Zu Besuch im Bostoner Wilhelm-Reich-Archiv (2012)

von Andreas Peglau

Bevor Wilhelm Reich am 3.11.1957 in den USA starb, hatte er testamentarisch festgelegt, dass seine Hinterlassenschaft erst 50 Jahre nach seinem Tode der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Im November 2007 war es soweit.

Im Rahmen meines Buch- und Dissertationsprojektes „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ habe ich im Januar 2012 – offenbar als erster deutschsprachiger Forscher – dieses nun in der Medical School der Bostoner Harvard University befindliche Archiv besucht.

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Mein Ziel war nicht nur, hier bislang unbekannte Details zur Psychoanalysegeschichte zu finden. Ich wollte auch mehr Licht bringen in das Zusammenwirken und die Konflikte zwischen Reich und der KPD bzw. der europäischen Linken. Beides war mir möglich. Die Ergebnisse liegen inzwischen gedruckt vor (Peglau 2013). Daher will ich mich hier auf einige Details beschränken, die mir zusätzlich mitteilenswert erscheinen.

Zunächst – für alle, die vielleicht selbst einmal in diesem Archiv arbeiten möchten – einige Informationen zu den Rahmenbedingungen.

Reichs Erbe wird verwaltet und gepflegt vom Wilhelm Reich Infant Trust:

http://www.wilhelmreichtrust.org/

Dieser Trust organisiert öffentliche Veranstaltungen, gibt Bücher und anderes Material heraus, initiiert Projekte und unterhält im Bundesstaat Maine, an Reichs letztem Wohnort, das Wilhelm Reich Museum:

http://www.wilhelmreichtrust.org/museum.html

Um für das Archiv – über dessen, im März 1957 beginnende Geschichte informiert die Webseite des Trusts ebenso wie über die Reich-Biografie – eine möglichst gute Nutzbarkeit zu gewährleisten, wurde es an die Bostoner Harvard Universität gegeben. Das dort vorhandene Material wird auf der Webseite des Trusts in einem Verzeichnis vorgestellt, das unter

http://www.wilhelmreichtrust.org/archive_index.pdf

einsehbar ist.

Das Material ist übersichtlich in Boxen und Ordner gegliedert, meist entweder chronologisch, alphabetisch oder nach Sinnzusammenhängen geordnet.

boston Archiv 2 klein (2)

Ein großer Teil der nach 1939 entstandenen Dokumente ist in englischer Sprache verfasst, die früheren fast durchweg in Deutsch, einiges in skandinavischen Sprachen.

Anträge auf Einsichtnahme sind – unter für US-Privatarchive üblichen Voraussetzungen – direkt an die Leitung des Trusts zu richten. Erteilt diese ihr Einverständnis, gibt sie die Liste mit den bestellten Dokumenten weiter an die zuständigen Archivare der Harvard University.

Mit beiden Institutionen konnte ich effektiv kooperieren, so dass innerhalb weniger Wochen die Genehnmigung vorlag. Vor Ort unterstützt von meinem Freund, dem Reich-Forscher Philip Bennett, war es mir möglich, bald darauf im – im Keller der Medical School lagernden – Archiv zu recherchieren.

boston A 2 klein (2)

Nun zum Inhalt dieses Archivs.

Es enthält auch Fotos, Tonband- und Filmaufnahmen, aber natürlich vor allem Schriftstücke. Für an der Geschichte der Psychoanalyse Interessierte dürften insbesondere jene Dokumente von Bedeutung sein, die Reichs Entwicklung in Wien, Berlin und Skandinavien, also von den 1920er Jahren bis 1939 illustrieren. Dazu gehören Reichs sämtliche, vielfach mit entsprechenden Materialsammlungen (z.B. ca. 100 Seiten allein zur Niederschlagung des Wiener Aufstandes vom Juli 1927) verbundene Schriften, diverse Briefe bzw. Briefwechsel mit Sigmund Freud und anderen Psychoanalytikern wie Otto Fenichel, Edith Jacobssohn, Hellmuth Kaiser, Anna Freud, die weit über das hinaus gehen, was in Reich speaks of Freud[1] veröffentlicht wurde, von Reich gesammelte Rezensionen seiner Bücher, Zeitungsausschnitte, Rundschreiben, persönliche Urkunden und Aufzeichnungen (zum Beispiel ein 12-seitiges Manuskript „Zu meinem Ausschluss aus der KPD“) sowie Protokolle der Treffen des Einheitsverbandes für proletarische Sexualreform und Mutterschutz (von Reich später unter „Sex-Pol“ subsummiert), während derer Anfang 1933 die Auseinandersetzung mit Reichs angeblich konterrevolutionären Auffassungen stattfand. Ein von 1933 bis 1938 anhaltender Briefwechsel zwischen Reich und dem Internationalen Psychoanalytischen Verlag zu Reichs Buch Charakteranalyse macht darüber hinaus deutlich, dass die mehrfach geäußerte Ansicht, Freud oder die Internationale Psychoanalytische Vereinigung hätten Reich 1933/34 „vernichten“ wollen,[2] nicht zutrifft: Abgesehen von der Herstellung von Reichs Buch übernahm und behielt der, im Wesentlichen von der Freud-Familie gelenkte Verlag die komplette verlegerische Betreuung des Buches inklusive Werbung und Vertrieb. So hätte sich niemand verhalten, der Reich vernichten wollte.

Auch bezüglich Reichs, mit seinen fachlichen Standpunkten untrennbar verbundener politischer Entwicklung lassen sich diverse neue Erkenntnisse aus dem Archivmaterial gewinnen. Insbesondere war es mir anhand detaillierter Protokolle eines Reich-Mitstreiters möglich, die Auseinandersetzungen zwischen Reich und der KPD ab Herbst 1932 sehr genau nachzuvollziehen und – durch weitere Recherchen in Deutschland – vielen der handelnden Personen erstmals wieder Namen und Biografien zuzuordnen.[3]

Aus Fritz Hupfelds Protokoll der Diskussionen zu Reich auf dem KPD-Treffen vom 27.1.1933. Die dort angekündigte Auseinandersetzung ist - auch nach 1945 - niemals erfolgt, der offizielle Marxismus blieb so unpsychologisch wie eh und je.

Aus dem Protokoll der Diskussionen zu Reich auf dem KPD-Treffen vom 27.1.1933. Die angekündigte Auseinandersetzung ist nie erfolgt.

Zurück in Berlin, konnte ich in einem Brandenburgischen Archiv sogar diesem zuvor völlig unbekannten Mitstreiter und Protokollanten selbst – von dem in Boston nur der Namen auftauchte – identifizieren.

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Fritz Hupfeld, so stellte ich fest, war seit 1921 als Jugendfürsorger für die Stadt Berlin tätig, seit 1929 (und bis 1933) in einer leitenden Funktion im Berliner Kinderheim Lindenhof. Er wurde am 3.2.1895 geboren, trat 1921 der SPD, 1932 der KPD bei. Die KPD-Mitgliedschaft endete laut Hupfelds Personalakte von 1952 im Jahr 1933. 1945 wurde er wieder KPD-, 1946 SED-Mitglied. Seine Tätigkeit im Rang eines Regierungsrates im Strafvollzug Sachsen-Anhalts kündigte er 1949, weil er – so schreibt er in einem Lebenslauf von 1949 – nicht akzeptieren konnte, dass dort Todestrafen vollstreckt wurden. Er wurde nun Leiter des Strafvollzugsamtes von Brandenburg. Von seiner Enkelin erfuhr ich, dass er sich auch später für psychoanalytische Themen interessierte und dass er am 25.8.1974 starb.

Auszug aus der Personalakte (Bestand Landeshauptarchiv Brandenburg  Rep. 203, PA 472).

Auszug aus der Personalakte von 1952 (Bestand Landeshauptarchiv Brandenburg Rep. 203, PA 472).

Durch seine Protokolle hat Hupfeld ein wichtiges historisches Detail vor dem Vergessen geschützt.

In die Auseinandersetzungen mit Reich waren 1932/33 aber auch prominente KPD-Führungsfunktionäre wie Wilhelm Pieck, Ernst Schneller, Ernst Grube involviert, zudem heute weitgehend vergessene Personen wie der Vorsitzende der KP-nahen Massenorganisation IFA, Fritz Bischoff. In den bis Ende Februar 1933, also noch nach der NS-Machtübernahme stattfindenden Versammlungen wurde ein brisanter Streit geführt: um grundsätzliche Fragen kommunistischer Politik und Selbstdarstellung bis dahin, ob sich Psychoanalyse, Sexualreform und Marxismus verbinden lassen.

Ebenso finden sich im Bostoner Archiv ausführliche Reflexionen Reichs zu dessen im Herbst 1933 öffentlich mitgeteiltem Hinauswurf aus der Dänischen KP – deren Mitglied er jedoch nie war. Durch archivierte Briefe und Rezensionen erfährt man zudem von Kontakten zu Leo Trotzki, Willy Brandt (im Bundesarchiv Berlin habe ich entdeckt, dass Letzterer und Reich zusammen 1939 wegen Hochverrates angeklagt werden sollten),[4] Jacob Walcher und anderen Zeitgenossen aus dem linken Spektrum sowie aus der Westeuropäischen Freidenkerbewegung, den radikalen Sozialdemokraten und den Anarchosyndikalisten.

Anhand der Dokumente lässt sich ebenfalls miterleben, wie der zuvor glühende, wenn auch nie unkritische Kommunist Reich in den 1930er Jahren immer mehr auf einen antistalinistischen Kurs einschwenkte, den er alsbald auch öffentlich vertrat.

Auch über eine der großartigsten wissenschaftlichen und politischen Leistungen Reichs, seine bereits 1933 erschienene Massenpsychologie des Faschismus, finden sich in Boston zahlreiche Zusatzinformationen: von diversen – begeisterten wie diffamierenden – Rezensionen bis hin zu einem noch unveröffentlichten, handschriftlichen Manuskript mit massenpsychologischen Erörterungen.

Noch zu hebender Schatz: Unveröffentlichtes Reich-Manuskript

Noch nicht ausgewertet: unveröffentlichtes Reich-Manuskript.

Ich habe mich natürlich bemüht, während meines Boston-Aufenthaltes alles zu sichten, was für meine Themenstellung von Belang war. Doch selbst wenn mir das umfassend gelungen sein sollte, dürften sich in diesem Archiv noch diverse Schätze heben lassen: Reichs Wirken war ja wesentlich breiter gespannt.

 

Über diesen Archiv-Besuch habe ich bereits berichtet in International Newsletter of Communist Studies Nr. 25 (2012), S. 22-25: http://newsletter.icsap.de/home/data/pdf/INCS_25_ONLINE.pdf sowie in Werkblatt. Psychoanalyse und Gesellschaftskritik Nr. 69, Heft 2/29. Jg. 2012, S. 74-79: http://www.werkblatt.at/aktuell.html#69

Der vorliegende Artikel verwendet Abschnitte aus beiden Publikationen.

Die verwendeten Fotos stammen von Andreas Peglau und Philip Bennett.

 

Anmerkungen

[1] Reich, Wilhelm/Eissler, Kurt R. (1972): Reichs speaks of Freud, hg. von M. Higgins/Ch.M. Raphael, London: Condor.

[2] So z.B. Cremerius, Johannes (1997): Der „Fall“ Reich als Exempel für Freuds Umgang mit abweichenden Standpunkten eines besonderen Schülertyps, in Fallend, Karl/Nitzschke, Bernd (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 144.

[3] Reich selbst hat über diese Konflikte nur relativ knappe Angaben gemacht, Namensangaben zumeist vermieden, siehe insbesondere Reich, Wilhelm (1995) [1982]: Menschen im Staat, Frankfurt a. M.: Stroemfeld/Nexus.

[4] Siehe dazu Peglau, Andreas (2012): Wilhelm Reich und Willy Brandt als „Hochverräter“, in The International Newsletter of Communist Studies 2012: http://newsletter.icsap.eu/; S. 74-78 bzw. hier auf dieser Webseite. Außerdem Peglau, Andreas (2013): Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag Gießen.