Keine „Liquidierung“, kein Totalverbot, sondern ein hohes Maß an Kollaboration. Der Forschungsstand (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 1)

von Andreas Peglau

Vorab.

Dieser erste Beitrag folgt im Wesentlichen Teilen der Einleitung zu meinem 2013 erstmals erschienenem Buch Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus (Psychosozial-Verlag Gießen).

Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im NationalsozialismusAbgesehen von meinen eigenen Arbeiten ist der hier von mir geschilderte Forschungsstand meines Wissens seither leider nicht ausgebaut worden. Falls doch, wäre ich für Hinweise auf von mir übersehene Publikationen dankbar.
Das komplette, für die 2017 veröffentlichte dritte und erweiterte Auflage erstellte Quellen- und Literaturverzeichnis findet sich hier: Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017.
Indem ich unter der Überschrift „Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ nun neun stark gekürzte und veränderte Auszüge des fast 700-seitigen Buches wiedergebe, hoffe ich, weiterführende Recherchen anzuregen und zu unterstützen.

Notwendig sind diese allemal – nicht nur, um die Geschichtsschreibung zu komplettieren und tradierte Legendenbildungen zu korrigieren. Sondern vor allem, um das ursprüngliche Potential der Psychoanalyse als kritischer Sozialwissenschaft wiederzubeleben. In der NS-Zeit ist der größte Teil davon bislang dauerhaft verlorengegangen.

Heute – im Jahre 2019 -, werden zudem Psychotherapeuten von einer Allianz aus staatlicher Überwachungssucht, Profit- und Machtinteressen von Pharma- und Krankenhauskonzernen wieder einmal zu unethischen Handlungsweisen gedrängt. Sie sollen dazu gebracht werden, die Daten ihrer Patientinnen und Patienten einem absolut nicht sicheren Internet zu überantworten – und damit Jenen, zu deren Nutzen und Heilung sie tätig zu sein haben, potentiell zu schaden. (Details siehe hier: Heidelberger_Erklaerung zur elektronischen Übermittlung von Patientendaten sowie – ständig aktualisiert – im Kollegennetzwerk Psychotherapie.)
Da ist es doppelt wichtig, sich die schuldhaften Verstrickungen früherer Therapeutengenerationen genau anzuschauen und daraus zu lernen. Auch hier gilt: Wehret den Anfängen!

*

Ausgangspunkte der Forschungen

Zum Verhältnis von Psychoanalytikern und Drittem Reich liegt eine größere Zahl von Arbeiten vor, so von – um nur einige zu nennen – Karen Brecht, Geoffrey C. Cocks, Helmut Dahmer, Ludger M. Hermanns, Karl Fallend, Regine Lockot, Ulrike May, Elke Mühlleitner, Bernd Nitzschke, Johannes Reichmayr, Michael Schröter und Gudrun Zapp. Darauf konnte ich aufbauen.
Zum Umgang mit Druckschriften im Nationalsozialismus existiert ebenfalls eine umfangreiche Forschungsliteratur. Hervorheben will ich an dieser Stelle die außerordentlich gründliche Aufarbeitung des NS-Literaturbetriebes durch Jan-Pieter Barbian und die detailreichen Forschungsbeiträge von Werner Treß zu Bücherverbrennung und -verboten, an die ich des Öfteren anknüpfen konnte.
Über das Schicksal psychoanalytischer Schriften im Dritten Reich hingegen gibt es keine ausführlichen wissenschaftlichen Studien.[1] Doch gerade die Einbeziehung dieses Themenkreises ermöglichte mir, den bisherigen Wissensstand über die Rolle von Psychoanalytikern und Psychoanalyse im Nationalsozialismus zu ergänzen – und zu korrigieren. Nicht nur die gebräuchlichste Version, in der jener »Feuerspruch« wiedergegeben wird, mit dem die Psychoanalyse bei der Bücherverbrennung am 10.5.1933 geächtet wurde, erwies sich bei meinen Recherchen als fehlerbehaftet.[2] Auch diverse Verabsolutierungen, die vielfach über die Unterdrückung der Psychoanalyse und ihrer Schriften im Hitler-Faschismus getroffen werden, stellten sich bei genauem Hinsehen als unzutreffend heraus.
Elisabeth Brainin und Isidor J. Kaminer (1982, S. 989) ist noch immer zuzustimmen, wenn sie feststellen: »Obwohl ›Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten‹ ein wesentliches Prinzip psychoanalytischer Arbeit darstellt, ist ein Großteil der Analytiker nicht in der Lage, dieses Prinzip auf die Ära des Nationalsozialismus anzuwenden.«

Angriffe und Entwertungen

Nachgewiesen ist, dass Freud und seine Lehre über den »Feuerspruch« hinaus teils hasserfüllt wirkenden Verbalattacken ausgesetzt waren (Brecht et al. 1985,S. 86–90, 103).[3] Belegt ist zudem, dass das Weiterbestehen der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) im ersten Jahr der NS-Diktatur bedroht war (Brecht et al. 1985, S. 103ff.) und dass C.G. Jung sich beeilte, gegen die angeblich jüdische, „un-germanische“ Psychoanalyse öffentlich Front zu machen (Zentralblatt für Psychotherapie, 1933, Bd. 6, S. 139, 1934, Bd. 7, S. 9). Der Psychiater und ausgewiesene Psychoanalysegegner Oswald Bumke setzte seine grundsätzliche, doch im sachlichen Ton gehaltene Kritik an Freud, C.G. Jung und Alfred Adler nach 1933 fort (z.B. Bumke 1938; 1941, S. 205–221). Andere Ärzte scheinen die Hoffnung, Freuds Werk oder zumindest dessen angeblich jüdische Bestandteile dem Vergessen überantworten zu können, nicht aufgegeben zu haben (siehe Brecht et al. 1985, S. 172).

Gemessen daran, dass es hier um einen Zeitraum von immerhin zwölf Jahren geht und dass die Psychoanalyse nach allgemeinem Verständnis zu den Feindbildern des Faschismus gehörte, werden in psychoanalysehistorischen Beiträgen jedoch nur relativ wenige, zumeist aus den Anfangsjahren des Dritten Reichs stammende öffentliche Diffamierungen der Psychoanalyse benannt.[4] Für keine dieser Diffamierungen zeichnete ein höherer NS-Funktionär als Autor verantwortlich.

Legenden

Dennoch wird bis heute auch in Fachkreisen vielfach die Meinung vertreten, Freuds Name, seine Erkenntnisse und die von ihm kreierten Begriffe durften in Deutschland zwischen 1933 und 1945 grundsätzlich nur noch in herabwürdigender Weise öffentlich erwähnt werden.
So schrieb 2010 die prominente französische Psychoanalytikerin und Historikerin Elisabeth Roudinesco, das analytische Vokabular wurde im Dritten Reich »ausgerottet: Die Wörter der Psychoanalyse werden noch vor der Anwendung des Programms der Endlösung gewissermaßen ›vernichtet‹« (Roudinesco 2011, S. 29, Fn 26). Sechs Jahre zuvor hatten sie und Michel Plon im Wörterbuch der Psychoanalyse behauptet, dass der Nationalsozialismus »in seinem Programm« – es bleibt unklar, was gemeint ist – »die radikale Vernichtung der Psychoanalyse bzw. ihrer Begriffe, Werke, Institutionen, Bewegung und Therapeuten vorsah«, ein »Vernichtungsprogramm der Psychoanalyse« sei durchgeführt worden (Roudinesco/Plon 2004, S. 712).
Lothar Bayer und Hans-Martin Lohmann meinten im 2006 erschienenen Freud-Handbuch, die Freud-Rezeption sei in Deutschland »durch den ›Kulturbruch‹, den der Sieg des Nationalsozialismus bedeutete, seit 1933 faktisch zum Stillstand gekommen« (Lohmann/Pfeiffer 2006, S. 277). Tilmann J. Elliger sprach 1986 sogar von einem »praktischen Verbot jeglicher psychoanalytischer Publizierung«. »Fortan« sei es nicht mehr möglich gewesen,

»psychoanalytische Arbeiten zu zitieren – es sei denn in kritischem und ablehnendem Sinne. Entsprechend sistierte die Rezensionstätigkeit über Freudsche Arbeiten in den deutschen Zeitschriften 1933 schlagartig, verschwanden die psychoanalytischen Arbeiten vom deutschen Buchmarkt« (Elliger 1986, S. 145).

Regine Lockot urteilte 1985 im – 2002 wieder aufgelegten – Standardwerk Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus: »Die psychoanalytische Terminologie durfte nicht mehr verwandt werden« (Lockot 2002, S. 8).
1976 vertraten die einflussreiche französische Analytikerin Janine Chasseguet-Smirgel und ihr Kollege Béla Grunberger die Ansicht, »in totalitären Systemen, seien sie nun rechts- oder linksgerichtet«, werde »die Ausübung und Verbreitung der Psychoanalyse verboten« (Grunberger/Chasseguet-Smirgel 1979, S. 60f.).
Schon 1963 hatte Helmut Thomä (1963a, S. 44f.) geschrieben, dass »psychoanalytische Publikationen 1933 aufhörten« und »Autoren […], die in Berlin verblieben waren, […] Freuds Ansichten nicht mehr öffentlich vertreten [konnten]. Die psychoanalytische Terminologie war verpönt«.

Ausgangspunkt derartiger Betrachtungsweisen, für die sich viele weitere Beispiele finden lassen, dürften Überlieferungen von Analytikern sein, die selbst in die Geschehnisse im Dritten Reich involviert gewesen waren.
Felix Boehm, 1933 zum DPG-Vorsitzenden gewählt, berichtete in der Rückschau: »Da Freud – wenn überhaupt – nur kritisch zitiert werden durfte«, habe er sich notgedrungen behelfen müssen mit der Wendung »wie ein Freund von mir einmal sagte« (zitiert in Lockot 2002, S. 117). Und ein anderer Hauptakteur jener Zeit, der langjährige Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung Ernest Jones, bezeichnete 1957 »die ›Liquidierung‹ der Psychoanalyse im Deutschen Reich« als

»eine der wenigen Taten, die Hitler vollständig gelungen sind. Rückblickend muß man staunen, wie es möglich war, das in Deutschland so verbreitete Wissen von Freud und seinem Werk derartig vollständig auszulöschen« (Jones 1984, Bd. 3, S. 222).

Bernd Nitzschke (2013, S. 117) vermerkt dazu:

»Hätte Jones mit seiner Darstellung recht, so wäre es nicht mehr nötig, nach der Politik gegenüber dem NS-Regime zu fragen, die die Vertreter der Psychoanalyse nach 1934 betrieben haben. Denn es hätte ja gar keine Psychoanalyse mehr gegeben«.[5]

Auch Elisabeth Brainin und Isidor J. Kaminer urteilten, dass »die Verleugnung in manchen Darstellungen« so weit gehe, »die Psychoanalyse in der Nazizeit für tot zu erklären, um nicht sehen zu müssen, wie sehr sie sich in den Dienst der herrschenden Ideologie gestellt hatte« (Brainin/Kaminer 1982, S. 1001).[6]

Ob nun absichtlich oder unabsichtlich, in der Tat erschweren alle zuvor zitierten Verabsolutierungen über die Unterdrückung der Analyse den Blick auf die NS-Zeit.
Denn sie sind falsch.

Wie sah die Realität aus?

Richtig ist: Obwohl die Psychoanalyse für viele Nationalsozialisten zu den Feindbildern zählte, wurde sie – wenn auch mit Abstrichen – therapeutisch weiter angewandt und per Ausbildung weitergegeben. Der US-amerikanische Historiker Geoffrey Cocks hat diesen Sachverhalt ausführlich beschrieben (Cocks 1983, 1997, 2010). Schon 1982 hat Ludger M. Hermanns Details dazu mitgeteilt (Hermanns 1982, S. 166f.). 1985 haben dann Karen Brecht, Volker Friedrich, Ludger M. Hermanns, Isidor J. Kaminer, Dierk H. Juelich und Regine Lockot in einer noch immer einzigartig dastehenden Dokumentation über die Psychoanalyse im Dritten Reich belegt und benannt:

»Es gab keine gesetzlichen Maßnahmen, die sich direkt gegen die Psychoanalyse richteten. Weder die Lehre, noch die Berufsausübung als Psychoanalytiker waren verboten. […] Arische Psychoanalytiker arbeiteten, wenn auch unter dem Druck möglicher drohender Maßnahmen, weiter« (Brecht et al. 1985, S. 88, 92).[7]

Das heißt, sie konnten in ihren Praxen letztlich weiterhin unbehelligt psychoanalytische Therapie anbieten und anwenden.[8]

DPG-Mitglied Gustav Hans Graber, bis 1943 in Stuttgart als Psychoanalytiker in einer Privatpraxis wirkend, ist einer der wenigen Zeitzeugen, die dies mit ihren Erinnerungen bestätigen. 1979 reflektierte er, dass er »als Psychoanalytiker keine nennenswerten Schwierigkeiten in der Berufsausübung erfahren mußte«[9] und dass die »verbreitete Annahme, daß die Psychoanalyse damals verboten war, […] ein Irrtum« gewesen sei: »[v]erboten waren Behandlungen von Juden« (Schröter 2000a, S. 18). Doch selbst wenn Graber schrieb, er könne sich für die Zeit bis 1943 dafür »verbürgen, daß die in Deutschland verbliebenen Analytiker der Lehre Freuds ›in Wort, Schrifttum und Praxis‹ treu geblieben seien« (ebd.), war das zwar deutlich überzogen – aber auch keine bloße Schönfärberei (vgl. Baumeyer 1971, S. 205–216).
1981 wies Johannes Cremerius darauf hin, dass sogar manche außerhalb von Psychotherapie und Psychiatrie tätige deutsche Ärzte im Dritten Reich auf psychoanalytische Erkenntnisse nicht verzichten wollten. Er konkretisierte dies aber nur am Beispiel des Internisten Richard Siebeck, 1934 bis 1941 Direktor der I. Medizinischen Klinik der Charité, der 1939 im Lehrbuch der Inneren Medizin geschrieben habe: »Wir haben durch Freuds geniale Arbeit die Bedeutung der Erlebnisse aus der frühen Kindheit kennengelernt.« »Unbeirrt«, so ergänzt Cremerius, habe Siebeck »die Freudsche Terminologie: Ödipuskomplex, Libido, Mutterbindung, Vaterhaß weiter [benutzt]« (Cremerius 1981, S. 20).
1989 stellte Ludger M. Hermanns fest, dass es »entgegen landläufiger Meinungen« eine erstaunliche Zahl von Veröffentlichungen deutscher Psychoanalytiker im Dritten Reich gab, und zwar »in Tageszeitungen, kulturellen und Fachzeitschriften, Büchern, Broschüren und Denkschriften«. Als Beispiele nannte er ein Zeitungsinterview Carl Müller-Braunschweigs von 1939, einen Beitrag Harald Schultz-Henckes zu einer »populären Aufklärungsschrift« von 1937, ein Sonderheft des Zentralblattes für Psychotherapie über »Vorläufer der Psychotherapie« sowie – ausführlicher – die Publikationen Alexander Mettes (Hermanns 1989, S. 34–47).
1991 beschrieben Ulrich Schultz-Venrath und Ludger M. Hermanns (Gleichschaltung zur Ganzheit. Gab es eine Psychosomatik im Nationalsozialismus?, in Richter, H.-E./Wirsching, M. (Hg.), Frankfurt a.M.: Fischer, S. 83–103), dass psychosomatische Konzepte in der NS-Zeit weiter gepflegt wurden, während sich die psychosomatisch orientierte Community mit wenigen Ausnahmen von den theoretischen Konzepten der Psychoanalyse weitgehend distanzierte. 1992 vertiefte Ulrich Schultz-Venrath dies in seiner Habilitationsschrift (Ernst Simmels Psychoanalytische Klinik Sanatorium Schloß Tegel GmbH (1927–1931) – Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte einer psychoanalytischen Psychosomatik. Universität Witten/Herdecke 1992. Deutsche Hochschulschriften 2081, Mikroedition. Hänsel-Hohenhausen/Egelsbach/ Frankfurt am Main/Washington).
1997 konstatierte Bernd Nitzschke: »Mindestens bis 1939 erschienen Bücher in Deutschland, in denen psychoanalytische Termini und Konzepte dargestellt wurden.« Er verwies an dieser Stelle (Nitzschke 1997, S. 73f., Fn 12) aber nur auf das 1939 erschienene Buch Selbstmord und Erziehung des vielseitig interessierten Dermatologen und Schriftstellers Aloys Greither.
2007 berichtete Regine Lockot, dass der Psychoanalytiker Wilhelm Bitter 1940 in seiner vom Direktor der Psychiatrischen Klinik der Charité, Max de Crinis (vgl. Klee 2003, S. 97), betreuten Dissertation »ausführlich psychoanalytische Zusammenhänge [referierte], ohne die psychoanalytische Terminologie – Verdrängung, Unbewusstes, Ödipuskomplex, Triebregungen u.a. – auszusparen. In seinem Literaturverzeichnis sind alle damals verfügbaren zwölf Bände des Freudschen Werkes angeführt« (Lockot 2007, S. 21).
2009 urteilte auch Lydia Marinelli, die umfangreiche Forschungen zu Aspekten der analytischen Publikationsgeschichte anstellte:

»So kann auch nicht, wie oft in historischen Darstellungen zur Psychoanalyse pauschal die Rede ist, davon gesprochen werden, dass Freuds Werk und psychoanalytische Literatur in Deutschland von den Nationalsozialisten sofort und ausnahmslos verboten wurden.«

Dies begründete sie jedoch ausschließlich mit »chaotischen Einzelmaßnahmen« und regional unterschiedlichen Verordnungen und sie vertiefte es auch nicht (Marinelli 2009, S. 82).

Neue Quellen und Entdeckungen

Um hier zu umfassenderen Erkenntnissen zu gelangen, habe ich eine Vielzahl von Dokumenten vor allem aus deutschen Archiven[10] einbezogen. Zudem wertete ich 2012 als einer der ersten europäischen Forscher den seit 2007 geöffneten Nachlass Wilhelm Reichs aus. Er ist Bestandteil der Materialien der Archives of the Orgone Institute und lagert in der Bostoner Harvard University.

Boston Archiv 2 klein (2) Keine „Liquidierung“, sondern ein hohes Maß an Kollaboration

Einer der Aufbewahrungskästen für Wilhelm Reichs Nachlass im Bostoner Archiv (Foto A. Peglau 2012),

Im Januar 2012 sichtete ich dort sämtliche Dokumente, die für mich erkennbar in Bezug zu Reichs Zeit in Berlin, zur Psychoanalyse und zu seinen bis 1946 entstandenen faschismuskritischen Publikationen standen.
Darüber hinaus habe ich insbesondere auf zeitgenössische psychotherapeutische Fachliteratur, diverse Biografien und geschichtswissenschaftliche Forschungsliteratur zugegriffen:
Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017.
Ein großer Teil dieser Quellen wurde zuvor überhaupt noch nicht ausgewertet oder zumindest nicht im Zusammenhang mit der Psychoanalysegeschichte.

Eine der wesentlichsten Erkenntnisse, die sich aus meinen Recherchen ergab, ist, dass Psychoanalyse, Psychoanalytiker und psychoanalytische Literatur[11] noch weitaus stärker in das NS-System integriert waren, als von damaligen Psychoanalytikern im Nachhinein meist zugegeben wurde bzw. auch heute noch zumeist angenommen oder behauptet wird. Die gegen die Psychoanalyse und ihre Schriften gerichteten Maßnahmen fielen dementsprechend ebenfalls weit weniger hart aus.
Konsequent unterdrückt wurde nur ein sehr kleiner Teil der Psychoanalyse (und der Individualpsychologie), nämlich deren offen gesellschaftskritische, insbesondere »linke« Ausrichtung. Wesentliche Teile des therapeutischen analytischen Wissens wurden dagegen von NS-Verantwortlichen toleriert und pragmatisch genutzt (Peglau 2017, S. 468-484).
Nicht nur im Zentralblatt für Psychotherapie, der für innerhalb Deutschlands wirkende Psychotherapeuten entscheidenden Zeitschrift, blieb es bis zur Einstellung ihres Erscheinens 1944 möglich, würdigend von »Psychoanalyse« zu sprechen – von »Tiefenpsychologie« ohnehin – und zentrale analytische Termini wie »Übertragung«, »Projektion« und »Libido« zu gebrauchen, ohne sich davon zu distanzieren (ebd. S. 351–410).
Dass es auch außerhalb von Fachmedien nicht tabuisiert war, die Analyse positiv zu erwähnen, belegt sogar der Völkische Beobachter.

Wenn Psychoanalytiker zu Opfern des NS-Systems wurden, dann niemals, weil sie Psychoanalytiker waren, sondern wegen ihrer jüdischen Herkunft oder wegen widerständigen, insbesondere politisch »linken« Äußerungen oder Aktivitäten: Mindestens 23 von ihnen starben durch direkte oder indirekte Einwirkung des NS-Terrors (Hermanns 2001, S. 46; Th. Mueller 2000, S. 6; Brecht et al. 1985, S. 76–85).
Direkte Widerstandshandlungen waren freilich bei Analytikern ebenso selten wie bei anderen Berufsgruppen: Acht Psychoanalytiker bzw. in Ausbildung zum Psychoanalytiker befindliche Personen waren daran beteiligt (Peglau 2017, S. 451–455).

Ausnahme und Hoffnungsträger: Wilhelm Reich

Der einzige Psychoanalytiker, der wegen seines politischen Engagements 1933 aus
Preußen, dann auch aus Deutschland ausgewiesen und 1939 ausgebürgert
wurde, war Wilhelm Reich (ebd., S. 328–338). Er war auch der einzige Psychoanalytiker, der seine Kollegen öffentlich – wenn auch vergeblich – davor warnte, sich mit dem NS-Staat einzulassen.
Ende 1930 war er von Wien nach Berlin gezogen, nachdem er sich in Österreich sowohl in der sozialdemokratischen, als auch – insgeheim – in der kommunistischen Partei engagiert hatte. In Berlin schloss er sich umgehend der KPD an und rückte alsbald in ein Leitungsgremium einer KPD-nahen sexualpolitischen Massenorganisation auf. Anfang März 1933, wenige Wochen nach Hitlers Machtübernahme, musste Reich aus Deutschland fliehen.
Die veröffentlichten Mitteilungen über seine Aktivitäten in den dazwischenliegenden zweieinhalb Jahren sind ausgesprochen lücken-, oft auch fehlerhaft. Zumeist sind weder »Freudianer« noch »Reichianer« sonderlich interessiert an dieser Phase seines Wirkens. Bei Ersteren häufen sich Beschweigen,[12] Abwerten (z.B. in Jones 1984) oder gar Diffamieren (z.B. in Hartmann/Zepf 1997) dessen, was Reich ab 1930 tat und veröffentlichte. Wird er als Pionier der Therapiemethodik noch gelegentlich gewürdigt (z.B. in Wälder 1934; Loewenberg/ Thompson 2011b), werden seine Erkenntnisse über psychosoziale Zusammenhänge jedoch fast völlig ausgeblendet.[13]
Für einen Großteil der »Reichianer« wiederum fängt – Reichs eigenen späteren Darstellungen folgend (vgl. Reich 1995, S. 16; 1997, S. 11–35; 1967, S. XV) – dessen wirklich bedeutsamer Lebensabschnitt erst mit der zweiten Hälfte der 1930er Jahre an, als er sich von Psychoanalyse und kommunistischer Politik distanzierte und ab 1939 die Erforschung von »Orgon« genannter Lebensenergie zunehmend zu seinem Arbeitsschwerpunkt machte. Alles andere wird in dieser Sichtweise oft zum mehr oder weniger notwendigen Vorspiel degradiert.
Reichs Tagebücher aus der Zeit zwischen 1922 und 1934 seien, schrieb seine Nachlassverwalterin Mary Boyd Higgins, »während des Durcheinanders nach Reichs Tod« gestohlen worden und bis heute verschwunden (Reich 1997a, S. 10).
Seine wichtigsten Biografen bieten zu seinen in Deutschland verbrachten Jahren nur knappe Überblicke (Ollendorff-Reich 1975, S. 42–47; Laska 2008, S. 70ff.), konzentrieren sich auf seine psychoanalytische Tätigkeit und sein Privatleben (Boadella 1988, S. 81–112; Sharaf 1996, S. 207–245) oder geben zu anderen Aspekten vor allem Reichs eigene Darstellung wieder (Sharaf 1996, S. 190–206).[14]
Aber diese Darstellung (vor allem in Reich 1995, S. 147–229; 1934c, S. 247–252; 1934f; 1935a, b) ist sehr verkürzt, stellenweise inkorrekt. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass Reich bei seiner Flucht einen Teil seiner Aufzeichnungen zurücklassen musste (Reich 1933b, S. 10). Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass er später selbst daran interessiert war, sein vormaliges Wirken in Deutschland nicht zu detailliert darzustellen: ein möglicher Akt des Selbstschutzes in den kommunismusfeindlichen USA (Benett 2010).

Am besten erforscht ist Reichs Konflikt mit dem psychoanalytischen Establishment zwischen 1932 und 1934 (siehe insbesondere Fallend/Nitzschke 1997; Sharaf 1996, S. 207–226).
Reichs politischen Aktivitäten in Berlin sind meines Wissens nur Peter Bahnen (1986, 1988) und Marc Rackelmann (1992, 1993) gezielt nachgegangen. Bahnens Schilderungen leiden unter seiner deutlichen Voreingenommenheit gegen Reich (siehe insbesondere Bahnen 1986, S. 56–64). Dennoch hat er, mehrfach als Erster, wichtige Details recherchiert und Fragen zu Reichs Biografie aufgeworfen, auf die ich eingehen werde. Rackelmann hat sich auf das sexualreformerische Engagement Reichs im Umfeld der KPD konzentriert, dessen Tätigkeit im »Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz« – später von Reich unter dem Begriff »Sex-Pol« subsumiert – einer ausführlichen kritischen Würdigung unterzogen, die allerdings einige zu korrigierende Fehldarstellungen beinhaltet und sich in vielerlei Hinsicht ergänzen lässt.[15]

Insgesamt erzwingen meine Recherchen eine Neubewertung Wilhelm Reichs: als einem der wichtigsten Vertreter, Anwender und Weiterentwickler der Freudschen Lehre – sowohl was deren therapeutische als auch deren sozialkritische Aspekte anbelangt.

Mit seinem öffentlichen antifaschistischen Engagement und seiner Gesellschaftsanalyse, wie er sie in der 1933 erschienenen Massenpsychologie des Faschismus formulierte, nahm Reich unter den Anhängern Freuds eine positive Sonderstellung ein.

Hätten sich die Psychoanalytiker mit Reichs Erkenntnissen und Fragen konstruktiv auseinandergesetzt statt ihn auszugrenzen, hätte dies die Chancen beträchtlich vergrößert, eine weiterhin aufklärerische Psychoanalyse zu betreiben – auch eine Psychoanalyse gegen den Faschismus.

Die Psychoanalyse täte gut daran, gerade an Letzteres anzuknüpfen. Nicht nur, um ihren anhaltenden Abstieg in die gesellschaftliche Beutungslosigkeit (Peglau 2017, S. 544-547) zu stoppen. Sondern auch, um wenigstens heute – angesichts des aktuellen politischen »Rechtsrucks« – ihrer objektiven Verantwortung gerecht zu werden.

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Anmerkungen

[1] In dem von Karen Brecht und anderen 1985 herausgegebenen Ausstellungskatalog Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland finden sich eine unvollständige Auflistung verbotener analytischer Literatur und Auszüge aus einigen damaligen Publikationen. Benannt werden hier ohne Angabe des Verbotszeitpunktes 30 Autoren und 44 Schriften sowie »Sämtliche Schriften« von Sigmund und Anna Freud (was aber erst 1935 zutraf), außerdem der Almanach der Psychoanalyse, die Imago-Buchreihe und die Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung (Brecht et al. 1985, S. 91). Im Jahrbuch der Psychoanalyse von 1989 schlägt Ludger M. Hermanns für die Erfassung von analytischen Publikationen dieser Zeit drei Kategorien vor und nennt einzelne Schriften (Hermanns 1989, S. 33–35). Knappe Bemerkungen zum Thema finden sich in Wolfgang Benz’ 2006 veröffentlichten Beitrag über Sigmund Freud auf dem Scheiterhaufen. Einige Anknüpfungspunkte liefern Thomas Köhlers Anti-Freud-Literatur von ihren Anfängen bis heute (1996), der von Johannes Cremerius herausgegebene Band Die Rezeption der Psychoanalyse (1981) und, bezüglich österreichischer Veröffentlichungen, Freud in der Presse von Marina Tichy und Sylvia Zwettler-Otte (1999) sowie Lydia Marinellis Psyches Kanon. Zur Publikationsgeschichte rund um den Internationalen Psychoanalytischen Verlag (2009).
[2] Außergewöhnlich ist es allerdings, wenn der Psychoanalytiker Gerhard Maetze in seinem Beitrag über Psychoanalyse in Deutschland nicht nur bezüglich des Umgangs mit der analytischen Literatur falsche Mitteilungen macht, sondern auch bezüglich Ort und Jahr der Bücherverbrennung: »[D]as nationalsozialistische Regime [hatte] bei [!] der im Berliner Lustgarten [sic] inszenierten großen Bücherverbrennung im Mai 1934 [sic] auch die Werke Freuds und seiner Schüler nicht nur symbolisch vernichtet, sondern aus dem Handel gezogen [sic] und ihre Verbreitung unter Strafe verboten [sic]« (Maetze 1982, S. 411).
[3] So am 14.5.1933, also vier Tage nach der Berliner Bücherverbrennung, ausführlich in der Berliner Börsenzeitung. Unter der Überschrift »Wider die Psychoanalyse« hieß es dort unter anderem, die »Ärmlichkeit« der Freudschen Auffassung drücke sich insbesondere in ihrer falschen, herabwürdigenden »Einstellung gegenüber dem religiösen Erleben aus«. In der Deutschen Volksgesundheit aus Blut und Boden vom August/September 1933 konnte man auf Seite 15 über Die Psychoanalyse des Juden Freud lesen, sie nehme den Patienten den letzten ethischen Halt und stoße sie hinab »in die asiatische Weltanschauung ›Genieße, denn morgen bist du tot!‹«. Freud reihe sich, hieß es weiter, würdig ein in »die anderen jüdischen Bestrebungen, die nordische Rasse an ihrem empfindlichsten Punkt, dem Geschlechtsleben, zu treffen«, er habe eine »schmutzige Fantasie«, deute Sexualität »schon in die Kinderseele« hinein, habe das Konzept des Unbewussten nur erdacht, »um die Stimme des Gewissens, die sich bei Onanie und außerehelichem Verkehr im nordischen Menschen regt, zu töten«. Ebenfalls 1933 behauptete der NS-Pathologe Martin Staemmler, später unter anderem Referent im »Rassenpolitischen Amt« (Essner 2002, S. 74), die Psychoanalyse ziehe »jede geistige Regung, jede Ungezogenheit des Kindes mit in die sexuelle Sphäre« hinein. Zustimmend zitierte er den Chemnitzer Kinderarzt Kurt Oxenius (persönliche Information von Thomas Lennert, 20.5.2014) mit der Behauptung, für Psychoanalytiker bestehe der Mensch »nur noch aus einem Geschlechtsorgan […], um das herum der Körper vegetiert« (Staemmler 1933, S. 207). In der Deutschen Volksgesundheit aus Blut und Boden vom Juli 1934 (S. 10–11) diffamierte ein Dr. Horst W. Raensch in dem Artikel »Die Rolle des Juden in der Medizin. Jude und Onanie« ausführlich Magnus Hirschfeld und Max Hodann, zählte dann auch Freud (»der die Onanie beim Säugling für möglich, ja natürlich hält«), Stefan Zweig, Otto Weininger, Ernst Toller, Leonard Frank, Georg Manes auf, die »mit dazu beitragen, die Jugend unseres Volkes zu verderben«. Für den im Dritten Reich (und in der BRD) angesehenen Theologen und Experten für Jugendsexualität, Heinz Hunger, war die Psychoanalyse 1938 »nichts anderes als die Vergewaltigung der abendländischen Kultur« (zitiert in Herzog 2005, S. 30). »Psychoanalytiker und Ärzte – ›meist jüdischer Herkunft‹ – die für die Rechte von Homosexuellen eintraten, wurden als ›Zuhälter unter wissenschaftlichem Deckmantel‹ bezeichnet, von der Psychoanalyse beeinflusste Fachleute für Sexualerziehung zu ›jüdischen Sexualverbrechern‹ erklärt«, ergänzt die Historikerin Dagmar Herzog (ebd.).
[4] Um den Umgang mit Psychoanalyse im NS-Staat durch Originalquellen zu belegen, wird oftmals auf die (zu Teilen schon in Zapp 1980 genannten) in Brecht et al. (1985, insbesondere S. 86–90) abgebildeten Dokumente verwiesen, so in Cocks (1997); Goggin/Goggin (2001); Lockot (2002, S. 138ff.); Roudinesco/Plon (2004, S. 712f.); Herzog (2005, S. 30); Zaretsky (2006, S. 323). Eine umfassende wissenschaftliche Arbeit zur öffentlichen Rezeption der Psychoanalyse im Dritten Reich ist mir nicht bekannt. Die von Johannes Cremerius 1981 herausgegebene Untersuchung über Die Rezeption der Psychoanalyse im deutschen Sprachraum endet für Deutschland im Wesentlichen 1933, für Österreich 1938.
[5] Bereits der Zeitzeuge und Analytiker Franz Baumeyer hat Jones’ Aussage widersprochen und darauf verwiesen, dass die Psychoanalyse in ihrer Anwendung behindert, aber nicht liquidiert wurde. Wenn er allerdings pauschal urteilt, die Psychoanalyse sei »in Deutschland erhalten geblieben« und damit »das kompromißbereite Vorgehen der DPG« als »gerechtfertigt« einstuft, ist das diskussionswürdig (Baumeyer 1971, S. 205ff., 216).
[6] Walter Bräutigam, Ausbildungskandidat in Berlin ab 1942, widerspricht aufgrund seiner, wie er selbst sagt, »subjektive[n] Erfahrung« der These von der In-Dienst-Stellung der Analyse (Bräutigam 1984, S. 911). Wie wir sehen werden, sprechen jedoch zahlreiche Befunde für die These von Brainin und Kaminer. Zuzustimmen ist Bräutigam aber in jedem Fall, wenn er fordert, zur Beurteilung dieses Sachverhaltes zu klären, »was die eigentliche Verkörperung psychoanalytischer Tradition […] ist« (ebd.). Widersprüchlich formuliert Käthe Dräger (1994, S. 43, 52), eine andere Zeitzeugin, zunächst, dass die Psychoanalyse »vernichtet« wurde, dann, dass sie »verschüttet, aber […] nicht völlig tot« gewesen sei.
[7] Dem Analytiker Carl Müller-Braunschweig wurde nicht einmal, nachdem er 1938 aus politischen Gründen Lehrverbot erhalten hatte, die weitere psychoanalytische Tätigkeit in seiner Privatpraxis verboten (H. Müller-Braunschweig 2012, S. 147). Auch Ewald Roellenbleck, der 1933 als Direktor einer Beratungsstelle für volkstümliches Buchwesen wegen seines »Engagements für die SPD […] rasch aus dem Staatsdienst entlassen« wurde und sich danach zum Psychoanalytiker ausbilden ließ, konnte unbehelligt eine analytische Praxis führen. L.M. Hermanns schreibt daher in Bezug auf ihn von dem »Paradox, daß jemand, der in seinem Grundberuf von den Nazis als politisch unzuverlässig entlassen, gerade ab 1933 als Psychoanalytiker freiberuflich arbeiten […] konnte« (Hermanns 1991, S. 116; vgl. auch ebd., S. 114–118). Auch Christiane Ludwig-Körner stellt etliche Beispiele dar, wie psychoanalytische Lehre und Berufsausbildung im Dritten Reich weitergeführt wurden (Ludwig-Körner 1999), spricht dann aber dessen ungeachtet von der Psychoanalyse als »verbotene Wissenschaft« (ebd., S. 238).
[8] Die gleiche Aussage lässt sich treffen über die therapeutische Tätigkeit des einzigen in Wien nach dem »Anschluss« an Deutschland weiter praktizierenden Analytikers August Aichhorn. Auch hier wurde – in Abstimmung mit dem Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie – in begrenztem Maße die psychoanalytische Ausbildung fortgeführt (Johler 2012, insbesondere S. 181–222; Aichhorn, A., 2012).
[9] Für ihn mag sich allerdings seine Schweizer Staatsbürgerschaft günstig ausgewirkt haben.
[10] So unter anderem aus dem Bundesarchiv Berlin und dem im Bundesarchiv Koblenz lagernden Archiv zur Geschichte der Psychoanalyse. Weitere in meiner Arbeit verwendete Dokumente entstammen dem Landesarchiv Berlin, dem politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, dem Hausarchiv der Deutschen Bücherei Leipzig, dem Willy-Brandt-Archiv in Bonn, dem Archiv der Sozialistischen Arbeiterpartei SAP, dem Archiv der Gedenkstätte deutscher Widerstand, dem Berliner Bertolt-Brecht-Archiv, dem Landeshauptarchiv Brandenburg, dem Russischen Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (RGASPI), Moskau sowie mehreren Privatarchiven.
[11] Dass hier eine Übereinstimmung existiert, erscheint logisch: Psychoanalyse und psychoanalytische Literatur sind nicht zu trennen. Freuds Schriften sind eine entscheidende Basis der Analyse, nicht zuletzt durch ihre Publikationen erlangte die Analyse Weltgeltung und erlangten die Analytiker eine verbindende Identität. Der Umgang mit der Psychoanalyse musste also immer Einfluss auf die Behandlung analytischer Literatur haben. Umgekehrt musste sich in der Behandlung dieser Literatur die Stellung der Psychoanalyse in der Gesellschaft wiederspiegeln – auch im Nationalsozialismus.
[12] Vgl. dazu auch Büntig (1982, S. 254–280); Sharaf (1996, S. 228f.); Freudl (2001). Die mit Abstand wichtigste, gegen dieses Beschweigen gerichtete Arbeit haben Karl Fallend und Bernd Nitzschke herausgegeben (Fallend/Nitzschke 1997, verändert neu aufgelegt 2002). Dieses Buch, an dem neben weiteren Autoren auch mehrere Psychoanalytiker mitwirkten, beinhaltet nicht nur kontroverse Sichtweisen auf Reich, es hat in der Tat auch zu Kontroversen geführt (Schröter 1998; Fallend/Nitzschke 1999; Schröter 1999; Lothane 2001; Fallend/Nitzschke 2002a; eine spätere Reaktion z.B. in Ash 2012b, S. 25, Fn 78). Bernd A. Laska zählt etwa 50 Rezensionen oder andere Veröffentlichungen auf, in denen darauf reagiert wurde (www.lsr-projekt.de/wrfall.html). Ein Umdenken im institutionalisierten Hauptstrom der Psychoanalyse bezüglich Reichs hat es offenkundig nicht eingeleitet (siehe Fallend/Nitzschke 2002a, S. 13–28).
[13] Hier einige der wenigen Beispiele für eine Erwähnung dieser Erkenntnisse durch Psychoanalytiker: Im Freud-Handbuch von 2006 würdigen Hans-Martin Lohmann und der Psychoanalytiker Lothar Bayer Aspekte Reichs massenpsychologischer Forschungen von 1933 in äußerst knapper Form (Lohmann/Pfeiffer 2006, S. 278). Positiv äußern sich auch Horst-Eberhard Richter (2003, S. 37, 40), Johannes Cremerius (1997, S. 160), Karl Landauer (in Horkheimer 1980, Bd. 3, S. 106f.), Ernst Federn (in Nitzschke 1995) und Ulrike Körbitz (1997, S. 257f.) jeweils in einem oder wenigen Sätzen. Ausführlicher werden Reichs Einsichten in psychosoziale Zusammenhänge von Bernd Nitzschke (1997a) und Emilio Modena (1997, 2001) behandelt. Größeren Platz widmen auch Grunberger und Chasseguet-Smirgel diesem Thema; allerdings in der erklärten Absicht, »die Differenz zwischen ihm [Reich] und dem Freudismus als ein Werk seiner [Reichs – A.P.] Psychose zu verstehen« (Grunberger/Chasseguet-Smirgel 1979, S. 82). Dementsprechend dient das Eingehen auf Reichs Theorien auch in erster Linie dessen Pathologisierung. Das Niveau, auf dem hier oftmals argumentiert wird, lässt sich daran ablesen, wenn die Autoren über Reichs biologische Forschungen schlicht konstatieren: »[D]ass auch Gelehrte zu den Anhängern dieser Entdeckungen gehören, beweist einmal mehr die Schwäche des menschlichen Geistes« (ebd., S. 75). Das Anliegen an sich, »das Phänomen des Faschismus auf psychoanalytische Weise zu deuten«, begrüßen sie jedoch immerhin (ebd., S. 134). Fritz Erik Hoevels Arbeit ist der bislang umfassendste Versuch eines Psychoanalytikers, Wilhelm Reichs Beitrag zur Psychoanalyse – so der Buchtitel – positiv zu würdigen. Dabei bezieht er auch dessen Engagement auf psychosozialem Gebiet ein (insbesondere Hoevels 2001, S. 265–324). Der Kommunist Hoevels steht allerdings nicht nur fernab des Psychoanalysehauptstroms, sondern wird von diesem offensichtlich auch kaum reflektiert. Juliet Mitchell stand noch vor der Analyseausbildung (Benewick/Green 1998, S. 229), als sie Reichs 1946er Massenpsychologie würdigte, ihn selbst jedoch als einen mit Intuition begabten »Soziologen« einordnete, der als »Theoretiker […] wenig beizutragen«, teils »inadäquat[e]« und »unsinnig[e]« Thesen vertreten habe (Mitchell 1976, S. 237, 242–250). Wilhelm Burian hatte seine analytische Ausbildung ebenfalls noch nicht begonnen (persönliche Mitteilung 13.5.2013), als er sich, insbesondere aus marxistischer Sicht, ausführlich mit Reichs Gesamtwerk auseinandersetzte (Burian 1985). 2009 knüpfte er daran an und attestierte Reich erneut, dass sein Menschenbild und seine Gesellschaftsutopie im Gegensatz zu denen von Marx und Freud stünden und somit naiv seien (Diercks/Schlüter 2009, S. 191–203).
[14] Peter Bahnen, der weiteres biografisches Material zu Reich gelesen hat, bescheinigt auch dessen Autoren, dass sie ebenfalls »nur Reichs eigene Angaben« übernehmen (Bahnen 1986, S. 9). Grunberger und Chasseguet-Smirgel (1979) halten sich dagegen vor allem an Ilse Ollendorff-Reich und ergänzen deren Angaben vor allem durch eigene Spekulationen und Fehldarstellungen. Peters (1992, S. 363–375) fügt ebenfalls nichts Wesentliches hinzu, berichtet oft oberflächlich und teils verfälschend.
[15] Atina Grossmann nahm 1995 ebenfalls Bezug auf Reichs sexualreformerisches Engagement – jedoch im Wesentlichen, indem sie dieses abwertete oder negierte (Grossman 1995, insbesondere S. 124–127). Ulrike Körbitz und Anna Bergmann beschränkten sich 1997 darauf, einige Detailaspekte Reichs sexualpolitischer Betätigung und dieser zugrunde liegende Annahmen zu diskutieren bzw. zu kritisieren (siehe Körbitz 1997; Bergmann 1997). Zusatzinformationen finden sich in Elke Mühlleitners Fenichel-Biografie (Mühlleitner 2008, S. 123–219). Karl Fallends Arbeit über Wilhelm Reich in Wien endet mit Verweisen auf Reichs Berliner Zeit (Fallend 1988, S. 220–225). Auch Fritz E. Hoevels macht dazu biografische Angaben (Hoevels 2001, S. 58–81), die aber in manchen bemerkenswerten Aussagen nicht belegt sind – wie der Behauptung, Hitler habe »einen Preis« auf Reichs Kopf ausgesetzt (ebd., S. 76). Die bislang letzte größere biografische Arbeit zu Reich, Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron, erschienen 2011, fügt Reichs eigenen Darstellungen zu seiner Zeit in Deutschland kaum etwas tatsächlich Belegtes hinzu (siehe insbesondere Turner 2011, S. 123–144), ist außerdem oftmals ausgesprochen unklar, oberflächlich und fehlerhaft und hat zudem den Schwerpunkt in späteren Lebensphasen Reichs. Ole Thyssen veröffentlichte 1973 das Buch Wilhelm Reich 1927–1939. Between Freud and Marx. Da es nur auf Dänisch vorliegt, konnte ich es nicht lesen. Ole Thyssen teilte mir jedoch am 6.11.2011 mit, dass sein Buch keine biografische Aufarbeitung darstellt, sondern vor allem eine Auseinandersetzung mit Reichs freudo-marxistischen Gedanken, speziell während seiner Zeit in Dänemark und Schweden 1933/34. Fuechtner (2011), Makari (2001, S. 471–474), und Zaretsky (2006, S. 320f.), bieten diesbezüglich ebenfalls keine zusätzlichen Informationen, Letzterer aber eine Reihe von Ungenauigkeiten und Fehlern wie die Behauptung, Reichs Massenpsychologie des Faschismus sei bereits 1930 veröffentlicht worden. Ohne Neuigkeitswert und mit krassen Fehlern durchsetzt – so die Behauptung, Reich wäre 1933 aus der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden (Steiner 2011, S. 92) – sind auch die Angaben zu Reich in Steiner (2011). Dieser Beitrag ist ohnehin gekennzeichnet durch eine erstaunliche Häufung von Sachfehlern sowohl in allgemeineren historischen, als auch in speziell psychoanalysehistorischen Zusammenhängen.

Tipp zum Weiterlesen:

Verbrannte Psychoanalyse: pauschaler Bannspruch, vier direkt betroffene Autoren (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 2)