Ein „sehr modernes medizinisches Fach“ und „jüdische Seelenvergiftung“: Psychoanalyse im Völkischen Beobachter 1938/39 (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 7)

von Andreas Peglau

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Nicht nur im Zentralblatt für Psychotherapie, der für innerhalb Deutschlands wirkende Psychotherapeuten entscheidenden Zeitschrift, blieb es bis zur Einstellung ihres Erscheinens 1944 möglich, würdigend von »Psychoanalyse« zu sprechen – von »Tiefenpsychologie« ohnehin – und zentrale analytische Termini wie »Übertragung«, »Projektion« und »Libido« zu gebrauchen, ohne sich davon zu distanzieren (Peglau 2017, S. 351-410).
Dass es auch außerhalb von Fachmedien nicht tabuisiert war, die Analyse positiv zu erwähnen,[1] belegt sogar der Völkische Beobachter.

Dieser war nicht nur die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung (1938/39 knapp eine Million Exemplare), sondern auch das führende Organ der NSDAP, »gleichsam staats- wie parteioffiziell« (Frei/Schmitz 1999, S. 99ff.), herausgegeben vom NS-»Chefideologen« Alfred Rosenberg.

Am 3.12.1938 veröffentlichte dort Matthias Heinrich Göring, der Leiter des Deutschen Institutes für psychologische Forschung und Psychotherapie, auch Göring-Institut genannt, auf Seite fünf den Beitrag Deutsche Seelenheilkunde. Ein deutsches Wissenschaftsgebiet, das fast ausschließlich in jüdischen Händen lag.
Diesem Motto entsprechend lautete einer der Kernsätze:

»Ist auch […] beim Ausbau gerade dieser Tiefenpsychologie ganz unzweifelhaft weitgehend jüdischer Einfluß unter Führung von Freud und Adler mit am Werk gewesen, so ist das urtümliche Wissen jener Bereiche, um die sich eine Tiefenpsychologie bemüht, in kulturell bedeutsamen Zeiten einem Volke, und zwar gerade seinen bodenverbundenen Gliedern, allezeit vertraut gewesen.«

Schon diesen Beitrag, in dem die Wichtigkeit der Tiefenpsychologie und des Unbewussten mehrfach betont wird, charakterisierte eher Distanzierung von der Psychoanalyse als deren Diffamierung; das Wort »Psychoanalyse« wurde allerdings vermieden. Ein halbes Jahr später verzichtete M.H. Göring auf diese Zurückhaltung.

Am 14.5.1939 wurde im Völkischen Beobachter unter der Überschrift »Auch die ersten Kindheitseinflüsse bestimmen die Lebensgestaltung« ein Göring-Interview verarbeitet. In dem eine ganze Zeitungsseite in Anspruch nehmenden Artikel (dokumentiert in Brecht et al. 1985, S. 141) ging es unter anderem um die Frage, »wie es kam, daß die Psychoanalyse, die ein sehr modernes medizinisches Fach darstellt [!], einst [!] so zersetzend gewirkt hat.« Antwort:

»Unbestreitbar hat die Kirche schwere Erziehungsfehler gemacht. Mit der Unterdrückung alles Sexuellen bereitete sie schließlich den Boden für den Einfall der Juden in das Gebiet der Psychoanalyse.«

»Für den Deutschen«, erfuhr man anschließend, sei es aber »gar nicht nötig«, sich den jüdisch infizierten Teil der Analyse anzueignen, da er über die »Erkenntnis der im Unbewußten schlummernden Kräfte« ja bereits durch Gottfried Wilhelm Leibniz und Carl Gustav Carus verfüge.[2] Dann hieß es weiter: »Nur die Aufschließung des Unbewußten«, wozu insbesondere die Träume »wesentliche Anhaltspunkte« lieferten, ermögliche ein erfolgreiches »Bekämpfen« von Neurosen. Diese wiederum seien »zu einem großen Teil« durch Erziehungsfehler, vor allem aus der Zeit »bis zum 6. Lebensjahre«, verursacht.

Indem er hier Neurotisierung hauptsächlich auf Erziehung – und nicht auf Triebkonflikte – zurückführte, folgte M.H. Göring weniger den zu dieser Zeit von Freud vertretenen Auffassungen, sondern eher jenen von Harald Schutz-Hencke, Margarete Seiff, Felix Schottlaender oder Wilhelm Reich.
»Außerordentlich wichtig« sei für die Neurosenprophylaxe, hieß es weiter im Artikel, die sexuelle Aufklärung:

»Es sollte zu einem feststehenden Erziehungsgrundsatz werden, daß jede Kindesfrage beantwortet und nicht mit Ausflüchten wie zum Beispiel ›dazu bist du noch zu klein‹, abgetan wird.«

Freilich kam auch die in der NS-Zeit noch zugespitzte Tendenz, Kinder von Geburt an durch Unterdrückung und „Härtung“ zu willfährigen Untertanen zu deformieren, zum Tragen: Der Säugling dürfe „nur aufgenommen werden (…), wenn er naß ist oder Schmerzen hat“,  Kindern müsse so viel zugemutet werden, wie sie „vertragen“, „Verwöhnen und Verweichlichen“ habe zu unterbleiben (vgl. Chamberlain 2010).

Psychoanalyse im Völischen Beobachter 1939

Völkischer Beobachter 14.5.1939, Nachgestaltetet Kopie. Zum Lesen bitte hinein klicken.

Dennoch ist festzuhalten: Vermischt mit NS-Ideologie und gekoppelt an die gängige Umdeutung, bei der Psychoanalyse handele es sich um eine vorfreudsche, »arische« Errungenschaft, propagierte also – zumindest an diesem Tag – sogar der Völkische Beobachter analytische Grunderkenntnisse und lobte die Psychoanalyse, nicht etwa nur die ohnehin hochgeschätzte Tiefenpsychologie, als ein »sehr modernes medizinisches Fach«. Das belegt erneut, wie gut Teile der Freud’schen Lehre in das nationalsozialistische System integriert waren.

PS: Freud (1930) und Reich (1933) im Völkischen Beobachter

Am 29.8.1930 hatte der Völkische Beobachter eine Freud-Schmähung für nötig gehalten.  Nachdem Sigmund Freud am Vortag den renommierten Goethepreis erhalten hatte, war dort zu lesen:

»Der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt wurde diesmal Professor Sigmund Freud, dem weltberühmten Wiener Gelehrten und Schöpfer der Psychoanalyse, so jubelt mit Zinken und Posaunen die ›Israel. Gemeindeztg.‹ in Nr. 10, verliehen. Der Goethe-Preis, der größte wissenschaftliche und literarische Preis Deutschlands, wird dem Ausgezeichneten am 28. August, dem Geburtstage Goethes, im Rahmen einer großen Feierlichkeit in Frankfurt/M. überreicht werden. Die Preissumme beträgt 10 000 Mark. – Daß von namhaften Gelehrten die ganze Psychoanalyse des Juden Sigmund Freud als höchst unwissenschaftliches Geschwafel und Geschwätz abgelehnt wird, weiß man. Der große Antisemit Goethe [ein haltloser Vereinnahmungsversuch – A.P.] würde sich im Grabe umdrehen, wenn er erführe, daß ein Jude einen Preis bekommt, der seinen Namen trägt.«

Drei Jahre später, am 2.3.1933 tauchte dann auch Reich im Völkischen Beobachter auf. Unter der Überschrift »Bolschewismus oder Deutschland?« wurde dort gefragt, was der Bolschewismus für die deutschen Frauen bedeute. Die Antworten lauteten: »Hunger und Tod«, »Auflösung der Familie« und

»Zerstörung der Sittengesetze durch Verführung der Jugend. Ein krasses Beispiel […] stellt das kommunistische Buch von Dr. Wilhelm Weiß [sic] ›Der sexuelle Kampf der Jugend‹ dar […]. Es ist eine schamlose Verführung, die an die niedrigsten Instinkte unreifer Menschenkinder sich wendet und versucht, im Jugendlichen die Verpflichtung zu Sitte, Anstand, Selbstbeherrschung zu zersetzen« (dokumentiert in Rackelmann 1992, Anhang IX).

Bei der Namensverwechslung dürft es sich um eine Fehlleistung handeln: Der jüdische Polizeichef Berlins, Bernhard Weiß, war – durch intensive Hetze von Goebbels – fast schon zum Pseudonym geworden für »fremdrassische« politische Gegner. Ein Wilhelm Weiss fungierte zudem eine Zeitlang als Chef vom Dienst im Völkischen Beobachter, wurde dann Leiter des Reichsverbandes der deutschen Presse (Bräuninger 2006, S. 207).

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Anmerkungen

[1] Carl Müller-Braunschweig konnte zwei Artikel in Nichtfachzeitschriften veröffentlichen – 1933 im Reichswart und 1939 in der Berliner Illustrierten Nachtausgabe –, in denen er psychoanalytisch argumentierte, in ersterer auch mit klarer Bezugnahme auf die Freudsche Lehre. Am 9.2.1941 fanden sich auch in der populären Koralle – Wochenschrift für Unterhaltung, Wissen, Lebensfreude psychoanalytische (sowie jungianische und adlerianische) Erkenntnisse, als Lebenshilfe angeboten von dem tiefenpsychologisch interessierten Arzt Otto Kankeleit. Unter der Überschrift »Dein Traum weiß mehr von Dir als Du!« berichtete er, unterstützt durch großzügige Illustrationen, über Unbewusstes, Verdrängung, Widerstände und Traumsymbole und schloss, der Traum könne »Warner, Erzieher, Berater, Kritiker sein, doch muß er richtig verstanden werden«. Die »Arbeit des Seelenarztes« bestehe darin, »dieses Traumwissen zu deuten« und »der Heilung der Neurose dienstbar zu machen«.
Ich habe nicht nach weiteren ähnlichen Veröffentlichungen gesucht, nehme aber an, dass es sie gegeben hat. Wenn dem so wäre, hieße das: Freuds Wissen wurde, ohne ihn zu nennen, auch im Dritten Reich – in einem bislang unbekannten Umfang – weiterhin popularisiert, wurde weiterhin zusehends »Allgemeinwissen«.
[2] Zu tatsächlichen Vorleistungen von Carus und Leibniz siehe Peglau 2017, S, 361-362, 382-383; Buchholz/Gödde 2011, S. 24–28; Goldmann 2005, S. 140–145. Auch der im Völkischen Beobachter ebenfalls erwähnte österreichische Arzt Ernst Maria Johann Karl Freiherr von Feuchtersleben (1806-1849) nahm – bei all seinen Verdiensten – die Psychoanalyse nicht vorweg. Auch im Zentralblatt für Psychotherapie wurde vielfach eine weitere Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse unter Verwendung der Behauptung vermieden, dass diese im Wesentlichen nur Aussagen über das jüdische Volk enthalte. So urteilte der Arzt Carl Haeberlin – der gedachte, mittels NS-Psychotherapie den Willen des Einzelnen »wieder in die große Gemeinschaft von Blut, Volk und Boden zurückzuführen« – dort 1935: »Wir erkennen die Forscherpersönlichkeit Freuds ebenso an, wie etwa die seiner Volksgenossen Ehrlich und Wassermann, wir halten ihn für eine überragende Erscheinung in diesem Volke, nicht anders, wie etwa die Propheten des Alten Testamentes ihre Zeitgenossen überragten. Aber wir sind uns auch der tiefen Trennungen bewusst, die zwischen dem semitischen und unserem Denken, zwischen der Weltanschauung dort und hier vorhanden sind« (ZfP, Bd. 8, S. 289, 294).

 

Gekürzter sowie veränderter Auszug aus Andreas Peglau: „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“, 3. und erweiterte Auflage 2017, Gießen: Psychosozial. Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus

Dessen KOMPLETTES Quellen- und Literaturverzeichnis findet sich hier: Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017

 

 

Tipp zum Weiterlesen:

»Möglichst keine tödlichen Diagnosen«. Zuarbeiten des Göring-Institutes zur »Eugenik« (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 8)