100 JAHRE „URSZENE“. Anmerkungen zu einem strittigen Begriff

von Andreas Peglau

Johannes Cremerius (1995, S. 47) urteilte, die Psychoanalyse habe nur eine Zukunft, wenn sie sich „Aufräumarbeiten“ in der Begriffsbildung unterziehe, statt weiter dahin zu stolpern über „Geröllhalden beliebiger, vieldeutiger Begriffe oder solcher, die nur geheime Vokabeln für Eingeweihte sind“. Sogar „im Zentrum der psychoanalytischen Theoriebildung“ stoße man auf „generalisierende Ideen“, „Privatphilosophien“, nie Geklärtes und unreflektiert Weitergegebenes. Ich teile diese Ansicht. Die als kindliche Beobachtung elterlichen Geschlechtsverkehrs verstandene, angeblich traumatisierende „Urszene“ scheint mir einer der hinterfragenswürdigen Begriffe zu sein. Daher wollte ich wissen: Wie wird in der Psychoanalyse Freuds tatsächlicher Umgang mit diesem Terminus berücksichtigt? Ist die dieser Szene zugeschriebene Wirkung mittlerweile empirisch geprüft?

1914 weitgehend fertiggestellt, 1918 publiziert, wurde die Abhandlung über den „Wolfsmann“ Freuds berühmteste „und zweifellos wichtigste“ Krankengeschichte (Freud 1989, S. 127). „Urszene“ bebilderte er dort so: Ein anderthalbjähriger Patient „wurde Zeuge eines dreimal wiederholten coitus a tergo [von hinten], konnte das Genitale der Mutter wie das Glied des Vaters sehen und verstand den Vorgang wie dessen Bedeutung“ – worauf die spätere Zwangserkrankung basiert habe. Freud versicherte, „daß eine solche Urszene […] unerläßlich sei zur zusammenfassenden Lösung aller Rätsel, welche uns die Symptomatik der Kindheitserkrankung aufgibt, daß alle Wirkungen von ihr ausstrahlen, wie alle Fäden der Analyse zu ihr hingeführt haben“ (Freud 1918, S. 64, 84).

Gerhard Dahl, am intensivsten mit der Urszene befasster deutscher Psychoanalytiker, schreibt: „Das Thema der Urszene durchzieht Freuds psychoanalytische Schriften von der ersten Veröffentlichung bis in seine letzte große Arbeit“ (1981, S. 96). Im Register der Gesammelten Werke (Freud 1999, S. 693f.) fehlt jedoch diese Vokabel. Dafür legen dutzende Verweise auf „Ur(szene)“ häufige Verwendungen in zahlreichen Schriften nahe. Wer allerdings die angegebenen Stellen oder die digitale Version der Gesammelten Werke (Worm 2010) durchsucht, stellt fest: Das Wort „Urszene“ taucht ausschließlich im „Wolfsmann“ auf, 64mal, niemals sonst, obwohl Freud diesen Fall mehrfach andernorts abhandelte (Freud 1989, S. 127f.). Zudem ist das Register unvollständig. Denn ursprünglich hatte der Begriff einen deutlich abweichenden Inhalt: im Briefwechsel mit Wilhelm Fließ.

Diesem Inhalt gab Freud dort zunächst andere Namen. So hieß es am 1.1.1896, zu Beginn der Neurosen fänden sich meist „zu verdrängende, traumatische, vorzeitige Sexualerlebnis[se]“, die er alternativ „Primärerlebnisse“, „Sexualszenen“ oder schlicht „Szenen“ nannte (Freud 1986, S. 171, 197f.). Auch als Freud am 21.4.1886 vor Wiener Ärzten „Zur Ätiologie der Hysterie“ sprach, betonte er die „Echtheit der infantilen Sexualszenen“: „[E]s handelt sich […] um sexuelle Erfahrungen am eigenen Leib, um geschlechtlichen Verkehr (im weiteren Sinne)“, um „jene Traumen […], von denen […] die Entwicklung hysterischer Symptome ausgeht. […] Es scheint mir sicher, daß unsere Kinder weit häufiger sexuellen Angriffen ausgesetzt sind, als man […] erwarten sollte“ – insbesondere durch nahe Verwandte, Erzieher und andere Kinder (Freud 1897, S. 440-444). Gegenüber Fließ ordnete Freud jetzt Hysterie „als Folge von Perversion des Verführers“ ein, gelangte schließlich zu der schockierenden Erkenntnis: „Leider ist mein eigener Vater einer von den Perversen gewesen“ (Freud 1986, S. 239, 245).

Am 2.5.1897 kombinierte Freud „Szene“ nun auch mit der Vorsilbe „Ur“: Bei Hysterie seien „Impulse, die sich von den Urszenen ableiten“ „von Verdrängung betroffen“. Im beigelegten Manuskript nutzte er diese Wortschöpfung zum zweiten und vorläufig letzten Mal.[1] Aus dem Kontext geht hervor, wie Jeffrey Masson, Herausgeber der Fließ-Briefe, vermerkt: „‘Urszene‘ bedeutet zu dieser Zeit noch eine reale Verführungsszene, hauptsächlich mit dem Vater“.[2] Über „Väterätiologie“ und „Vaterszenen“ schrieb Freud weiter in den Briefen an Fließ. Nachdem er am 22.12.1897 von einem Vater berichtete, der seine zweijährige Tochter so „gewaltsam defloriert“ hatte, dass diese „lebensgefährlich erkrankte“, erkor er sogar, Goethe entlehnt, als „neues Motto: Was hat man Dir, Du armes Kind getan?“ (ebd., S. 253, Fn 2, 312-315).

Zu dieser Zeit verlor Freud keinen Gedanken daran, Zugucken bei elterlichem Verkehr oder Phantasieren darüber könnten neurotisch machen. 1896 über die „Ätiologie der Hysterie“ referierend, erwähnte er zwar die „unfreiwillige Zeugenschaft“ Pubertierender „bei sexuellen Akten der Eltern“ und billigte dem traumatische Qualität zu. Doch er zählte dies nur als Beispiel diverser Störfaktoren auf, die er keinesfalls für den Ursprung der Neurose hielt: Letzterer läge grundsätzlich früher in der Lebensgeschichte und im Missbrauch, könne aber durch Beobachten der Eltern und andere belastende Ereignisse verstärkt ins Bewusstsein drängen (Freud 1896, S. 436-438, 444).

Nachdem Freud ab Januar 1898 eindeutiger von der wohl auch für ihn selbst zu ängstigenden „Verführungs“-Theorie abrückte,[3] war das für Missbrauchsrealität stehende Wort „Szene“ wie ausgelöscht in den Fließ-Briefen.[4] Erst als er 1914 über den „Wolfsmann“ schrieb, griff er auf „Urszene“ zurück,[5] bescheinigte nun mittels dieses Etiketts kindlicher Sexualbeobachtung höchste Relevanz:[6] Neben oder vor einer Ur[!]szene konnte es nichts Gleichwertiges geben. Doch 1917 listete Freud in den Vorlesungen als gleichrangige Beispiele wichtiger „Begebenheiten […] in der Jugend[!]geschichte der Neurotiker“ auf: „die Beobachtung des elterlichen Verkehres, die Verführung durch eine erwachsene Person und die Kastrationsandrohung“. Zwei Seiten später zählte er diese drei Punkte erneut auf, diesmal als, angeblich phylogenetisch verankerte, „Urphantasien“ – die er im „Wolfsmann“, aber auch nur dort, „Urszenen“ gleichsetzte (Freud 1916/17, S. 383, 386; ders. 1918, S. 90).

Obwohl Freud diese Vokabel also nur in einer einzigen Schrift verwendete und begrifflich nie klar abgrenzte, machte sie Karriere. „[U]nzählige Arbeiten zur Urszene“, u.a. von Karl Abraham, Margaret Mahler, Phyllis Greenacre, wurden seither publiziert, berichtet Gerhard Dahl (1981, S. 98).[7] Seit 1950 die erste Fassung der Fließ-Briefe veröffentlicht wurde (Freud 1962), war nachlesbar, was Freud anfänglich mit diesem Wort meinte. Doch Hinweise darauf wie bei Dahl (1981, S. 96) haben Seltenheitswert. Stattdessen definiert das 1968 erschienene Register der Gesammelten Werke „Ur(szene)“ ausschließlich als „Koitusbeobachtung i. Kindesalter“[8] – obwohl auch hier auf Freuds Hysterie-Vortrag von 1896 verwiesen wird. 1969 kommentierten die Herausgeber der Freud-Studienausgabe zum „Wolfsmann“, Freud habe „Urszene“ „annähernd gleichsinnig schon in einem Brief an Fließ vom 2. Mai 1887 gebraucht“ (Freud 1989, S. 158, Fn 2). Wie sie realen, am eigenen Leib erlittenen sexuellen Missbrauch und vielleicht nur phantasiertes Betrachten elterlicher Kopulation als „annähernd gleichsinnig“ unter einen Hut brachten, bleibt ihr Geheimnis. 1973 beschrieb das Vokabular der Psychoanalyse „Urszenen“ als „Szenen der sexuellen Beziehung zwischen den Eltern, die beobachtet oder […] vom Kind vermutet und phantasiert wird“, wobei das Kind diesen Koitus als „Aggression des Vaters in einer sadomasochistischen Beziehung“ verstehe. Anfangs habe Freud von „traumatisierenden infantilen Erfahrungen“ gesprochen, die „in Szenen angeordnet“ gewesen seien, „ohne daß es sich dabei eigens um den elterlichen Koitus handeln müßte“ – die Frage, um was denn sonst, wird nicht beantwortet (Laplanche/Pontalis 1973, S. 576f.).[9] 2004 informierte das Wörterbuch der Psychoanalyse, „Urszene“ bezeichne „die sexuelle Handlung der Eltern, die das Kind beobachtet oder phantasiert, wobei es diese als Gewaltakt oder Vergewaltigung der Mutter durch den Vater interpretiert“. Der „Terminus Urszene erscheint bei Freud erstmals 1897, um fortan ohne weiteren Bedeutungswandel [!] von ihm benutzt zu werden“ (Roudinesco/Plon 2004, S. 1084). Carl Nedelmann (2006, S. 4) verlegte schließlich die Wortschöpfung ganz in die Arbeit am „Wolfsmann“, über die er schreibt: „Freud prägte in diesem Zusammenhang [!] den Begriff der ‚Urszene‘“.[10]

Skepsis gegenüber Freuds 1918er Urszenen-Konzept scheinen Psychoanalytiker kaum zu hegen.[11] Gerhard Dahl (1981, S. 99f.) referiert zwei Diskussionen US-amerikanischer Analytiker von 1969 und 1978, bei denen hinterfragt wurde, ob Urszenen zwingend traumatisieren. Grundsätzliche, auf einem „breiten Überblick“ über Urszenen-Abhandlungen basierende Zweifel hat wohl nur der New Yorker Analytiker Aaron H. Esman gewagt. Als Eckpunkte von Esmans 1973 publizierter Kritik zitiert Dahl u.a.: Dass „die Beobachtung des elterlichen Verkehrs […] per se traumatische Wirkung [habe], ist nicht überzeugend; für die ‚sadistische Auffassung‘[…] ist nicht die Beobachtung des Koitus, sondern […] das Verhalten der Eltern […] verantwortlich, besonders, wenn diese auch am Tage offen feindselig miteinander umgehen“ (ebd., S. 98f.).  Dahl (1982, S. 656) beurteilte Esmans Position als „sehr extrem“ und setzte sich ausführlich damit auseinander (Dahl 1981; 1982). Ergebnisse empirischer Forschungen konnte auch er Esman nicht entgegenhalten.

Vielleicht, dachte ich mir, lagen aber heute, mehr als 30 Jahre danach, für (oder gegen) Freuds These sprechende Forschungsergebnisse vor. Ich richtete daher Nachfragen an mehrere entwicklungspsychologische Abteilungen deutscher Universitäten. Resultat: Empirische Überprüfungen von Freuds Behauptung kannte niemand. Triftige Gründe nachzuforschen, hätten aber natürlich vor allem Psychoanalytiker gehabt. Zumindest hätte sich über einen langen Zeitraum die Bedeutung etwaiger „Urszenen“-Erinnerungen oder -Fantasien in Behandlungen systematisch auswerten lassen. Doch meine Recherchen gingen auch hier ins Leere. Bleibt mir nur, die eigene Position zusammenzufassen.

Ich meine, Freuds Urszenen-Version von 1918 lud eine Nebensächlichkeit mit irrealer Bedeutsamkeit auf, nachfolgende Analytiker schufen daraus einen Kult. Dass die Beobachtung elterlicher Sexualhandlungen für Kinder zwangsläufig traumatisch oder auch nur hochwichtig sei, erscheint mir nicht plausibel. Um ein seiner Meinung nach für Kinderaugen besonders gruselig-faszinierendes Szenario zu entwerfen, musste Freud (1918, S. 87) darüber hinaus das Bild vom Geschlechtsverkehr „von hinten, wie die Tiere“ bemühen. Aber was war, wenn die Eltern beispielsweise die auch um 1900 populäre „Missionarsstellung“ bevorzugten? Oder wenn sie einer sexualbejahenderen Kultur angehör(t)en als das Wiener Bürgertum? Auch Gerhard Dahl (1981, S. 99) nennt „ethnologische Untersuchungen, wonach Kinder, die wiederholt Zeuge des elterlichen Verkehrs werden, bald dessen Bedeutung als freundlichen Liebesakt erfassen“. Warum sollte zudem ein natürliches Geschehen, das phasenweise zärtlich ablaufen kann, schädigender wirken als aggressiver Streit der Eltern? Oder gar: als brutaler Umgang mit dem Kind? 1918 war das Recht, Kinder körperlich zu züchtigen, noch lange nicht wirkungsvoll infrage gestellt worden. Wie schlimm mag der Anblick nackter, lustvoll stöhnender Eltern gewesen sein, verglichen mit Schmerz und Demütigung durch – oftmals öffentlich entblößt erlittene – Körperverletzung per Rohrstock und Riemen? Oder verglichen mit den ursprünglich von Freud gemeinten „Szenen“ von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung? Offenbar stand in Wirklichkeit, wie sich später erwies, auch ein solcher Vorfall hinter dem Leiden des „Wolfsmannes“: Er war als Kind von einem Familienangehörigen anal penetriert worden (Masson 1986, S. 14). Derartige Vorgänge haben in der Tat das Potential, seelisch krank zu machen. Doch schon vor Aufgabe der „Verführungs“-Theorie tat sich Freud schwer, das anzuerkennen. Wiederholt heißt es in den Fließ-Briefen, „die betreffenden Ereignisse wirken erst als Erinnerungen“, die „Primärerlebnisse“ könnten „mit Lust ausgestattet gewesen“ sein, später Selbstvorwürfe und Scham ausgelöst und dadurch zur Neurose geführt haben (Freud 1986, S. 147, 172-174). Der Trend, kindliche Opfer zugunsten erwachsener Täter zu beschuldigen (Masson 1986, S. 217-221) und psychosoziale Prozesse auf – tatsächliche oder vermeintliche – innerpsychische zu verkürzen, zeichnete sich bereits ab.

 

Literatur:

Cremerius, Johannes (1995): Die Zukunft der Psychoanalyse, in ders. (Hg.): Die Zukunft der Psychoanalyse, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 9-55.

Dahl, Gerhard (1981): Zur pathogenetischen Bedeutung und Struktur der Urszene, in: Jahrbuch der Psychoanalyse, 12, S. 96-116.

Ders. (1982): Notes on critical examinations of the primal scene concept, in: Journal of American Psychoanalysis 30, S. 3-19.

Freud, Sigmund (1896): Zur Ätiologie der Hysterie, in ders.: GW Bd. 1, Frankfurt/M.: Fischer, S. 425-459.

Ders. (1916–17): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in ders.: GW Bd. 11, Frankfurt/M.: Fischer.

Ders. (1918): Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, in ders.: GW Bd. 12, S. 26-157.

Ders. (1940): Abriß der Psychoanalyse, in ders.: GW Bd. 17, S. 63-138.

Ders. (1962): Aus den Anfängen der Psychoanalyse. Briefe an Wilhelm Fließ, Abhandlungen und Notizen aus den Jahren 1887–1902, Frankfurt a.M.: Fischer.

Ders. (1986): Briefe an Wilhelm Fließ 1887–1904, hg. von Masson, J. M., dt. Fassung bearb. v. Schröter, M., Frankfurt/M.: Fischer.

Ders. (1999): Inhaltsverzeichnis der GW, in ders.: GW Bd. 18, Frankfurt/M.: Fischer.

Grinstein, Alexander (1956–1960): The Index of Psychoanalytic Writings, Bd. 1–5, New York: International Universities Press.

King, Vera (1995): Die Urszene der Psychoanalyse. Adoleszenz und Geschlechterspannung im Fall Dora. Stuttgart: Klett-Cotta.

Klammer, Markus (2013): Figuren der Urszene. Material und Darstellung in der Psychoanalyse Freuds, Wien: Turia & Kant.

Laplanche, Jean (2011): Neue Grundlagen für die Psychoanalyse. Die Urverführung, hg. v. U. Hock/J.-D. Sauvant, Gießen: Psychosozial.

Laplanche, Jean/Pontalis, J.B. (1973): Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Masson, Jeffrey M. (1986): Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie, Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

Nedelmann, Carl (2006): Der Wolfsmann – Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (1918), http://www.mbi-hh.de/download.html

Roudinesco, Elisabeth/Plon, Michael (2004): Wörterbuch der Psychoanalyse. Namen, Länder, Werke, Begriffe, Wien/New York: Springer.

Worm, Karsten Worm (2010): Freud im Kontext. Gesammelte Schriften auf CD-Rom. Berlin: http://www.infosoftware.de

Für Information, Material und Meinungsaustausch danke ich insbesondere Gerhard Dahl, aber auch Brigitte Boothe und Hermanns Staats, für Hinweise zur Recherche in der digitalisierten Freud-Ausgabe Karsten Worm, für kritisches Lesen des Textes zudem Gudrun Peters und Galina Hristeva.

Erstveröffentlichung: Peglau, Andreas (2014): 100 Jahre »Urszene«. Anmerkungen zu einem strittigen Begriff, Werkblatt. Psychoanalyse und Gesellschaftskritik 73, 2/2014, S. 253–260.

Anmerkungen

[1] „Ziel scheint die Erreichung der Urszenen zu sein“ (Freud 1986, S. 255).

[2] Ein vollständiges Register der Gesammelten Werke müsste daher unter „Ur(szene)“ auch auf alle, z.B. in den Drei Abhandlungen über Sexualtheorie enthaltenen, Thematisierungen frühen Missbrauchs verweisen – was nicht der Fall ist.

[3] Völlig negierte er diese nie (Masson 1986, S. 129-169).

[4] Nur am 7.7.1898, 21.12.1899, 8.1.1900 konnte ich „Szene“ noch entdecken, doch eher beiläufig und ohne Missbrauchsbezug verwendet (Freud 1986, S. 349, 430, 434).

[5] In der Traumdeutung fällt „Szene“ 47mal, gelegentlich mit Anklängen an den früheren Begriffshof, in den Drei Abhandlungen taucht das Wort überhaupt nicht auf (Recherche in Worm 2010).

[6] Den verordneten Bedeutungswandel erwähnte er mit keiner Silbe. Dass „Urszene“ nie wieder den Weg in seine Veröffentlichungen fand, zeigt aber vielleicht, dass er diese Begriffsverschiebung nicht als geglückt empfand.

[7] Grinstein (1956-1960, S. 2572) nennt unter „primal-scene“ weitere Quellen.

[8] Wer alle dort vermerkten Stellen nachschlägt, sieht: Die Beschäftigung mit einer tatsächlich erlebten „Urszene“ durchzieht Freuds Werk nicht. Zunehmend beschäftigten ihn aber offenbar als phylogenetisch angenommene Fantasien solcher Szenen. Was zudem mehrfach auftaucht, ist die sehr unterschiedlich gewichtete Koitusbeobachtung. Noch 1938, im Abriß der Psychoanalyse, sollte Freud (1940, S. 113) diese erneut als einen möglichen Störfaktor unter vielen einordnen.

[9] Laplanche (2011) hat später die Freud`schen „Urphantasien“ kritisch gewürdigt – ohne sie mit Freuds erstem Urszenen-Konzept zu verbinden.

[10] Obwohl er im nächsten Absatz die Fließ-Briefe heranzieht.

[11] Dass auch Nicht-Analytiker mehrhundertseitigen Ausführungen die 1918er „Urszenen“-Version zugrunde legen können, ohne sich mit der Frage nach deren Realitätsgehalt zu belasten, beweisen King (1995) und Klammer (2013).