Der Photograph des Weimarer Psychoanalytiker-Kongresses von 1911. Splitter zur Biographie von Franz Vältl

von Andreas Peglau*

2012 war es möglich, Franz Vältl als denjenigen zu identifizieren, der das berühmte Weimarer Kongressfoto von 1911 aufgenommen hat, und einige Angaben zu seinem Lebenslauf mitzuteilen (Peglau u. Schröter 2013, S. 134, siehe auch hier). Das kann nun ergänzt werden.

Franz Vältl: Kongressfoto 1911, zur Verfügung gestellt von Michael Schröter.

Franz Vältl: Kongressfoto 1911, Kopie von Michael Schröter nach einem Originalabzug von Tina Joos-Bleuler.

Zunächst um ein Foto, das mir der Weimarer Regionalforscher Bernd Mende zur Verfügung stellte. So sah Vältl vermutlich zu Beginn der 1950er Jahren aus:

Franz Vältl (Foto zur Verfügung gestellt von Bernd Mende)

Darüber hinaus konnte Manfred Kleemann das Rätsel lösen, an welchem der beiden Kongress-Tage (21. und 22. 9. 1911) das Gruppenfoto entstand: Im bislang unveröffentlichten Tagebuch von Lou Andreas-Salomé entdeckte er kürzlich für den 22. September den Eintrag: „der Photograph“.[1]

Recherchen von Stephan von Minden[2] erbrachten weitere biografische Angaben:

Franz Xaver Vältl wurde am 18. 11. 1881 im bayerischen Lindkirchen als unehelicher Sohn der Schullehrerstochter Franziska Vältl geboren.[3]
Eine ihm 1908 (oder 1909) verliehene Staatsmedaille bezeugt 27 Jahre danach seinen erfolgreichen Einstieg als Fotograf in Weimar.[4]
Später – auch hier war das genaue Datum nicht auszumachen – wurde der „Großherzoglich Sächsische Hofphotograph“ Vältl Träger der „Allerhöchsten Auszeichnung Sr. Kgl. Hoheit des Herzogs Franz Joseph von Bayern“.[5]
Martin Hansch, einer seiner Schüler, berichtet, Vältl sei 1932 auch „Photograph des Deutschen Nationaltheaters, der Musikhochschule, der Kunsthochschule, der Ingenieurschule, der Thüringischen Landesregierung und nicht zuletzt weiter Bevölkerungskreise“ gewesen, außerdem „gefragter Architekturphotograph, der nahezu exklusiv für die Professoren Peter Behrens und Paul Schulze-Naumburg arbeitete“. Hansch schildert Vältl als „gradlinigen und charaktervollen Mann mit klugen, stets hellwachen Augen und Humor“.[6]

Nach Vältls Tod am 30. 12. 1953 in Weimar hob Albrecht von Heinemann in einem Nachruf für die Zeitschrift Die Fotografie (Februar 1954, S. 57) als sein Hauptinteressen die Arbeit mit Kleinbildkameras, insbesondere mit der „Leica“ hervor sowie „die Entwicklung der Farbenfotografie“.

Auf dem Weimarer Hauptfriedhof ist Vältls, wohl aufgrund seiner „Freundschaft mit Henry van de Velde“[7] im Jugendstil entworfenes Familiengrab zu besichtigen, dessen Inschrift im April 2016 auf Initiative des Berliner Forums zur Geschichte der Psychoanalyse erneuert wurde.

Grab Franz Vältls, Weimarer Hauptfriedhof, mit 2016 erneuerter Inschrift

Grab Franz Vältls, Weimarer Hauptfriedhof, mit 2016 erneuerter Inschrift

 

Literatur

Minden, S. v. (2011): Viktor Emil v. Gebsattel und Maria v. Stach: Neue Aufschlüsse über zwei Teilnehmer am 3. Psychoanalytischen Kongress in Weimar. Luzifer-Amor, 24 (48): 99–105.

Peglau, A. u. Schröter, M. (2013): Relative Ruhe nach und vor dem Sturm. Der III. Psychoanalytische Kongress in Weimar 1911. Luzifer-Amor, 26 (52): 126−157.

 

Anmerkungen

* Erstveröffentlichung in Luzifer-Amor 2016/2 (Heft 58), S.  176-179, unter dem Titel: Der Photograph: Splitter zur Biographie von Franz Vältl.

[1] Persönliche Mitteilung am 13.5.2016.

[2] Mir mitgeteilt im Mai/Juni 2015 und u. a. ermöglicht  durch freundliche Unterstützung der Leiterin des Stadtarchivs Mainburg, Christin Grundmann-Fritz.

[3] Der nicht genauer zu identifizierende Erzeuger bekannte sich allerdings acht Wochen danach zur Vaterschaft (Auszug aus dem Geburtenbuch Lindkirchen, Nr. 22/1881).

[4] Photographische Mitteilungen. Halbmonatsschrift für die Photographie unserer Zeit, 46. Jg. Berlin, S. 139.

[5] http://wiki-de.genealogy.net/V%C3%A4ltl_(Weimar)/Fotostudio#Franz_V.C3.A4ltl

[6] Photo-Antiquaria. Mitteilungen des Club Daguerre, 2/1988, S.14.

[7] So Fotografen-Kollege Ernst Schäfer in einem Schreiben vom 5. 10. 1982, das mir Bernd Mende zur Verfügung stellte.

 

Tipp zum Weiterlesen:

Sigmund Freud in Weimar. Ein Foto aus dem Jahr 1911 – und eine Momentaufnahme der psychoanalytischen Bewegung