Ein bislang weitgehend unbekannter Wilhelm-Reich-Text: Vorschläge für den Arbeitsplan der Arbeitsgemeinschaften der Weltliga für Sexualreform (1930/31)

von Andreas Peglau

Die KPD-nahe Massenorganisation ARSO verfolgte 1930 das Ziel, einen – durch Kommunisten geführten – deutschlandweiten Sexualreformverband zu gründen. An diesen Aktivitäten war bald auch Wilhelm Reich beteiligt.

Im September 1930, noch in Wien, war er vom Komitee der Weltliga für Sexualreform beauftragt worden, eine »sexualpolitische Plattform« für einen internationalen sexualreformerischen Zusammenschluss zu erstellen. Er erarbeitete daraufhin ein detailliertes Konzept mit theoretischer Grundlegung und praktischem Forderungskatalog. Diese Weltliga-Plattform legte er allerdings, wie er mitteilt, als Erstes nicht der Weltliga vor, sondern dem Zentralkomitee der KPD bzw. dessen Agit-Prop-Abteilung. Das ZK gab sie weiter an die kommunistische Ärztefraktion der KPD. Nachdem diese das Papier für gut befunden und Reich sich mit »einige[n] kleine[n] Abänderungen« einverstanden erklärt hatte, sei es auch vom ZK akzeptiert worden.

Der Vorstand der Weltliga für Sexualreform lehnte die Plattform hingegen als »kommunistisch« ab. Reich sei nun, schreibt er, mit der Absicht, einen »Einheitsverband für proletarische Sexualreform« aufzubauen, an die KPD-Leitung herangetreten. Damit dürfte er im Prinzip offene Türen eingerannt haben.

Spätestens seit Frühjahr 1931 erschien in Düsseldorf das Sexualreformblatt Die Warte. Kampforgan für Geburtenregelung, Mutterschutz und Geschlechtsethik, herausgegeben vom KPD-nahen Bund bewußter Sexualreformer. Hier wurde Reichs »sexualpolitische Plattform« unter dem Titel Vorschläge für den Arbeitsplan der Arbeitsgemeinschaften der WLSR (Weltliga für Sexualreform) auf drei Zeitungsseiten veröffentlicht. Dazu hieß es einleitend vonseiten der Warte-Redaktion:

»Zurzeit steht im Vordergrund des Interesses die Frage der Vereinheitlichung der verschiedenen sexualpolitischen Organisationen im nationalen und internationalen Maßstabe. […] Deshalb bringen wir gerne als eine Diskussionsgrundlage den Entwurf von Richtlinien, die der Genosse Dr. R. ausgearbeitet hat. Wir sind der Meinung, daß dieser Entwurf eine brauchbare Grundlage für die Diskussion zu einem Aktionsprogramm auf unserem Gebiet ist« (Die Warte April/Mai 1931, S. 5).

Ausgehend von der These, dass die »sexuelle Not der Massen« ein notwendiges Produkt der kapitalistischen Gesellschaft sei und daher nur mit dieser zusammen verschwinden könne, beschrieb Reich eingangs in seiner Plattform »die Grundelemente der sexuellen Misere in ihrem Zusammenhang mit der Wirtschaftsordnung«.

Zur »Abtreibungsfrage« hielt er fest, dass die Abschaffung des Paragrafen 218 nur sinnvoll sei, »wenn gleichzeitig an seine Stelle die gesellschaftliche Befürsorgung tritt, staatliche Schwangerschaftsunterbrechung, Propaganda und kostenlose Ausgabe der Verhütungsmittel, ausgiebige Säuglings- und Mütterfürsorge«. Zur »Wohnungsfrage« vermerkte er, dass ein
»[h]ygienisches Sexualleben […] zumindest Alleinseinkönnen der Sexualpartner« voraussetze. Das profitorientierte Wohnungsgewerbe mache dies jedoch für die Massen unmöglich und trage so zur Verrohung von deren Sexualleben bei. Über die Prostitution urteilte er, dass nicht die Prostituierten bekämpft werden müssten, sondern die Basis von deren Elend: Arbeitslosigkeit und bürgerliche Moral.

Den längsten Abschnitt widmete er dann »Neurosen und sexuellen Störungen«. Diese »durchseuchen die Massen der Werktätigen […] zu etwa 60% bei Männern und 90% bei Frauen«, seien »unmittelbare Folgen der bürgerlichen Sexualerziehung des Kindes, die sich in die verderbliche asketische Beeinflussung der Jugend und die Misere des späteren Ehelebens fortsetzt. […] In den Massen wuchern sie aufgrund des Konfliktes zwischen proletarischem Sexualleben und der ihnen aufgepfropften bürgerlichen Moral.« Die notwendige, im Kapitalismus aber unmögliche »Massenprophylaxe« habe die Beseitigung aller neuroseproduzierenden Institutionen zur Vorbedingung, also auch von »Eheleben und Familienerziehung«, da die Familie die »Ideologiefabrik« des Kapitalismus sei. Als »Hauptsache« müsse man »die Sexualfrage vollständig politisieren«, müsse also verdeutlichen, dass es sich hier um weit mehr handele als nur individuelle oder ärztliche Belange. Wiederholt wies er darauf hin, dass in Sowjetrussland erfolgreich damit begonnen worden sei, diese Probleme zu lösen, obschon »die Neurosenfrage in der Sowjetunion auch noch nicht voll zur Diskussion gestellt« worden sei. Unterzeichnet war der Beitrag mit »W.R.«.

Erstaunlich ist, dass nach der Abstimmung mit ZK und Ärztefraktion noch immer all diese Aussagen im Konzept erhalten geblieben waren und nun von der Warte so abgedruckt wurden. Sätze wie die über die sexuelle und neurotische Gestörtheit der »Massen der Werktätigen« – nicht also etwa nur der Bourgeoisie –, über die dem Proletariat »aufgepfropfte bürgerliche Moral« oder die Rolle der Familie als »Ideologiefabrik« sollten jedenfalls ab Ende 1932 als Begründungen für Reichs angeblich konterrevolutionäres Verhalten herangezogen werden.

Als am 2.5.1931 dann in Düsseldorf der erste von mehreren KPD-nahen »Einheitsverbänden für proletarische Sexualreform und Mutterschutz« gegründet wurde (zu dessen Leitungsgremium Reich alsbald zählen sollte), wurde diese Veranstaltung mit einem Referat von Reich eingeleitet und das in der Warte abgedruckte Programm diskutiert und akzeptiert. Die Warte (Mai/Juni 1931, S. 7) berichtete:

»Der Kongreß begrüßt […] die revolutionäre Politisierung der sexuellen Frage. […] Der Kongreß begrüßt die vorgelegte Aktionsplattform als Diskussionsgrundlage für die Schaffung eines Programms der einheitlichen proletarischen Sexualreformbewegung«.

Unten nun der vollständige Text dieses Artikels von Wilhelm Reich. Weitere Details dazu finden sich in meinem Buch Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, S. 91-115.

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