Meine Annäherungen an die Psychoanalyse in DDR und BRD, von 1957 bis 2000

Aus der Perspektive des Jahres 2001 schildere ich, wie mein Interesse an der Psychoanalyse entstand und was das bis zu diesem Zeitpunkt für mein Leben bedeutete.

von Andreas Peglau

Als mich mein Vater kurz nach meiner Geburt zum ersten Mal sah, sprach er: „Der wird einmal studieren!“

Das war 1957 in Berlin, Hauptstadt der DDR. Mein Vater war Psychologe.

19 Jahre später, im September 1976, trat ich zum Studium der Klinischen Psychologie an der Berliner Humboldt-Universtät an. Es war nicht gerade leidenschaftliche Zuneigung zu diesem Fach, auf Grund derer ich mich für diese Studienrichtung beworben hatte. Was ich vom Leben wollte, wußte ich nicht, wo meine besonderen Stärken lagen – ob ich überhaupt welche hatte, die sich sinnvoll zu einem Beruf machen lassen könnten – war mir nicht klar. Aber durch einige Fachbücher meines Vaters, die ich gelesen hatte, glaubte ich wenigstens im Klaren darüber zu sein, was im Psychologie-Studium auf mich zukommen würde: Wissen über die menschliche Psyche.

Diese Erwartung jedoch stellte sich zunächst weitgehend als Irrtum heraus: Mathematik, Methodik, Statistik, Diagnostik, Humanbiologie, Allgemeine und Entwicklungspsychologie bildeten die ersten zwei Studienjahre lang die Grundpfeiler der Ausbildung – sowie Marxismus-Leninismus. (Letzterer fehlt heute selbstverständlich im Psychologie-Grundstudium der Humboldt-Uni – siehe https://www.psychologie.hu-berlin.de/studium/diplom. Ansonsten zeigt sich dort: Eine Psychologenausbildung, in der die Psyche selbst nur eine Nebenrolle spielt, war keine spezielle Sünde des Sozialismus.)

Ganz offenbar sollten wir als erstes vor allem lernen, „wissenschaftlich“ zu denken. Statt zu begreifen, quantifizierte ich, als Ersatz für Erleuchtungen erwarteten mich Signifikanzen.

Lange Zeit später entdeckte ich zwar, daß zumindest das „methodische Denken“ durchaus Parallelen hatte zu meinem Bedürfnis, Zusammenhänge vom Grunde auf zu verstehen. Nur: Damals interessierte mich das alles überhaupt nicht.

Selbst im sich anschließenden klinischen Fachstudium kam mir das meiste, was ich zu hören bekam, ziemlich abstrakt, blutleer vor. Das dürfte allerdings auch zu tun gehabt haben mit meiner wachsenden Abneigung gegen das Studium.

Eine wirkliche innere Beteiligung, die Ahnung einer „heißen Spur“, überkam mich jedenfalls nur bei einem Thema: der Psychoanalyse. Im dritten Studienjahr erfuhren wir Näheres dazu.

Für meine Begriffe allerdings entschieden zu wenig. Während wir uns zum Beispiel mit Mathematik fürchterliche fünf Semester lang quälten oder mit der kaum spannenderen Statistik ganze drei Semester zubrachten, war in den paar Stunden, die für die Psychoanalyse reserviert waren, eine intensive Beschäftigung von vornherein unmöglich – und wohl auch nicht beabsichtigt. Und das Wenige, das wir erfuhren, bezog sich vor allem auf Freuds Therapiemethode und kaum auf seine gesellschafts- und kulturtheoretischen Erwägungen. Und darüber hinaus erfuhren wir dieses Wenige auch nur aus dem Munde unserer – zumeist nicht gerade als Psychoanalyse-Fans in Erscheinung tretenden – Dozenten: Freuds Bücher standen auf dem Index und hätten aus dem „Giftschrank“ der Sektionsbibliothek nur unter Vorlage eines entsprechenden Forschungsauftrages entliehen werden dürfen.

Denn schließlich handelte es sich bei der Psychoanalyse um eine zwar historisch bedeutsame, aber „bürgerlich-individualistische“ Behandlungsmethode, deren Menschenbild bestimmt war durch

„mechanizistische, biologistische, trieb-mythologische Komponenten … Damit ist die Psychoanalyse nutzbar für eine scheinbar psychologische Rechtfertigung bürgerlicher Ideologien, die an den mit der Arbeit verbundenen Problemen der Arbeitsteilung, der Produktionsverhältnisse, der Klassen vorbeizusehen versuchen.“ (Wörterbuch der Psychologie, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1978, S. 412).

Oder, wie das Philosophische Wörterbuch (VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1974, S. 992 f) ausführte:

„Was Sigmund Freud feststellte, war kein allgemein menschliches, sondern ein gesellschaftliches Phänomen seiner Epoche … Die subjektiven, in die Form von verdrängten Konflikten und Neurosen gekleideten Widersprüche in der Intimsphäre waren nichts weiter als die Widerspiegelung objektiver Widersprüche innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft“, die „in der tendenziell möglichen Harmonisierung der individuellen, kollektiven und gesellschaftlichen Bedürfnisse im Sozialismus und Kommunismus aufgehoben“ werden.

Anders gesagt: Das Wenige, was die Psychoanalyse überhaupt jemals richtig erfaßt hatte, ließ sich durch den Marxismus von jeher sehr viel besser auf den Punkt bringen. Und in unserer, der DDR-Gesellschaft hatten Freuds Beobachtungen ohnehin keine Bedeutung mehr.

Bemerkenswert, daß sich in der Hauptprüfung „Klinische Psychologie“ trotzdem die allermeisten von uns die Psychoanalyse als Wahlthema aussuchten – so daß es der prüfende Professor für notwendig ansah, nach der Hälfte der Prüfungen auf einem anderen „Wahl“-Thema zu bestehen.

Der Grund für unser überdurchschnittliches Interesse war, denke ich, weniger die bewußte Erkenntnis, wie sehr Sigmund Freuds Ideen zum Verständnis unserer selbst hätten beitragen können. Eher war es wohl so, daß alle – berechtigte und unberechtigte – Kritik nicht in der Lage war, den Eindruck zu zerstören, es hier mit der „rundesten“, umfassendsten der uns vorgestellten Therapieformen zu tun zu haben. Hier gab es ein verständliches Bild der menschlichen Seele, aus dem mit logischer Konsequenz eine entsprechende Heilungsmethode für seelische Leiden abgeleitet worden war. Hier war jemand nicht bei der Betrachtung des einzelnen Menschen stehen geblieben, sondern hatte das Zusammenwirken dieser Einzelnen in Gesellschaft, Politik, Geschichte, Kultur und Kunst weiter verfolgt.

Diesen großen Entwurf fand ich um so faszinierender, als ich vergeblich nach etwas Adäquaten suchte innerhalb dessen, was uns im Studium als „sozialismusgemäße“ Alternative zu den bürgerlichen Therapien und Ideologien offeriert wurde. Keine Spur von einem ausgearbeiteten, einleuchtenden Menschenbild – über „die Arbeit schuf den Menschen“, „der Mensch ist ein soziales Wesen“, „die Produktionsverhältnisse sind sowieso entscheidend“ hinaus. (Von Marx´ in der DDR tabuisierten „Frühschriften“ wußte ich nichts, eine mit Freud zu vergleichende Fundierung für praktisch angewandte Psychologie hätte sich ja aber auch da nicht finden lassen.)

Und die von der Sektion Psychologie der Humboldt-Universität favorisierte Behandlungsmethode? Mir erschien sie wie eine Mischung aus Lerntheorie und klientzentrierter Gesprächstherapie, in den technischen Details weitgehend aus dem Westen übernommen und anschließend mühsam rötlich angestrichen und krampfhaft zu etwas „Eigenem“ getrimmt (der Klient hieß zum Beispiel nun Patient).

Heute denke ich, vielleicht war ja selbst das unter den bei uns herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen schon eine bemerkenswerte Leistung – immerhin gelang so die Ausnutzung bestimmter, aus dem Westen stammender Erfahrungen. Damals war ich nur enttäuscht: Wieviel armseliger erschien mir dieser angeblich sozialistische Ansatz im Vergleich zur bürgerlichen Psychoanalyse! (In der, vom universitären Betrieb vorwiegend von oben herab betrachteten, „unwissenschaftlichen“ psychotherapeutischen Praxis fand ja allerdings gleichzeitig unter der Tarnbezeichnung „dynamische intendierte“ Therapie eine sehr kreative „Beerbung“ Sigmund Freuds statt – davon jedoch wußte ich zu dieser Zeit noch nichts.)

Meine Enttäuschung war um so größer, als ich bereits seit meinem ersten Studienjahr ein – zunehmend „überzeugteres“, teilweise naiv-dogmatisches – SED-Mitglied war. Es tat mir daher regelrecht weh, in meinem Studium auf eine so unübersehbare Lücke zwischen politischem Anspruch und gesellschaftlicher Realität zu stoßen.

Recht bald stieß ich allerdings auch auf die Tatsache, daß es in der Geschichte der sozialistischen Bewegung offenbar intensive Bemühungen gegeben haben mußte, diese um tiefenpsychologische Betrachtungsweisen zu bereichern. Dieser „freudo-marxistische“ Ansatz erschien mir derartig zwingend, daß ich in den FDJ-Studienjahren, die ich leitete (monatliche Diskussionsrunden der DDR-Jugendorganisation, in denen die Politik der SED und die Erkenntnisse von Marx, Engels und Lenin propagiert werden sollten), zunehmend psychoanalytische Ideen mit einbezog. (Nebenbei: ohne deswegen jemals Ärger bekommen zu haben.)

1981 machte ich mein Diplom. Und obwohl ich eigentlich mit Psychologie im allgemeinen nach diesen fünf Jahren noch weniger am Hut hatte als zuvor, begann ich anschließend ein Forschungsstudium im Bereich „Forensische Psychologie“. Wenige Wochen reichten jedoch, um zu erkennen, daß ich mit dem anhaltenden Tragen von weißen Kitteln und einer durch straffe Reglementierung geprägten Arbeitssituation erst recht nicht glücklich werden könnte. Aber wie sollte ich gerade jene Berufslaufbahn hinschmeißen, zu deren erfolgreichem Absolvieren ich seit meiner Geburt vorgesehen war??

Die Lösung kam von unerwarteter Seite: Da ich bereits seit mehreren Jahren Diskotheken und Musikvorträge im „Zentralen FDJ-Studentenklub der Humboldt-Universität“ gemacht hatte und dort akut ein stellvertretender Leiter und Programmgestalter gebraucht wurde, wurde mir mittels eines Parteiauftrages nahegelegt, mein Forschungsstudium zu beenden und diese Stelle zu besetzen. Ich sagte sofort ja dazu – erst hinterher wurde mir schlecht bei dem Gedanken, wie ich das meinen Eltern beibringen sollte.

Hier im Studentenklub fühlte ich mich dann schon wesentlich wohler: Ich konnte an fünf Wochentagen Musik, Kultur und Bildung zu Abendveranstaltungen für bis zu 350, zumeist studentische Gäste kombinieren – eine faszinierende Aufgabe!

Aus dieser riß mich aber bereits nach einem Jahr unsanft der 18-monatige „Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee“. Und während ich meinte, den Weltfrieden sicherzustellen – und nebenbei auch hier wieder in FDJ-Studienjahren und persönlichen Gesprächen, zumeist wohl vergeblich, für Sozialismus und Psychoanalyse agitierte – wurde mein Arbeitsplatz im Klub anderweitig besetzt. Den Kampf dagegen verlor ich und die anschließende Jobsuche führte mich 1985 zu „Jugendstudio 64“ – der Jugendabteilung des Berliner Rundfunks.

DT 64 1

Hier wurde ich in der Abendredaktion angestellt, was den entscheidenden Vorteil hatte, längere (bis zu zwei Stunden) und damit auch fundiertere Sendungen machen zu können. Allerdings nicht etwa zu psychologischen Themen. Daran hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber auch gar kein Interesse.

Anderthalb Jahre später jedoch änderte sich diese Situation. Nachdem gerade eine mehrjährige Beziehung zu einer Frau in die Brüche gegangen war und mir plötzlich auch der Berufsstreß über den Kopf zu wachsen schien, schickten mir westdeutsche Freunde Sigmund Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ (und – oh Wunder – es kam schon beim dritten Versuch durch den Zoll!). Während meiner Krankschreibung fing ich an, es zu lesen – und zum ersten Mal merkte ich, wie sehr mich die Psychoanalyse persönlich anging.

Zunächst wurde mir schlagartig etliches klarer über mein Verhältnis zu meinen Eltern – und über die prägende Rolle, die es für meine späteren Partnerschaften gehabt hatte. Und schließlich – so, als ließe sich das eine nicht vom anderen trennen – mußte ich auch noch in meinem beruflichen und politischen Leben geradezu „frühkindliche“ Abhängigkeiten erkennen. Als ich beim Schluß des Buches angelangt war, schien nichts mehr ganz genau so zu sein wie zuvor.

Dieser anscheinend unlösbare Zusammenhang zwischen individuellen und gesellschaftlichen (inzwischen würde ich ergänzen: ökologischen, ökonomischen, globalen) Vorgängen hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Zurückgekommen an den Arbeitsplatz, wurde mir vorgeschlagen – welch „Zufall“! -, in die inzwischen geschaffene Lebenshilfe-Reihe von DT-64 (einstündige Montagabend-Sendungen mit den Titelzeilen „Mensch Du!“, „Menschens Kinder“, „Mensch, Mensch“) einzusteigen. Ausführliche Gespräche zu psychologischen Themen und mit Experten meiner Wahl zu führen – jetzt war ich daran sehr interessiert. Bald darauf fand ich privat eine neue Lebenspartnerin, eine Kollegin, und zog zu ihr und ihren beiden Kindern. Interview-Partner, die die Psychoanalyse einschließlich ihrer persönlichen und politischen Konsequenzen ebenso faszinierend fanden wie ich, suchte ich zunächst vergeblich.

Aber ich las weiter. Nicht nur, daß nun halbjährlich – immer zum meinem Geburtstag und zu Weihnachten, ich wartete jeweils sehnsüchtig darauf – ein „West-Päckchen“ mit einem neuen Band aus Freuds Studienausgabe auf mich zukam. Im Frühjahr 1987 geriet mir auch das Buch des amerikanischen Primärtherapeuten Arthur Janov „Der Urschrei“ in die Hände – und ich konnte es kaum fassen: Jemand, der mich doch überhaupt nicht kannte, schien ein Buch geschrieben zu haben – über mich!

Während Janov die Symptome seiner neurotischen, autoritätsabhängigen, arbeitssüchtigen, depressiven Patienten beschrieb, mußte ich mich in vielem wiedererkennen. Manchmal konnte ich nur eine einzige Seite lesen, so sehr fühlte ich mich getroffen.

Als es überstanden war, war ich nicht nur in meiner „Selbstanalyse“ ein Stück weiter: Ich wollte auch unbedingt eine solche „Primärtherapie“ machen. Und am liebsten: einen Primärtherapeuten als Interviewpartner finden. Aber das schien in der DDR ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

In Sachen Psychoanalyse aber kam Ende 1987 ein hoffnungsvolles Zeichen – aus einer Ecke, aus der ich es schon gar nicht erwartet hatte: Die (Ost-)“Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ hatte in der November-Ausgabe den Artikel des bekannten (Ost-)Berliner Philosophieprofessors und Schriftstellers John Erpenbeck „Vorschläge zu Freud“ veröffentlicht, den dieser zusammen mit dem amerikanischen Psychoanalytiker Antal Borbely verfaßt hatte – an sich schon kaum zu glauben. Und darin unterzogen die beiden Autoren Freud auch noch einer, wenn auch kritischen, Würdigung, wiesen auf dessen bleibende Bedeutung – also auch für die sozialistische Gesellschaft – hin:

„die Psychoanalyse Sigmund Freuds … ist eines der herausragenden Ereignisse der Wissenschaftsgeschichte unseres Jahrhunderts … ein bis heute interessantes Modell der Verinnerlichung gesellschaftlicher Werte und Normen“ (Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 11/ 1987)

Seit wann war das denn erlaubt? Wieso tat ein marxistischer Philosoph, wovor sich die allermeisten Psychologen unseres Landes drückten? Und: Wie ging es ihm jetzt, nachdem der Beitrag erschienen war – war er immer noch Professor?

Ich faßte mir ein Herz und rief John Erpenbeck an, besuchte ihn und erfuhr: Er selbst hatte erstaunt zur Kenntnis genommen, daß sich nicht nur der Veröffentlichung dieses Artikels keinerlei Widerstand entgegengestellt hatte, sondern es auch kein „Nachspiel“ gegeben hatte. Offenbar war wieder einmal mit etwas Courage mehr möglich, als ich glaubte. Oder änderten sich auch in diesem Bereich langsam die politischen Richtlinien, nach denen erlaubt, verboten oder zensiert wurde?

Für letzteres sprach auch die Tatsache, daß – nachdem 1982 bereits Freuds „Trauer und Melancholie“, 1985 „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“ sowie „Psychoanalyse – Ausgewählte Schriften“ in DDR-Verlagen erschienen waren, 1988 jene immerhin 3-bändige Sammlung mit Freud-Schriften (recht verharmlosend als „Essays“ bezeichnet) herauskam, für deren Zustandekommen sich der DDR-Schriftsteller Franz Fühmann jahrelang engagiert hatte. Und diese Sammlung enthielt immerhin auch so gesellschaftstheoretisch brisante Texte wie „Jenseits des Lustprinzips“, „Die Zukunft einer Illusion“ und „Warum Krieg?“ (Sigmund Freud: Essays, Verlag Volk und Welt, Berlin-Ost 1988).

Mitte `88 bekam ich endlich auch einen weiteren Tip: Da wäre vielleicht jemand, in Halle an der Saale, der eine Therapie durchführen würde, die meinen Vorstellungen nahe kommen könnte … Im Januar 1989, beim „12. Psychotherapiekongreß“ in Berlin, sah ich den Hallenser Psychotherapeuten Dr. Hans-Joachim Maaz dann zum ersten Mal – und fühlte mich wie elektrisiert von seinem Vortrag über „Körperorientierte Psychotherapie“.

Was er über seine therapeutische Arbeit erzählte, baute auf psychoanalytischen Erkenntnissen auf und schien gleichzeitig in mancher Hinsicht der Primärtherapie recht ähnlich. Und wie er es erzählte, mit wieviel Energie und Engagement er davon sprach – und nicht einmal das Tabuthema gesellschaftlicher Ursachen neurotischer Erkrankungen aussparte -: Mich von ihm therapieren zu lassen, konnte ich mir gut vorstellen. Und wenn er außerdem noch bereit sein würde, mit mir Sendungen zu machen – das wär´s!

Was die Therapie betraf, dämpfte er meinen Überschwang spürbar mit einem Hinweis auf den üblichen Ablauf in seiner psychotherapeutischen Abteilung: erst Vorgespräch, dann eine sich eventuell anschließende erste Woche zum Prüfen von Therapie-Motivation und -Eignung, anschließend eine achtwöchige, stationäre Gruppentherapie. (Ich wußte gar nicht, wovor ich mehr Angst hatte: vor den zwei Monaten oder vor der „Gruppe“.) Sich mit seinen Ansichten durch den Rundfunk an eine breitere Öffentlichkeit wenden zu können, daran hatte er Interesse, und wir verabredeten uns zu einem Gespräch für den 7. März 1989 in seiner Klinik.

Daß ich dieses Datum nicht vergessen werde, liegt daran, daß – während ich mich auf den Weg nach Halle und damit zu einem für mich ausgesprochen zukunftsträchtigen Treffen machte – meine Lebensgefährtin in ein Taxi stieg, das sie in ein Krankenhaus brachte, wo sie vier Tage später operiert werden sollte. Drei Wochen zuvor war bei ihr Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium festgestellt worden.

Ihre Krankheit und deren Behandlung bestimmten nun auch mein Leben weitgehend; ganz praktisch ebenso wie emotional. Angst und Verzweiflung legten sich immer wieder über Hoffnung und Freude, für die es 1989 gleichfalls außergewöhnlich viel Anlaß geben sollte.

Am 13. März `89 lief unter dem Titel „Mensch Du, das ist mir nicht bewußt“ meine erste Sendung mit Hans-Joachim Maaz. In seinen Worten gesellte sich jetzt zur Psychoanalyse die Körpertherapie hinzu, zu dem schon ungeheuer spannenden Sigmund Freud der in manchem noch radikalere, politischere (in einer langen Phase seines Lebens auch: „linke“) Wilhelm Reich.

An dieser Stelle fällt mir eine Absurdität ein, von der ich unbedingt erzählen muß. Aus der Chefredaktion des mittlerweile zum eigenen Sender avancierten „Jugendradio DT 64“ kamen zwar die üblichen Einwände gegen meine Beiträge über Sigmund Freud („bürgerlich-individualistisch“ bis „nicht jugendgemäß“) – aber kein Mensch hatte irgendein Problem mit Wilhelm Reich: Der war so tabu – daß ihn einfach keiner mehr kannte! (Verrückt, wie sich autoritäre Systeme auch auf diese Weise unausweichlich selbst ein Bein stellen.)

Trotzdem war es erstaunlich: Während es noch wenige Monate zuvor für – meiner Meinung nach – wesentlich harmlosere Sendungen Disziplinarstrafen gehagelt hatte, konnte Hans-Joachim Maaz nun ungehindert über weit verbreitete autoritäre Deformierungen, über lebens- und liebesfeindliche Gefühlsunterdrückung und realitätsverzerrende Neurosen sprechen – nicht beim „dekadenten Gegner“, sondern in UNS, in den „sozialistischen Menschenpersönlichkeiten“ der Deutschen Demokratischen Republik!

Und er erklärte ausführlich, wie psychoanalytische und körpertherapeutische Behandlungen wirkten, wie intensiv sie ihre Patienten „umkrempeln“ konnten. In unserer zweiten Sendung im April 1989 fragte ich ihn daher auch, was denn in einem Patienten noch übrig bliebe von den vertrauten Normen und Werten nach einer derartigen Therapie.

Hans-Joachim Maaz und Andreas Peglau, 2002 bei einem weiteren Gespröäch (Foto: Ulrike Gedeon-Maaz)

Hans-Joachim Maaz und Andreas Peglau, 2002 bei einem weiteren Gespräch (Foto: Ulrike Gedeon-Maaz)

„Maaz: Es ist tatsächlich so, daß er die Bezugspunkte, durch die er krank geworden ist, verlieren wird. Er muß vorhandene Normen, Einstellungen und Haltungen, an die er bisher geglaubt hat, nach denen er gelebt hat, aufgeben und neue gewinnen. Und das betrifft natürlich die wesentlichen Bereiche des Lebens: Partnerschaft, Beruf, Moral, weltanschauliche, religiöse, politische Positionen, die man plötzlich erneut überprüfen muß.

Das ist sowieso meine Auffassung, daß jeder Mensch, wenn er erwachsen geworden ist, verpflichtet ist, verantwortlich dafür ist, alle Normen, die er kennengelernt hat, noch einmal kritisch zu prüfen. Und er wird viele von diesen Normen über Bord werfen müssen. Und die, die alle diese Normen unkritisch übernehmen, sind eher gefährdet, sowohl die gesellschaftliche Entwicklung zu behindern, als auch selbst krank zu werden.

Peglau: Heißt das, der Patient einer solchen Therapie wird ein unangepaßter Mensch? 

Maaz: Er wird ein unangepaßter Mensch hinsichtlich falscher Normen, die ihm vermittelt wurden.

Ich denke, es ist wichtig, zu verstehen, daß nur unangepaßte Menschen, die in der Lage und bereit sind, falsche Normen zu empfinden – weil sie sich das bewußt gemacht haben und sich kritisch damit auseinandersetzen – daß nur solche unangepaßten Menschen eine Gesellschaft weiterentwickeln können. Die werden nämlich ein Gespür dafür haben, was gut ist, gesund, natürlich. Und die werden auch am entschiedensten verhindern, daß sich falsche Normen weiter ausbreiten.

Genau solche Menschen, denke ich, braucht eine gesunde Gesellschaft!“  

Obwohl ich weiß, daß sich die Brisanz dieser Sätze aus der Perspektive des „vereinigten Deutschlands“ kaum noch nachvollziehen läßt, halte ich es doch für einfühlbar, daß solche Gedanken in einem Staat, der behauptete, durch den Marxismus-Leninismus über „wissenschaftlich begründete“, „objektiv-richtige“ und daher im Prinzip unantastbare Normen und Werte zu verfügen, normalerweise nicht durch die Medien verbreitet wurden.

Verstanden habe ich diese für DDR-Rundfunk-Zustände unerhörte Freiheit nie ganz. Erklären konnte ich sie mir teilweise so: Erstens hatte ich zu diesem Zeitpunkt eine ziemlich mutige Chefin und „Abzeichnerin“ (die als erste den Kopf für politisch inkorrekte Äußerungen hinzuhalten gehabt hätte – und dies in den Jahren davor auch mehrfach getan hatte). Zum Zweiten war die DDR-Führung, das hatten wir seit dem Verbot der, zunehmend auf „Glasnost“ setzenden sowjetischen Sputnik-Zeitschrift im Herbst `88 immer wieder gemerkt, irgendwie nicht mehr „die alte“. Personell schon (selbstverständlich!), aber die Strafandrohungen für staatsschädigende Verfehlungen hatten – in den täglich vom zuständigen Politbüro-Mitglied Joachim Herrmann ausgegebenen Medien-Richtlinien – immer mehr nahezu verständnisheischenden Appellen an das Klassenbewußtsein von uns Journalisten Platz gemacht. Sie schienen plötzlich wichtigere Probleme zu haben, als unsere Sendungen rund um die Uhr auf Linie zu trimmen.

Aber ebenso entscheidend war, denke ich, etwas Drittes: Ein Staat und seine Führer, die derartig auf „Klassen“ und „Massen“ fixiert waren, konnten die Subversivität „individualistischer“ Verbesserungsvorschläge kaum noch wahrnehmen. Die wirklich wichtigen Schlachten wurden in der Produktion geschlagen, in der Außenpolitik und im Sport, auch in der Pädagogik. Aber Psychologie? Lebenshilfe? Das betraf doch nur Einzelne: schwache, unbedeutende Individuen, kleine Rädchen im Getriebe objektiver Gesetzmäßigkeiten.

Nach der zweiten Sendung mit Hans-Joachim Maaz über das „Unbewußte“ und seine Konsequenzen für Leben und Lieben, im April `89, bot ich den Hörerinnen und Hörern eine schriftliche Zusammenfassung an …

Mensch Du Cover (Zum Lesen bitte hier klicken: Mensch Du)

Von nun an kamen zu unseren monatlichen Sendungen jedesmal um die 1.000 Briefe und Karten – eine absolut ungewöhnliche Resonanz.

Aber noch viel erstaunlicher und beeindruckender als diese Menge von Zuschriften war ihr Inhalt, war die – bei aller Verschiedenartigkeit der Absender – sich ähnelnde persönliche Betroffenheit, die unsere Sendungen bei vielen ausgelöst hatte. Menschen zwischen 15 und 60 (die meisten allerdings zwischen 25 und 40), Lehrerinnen, Ingenieure, Kindergärtnerinnen, Offiziere, Gabelstaplerfahrer, Studenten, Hausfrauen, Ärztinnen, Mütter im Baby-Jahr, Facharbeiter, Fotografinnen, Schüler, Physiker, Invaliden-Rentner, ein Kneipenwirt … schrieben auf eine derartig offene Weise über sich, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Nicht nur mir „im“ Radio, auch jenen vor dem Radio schien eine Erkenntnis nach der anderen hochzukommen.

Sicherlich war es, wie ich heute weiß, kein repräsentativer DDR-Bürger-Querschnitt, der da schrieb. Dazu fühlten sich zu viele von ihnen immer noch mit unserem Staat (teilweise in einer Art Haß-Liebe) verbunden und etliche litten offenbar – wie ich – mit an dessen sich zuspitzender Krise. Gleichzeitig bemerkten sie zunehmend, wo es auch bei ihnen selbst „nicht (mehr) stimmte“. So suchten sie anscheinend nach gesellschaftlichen und persönlichen Auswegen – eben auch in den Montagabend-Sendungen von DT-64, eben auch in dem von uns aufgearbeiteten psychoanalytischen, tiefenpsychologischen und körpertherapeutischen Gedankengut.

(Manche von ihnen hatten einen solchen Ausweg bereits in Form von Psychotherapien gefunden und berichteten von ihren diesbezüglichen, sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Zu ihnen gehörten auch eine ganze Reihe von Patienten der Hallenser psychotherapeutischen Abteilung, unter denen sich die Nachricht über die Medienaktivität ihres Therapeuten offenbar rasch herumgesprochen hatte.)

Ihre Briefe gaben mir Kraft, Bestätigung und das Gefühl von Nähe (ich denke, das, was damals stattfand, ließe sich auch als gegenseitige Lebenshilfe beschreiben) – und lösten wiederum neue Fragen in mir aus, auf die ich Antworten suchte: in Büchern, Interviews und in der jeweils nächsten Sendung mit Hans-Joachim Maaz.

Vom 11.-13. Juli 1989 – noch immer ahnte niemand, das bereits wenige Wochen später die DDR anfangen sollte, endgültig auszubluten – fand in Leipzig etwas ganz Außergewöhnliches statt: Ein Kongreß mit dem Thema „Geschichte und Gegenwartsprobleme der Psychotherapie – zur Stellung Sigmund Freuds und der Psychoanalyse“. Und nicht nur das: sogar mit wirklich internationaler Beteiligung u.a. aus der BRD, Österreich, Ungarn, den USA.

leipzig 1989

Ich war überglücklich, die Verantwortlichen meines Senders überreden zu können, mich dort als Journalist akkreditieren zu lassen. Und ich führte, mit oder ohne Aufnahmegerät, so viele Gespräche, wie nur möglich, versuchte, alle Vorträge zu hören, mischte mich gelegentlich auch in Diskussionen ein – unter anderem mit ein paar kritischen Bemerkungen über die dürftige Behandlung der Psychoanalyse in unserem Psychologiestudium, was mir von anwesenden Universitätsdozenten den Vorwurf der „Netzbeschmutzung“ einbrachte.

Drei Tage lang war ich voll in meinem Element. Und brachte Aufnahmen zurück, aus denen ich dann für das DT-64-Kultur-Magazin „Szene“ eine akustische Freud-Biografie zusammenstellen konnte – mit deutlich aktuellen Bezügen und einer spannenden Mischung von Fachleuten aus DDR und westlichem Ausland wie dem New Yorker Psychoanalytiker Antal Borbely, dem Ulmer Psychoanalytiker Helmuth Thomä, dem Leiter des Wiener Freud-Hauses Harald Leupold-Löwenthal, dem Leipziger Philosophen und Wissenschaftshistoriker Achim Thom.

Letzteren zum Beispiel befragte ich nach der Bedeutung, die er Freuds Buch „Totem und Tabu“ zumesse, laut dem der Ursprung unserer Zivilisation im Mord einer Urhorde an ihrem tyrannischen Übervater zu suchen sei. Und er antwortete – in einer Situation, in der die ganze DDR-Gesellschaft auf Erneuerung oder zumindest auf ein Abdanken Erich Honeckers hoffte – daß Freuds

„rationaler Gedanke nicht so sehr gebunden (sei) an die historische Detailtreue des Materials. Sondern es geht einfach um die Frage, wie sich in menschlichen Kollektiven Machtstrukturen herausbilden, welche Motive den einzelnen Menschen veranlassen, solche Macht für sich in Anspruch zu nehmen und gegen andere geltend zu machen und unter welchen Bedingungen an ein Abschütteln von solchen übermächtigen Herrschaftsformen gedacht werden könne.“ (nachzulesen in ICH-die Psychozeitung, 1/ 1990, S. 7)

Und John Erpenbeck, ebenfalls zum Kongreß erschienen, ergänzte – auf die Frage, ob die Psychoanalyse für Marxisten überhaupt noch eine Bedeutung habe:

„Ich glaube, daß man eine Theorie wie die Freudsche überhaupt nicht aufheben kann wie eine streng einzelwissenschaftliche Theorie. Oder daß man sie abtun kann wie einen mystischen Entwurf.

Die Freudsche Theorie stellt ein vielfaseriges Geflecht dar aus großartigen einzelwissenschaftlichen Entdeckungen, aus metapsychologischen Überlegungen und Spekulationen und schließlich aus philosophischen Anschauungen, weltanschaulichen Entwürfen und Mythen.

Hinzu kommt, daß sich im Weiterdenken des Freudschen Werkes ein gewaltiges Material an theoretischen Überlegungen und praktischen Erfahrungen angehäuft hat. Der praktisch arbeitende Psychoanalytiker, der täglich mit Menschen umgeht, mit ihren Krankheiten, ihren sozialen und individuellen Erfahrungen, hat natürlich einen ungeheuren Schatz gesammelt, den es zu verarbeiten gilt, wenn man ernsthaft darangeht, eine philosophische Subjekttheorie zu entwickeln.

Freud hat eine der ersten naturwissenschaftlich gestützten Theorien der Aneignung von Werten und Normen geschaffen. Freud beschreibt, daß und wie sie verinnerlicht werden, daß sie nicht mehr bewußt sind, doch unterbewußt und unbewußt weiterwirken.

Eine der zentralen Fragen dieser Theorie ist, daß Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortung die wichtigsten Voraussetzungen dieser Aneignung sind. Fehlende Entscheidungsfreiheit, fehlende Selbstverantwortung führen zur Verinnerlichung von Normen und Werten, die gesellschaftlich nicht zu verantworten sind. Insofern hat das Freudsche Werk auch eine unübersehbare gesellschaftliche Bedeutung.“ (ebenda)          

Wie sich Menschen, deren Lebensläufe durch fehlende Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortung geprägt waren, in Krisensituationen verhalten, wie wenig sie mit ungewohnten Möglichkeiten freier Entscheidung und selbstverantwortetem Leben anfangen können, das sollte sich in den folgenden Monaten an den Bürgerinnen und -Bürgern unseres Landes einprägsam beobachten lassen.

Als im August `89 die ungarischen Grenzen auf- und die ersten DDR-Bürger davongingen, hatte ich gerade angefangen, Erich Fromm´s „Das Menschenbild bei Marx“ zu lesen, in denen er jene, bereits erwähnten „Frühschriften“ analysierte. (Erich Fromm: „Das Menschenbild bei Marx“, Fromm-Gesamtausgabe, Band 5, S. 335 ff) Um viele Jahre zu spät stellte ich fest, daß für Marx die bei uns vergötterten Produktionsverhältnisse nur Mittel zum Zweck eines sinnerfüllten, an kreativen Beziehungen zu Menschen und Natur reichen Lebens sein sollten. Das hieß ja auch: Selbst kapitalistische Länder konnten nach Marx´ eigener Definition unter Umständen dem Kommunismus näher sein als meine sozialistische Heimat DDR. Entsetzlich!

Aber noch konnte ich die Erkenntnis nicht an mich heranlassen, daß das Verfallsdatum unseres mißratenen sozialistischen Experiments bereits überschritten sein könnte. Jede Krise ist schließlich auch eine Chance, dachte ich mir – und in diesem Fall, so hoffte ich, auch die Chance, in unserem System endlich Freuds Ideen zu etablieren.

Daher beantragte ich Anfang September 89 – während die westlichen Medien rund um die Uhr von DDR-Flüchtlingen berichteten, dabei vielfach gezielt Öl ins Feuer gossen, und die DDR-Offiziellen sich in einer Mischung aus Arroganz und ohnmächtiger Wut jegliche „Einmischung“ verbaten – ein Interview mit dem Stellvertretenden Minister für Kultur, Klaus Höpke, zur kulturpolitischen Bedeutung der Psychoanalyse machen zu dürfen.

Und tatsächlich bekam ich sowohl vom meinem Sender als auch aus dem Kulturministerium grünes Licht. Das hatte ich schon wegen des beabsichtigen Gesprächsthemas nicht unbedingt erwartet. Zusätzlich unwahrscheinlich wurde es, weil nicht lange zuvor der Stuhl von Klaus Höpke, der für den Bereich Literatur zuständig war, wieder einmal heftig gewackelt hatte, nachdem er sich erneut für einen beim Politbüro der SED in Ungnade gefallenen DDR-Schriftsteller eingesetzt hatte. Bereits 1988 war es wesentlich Höpke zu verdanken gewesen, daß die erwähnten dreibändigen Freud-Essays erscheinen durften. Und in der DDR-Wochenzeitschrift „Weltbühne“ hatte er sich im Mai ´89 in zwei Beiträgen u.a. ziemlich positiv zu Freuds, unter dem Motto „Warum Krieg?“ stehenden Brief an Albert Einstein geäußert.

Von diesem Interview erhoffte ich also unter anderem, daß einer aus der oberen Führungsriege, einer, dessen Worte wirklich Gewicht hatten, sich auch über den Rundfunk relativ offen zugunsten der Psychoanalyse äußern würde.

„Peglau: Was kann ein DDR-Kulturpolitiker heute mit Freuds Gedankengut anfangen?

Höpke: Was wir mit Freud und seinem Kulturbegriff anfangen können, hängt u.a. davon ab, welche Gemeinsamkeiten es zwischen der Welt gibt, die er beschrieben hat und der unsrigen – bzw. noch gibt.

Zum einen haben wir die Diskontinuität der sozialistischen Revolution – zum anderen, glaube ich, haben wir viel mit tradierten Normen, Sitten, Verhaltensweisen zu tun. Und ich meine, daß hier die kritische Aneignung Freudscher Gedanken sehr nützlich sein kann.

Wir alle haben zum Beispiel täglich damit zu tun: Wie fördern wir Kreativität? Und wir brauchen andererseits auch eine gewisse Kompromißfähigkeit in unserer Gesellschaft. Das eine ist unverzichtbar, das andere auch – doch sind beide tief widersprüchlich. Und ich glaube, es gehört zu den Eigenschaften unserer Kultur, die wir stärker ausprägen müssen, daß wir beides haben, daß wir nicht die Kreativität durch vorzeitige Kompromißfähigkeit abschleifen und letztlich vernichten.

Peglau: Freud hat 1932 in seinem Briefwechsel mit Albert Einstein geschrieben: `Alles, was Gefühlsbindungen unter den Menschen herstellt, muß dem Krieg entgegenwirken … Alles, was bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen herstellt, ruft solche Gemeingefühle, Identifizierungen hervor … Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.´ („Warum Krieg?, „Sigmund Freud Studienausgabe, S.-Fischer-Verlag Frankfurt a. M. 1974, Band 9, S. 283 ff)

In Ihren Weltbühnen-Artikeln zitieren Sie diese Sätze und bewerten Freuds Brief als einen `frühen Baustein Neuen Denkens in den internationalen Beziehungen´. Anschließend schreiben Sie: `Freuds Anregungen für die von ihm als indirekt bezeichneten Wege zur Bekämpfung des Krieges (sind) von hohem Nutzen für unsere gemeinsame Gegenwart und Zukunft. Seine Überlegungen helfen uns, wenn wir uns plastisch ausmalen wollen, was geschehen und was unterbleiben muß, damit wir den friedlichen Fortbestand der Menschheit auf der Erde und mithin die Möglichkeit ihres Fortschritts zu neuen Lebensweisen weiter sichern!´ (Klaus Höpke: „Freuds Brief an Einstein“, Weltbühne 22/ 1989)

Welche konkreten und in den nächsten Jahren bereits umsetzbaren Schritte zu diesem Ziel könnten denn Ihrer Meinung nach aus dem Gedankengut Freuds abgeleitet werden?

Höpke: Über vertrauensbildende Maßnahmen wird inzwischen ja erfreulicherweise nicht nur geredet, sondern: Es finden welche statt. Andererseits wäre es, glaube ich, leichtsinnig, zu glauben, heute würden Gefühlsbindungen unter den Menschen frei von gesellschaftlichen Interessen sichern, daß der Schritt in diese Zukunft gelingt.

Wenn Sie jetzt konkret fragen, welche Schritte da möglich wären, da habe ich vor allen Dingen die Vorstellung, daß es uns gelingen muß, alle die Elemente aus dem internationalen Verkehr auszuschalten, die man letzten Endes unter psychologischer Kriegsführung einordnen muß. Die also statt einer in einer Kultur des Streits ausgefochtenen Auseinandersetzung – über Gesellschaftskonzepte, Persönlichkeitsauffassungen – eine Attacke reiten gegen ein, eben das fortgeschrittene Gesellschaftssystem. Wir erleben es heute tagtäglich in den elektronischen Medien.  

Franz Fühmann hat übrigens einen interessanten Beitrag dazu auch wiederum geleistet. Unter seinen `Traumgedichten´ findet sich der `Traum von den zwei Schmähern´, in dem er schildert, wie zwei `Schmäher´ sich gegenseitig mit Kot bewerfen, und macht darin deutlich, daß das natürlich zu überhaupt nichts führt.

Und ich würde eben sagen: Die Zukunft in dieser Hinsicht liegt darin, daß wir immer weniger das Schmähen, sondern das Sehen zur höchsten Sitte erküren müssen. So daß wir einst Gedichte lesen können von den beiden Sehern, die also befähigt sind, beim Anderen zu erkennen, was interessant ist für die Gestaltung gedeihlicher Beziehungen.“    

Ich hätte es schon gern noch etwas konkreter gehabt. Trotzdem waren auch das gute Argumente dafür, die Psychoanalyse keineswegs als „völlig überholt“ abzuschreiben – im Gegenteil: In der Situation, in der sich unser Land befand, bot sie offenbar sogar konstruktiven Ansatzpunkte, um Streitkultur nach innen und außen anzumahnen.

Daran, meinte ich, würde sich auf jeden Fall anknüpfen lassen. Denn der Vorteil unseres autoritären und zentralisierten Staatsgebildes war ja: Alles, was über die Massenmedien ging, hatte hochoffizielle Bedeutung, konnte als eine Art „Dokument“ angesehen werden. Auf diese Weise, durch das Schaffen solcher „Dokumente“, so hoffte ich, könnte auch ich einen Beitrag dazu leisten, daß die Psychoanalyse vielleicht bald „hoffähig“ werden würde. Und ich träumte von regelmäßigen Veranstaltungen in Studentenklubs, bei denen ein Schauspieler Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ zu Gehör bringen sollte, von Ausstellungen mit Bildern, die Patienten während ihrer Therapien gemalt hatten, von Lebenshilfe-Bibliotheken mit öffentlich zugänglicher tiefenpsychologischer Literatur … Und ich arbeitete ein dementsprechendes Konzept für „psychoanalytische Öffentlichkeitsarbeit“ aus und stellte es u.a. innerhalb eines Vorstandstreffens der „Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie“ vor.

Doch bald nach meinem Gespräch mit Klaus Höpke ging dann alles Schlag auf Schlag. Nach der ungarischen Grenze öffnete sich nun auch die Prager BRD-Botschaft, die Leipziger Montagsdemos begannen und gewannen wöchentlich an Zulauf, den von Honecker am 30. September zähneknirschend hingenommenen Massenausreisen folgte eine Woche darauf die „Trotz alledem!“-Feier des 40. Jahrestages der DDR. Und eine Woche später: Erich Honeckers Entthronung. Und noch eine Woche später: jene Routine-Untersuchung, die die Hoffnung meiner Lebensgefährtin, geheilt zu sein, endgültig zerstörte.

Als dann am 4. November der Berliner Alexanderplatz nahezu übersprudelte von der Erwartung eines Neuanfangs,

(Gerhard Schöne: Mit dem Gesicht zum Volke, 4.11.1989)

eines endlich „richtigen Sozialismus“ – so erschien es mir zumindest – wäre das vermutlich einer der schönsten Tage in meinem Leben gewesen, hätte er sich nicht überschnitten mit ihrer zweiten Operation, was diesmal bedeutete: Amputation.

Trotzdem – und entsprechend der Maxime „Jetzt oder (vielleicht) nie!“ – standen auch wir beide eine Woche darauf in der Warteschlange am Ost-West-Grenzübergang Bornholmer Straße. Von einem, vom Mauerfall ausgelösten „Befreiungsgefühl“ konnte jedoch weder bei ihr noch bei mir die Rede sein. Nicht nur, weil wir wichtigere Sorgen hatten. Wir gehörten zu denjenigen, die sich auch zuvor in der DDR nicht eingesperrt gefühlt hatten.

Bei letzterem Satz muß ich die Betonung aus heutiger Sicht allerdings sehr stark auf „gefühlt“ legen: Einige Jahre später wurde mir übel über das Ausmaß meines Eingeengt-Seins in meinem entschwundenen Vaterland. Damit meine ich weniger die verwehrten Reisefreiheiten, sondern vor allem die Tatsache, wie genau mein Leben in feste Verhaltens- und Denkregeln gepreßt war, von wieviel Aufpassern, Bescheidwissern, Staatsvertretern ich ganztägig umgeben war: von meiner Klassenlehrerin über den Fahrkartenkontrolleur bis zum „1. Sekretär des usw.“, der mir über alle Medien permanent erklärte, wo´s langging. Mein Unbehagen gegenüber solcherart Überbehütung hatte ich jedoch offenbar zufriedenstellend verdrängt. Im Gegenteil: Was ich empfand, war Geborgenheit.

Das, was in den „Mensch …“-Sendungen mit Hans-Joachim Maaz von Anfang an eine Hauptrolle spielte, hatte eben auch mit mir zu tun: unbewußt darunter zu leiden, was ich bewußt bejahte.

Apropos „bewußt bejahen“: Wenn ich vorhin von „Subversivität“ gesprochen habe, dann sollte das nicht heißen, daß ich mit diesen Sendungen irgendwie „zersetzend“ tätig sein wollte. Mein Staat war – nach Gorbatschows neuer Glasnost-UdSSR – der zweitbeste. Er hatte noch ein paar Probleme, mußte sich noch ein bißchen ändern – aber das tat er seit Oktober ´89 doch endlich!

Im Gegensatz zu dem längst zu oppositionellen Kreisen zählenden Hans-Joachim Maaz war meine kühnste revolutionäre Vorstellung: Hans Modrow statt Erich Honecker! Und, na klar: mehr Transparenz, ganz so wie es „Gorbi“ vormachte – und mehr Psychoanalyse! Das wünschte ich mir als „dritten Weg“ – keinesfalls eine Vereinigung mit der „imperialistischen BRD“.

Heute glaube ich: Ich würde auswandern – allerdings: wohin? -, wenn jene einengenden DDR-Verhältnisse sich hier wieder einstellen würden. Nicht, daß ich vergessen hätte, worin der „reale Sozialismus“ seine realen Vorteile hatte – wie die Sicherheit von Arbeit und Wohnung – und worin er seine irrealen Vorteile hatte: zum Beispiel in dem Gefühl, zu etwas Größerem, Wichtigem dazuzugehören und beitragen zu können. Auch nicht, daß mir das BRD-System etwa ideal vorkäme. Aber ich halte es inzwischen, alles in allem, für einen Fortschritt – selbst im oben erwähnten Sinne von Karl Marx.

Darüber läßt sich sicher streiten. Fest steht: Die letzten zehn Jahre waren die besten meines bisherigen Lebens. Zwar konnte auch ich der Langzeit-Arbeitslosigkeit mit ihren Beschränkungen, Erniedrigungen und Zukunftsängsten nicht entgehen. Aber schwerlich hätte ich mich in meinem alten Staat so intensiv „selbstfinden“ können. Und schon gar nicht: So öffentlich und offen Mitteilung machen über das, was mir wichtig ist. Daß öffentliches Sich-Äußern in einer auf Vereinzelung und Reizüberflutung ausgerichteten Gesellschaft noch lange nicht bedeutet, daß auch jemand zuhört, mußte ich allerdings gleichfalls lernen.

Doch noch einmal zurück ins Jahr 1989. Die Utopie, die Hans-Joachim Maaz damals unter der Bezeichnung „therapeutische Kultur“ entwickelte (siehe auch: Hans-Joachim Maaz, „Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR“, Argon-Verlag Berlin 1990), traf also meinen Nerv: eine Gesellschaft, deren Angehörige sich mit ihren seelischen Deformierungen konfrontierten und die Weichen stellten für eine Zukunft ohne solche Deformation. Wie konnte das befördert werden? Während aus dem sich „umwandelnden“ DDR-Boden neue Parteien und Vereine wie Pilze hervorschossen, drängte sich die Lösung geradezu auf: einen Verein zur Förderung der Psychoanalyse bilden, zusammen mit all jenen, die auf unsere Sendungen geschrieben hatten!

Gründungsmitglieder waren unter meinen Freunden und bisherigen Interview-Partnern schnell gefunden. John Erpenbeck beteiligte sich, Hans-Joachim Maaz und die Psychotherapeuten Michael Geyer, Michael Froese und Christoph Seidler, der Ingenieur Henry Biebaß, der Rockmusiker Lutz Kerschowski, meine Partnerin und DT-64-Kollegin Carola Luniak, der Medizinstudent Friedemann Schmidt und der Pädagoge Eberhard Ulm. (siehe auch: Unterschriften der ICH ev Gründungsmitglieder unter die Vereinssatzung)

Diese Mischung sollte von Anfang an klarstellen, daß es sich nicht um einen Zusammenschluß abgehobener Seelen-Spezialisten handelte. Was mit unseren Sendungen begonnen hatte, sollte mit anderen Mitteln fortgeführt werden: Lebenshilfe durch verständliche Weitergabe von – vor allem – psychoanalytischem, tiefenpsychologischem, körpertherapeutischem Wissen, als Grundlage für Selbsthilfe und Selbsterkenntnis.

Sich an diesem Anliegen und an diesem Verein zu beteiligen, dazu lud ich die DT-64-Hörerinnen und -Hörer in der Dezember-Sendung ein und im Januar 1990 noch einmal schriftlich.

Schriftliche Mitteilung zur Gründung der "Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse" im Informationsmaterial der Sendung vom 18.12.1989.

Schriftliche Mitteilung zur Gründung der „Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse“ im Informationsmaterial der Sendung vom 18.12.1989.

Mit dem Erfolg, daß über 550 von ihnen – wohnhaft zwischen Suhl und Rügen, Bad Muskau und Gardelegen – umgehend der „Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse e. V.“ beitraten.

Drei Jahre später allerdings nannten wir uns um: in ich e.V. Der wesentliche Grund dafür lag in der Erkenntnis, daß die westdeutsche „Psycho-Szene“ ganz anders funktionierte als wir naiverweise erwartet hatten.

Statt gemeinsam verschiedenste Angebote für die doch ebenfalls sehr verschiedenartigen seelischen Probleme anzubieten, statt als Menschen, die ja wohl zumindest ihre wesentlichsten Probleme „bearbeitet“ hatten, nun gemeinsam daran zu gehen, auch der Gesellschaft zu einem gesünderen Dasein zu verhelfen, waren offenbar auch Therapeuten und Therapeutinnen vielfach ein getreues Abbild ihrer Gesellschaft. Jedenfalls insofern, als der Schwerpunkt ihres Handelns weniger auf den sie verbindenden Gemeinsamkeiten oder gar auf Solidarität zwischen ihnen lag, sondern viel mehr auf Abgrenzung, Selbstdarstellung, Schulenstreit, Konkurrenz um Machtpositionen und Verdienstmöglichkeiten – sowohl zwischen verschiedenen „Schulen“ als auch vielfach innerhalb von ihnen -, und das nicht etwa nur innerhalb der etablierten, kassenärztlich anerkannten Therapierichtungen. (Auch wenn ich die Möglichkeiten der Selbstfindung in der westlichen Gesellschaft sehr schätze: Wenn jene Menschen, die sich – wie zahlreiche Therapeuten – in überdurchschnittlichem Maße selbst gefunden haben, dann anschließend immer noch nicht wissen, was sie miteinander anfangen können, bedeutet auch das wieder, auf halbem Weg stehen zu bleiben. Das in der „Marktwirtschaft“ alltäglich praktizierte „ICH, ICH, ICH – um Gottes Willen bloß kein WIR!“ empfinde ich mittlerweile jedenfalls als ähnlich krank und krankmachend wie das individualitätsverachtende DDR-Dogma, der Sozialismus habe „Vom Ich zum Wir“ zu führen. Während es die DDR-Gesellschaft nahezu unter Strafe stellte, sich zu unverwechselbaren Persönlichkeiten zu entwickeln, scheint die krampfhaft auf Individualität getrimmte BRD-Gesellschaft ihren Bürgerinnen und Bürgern vielfach panische Angst davor einzuimpfen, daß sie irgendetwas Wesentliches – über Modetrends und Konsumgewohnheiten hinaus – verbinden könnte. Während der „Sozialismus“ sich anmaßte, Lebenssinn und -ziel für alle vorgeben zu können, scheint dieser „Marktwirtschaft“ jedes Bewußtsein für Sinn und Ziel – über das Geldmachen hinaus – verlorengegangen zu sein.)

In der Vereinssatzung des ich e.V. hatten wir unsere Auffassung von der Notwendigkeit eines schulenübergreifenden (und gleichzeitig doch nicht beliebigen) Ansatzes deutlich formuliert:

„Zweck des Vereins ist, das Gedankengut Freuds und seiner Mitstreiter, Schüler und Nachfahren nutzbar zu machen. Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch die Verbreitung psychoanalytischer und tiefenpsychologischer Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit und die Popularisierung jener Therapierichtungen, Denkströmungen und Wissensbereiche, die aus der Psychoanalyse hervorgegangen sind oder wesentliche Anregungen von ihr erhalten haben.“

Trotzdem führte der Vereinsname immer wieder zu dem Mißverständnis, wir würden nur „die orthodoxe Psychoanalyse“ popularisieren – und stünden daher allen anderen Entwicklungen ablehnend gegenüber.

Um in dieser Hinsicht also nicht von vornherein falsche Erwartungen zu wecken, einigten wir uns schließlich, Vereins- und Zeitungsname in Übereinstimmung zu bringen. In der Bezeichnung ich e.V., so fanden wir, war der zentrale Gedanke der „Ich-Stärkung“, des Sich-seiner-selbst-bewußt-Werdens und Sich-selbst-Verwirklichens – nicht auf Kosten von anderen, sondern mit diesen – gut aufgehoben.

Allerdings: Welche Daseinsberechtigung der Begriff „orthodoxe Psychoanalyse“ haben soll, ist mir bis heute unklar. Sigmund Freud und „Orthodoxie“ lassen sich eigentlich kaum miteinander unter einen Hut bringen. Schließlich haben sich doch seine Anschauungen ständig weiterentwickelt und er ist dabei auch immer wieder zu seinen vorangegangenen Ansichten in – zumeist bewußten – Widerspruch geraten. Welcher Freud wäre also der „richtige“? Der, der noch der „Verführungstheorie“ anhing? Der ohne oder der mit Todestrieb? Oder soll nur das gültig sein, was Freud zu seinem Lebensende gedacht und geschrieben hat? Aber auch das wäre doch albern: Hätte er weitergelebt, stünde er heute längst wieder ganz woanders!

Wer glaubt, Freud auf irgendeine seiner einzelnen Lebensphasen oder Erkenntnisse festnageln zu können, kann ihm also nicht gerecht werden, denke ich. Eher halte ich ihn für so etwas wie eine überaus reichhaltige Quelle, aus der eine Vielzahl gleichfalls wertvoller Bäche und Ströme entsprungen ist. Daher, so meine ich, befindet sich der ich e.V. durchaus „auf den Spuren Freuds“, wenn er versucht, nicht nur seine, sondern auch anderer Seelenforscher Ansichten und Entdeckungen gleichberechtigt und in ihrer vollen Breite zugänglich zu machen.

Dieser Gedanke, trauriger- und unnötigerweise „verfeindete Verwandte“ nebeneinander zu stellen, und so denen, um die es eigentlich geht – den potentiellen Patienten und Sinnsuchenden – möglichst umfassende Informationen zur Verfügung zu stellen, bestimmte auch die Konzeption jener Zeitschrift, an der ich ab Januar 1990 zu arbeiten begann. „ICH – die Psychozeitung“ sollte sie heißen und sowohl die Vereinsmitglieder untereinander verbinden, als auch in die Öffentlichkeit hineinwirken.

Ursprünglich waren diese und andere Aktivitäten als Angebote für DDR-Bürger gedacht, doch ließ sich bereits zu diesem Zeitpunkt die Gefahr (so sah ich es jedenfalls) nicht mehr ignorieren, daß es unseren Staat bald nicht mehr geben könnte. Als dann im Februar `90 selbst Ministerpräsident Hans Modrow zu „Deutschland, einig Vaterland“ umschwenkte, knallte ich mein Parteibuch auf den Pförtner-Tisch in der SED-Kreisleitung Berlin-Pankow: Wenn sogar meine eigene Partei mein Land verscherbeln wollte, wollte ich mit ihr nichts mehr zu tun haben! (Heute denke ich, es gab wohl tatsächlich kaum echte Alternativen: die globale politisch-ökonomische Situation ebenso wie die Stimmungslage und Charakterstruktur der meisten von uns DDR-Bürgern und -Bürgerinnen hätten keinen eigenständigen „Dritten Weg“ ermöglicht.)

Den 18. März, unsere ersten „freien Wahlen“, überstand ich dann nur noch mit Zynismus und viel Alkohol (und das tags drauf ausgestrahlte Gespräch mit Hans-Joachim Maaz über unsere „Unfähigkeit zu trauern“ mischte ich mit den dissonantesten Tonfolgen, derer ich im Rundfunk-Musikarchiv habhaft werden konnte). Als im April bei meiner Lebensgefährtin auch noch Lebermetastasen festgestellt wurden, war ich selbst überreif für das, was ich anderen längst dringend ans Herz gelegt hatte: Eine Therapie.

Parallel zu meinen ersten verkrampften Versuchen, auf einer Körpertherapie-Matte Gefühle zu zeigen, die ich nur noch vom Hörensagen kannte, bereitete ich mit meiner Lebensgefährtin, einigen Freunden und Berliner Vereinsmitgliedern die ersten beiden Veranstaltungen unseres Vereins vor. Jeweils fast 400 Leute kamen an zwei Wochenenden, Ende Mai und Ende Juni, nach Berlin, Unter den Linden, ins „Haus der Jugend“ – kurz davor noch bekannt als Zentralratsgebäude der FDJ.

Eine so große Zahl von Vereinsmitgliedern traf später nie wieder aufeinander. Trotzdem hat mich das Gefühl, das ich damals hatte, nicht wieder verlassen: daß wir miteinander etwas bewirken könnten. Und das haben wir.

Das von uns vereinssatzungsgemäß angestrebte „psychoanalytische Museum“ hat es zwar nie gegeben. Aber in knapp hundert öffentlichen Veranstaltungen brachten wir auch so Sigmund Freud, Erich Fromm, Alfred Adler, C. G. Jung, Wilhelm Reich, Alexander Neill, Fritz Perls, Alice Miller, Arthur Janov, diverse Therapieformen und psycho-soziale Themen mehreren tausend Interessierten näher – unterstützt durch eine ganze Reihe engagierter „Wessis“ als Referenten. (Da ich bereits kurz nach dem Mauerfall angefangen hatte, entsprechende Kontakte herzustellen und dabei in Westberlin, Tübingen, Heidelberg, Gießen und anderswo nicht nur auf Kompetenz und Hilfsbereitschaft, sondern auch auf sehr sympathische Psychoanalytiker, Körpertherapeuten, Hebammen, Journalisten … gestoßen war, hatte ich erfreulicherweise gar keine Chance, pauschale Feindbilder gegen Westdeutsche aufzubauen oder aufrechtzuerhalten.) Auch die Lebenshilfebibliothek, deren Aufbau wir uns vorgenommen hatten, wurde Realität, ebenso zwei Materialsammlungen über „Psychotherapie in der DDR“ bzw. über „Wilhelm Reich in Berlin“ sowie eine – für anderthalb Jahre existierende – Beratungsstelle für therapeutische Kultur. Und von der ICH-Zeitung wurden zwischen 1990 und `98 fast einhunderttausend Exemplare verkauft und verteilt.

Für genauso wichtig halte ich aber das, was ich nicht in Zahlen belegen, aber aus einer Vielzahl von Zuschriften und Gesprächen entnehmen konnte: daß sich viele durch die von uns weitergegebenen Informationen bestärkt fühlten, ihr Leben und ihr Umfeld zu verändern, freie Schulen, Kommunen, gemeinnützige Vereine, ökologische Baufirmen, alternative Verlage, Beratungsstellen … zu gründen, Therapien aufzunehmen oder Ausbildungen in helfenden und heilenden Berufen. Oder einfach „nur“ mit Partnerin, Partner und Kindern intensivere, ehrlichere Beziehungen aufzubauen.

Manch illusionäres Vereinsprojekt ist allerdings gescheitert – ebenso wie die Hoffnung, aus der sprudeligen Lebendigkeit unserer Anfangszeit würde ein breiter Strom werden, der immer mehr Menschen mit sich reißt. Das Gegenteil ist eingetreten: Die Welle der anfänglichen Begeisterung hat einige Jahre getragen, ist aber dann immer mehr verebbt. Im Sommer 1998 mußte ich nach 32 Ausgaben die Herausgabe unserer Zeitung einstellen. In einem im April 2000 erschienenen Buch – „Weltall, Erde, … ICH. Anregungen zu einem (selbst)bewußteren Leben“ (Ulrich-Leutner-Verlag Berlin) – habe ich auf knapp 500 Seiten deren wichtigste Beiträge zusammengefaßt.

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Und inzwischen läßt sich der größte Teil dieser Beiträge auch im Internet finden, unter: www.weltall-erde-ich.de.

Und ich habe wieder einen neuen Traum: Das Ganze zu erweitern zu einer Art „Internet-Fern-Uni für Selbsterkenntnis und Selbsthilfe“ – mit thematisch geordneten Texten und Gesprächen, die rund um die Uhr abrufbar sind, mit Möglichkeiten, spezielle Inhalte mit Gleichgesinnten zu diskutieren, einfache psychosoziale Übungen zu machen, sich gute „Psycho“-Bücher empfehlen zu lassen und einigem mehr.

Wie fast alles, was ich seit der „Wende“ in Angriff genommen habe, verstößt aber auch diese Idee gegen den inoffiziellen obersten Verfassungsgrundsatz der Bundesrepublik Deutschland: Sie „rechnet“ sich nicht. Da sie sich darüber hinaus auch nicht speziell an die als besonders „gefährdet“ oder förderungswürdig akzeptierten Gruppen der Gesellschaft richtet – sondern an den mündigen Durchschnittsneurotiker, an „Menschen wie du und ich“ – bleibt es weiterhin spannend, ob, wann und wie sich dieses Vorhaben verwirklichen läßt.

Wobei ich bei uns Durchschnittsneurotikern und – neurotikerinnen, um das auch noch zu sagen, auf psychosozialem Gebiet sehr wohl einen dringenden Förderungsbedarf sehe: im Wissen über uns selbst, im Umgang mit Partnern, Freunden, Kollegen, Kindern, „Fremden“, der Natur. Und daher auch eine deutliche Gefährdung: Jede wesentliche gesellschaftliche Strömung, denke ich, kommt doch immer aus der „Mitte der Gesellschaft“, wird von ihr getragen, (un)bewußt gewünscht – einschließlich des Rechtsradikalismus, Linksradikalismus oder der Umweltzerstörung.

Noch ein letztes Mal zurück ins Jahr 1990, zu jenen ersten beiden ICH-Treffen: ein „Wilhelm-Reich-Wochenende“ und eines über „Psychische Revolution und therapeutische Kultur“ – mit Referenten aus West und Ost, aus den Lagern der „Reichianer“, „Freudianer“, „Jungianer“, mit Psychoanalytikern, Vertretern der „dynamisch intendierten“ Therapie, Körpertherapeuten, einem ehemaligen Kinderladen-Initiator, einer Hebamme, die sich auf „Natürliche Geburt“ spezialisiert hatte – und mit viel Zeit für Nachfragen.

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Wie riesig der Nachholebedarf an diesem Wissen war, wie stark auch das emotionale Echo, das die Deckung dieses Bedarfs auslösen konnte – das zeigte sich sehr schnell. Ich werde die Hallenser Zahnärztin nicht vergessen, die nach dem Vortrag über natürliche Geburt aufstand und von ihren eigenen Erfahrungen bei der Geburt ihrer Kinder erzählte – und dabei weinte: in dem großen ehemaligen Zentralratssaal, vor uns allen, für sie völlig Fremden.

Die Erkenntnis, viel falsch gemacht und versäumt zu haben, verband uns – und paarte sich bei vielen mit trotzigem Auflehnen gegen die uns übergestülpte Wiedervereinigung; insbesondere am zweiten dieser Wochenenden, bei dessen Beginn die Eintrittsgebühr noch mit DDR-Mark bezahlt wurde und an dessen Ende wir den angebotenen Imbiß nur noch gegen harte Westwährung herausgeben konnten: Es war der 1. Juli, der Tag der Währungsumstellung.

Am Tag zuvor hatten meine Lebensgefährtin und ich geheiratet – die Ärzte hatten uns geraten, uns zu beeilen, da sie ihre Behandlungsmöglichkeiten für ausgeschöpft hielten und die Krankheit weiter voranschritt. Daran hatten weder tiefenpsychologische, körpertherapeutische, naturheilkundliche oder Reichianische Heilmethoden, die wir, vielleicht zu spät, zusätzlich heranzogen, etwas ändern können.

Und während sich dann sowohl meine Frau als auch mein Staat ans Sterben machten, nahm die erste Nummer der Psychozeitung langsam Gestalt an. Meine Frau, die an der Zeitschrift hatte mitarbeiten wollen – auf ihrem journalistischen Spezialgebiet, den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern – hat deren Veröffentlichung nicht mehr erlebt, ebenso wenig wie den 3. Oktober 1990.

Jenen denkwürdigen Vereinigungstag beging die „Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse“ übrigens ebenfalls mit einer (uns) passenden Veranstaltung: Der Westberliner Psychoanalytiker Gerhard Dahl sprach im Französischen Dom am Ostberliner „Platz der Akademie“ über „Sigmund Freuds Triebtheorie – die Sexualität in der Psychoanalyse“.

Erst zwei Wochen nach der „Wiedervereinigung“ erschien dann endlich die erste Ausgabe von „ICH – die Psychozeitung“ mit einer Kurzbiografie Freuds am Anfang und einem Umschlag, der auf seine Weise ebenfalls das Andenken jenes Mannes würdigen sollte, dessen Ideen das 20. Jahrhundert – eben auch in der DDR – spürbar beeinflußt hatten. Und ohne den auch mein Leben anders – genauer gesagt: ärmer – verlaufen wäre.

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Meine zaghaft aufkeimende Hoffnung, daß es diesem Staat, in den wir nun aufgenommen wurden, gelungen wäre, die Erkenntnisse von Freud, Reich, Fromm, Alexander Neill und anderen seit 1968 immer mehr in zentrale gesellschaftliche Werte und Normen einfließen zu lassen, erwies sich allerdings als Illusion.

In einem Land, wo Neofaschismus immer noch bestenfalls auf Arbeitslosigkeit und „politische Orientierungslosigkeit“ zurückgeführt wird, wo Bundeskanzlern als Begründung für eine Auseinandersetzung mit faschistischer Vergangenheit nur einfällt: „Weil wir aus der Geschichte lernen müssen“ – und nicht auch, daß ein Teil dieser Geschichte in den seelischen Deformierungen unserer Großeltern und Eltern weiterlebte und so auch per Erziehung uns Heutigen implantiert wurde -, in einem solchen Land ist, positiv ausgedrückt, noch immer viel zu tun in puncto „Popularisierung der Psychoanalyse“.

 

Nachsatz 2014: Mit Mitgliederzahl und Sinn des ich-e.V. ging es nach 2000 rapide bergab. Positiv formuliert: Offensichtlich hatte er seine Aufgabe, soweit möglich, erfüllt. 2002 trat ich aus, begann eine therapeutische Ausbildung. Inzwischen wurde der Verein aufgelöst. Darüber, dass sich eine „Internet-Fern-Uni für Selbsterkenntnis und Selbsthilfe“ nicht realisieren ließ, tröstet mich ein wenig die Tatsache hinweg, dass ich nun als Therapeut zwar weniger Menschen, diese dafür aber intensiver auf dem Weg zu bewussterem Sein und Heilung unterstützen kann. Und vielleicht wirkt ja auch diese Webseite in diese Richtung.

 

 

Erstveröffentlichung in Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, Jg. 14, Heft 27/2001, S. 104-125. Der Text ist eine überarbeitete Fassung von „Ich und der ich e.V.“ (Peglau 2000, S. 12-15).