Archiv der Kategorie: Zur Geschichte der Psychoanalyse und speziell zu Wilhelm Reich

Medien zur Neuerscheinung der „Massenpsychologie des Faschismus“ 2020

Tarek Al-Ubaidi und Andreas Peglau bei CROPfm zur Neuauflage der „Massenpsychologie des Faschismus“

In einem knapp zweistündigen Gespräch haben wir am 27. März 2020 versucht, Inhalt und Aktualität von Reichs Klassiker gerecht zu werden, inklusive kurzer Verständigungen über „Me too“, Homophobie und Corona. Hier kann die Sendung gehört und heruntergeladen werden. 
Das Gespräch beginnt 8 Minuten nach dem Start der Sendung.

https://cropfm.at/images/Peglau-2020-750.jpg

Illustration: Matthias Töpfer >> atelier-toepfer.de

 

Auf hagalil.com finden sich neben einer Einführung Auszüge aus Reichs Kapitel zur Rassentheorie.

Unter dem Titel „Anatomie des Wahns“ ist auch bei rubikon.de eine kurze Einführung plus Leseprobe erschienen.

junge Welt, Thema vom 21. Februar 2020: „Verdrängter Klassiker. Nicht nur von historischem Interesse – die vergriffene Originalfassung von Wilhelm Reichs ‚Massenpsychologie des Faschismus‘ ist neu aufgelegt worden“.
Dieser Beitrag hält sich auch in die Top 20 der junge-Welt-Themenbeiträge der letzten zwölf Monate geschafft, inzwischen auf Platz 12:

junge Welt 4. April 2020

In einer Rezension des Buches für Luzifer-Amor schreibt Helmut Dahmer:
„Psychoanalytiker wie Stalinisten fanden 1933, gleichermaßen verblendet, auf Reichs Massenpsychologie des Faschismus keine andere Antwort, als diesen Autor zu ächten. Acht Jahrzehnte später taucht nun der lang verdrängte ’nationalsozialistische Untergrund‘ vor unseren Augen gespenstisch wieder auf. Da wird Reichs legendärer Originaltext von 1933 wieder gebraucht.“

Ausführlich würdigt Dahmer Reichs Werk in einem am 27. Januar 2020 erschienenen Artikel in kritiknetz.de.

Günter Rexilius urteilt in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 5. Februar 2020:
„Niemand hat wie Reich mit psycho-analytischer Akribie untersucht, dass und wie patriarchale Gesellschaften auf faschistischem Denken und Handeln fußen: Der sie tragende autoritäre Erziehungsstil, der sexualfeindlich und destruktiv ist, verankert in den kindlichen Individuen Angst, Unterwürfigkeit und Aggressivität als ‚Marschroute‘ durchs Leben. So einfach und eindringlich wie überzeugend beschreibt Wilhelm Reich ein bis heute überdauerndes bürgerliches Gesellschaftsmodell, das sich einer psychischen Dynamik bedient, die wir alle mehr oder weniger gut kennen.“

In socialnet.de zieht Hans-Peter Heekerens am 25. Februar 2020 folgendes Fazit zur Massenpsychologie:
„Das Buch gehört dahin, wovon es die Nazis und ihre allzu willigen Helfer bis in die Spitzen der deutschen Professorenschaft zur klammheimlichen Freude der kommunistischen wie psychoanalytischen Orthodoxie erfolgreich bald neun Jahrzehnte ferngehalten haben: in die Hochschulbibliotheken und sonstige Bibliotheken, die der Bildung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter dienen.“

Im Blättchen vom 2. März 2020 fasst Wolfgang Brauer wichtige Schlüsse aus Reichs Buch zusammen:
„Erstens sind die neuen nazistischen Bewegungen keine Eintagsfliegen, und sie repräsentieren auch keine vernachlässigbaren Minderheiten. Zweitens scheinen die bislang gewählten politischen Mittel ihrer Bekämpfung einigermaßen hilf- und erfolglos zu sein. Auch wenn sie mit Getöse daherkommen.
Es ist eine medizinische Binsenweisheit, dass vor jeder Therapie eine gründliche Anamnese zu erfolgen hat. Für die Politik gilt das nicht minder. Noch wird das sträflich vernachlässigt. Andreas Peglaus Reich-Edition gibt wertvolle Anregungen, diesen misslichen Zustand zu überwinden.“

Werner Abel verweist im Neuen Deutschland vom 10. März 2020 darauf, dass Reich in seinen  autobiografischen Miteilungen resümiert, „die Sowjetunion sei bereits ‚1936 ein eindeutig imperialistischer Staat‘ gewesen, ‚der nur eines mit dem demokratischen Kommunismus gemein hatte: das Bauen auf die Hoffnung der Menschen auf eine bessere Zukunft‘. Antikommunist wurde Reich nie, aber nachvollziehbarerweise Antistalinist.“ Die Rezension schließt mit dem Satz: „Wer ein ganzheitliches Verständnis des NS-Regimes anstrebt, aber auch wer den gegenwärtigen politischen Rechtsruck durchschauen und bekämpfen will, sollte das Buch lesen.“

Am 14. Mai 2020 veröffentlichte Stefan Howald in der in der Schweiz erscheinenden WOZ (Die Wochenzeitung) seine Rezension. Sie ist überschrieben mit: „So züchtet die Kleinfamilie Rechtsextreme. Warum die ArbeiterInnen nicht zwangsläufig links sind: In seiner ‚Massenpsychologie des Faschismus‘ demonstrierte Wilhelm Reich schon 1933 einen facettenreichen Erklärungsansatz.“

Roland Kaufhold hat am 17. Juni 2020 auf hagalil.com seine Funde zu dem „linken“, aus Österreich stammenden Psychoanalytiker Rudolf Ekstein (1912-2005) vorgestellt. Einer der wichtigsten Bezugspunkte für Eksteins 1937 entstandenen Aufsatz „Sexualpolitik des Faschismus“ war Reichs „Massenpsychologie“, wie Kaufhold ausführlich belegt.

HÖRBUCH: Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933). Zum Anhören und kostenlosen Herunterladen

Wilhelm Reich Massenpsychologie des Faschismus 1933 Hörbuch

 

Gesprochen von Sabine Falkenberg und Thomas Nicolai.
Produziert im Oktober 2019 im Hörbuch-Tonstudio Berlin.
Ton und Schnitt: Berthold Heiland.
Hörbuchfassung und Regie: Andreas Peglau.
Covergestaltung: Jan Petzold. Unter Verwendung eines Fotos von Ludwig Gutman, geboren am 23.6.1869 in Horn, ermordet am 18.4.1943 im Ghetto Theresienstadt.

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Ein marxistischer Psychoanalytiker jüdischer Herkunft erlebt das Ende der Weimarer Republik.

Nach 87 Jahren erscheint Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (1933) erstmals im redigierten Originaltext.

von Andreas Peglau

MPF 33 Neuausgabe Werbung

„Die Gesellschaft muß sich im Widerstand gegen uns befinden, denn wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen ihr nach, daß sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil hat“ (Sigmund Freud, 1910).

Konsequente Psychoanalyse ist gesellschaftskritisch, als Sozialwissenschaft ebenso wie als Therapiemethode. Auch deswegen ist das im Spätsommer 1933 publizierte Original von Reichs Massenpsychologie des Faschismus eines der wichtigsten psychoanalytischen Bücher, die je erschienen sind. Zudem war es innerhalb dessen, was heute Rechtsextremismusforschung genannt wird, die erste Veröffentlichung zu psychosozialen Hintergründen des NS-Systems.

Dennoch ist diese Erstausgabe fast vollständig in Vergessenheit geraten, nur noch als Raubdruck erhältlich oder als teures antiquarisches Angebot. Falls sich jemand auf Reichs Massenpsychologie bezieht, meint er inzwischen fast immer die 1946 erschienene, englischsprachige dritte Auflage, die seit 1971 in Deutsch vorliegt. Doch diese dritte Auflage unterscheidet sich gravierend vom Original. Weiterlesen

Anregung zum Weiterforschen/ Quellen-, Literatur- und Personenverzeichnis aus „Unpolitische Wissenschaft?“ (2017)

von Andreas Peglau

Unpolitische Wissenschaft? Anregung zum Weiterforschen QuellenUm weitere Forschungen zur Psychoanalysegeschichte anzuregen, stelle ich das komplette, 28-seitige Quellenenverzeichnis meines Buches zum Download bereit:

Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017.

Zusätzlich kann in diesem  Index (18 Seiten) nachgeschaut werden, wer in meinem Buch auftaucht:

A. Peglau Unpolitische Wissenschaft 2017 Personenregister.

 

Mein Buch endet (S. 673-675) mit dem folgenden

Vorschlag für Weiterführungen

Da für meine spezifischen Fragestellungen oft wenig wissenschaftliche Vorleistungen existierten, hatte meine Arbeit in manchen Punkten den Charakter einer ersten Sondierung. Positiv formuliert: Ich hoffe, neben vielen gesicherten Fakten auch viele Anregungen für weitere Nachforschungen und konstruktiven Streit geliefert zu haben (und bin natürlich sehr interessiert an Hinweisen auf Fehler und an anderweitigen Korrekturvorschlägen). Weiterlesen

Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Eine Kurzfassung

 von Andreas Peglau (Juni 2019)

Psychoanalyse im Nationalsozialismus

 

 

 

 

 

 

 

 

Bitte zitieren als:

Peglau, Andreas (2019): Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Eine Kurzfassung, https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wp-content/uploads/2019/06/Andreas-Peglau-Psychoanalyse-im-Nationalsozialismus.-Eine-Kurzfassung-2019.pdf

Hier kann es kostenlos als pdf heruntergeladen werden.
Die Weiterleitung und Verbreitung dieses Textes zu nichtkommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht.

Der unten stehende Text entspricht dem im pdf-Dokument enthaltenen; Abweichungen gibt es nur bei den Illustrationen.

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Offener Brief zum Thema C. G. Jung und „Afrikaner“

Der Europäer, unbekümmert um seine geistige Höhe, kann nicht “ungestraft” in Afrika unter Negern leben, denn unbemerkt geht deren Psychologie in ihn ein, und er wird – dagegen hilft kein Sträuben – unbewußt zum Neger. Dafür existiert in Afrika der wohlbekannte technische Ausdruck “going black” [sic; schwarzwerden]. Es ist kein bloßer Snobismus des Engländers, wenn ihm der in den Kolonien, vielleicht aus bestem Blut Geborene als “slightly inferior” [sic; leicht minderwertig] gilt. Dahinter stecken Tatsachen.
(C. G. Jung, Gesammelte Werke 10, para. 249, 1927 geschrieben)

DIES IST DIE PUBLIKATION EINES OFFENEN BRIEFES AUF DEUTSCH, ITALIENISCH, FRANZÖSISCH , SPANISCH UND ENGLISCH (ZUERST VERÖFFENTLICHT IN ENGLISCHER SPRACHE IN THE BRITISH JOURNAL OF PSYCHOTHERAPY, UND IN DER FOLGEZEIT IN VERSCHIEDENEN SPRACHEN IN MEHR ALS ZEHN ZEITSCHRIFTEN).

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„Der Europäer kann nicht ‚ungestraft‘ in Afrika unter Negern leben“. Textbeispiele für C. G. Jungs Rassismus

ERLÄUTERUNGEN  ZUM  OFFENENEN  BRIEF  ZUM  THEMA  JUNG  UND  ‘AFRIKANER’, DER IM NOVEMBER 2018 IM  BRITISH JOURNAL OF PSYCHOTHERAPY  VERÖFFENTLICHT WORDEN  IST. 

von ANDREW SAMUELS

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Was Jung über ‘Afrikaner’ und ‘Amerikanische Neger’ geschrieben hat, hat viele Leser und Kommentatoren beunruhigt. Er hat über sie kaum etwas Positives zu sagen.

Für diejenigen von Ihnen, die mit diesen Belangen nicht vertraut sind, folgen hier einige Beispiele. Weiterlesen

Keine „Liquidierung“, kein Totalverbot, sondern ein hohes Maß an Kollaboration. Der Forschungsstand (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 1)

von Andreas Peglau

Vorab.

Dieser erste Beitrag folgt im Wesentlichen Teilen der Einleitung zu meinem 2013 erstmals erschienenem Buch Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus (Psychosozial-Verlag Gießen).

Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im NationalsozialismusAbgesehen von meinen eigenen Arbeiten ist der hier von mir geschilderte Forschungsstand meines Wissens seither leider nicht ausgebaut worden. Falls doch, wäre ich für Hinweise auf von mir übersehene Publikationen dankbar.
Das komplette, für die 2017 veröffentlichte dritte und erweiterte Auflage erstellte Quellen- und Literaturverzeichnis findet sich hier: Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017.
Indem ich unter der Überschrift „Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ nun neun stark gekürzte und veränderte Auszüge des fast 700-seitigen Buches wiedergebe, hoffe ich, weiterführende Recherchen anzuregen und zu unterstützen.

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Verbrannte Psychoanalyse: pauschaler Bannspruch, vier direkt betroffene Autoren (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 2)

von Andreas Peglau

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10. Mai 1933, Berlin

Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mehrten sich die Zeichen für eine zu erwartende Bedrohung der Psychoanalyse in Deutschland. Das in dieser Hinsicht dramatischte Ereignis fand Anfang Mai in Berlin statt.

Mehr oder weniger spontane Bücherverbrennungen, meist als Begleiterscheinung von SA- und SS-Terror, gab es bereits ab März 1933. Bis zum Oktober des Jahres lassen sich bislang mehr als 100 Verbrennungsakte in 85 deutschen Städten nachweisen (Treß 2011, S. 40f.). Die meisten davon wurden von der Hitlerjugend organisiert und richteten sich gegen missliebige Bestände von Schulbibliotheken (Treß 2008a, S. 14ff., 2008b, S. 52–58). Aber auch der von Alfred Rosenberg geleitete Kampfbund für deutsche Kultur, der Deutsche Handlungsgehilfenverband, die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation sowie Ortsgruppen der NSDAP traten als Träger der Vernichtungsaktionen in Erscheinung (Treß 2008a, S. 24). Ab April 1933 beteiligten sich nationalsozialistische Studenten ebenfalls mit einem Diffamierungs- und Zerstörungskonzept: der Aktion »Wider den undeutschen Geist!«. Die eng mit der SA verflochtene Deutsche Studentenschaft (DSt) wollte damit offenbar auch die eigene Bedeutsamkeit spektakulär demonstrieren (Treß 2008a, S. 53, 2003, S. 61ff.). Als Termin für Hauptakt und Höhepunkt der auf vier Wochen angelegten Kampagne benannte die DSt-Leitung den 10. Mai 1933, als Ort Berlin.

Bevor hier an jenem Abend die zentrale Aktion der Bücherverbrennung begann, hielt Alfred Baeumler in der Berliner Universität seine Antrittsvorlesung als neu berufener Ordinarius für Politische Pädagogik (Treß 2003, S. 117). Die Sätze, die er den Studenten am Ende mit auf den Weg gab, dürften sich auch auf Sigmund Freud bezogen haben:[1]

»Sie ziehen jetzt hinaus, um Bücher zu verbrennen, in denen ein uns fremder Geist sich des deutschen Wortes bedient hat, um uns zu bekämpfen […]. Was wir heute von uns abtun, sind Giftstoffe, die sich in der Zeit einer falschen Duldung angesammelt haben. Es ist unsere Aufgabe, den deutschen Geist in uns so mächtig werden zu lassen, dass sich solche Stoffe nicht mehr ansammeln können« (ebd., S. 118). Weiterlesen

»Die Psychoanalyse bemüht sich, (…) unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen (…) umzuformen“. Das 1933er »Memorandum« (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 3)

von Andreas Peglau

Vorab.

Schon bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933, angetrieben auch von der Bedrohung durch die Bücherverbrennung, bemühten sich Funktionäre der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) darum, die Analyse dem neuen Regime anzudienen. Dabei spielte ein Schriftstück eine Rolle, das im Mittelpunkt des folgenden Beitrags steht. Weiterlesen