Die Prophezeiungen von Celestine.

Reflexionen zu drei Büchern James Redfields und zur „Esoterik“.

 von Andreas Peglau

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„Seit nunmehr einem halben Jahrhundert tritt allmählich ein neues Bewußtsein in unsere Welt, ein Bewußtsein, das sich nur mit den Worten transzendental und spirituell bezeichnen läßt … Wir wissen, daß unsere Welt einen Quantensprung machen wird, sobald wir gelernt haben, diese Entwicklung zu fördern und aufrechtzuerhalten. Einen Quantensprung, auf den unsere gesamte bisherige Historie zusteuerte.

Die jetzt folgende Geschichte soll zu diesem neuen Verständnis beitragen. Werden Sie davon berührt, oder sollte Ihre bereits existierende Lebenssicht dadurch verstärkt werden, dann geben Sie weiter, was Sie im Lauf dieser Geschichte erfahren haben – auf diese Weise wird sich unser neues spirituelles Bewußtsein erweitern, nicht länger durch Moden und vergängliche Trends, sondern mittels einer Art positiver persönlicher und psychologischer Ansteckung durch die Berührung mit anderen Menschen.“ 

Vor drei Jahren hätte ich ein Buch zugeklappt, das mit so „esoterischen“ Vorworten beginnt. Dieses ganze abgehobene Gerede von wunderbaren Problemlösungen, dieses unerklärlich selbstsichere Aussenden von Botschaften, die mit „wir wissen, daß“ beginnen. Wer ist „wir“? Woher „wissen“ sie es? Das nervt mich. Auch noch heute.

Trotzdem habe ich „Die Prophezeiungen von Celestine“ weitergelesen. Die Inhaltsangabe auf dem Umschlag war vielversprechend gewesen:

„Dieses Buch handelt von der Suche nach einer über 2.000 Jahre alten Handschrift, die sich in Peru befinden soll … Doch die Suche nach der Handschrift erweist sich als gefährliches Abenteuer, da Kirche und Staat die Veröffentlichung des Manuskripts mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Denn die Handschrift enthält Erkenntnisse, die zu einer Transformation des gesellschaftlichen Bewußtseins und der Kultur führen.“

Und letztere Ankündigung war dann wohl entscheidend für mein Weiterlesen. Auch ich brauche ja dringend neue Antworten auf die alte Frage “Wie gehts weiter?“ Mein Blickwinkel bei der Suche danach hat sich in den letzten drei Jahren erweitert – je mehr ich begriffen habe, daß sich genaueres Hinsehen in jedem Fall lohnt: Mit dem bloßen Anbringen von Etiketten werde ich keinem Menschen und keiner Idee gerecht. Also auch nicht der Esoterik.

Dennoch drängelt sich da als erstes die abstoßende Seite ins Bild, mit der ich in Berliner Straßen und Buchläden ständig konfrontiert werde: marktschreierische Poster autoritärer Sektenführer, sofort seligmachende Bücher und Einladungen zu Schnellerlösungs-Workshops. Das meiste davon halte ich für gezielte Verdummung und Beutelschneiderei, oder zumindest für den Ausdruck naiver Selbstüberschätzung. Wenn das „die“ Esoterik wäre, wollte ich nichts damit zu tun haben.

Aber von „der Esoterik“ als einheitlichem Ganzen kann – näher betrachtet – gar keine Rede sein. Was unter dieser Überschrift erscheint, existiert ja größtenteils wesentlich länger als der im 19. Jahrhundert entstandene Sammelbegriff selbst und entstammt unterschiedlichsten Gebieten. Nichteuropäische Religionen und Varianten des „Urchristentums“ tauchen ebenso auf wie überlieferte Erfahrungen von „Naturvölkern“, wissenschaftliche „Randbereiche“ werden ausgelotet, unverstandene Genies und fanatische Gurus hinterlassen ihre Spuren, feministische und basisdemokratische Züge sind vorhanden – aber auch Elitedenken und Rassismus -, Heilungs-und Größenwahn steht neben ganzheitlichen medizinischen Ansätzen.

Die Tatsache, daß hier Mißbrauch betrieben wurde und wird entbindet mich jedenfalls nicht davon, im einzelnen zu überprüfen, was ich an esoterisch genannten Erfahrungen anregend finde, wie weit ich jeweils mitgehen kann.

„Die Prophezeiungen von Celestine“ sind eine ausgezeichnete Chance, das auszutesten. Zum einen, weil ich hier auf unterhaltsame und hochgradig spannende Weise mit solchen Erfahrungen bekannt gemacht werde. Die Form des Abenteuerromans, die der amerikanische Sozialarbeiter und Therapeut James Redfield gewählt hat, erfüllt ihre Funktion exzellent:

Zusammen mit dem Romanhelden werde ich in dramatische Geschehnisse hineingerissen, fliege Hals über Kopf nach Südamerika und muß dort gegen Militärpolizei, Machtintrigen und Dschungel mein Überleben erkämpfen. Gleichzeitig lerne ich erstaunliche Menschen kennen und stoße auf Überreste uralter Kulturen und Keime einer globalen Revolution. Dabei ergibt sich wie von selbst, daß ich eine der Prophezeiungen nach der anderen nicht nur entdecke sondern auch anwenden muß …

Eine derartig packende und unaufdringliche Art von Ideenvermittlung ist außergewöhnlich und sympathisch: Ich fühle mich fast nie agitiert und kann zunächst mal das Buch von vorne bis hinten wie einen Krimi verschlingen.

Zum anderen: Hinter den Prophezeiungen stecken grundlegende „esoterische“ Annahmen über Mensch, Gesellschaft, Natur, Kosmos, Leben und Tod. Redfield benennt diese Annahmen nicht nur, sondern spielt durch, was passieren würde, wenn sie zur Grundlage unseres Handelns würden. Dabei baut eine Erkenntnis auf der vorhergehenden auf – so entsteht nach und nach die märchenhafte Vision einer (diesmal tatsächlich „schönen“) neuen Welt.

Dieser „große Entwurf“ als Ganzes ist für mich ausgesprochen faszinierend. So phantastisch manches anmutet, bringt es dennoch viel mehr in mir zum Klingen als die „machbaren“ Konzepte der Polit- und Finanzprofis.

Aber ich will ja beibehalten, genauer hinzusehen: Woraus setzt sich Redfields esoterisches Weltbild zusammen? Läßt sich Näheres sagen zu den einzelnen Steinen dieses Mosaiks?

Ja – dank des erklärenden Ergänzungsbandes, betitelt „Die Erkenntnisse von Celestine. Das Handbuch zur Arbeit mit den Neun Erkenntnissen“.

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Hier wird belegt: Keine der in den „Prophezeiungen“ literarisch eingekleideten „esoterischen Wahrheiten“ kommt aus dem hohlen Bauch. C. G. Jung beispielsweise hat das Konzept der „Synchronizität“ beigesteuert, laut dem bestimmte Ereignisfolgen alles andere als zufällig sind: Jeder Mensch, dem wir begegnen, hat eine bestimmte Botschaft oder Information für uns, die uns auf unserem Weg weiterbringen kann. Fritjof Capras Überlegungen zu einem „neuen Paradigma“ in den Naturwissenschaften und Rupert Sheldrakes, über räumliche Grenzen hinweg verbindenden, „morphogenetischen Felder“ werden einbezogen. Die „Kirlian-Fotografie“ findet Aufnahme, weil mit ihrer Hilfe die lebensenergetische „Aura“ um Lebewesen festgehalten werden kann. Auf die „Jenseits“-Forscherin Elizabeth Kübler-Ross, die Therapeuten Stanislav Grof, Eric Berne, mehrere fernöstliche Weise und viele andere wird verwiesen (Rassisten und dergleichen konnte ich nicht outen.) Insgesamt eine beeindruckende Zusammenstellung. Und gleichzeitig erstaunlich unvollständig.

Nehmen wir zum Beispiel die Annahme einer uns sowohl umgebenden als auch durchströmenden Lebensenergie. Redfield läßt uns miterleben, wie die bewußte Anwendung dieser Energie sämtliche Lebensgebiete von Grund auf verändern würde. Daß diese Energie verschiedene Menschen entdeckt und zum Beispiel „Chi“ genannt haben, steht auch im „Ergänzungsband“. Was mich betrifft, kann ich nicht mehr an ihrer Existenz zweifeln – zu viele Nachweise von Lebensenergie habe ich inzwischen aus dem Lager der „Reichianer“ zur Kenntnis genommen. Redfield dagegen hat nicht einmal Wilhelm Reich zur Kenntnis genommen.

Auch bei anderen Reformvorschlägen, die in Gestalt der „Prophezeiungen“ daherkommen, bleibt mir ein ähnliches „aber“:

– Die Erfahrungen der frühen Kindheit sollen aufgearbeitet werden, um spätere Lebensprobleme bewältigen zu können. Was Redfield dazu an erklärenden Modellen zu bieten hat, kenne ich von Freud, Fromm, Adler und vielen anderen unvergleichlich tiefgründiger.

– Eine ganzheitliche Medizin, welche „energetische Blockaden“ als Krankheitsursachen einbezieht, soll zu spürbarer Gesundung beitragen. Davon gehen auch sämtliche Körpertherapie-Richtungen aus und arbeiten seit Jahrzehnten daran – ohne hier Erwähnung zu finden.

– Ein nichtautoritärer Umgang mit Kindern wäre dringend vonnöten – prima, das hat ja unter anderem., völlig unesoterisch zwar, bereits Alexander Neill … Aber gleichfalls: Fehlanzeige.

– In Träumen verschlüsselte Informationen sollten in unser Wach-Leben integriert werden, fordert Redfield – aber hundert Jahre psychoanalytische Traumforschung ignoriert er. Was so als „esoterische Traumdeutungs-Variante“ übrig bleibt, ist vergleichsweise dürftig.

– Nur aus einem „historischen Blick“ auf unsere Gegenwart, der die menschliche Geschichte möglichst vollständig erfaßt, lassen sich sinnvolle zukünftige „Transformationen“ der menschlichen Gesellschaft ableiten. Da sehe ich sogar eine Parallele zum Marxismus, obwohl Marxisten andere Schwerpunkte in ihrem „Blick zurück“ setzen würden, die wiederum Redfields Jahrtausend-Bilanz befruchten könnten. Aber eben nur: könnten.

Redfields Roman durchzieht das glaubhafte Interesse an einer globalen „Gesundungs“-Konzeption, an deren Umsetzung sich möglichst viele Menschen beteiligen sollen. Wie kommt dann diese partielle Blindheit zustande gegenüber möglichen Bundesgenossen und zusätzlichen Belegen für die eigenen Auffassungen? Liegt es daran, daß Freud, Reich und Marx allem „Spirituellen“ ausgesprochen skeptisch gegenüberstanden? Machen psychoanalytische Erkenntnisse über die Mühsal einer Seelenheilung typisch esoterische Hoffnungen auf schnelle Besserung zunichte? Wird es „unesoterisch“, wenn an Lebensenergie nicht nur geglaubt, sondern sie auch noch gemessen und in Geräten wie dem Orgonakkumulator zur Anwendung gebracht werden soll? Gehen Esoterik und „rote Socken“ nach Redfields Meinung nicht zusammen? Ich weiß es nicht.

Aber vermutlich ist diese Ausgrenzung gegenseitig. Marxisten, Reichianer und Freudianer finden neben Übereinstimmungen sicher ebenfalls genug Unvereinbares bei „den Esoterikern“. Bloß: Wenn wir dabei stehenbleiben, was wird dann aus dem notwendigen gemeinsamen Engagement? Wenn jemand mit mir zusammen das Leben auf diesem Planeten erhalten möchte, halte ich das auf jeden Fall für eine gute Brücke über andere Weltanschauungs-Differenzen hinweg.

Daß ich diese Differenzen mit James Redfield habe, rückt mir seine Romanfortsetzung wieder ins Licht: „Die Zehnte Prophezeiung“.

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In der Hoffnung auf eine „alles erklärende“ zehnte Erkenntnis, begibt sich der Romanheld diesmal auf heiliges Indianerland. Aber das ist noch die unspektakulärste Reise, die ihm bevorsteht: Die zehnte Erkenntnis öffnet ihm die Tür ins „Jenseits“ und er macht reichlich Gebrauch davon. Was er dort seelenwandernderweise in Erfahrung bringt, ermöglicht ihm und seinen Freunden, eine drohende Umweltkatastrophe zu verhindern. Und nicht nur das: Sie finden eine gemeinsame Vision, die Vergangenheit (einschließlich eigener früherer „Inkarnationen“), Gegenwart und Zukunft, „Diesseits“ und „Jenseits“, Esoterik, Politik, Wirtschaft, Ökologie … umschließt.

Redfields ganzheitlicher Ansatz reicht sehr weit: Es genügt nicht, mit uns selbst, mit anderen Menschen und der irdischen Natur im Kontakt zu stehen. Wollen wir den versprochenen „Quantensprung“ wahrhaftig vollführen, müssen wir auch noch Ordnung in unsere diversen Vorleben bringen und gute Beziehungen zu der uns umgebenden Geisterwelt aufbauen.

Hier steige ich aus – und bin gleichzeitig traurig, nicht mehr richtig mitphantasieren zu können: Jenseits-Kontakte hatte ich noch nicht. Und wenn es das überhaupt gibt, warum hat dann meine verstorbene Frau mir niemals einen Tip zum Thema Kindererziehung zukommen lassen – gewünscht hätte ich es mir. Vielleicht habe ich auch nur Angst, mich nun auch noch auf „sowas Verrücktes“ einzulassen. Soll ich mein Weltbild schon wieder umschmeißen, werden mich meine Freunde und Bekannten (und Leser) noch akzeptieren, wenn ich das auch nur in Betracht ziehe? Aber ich ziehe es ja sowieso in Betracht: Ich halte es immerhin nicht für unmöglich und ich würde mir sogar wünschen, Redfield hätte Recht. Schließlich wäre es mir viel lieber, wenn mit meinem Tod nicht „alles vorbei“ ist. Und das verspricht mir Redfield nicht nur, sondern liefert einen Erklärungsansatz, der über religiöse Dogmen hinausgeht, gleich mit:

Entsprechend seiner Auffassung besteht die Entwicklung vom Urknall bis zur Tier- und Menschwerdung vor allem darin, daß Lebensenergie immer fortgeschrittenere Formen, höhere Energieniveaus annimmt. Und er hält diesen Wachstums-Prozeß – und damit auch die menschliche Entwicklung – keinesfalls für abgeschlossen: Ein paar Energieniveaus weiter werden Menschen dazu in der Lage sein, das, was jetzt „Seelenwanderung“ und „Wiedergeburt“ genannt wird, bewußt herbeizuführen. Aus der momentan noch scheinbaren Einbahnstraße in´s „Jenseits“ wird ein allgemein zugänglicher Kreisverkehr: Ich kann dann zwischen diesen verschiedenen Existenzebenen willkürlich wechseln …

Wie genau ich zu diesem Zustand gelangen soll, verrät mir der Autor (noch) nicht. Aber er bleibt auch nicht stehen beim reinen Theoretisieren. Zumindest für die ersten neun Erkenntnisse gibt es im „Ergänzungsband“ ausführliche Anleitungen zu „Selbstversuchen“ und Gruppenübungen. Was ich an sich für eine gute Sache halte: Prüfstein Praxis. Aber bei diesen Übungen tritt dann gelegentlich doch wieder etwas von jener abstoßenden Seite der Esoterik zu Tage, zum Beispiel im „Schritt 2: Nachdem jeder seinen Wunsch verkündet hat, wird er von der Gruppe bestätigt und liebevolle Energie wird an den Sprecher und seine Situation gesandt“ – einfach mal so. Und das am Ende einer mit zweieinhalb Stunden veranschlagten ersten (!) Begegnung einer Gruppe von bis zu fünfzehn sich bis dato völlig fremden Menschen. Tut mir leid, aber so ruckartig eine frei fließende Liebesbeziehung unter Durchschnittsneurotikern herstellen zu wollen, das halte ich für ausgemachten Quatsch, für Psycho-Theater oder bestenfalls für den Ausfluß realitätsfernen „positiven Denkens“.

Von letzterem schwappt denn tatsächlich so einiges durch diesen „Ergänzungsband“, der sich leider überhaupt bierernster nimmt als die beiden Romanteile und mir manchmal doch das Gefühl gibt, ich soll missioniert werden. Wird hier eine neue Erleuchtungs-Fabrik in kommerziell erfolgreiche Gänge gebracht? Ist ein „Celestine-Kult“ in Arbeit? Dieses mal allerdings entspannt mich das zugehörige Vorwort ein wenig. Dort schreibt James Redfield:

„Sollten Sie auf jemanden stoßen, der für die Vermittlung dieser Ideen und Konzepte Geld verlangt, empfehle ich Ihnen, daß Sie sich ihm gegenüber genauso kritisch verhalten, als würden Sie irgendeine andere Ware von einem Fremden angeboten bekommen. Es gibt keine Celestine-Schule, die akkreditierte Trainer ausbildet, und es wird sie auch niemals geben.“

 Na hoffentlich. Apropos Vorwort. Zum Schluß will ich noch bekennen, daß ich sogar jener ganz am Anfang zitierten Behauptung zunehmend etwas abgewinnen kann: Wenn immer mehr Menschen anfangen, sich ihrer selbst und ihrer Umwelt bewußt zu werden und in diesem Bewußtsein auch auf andere Menschen zugehen, sie damit „anstecken“, wird irgendwann eine „kritische Masse“ erreicht, die erdumspannende Veränderungen nach sich zieht … Wäre das schön!!

 

 

Frühere Veröffentlichung in ICH – die Psychozeitung 1/1996.