Wo bleibt der „produktive Charakter“? Ein ost/westdeutscher Gedankenaustausch

Andreas Peglau befragt Petra Tauscher, Soziologin und Mitautorin des Buches „Die Charaktermauer. Zur Psychoanalyse des Gesellschaftscharakters in Ost– und Westdeutschland“.

Die produktive Orientierung der Persönlichkeit entspricht einer Grundhaltung, einer bestimmten Art des Bezogenseins in allen Bereichen menschlicher Erfahrung. Sie umfasst körperliche, geistig-seelische, emotionale und sensorische Reaktionen auf andere, auf sich selbst und auf die Welt der Dinge. Produktivität ist die Fähigkeit des Menschen, seine Kräfte zu nutzen und die in ihm angelegten Möglichkeiten zu verwirklichen. […] Man kann die Produktivität auch so beschreiben, dass der produktive Mensch alles, was er anrührt, belebt.

Erich Fromm/Michael Maccoby, 1970[i]

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A.P.: Verstehe ich die Ergebnisse der Pilotstudie zur „Charaktermauer“ richtig: Auch nach fünf Jahren der „Wiedervereinigung“ existiert etwas, das zu Recht als „Mauer in den Köpfen“ beschrieben werden könnte – unterschiedliche Charakterstrukturen trennen Ost– und Westdeutsche. Konkret: Ossis neigen wahrscheinlich immer noch mehr zu einer autoritären Charakterstruktur, Wessis dagegen eher zu einem opportunistisch „marktgerechten“ Charakter.

Tauscher: Das stimmt schon soweit. Wir haben zwar nur 30 Vertreterinnen und Vertreter einer Berufsgruppe untersucht, so daß nur mit Vorsicht verallgemeinert werden kann. Aber die Annahme von Erich Fromm, der wir mit unseren, seit mehreren Jahren laufenden Forschungen gefolgt sind, ist ja gerade, daß kein Mensch außerhalb der Gesellschaft stehen kann. Insofern ist in jeder und in jedem von uns etwas zu finden, was sich als Ausdruck des Gesellschaftscharakters verstehen läßt: Typische Charakterzüge, die die politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten der Gesellschaft widerspiegeln.

In deiner Aufzählung fehlen aber die anderen Charakterzüge, die wir auch noch gefunden haben: narzißtische, hortende und auch nekrophile, lebensfeindliche. Wobei der Narzißmus bei den westlichen Lehrern neben den „Marketing“–Orientierungen am häufigsten vorkam, bei den östlichen Lehrern seltener. Insgesamt sind wir jedoch so gut wie nie auf „reine“ Charakterstrukturen gestoßen, fast immer auf verschieden gemischte Anteile. Beispielsweise hatten manche vorwiegend narzißtisch oder autoritär Strukturierte auch produktive Anteile. Allerdings haben wir insgesamt viel weniger produktive Persönlichkeitsanteile entdecken können, als wir gerade bei dem Beruf Grundschullehrer erwartet hatten. Die lebendige Beziehung zu Kindern, die hier gefordert wird, müßte ja eigentlich eine gewisse Vorauswahl nach sich ziehen: Wer nichts mit Menschen anfangen kann, keine Beziehungen aufbauen kann, nicht lebendig sein kann, der ist für diesen Beruf gänzlich ungeeignet. Warum haben wir also nicht mehr dieser produktiven Charakterzüge gefunden …

A.P: Finde ich völlig logisch. Der Staat hat doch ein Interesse daran, die Kinder so früh wie möglich in die vorgefertigten, vorwiegend „nichtproduktiven“ Normen zu pressen. Also braucht er doch gerade als Grundschullehrer – und vorher noch als Kindergärtner – Leute, die diese Normen selbst möglichst exakt verinnerlicht haben.

Tauscher: Das kann man vielleicht für die DDR so zugespitzt sagen, im Westen ist zumindest seit 1968 der individuelle Gestaltungsspielraum für den Unterricht größer geworden und die staatliche Kontrolle geringer.

A.P.: Du meinst also, daß die Schule im Westen nicht so staatsnah ist, wie sie im Osten war? Rein organisatorisch ist das sicher richtig – aber hat Schule im Westen nicht genauso die Aufgabe, „auf´s Leben vorzubereiten“, sprich: gut funktionierende Staatsbürger herzustellen?

Tauscher: Ja auf alle Fälle, aber indirekter und nicht durch eine so offene Bevormundung, wie das offenbar bei euch gewesen ist.

Um so interessanter war es übrigens, daß nicht nur der einzige Lehrer mit einer dominant produktiven Charakterstruktur aus dem Osten kam, sondern auch von den insgesamt neun Befragten mit produktiven Anteilen sechs aus dem Osten kamen und nur drei aus dem Westen.

A.P.: Wie erklärst du dir das?

Tauscher: Dazu muß ich von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen. Ich komme ja zwar aus dem Westen, aber mein Freund – der auch der Vater meiner bald zweijährigen Tochter Sonja ist – stammte aus Ost–Berlin. Und ich habe nicht nur drei Jahre dort gewohnt, sondern auch in Pankow gearbeitet, in einer Beratungsstelle für Senioren. Ich habe also im Verhältnis zu anderen, die ich aus dem Westteil kenne, sehr viel mehr Kontakte zu Menschen aus dem Osten der Stadt gehabt. Aufgefallen ist mir dabei, daß im Osten ganz anders mit Konflikten umgegangen wurde, nämlich tendenziell eher gar nicht. Das kannte ich so nicht. Und davon war die ganze Geschichte mit Sonjas Vater geprägt. Obwohl das Thema „gemeinsames Kind“ durchaus schon mal im Raum gestanden hatte, meldete er nie grundsätzliche Bedenken dagegen an. Aber als es dann wirklich soweit war, brach plötzlich – und für mich unerwartet – alles Mögliche an Konflikten auf, mit denen er vorher die ganze Zeit hinter dem Berg gehalten hatte. Ich glaube, bei einem West-Mann wäre mir das nicht so gegangen. Wenigstens hätte ich viel früher spüren können, daß da etwas im Busch war.

A.P.: Von mir kenne ich das auch, daß hinter einer mehr so jungenhaften Fassade erst in zugespitzteren Situationen noch so einiges andere hervorbricht – plötzlich und unerwartet für die Partnerin. Als typisches „Ost-Produkt“ habe ich das allerdings bis jetzt nicht gesehen. Aber du hast einen solchen verleugnenden Umgang mit den eigenen „Bauchschmerzen“ auch bei anderen Ossis öfter erlebt?

Tauscher: Ja, genau. Übrigens auch bei meiner Arbeit als Eikido–Lehrerin in Ost–Berlin. Eikido ist einerseits eine ganzheitliche Lebens– und Denkweise. Andererseits ist es auch eine japanische Kampfkunst, die den Schwerpunkt aber nicht auf Angriff, sondern auf Selbstverteidigung legt. Es geht unter anderem darum, die Energie des Angreifers aufzunehmen und zur eigenen Verteidigung einzusetzen. Daß das auch einiges mit Konfliktbewältigungs-Strategien zu tun hat, kannst du dir sicher vorstellen.

Die Fähigkeit, Konflikten nicht auszuweichen, sondern sie konstruktiv zu lösen, würde ich jedenfalls als ein ganz wesentliches Moment des produktiven Charakters ansehen. Um wieder auf die Studie zurückzukommen: Bei den West–Lehrern hatte ich das Gefühl, daß sie eben mehr gelernt haben, zu ihren Konflikten zu stehen und überhaupt kritischer über sich selbst zu reflektieren. Ich halte es jedenfalls für möglich, daß dadurch die West–Lehrer tendenziell „zu schlecht“ weggekommen sind. Das ist aber meine ganz persönliche Meinung.

A.P.: Es gibt ja leider keine vergleichbare Untersuchung von DDR–Lehrern vor 1990. Und ich bin mir nicht sicher, wie weit es gerechtfertigt ist, die von euch befragten Lehrer aus dem Ost–Teil der heutigen BRD noch als Stellvertreter der DDR–Gesellschaft anzusehen. Andererseits sind ja diese Lehrer die allerlängste Zeit ihres Lebens DDR–Bürger und –Bürgerinnen gewesen und weitgehend von den Normen dieses Staates geprägt worden.

Einen „Systemvergleich“ finde ich aber wichtig. Wie sollen wir sonst feststellen, ob wir durch unsere staatliche Vereinigung einen Schritt vorwärts gemacht haben – hin zum produktiven Charakter – oder einen zurück. Anders gefragt: Was ist „besser“ – autoritär gestört zu sein oder eine „Marketing“-Deformation zu haben?

Tauscher: Also besser oder schlechter – diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann Unterschiede benennen: Der autoritäre Charakter ist derjenige, der stärker Bezogenheiten entwickeln kann – wenn auch vor allem zu „Führern“ bzw. zu „Unterstellten“. Insofern erscheint er erstmal produktiver als der Marketing–Orientierte, der sich durch „Ich–Losigkeit“ auszeichnet und im Extremfall gar keine Interessiertheit und Bezogenheit mehr aufbauen kann.

Wenn du dir auf der anderen Seite aber ansiehst, welche Rollen die autoritären Charaktere im Faschismus gespielt haben, läßt sich kaum behaupten, daß diese Persönlichkeitsstruktur sehr lebensbejahend wäre.

A.P.: Läßt sich zu meiner Frage vielleicht auf der therapeutischen Ebene etwas sagen: Von wo aus ist, in der Therapie, eine Entwicklung in Richtung produktiver Charakter eher möglich – von einem Marketing-Charakter oder von einem autoritären?

Tauscher: Ich denke – und das entspricht wohl auch den Erfahrungen von Erich Fromm –, das Autoritäre ist besser zu „knacken“, weil es erst einmal leichter macht, eine Bezogenheit zu der „Autorität Therapeut“ aufzubauen, sich auf eine therapeutische Beziehung überhaupt einzulassen. Man kommt besser an den Autoritären heran. Die andere Frage ist, wie tief diese Bezogenheit gehen kann und wie austauschbar sie ist.

Aber wir diskutieren jetzt immer nur die Unterschiede. Ich habe Angst, daß wir dabei die vielen Gemeinsamkeiten aus dem Auge verlieren. Beispielsweise traten bei einigen Ossis ja auch nachweisbare „Marketing“–Orientierungen auf. Und das erkläre ich mir unter anderem so, daß ja auch in eurem Staat einiges an „Flexibilität“ bis hin zu Selbstverleugnung zu leisten war, das jetzt eine erfolgreiche Anpassung an die „Markt-Verhältnisse“ erleichtert. Oder auch bei mehreren Wessis traten autoritäre Züge klar hervor – was vielleicht dafür spricht, wie sehr uns unsere gemeinsame preußische und faschistische Vergangenheit in der Tiefe unserer Charakterstrukturen immer noch verbindet, trotz mancher äußerlicher Reformen.

Und um noch etwas zu deiner Ausgangsfrage nach der Zukunftsträchtigkeit der beiden Systeme zu sagen: Ich glaube, von einer Orientierung am Sein statt am Haben, wie sie Erich Fromm ja zum Ende seines Lebens als Zielvorstellung entwickelt hat, sind beide Gesellschaftsformen sehr weit entfernt.

In der BRD gab es mehr Nischen, wo man sich entziehen konnte und eine andere kleine Welt für sich aufbauen konnte …

A.P.: Genau das haben aber viele auch über die DDR gesagt, daß das eine „Nischengesellschaft“ war, unter anderem mit der Nische Westfernsehen, über den „Datschen“-Bau und die Stammtisch-Meckerei: Wenn du öffentlich gut funktioniert hast, konntest du zu Hause der anderen Seite deines „Doppelbewußtseins“ frönen und auf den „Scheiß-Staat“ fluchen.

Aber eins durftest du nicht: Dich mit anderen Nischen-Bewohnern offiziell zusammentun und zum Beispiel eine Zeitung machen über die Höhen und Tiefen des Nischen-Daseins.

Und da, finde ich, gibt es für mich als ehemaligen DDR–Bürger doch einen entscheidenden Fortschritt durch die „Wiedervereinigung“: Selbst wenn Psychoanalyse und andere Therapiearten, die Ökologie–Bewegung, Feminismus und Kinderrechtsgruppen auch nur Nischen sein sollten, dann sind sie doch ungleich zahlreicher als in der DDR. Und da sie zwar nicht besonders gefördert, aber eben auch nicht verboten werden, entsteht dort ein echtes Potential zur Gesellschaftsveränderung. Insofern empfinde ich diese BRD-Gesellschaft inzwischen eben doch als „produktiver“.

Tauscher: Ja, das ist doch aber auch das Traurige: Obwohl relativ umfassende Chancen in ganz vielen Facetten vorhanden sind, wird vieles nicht genutzt oder es wird mißbraucht. Psychotherapien werden benutzt, um besser gerüstet zu sein für den Konkurrenzkampf, psychologisches Wissen wird zur Ware und so weiter.

Oder nimm wieder die Grundschullehrer: Was machen die aus ihrer soliden finanziellen Absicherung, ihrer umfangreichen Freizeit und ihrem individuellen Spielraum im Unterricht? Versuchen Sie, die Gesellschaft zu verändern, produktiver zu machen? Kaum – die meisten passen sich eher den herrschenden Machtverhältnissen ohne große Kritik an oder engagieren sich für gar nichts mehr richtig, außer vielleicht noch für sich selbst.

Ich bin 1960 in West-Berlin geboren worden. Aber was ich heute hier schon auf den Spielplätzen und unter Kindern an Gewalt und Brutalität sehe, habe ich damals nicht kennengelernt. Und auch wenn ich mir den Umgang von Erwachsenen mit Kindern so ansehe, habe ich manchmal das Gefühl, der autoritäre Erziehungsstil wird eher durch einen nekrophilen abgelöst, als durch einen produktiven.

A.P.: Aus Eurem Buch „Die Charaktermauer“ gehen zwar Unterschiede zwischen Ost und West hervor, aber nicht zwischen Männern und Frauen. Gerade Erich Fromm hat doch Matriarchatsforschung sehr wichtig gefunden und darauf hingewiesen, daß es biophiler, also lebensbejahender zuging in früheren, „matriarchal“ organisierten Gesellschaften. Das Lebensfeindliche hat sich als Grundzug erst in den letzten sechs Jahrtausenden herausgebildet, Hand in Hand mit einer zunehmenden Unterdrückung der Frauen. So betrachtet, müßten sich zwischen den Geschlechtern über die lange Zeit der „Männerherrschaft“ doch noch grundsätzlichere Charakterunterschiede entwickelt haben, als zwischen „Sozialismus“ und „Kapitalismus“. Das müßte Ost- und West-Frauen (und Männer) eigentlich verbinden, über alle systembedingten Unterschiede hinweg.

Tauscher: Die Studie ist ja durch die Spezifik des Berufs vorwiegend an Frauen durchgeführt wurden – von den dreißig Befragten waren nur sechs Männer. Insofern konnte dieser Aspekt in dieser Studie nicht herausgearbeitet werden.

Was zunächst mal die Unterschiede angeht zwischen West- und Ostfrauen, kann ich nur meine persönliche Erfahrung dazu mitteilen: Ich denke, das DDR-System hat Frauen eher dazu erzogen, männliche Normen, männliche Aggressivität zu verinnerlichen und ihre weiblichen Anteile zu unterdrücken. Das gibt´s natürlich im kapitalistischen System auch – siehe Margret Thatcher – aber es ist nicht derartig verbreitet. Bei uns gab es wohl mehr so eine „Weibchen“–Haltung, die wieder die eigenen männlichen Anteile zugunsten eines „nur weiblichen“ Zerrbildes ausblendet. Trotzdem würde ich sagen, daß die Frauen-Bewegung im Westen die weitreichendste Bewegung war. In mühevoller Kleinarbeit hat sich da doch so einiges verändert – bei Männern wie bei Frauen. Und ich glaube, daß selbst diese ganze Abgrenzung – daß Frauen nur noch unter sich sein wollten bis hin zu direkt männerfeindlichen Zügen – einfach unumgänglich war, um das Bewußtsein über die unterschiedliche Situation der Geschlechter zu schärfen. Auch wenn das gelegentlich Züge angenommen hat, wo man sagen mußte, die Frauen machen jetzt genau das, was sie den Männern vorwerfen: Diskriminierung.

Aber diese ganze Bewegung hat es in der DDR nicht gegeben. Und aus meiner persönlichen Wahrnehmung muß ich sagen, da fehlt manchmal was bei manchen Ost–Frauen. Die stehen dem ganzen Feminismus ja oft skeptisch bis ablehnend gegenüber.

DDR–Frauen hat ihre „Vermännlichung“ vielleicht auch nicht so viel ausgemacht, weil sie ja beruflich gesehen und in mancher anderer Hinsicht weitgehend gleichberechtigt waren. Aber das, was ich im Osten so in Beziehungen selbst erlebt und bei anderen gesehen habe, war eben trotzdem sehr stark von konservativen bürgerlichen Vorstellungen geprägt. Also ich glaube wirklich, daß dieses Patriarchale das Übergreifende in unserer Zeit ist – und auch in der DDR war.

Aber das Biophile, von dem du gesprochen hast, bedeutet ja nicht, daß jede einzelne Frau an sich lebensbejahend wäre und jeder einzelne Mann lebensfeindlich. Die lebensbejahenden Elemente, die im Matriarchat viel verbreiteter waren als heute, schlummern als eine Art weibliches Prinzip in uns allen.

Noch mal zurück zum produktiven Charakter: Inwieweit er zustandekommt, wird auch davon abhängen, inwieweit wir das wieder zum Leben erwecken können.

A.P.: Es geht also gar nicht um die Frage, welches Geschlecht die Macht haben soll.

Tauscher: Nein. Es geht darum, männliche und weibliche Anteile in jedem und in jeder von uns zuzulassen und damit insgesamt weniger gespalten zu sein, „ganzer“, lebensbejahender. Fromm wollte überhaupt keine Hierarchie. Er wollte auch keine bloße Rückbesinnung oder gar Rückkehr zu den gesellschaftlichen Zuständen vor 6.000 Jahren. Statt dessen hielt er die Entwicklung vom Matriarchat zum Patriarchat für objektiv notwendig. Und er sah in beiden Systemen wertvolle Anteile: Im Matriarchat eine stärkere Betonung der natürlichen Bindungen, der natürlichen Gleichberechtigung und der Liebe und im Patriarchat eine Konzentration auf Denken, Erfinden, Fortschritt.

Und ähnlich wie für den Einzelnen in Bezug auf seine weiblichen und männlichen Seiten gilt für die Gesellschaft: Eine sinnvolle Weiterentwicklung ist nur möglich, wenn wir das „Aufhebenswerte“ aus beiden Formationen zu einer neuen Qualität vereinigen.

A.P.: Das könnte im Prinzip wohl auch für die neue Einheit aus Ost– und Westdeutschland gelten. Einerseits wäre es wünschenswert, wenn jeder Bürger und jede Bürgerin – Ost wie West – die verschütteten produktiven Anteile in sich selbst ausgraben könnte. Und andererseits sollte der neue Staat – die alte BRD gibt es doch im Grunde genommen seit 1990 auch nicht mehr – die produktiven Anteile aus „Sozialismus“ und „Kapitalismus“ zusammenfügen. Müßte vorher „nur noch“ geklärt werden, was das ist …

Ich möchte gerne noch einmal kurz von der deutschen Gegenwart wegkommen. Vor über sechzig Jahren hat ja Erich Fromm selbst in der sozialpsychologischen Untersuchung „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“ einen Versuch gestartet, den Gesellschaftscharakter der Deutschen zu erfassen, kurz vor Hitlers Machtergreifung also. Als er dann die Auswertung der Befragung vor sich liegen hatte, ist er emigriert.

Tauscher: Das ist so formuliert etwas übertrieben. Aber es stimmt: Seine Befragung hat ergeben, daß – unabhängig davon, welche Parteien die Deutschen wählten – ihre übergroße Zahl autoritären Anschauungen anhing bzw. ihnen keine wirkliche innere freiheitliche Haltung entgegensetzen konnte. Nur 15 Prozent hatten einen deutlich „antiautoritären“ Charakter. Insofern wurde für Fromm durch seine Untersuchung noch deutlicher, daß es keinerlei „seelisches Bollwerk“ gegen die Machtergreifung des deutschen Faschismus gab. Und das hat ihn sicherlich darin bestärkt, nach Amerika zu gehen.

A.P.: Das Erschütternde war ja auch wohl, daß die „Linkswähler“ – die ja bis 1933 genauso viele Menschen umfaßten wie die Anhänger der NSDAP ­–­­ von ihren tieferen Charakterstrukturen nicht anders gelagert waren als ihre ideologischen Gegner.

Tauscher: Es gab zum Beispiel eine breite Schicht, die vor allem aus Neid und aus Haß gegen alle, denen es materiell besser ging, die linken Parteien unterstützten. Und das, obwohl sie gleichzeitig mit anderen Punkten aus den Programmen dieser Parteien überhaupt nichts am Hut hatten: Freiheit und Gleichheit. Vielmehr sehnten sie sich nach einer machtvollen Autorität. Und die Nazis boten ihnen dann eben beides an: Scheinbare Rebellion gegen „die Besitzenden“ und den Führer-Kult. Psychoanalytisch betrachtet war also der massenweise Schwenk zur NSDAP kein Wunder und auch nicht nur durch Terror allein erklärlich.

A.P.: Wenn du jetzt diese Ergebnisse der damaligen Untersuchung vergleichst mit denen der „Charaktermauer“ und deinen eigenen Erfahrungen in diesem Land hier: Glaubst du, wir Deutschen hätten heute einer totalitären Machtergreifung aufgrund unserer Tiefenstrukturen mehr entgegenzusetzen als vor dreiundsechzig Jahren?

Tauscher: Nein.

 

 

[i] Erich Fromm/Michael Maccoby, 1970: Psychoanalytische Charakterologie in Theorie und Praxis. Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band III, S. 311.)

 

 

 

 

Veröffentlicht in ICH – die Psychozeitung 1/ 96.