Keine „Vernichtungsaktion“ sondern heimliche Kooperation. Reichs „Charakteranalyse“ und der Internationale Psychoanalytische Verlag

von Andreas Peglau

Bereits in Wien hatte Reich damit begonnen, in die Psychoanalyse das einzubringen, was er als Charakteranalyse bezeichnete. Der Grundgedanke dahinter war, dass es nicht nur einzelne neurotische Symptome gibt, sondern auch eine grundsätzliche Art, wie wir dem Bewusstwerden von Unbewusstem Widerstand leisten: unseren Charakter. Nach Reichs Auffassung würde der psychisch gesunde Mensch flexibel, situationsangemessen fühlen und handeln, wäre also eben gerade nicht auf das festzulegen, was gemeinhin „Charakter“ genannt wird. Wer stattdessen in vorhersagbarer Weise zumeist beispielsweise devot, angepasst, aufopferungsvoll oder auch draufgängerisch, dominant, aggressiv reagiere, zeige damit seine grundsätzliche, charakteristische seelische Störung. Diesen „Charakterpanzer“ gelte es, als erstes abzubauen – ansonsten, so Reich, würden alle Versuche, Symptome wesentlich zu lindern oder weitergehende seelische Gesundung zu erzielen, an ihm abprallen.

Das war ein wesentlicher Fortschritt für die damals noch immer ohne systematische Therapietheorie dastehende Psychoanalyse. Zudem gab Reich in seinen charakteranalytischen Aufsätzen Antworten auf weitere Grundsatzfragen psychotherapeutischer Behandlung, die bis heute von Bedeutung sind. Dementsprechend erhielt er zunächst auch unter seinen Kollegen Anerkennung für seine Neuerungen.

Es war nur folgerichtig, dass der in Wien angesiedelte Internationale Psychoanalytische Verlag im Januar 1933 mit ihm einen Vertrag über die Herausgabe eines vor allem aus früheren Aufsätzen bestehenden Lehrbuchs zu diesem Thema abschloss. Reich nannte es „Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für studierende und praktizierende Analytiker“.

Bereits zuvor war Reich mit seinem ausdrücklich politischen Psychoanalyseverständnis und seiner grundlegenden Kritik an manchen unwissenschaftlichen Spekulationen Freuds in Konflikte mit der analytischen Organisation geraten. Offensichtlich waren Freud und der von ihm dominierte Internationale Psychoanalytische Verlag dennoch bereit, Reich weiter zu publizieren.

Eine Zäsur scheint erst die nationalsozialistische Machtübernahme am 30.1.1933 gebracht zu haben: Nun waren die analytischen Institutionen in Deutschland akut gefährdet. Ein weiteres offizielles Zusammengehen mit dem als Kommunisten und Antifaschisten weithin bekannten Wilhelm Reich hätte diese Gefährdung gesteigert.

Anfang April floh Reich aus Berlin nach Wien. Hier erfuhr er am 16.3.1933 vom Verlag, dass man sich nicht an den Vertrag zur Herausgabe der Charakteranalyse halten werde. Einen Tag danach reagierte Reich mit einem Brief »an die Leitung und Verlagskommission des Internat. Psa. Verlags«:

»Gestern teilte mir der Verlagsleiter, Herr Dr. [Martin] Freud, mit, dass auf Beschluss der Verlagskommission und der Verlagsinhaber der Vertrag, wonach mein Buch ›Charakteranalyse‹ im Verlag demnächst herauskommen sollte, rückgängig gemacht wird. Begründet wurde dieser Beschluss mit der Rücksicht auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse, die es nicht angebracht erscheinen liessen, meinen kompromittierten Namen neuerdings offiziell zu vertreten. Ich […] vermag sogar den Standpunkt […] als Vorsichtsmassnahme zu begreifen, wenn auch als wissenschaftlicher Arbeiter nicht zu billigen.«

Darüber hinaus sehe er sich aber »verpflichtet«, so Reich weiter, auf die »Illusionen aufmerksam zu machen, denen sich die Leitung und Verlagskommission hinzugeben scheinen«:

»Es ist vollkommen gleichgültig, ob die Vertreter der Psa. nunmehr diese oder jene Schutzmassnahme ergreifen, ob sie sich von der wissenschaftlichen Arbeit zurückziehen oder diese den herrschenden Verhältnissen anpassen werden. Der soziologisch- kulturpolitische Charakter der Psychoanalyse lässt sich durch keinerlei Massnahme aus der Welt schaffen. Der Charakter ihrer Entdeckungen […] macht sie vielmehr zu einem Todfeind der politischen Reaktion.«

Seine Versuche, die Kündigung des Verlagsvertrages abzuwenden, kommentierte Reich später so:

»Ich protestierte, doch es blieb dabei. […] Man wollte sich durch meinen Namen nicht kompromittieren und nahm als Organisation, deren vollberechtigtes Mitglied ich noch war, keine Rücksicht auf meine Arbeit, meine Auslagen, meine Situation.«

Außer Frage steht, dass dieser Vertragsbruch dem wegen der erzwungenen Flucht aus Deutschland ohnehin schwer angeschlagenen Reich sowohl erheblichen materiellen wie ideellen Schaden zufügte: Wäre das Buch im renommierten Verlag Freuds herausgekommen, wären seine Absatzchancen und seine Verbreitung höher gewesen. Klar ist ebenso, dass Reichs Versuch, in Wien wieder als Analytiker Fuß zu fassen, insbesondere durch seine Kollegen so erheblich erschwert wurde, dass er Anfang Mai nach Dänemark weiterzog, wo er sich bessere Chancen für einen Neuanfang erhoffte. Reich nennt es „Hetze“ und schreibt dazu: »Ich emigrierte also nicht aus Österreich wegen der Polizei oder aus Mangel an Arbeit, sondern wegen meiner Fachkollegen.« Am 1.5.1933 kam er in Kopenhagen an. Seine Bemühungen, in skandinavischen Ländern eine sichere Wirkungsstätte zu finden, wurden von Freud und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung nicht nur nicht unterstützt (Freud war z.B. nicht bereit, sich Protestaktionen gegen Reichs Ausweisung aus Dänemark, dann auch aus Schweden anzuschließen), sondern erschwert – nicht zuletzt, indem Reichs Wiedereintrit in die IPV verhindert wurde.

Trotzdem ist es falsch, wenn noch bis vor kurzem davon ausgegangen wurde, dass der geschilderte Vorgang bezüglich der Charakteranalyse den abrupten Abbruch jeglicher Zusammenarbeit zwischen Psychoanalyse-Verlag und -organisation einerseits und Reich andererseits einleitete. Johannes Cremerius sprach sogar davon, dass die Weigerung, die Charakteranalyse herauszugeben, am Anfang einer „konsequenten Verfolgung Reichs durch Freud und einige seiner früheren Kollegen“ stand, dass diese nun eine „Vernichtungsaktion“ gegen Reich gestartet hätten.

Einer der spannendsten Funde, die mir 2012 bei meinen Recherchen im Wilhelm-Reich-Nachlass in Boston gelang, war der Nachweis, dass hier in Wirklichkeit eine ganz andere Geschichte zu erzählen ist. Das belegen neun Briefe, die der Verlag zwischen 1933 und 1938 an Reich schrieb und drei Briefe, mit denen sich Reich in dieser Zeit nach Wien wandte.

Denn offenbar ging es gar nicht so sehr darum, Reich »abzustrafen« oder die Verbindungen zwischen ihm und dem Verlag grundsätzlich zu kappen: Abgesehen davon, dass man sich weigerte, offiziell als Verleger der Charakteranalyse in Erscheinung zu treten, übernahm man sämtliche üblichen Verlagstätigkeiten.

Der erste Brief des Verlages ist datiert auf den 12.5.1933. Darin wird mitgeteilt, dass man sich bemüht habe, den Schweizer Verlag Hans Huber für die Herausgabe der Charakteranalyse zu gewinnen, allerdings vergeblich. Daher „müssten wir [!] dasselbe im `Selbstverlag des Verfassers‘ erscheinen lassen“. Zudem wird u.a. nach Reichs Wünschen für die Bindung des Buches – Leinen bzw. Broschur – gefragt.

Int Psych Verl (2)

Am 21.6.1933 betont der Verlag im nächsten Brief, dass Reich als „Eigentümer der Auflage und auch Verleger“ den Verkaufspreis des Buches selbst bestimme, bietet aber zugleich an, die ursprüngliche vertraglich vereinbarte Preisregelung (7.50 Reichsmark für gebundene, 6 Reichsmark für broschierte Exemplare) beizubehalten. Aus dem gekündigten Vertrag übernimmt der Verlag ebenso den Vorschlag, Reich pauschal mit 25 Prozent der Verkaufserlöse zu beteiligen. Des Weiteren wird, falls Reich dies wünsche, angeboten, Vertrieb und Kommissionshandel für das Buch zu übernehmen. Momentan, heißt es dann, sei jedoch – wohl nicht zuletzt aufgrund der politischen Situation aber auch der bevorstehenden Sommerurlaubszeit – Werbung sinnlos.

Aus dem Verlagsbrief vom 24.7.1933 geht hervor, dass Reich darum gebeten hatte, die Bezeichnung „Selbstverlag“ zu überkleben. Der Verlag lehnt das mit der Begründung ab, unter „scharfer“, offenbar wirtschaftlicher Kontrolle zu stehen, verweist jedoch darauf, dass man sich bemühe, im Werbeprospekt des Buches den entsprechenden Hinweis „zu kaschieren“. Darüber hinaus erwarte man schon deshalb keinen negativen Effekt von dem Hinweis auf den Selbstverlag, da ja jegliche „Propaganda“ (= Werbung) durch den psychoanalytischen Verlag erfolge – was offensichtlich heißt: Jedermann könne schon dadurch erkennen, dass dieser Verlag mit dem Buch verbunden sei.

Detail 24-7-33

Als erste Werbemaßnahmen benennt der Verlag hier, dass das Prospekt des Buches bereits der Zeitschrift Psychoanalytische Bewegung und der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik beigelegt worden sei. Zudem verschicke man Kommissionsexemplare an Buchhandlungen verschiedener Länder und Rezensionsexemplare an weitere Zeitschriften

Im beigefügten Brief an den Kopenhagener Funkis Verlag, der sich um die Vertriebsrechte der Charakteranalyse für Skandinavien beworben hatte,[1] ist – weitab von jeglicher Distanzierung –, von der Charakteranalyse als »einem so wichtigen und absatzsicheren Buch« die Rede.

Letztere Behauptung ist nicht aus der Luft gegriffen: Am 27.9.1933 erfährt Reich im nächsten Brief, dass bis Ende August immerhin schon 47 Exemplare verkauft wurden, »die meisten an Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung«. Außerdem sei dem Zentralblatt für Psychotherapie auf dessen Anforderung hin ein Rezensionsexemplar zugeschickt worden – was vermutlich die Grundlage war für eine bemerkenswerte Buchbesprechung durch den »Reichsführer der deutschen Psychotherapeuten«, M.H. Göring, die 1934 erscheinen sollte.[2] Auch der der Tiefenpsychologie verbundene Arzt, Therapeut und Publizist Arthur Kronfeld erhält ein Rezensionsexemplar.

Detail 27-9-33

Am 20.10.1933 heißt es in einem weiteren Brief an Reich, dass nun insgesamt 70, zumeist gebundene Exemplare abgesetzt seien.

Am 8.11.1933 erfährt Reich vom Verlag, dass die Edition International Aldor aus Paris die Rechte für die französische Herausgabe seines 1927 erschienenen Buches Die Funktion des Orgasmus erwerben möchte. „Da wir über die Übersetzungsrechte an Ihrem Buch gemeinsam verfügen“, skizziert der Verlag Reich verschiedene Möglichkeiten, wie eine entsprechende Vereinbarung lauten könnte.

Reich antwortet zwei Tage später. Grundsätzlich sei er einverstanden, habe aber längst eine überarbeitete Fassung dieses Buches parat. Da dafür die Vereinbarung mit dem Psychoanalytischen Verlag ja nicht mehr gelte, wolle er wissen, ob er die dazu nötigen Verhandlungen allein führen müsse. Leider war bisher nicht festzustellen, worauf man sich schließlich einigte.[3]

Am 3.10.1937 schreibt Reich an den Verlag: »Wir hätten gerne für unser Archiv ein Photo von Freud mit Zigarre« – also einen Abzug von einem der bis heute bekanntesten Freud-Porträts. Dessen Übersendung wird ihm am 20.10.1937 »gegen vorherige Überweisung von ö.S. [österreichischen Schilling] 20.-« zugesagt. Gleichzeit wird ihm mitgeteilt, dass von der Charakteranalyse noch 65 in Leinen gebundene, 27 broschierte sowie 230 Exemplare als noch nicht gebundene Druckfahnen vorrätig seien.

Am 16.2.1938 erhält Reich vom Verlag die Information, dass im Vorjahr 58 Exemplare verkauft worden waren.

Am 7.3.1938 ersucht Reich die »Internationale Zentralstelle für psychoanalytische Bibliographie, Wien 2, Berggasse 7«, ihm »aus der psychoanalytischen Literatur alle Stellen zusammenzustellen, die die Funktion des Orgasmus betreffen«.

Noch am 29.7.1938, also im Zuge der Verlagsliquidierung nach dem »Anschluss« Österreichs, bittet der Verlag um den Nachweis von Reichs Staatsangehörigkeit, um die Charakteranalyse behördlich anmelden und seine Interessen auch weiterhin vertreten zu können.

Detail 29-7-38

 

All das ist umso bemerkenswerter, wenn man die Macht- und Besitzverhältnisse im Internationalen Psychoanalytischen Verlag berücksichtigt. Sigmund Freud war seit der Verlagsgründung 1919 nicht nur der Weichensteller und mit Abstand wichtigste Autor des Unternehmens, er und seine Tochter Anna fungierten 1933 auch als dessen Hauptgesellschafter[4] – und Sohn Martin hatte die Verlagsleitung inne. Kurz zuvor war die Verbindung zur Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung durch die Bildung einer »Verlags- Kommission« gestärkt worden, zu der u.a. der IPV-Präsident Ernest Jones gehörte.

Beim Umgang mit Reichs Schrift dürften sich daher Sigmund, Anna, Martin Freud und IPV-Leitung – zu der Anna ohnehin gehörte – abgestimmt haben. Es ging dabei – und vermutlich auch bei dem sonstigen Vorgehen gegenüber Reich – offenbar in erster Linie darum, dass Verlag und Psychoanalyseorganisation nach außen hin, vor allem in Deutschland und Österreich, nicht mit Reich identifiziert würden.

Im Falle einer persönlichen Feindschaft Sigmund Freuds gegenüber Reich, ja schon bei einer vollständigen Ablehnung der Charakteranalyse hätten sich Wege finden lassen, die Arbeitsbeziehungen zwischen dem Verlag und dem Autor Reich komplett aufzukündigen, statt sogar noch innerhalb der Analytiker-Community für dessen Buch zu werben.

Der Psychoanalyseorganisation kann zu Recht vorgeworfen werden, dass sie sich nach außen hin von Reich distanzierte, ihn teils verleumdete, sich auch so den NS-Machthabern andiente – und nur intern weiter eine begrenzte Zusammenarbeit mit Reich aufrecht erhielt. Aber dieses widersprüchliche Verhalten ist zumindest weitaus besser als es eine totale Abkehr von Reich gewesen wäre. Was tatsächlich stattfand, war also keine »Vernichtungsaktion« – sondern eine heimliche aber effektive Kooperation, der Reich wie Freud zustimmten. Und die sicherlich auch im beiderseitigen Interesse lag. Der von einem Exilland zu nächsten flüchtende, nie mehr zur Ruhe kommende Reich konnte wesentliche Aufgaben an die Wiener delegieren, von deren Kompetenz und weltweiter Verflechtung profitieren. Und der Internationale Psychoanalytische Verlag hatte ein Buch im Bestand, dessen Inhalt zur Qualifizierung der therapeutischen Tätigkeit beitrug und das sich – für die damaligen Verhältnisse – recht gut verkaufte. Das war auch bedeutsam, weil aufgrund der politischen Umbrüche im deutschen Hauptabnehmerland, dann auch in Österreich die Verlagsproduktion in dramatischer Weise rückläufig war, 1933 durch den Verlag nur noch sechs Bücher produziert wurden, 1934 vier und 1935 ganze zwei.

 

 

Anmerkungen

[1] Mit diesem Verlag sollte Reich kurze Zeit danach bei der Herausgabe der Massenpsychologie des Faschismus kooperieren.

[2] Dies dann allerdings im Zentralblatt für die gesamte Psychiatrie und Neurologie. Es ist nicht auszuschließen, dass für die dortige Rezensionn noch einmal extra ein Buch angefordert wurde.

[3] Die französische Ausgabe scheint nicht zustande gekommen zu sein.

[4] Mitgesellschafter Sandor Ferenczi rang im April 1933 bereits mit dem Tode. Der einzige weitere Mitgesellschafter, Max Eitingon, bereitete notgedrungen seine Emigration nach Palästina vor und schied 1934 auch formal aus dem Gesellschafterkreis aus.

 

Quellen- und Literaturangaben sowei weitere Details in Unpolitische Psychoanalyse? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus.