Ein Kommunist als „revolutionärer Sozialdemokrat“. Ergänzungen und Korrekturen zur Biografie Wilhelm Reichs

von Andreas Peglau[1]

 Schüller 3 Detail

 

Vorbemerkung

Seit einiger Zeit arbeite ich an der erweiterten dritten Auflage meines Buches Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Sie wird  im März 2017, zu Reichs 120. Geburtstag erscheinen und eine Vielzahl neuer Fakten enthalten. Einige Entdeckungen will ich vorab bekannt machen: Archivfunde, u.a. in den Akten der Kommunistischen Internationale (Komintern),[2] ermöglichen die Neudatierung wesentlicher Details der Biografie Reichs sowie eine teilweise Umwertung seiner Rolle in der österreichischen „Linken“.

(Text als pdf-Dokument herunterladen: Peglau Reich – ein Kommunist als Revolutionärer Sozialdemokrat 2017)

Bislang bin ich davon ausgegangen, dass Wilhelm Reich 1927 in die SDAP[3], die sozialdemokratische Partei Österreichs eintrat, bis zu seinem Hinauswurf 1930 deren Mitglied blieb und erst danach in die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) eintrat (Peglau 2015, S. 48, Fn. 47). Erschwert wird eine exakte Datierung dadurch, dass Reichs Angaben zu seinem KPÖ-Eintritt nicht eindeutig sind – was offenkundig der Tatsache geschuldet ist, dass er 1953 in den USA, mitten in der Kommunisten-Hetze Joseph McCarthys, nach Formulierungen suchte, die ihn nicht dessen Verfolgung aussetzen würden.[4] So findet sich in Reichs Aufzeichnungen ursprünglich die Auskunft, er sei im Juli 1927 KPÖ-Mitglied geworden, dann stattdessen, er sei zu diesem Zeitpunkt der Ärztegruppe der Arbeiterhilfe beigetreten, einer KPÖ-nahen Organisation (Reich 1995, S. 42).[5] Ich gehe weiter davon aus, dass die zweite, sehr plausible  Behauptung zutrifft. Dass auch die erste stimmen könnte, hielt ich bisher für unmöglich: Spätestens nachdem sich ab 1928 in der Komintern einbürgerte, Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“ zu verteufeln,[6] konnte es doch keine Doppelmitgliedschaft in SDAP und KPÖ mehr gegeben haben!

Im Gegensatz zu mir beharrte Philip Bennett auf der These einer gleichzeitigen KPÖ- und SDAP-Zugehörigkeit (Bennett/Hristeva 2016, S. 3)[7] – und hatte damit, das lässt sich nun mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, recht. Während ich nach zusätzlichen Belegen für einen bereits fertiggestellten Beitrag über die „Revolutionären Sozialdemokraten“ suchte, stieß ich auf ein Dokument, das diesen Sachverhalt belegt. Damit nicht genug, ist auch eine verblüffende Mitteilung über Reichs SDAP-Mitgliedschaft zu machen. Ich will im Folgenden versuchen, das sich aus all dem bisher ergebende Bild im Zusammenhang darzustellen.

 

Das Komitee revolutionärer sozialdemokratischer Arbeiter

Um die von ihm als notwendig empfundenen Umwälzungen auf dem Weg zum Sozialismus mitzugestalten, war Reich 1927 Mitglied der in Wien regierenden SDAP geworden. Seine Desillusionierung über deren Führung setzte noch im selben Jahr ein, als er am 15. und 16.7.1927 Zeuge wurde, wie im Wiener Stadtzentrum ein Aufstand blutig unterdrückt wurde, ohne dass die SDAP versuchte, die Arbeiter zu schützen (Reich 1995, S. 36-45). Dieser Aufstand war ausgelöst worden durch den Freispruch von Mitgliedern der monarcho-faschistischen „Frontkämpfervereinigung“, die zwei Teilnehmer eines sozialdemokratischen Demonstrationszuges ermordet hatten.[8] Nachdem einige der Aufständischen den Wiener Justizpalast in Brand gesteckt hatten, setzte die Polizei Schusswaffen ein. 85 Arbeiter wurden getötet sowie vier Polizisten.[9]

Offenbar zog Reich daraus umgehend zwei Konsequenzen: Zum einen trat er am selben Tag der KPÖ bei – dazu gleich mehr. Zum anderen verließ er bald darauf die Reihen der SDAP. Der Beweis dafür findet sich in einem Schreiben, das mit Datum vom 15.9.1927 an den Arzt, Psychoanalytiker und Sozialdemokraten Josef Karl Friedjung gesandt wurde:

„Werter Genosse!
Als Obmann der Vereinigung sozialistischer Ärzte in Wien teilen wir [sic] Ihnen mit, dass der Assistent Dr. Wilhelm Reich am Psychoanalytischen Ambulatorium, Neuthorgasse 8, seinen Austritt aus der Partei vollzogen hat unter der Begründung, dass ihm [sic] die Vorfälle am 15. und 16. Juli dazu zwingen. Wir haben diese Austrittsmeldung zur Kenntnis genommen und benachrichtigen Sie hievon.
Mit Parteigruss
(Unterschrift, unleserlich)“[10]

Da aber eindeutig belegt ist, dass ihn die SDAP 1930 ausschloss, ist wohl nur ein Schluss möglich: Reich trat irgendwann nach dem September 1927 erneut bei den Sozialdemokraten ein. Warum allerdings sollte er das getan haben? Denkbar ist, dass er von KPÖ-Genossen gebeten wurde, ihnen Erkenntnisse über die Arbeit der Sozialdemokraten zu verschaffen. Dazu will freilich nicht recht passen, dass Reich sich vor Dezember 1929 in der SDAP in keiner Weise hervortat,[11] was aber nötig gewesen sein dürfte, um Zugang zu brisanten Informationen zu erlangen. Und auch im Dezember 1930 ging die Initiative zur Gründung der Revolutionären Sozialdemokraten nicht von ihm aus, wie sich erweisen wird. Festzuhalten bleibt ebenfalls: Reich hat nicht von vornherein eine Doppelmitgliedschaft in zwei Parteien angestrebt. Und offensichtlich hatte er seinen KPÖ-Eintritt geheim gehalten.

Über die Entwicklung ab Sommer 1927 schrieb er rückblickend: „Nach der tiefen moralischen Niederlage vom 15. Juli ging es mit der mächtigen österreichischen Sozialdemokratie langsam aber sicher bergab“ (Reich 1995, S. 89). Auch Karl Fallend charakterisiert das weitere Vorgehen der SDAP als durch diverse Niederlagen, Rückzüge und Kompromisse gekennzeichnet. Zudem „wurde immer deutlicher, dass […] die Vormachtstellung der Sozialisten“ keine „politische Sicherheit für die junge parlamentarische Demokratie“ bot (Fallend 2007, S. 51-54). Diese war insbesondere durch die Stärkung der von Benito Mussolini massiv unterstützten, faschistoid-militanten „Heimwehr“[12]  bedroht. Wie aus später bekannt gewordenen Dokumenten hervorgeht, hatten sich Führer dieser Gruppierung schon im August 1929 schriftlich verpflichtet, „die entscheidende Aktion zur Änderung der österreichischen Staatsverfassung“ – also einen Staatsstreich – spätestens „zwischen 15. Februar und 15. März [1930] durchzuführen“, aber „mit allen Kräften [zu] trachten, die Aktion bereits im Herbst dieses Jahres zu unternehmen“.[13] Nicht zuletzt um eine solche Entwicklung zu verhindern, stimmte die SPÖ-Führung einer auch von der Heimwehr angestrebten Verfassungsänderung zu, die jedoch weiterer Entdemokratisierung Vorschub leistete (Berchtold 1998, S. 562–572)[14] und sich als Weichenstellung zum 1934 ausbrechenden Bürgerkrieg und dem Entstehen des „Austrofaschismus“ erweisen sollte. Diese Verfassungsänderung führte unter den SDAP-Parteigängern zu wachsender Empörung. Resultat war u.a. die, durch Wilhelm Reich mitgestaltete Gründung eines „Komitees revolutionärer sozialdemokratischer Arbeiter“. 1.500 Wienerinnen und Wiener folgten am 13.12.1929 dessen Aufruf zu einer Protestkundgebung.[15]

Reich, der sowohl SDAP- als auch KPÖ-Anhänger eingeladen hatte, bezahlte Saalmiete, Flugblätter sowie Plakatierung und hielt das Hauptreferat. Darin geißelte er mit scharfen Worten das Versagen der SDAP-Führung. Die mit deren Zustimmung veränderte Verfassung sei „bereits eine faschistische Diktaturverfassung“, in Österreich herrsche nun eine „bürgerliche […], faschistische, kapitalistische [Demokratie]“. Er benannte als „unsere Forderungen“: „1. Die Faschisten hinaus aus allen Betrieben. 2. Zurückziehung des Aufmarschverbotes für Wien. 3. Offensiver Kampf gegen die Faschisten. […] 4. Rede- und Kritikfreiheit innerhalb der Partei“. Ein Stenogramm seiner Rede hält auch diese Aussagen fest: „Der Bürgerkrieg ist unvermeidlich, weil der Gegner dazu entschlossen ist und wir […] nicht mit der Waffe des Geistes seine Maschinengewehre bestürmen können. […] Wir sind bereit zum Kampf mit allen Mitteln, auch mit denen der Gewalt“. Auf die mit „stürmischem Beifall“ aufgenommene Rede folgten erregte Diskussionen und der Auszug der meisten Sozialdemokraten (Fallend 2007, S. 59-66, Reich 1995, S. 127f.).

Die Wiener KPÖ-Zeitung Rote Fahne widmete der Versammlung ihre Titelseite.

Rote Fahne Wien, 14.12.1929, S. 1 und Fortsetzung auf S. 2.

Rote Fahne Wien, 14.12.1929, S. 1 und Fortsetzung auf S. 2.

Die SDAP-Arbeiterzeitung versuchte, die Initiatoren als „kommunistische Schwindler“ verächtlich zu machen:

Arbeiter-Zeitung Wien, 15.12.1929, S. 5

Arbeiter-Zeitung Wien, 15.12.1929, S. 5

Die bürgerliche Presse witterte „eine Spaltung der Sozialdemokratie“, die Polizei berichtete dem Bundeskanzler, das Komitee rufe „eine lebhafte Bewegung in der Arbeiterschaft“ hervor (Fallend 1988, S. 179, 183, 187). Da Reich insbesondere durch sein Bekenntnis, nötigenfalls Gewalt einsetzen zu wollen, die offizielle SDAP-Linie verließ und sich KP-Auslegungen näherte, distanzierten sich zwei Komiteegründer umgehend von ihm – so dass Reichs Gewicht innerhalb des Komitees wohl noch zunahm. Diesem informellen Zusammenschluss, der weder Statut noch feste Mitgliedschaften hatte, gehörten bald mehrere hundert Menschen an.[16]

 

„Linke“ Reaktionen

Noch am 14.12.1929 gab die deutsche Rote Fahne (S. 3) die Wertung des Komintern-Organs Internationale Pressekorrespondenz (Inprekorr) wieder, dass jetzt innerhalb der SDAP eine „Arbeiteropposition“ existiere. Dem folgte, erneut auf Seite 3, am 17.12.1929 eine ausführliche Mitteilung der deutschen Roten Fahne über die Gründung des Komitees, welches „ein verheißungsvolles Symptom der Loslösung breiter Massen“ vom „Einfluß der sozialfaschistischen Führer“ sei. Statt überschwänglich ging es dann jedoch mahnend weiter:

„Das bedeutet aber noch nicht, dass diese Massen sich bereits jetzt ohne weiteres der Kommunistischen Partei zuwenden. Jede Bildung von Splittergruppen aus den von der Sozialdemokratie sich lösenden Massen würde aber die revolutionäre Entwicklung des österreichischen Proletariats hemmen. Es kann keine Partei zwischen den Sozialfaschisten und der Kommunistischen Partei geben.“

Rote Fahne (Deutschland), 17.12.1929

Rote Fahne (Deutschland), 17.12.1929

 

Damit brachte die deutsche Rote Fahne auch die Haltung des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) zum Ausdruck: Die Schwächung der SDAP war höchst erwünscht, als Alternative durfte es jedoch ausschließlich die KPÖ geben. Das Auftauchen eigenständiger, von der KP unabhängiger „linker“ Gruppierungen wurde deshalb als umgehend zu bekämpfendes Risiko gesehen und nicht etwa als Chance.[17]

Am 3.1.1930 erschien die erste von letztlich nur drei Ausgaben der von Reich gegründeten,[18] wohl auch finanzierten (Fallend 1988, S. 188) Zeitung Der Revolutionäre Sozialdemokrat. Dort warnte Reich vor der heranrückenden „Aufrichtung der faschistischen Diktatur“[19] und fragte: „Wie konnte es geschehen, daß im ‚demokratischen‘ Österreich, in dem die relativ größte sozialdemokratische Partei der Welt besteht, die noch dazu von Wahl zu Wahl in den letzten Jahren gewachsen ist, der Faschismus immer mehr an Boden gewinnt?“[20] Darauf fand er allerdings noch keine psychosozialen, sondern rein politische Antworten.

Am 16.1.1930 wurde Reich wegen parteischädigenden Verhaltens von einem Schiedsgericht der SDAP ausgeschlossen (ebd.). Er setzte jedoch seine Aktivitäten mit den Revolutionären Sozialdemokraten fort. Richard Schüller, Mitglied des KPÖ-ZK und Chefredakteur der Wiener Roten Fahne[21] vermerkte in der Inprekorr 7/1930, S. 120f. zur „Lage in Österreich“:

„Schon zeigt sich in den Reihen der Sozialdemokratischen Partei – zum ersten Male – eine insgeheim merkliche Arbeiteropposition, wenngleich sie auch noch alle Halbheiten und Schwächen der mit Illusionen behafteten, jedoch ehrlich strebenden revolutionären sozialdemokratischen Arbeiter aufweist.“

Am 25.2.1930 kündigt Schüller in der Inprekorr an, „die Revolutionären Sozialdemokraten“, die „Opposition der Sozialdemokratischen Arbeiter“ würden am 6.3.1930 an dem von der Komintern ausgerufenen „Internationalen Kampftag für Arbeit und Brot“ teilnehmen.[22] Über diese Kundgebung berichtete am 7.3.1930 die Wiener Rote Fahne, Reich habe dort neben Mitgliedern des KPÖ-ZK und dem KPD-Reichstagsabgeordneten Eduard Alexander vor „10.000 Demonstranten“ gesprochen, die sich nach „Hungermärschen durch die Innenstadt am Freiheitsplatz versammelten“ (Fallend 1988, S. 188-191).[23] Diese Kooperation mit der KP könnte vermuten lassen, dass die Komintern das von Reich (mit-)geleitete Komitee nun doch als erhaltenswert einstufte. Aber weit gefehlt.

 

Eine „vertrauliche“ Komintern-Instruktion

Seit Januar 1930 schlugen sich die Wiener Vorgänge in den Dokumenten der „Politischen Kommission des Politsekretariats“ des EKKI nieder. In den folgenden Wochen diskutierten Kominternsekretäre mehrfach und kontrovers, was zu tun sei; Politbüromitglied Molotow, späterer Regierungschef und Außenminister, war einbezogen.[24] Am 17.3.1930 lag dann auf Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch die endgültige Fassung der „vertraulichen“ Instruktion für das KPÖ-ZK vor.[25]

Deren erster Satz lautete: „Das Z.K. hat unverzüglich Massnahmen zur Liquidierung des bestehenden Komitees oppositioneller sozialdemokratischer Arbeiter zu ergreifen.“ Innerhalb dieses Komitees sei „eine Initiativgruppe zu schaffen, die eine Kampagne für einen neuen Kurs des Komitees und der Zeitung […] einleiten soll“, nämlich: „Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei, Eintritt in die Kommunistische Partei“. Sollte diese Initiativgruppe „aus den – sozialdemokratischen – Führern dieses Komitees bestehen, umso besser“. „Unzulänglichkeit“ und „Halbheiten“ der internen SDAP-Opposition seien zunächst – ganz wie es, sicherlich in Kenntnis der „Linie“, Richard Schüller bereits getan hatte – „kameradschaftlich“ zu kritisieren und zu zeigen, „dass es nur einen Weg gibt: den Weg zur Kommunistischen Internationale“. Gleichzeitig solle „das Z.K. unverzügliche Massnahmen zur Aenderung der Linie der Zeitung ‚Der revolutionäre Sozialdemokrat‘ im Geiste der Weisungen des Polsekretariats ergreifen.“ Dort sei „eine Diskussion“ über den Übertritt zur KPÖ „einzuleiten“. Gelänge dies, sei zu erwägen, die Zeitung „in ein Organ der revolutionären Gewerkschaftsopposition“ umzuwandeln. Sollte sich dagegen zeigen, dass „die Linie der Zeitung auseinandergeht mit den Losungen der Partei“, müsse „das Z.K. einen entschiedenen Kampf gegen diese Zeitung führen“ und Befürworter eines Weiterbestehens der Revolutionären Sozialdemokraten als „Agenten Bauers“, also des damaligen SDAP-Cheftheoretikers Otto Bauer, „entlarven“ – im Klartext: denunzieren. Der herbeizuführende KPÖ-Übertritt könne „in öffentlichen Versammlungen geschehen“ und sei u.a. durch die Wiener Rote Fahne „agitatorisch auszunutzen“ um – mit Verweis auf „den täglichen Verrat durch den Sozialfaschismus“ – „möglichst grosse Massen von Arbeitern aus der Sozialdemokratischen Partei  herauszureissen“. Bemerkenswerterweise enthält das gesamte, drei Seiten umfassende Schriftstück keine Formulierung, die auch nur andeutet, dass sich Reich unter den Führern des Komitees befand.

 

EKKI 1 1930 (2)

 

Am 15.4.1930 verkündete Wilhelm Reich als Repräsentant der Revolutionären Sozialdemokraten bei einer öffentlichen Veranstaltung deren Übertritt zur KPÖ. Dem schlossen sich umgehend 90 Sozialdemokraten an. Das ließ sich, verbunden mit mehrfacher Nennung Reichs, am nächsten Tag auf Titelblatt und Seite Zwei der Wiener Roten Fahne entnehmen. Als Anlass des Parteienwechsels wurde auf das am 5.4.1930 von der SDAP mitbeschlossene „Antiterrorgesetz“ verwiesen, das unter anderem Lohnkämpfe erschwerte (Berchtold 1998, S. 575). Wegen dieses Gesetzes sei es für die Revolutionären Sozialdemokraten, so wurde Reich zitiert, „Ehrensache, jetzt, nach dem großen Verrat der Sozialdemokratie“, zur KPÖ zu wechseln. Damit, hieß es weiter, habe auch die Zeitung Der revolutionäre Sozialdemokrat, „deren Auflage in letzter Zeit besonders angestiegen ist, […] ihr Erscheinen eingestellt“. Entsprechend der EKKI-Instruktion kommentierte die Redaktion der Wiener Roten Fahne: „Wir Kommunisten haben […] vom ersten Tage an die Illusionen und Halbheiten der revolutionären Sozialdemokraten scharf, wenn auch kameradschaftlich abgelehnt“. „Ehrliche und revolutionäre Arbeiter“ könnten „zwischen SP und KP nicht herumschwanken und auf Dauer Opposition spielen“.

 

Rote Fahne (Wien), 16.4.1930

Rote Fahne (Wien), 16.4.1930, S. 1-2.

Rote Fahne (Wien), 16.4.1930, S. 1-2.

 

Auch die ebenfalls am 16.4.1930 informierende deutsche Rote Fahne (S. 7) hielt für hervorhebenswert, dass Der revolutionäre Sozialdemokrat nicht mehr erscheine und verwies auf „Massenveranstaltungen“, bei denen die Gründe für den KPÖ-Übertritt öffentlich dargelegt würden.

 

Rote Fahne (Deutschland), 16.4.1930

 

Mehr als ein Dutzend dieser Veranstaltungen fanden – von der Wiener Roten Fahne propagiert – im April und Mai 1930 in- und außerhalb von Wien statt. Einige wurden durch Lesungen des deutschen Dichters und Kommunisten Erich Weinert festlich umrahmt (Fallend 1988, S. 192). Reich war vielfach beteiligt.

 

Rote Fahne Wien, 19.4.1930, S. 1

Rote Fahne Wien, 19.4.1930, S. 1

 

Rote Fahne Wien, 20.5.1930, S. 3

Rote Fahne Wien, 20.5.1930, S. 3

 

Laut internen Mitteilungen der Komintern[26] kam es auf diese Weise immerhin zu 800 Übertritten:[27] bei einer Gesamtzahl von kaum mehr als 3.000 KPÖ-Mitgliedern[28] also ein enormer Zuwachs. Daran, dass die KPÖ im Vergleich zur SDAP zumindest quantitativ kaum ins Gewicht fiel – die österreichischen Kommunisten hatten bei der Wahl von 1927 gerade einmal 16.000 Stimmen bekommen, die SDAP mehr als anderthalb Millionen – änderte dies jedoch nichts: Die Sozialdemokraten holten sich einen erheblichen Teil der Überläufer durch individuelle Gespräche wieder zurück,[29] „Säuberungen“ reduzierten die Mitgliederzahl zusätzlich (Fallend 1988, S. 170, 192). Im Juli 1930 sollte Willi Schlamm – dem Reich gut bekannt war[30] – in der KPD(O)-Zeitschrift Gegen den Strom rückblickend von der österreichischen „Gruppe linker Sozialdemokraten“ berichten, „über die in der gesamten Presse der Komintern in den vergangenen Monaten so viel geschrieben wurde. Man hörte da von ‚Massenübertritten zur KP.‘, ‚Massenflucht aus der SPÖ‘ [= SDAP], ‚Spaltung der SPÖ‘ – alles im Zusammenhang mit der erwähnten Gruppe“ (Schlamm 1930, S. 429).[31]

Doch konnte Schlamm diese Erwartungen bereits mit einer im Mai 1930 vom Exekutivkomitee der Komintern getroffenen Einschätzung kontrastieren:

„Die mit der Organisierung von oppositionellen Arbeitergruppen im Rahmen der Sozialdemokratie gemachten Erfahrungen (Herausgabe der Zeitung ‚Der revolutionäre Sozialdemokrat‘, Versammlungen oppositioneller sozialdemokratischer Arbeiter, Beteiligung von Parteivertretern im Komitee der sozialdemokratischen Arbeiteropposition sowie der Schaffung lokaler Sektionen dieses Komitees) haben gezeigt, dass diese Methode der Eroberung sozialdemokratischer Arbeiter gänzlich ergebnislos war“ (ebd., S. 430).

Was Schlamm kannte, war freilich nur die offizielle Auslegung. Angesichts der EKKI-Instruktion vom März 1930 ist davon auszugehen, dass es von vornherein die Absicht der Komintern war, diese „Methode“ so bald als möglich für gescheitert zu erklären. Zudem fiel, wie zu zeigen sein wird, noch im September 1930 die kominterninterne Bilanz bezüglich der Revolutionären Sozialdemokraten weit positiver aus.

 

„Undercover“ in der SDAP

Bis auf die Tatsache, dass die Zeitschrift Der revolutionäre Sozialdemokrat wohl nicht die Kriterien für eine Weiterführung erfüllte, war also genau geschehen, was sich das EKKI gewünscht hatte. Dass auch Reich in diese Richtung gewirkt hatte, war die logische Konsequenz eines Schrittes, den er früher, wahrscheinlich tatsächlich schon 1927 gegangen war:[32] sein Eintritt in die KPÖ. Seine bereits länger bestehende KPÖ-Mitgliedschaft belegen die Kominternakten über eine „Sitzung des Mitteleuropäischen Ländersekretariats des EKKI“. Bei dieser, vom 23.9. bis 25.9.1930 ausschließlich Österreich gewidmeten Zusammenkunft war u.a. EKKI-Sekretär Dmitri Manuilski zugegen. Den Auftakt machte Richard Schüller mit einem „Bericht über die allgemeine Lage in Oesterreich“. Man könne jetzt erstmals Zeichen für einen „Umschwung“ bei den Arbeitern erkennen, teilte er mit. Den Beweis dafür liefere insbesondere

„die Tatsache, daß die Gruppe der revolutionären Sozialdemokraten zu uns übergetreten ist. Diese Strömung […] innerhalb der S.P.[Ö] wurde nicht von unserer Partei erfunden oder ausgedacht, sondern sie ist wirklich selbst entstanden. Solche Sachen haben wir früher gemacht, daß wir versuchten (was ich sage, ist nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt), eine solche Opposition zu organisieren, […] aber was ist dabei herausgekommen? Ein einziges Mitglied ist schließlich zu uns übergetreten […]. Diesmal ist die Opposition aus der Masse der unzufriedenen sozialdemokratischen Arbeiter selbst entstanden. In einem proletarischen Bezirk […], wo die […] Elite der sozialdemokratischen Arbeiterschaft ist, sind nach der Verfassungsänderung diese Strömungen entstanden, und da sind die einzelnen Funktionäre nicht an unsere Partei herangetreten, sondern an den Gen. Reich, der früher in der Sozialdemokratischen Partei war, gleichzeitig aber auch bei uns,[33] und sie haben von ihm verlangt, ihnen bei der Organisierung dieser Opposition zu helfen“ (AWA, Protokoll 2, S. 25f.).[34]

Schüller über Reich 1930 1

Schüller über Reich 1930 2

 

In der späteren Diskussion ergänzte Schüller:

Im Anfang dieser Opposition war dort nur ein einziger Genosse, der Gen. Reich, der gleichzeitig Mitglied der KP war, das war sozusagen eine Keimzelle.[35] Die Oppositionellen waren wirklich sozialdemokratische Mitglieder, die in ihrem ersten Stadium in ihrer großen Masse noch nichts von der Komm. Partei wissen wollten“ (ebd., Protokoll 1, S. 82).[36]

Schüller über Reich 1930 3

 

Die KPÖ sei, hieß es in Schüllers Rede, dadurch vor die Frage gestellt gewesen, „ob sie diese Sache sich selbst überlassen soll, was die Gefahr eines linkssozialdemokratischen Flügels bedeuten würde oder ob sie eingreifen und eine elastische Taktik entwickeln soll, um diese Opposition von ihren gefährlichen zentristischen[37] Elementen zu säubern und sie dann aus der S.P.[Ö] in unsere Reihen zu überführen.“ (ebd., S. 26). KPÖ-ZK-Sekretär Johann Koplenig konkretisierte, wie man im März 1930 auf Grundlage der EKKI-Instruktion vorgegangen war: „Es hat eine Sitzung des Komitees [der Revolutionären Sozialdemokraten] stattgefunden, an der wir teilgenommen und wo wir die Frage des Uebertrittes zur Kommunistischen Partei gestellt haben“. Da „die ideologische Vorbereitung unsererseits“ schon so gewesen sei, dass „nicht der geringste Widerstand zu verzeichnen war“ sei der Übertrittsbeschluss „einstimmig angenommen“ worden (ebd., S. 40). Die dadurch zustande gekommenen Neuzugänge seien, so Schüller, „keine Abfallselemente“ gewesen, „sondern zum größten Teil wirklich proletarische Elite-Elemente“, die mit den „Massen und den Betrieben verbunden waren“ (ebd., S. 26).[38]

Die Revolutionären Sozialdemokraten waren also tatsächlich keine inoffizielle KP-Gründung.[39] Allerdings hatten sie vom Beginn ihrer Existenz an einen Repräsentanten, der wohl stillschweigend als Kommunist dachte und handelte: Wilhelm Reich. „Genosse Reich“ war offenbar den anderen Beteiligten an der Tagung vom September 1930 ein Begriff – andernfalls hätte Schüller mehr Erklärungen zu seiner Person anbieten müssen. Dass es für wichtig gehalten wurde, Reichs doppelte Parteimitgliedschaft auch noch im Nachhinein zu verheimlichen,[40] mag daran gelegen haben, dass diese Methode der Infiltrierung nicht nur in seinem Falle zum Einsatz kam.[41] Das könnte auch der Grund sein, warum genau die Passagen in Schüllers Rede, in denen Reichs doppeltes Spiel Erwähnung fand, bei einer Überarbeitung des Manuskriptes gestrichen wurden (ebd., S. 25f.). Erklärlich wird nun zudem, weshalb Reich in der EKKI-Instruktion vom März 1930 in keiner Weise benannt wurde: Er sollte wohl nicht enttarnt werden.

Der frühe KPÖ-Eintritt Reichs macht darüber hinaus verständlicher, wie es dazu kam, dass Reich in der Kominternzeitschrift Unter dem Banner des Marxismus seinen Beitrag Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse (Reich 1929) publizieren konnte – SDAP-Mitglieder gehörten dort meines Wissens 1929 sonst nicht zum Autorenkreis. Schon diese – ja noch im selben Heft mit teils schroffen Zurückweisungen sowjetischer Philosophen gekoppelte (Gente 1972) – Artikelveröffentlichung hatte freilich gezeigt, wo die Grenzen des Interesses an Reich verliefen: Schützenhilfe für die Komintern-Linie durch einen Prominenten war willkommen, dessen eigenständige, gar kritische Sichtweisen nicht.

Entsprechendes deutet sich auch im Protokoll der Ländersekretariatstagung vom September 1930 an: Weder Reichs psychoanalytischer Hintergrund noch seine sexualreformerischen Aktivitäten klingen an. Dass er auch mit Letzteren bei den österreichischen Kommunisten wenig Begeisterung auslöste, legt ein Tagungsbeitrag der Vertreterin der KPÖ-Frauenabteilung, Grünberg, nahe. Sie berichtete, „in den letzten Monaten sind die kommunistischen Ärzte“ – zu denen Reich mit Sicherheit zählte – „an das Politbüro herangetreten, eine Kampagne gegen den Abtreibungsparagraphen durchzuführen“ und dafür eine Organisation zu schaffen.[42] Die Frauenabteilung habe jedoch festgestellt, dass „jetzt nicht die Zeit ist“ für derartige Aktivitäten. Vonnöten sei vielmehr, auch in Österreich eine für Frauen zugängliche Variante des Rotfrontkämpferbundes zu gründen. Vermehrte Aufklärung sei ebenfalls erforderlich: über die Sowjetunion (AWA Protokoll 1, S. 159f.).

Es ist übrigens durchaus möglich, dass Reich noch vor Juli 1927 KPÖ-Mitglied wurde. Zumindest hatte er da längst intensiven Kontakt zur KPÖ hergestellt und an diversen ihrer Treffen teilgenommen. Das wird deutlich, wenn er glossiert, wie sich die österreichischen Kommunisten vor dem 15.7.1927 ihre Reaktion auf einen solchen Aufstand ausgemalt hatten:

„Ich hatte in den vielen illegalen Sitzungen[43] gelernt, daß die Partei in solchen Stunden ‚als Führerin den Kampf lenken‘, ‚zusammenfassen‘, ‚zu bestmöglichen Erfolgen führen‘ müsse. In den isolierten Sitzungen in abgesperrten Zimmern träumten sie von den Massenaufständen, die sie zum Siege der Revolution führen wollten. Nun war der Aufstand gegen eine soziale Gemeinheit spontan ausgebrochen“ (Reich 1995, S. 41).

Doch was taten die Kommunisten? Sie verteilten ein Flugblatt – und auch das: „einen Tag zu spät“ (ebd.).[44]

Wann auch immer Reich zur KPÖ stieß, es bleibt festzuhalten: Bis zum Sommer 1930 hatte er bewiesen, dass er für diese Partei wirken, mit öffentlichen Auftritten Massen begeistern und Organisationen führen konnte.[45] Erst auf diesem Hintergrund wird verständlich, dass sich ihm alsbald auch in der deutschen KP-Organisation nahezu umgehend mehrere Türen öffnen sollten.

 

Wilhelm Reich – ein Stalinist?

Vielleicht ergibt sich für manche, die diese Funde zu Reichs Biografie jetzt zur Kenntnis genommen haben, die Frage, ob Reich denn nun als „Stalinist“ einzuordnen sei. Joseph Frey, Führer der Wiener Trotzkisten, die Anhänger in das Komitee der Revolutionären Sozialdemokraten eingeschleust hatten, schrieb schon am 7.1.1930 an Leo Trotzki: „Der Initiator Reich ist in Wirklichkeit ein Instrument des Stalin ZK, welches versucht, eine oppositionelle Bewegung in der SP[Ö] mittels Geld zu organisieren“ (Fallend 1988, S. 187).

Wie bereits gezeigt, irrte Frey, was die angebliche Initiierung durch Reich, wohl auch was die Finanzierung der Revolutionären Sozialdemokraten betrifft. Auch wäre Trotzki mit Reich sicher nicht 1933 in schriftlichen und 1936 in persönlichen Kontakt getreten (Peglau 2015, S. 285, 293), wenn er ihn für ein „Instrument Stalins“ gehalten hätte. Aus der erwähnten EKKI-Instruktion geht zudem hervor, dass sich die Komintern noch im März 1930 – vier Monate nach Gründung der SDAP-Opposition – keinesfalls sicher war, diese Gruppierung und deren Zeitung nach Gutdünken lenken zu können. Was 1929/30 innerhalb von KPÖ und Komintern vertreten wurde, ließ sich ohnehin noch nicht auf das Attribut „stalinistisch“ reduzieren. Doch es gibt eine weit solidere Basis, von der aus sich die Frage, ob Reich Stalinist war, mit einem klaren Nein beantworten lässt – indem man sich zunächst eine andere Frage vorlegt: Was ist Stalinismus?

Der Historiker Werner Abel beschreibt die stalinistische Ideologie als „unmarxistisch, antidemokratisch, antirevolutionär, nationalistisch, antisemitisch, auf Zerstörung der Arbeiterbewegung und Herrschaft einer kleinen Clique oder einer Person ausgerichtet, prinzipienlos – d.h. nur am Machterhalt interessiert –, Gewalt und Terror an die Stelle von Argumentation setzend und mit quasi-religiösen Versatzstücken (‚Personenkult‘) versehen“.[46] Andernorts[47] werden als Merkmale des Stalinismus hervorgehoben: Terrorherrschaft über die eigene Bevölkerung/ Ausschaltung demokratischer Entscheidungsfindung/ Dogmatisierung und Schematisierung des Marxismus-Leninismus/ extreme Überbetonung der Rolle des Kollektivs gegenüber dem Schicksal des Einzelnen.

Nichts davon hat Reich jemals vertreten. Eine Lobpreisung Stalins – Kernstück des Stalinismus – haben  weder ich noch Bernd A. Laska oder Philip Bennett bei all unseren Forschungen in Reichs Werken und sonstigen Äußerungen entdeckt (persönliche Mitteilungen vom 7.6.2016).[48] Bei aller Kritik an der SPÖ-Führung verstieg er sich auch weder in seinem erwähnten Artikel in der Zeitung Der revolutionäre Sozialdemokrat[49] noch in seiner Rede auf der ersten Protestkundgebung des Komitees am 13.12.1929 (Fallend 2007, S. 56-67) zu einer Übernahme der Sozialfaschismus-These:[50] Für ihn waren und blieben Heimwehr und andere „rechte“ Kräfte die Hauptfeinde.[51] Indem er „Redefreiheit“ in der SDAP forderte, verstieß er zudem gegen ein Gebot des EKKI: den Sozialdemokraten in keiner Weise die Fähigkeit zuzubilligen, sich zu reformieren.[52] Gut möglich also, dass die Kommunisten in Reich von Beginn an einen zwar wertvollen aber schwierigen, weil weiterhin eigenständig agierenden Verbündeten sahen.[53]

Aber, was noch viel wichtiger ist: Zur selben Zeit, in der Reich durch sein parteipolitisches Tun zu Teilen Stalins Zielen nützte, hatte er in seinen psychoanalytisch-sexualreformerischen Aktivitäten und Publikationen durch die Betonung von Individualität, Psyche, Unbewusstem, Sexualität, Kindheit und angeborener Prosozialität längst Positionen bezogen, die unvereinbar waren mit Stalinismus.

Bewusst scheint ihm diese Unvereinbarkeit allerdings erst geworden zu sein, als er ab Ende 1932 von den kommunistischen Organisationen zunehmend geächtet wurde. Jahre danach kommentierte er: „Ich begriff nicht, wie ich so lange dieser Partei hatte angehören können“ (Reich 1995, S. 207ff.).

1933 wurde ihm die KP-Mitgliedschaft entzogen. Ab 1934 konfrontierte er sich – als einziger Psychoanalytiker – immer offener mit dem Stalinismus (Peglau 2015, S. 285-295). So urteilte er in seiner Schrift Was ist Klassenbewußtsein? (1934, S. 17), dass die Komintern „ihre Unfähigkeit bewiesen“ habe, die aktuelle politische Situation „auch nur theoretisch, vom Praktischen ganz abgesehen, zu meistern“, gescheitert sei durch „Mangel an Selbstkritik […], vor allem durch ihre Unfähigkeit, […] die Bürokratie im eigenen Lager zu vernichten“. 1935 wertete er in Masse und Staat, S. 89, den grassierenden „Führerkult“ um Stalin als „wesentliches Zeichen nationalistischer Ideologie“ (Reich 1935, S. 89). 1936  tauchte Reich auf einer, von den EKKI-Sekretären Dimitroff und Manuilski zur Kenntnis genommenen Liste mit „trotzkistischen und anderen feindlichen Elementen“ auf (Weber/Drabkin/ Bayerlein 2014, S. 1251f.).

Am 3.11.1941 kommentierte Reich gegenüber Alexander Neill die im Sommer des Jahres eingetretene kriegerische Auseinandersetzung zwischen Deutschland und der Sowjetunion:

„Der Kampf Stalins gegen Hitler beweist nicht, daß sein System kein Hitlersches ist. […] Natürlich, jetzt kämpft er, weil er muß, aber ich glaube, Du zweifelst doch nicht daran, daß er es viel lieber gehabt hätte, an Hitlers Seite gegen die Demokratien kämpfen zu können. […] Wir müssen zwar gegen Hitler kämpfen, wo wir können, aber wir müssen nicht für Stalin kämpfen“ (Neill/Reich 1989, S. 100f.).

Zu Beginn der 1950er Jahre schrieb Reich (1995, S. 152) über das stalinistische System:

„Im scharfen Gegensatz zu[m] demokratischen Kommunismus mit seiner Herrschaft von unten, d.h. mit Wahlen anstelle von Ernennung von Funktionären etc., steht der rote Faschismus, der jedes demokratische Element des Kommunismus in sein Gegenteil verkehrt hat: Erschleichung der Macht einer Minderheit durch Terrorismus […,] Verschwörung und geheimes Taktieren statt öffentlicher Wahlvorgänge.“

Russland war, setzte er fort, bereits „1936 ein eindeutig imperialistischer Staat, der nur eines mit dem demokratischen Kommunismus gemein hatte: das Bauen auf die Hoffnung der Menschen auf eine bessere Zukunft“ (ebd.).

Einer der Belege dafür, dass Reich nie Antikommunist wurde, sondern Antistalinist blieb.

 

 

***

 

Quellen

AOI: Archives of the Orgone Institute

AWA: Archiv Werner Abel

Bayerlein, Bernhard H. (2008): »Der Verräter, Stalin, bist Du!« Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941, Berlin: Aufbau

Bennett, Philip W./ Hristeva, Galina (2016): Wilhelm Reich in Soviet Russia: Psychoanalysis, Marxism, and the Stalinist reaction, International Forum of Psychoanalysis, published online in June 2016.

Bennett, Philip W. (i.V.): From Communism to Work Democracy: The Evolution of Wilhelm Reich’s Social and Political Thought. Unveröffentlichtes Manuskript.

Berchtold, Klaus (1998): Verfassungsgeschichte der Republik Österreich, Bd. 1. 1918–1933, Wien/ New York: Springer.

Bullock, Alan (1999) [1991]: Hitler und Stalin. Parallele Leben, Berlin: Siedler.

Fallend, Karl (1988): Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik, Wien/Salzburg: Geyer.

Fallend, Karl (2007): „Bereit zum Kampf mit allen Mitteln, auch mit denen der Gewalt!“ Wilhelm Reich auf der Bühne der Parteipolitik, in Johler, Birgit (Hg.): Wilhelm Reich revisited, Wien: Turia u. Kant, S. 47-67.

Gente, Hans-Peter (Hg.) (1972): Marxismus, Psychoanalyse, Sexpol, Bd. 1, Frankfurt/M.:  Fischer TB.

Historische Kommission beim Zentralkomitee der KPÖ (Hg.) (1989) [1988]: Die Kommunistische Partei Österreichs. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik, Wien: Globus.

Neill, Alexander S./Reich, Wilhelm (1989) [1986]: Zeugnisse einer Freundschaft. Der Briefwechsel zwischen Wilhelm Reich und A.S. Neill 1936–1957, hg. von Plazek, Beverley R., Frankfurt/M.: Fischer.

Ollendorff-Reich, Ilse (1975): Wilhelm Reich. Das Leben des großen Psychoanalytikers und Forschers, aufgezeichnet von seiner Frau und Mitarbeiterin, München: Kindler.

Peglau, Andreas (2015) [2013]: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Gießen: Psychosozial.

Peglau, Andreas (2016): »Wege, die die sexualpolitische Bewegung zu gehen hat.« Der Psychoanalytiker, Kommunist und Sexualreformer Wilhelm Reich in Düsseldorf, 1931/32, Düsseldorfer Jahrbuch 86, Essen: Klartext, S. 245-266.

Schlamm, Willi (1930): Wie die Komintern die KPOe berät. Eine neue Resolution des EKKI über die Lage in Österreich, Gegen den Strom Nr. 27/1930, S. 426-428 (Reprint, Hamburg: Junius 1985).

Reich, Wilhelm (1929): Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse, Unter dem Banner des Marxismus 3/1929, S. 736–771.

Reich, Wilhelm (1932): Der sexuelle Kampf der Jugend, Berlin/Leipzig/Wien: Verlag für Sexualpolitik.

Reich, Wilhelm (als Ernst Parell) (1934): Was ist Klassenbewusstsein?, in Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, Heft 1, S. 16–29; Heft 2, S. 90–107; Heft 3/4, S. 226–255.

Reich, Wilhelm (1935): Masse und Staat (http://www.archive.org/details/Reich_1935_Masse_und_Staat_k)

Reich, Wilhelm (1995): Menschen im Staat, Frankfurt/M.: Stroemfeld/Nexus.

Reich, Wilhelm (1997): Jenseits der Psychologie. Briefe und Tagebücher 1934–1939, Köln: Kiepenheuer u. Witsch.

Sharaf, Myron (1996): Wilhelm Reich. Der heilige Zorn des Lebendigen, Berlin: Ulrich Leutner.

Weber, Hermann/ Drabkin, Jakov/ Bayerlein, Bernhard H. (Hg.) (2014): Deutschland-Russland-Komintern (1918-1943). Vol. 2/1-2/2, Dokumente (1918-1943). Berlin: De Gruyter, S. 1251f. Im Internet frei zugänglich unter: http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/212875

 

 

Diesen Beitrag bitte zitieren als

Peglau, Andreas (2016): Ein Kommunist als „revolutionärer Sozialdemokrat“. Ergänzungen und Korrekturen zur Biografie Wilhelm Reichs, http://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ein-kommunist-als-revolutionaerer-sozialdemokrat-ergaenzungen-und-korrekturen-zur-biografie-wilhelm-reichs/

 

Erstveröffentlichung und letzte Internetabfrage: 27.6.2016

Überarbeitung am 2.6.2017: SPÖ durch die korrekte Bezeichnung SDAP ersetzt./ Falsche Behauptung, Philip Bennett habe ebenfalls – wie ich – eine geheime KPÖ-Mitgliedschaft Reichs nicht in Erwägung gezogen, gestrichen:  Doch, er hat genau diese Vermutung bereits 2014 mir gegenüber mitgeteilt./ Fußnoten 3 und 10 durch neue Informationen ergänzt.

 

Anmerkungen

[1] Diesen Artikel hätte ich ohne den intensiven Austausch mit Werner Abel und die Nutzung seines Privatarchivs (Archiv Werner Abel, im Weiteren: AWA) so nicht schreiben können. Von Bernd A. Laskas genauer Kenntnis der Reich´schen Lebensgeschichte und Werke habe ich einmal mehr profitiert. Auch Philip Bennett unterstützte mich erneut durch Quellenhinweise und Dispute. Hans Hautmann beantwortete mir ausgewählte Fragen zur KPÖ-Geschichte. Ute Räuber verdanke ich wichtige Informationen zu den – teilweise auch im Bundesarchiv Berlin in Kopie lagernden – Akten des Kominternarchivs. Karl Fallend, Winfried R. Garscha, Galina Hristeva, Gudrun Peters und Detlef Siegfried gaben mir wesentliche Rückmeldungen zum Text. Ihnen allen möchte ich danken.
PS am 3.7.2016: Nach der Veröffentlichung am 27.6.2016 erhielt ich mehrere Hinweise auf nötige Korrekturen. Ich habe sie inzwischen berücksichtigt. Damit entsteht zwar das Problem, dass Fassungen des Beitrags im Umlauf sind, die sich in Details unterscheiden. Aber das halte ich für sinnvoller als Fehler stehen zu lassen.

[2] Im Mai 2016 stellte mir Werner Abel ein Konvolut Kopien von Kominternakten zur Verfügung, das diese Funde ermöglichte. Inzwischen konnte ich diese Akten auch im Kominternarchiv nachweisen. In der dritten Auflage von Unpolitische Wissenschaft? habe ich 2017 die entsprechenden Fundstellen ergänzt.

[3] Genau genommen hieß sie Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAPDÖ). Die Umbenennung in SPÖ = Sozialistische Partei Österreichs erfolgte erst 1945. 1991 wurde „sozialistisch“ durch „sozialdemokratisch“ ersetzt.

[4] Mit den Aufzeichnungen für seine Autobiografie Menschen im Staat begann Reich 1937, nachdem ihm die Moskauer Schauprozesse die Entartung der Sowjetgesellschaft zum Stalinismus endgültig deutlich gemacht hatten – was seinen oft bitter-sarkastischen Ton erklärt, der wohl eine tiefe Verzweiflung überdeckte. Obschon er sich von kommunistischer (und sonstiger) Parteipolitik vollständig abgewandt hatte, blieb er in der Lage, zu differenzieren. So schrieb er: „Einen [Hermann] Duncker, [Karl] Kautsky oder [Friedrich] Engels mit kriminellen Mördern des Moskauer Schlages in einen Topf zu werfen, ist das sicherste Zeichen eines degenerierten, wissenschaftlich inkompetenten und konfusen Denkens“ (Reich 1995, S. 20). Erste Bemühungen, den Text – damals schon 600 Schreibmaschinenseiten – 1939 beim Züricher Europa-Verlag zu publizieren, scheiterten (Archives of the Orgone Institute, Correspondence, Box 4, Psa.). 1953 sollte Reichs Autobiografie dann in den USA – nun auf Englisch, als People in Trouble – veröffentlicht werden. Bei der dazu von Reich vorgenommenen Überarbeitung kamen aus den genannten Gründen manche zunächst rätselhaft anmutenden Aussagen zustande wie diese, erst nach Reichs Tod publizierten: „Formal war ich zwischen 1927 und 1932 Sozialist und Kommunist. Aber faktisch war ich es nie und wurde auch von den Parteibürokraten nie als solcher angesehen“ (Reich 1995, S. 20). Was sich dahinter tatsächlich verbarg, wird im Weiteren klarer werden.

[5] Von Reich-Biograf Bernd A. Laska, der die 1995 in Deutsch publizierte, erstmals die Vorfassungen berücksichtigende Ausgabe von Menschen im Staat erarbeitete, erhielt ich dazu am 12.6.2016 folgende Information: Reich schrieb 1937 im Originalmanuskript, S. 248: „Ich liess mich am gleichen Tage [15. Juli 1927] durch den kommunistischen Arzt in die kommunistische Partei Österreichs eintragen.“ 1953, in der ersten Veröffentlichung als People in Trouble, steht an dieser Stelle, S. 13: “On the same day, through the Communist physician, I let myself be enrolled in the medical group of the ‚Arbeiterhilfe‘, one of the affiliates of the Austrian Communist Party.[…] But I did not leave the Austrian Socialist Party.“ Dazu fand sich auf S. 14 die 1952 dem Originaltext hinzugefügte Erläuterung: „The Arbeiterhilfe, verbatim ‚Worker’s Help, consisted mainly of people who were not party members …“. Reich leugnete hier also nicht direkt seine KPÖ-Mitgliedschaft, ließ aber das klare Bekenntnis dazu aus dem 1937er Manuskript weg. In der ersten Edition von People in Trouble nach Reichs Tod, 1976, S. 30, ist diese Stelle inhaltlich genauso wiedergegeben – also ebenfalls nicht nach dem ursprünglichen Manuskript. Erstmals war dann in der 1995 erschienenen deutschen Ausgabe, S. 42, jene eingangs zitierte Passage zu lesen: „Ich liess mich am gleichen Tage durch den kommunistischen Arzt in die kommunistische Partei Österreichs eintragen.“

[6] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialfaschismusthese, speziell zur KPÖ, wo diese These noch bis Anfang 1929 auf Widerstand stieß: Historische Kommission beim ZK der KPÖ 1989, S. 141f.

[7] Dies begründete er u.a. damit, dass die bestens informierte Nachlassverwalterin Reichs, Mary Boyd Higgins, 1994 ebenfalls schrieb: „Nach dem Streik“ – gemeint ist der mit Streiks verbundene Aufstand von 1927 – „trat Reich in die Österreichische Kommunistische Partei ein“ (Reich 1997, S. 21). Auch Reichs zweite Ehefrau, Ilse Ollendorff-Reich (1969, S. 38), hatte von einem früheren Zeitpunkt des KPÖ-Eintritts berichtet: 1928. Und es existiert ein Foto, das Reich mit „kommunistischen Sympathisanten“ vor einem Wiener KPÖ-Parteilokal zeigt und zwar, laut Mitteilung seines Biografen Sharaf (1996, S. 141), schon 1927.

[8] Historische Kommission beim ZK der KPÖ 1989, S. 103, 102-117.

[9] Historische Kommission beim ZK der KPÖ 1989, S. 115.

[10] Bernd Laska ermöglichte mir am 10.6.2016 Einblick in dieses Dokument. Das Original befindet sich im Besitz der Sigmund-Freud-Privatstiftung Wien.
Da vielfach, so z.B. in der Zeitschrift Der sozialistische Arzt (https://archive.org/stream/DAS_7_1931_11#page/n9/mode/2up, S. 302), die Wiener Vereinigung sozialistischer Ärzte mit der gesamtösterreichischen Organisation sozialistischer Ärzte gleichgesetzt wurde, dürfte es sich hier ebenfalls um Letztere handeln.
Da diese bis zu ihrer Auflösung nur zwei Obmänner hatte – Friedjung und Philipp Elb (https://de.wikipedia.org/wiki/Verein_sozialistischer_%C3%84rzte) -, dürfte die „unleserliche Unterschrift“ von Letzterem stammen.
Da die österreichischen sozialistischen Ärzte – im Gegensatz zu den Deutschen – strikt zur Sozialdemokratie hielten (und sich von Kommunisten abgrenzten – ebd.), ist es plausibel, dass zwischen deren Leitung und der SDAP ausreichend enge Kontakte bestanden, um über Reichs SDAP-Austritt Bescheid zu wissen.

[11] Die Auskünfte und Archivdokumente, die Philip Bennett und ich 2011/12 vom Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung Wien erhielten, enthalten keinen Hinweis darauf, dass Reich vor Dezember 1929 Spuren in der SPÖ hinterlassen hat. Auch Josef Frey beschrieb Reich in dem hier später zitierten Brief an Trotzki vom 7.1.1930 als jemanden, der bislang parteipolitisch überhaupt nicht in Erscheinung trat (Bennett i.V.).

[12] Vgl. https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Heimwehr

[13] Zitiert in Historische Kommission beim ZK der KPÖ 1989, S. 142.

[14] Vgl. auch Historische Kommission beim ZK der KPÖ 1989, S. 142-149.

[15] Das Flugblatt mit der Einladung ist dokumentiert in Fallend 1988, S. 180.

[16] Für die Versammlung am Abend des 6.3.1930 werden 1000 Anwesende genannt, für die am 15.4.1930 600. Siehe: http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html.

[17] Auch in Auswertung der Ereignisse um die Revolutionären Sozialdemokraten sollte es in der Politkommission des EKKI am 3.10.1930, S. 13, heißen, besonders wichtig sei der „schärfste Kampf […] gegen den Versuch zur Schaffung einer linkssozialdemokratischen Scheinopposition“ (AWA).

[18] Philip Bennett entdeckte die Angaben zur Zahl der Ausgaben als auch zu Reichs Rolle als Gründer der Zeitung in den Archives of the Orgone Institute (AOI) P/T, Box 13, Unpublished English draft translation of „Vorgeschichte der Orgonomie“ 1900–1930.

[19]  Bernd A. Laska verwies mich auf diesen Artikel und ermöglichte mir, Einblick darin zu nehmen.

[20] Siehe www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html.

[21] Vgl.: http://www.klahrgesellschaft.at/Mitteilungen/Mugrauer_4_12.pdf.

[22] AOI, Correspondence, Box 4, Psa.

[23] Die deutsche Rote Fahne schrieb, ebenso wie die Inprekorr, von 7000 Beteiligten. Am selben Abend referierte Reich im Wiener Gasthaus Bachlechner vor 1000 Versammelten. Vgl. http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html.

[24] Am 23.1.1930 wurde beschlossen, KPÖ-ZK-Sekretär Johann Koplenig einzuladen. Am 1.3.1930 hielt das Sitzungsprotokoll zur „Frage der Losungen betr. Austritt aus der SDP Oeterreichs [sic] und Herein in die KPOe“ fest, dass sie wegen „Meinungsverschiedenheiten […] dem Politsekretariat übergeben“ werde. Am 8.3.1930 wurde zum „Entwurf zu Instruktionen an das ZK der K.P. Oesterreichs in der Frage der Arbeiteropposition in-nerhalb der SPOe“ beschlossen: „Die Gen. [Fritz] Heckert und Koplenig werden beauftragt, die Instruktionen aufgrund des Meinungsaustauschs zu ergänzen und umzuarbeiten und den neuen Text der Instruktionen […] unter den Mitgliedern der Politischen Kommission bestätigen zu lassen“. Für den 12.3.1930 ist ein Vorschlag Koplenigs für „Direktiven an das Z.K. der KPOe“ dokumentiert sowie ein undatierter Vorschlag von EKKI-Sekretär Sergej Gussew. Am 13.3.1930 wurde festgelegt: Zur Fertigstellung von Instruktion und Resolution sollten die EKKI-Sekretäre Otto Kuusinen und Dmitri Manuilski mit Molotow „über denjenigen Punkt der Instruktion und Resolution Rücksprache nehmen, über den noch Meinungsverschiedenheiten bestehen“ (AWA).

[25] AWA

[26] Auf der später ausgewerteten Sitzung des EKKI-Ländersekretariats vom September 1930, dort S. 81f. (AWA).

[27] Richard Schüller macht folgende Rechnung auf: „Wir haben vom 15. April“, also dem Tag des offiziellen Übertritts der Revolutionären Sozialdemokraten, „bis 15. Mai 800 Mitglieder gewonnen, dann haben wir noch weiter gewonnen und ziehen wir die Gesamtbilanz so ergibt sich (da wir gleichzeitig einen Verlust hatten) ein Zuwachs von 800 Mitgliedern“ (AWA, Protokoll 1, S. 81f.). Wohl deswegen, weil er die Verluste an anderer Stelle schon von den 800 neuen Mitgliedern abzieht, kommt er dort (ebd., S. 26) auf nur 400 Neuzugänge. In der Inprekorr vom 3.6.1930 berichtete er, seit 1.4.1930 habe es 1100 Neueintritte gegeben, vorwiegend von ehemaligen SPÖ-Mitgliedern (AOI, Correspondence, Box 4, Psa.)

[28] Anson Rabinbach nennt, so teilte mir Philip Bennett mit, für 1927 3.000 KPÖ-Mitglieder, 1933 waren es dann 4.000 (www.wien-konkret.at/politik/kpoe/). Auch Reich (1995, S. 92) spricht von 3000 Mitgliedern.

[29] Protokoll 1 der Sitzung des EKKI-Ländersekretariats vom September 1930, S. 100 (AWA).

[30] Willi Schlamm (1904-1978), war in den 1920er Jahren eng befreundet mit Reich. Er hatte in der KPÖ Karriere gemacht, u.a. als Redakteur der Wiener Roten Fahne. 1929 wurde er als „Rechtsabweichler“ aus der Partei ausgeschlossen und wechselte zur KPD(O), wo er erneut in die Zeitungsarbeit einstieg (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/William_S._Schlamm; Historische Kommission beim ZK der KPÖ (1989), S. 109, 120ff., 125f., 140.

[31] Ich habe weder in der deutschen Roten Fahne, noch in der Münzenberg-Zeitschrift Der rote Aufbau oder in der Inprekorr jene Prophezeiungen entdeckt, die Willi Schlamm zitiert. Ob sie sich in der Wiener Roten Fahne finden, konnte ich nicht prüfen.

[32] Ein weiterer der zu Lebzeiten noch nicht veröffentlichten Sätze aus der Autobiografie unterstreicht, dass Reich – der ja bereits Ende 1930 nach Berlin ging und dort umgehend KPD-Mitglied wurde – wohl nicht erst 1930 zur KPÖ kam: „Drei [!] Jahre arbeitete ich aktiv in der österreichischen Kommunistischen Partei“ (Reich 1995, S. 57). An anderer Stelle spricht er in einem ironischen Rückblick auf das Jahr 1929 von sich als einem von „200 Kommunisten“ und Angehörigen der von der KPÖ gegründeten „Arbeiterwehr“: „Wir revolutionären Führer des Proletariats“ sollten „unbewaffnet“, auf „Befehl“ der KPÖ „40.000 bewaffnete […] Menschen […] in Uniform stürmen”, die sich am 7.10.1929 in der Wiener Neustadt zusammengezogen hatten. Auch dass er schon für die Zeit vor 1930 von „der Zelle im 20. Bezirk, wo ich arbeitete“ schreibt, spricht für ein Eingebundensein in die KPÖ-Organisationsstruktur (ebd., S. 92ff, 98, 116).

[33] Hervorhebung von mir – A.P.

[34] AWA

[35] Hervorhebung von mir – A.P.

[36] AWA

[37] Eine Mittelposition zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten beziehend.

[38] Die gesamte „österreichische Frage“ wurde nach der Sitzung des Länderausschusses „an die Politkommission“ des EKKI weitergereicht (AWA, Protokoll 3, S. 1) und taucht dort in weiteren Dokumenten auf, ohne dass Reichs Name erneut fällt.

[39] Auch in der mit detaillierten Anweisungen zur Schwächung der SPÖ gespickten Resolution zu den KPÖ-Aufgaben vom 20.11.1929 (AWA, Protokoll 4) deutet nichts auf die Absicht hin, innerhalb der SPÖ Oppositionsgruppen zu gründen oder auch nur zu fördern.

[40] Dass diese Geheimhaltung funktionierte, wird schon daran deutlich, dass auch beim SPÖ-Parteiverfahren gegen Reich vom Januar 1930 keine KPÖ-Mitgliedschaft erwähnt wird (persönliche Auskunft von Wolfgang Maderthaner vom 5.10.2011), dieser Fakt also den Sozialdemokraten bis zum Ausschluss verborgen blieb.

[41] Offenbar keine Spezialität der Kommunisten, wie die Tatsache belegt, dass die Trotzkisten Mitglieder ins Komitee der Revolutionären Sozialdemokraten eingeschleust hatten (Fallend 1988, S. 187).

[42] In Deutschland sollte sich Reich alsbald an der Bewegung gegen den Paragraphen 218 beteiligen. Auch in den 1931 von ihm mitbegründeten Einheitsverbänden für proletarische Sexualpolitik und Mutterschutz spielte dieses Thema eine hervorragende Rolle.

[43] Dass Reich von „illegalen Sitzungen“ schreibt, bezieht sich allerdings nicht darauf, dass die KPÖ verboten gewesen wäre: Das war zwischen 1925 und 1930 nie der Fall (persönliche Information von Hans Hautmann am 15.6.2016). Doch war auch der KPÖ illegale Aktivität nicht fremd. Winfried R. Garscha schreibt in der Aufarbeitung der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ (1989, S. 88), dass die KPÖ ab 1924 „Erfahrungen in der illegalen Arbeit […] sammelte“, während sie Georgi Dimitroff unterstützte, von Österreich aus die verbotenen kommunistischen Parteien der Balkanländer zu koordinieren. Winfried R. Garscha setzt fort: „Die Solidarität mit dem Kampf der Balkanvölker hatte aber noch einen weiteren Effekt: Viele bürgerliche Intellektuelle, vor allem humanistische gesinnte Ärzte [!] und Künstler, die bereit waren, sich gegen den Faschismus zu engagieren, kamen auf diese Weise mit der KPÖ in Kontakt, lernten den opfervollen Kampf der Kommunisten schätzen und trugen so – in bescheidenem Maße – bei, die Isolierung der Partei zu überwinden.“ Hans Hautmann bestätigte mir ebenfalls, dass die KPÖ in Einzelfällen interessierte Intellektuelle, die keine Parteimitglieder waren, bei Zusammenkünften zuließ. Der Gedanke, Reich wäre einer dieser „humanistisch gesinnten Ärzte“ gewesen, liegt jedenfalls nahe. Offensichtlich wollte Reich ja auch bis 1930 nicht, dass seine Nähe zur KPÖ bekannt wurde, so dass ihm geheim gehaltene Treffen entgegengekommen sein dürften. Über die Ängste, die seine damaligen politischen Aktivitäten in ihm auslösten, schreibt er: „Ich bangte ständig um meine Praxis. Jede Aktion konnte mich vernichten“ (Reich 1995, S. 116).

[44] Ich danke Bernd A. Laska, dass er mir die Möglichkeit gab, die entsprechende Manuskriptseite im Original einzusehen.

[45] In der Aufarbeitung der KPÖ-Geschichte durch die Historische Kommission beim ZK der KPÖ (1989) tauchen weder Wilhelm Reich noch die Revolutionären Sozialdemokraten auf.

[46] Persönliche Mitteilung vom 16.1.2016.

[47]  http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Stalinismus

[48] Die gravierendste Realitätsverzerrung, die ich diesbezüglich bei Reich entdecken konnte, findet sich in seinem 1932 erschienenen Buch Der sexuelle Kampf der Jugend (S. 121). Dort schrieb er, „daß in Deutschland noch zehntausende Jugendliche solche Märchen glauben, wie daß in Rußland die Menschen Hungers sterben, daß Stalin ein blutiger Diktator ist, der die werktätige Bevölkerung mit einer Knute unter seiner Herrschaft hält, und daß die Bolschewisten überhaupt Menschen sind, die ständig nur mit einem Messer zwischen den Zähnen herumlaufen“, verzichtete aber auf jede Huldigung Stalins. Zur genaueren Einordnung: Peglau 2015, S. 144f.

[49] http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html

[50] Dass Reich in seiner Rede auf dieser Veranstaltung die österreichische Gesellschaft von 1929 als „faschistisch“ bezeichnete, entspricht damals in der Komintern verbreiteten, „ultra-linken“ Überspitzungen, die aber nicht nur in der KPÖ auf Widerstand stießen, sondern auch vom EKKI als unzutreffend gerügt wurden (Historische Kommission beim ZK der KPÖ, 1989, S. 145ff.). Auch hier lag Reich also nicht auf Stalins „Linie“.

[51] Auch nachdem er nicht mehr mit seiner KP-Mitgliedschaft hinterm Berg halten musste, unterliefen ihm in seinen Veröffentlichungen keine Verunglimpfungen der Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“. Wenn Karl Fallend (1988, S. 155) schreibt, Reich habe 1929 die „Stellung“ der „kommunistische[n] Parteipolitik“ zur „Sozialfaschismustheorie usw. sowie Stalins Personenkult“ geteilt und später wiederholt, „Reich [teilte] die Sozialfaschismustheorie“ (ebd., S. 173), halte ich das daher für unzutreffend.

[52] So heißt es z.B. am 2.10.1930 in einer „Resolution zur Lage in Österreich und die Aufgaben der K.P. Oe.“, S. 14, die KP müsse „von Anfang an klar und deutlich die Aussichtslosigkeit eines Versuches der Reformierung der S.P. […] aufrollen“ (AWA).

[53] Zu glauben, dass Reich von der KPÖ regelrecht „geführt“ wurde, fällt schon deshalb schwer, weil Reich nachweislich nicht dazu neigte, sich führen zu lassen. Hinzu kommt, dass die kleine KPÖ nicht über einen „Apparat“ verfügte und ihre wenigen hauptamtlichen Funktionäre oft gleichzeitig für verschiedene Gebiete zuständig waren – so Karl Toman auf der Sitzung vom 23.9.1930 (AWA, Protokoll 1, S. 144). Ich wüsste auch nichts, womit Reich seitens der Komintern erpressbar gewesen wäre. Und im Weiteren unternahm er ja eindeutig selbstbestimmte Schritte, die ihn noch weit enger an die kommunistischen Organisationen binden sollten: Er ließ sich z.B. als KPÖ-Kandidat für die österreichische Nationalratswahl aufstellen und übernahm in Deutschland umgehend (An-)Leitungsfunktionen für eine sexualreformerische KPD-Massenorganisation (Peglau 2015, S. 56, 92ff.; 2016).