Archiv der Kategorie: Zur Geschichte der Psychoanalyse und speziell zu Wilhelm Reich

Verbotene Psychoanalyse? Zwischen „soll unangetastet bleiben“ und „ist auszumerzen“ (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 4)

von Andreas Peglau

Der während der Berliner Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 ausgerufene „Feuerspruch“ Nummer vier war eindeutig auf die gesamte analytische Lehre und ihre Schriften ausgerichtet: »Gegen seelenzersetzende Überschätzung des Trieblebens. Für den Adel der menschlichen Seele. Ich übergebe dem Feuer die Schriften der Schule Sigmund Freuds!«
Doch bereits zwei Monate später, im Juli 1933, wurden für die Verbote analytischer Schiften Kriterien herangezogen, die man – für NS-Verhältnisse – nur als erstaunlich tolerant bezeichnen kann. Nach den fanatisierten NS-Studenten, die die Bücherverbrennung initiiert hatten, kamen nun Bürokraten zum Zuge – und Wissenschaftler.

Verbotene Psychoanalyse DB

Einer der im Original erhalten gebliebenen Karteikästen, anhand derer in der Deutschen Bücherei Leipzig 1933 die Psychoanalyse zensiert wurde (Foto A. Peglau 2012).

Weiterlesen

„Vergeßt das Unbewußte nicht!“ Die Neue deutsche Seelenheilkunde (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 5)

von Andreas Peglau

Hitler und Freud 1937

»An der Wand des Institutes hinge nun wieder das Bild Freuds; allerdings neben dem Bild des Führers«. Diese – unten zitierte – Mitteilung von 1937 hat mich wärend der Arbeit an „Unpolitische Wissenschaft?“ zu dieser Montage inspiriert – A.P.

Der „Reichsführer“ der Psychotherapie

Matthias Heinrich Göring (1879–1945) war einer derjenigen, die nach der NS-Machtübernahme zu unerwarteter Macht gelangten. Vermutlich gab es im Dritten Reich niemanden, der auf den Umgang mit der Psychoanalyse mehr direkten Einfluss nahm als er. Weiterlesen

Viel Würdigung, wenig Diffamierung. Psychoanalyse in der deutschen Fachliteratur (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 6)

von Andreas Peglau

*

Veröffentlichungen von (ehemaligen) DPG-Mitgliedern

Zwischen 1930 und 1938 – dem Jahr ihrer Auflösung – hatte die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) insgesamt 89 Mitglieder. Waren es 1932 noch 56 Mitglieder gewesen, hatten 1934 bereits 32 von ihnen Deutschland den Rücken gekehrt. 27 nichtjüdische DPG-Mitglieder schlossen sich ab 1936 dem Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie (DIPFP) an, das unter der Leitung von M.H. Göring, eines Vetters des »Reichsmarschalls« Hermann Göring, stand und sich um eine »neue deutsche Seelenheilkunde« bemühte (Lockot 2002, S. 149f.). Weiterlesen

Ein „sehr modernes medizinisches Fach“ und „jüdische Seelenvergiftung“: Psychoanalyse im Völkischen Beobachter 1938/39 (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 7)

von Andreas Peglau

*

Nicht nur im Zentralblatt für Psychotherapie, der für innerhalb Deutschlands wirkende Psychotherapeuten entscheidenden Zeitschrift, blieb es bis zur Einstellung ihres Erscheinens 1944 möglich, würdigend von »Psychoanalyse« zu sprechen – von »Tiefenpsychologie« ohnehin – und zentrale analytische Termini wie »Übertragung«, »Projektion« und »Libido« zu gebrauchen, ohne sich davon zu distanzieren (Peglau 2017, S. 351-410).
Dass es auch außerhalb von Fachmedien nicht tabuisiert war, die Analyse positiv zu erwähnen,[1] belegt sogar der Völkische Beobachter.

VB Titel (2) Weiterlesen

»Möglichst keine tödlichen Diagnosen«. Zuarbeiten des Göring-Institutes zur »Eugenik« (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 8)

 von Andreas Peglau

*

Gegen »erbkranken Nachwuchs«, für »rassische Reinheit«

1934 war das »Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses« in Kraft getreten. Damit knüpften die Nationalsozialisten an »eugenische« Bestrebungen an, die seit Ende des 19. Jahrhunderts im »linken« wie im »rechten« Lager, unter Ärzten, Biologen, Theologen und anderen Berufsgruppen weit verbreitet waren (vgl. Klee 1997, S. 15–33; Peglau 2000b; May 2009, S. 6f.).
Die Befürwortung von Sterilisation und Euthanasie war also nichts spezifisch Nationalsozialistisches – wohl aber deren radikale, sich institutionalisierende und zum hunderttausendfachen Massenmord ausweitende Anwendung. Weiterlesen

Tiefenpsychologische Kriegsführung am „Göring-Institut“ (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 9 und vorläufiger Schluss)

von Andreas Peglau

*

Bernays, Goebbels – und Freud

Sigmund Freuds in den USA lebender Neffe Edward Bernays war einer der »Väter« der „Public Relations“. In seine Anleitungen zur Meinungsmanipulation ließ Bernays Thesen Freuds  einfließen und behauptete:

»Wenn wir die Mechanismen und Motive der Massenseele verstehen, ist es uns nun möglich, die Massen nach unserem Willen zu kontrollieren und zu führen, ohne dass sie es mitbekommen« (Bernays 1928, S. 47–48).

Sein erstes Buch zu diesem Thema, das 1923 erschienene Crystallizing Public Opinion, wurde laut Bernays‘ Angaben auch von Joseph Goebbels zu Rate gezogen (Fossel i. V.).[1]
Doch wie Florian Fossel mitteilt, wird Freud in diesem Buch nur einmal namentlich erwähnt, sonst nur indirekt auf ihn Bezug genommen.

 

Weiterlesen

Gespräch mit einem Frisörgehilfen über den Mehrwert (1935) von Wilhelm Reich (alias Ernst Parell)

Vorab.
Reich gründete im skandinavischen Exil 1934 die Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie. Für die Herausgabe und Autorenschaft mancher Beiträge wählte er das Pseudonym „Ernst Parell“. Die Zeitschrift existierte bis 1938.

ZPPPS 1-1934

ZPPS – die erste Ausgabe

Er nutzte sie nicht nur, um gegen den Faschismus anzuschreiben, sondern ebenfalls, um kritisch auszuwerten, was er zuvor an Kontraproduktivem bis Reaktionärem innerhalb von Psychoanalyse und Arbeiterbewegung erfahren musste.
Letzteres betraf auch eine Art von Wissensvermittlung, wie sie selbst in der Zeitschrift Der Marxist auftauchte. Mit dieser Publikation – zu deren Redaktionskollegium Reich 1931/32 gehörte – wollte die ja tatsächlich populäre und volksnahe Marxistische Arbeiterschule MASCH noch größere Kreise erreichen.
„(D)ie Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“, hatte Marx geschrieben. Aber wer die Massen „ergreifen“ will, sollte sich verständlich ausdrücken – ein Problem, das sich seither nicht erledigt hat.
Andreas Peglau

 

Weiterlesen

Wilhelm Reichs „Kinder der Zukunft“. Rezension von Andreas Peglau

Kinder der Zukunft, CoverIm Dezember 1929 kam es zu einem Schlagabtausch zwischen Reich und Freud auf einer der von Letzterem veranstalteten Diskussionsabende in Wien. Kernpunkt war Reichs Überzeugung, dass eine Prophylaxe sexueller und neurotischer Störungen ebenso nötig wie möglich sei – eine Sicht, die auch Freud früher vertreten hatte. Nun jedoch wandte sich Freud heftig gegen Reichs Thesen, qualifizierte diese als angeblich „völlig unpsychologisch“ ab.

Kinder der Zukunft lässt sich lesen als Bilanz dessen, was Reich dem in der ihm verbliebenen Lebensspanne in Forschung und praktischer Tätigkeit entgegensetzte.

Weiterlesen

Maria von Stach (1876‒1948), verheiratete Lessing/Naef/Dingler, Patientin und Freundin von Karen Horney

von Andreas Peglau

Die Informationen, die Stephan von Minden 2011 über Maria Stach von Goltzheim publiziert hat,[1] ermöglichten es mir, in ihrem Lebenslauf weitere Verflechtungen mit der Zeit- und Psychoanalysegeschichte zu entdecken.
Nicht nur ist Maria von Stach selbst eine beeindruckende Frau, auch die Vielzahl ihrer Begegnungen mit wichtigen Zeitgenossen sind bemerkenswert.

Maria von Stach, 1911 auf dem Weimarer IPV-Kongress

Maria von Stach, 1911 auf dem Weimarer IPV-Kongress (Foto: Franz Vältl)

Weiterlesen

Der Photograph des Weimarer Psychoanalytiker-Kongresses von 1911. Splitter zur Biographie von Franz Vältl

von Andreas Peglau*

2012 war es möglich, Franz Vältl als denjenigen zu identifizieren, der das berühmte Weimarer Kongressfoto von 1911 aufgenommen hat, und einige Angaben zu seinem Lebenslauf mitzuteilen (Peglau u. Schröter 2013, S. 134, siehe auch hier). Das kann nun ergänzt werden.

Weiterlesen