Wilhelm Reich und der „Einheitsverband“ in Düsseldorf

Klar war bislang schon, dass Düsseldorf und die Region Niederrhein eine wichtige Rolle spielten für die Sexualreformorganisation, an deren Entstehung und Leitung Wilhelm Reich beteiligt war. Bekannt war auch, dass Reich auf die Gründungskonferenz des ersten „Einheitsverbands für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ (EV), die am 2.5.1931 in Düsseldorf stattfand, wesentlichen Einfluss hatte (siehe hier). Dazu lässt sich nun einiges ergänzen.

Im Mai 2015 erhielt ich vom Institut für Zeitungsgeschichte der Stadt Dortmund Dokumente, die ermöglichten, den Ort der EV-Gründungstagung zu identifizieren:

Freiheit Nr. 101 (Ausgabe Hagen), 30.4.1931, S. 12 (Quelle: Institut für Zeitungsgeschichte der Stadt Dortmund

Freiheit Nr. 101 (Ausgabe Hagen), 30.4.1931, S. 12 (Quelle: Institut für Zeitungsgeschichte der Stadt Dortmund).

Der Leiter des Stadtarchivs Düsseldorf, Herr Benedikt Mauer, konnte daraufhin eruieren, um welches Haus es sich exakt handelte: Das „Ball- und Konzerthaus Lettmann“, Kölner Str. 84.

Einem Anwohner des Worringer Platzes verdanke ich den Hinweis auf eine Fotografie aus den 1920er Jahren, die dieses Gebäude wenigstens von weitem zeigt:

Kölner Straße in den 1920ern

Offenbar fanden im „Lettmann“, das inmitten traditionell proletarisch geprägter Düsseldorfer Stadtteile lag, des Öfteren Veranstaltungen des „linken“ Spektrums statt. Ein Dokument des Düsseldorfer Stadtarchivs belegt, dass die „Gaststätte Lettmann“ 1932 für eine KPD-Veranstaltung mit Willy Leow, dem Zweiten Vorsitzenden des Rotfrontkämpferbundes, genutzt wurde.[1]

Auch der zweite Redner der EV-Tagung vom 2.5.1931, Hans Fladung (1898-1982), war zumindest für Düsseldorfer Kommunisten kein Unbekannter: 1930 bis 1933 war er Stadtverordneter für die KPD, zudem seit 1924 Mitglied im preußischen Landtag. Nach Haft und Emigration kehrte er 1946 nach Düsseldorf zurück und wurde u.a. Landessekretär des Demokratischen Kulturbundes der BRD.

Und bei jenem in der Ankündigung ebenfalls erwähnten „Genossen Schröter, MdR, Berlin“ handelte es sich um Johannes Schröter, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen (ARSO), die für mehr als eine Million Mitglieder zuständig gewesen sein dürfte. Bald darauf gehörte er, zusammen mit Wilhelm Reich, zum sechsköpfigen »Vorbereitenden Einheitskomitee für die Einheit aller sexualpolitischen Organisationen« (siehe auch hier).

Auch im Nachhinein wurde in der regionalen KPD-Zeitung Freiheit über die Tagungen vom 2. und 3.5.1931 berichtet:

Freiheit Nr. 103 (Ausgabe Hagen), 4.5.1931, S. 2 (Quelle: Institut für Zeitungsgeschichte der Stadt Dortmund).

Freiheit Nr. 103 (Ausgabe Hagen), 4.5.1931, S. 2 (Quelle: Institut für Zeitungsgeschichte der Stadt Dortmund).

Wer sich die Zusammensetzung der Delegierten zur ARSO-Konferenz vom 3.5.1931 genauer anschaut, stößt auf die Tatsache, dass 66 der 206 Delegierten „Sexualreformer“ waren. Da es unmöglich ist, dass eine erst am Vortag gegründete Organisation weitaus mehr Mitglieder hatte als z.B. die Rote Hilfe, kann das wohl nur heißen: Die Delegiertenzahlen repräsentierten nicht die jeweilige Größe der vertretenen Organisationen. Höchstwahrscheinlich waren viele Teilnehmer der EV-Gründung auch beim ARSO-Kongress zugegen und prägten dessen Verlauf. Es scheint mir daher keine allzu gewagte Spekulation zu sein, dass sich unter den 25 Personen, die sich an der „sehr regen Diskusion“ auf dem ARSO-Treffen beteiligten, auch Wilhelm Reich befand.

Die Verbindung zwischen Wilhelm Reich und Düsseldorf blieb erhalten. So wurde u.a. die EV-Zeitschrift Die Warte in Düsseldorf hergestellt – und zwar durch die Westdeutschen Buchwerkstätten, die wiederum zu einem unweit des „Lettmann“ gelegenen Zentrums kommunistischer Aktivitäten gehörten: der Kölner Straße 44. Hier befanden sich Parteizentrale und Bezirksleitung Niederrhein der KPD, hatten u.a. Kommunistischer Jugendverband und Kampfbund gegen den Faschismus ihren Sitz. Auch die KP-Zeitung Freiheit wurde hier hergestellt, im Freien Verlag Düsseldorf.

Reich und andere Mitglieder des „Vorbereitenden Einheitskomitees“ reisten ab 1931 mehrfach zu Vorträgen in die Düsseldorfer Region. So hieß es im Dezember 1931 unter der Überschrift »Sexualnot und ihr Ausweg« in der Warte:

»Zu diesem Thema sprach im Bezirk Niederrhein Dr. Reich, Berlin, in vier Veranstaltungen. Der Referent verstand es, alle die Fragen, die auf der Mehrzahl der Menschen lasten und die infolge der heutigen Sexualerziehung nie ausgesprochen werden, klar und einfach zu behandeln und die Hemmungen seiner Zuhörer zu lösen.«

Spätestens ab der Ausgabe vom November 1931 trat das Komitee zudem als Herausgeber der Warte auf, in der Reich ja mehrfach Beiträge veröffentlichte.

Aber auch aus der Region Niederrhein stammten zahlreiche Beiträge; entsprechende Mitteilungen nahmen den größten Teil regionaler Nachrichten ein, so Informationen zu Beratung, Verhütungsmittelausgabe, EV-Treffen und anderen Veranstaltungen. Beispielsweise berichtete die Warte im Sommer 1932 über eine »Einheitskundgebung in Düsseldorf-Bilk«, die das »Kampfkomitee gegen den § 218« einberufen hatte: »Es waren Mitglieder von folgenden in Bilk vertretenen Sexualorganisationen anwesend: Liga für Mutterschutz, Thewes-Organisation, Karger-Organisation« sowie des EVs.[2] Gelegentlich wurden aktuelle Geschehnisse im » Bezirk Niederrhein « kommentiert wie die Prostitution in der Düsseldorfer Harkortstraße.[3]

Einer der Warte-Artikel, die offenkundig von ihm verfasst wurden, führte in Düsseldorf zeitweilig zu einem Verbot der Warte. Zur Begründung wurde vermutlich der Paragraph 184 des Reichsstrafgesetzbuches herangezogen, der für die Verbreitung pornographischer Schriften und Darstellungen Gefängnis bis zu einem Jahr, Geldstrafe bis zu 1000 Mark, den Verlust bürgerlicher Ehrenrechte und Polizeiaufsicht androhte. Damit war nach Sexualerregung und Sexualbefriedigung – 1930 per „Schmutz- und Schund-Gesetz“ indiziert – zum zweiten Mal ein Text Reichs in Deutschland verboten worden.

Der Artikel, der diese Restriktion auslöste, erschien in der Januar-Ausgabe der Warte von 1932 und stellte unter der Überschrift Nervöse Angst vor Schutzmitteln mehrere Fälle aus der Beratungstätigkeit vor. Hier fiel nicht nur die Reich-typische Formulierung, dass »nur durch eine langwierige, seelische Behandlung« die neurotischen Probleme der Massen geheilt werden könnten – was aber »im Kapitalismus nicht in Betracht kommt«. Wie schon in seiner sexualpolitischen „Plattform“ verwies Reich erneut auf die neurotisierende Wirkung sexualfeindlicher Normen und lusttötender Wohnverhältnisse.

In der Warte 6/1932 wurde die staatliche Reaktion auf diesen Beitrag geschildert und einem anderen Ereignis, das Düsseldorf zu diesem Zeitpunkt bewegte, gegenübergestellt:

Aus Warte 6/1932, S. 14. Unlesbare Zeile links: „wiederum genannt. Eine Tänzerin hatte den Hausmann“.

Aus Warte 6/1932, S. 14. Unlesbare Zeile links: „wiederum genannt. Eine Tänzerin hatte den Hausmann“.

Wie an anderer Stelle berichtet, hatte Reich zudem für die im Rahmen des EV gegründeten Sexualberatungstellen in Berlin eine leitende, vielleicht auch anleitende Funktion. Ob dies auch für Düsseldorf zutraf, ist unbekannt. Sicher ist, dass es in Düsseldorf ebenfalls eine EV-Beratungsstelle gab. Sie wurde am Mitte Juni 1931 eröffnet[4] und befand sich zunächst in der Immermannstraße 24, im selben Haus, wo die EV-Sekretärin Luise Dornemann und EV-Schriftführer Otto Illinger wohnten. Dornemann fungierte offenbar auch als Beratungsstellenleiterin.[5] Im Gespräch mit Kristine von Soden teilte sie 1985 dazu mit:

„Unsere Sexualberatungsstelle in der Immermannstraße war nur für [EV-]Mitglieder. Trotzdem kamen auch andere Frauen, die Verhütungsmittel haben wollten. Bei einer Firma im Taunus bezogen wir Kappen und chemische Präparate. Die haben wir ihnen dann zum Einkaufspreis verkauft.“[6]

Wie von Soden herausfand, wurden die Beratungen selbst jedoch von einem Arzt durchgeführt und zwar am Donnerstag, zwischen 19 und 21 Uhr:

Quelle: Kristine von Soden, Die Sexualberatungsstellen in der Weimarer Republik 1919-1933, Berlin 1988, S. 150.

Quelle: Kristine von Soden, Die Sexualberatungsstellen in der Weimarer Republik 1919-1933, Berlin 1988, S. 176f.

Für 1931 nennt die Warte »jeden Donnerstag, 7-9 Uhr« als Beratungtermin. Spätestens im Januar 1932 zog die Beratungsstelle laut Warte ins Parterre der Charlottenstraße 9 um, wo nun allerdings »nur noch jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat, 7-9 Uhr« geöffnet war. Zusätzlich bot man im Düsseldorfer Umland, z.B. in Hagen, Hilden, Kleve, Krefeld und Velbert Beratung an.[7] Popularisiert wurde das Anliegen des EV auch durch eine Ausstellung über „Sexualaufklärung“, die Anfang Mai 1932 polizeilich verboten, eine Woche später jedoch wieder geöffnet wurde.[8]

Die Ausstellungs- und Beratungstätigkeitt dürfte dazu beigetragen haben, dass die ARSO-Leitung schon Ende 1931 bezüglich des Düsseldorfer EV in einem Brief festhalten konnte, dieser habe »in der letzten Zeit einen gewaltigen Aufschwung erlebt«.

Diese Entwicklung war freilich gekennzeichnet durch Konflikte zwischen dem offenbar eher konventionell-parteipolitischen Düsseldorfer EV-Gründungskreis und Wilhelm Reich, dessen radikalere Auffassungen in seinem neuen Wohnort Berlin auf weit fruchtbareren Boden fallen sollten als am Niederrhein. EV-Sekretärin Luise Dornemann klagte noch Jahrzehnte später: »Wir hatten dort einen schweren Kampf zu führen gegen die Berliner Gruppe, die [..] Tendenzen von Psychoanalyse und Sexualreform in diese Organisation trugen [sic]«.[9]

Noch 1936 wurden in Düsseldorf zwei Frauen zu Haftstrafen verurteilt, weil sie 1931/32 für den Düsseldorfer EV Abtreibungen vermittelt bzw. durchgeführt hatten.[10]

Da das Restaurant „Lettmann“ im 2. Weltkrieg zerstört und diese Seite der Kölner Straße zu Beginn der 1960er Jahre komplett abgerissen wurde, existieren heute in Düsseldorf keine architektonischen Zeugen von Reichs Wirken mehr.

***

[1] „Eiserne Front Jawohl. Aber mit wem – gegen wen?“ Plakat mit Einladung der KPD zu Veranstaltungen in diversen Düsseldorfer Gaststätten, 13.1.1932 (Sammlungen 540/ Plakate bis 1945, S. 286, Nr. 1276).

[2] Die Warte Nr. 8/1932, S. 15. Thewes und Karger waren Funktionäre anderer Sexualreformorganisationen. Karger wurde von der Warte bald darauf als EV-Gegner attackiert.

[3] Die Warte, Februar 1932, S. 8.

[4] Sparing, Frank (1995): Der Düsseldorfer “Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz”, in Augenblick Nr. 6/9, S.15-17.

[5] Hermann Weber/ Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2008, S. 194.

[6] Soden, Kristine von (1988): Die Sexualberatungsstellen in der Weimarer Republik 1919-1933, Berlin: Edition Hentrich, S. 136.

[7] Siehe Die Warte Nr. 7/1932, S. 16.

[8] Sparing 1995, S. 16.

[9] Bundesarchiv Lichterfelde Nachlässe, NY 4278/1, Bl. 1.

[10] Sparing 1995, S. 16.