Vorspiele (Auszug 1 aus „Unpolitische Wissenschaft?“)

von Andreas Peglau

1.1 Frühe Prägungen

Wilhelm Reich kam am 24.3.1897 in Galizien, im östlichen Teil des damaligen Österreich-Ungarns, zur Welt. Seine Kindheit war bestimmt durch die für diese Epoche typischen, autoritär-gefühlsunterdrückenden Normen und Familienverhältnisse, deren Studium er sich später so intensiv widmen sollte.

Reichs Vater, Gutsbesitzer jüdischer Abstammung, dominierte die Familie nach patriarchalischem Muster. »Streng erzogen«, musste Reich »immer mehr leisten als die anderen, um den Ehrgeiz seines Vaters […] zu befriedigen, hing seit frühester Kindheit mit großer Zärtlichkeit an der Mutter, die ihn oft vor den tätlichen Ausschreitungen des Vaters schützte« (Reich 1997c, S. 79f.).

Die familiären Konflikte in Reichs Familie sollten sich in dramatischer Weise zuspitzen. Als 13-Jähriger ertappte Wilhelm seine Mutter beim Ehebruch mit einem Hauslehrer:

»Ich hörte Küsse, Flüstern, die fürchterlichen Geräusche des Bettes und darin lag meine Mutter. Und drei Meter dahinter stand ihr Kind und hörte ihre Schande. […]

[M]it wilden Phantasien im Hirn schlich ich in mein Bett zurück, am Frohsinn geschädigt, im Innersten zerrissen für mein ganzes Leben!« (Reich 1994, S. 44).

Bald darauf bahnte sich Ähnliches mit einem neuen Hauslehrer an. Der diesmal Verdacht schöpfende Vater nötigte Wilhelm und dessen jüngeren Bruder, alles mitzuteilen, was ihnen über die Untreue der Mutter bekannt sei. Nun gestand Wilhelm, was er zuvor wahrgenommen hatte. Die Mutter, vom Vater daraufhin verbal attackiert und mehrfach schwer misshandelt, nahm sich das Leben. Der bald danach offenbar depressiv werdende Vater folgte ihr 1914 in den Tod – unter Umständen, die ebenfalls Selbstmordabsichten vermuten lassen (Reich 1994, S. 43–69; Sharaf 1996, S. 61–73). Diese Ereignisse beeinflussten Reichs Leben weitreichend. Noch 1944 schrieb er im Tagebuch von seinem »Verbrechen« und vom »Verrat«, den er an der Mutter begangen habe, notierte aber auch: »Mag mein Lebenswerk meine Missetat wieder gutmachen« (Reich 1994, S. 48, Fn).

Nach dem Tod seines Vaters übernahm Wilhelm – 17-jährig und noch Gymnasiast – die Leitung des elterlichen Gutes. Bald darauf begann der Erste Weltkrieg, und er floh, nachdem sein Dorf in die Kriegswirren hineingezogen worden war. Heimatlos geworden, meldete er sich 1915 freiwillig zum Militärdienst und wurde Leutnant: »Ich war ein im Sinne des Militarismus ›tüchtiger Mann‹. […] Man war einfach auf die Unterwerfung unter die Kriegsmaschine und ihre Ideologie von Kindheit an vorbereitet« (ebd., S. 80f.).

Zweijährige Fronterfahrungen ließen ihn umdenken. Um den Kriegsereignissen den Rücken zu kehren, machte er im August 1918 von der Möglichkeit Gebrauch, in Wien einen dreimonatigen Studienurlaub zu absolvieren. Während dieses Urlaubs endete der Krieg, und die österreichische Monarchie fiel in sich zusammen.

1.2 Reich in Wien

1919 war der ehemals wohlsituierte Gutsbesitzersohn Wilhelm Reich ein völlig mittelloser, gelegentlich von einem Onkel unterstützter, oftmals hungernder Student der Medizin geworden. Während des Studiums stieß er auf die Lehre Sigmund Freuds. Der Arzt Sigmund Freud, am 6.5.1856 im damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Freiberg als Kind jüdischer Eltern geboren, hatte in den 1890er Jahren die Psychoanalyse entwickelt. 1920 hatte er damit bereits internationale Bekanntheit erlangt und eine wachsende Schar von Mitstreitern um sich gesammelt.

Reich stand der Psychoanalyse zunächst ambivalent gegenüber. Dass er jedoch bald immer mehr Anknüpfungspunkte entdeckte, lässt sich seinem Tagebucheintrag vom 1.3.1919 entnehmen. Er sei ja bereits, heißt es dort,

»aus eigener Erfahrung, aus Beobachtungen bei mir und anderen zur Überzeugung gekommen […], daß die Sexualität der Mittelpunkt ist, um den herum das ganze soziale Leben wie die innere Geisteswelt des Einzelnen, bald in direktem, bald mittelbarem Zusammenhang mit jenem Mittelpunkt, sich abspielt« (Reich 1994, S. 103).

Schon als Kind habe er »in jedem Blick, in jeder Gebärde, überhaupt in allem, das mir verdächtig vorkam, Sexualität« vermutet (ebd., S. 103f.). Dass Freud meinte, er könne an »kein menschliches Seelenleben glauben, an dessen Aufbau nicht das sexuelle Begehren im weitesten Sinne, die Libido ihren Anteil hätte« (Freud 1910c, S. 172), musste Reich also anziehen. Offenbar übernahm er auch Freuds Anschauung, Liebe sei im Grunde nur zielgehemmte Sexualität. Diese hatte Freud unter anderem so beschrieben:

»Den Kern des von uns Liebe Geheißenen bildet natürlich […] die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der geschlechtlichen Vereinigung. Aber wir trennen davon nicht ab, was auch sonst an dem Namen Liebe Anteil hat, einerseits die Selbstliebe, andererseits die Eltern- und Kindesliebe, die Freundschaft und allgemeine Menschenliebe […] alle diese Strebungen [sind] Ausdruck der nämlichen Triebregungen, die zwischen den Geschlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrängen, […] von diesem sexuellen Ziel abgedrängt oder in der Erreichung desselben aufgehalten werden« (Freud 1921c, S. 98).

Noch 1919 entschied sich Reich, Analytiker zu werden, und traf Freud erstmals persönlich. Sofort war er von ihm eingenommen:

»Die anderen spielten im Gehaben irgendeine Rolle, den Professor, den großen Menschenkenner, den distinguierten Wissenschaftler. Freud sprach mit mir wie ein ganz gewöhnlicher Mensch und hatte brennend kluge Augen. Sie durchdrangen nicht die Augen des andern in seherischer Pose, sondern schauten nur echt und wahrhaft in die Welt« (Reich 1987, S. 36).

Im September desselben Jahres, im Alter von 22 Jahren, begann Reich, psychoanalytisch zu behandeln (Reich 1994, S. 124). Im Oktober 1920 wurde er in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) aufgenommen (Reich 1987, S. 44f.).

Im November 1920 starb eine der ersten Patientinnen Reichs an einer Sepsis, die laut Reich auf ein »gefährliches Fieber mit Gelenkrheumatismus« zurückging (Reich 1994, S. 155). Er hatte mit ihr, nach Abschluss ihrer Behandlung, ein Verhältnis begonnen: keine Seltenheit unter den damaligen Analytikern. Die Mutter der jungen Frau warf Reich vor, er habe sie ermordet, da sie als Todesursache eine missglückte Abtreibung vermutete. Wenig später beging die Mutter Selbstmord. Reichs Schuldgefühle intensivierten sich:

»Ich mußte mir sagen, daß ich der Mörder einer ganzen Familie bin, die Tatsache steht fest: Ohne meinen Eintritt in ihr Haus lebten beide! Und ich gehe mit diesem Bewußtsein weiter […] – spiele Komödie, während die Menschen um mich und durch mich sterben! Starb meine Mutter nicht, besser, nahm sie sich nicht das Leben, weil ich alles erzählt hatte?« (ebd., S. 175f.).

Kurz zuvor hatte er notiert, er habe sich »intensivst mit Psychoanalyse« beschäftigt, »nicht nur aus objektivem Interesse für diese neue Wissenschaft, sondern auch aus dem unbestimmten Gefühl heraus, durch sie in manche dunkle Region meines Ichs zu gelangen« (ebd., S. 160).

Anfang Januar 1921 vermerkte er »zwei von Freud persönlich geschickte zahlende Patienten!« (ebd., S. 178) – seine finanzielle Situation begann sich zu verbessern. Am 12.3.1921 schrieb er:

»Solange der letzte Bettler nicht von der Gasse verschwunden, die letzte Wöchnerineines Mittagessens entbehrt, die letzte Laus in einem Nachtasyl noch Blut saugt, der letzte Fünfjährige […] mit schwerer Holzlast, gebeugt, ungewaschen, hungrig […] euch begegnet – solange, sage ich, dürft ihr, wenn ihr konsequent seid, keine Bücher kaufen, […] keine Musik hören, kein Theater besuchen, kein zweites Frühstück und zum Nachtmahl nicht mehr als Brot essen, ja nicht mal studieren, denn euer Studium kostet […] und da ihr nicht verdient, muss es ein anderer für euch tun, und es ist vollkommen gleichgültig, ob euer Onkel oder Vater […] dem Arbeiter das Blut auspresst oder ihr es selber tut!« (ebd., S. 192).

Das Interesse an sozialen Problemen sollte ihm erhalten bleiben.

Im Frühjahr 1922 heiratete er Annie Pink, eine andere seiner ehemaligen Patientinnen. Auch hier hatten beide zunächst einige Zeit nach Therapieende verstreichen lassen, bis sie sich auf eine intime Beziehung einließen. Annie sollte einige Zeit später ebenfalls ein Medizinstudium abschließen und Psychoanalytikerin werden.

Im Sommer 1922 wurde Reich zum Doktor der Medizin promoviert (ebd., S. 212) und begann als Sekundararzt am neu gegründeten WPV-Ambulatorium zu arbeiten.

1924 wurde er Leiter des ausbildungstechnischen Seminars der WPV, sodass ihm »mitzuverdanken [ist], daß die therapeutische Technik der Psychoanalyse zu einer systematischen lehr- und lernbaren Methode wurde« (Büntig 1982, S. 254). Richard Sterba, von Reich ausgebildeter und später mit ihm befreundeter Analytiker, beschreibt Reich als

»eindrucksvolle Persönlichkeit, voll jugendlicher Intensität. Er war kraftvoll als Sprecher, und er drückte sich klar und bestimmt aus. Er hatte eine ungewöhnliche Begabung, sich in das seelische Kräftespiel in Patienten einzufühlen. […]

Unter seiner Leitung wurde das technische Seminar zu einer so hervorragenden Stätte des Lernens, daß selbst ältere Mitglieder regelmäßig daran teilnahmen« (Sterba 1985, S. 37).

Die Analytikerin Edith Jacobssohn erinnert sich:

»Er war wirklich der erste, der über die Abwehrmechanismen sprechen wollte. Und das war schon bald, nachdem [1923] Freuds Das Ich und das Es erschienen war. Bis dahin ging es hauptsächlich um die Widerstände; eine Ich-Psychologie gab es noch nicht […].

Anna Freud […] wurde sehr stark von Reich beeinflusst« (zitiert in May/Mühlleitner 2005, S. 252f.).

1925 wurde Reich Lehranalytiker (Mühlleitner 1992, S. 257) und veröffentlichte sein erstes Buch: Der triebhafte Charakter. Eine psychoanalytische Studie zur Pathologie des Ich. In einem Brief an Reich hatte Freud das Manuskript als »wichtigen Fortschritt in der Erkenntnis der Krankheitsformen« bezeichnet (zitiert in Danto 2011, S. 169). Gegenüber Paul Federn äußerte Freud, Reichs Erstlingswerk sei »reich an wertvollem Inhalt« (Sharaf 1996, S. 93). Am Ende der Schrift reflektierte Reich die Situation psychisch Kranker, die zu dieser Zeit noch vielfach in geschlossenen Anstalten vor sich hin vegetierten:

»Die Psychoanalyse hat zeigen können, wie sehr Milieu, materielle Misere, Unverstand und Rohheit der Eltern, eine konfliktschwangere Kinderstube, gewiß auch Veranlagung, Kinder zu dissozialen, kranken und verzerrten Menschen macht. Die Menschheit schützt sich vor ihnen durch Internierung, die unter heutigen Bedingungen immer verschlechternd wirkt. Sollte aber ›das Gewissen der Menschheit einmal erwachen‹, […] dann wird die Psychoanalyse gewiß in allererster Linie dazu berufen sein, unter besseren Bedingungen als heute an der Befreiung vom neurotischen Elend mitzuwirken« (Reich 1997c, S. 340).

Zu Freuds 70. Geburtstag am 6.5.1926 überreichte ihm Reich das Manuskript seines nächsten Buches, Die Funktion des Orgasmus. Auch Freud hatte lange den Standpunkt vertreten, »der Kernpunkt der Psychoanalyse« sei, dass »hinter den Neurosen« die Sexualität stecke (Freud/Abraham 2009, Bd. 1, S. 355). 1905 schrieb er, seine frühere Lehre, von der er sich nun allerdings bereits zu Teilen distanzierte, »gipfelte in dem Satze: Bei normaler Vita sexualis ist eine Neurose unmöglich« (Freud 1906a, S. 153).

Reich definierte jetzt, 21 Jahre später, »die Fähigkeit zur sexuellen Befriedigung« sowie die »Herstellung der orgastischen Potenz« und der »vollen Liebesfähigkeit« als Kriterium psychischer Gesundheit (Reich 1927, S. 192f.). Bald darauf beschrieb ihn Freud in einem Brief an die Schriftstellerin und Analytikerin Lou Andreas-Salomé als »einen braven, aber impetuösen [=ungestümen – A.P.] jungen passionierten Steckenpferdreiter, der jetzt im genitalen Orgasmus das Gegengift jeder Neurose verehrt« (zitiert in Fallend 1988, S. 198). Reich gegenüber kritisierte er den zu großen Umfang und die unzureichende Übersichtlichkeit der Darstellung, meinte aber dennoch: »Ich finde die Arbeit wertvoll, reich an Beobachtungsmaterial und Gedankeninhalt.« Sie habe für ihn »besonderes Interesse«, da sie sich mit »lange vernachlässigten« Fragen befasse. Er stehe Reichs Versuch, Neurasthenie darauf zurückzuführen, dass die genitalen Impulse sich nicht angemessen entfalten können, »keinesfalls ablehnend gegenüber« (zitiert in Danto 2011, S. 171).

Seit Mitte der 1920er Jahre wurde es für Reich immer deutlicher, wie tief seelische Störungen im gesellschaftlichen Umfeld verankert sind. Hier konnte er ebenfalls an Freud anknüpfen, der, wie schon erwähnt, ebenfalls betont hatte, dass die Gesellschaft »an der Verursachung der Neurosen […] einen großen Anteil hat« (Freud 1910d, S. 111). Reich bemühte sich, soziale Aspekte auch in seine Veröffentlichungen einzubeziehen, zunächst mit Ergebnissen, die ihm später wenig zufriedenstellend erschienen: »Ich produzierte […] harmlose Belanglosigkeiten«, welche die »übliche Mischung aus Halbwahrheiten und völligen Unrichtigkeiten« enthielten (Reich 1995, S. 30). Doch wie immer, wenn er etwas wichtig fand, wandte er sich dem mit großer Intensität zu: »Ich begann, Ethnologie und Soziologie zu studieren« (ebd., S. 32). Bei Karl Marx entdeckte er die seine therapeutischen Erfahrungen ergänzende Gesellschaftstheorie. Später schrieb er dazu:

»Die Marxsche Wirtschaftslehre bedeutete zweifellos für die Ökonomie dasselbe wie die Freudsche Theorie des unbewussten Lebens für die Psychologie. Beide setzen eine bestimmte, auf Tatsachen gegründete Anschauung über die Gesetze voraus, die das heutige menschliche Leben lenken« (ebd., S. 74).

 


 

Unpolitische Wissenschaft?
Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus

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Andreas Peglau
Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse
Verlag: Psychosozial-Verlag
635 Seiten, Gebunden, 148 x 210 mm
Erschienen im August 2013
Mit einem Vorwort von Helmut Dahmer und einem ausführlichen Dokumentenanhang
ISBN-13: 978-3-8379-2097-0, Bestell-Nr.: 2097