Archiv der Kategorie: Rechtsruck im 21. Jahrhundert

Verschobene Wut – über eine der Ursachen „rechter“ Wahlerfolge

von Andreas Peglau

(Auszug aus „Rechtsruck im 21. Jahrhundert“)

Schon 1933 waren, wie auch Wilhelm Reich erkannte, Angehörige des Mittelstandes für die faschistische Ideologie besonders anfällig, weil sie fürchteten, ins Elend abzurutschen.[1] Heute ist die deutsche „Einkommensmittelschicht“ ebenfalls gefährdet. 1992 machte sie noch 62% der Bevölkerung aus, 2006 war sie auf 54,1% geschrumpft, zum größeren Teil dem Abstieg „in die armutsgefährdeten Lagen“ geschuldet.[2] Dieser Prozess hält an.[3] Wie es dort, am unteren Ende der Gesellschaft zugeht, lässt sich den jährlichen „Armutsberichten“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes entnehmen. 2016 lautete dessen Bilanz, seit „Bankenrettung und Wirtschaftskrise“ gebe es

„einen stetigen Abbau bei den Hilfen für Langzeitarbeitslose, darunter vor allem ältere Arbeitslose, Menschen mit Behinderungen oder chronischen, auch psychischen Erkrankungen, Migranten und Alleinerziehende. Die Bundesregierung hat spätestens seit 2010 umgeschaltet auf eine Zwei-Klassen-Arbeitsmarktpolitik: gute und schnelle Vermittlung für gut und schnell Vermittelbare, während notwendige Programme und Hilfen für die nur mit größerem Aufwand zu Integrierenden stagnieren, zurückgefahren werden oder sich auf eher symbolische Programme mit geringem Umfang beschränken.“[4]

Auch 2016 waren rechtsextreme Einstellungen bei Erwerbslosen stärker ausgeprägt als bei Erwerbstätigen[5] und eine auf diverse Zielgruppen gerichtete Menschenfeindlichkeit bei Armen verbreiteter als bei Wohlhabenden.[6] Denen, die heute in Deutschland als arm eingestuft werden, geht es zwar im Durchschnitt materiell weit besser, als den ärmeren Schichten am Vorabend des Dritten Reiches und als vielen anderen, die diesen Planeten besiedeln.
Aber ein Blick in die Geschichte oder auf die Verteilungssituation materieller Güter zwischen den Staaten dieser Erde genügt, um zu erkennen: Armut[7] an sich, auch Hunger[8] macht noch keinen Faschismus. Wiederum fördert die bloße Erwartung, in die Armut abgeschoben zu werden – also zu diesem Zeitpunkt ein noch rein psychisches Problem –, hierzulande bereits die Übernahme „rechter“ Einstellungen.[9]
Woran liegt das?

Die Antwort dürfte lauten: Arm zu sein in einer an sich reichen Gesellschaft wie der unsrigen bringt nicht nur materiellen Mangel mit sich. Soziologische Untersuchungen zeigen seit langem, dass Arbeitslosigkeit zumeist „mit einem niedrigen Selbstwert, Motivationsproblemen, schwerwiegenden Isolationsgefühlen, Beziehungsproblemen“, massiven Selbstvorwürfen wegen vermeintlichen Versagens „sowie gesundheitlichen Schäden einhergeht“.[10]
Auch im heutigen Deutschland gilt, wie Zeit online 2016 titelte: „Wer früher stirbt, war länger arm“.[11] Arme Männer leben im Durchschnitt fast elf Jahre kürzer als reiche. Arme Frauen haben eine um mehr als acht Jahre geringere Lebenserwartung als reiche.[12] Das bedeutet, so Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes:

„Die armen Menschen, die ihr Leben lang Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt haben und dann im Durchschnitt vielleicht noch vier oder fünf Jahre die Rente genießen können, finanzieren im Grunde genommen die Rente der Wohlhabenderen, länger Lebenden mit. Und das ist, wenn man genau hinguckt, natürlich ein sozialpolitischer Skandal erster Güte.“[13]

Viele dieser Wohlhabenderen blicken zudem verächtlich herab auf jene, deren Lebenserwartung durch Armut verkürzt ist. „Stigmatisierungen durch die Mehrheitsgesellschaft“[14] und Abwertungen von Arbeitslosen, insbesondere Langzeitarbeitslosen waren auch 2016 in Deutschland weit verbreitet: 49% der Bevölkerung – also fast die Hälfte aller Erwachsenen[15] – meinten, „die meisten Langzeitarbeitslosen“ seien „nicht wirklich daran interessiert, einen Job zu finden“ oder fanden es „empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen“.[16]

All das muss bei solcherart Diskriminierten vielfach Wut oder Hass auslösen – die sich verbinden dürften mit jener Aggressivität, die durch andere Ungerechtigkeiten seit Kindesbeinen angestaut wurde.
Damit korrespondiert, dass „rechte“ Tendenzen gerade in den reichsten Regionen der Erde, in Europa und Nordamerika, um sich greifen – in denen zugleich die extremsten Einkommensunterschiede zwischen Armen und Reichen zu verzeichnen sind.[17]

Halten wir also fest:

Nicht nur die Armut, sondern auch die krassen Einkommensunterschiede in diesem unseren Land müssen reduziert werden, um rechtsextreme Einstellungen zu lindern.
Die Angst vor einem zu erwartendem Abrutschen ins soziale Elend und die Wut darüber, dort längst angekommen zu sein, befeuern „Rechts“-Tendenzen ebenso wie die – berechtigte – Empörung über ungerechte Besitzverteilung.

Doch wer seit der Kindheit darauf getrimmt wurde, sich unter Autoritäten zu ducken, dem muss es schwer fallen, sich mit den tatsächlichen Verursachern dieser Misere zu konfrontieren und die Aggression in Energie zur konstruktiven Veränderung der Gesellschaft umzuwandeln: Das könnte nicht nur Konflikte mit Staatsmacht und -ideologie herbeiführen, sondern auch alte Kinderängste vor Bestrafung und Isolation wecken.
Das Anstreben einer „konservativen Revolution“ – auch so ist ja mehrfach das Ziel von „Rechten“ bezeichnet worden[18] – hat dagegen den neurotischen Vorteil, sich nicht als „Umstürzler“ betrachten zu müssen, da doch angeblich nur das gute Alte bewahrt oder wiedererlangt werden soll.

Um die Konfrontation mit regierungsamtlichen Ersatzeltern und sonstigen Mächtigen zu vermeiden, bietet sich zum einen an, Wut und Hass in depressiver Weise gegen sich selbst zu richten. Nicht umsonst muss von Depression, schon von Sigmund Freud als autoaggressive Selbstabwertung klassifiziert,[19] als deutscher „Volkskrankheit“ gesprochen werden.[20]

Eine zweite Möglichkeit ist, die angestauten aggressiven Impulse auf Schwächere und Sündenböcke umzuleiten. 1933 waren es vor allem die entrechteten Juden, die dafür herhalten mussten. Zurzeit sind es insbesondere diejenigen, die als Flüchtlinge in unser Land kommen, aber auch andere, als „fremd“ eingestufte Menschen wie Muslime, Sinti und Roma sowie Homosexuelle oder Arbeitslose.[21]

Statt anzuprangern, dass „Topmanger“ und „zehn Prozent der oberen Haushalte“ sich ungerechtfertigt viele Milliarden des gesellschaftlichen Reichtums aneignen, fällt es leichter, sich die Millionen von Euro, die zur Versorgung der Flüchtlinge genutzt werden, als Ursache eigener – tatsächlicher oder befürchteter – Verelendung und Unsicherheit einzureden.[22]

Wobei zusätzlich ausgeblendet wird, dass viele erst zu Flüchtlingen werden durch Kriege, die auch Teile der deutschen Herrschaftselite durch Waffenexporte anheizen.[23]

*

Anmerkungen

[1] Reich 1933b, S. 74ff.

[2] Koppetsch 2016, S. 23f.

[3] Das vermeldete 2016 auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, allerdings unter Angabe anderer Zahlen als in Koppetsch 2016 verwendet: „Der Anteil der mittleren Einkommen am Gesamteinkommen […] sank seit 1991“ und bis 2013 „von rund 68 […]% um annähernd zehn Prozentpunkte ab“ (https://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.533695.de).

[4] http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht, S. 3.

[5] Decker et al. 2016, S. 40.

[6] Zick et al. 2016, S. 59ff. Nicht erforscht wurde hier, ob die Armen sich auch am meisten politisch „rechts“ betätigen.

[7] https://crp-infotec.de/wp-content/uploads/ldc-oecd-vergleich.gif

[8] http://documents.wfp.org/stellent/groups/public/documents/newsroom/wfp284776.pdf

[9] Heitmeyer 2015, S. 122f.

[10] https://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/Report%20Zick%20Arbeitslose%203_2010.pdf, S. 1. Diese gesundheitlichen Schäden sind oft auch psychische. 50% der chronisch und schwer psychisch Kranken sind arbeitslos, nur 10% von ihnen stehen in einem regulären Beschäftigungsverhältnis (http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht/psychisch-erkrankte/). Ursache und Wirkung dürften hier kaum auseinanderzuhalten zu sein: Psychisch Kranke werden häufiger arbeitslos und arm – aber Arbeitslosigkeit und Armut lösen auch schwere seelische Probleme aus oder verstärken sie.

[11] http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-03/lebenserwartung-armut-reichtum-deutschland

[12] http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsGiD/2015/kurzfassung_gesundheit_in_deutschland.pdf?__blob=publicationFile, S. 7-11.

[13] So Rosenbrock am 2.3.2017 in der ARD-Sendung Panorama (http://www.tagesschau.de/inland/lebenserwartung-107.html)

[14] https://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/Report%20Zick%20Arbeitslose%203_2010.pdf, S. 1.

[15] Zick et al. 2016 befragten eine repräsentative Stichprobe „der deutschsprachigen Wohnbevölkerung“ ab 16 Jahren (ebd., S. 24).

[16] Ebd., S. 46, 49.

[17] https://de.statista.com/infografik/2857/verteilung-des-privatvermoegens-weltweit/

[18] https://www.freitag.de/autoren/fpeter/konservative-revolution201d-im-aufwind; https://de.wikipedia.org/wiki/Konservative_Revolution

[19] Freud 1915, S. 429–433. Auch aktuelle Untersuchungen ergeben, dass „depressive Patienten […] gemeinsam mit den depressiven Probanden aus der Allgemeinbevölkerung nicht nur die höchste Selbstaggressivität, sondern zugleich auch die höchste externalisierte Aggressivität in Form von reaktiver und spontaner Aggressivität“ aufweisen (www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0042-120411?update=true).

[20] „Derzeit sind ca. 5% der Bevölkerung im Alter von 18-65 Jahren in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt. Das sind […] ca. 3,1 Millionen Menschen“. Da „in den Gruppen unter 18 und über 65 Jahren ebenfalls Menschen von depressiven Störungen betroffen sind, […] ergibt sich eine geschätzte Anzahl von ca. 4 Millionen. Größer ist die Zahl derjenigen, die irgendwann im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken.“ (http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/volkskrankheit-depression.php?r=p). Der Gesundheitsbericht des Robert-Koch-Institutes konstatierte 2016: „Als Ursache für Krankschreibungen nehmen Depressionen in Ländern mit mittlerem oder hohem Einkommen weltweit die erste Stelle ein“ (http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsGiD/2015/kurzfassung_gesundheit_in_deutschland.pdf?__blob=publicationFile, S. 44).

[21] Siehe zum Beispiel Decker et al. 2016, S. 82–87.

[22] Auch unter jugendlichen Arbeitslosen begünstigen „kollektive Benachteiligungsgefühle“ „ein fremdenfeindliches Klima“ (Heitmeyer 2015, S. 143f.).

[23] http://www.dw.com/de/waffenverk%C3%A4ufe-weiter-auf-hohem-niveau/a-36620430

 

Tipps zum Weiterhören und -lesen

Produzierte die DDR mehr „rechte“ Einstellungen als die BRD? Nein – ganz im Gegenteil

Kein Mensch wird als Schaf geboren. Zu „Warum schweigen die Lämmer?“ von Rainer Mausfeld.

Talk Together-Interview: Die psychosozialen Wurzeln des Rechtsrucks

Anlässlich des 9. November 2018, an dem sich zum 80. Mal des antijüdische Pogrom der deutschen Nationalsozialisten jährt, wurde ich erneut interviewt von Talk Together! Zeitung von und für Migrant_innen und Nicht-Migrant_innen“. Sie wird herausgegeben vom Verein Salzburg – Kommunikation und Kultur.
Das Gespräch ist in der Ausgabe November-Dezember 2018 erschienen.

*

Talk Together: In einer Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, sollte man meinen, dass es für linke Bewegungen nicht schwer sein sollte, die Menschen anzusprechen und für sich zu gewinnen. Doch dem ist nicht so. Konzentrieren sich linke Bewegungen zu sehr auf ökonomische Aspekte und ignorieren den subjektiven Faktor? Weiterlesen

Kein Mensch wird als Schaf geboren. Zu „Warum schweigen die Lämmer?“ von Rainer Mausfeld.

Rezension von Andreas Peglau [1]

Kürzlich ist das Buch des Psychologen und Kommunikationsforschers Rainer Mausfeld erschienen: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Westend-Verlag, 304 Seiten, 24 Euro.
Da dieses Buch verdientermaßen die Diskussion über den Zustand unseres Landes und die Rolle von deren Medien beeinflussen wird, will ich nach dessen Lektüre meine Meinung dazu festhalten. Sie ist ambivalent.   Weiterlesen

Produzierte die DDR mehr „rechte“ Einstellungen als die BRD? Nein – ganz im Gegenteil.

Die in der Überschrift dieses Beitrags getroffene, für das Verständnis des aktuellen „Rechtsrucks“ wesentliche Feststellung belege ich im Rechtsruck-HÖRBuch anhand soziologischer Untersuchungen, die einen BRD-DDR-Vergleich ermöglichen.

Hier ist das Kapitel insgesamt (9 Minuten) zu hören: Weiterlesen

Rechtsruck-HÖRbuch (2018)

Andreas Peglau: Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Wilhelm Reich und die „Massenpsychologie des Faschismus“ als Erklärungsansatz

Auf dieser Seite kann die 2018 produzierte HÖRbuch-Version angehört und kostenlos heruntergeladen werden.  Weiterlesen

Kostenloser BUCH-Download: „Rechtsruck“ (2017) als pdf

Andreas Peglau: Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ als Erklärungsansatz

Vor einem Wiedererstarken des Faschismus hat schon Bertolt Brecht gewarnt: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Aber was ist dieser „Schoß“? Weiterlesen

A shift to the right in the 21st century. Wilhelm Reich’s „Mass Psychology of Fascism“ as an explanatory approach

Lecture by Andreas Peglau held at the 16. EABP-congress in Berlin, 7.9.2018.
Translated by Martina Weitendorf

In November 1930, 33-year-old Wilhelm Reich moved from Vienna to Berlin – in the hope of a favourable environment for his therapeutic, sexual reform and political activities. In all these areas he had previously come into conflict with Sigmund Freud and his colleagues.
There are only a few architectural testimonies of Reich’s work in Berlin. I would like to show you four of them before I move on to the main topic of my presentation.

Weiterlesen

Vortrag: Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ als Erklärungsansatz

Andreas Peglau über 1933 veröffentlichte Erkenntnisse Wilhelm Reichs, die helfen, auch den Rechtsruck im 21. Jahrhundert zu verstehen (16. EABP-Kongress in Berlin, 7.9.2018)

Im November 1930 zog der 33-jährige Wilhelm Reich von Wien nach Berlin – in der Hoffnung auf ein günstiges Umfeld für seine therapeutische, sexualreformerische und politische Tätigkeit. Auf all diesen Gebieten war er zuvor in Konflikte mit Sigmund Freud und dessen Kollegen geraten.
Es gibt nur noch wenige architektonische Zeugnisse von Reichs Wirken in Berlin. Vier davon möchte ich Ihnen zeigen, bevor ich zum Hauptthema meines Vortrags komme. Zunächst das Schickler-Gebäude an der Spree, unweit des Alexanderplatzes. Weiterlesen

„Ihr seid nicht Deutschland“? Eine Anmerkung zu Chemnitz, 26. August 2018 und danach

von Andreas Peglau

Dass das, was ab dem 26. August 2018 in Chemnitz geschah, Gegenreaktionen auslöste, war äußerst wünschenswert. Soweit diese Gegenreaktionen aber von der Vorstellung getragen wurden, die große Mehrheit vermeintlich „guter“ Deutscher müsse nur eine Randgruppe „rechter“ Gewalttäter zur Räson bringen, beruhte das auf einer gefährlichen Illusion. Weiterlesen