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„Ich fürchte, dass uns solche Stellungnahmen auseinanderbringen.“ Das Ende der Freundschaft zwischen Otto Fenichel und Wilhelm Reich im Spiegel unveröffentlichter Dokumente (1933–1934)

von Andreas Peglau

(Erstveröffentlichung in Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, Heft 65/ 2020, S. 60-79)

Anfang eines Briefs von Fenichel an Reich vom 22. November 1933, Quelle: Archive of the Orgone Institute, Correspondence, Box 3, Psa., April 10, 1933–1934.

 

 

Vorab: In diesem Beitrag sollen nicht die Geschehnisse in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft (IPV) oder im Kreis der „Linksfreudianer“ zwischen 1933 und 1935 umfassend dargestellt und diskutiert werden, geschweige denn die entsprechenden Abschnitte der Biografien von Fenichel oder Reich. Das ist bereits geschehen.[1] Aber da Michael Giefer und Johannes Reichmayr unveröffentlichte Dokumente entdeckten und ich von einer Recherche im Bostoner Wilhelm-Reich-Archiv einige noch nicht publizierte Briefe mitbrachte,[2] lässt sich das Bekannte ergänzen. Die Rahmenbedingungen werde ich nur soweit skizzieren, als sie zur Einordnung nötig sind.

 

Psychoanalyse unter Hitler und im Exil

Am 30. Januar 1933, als Adolf Hitler deutscher Reichskanzler wurde, lebten Otto Fenichel und Wilhelm Reich in Berlin.
Reich, spätestens seit 1931 KPD-Mitglied, entsprach als „jüdischer Kommunist“ dem nationalsozialistischen Feindbild Nummer Eins. Hinzu kam eine ungewöhnliche Popularität: 1931–1932 dürfte er der nach Freud erfolgreichste analytische Autor im deutschen Sprachraum gewesen sein (Peglau 2017, S. 92f.). Es war also kein Wunder, dass Ende Februar 1933 Reichs Wohnung durchsucht und er am 2. März im Völkischen Beobachter attackiert wurde. Reich flüchtete daraufhin nach Wien (ebd., S. 180–181).
Der „Arbeitsalltag“ von Fenichel, der sich „nicht wie Reich exponiert“ hatte, „lief einstweilen ohne Besonderheiten weiter“ (Mühlleitner 2008, S. 213). Weiterlesen

Der Bahnhof von Ducherow – eine Spur von Wilhelm Reich

Wilhelm Reich war befreundet mit dem 1945 hingerichteten Kommunisten und Antifaschisten Theodor Neubauer (https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Neubauer).
Reich erwähnt ihn mit Bezug auf dogmatische KPD-Funktionäre:

»Mein Freund Neugebauer [sic], der Reichstagsabgeordneter der kommunistischen Fraktion und ein glänzender, wissenschaftlich geschulter Soziologe und ein anständiger Kerl war, sagte mir einmal: ›Was soll man denn tun? Hinauswerfen müsste man sie eigentlich, doch kommt Besseres nach? Uns fehlt die geschulte Intelligenz.
Vorläufig bleibt nichts anderes, als die Zähne zusammenzubeißen.‹«
Reich, Wilhelm (1995) [1982]: Menschen im Staat, S. 160

Reich, seine Frau Annie und Neubauer verbrachten 1932 zusammen auch einen Kurzurlaub an der Ostsee. Weiterlesen