglieder jener etwa acht Sexualreformvereine, die sich daran beteiligten.

Das waren laut Angaben in der Warte 5/6 1931, S. 7 offenbar unter anderem: der Verband für Sexualhygiene und Mutterschutz, von dem einzelne Ortsgruppen bald darauf in den dortigen EV übertraten, sowie die Liga für Mutterschutz, deren regionale Fraktion dieser EV ja laut späterem Polizeibericht »zum größten Teil aufzusaugen« vermochte. Auch der Bund bewußter Sexualreformer trat am 17.5.1931 geschlossen bei. Da im Juli 1931 allein für die Liga für Mutterschutz eine Mitgliederzahl von 21.900 angegeben wird, dürften die am 2.5.1931 versammelten Delegierten in Wirklichkeit sogar weit mehr als 20.000 Mitglieder vertreten haben.

Der Düsseldorfer EV und seine Parallelorganisationen sahen sich auch nicht als in sich geschlossene Einheiten, sondern als Sammelbecken für alle anderen deutschen Sexualreformverbände, deren Ortsgruppen oder Mitglieder, soweit diese dazu bereit waren, sich den EV-Zielstellungen anzuschließen. So wandte sich EV-Sekretärin Luise Dornemann in Vorbereitung des Kongresses vom 14.6.1931 auch weiterhin an »alle Sexualreformer-Gruppen im Bezirk-Niederrhein« und an die »Ortsgruppen aus allen sexualpolitischen Organisationen« (Die Warte 5/6 1931, S. 5).

warte 5-6 31 detail

Soweit diese anderen Organisationen mit den Einheitsverbänden kooperierten, wurde auch über ihre Aktivitäten informiert.
Nicht nur durch die Warte, sondern insbesondere durch die Verhütungsmittelausgabe und Sexualberatungsstellen sowie die zahlreichen lokalen und regionalen Veranstaltungsangebote wurden zudem mit Sicherheit weit mehr Menschen angesprochen oder erreicht, als der Gesamt-EV Mitglieder hatte.

Und darauf, so meine ich, dürfte Reich sich bezogen haben, wenn er schrieb, »die Bewegung« habe innerhalb einiger Monate 40.000 Mitglieder gezählt.

Er behauptet auch nirgendwo, der Einheitsverband habe diese hohe Mitgliederzahl gehabt. Es ging ihm, denke ich, nie um etwas so Formales wie einen eingetragenen Verein, sondern eben um eine Bewegung, also um all jene Menschen, die sich hinter die Ziele stellten, die zunächst der Düsseldorfer, dann der Gesamt-EV vertrat. Auch Letzterer wiederum war für Reich ganz sicher nur die provisorische Hülle für die angezielte Vereinigung aller Sexualreformer unter sexualökonomischem Programm.

Eine weitere, von Reich ganz sicher unabhängige Quelle dürfte diese Auffassung bekräftigen: Luise Dornemann berichtet rückblickend, allerdings ohne Nennung einer Jahreszahl, der Gesamt-EV habe »mehrere Zehntausende von Frauen erfasst«. Zählt man die Männer auch nur in gleicher Zahl hinzu, ergibt sich ebenfalls die von Reich angegebene Größenordnung.

Es gibt also keinerlei Grund, Wilhelm Reich bescheinigen zu müssen, in seinen Zahlenangaben kämen wahnhafte Züge zum Ausdruck.

***

 

[1] Dass Peter Bahnen im Rahmen einer Masterarbeit nicht noch tiefer in das gewählte Thema eindrang, dafür ist ihm kein Vorwurf zu machen – allerdings schon dafür, dass er aus dem Vielen, was er nicht finden konnte, zumeist weitreichende falsche Schlüsse zog. Sein Motto scheint gewesen zu sein: Wo er keine Nachweise für Reichs Miteilungen entdecken konnte, musste Reich gelogen haben. Diesbezüglich gliedert er sich also leider – trotz aller wertvollen Rechercheergebnisse – ein in die nahezu durchweg schludrig-voreingenommene Herangehensweise erklärter Reich-Gegner.

 

Genannte Literatur:

Bahnen, Peter (1986): »Massenpsychologie des Faschismus«. Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der politischen Psychologie Wilhelm Reichs, Magisterarbeit (unveröffentlicht)

Bahnen, Peter (1988): Wilhelm Reich – gegen den Strich gesehen, in Pro Familia Magazin 6/1988, S.5-8.

Fallend, Karl (1988): Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik, Wien/Salzburg: Geyer-Edition.
(Diesem Buch entstammen auch weitere hier dargestellte Fakten.)

Clemens Klockner (Hg.), Proletarische Sozialpolitik. Organ der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen ARSO 1931 [Reprint, Darmstadt 1987, S. 169f.]

Rackelmann, Marc (1992): Der Konflikt des ›Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik‹ (Sexpol) mit der KPD Anfang der 30er Jahre, (unveröff. Diplomarbeit) FU Berlin.

Rackelmann, Marc (1993): Wilhelm Reich und der Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz. Was war die Sexpol?, Emotion. Beiträge zum Werk von Wilhelm Reich, Nr. 11, Berlin: Volker Knapp-Diederichs-Publikationen, S. 56-93.

Reich, Wilhelm (Anonymus) (1934f): Geschichte der deutschen Sex-Pol-Bewegung, in ZPPS Heft 3/4, S. 262–269.

Reich, Wilhelm (1995) [1982]: Menschen im Staat, Frankfurt/M.: Stroemfeld/Nexus.

Sowie: BA Nachlässe NY 4278/1, Nachlass Luise Dornemann.

 

Ausführliche Literatur- und Quellenangaben sowie zusätzliche Informationen in Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und Psychoanalyse im Nationalsozialismus, S. 108-115.