Anregung zum Weiterforschen/ Quellen-, Literatur- und Personenverzeichnis aus „Unpolitische Wissenschaft?“ (2017)

von Andreas Peglau

Unpolitische Wissenschaft? Anregung zum Weiterforschen QuellenUm weitere Forschungen zur Psychoanalysegeschichte anzuregen, stelle ich das komplette, 28-seitige Quellenenverzeichnis meines Buches zum Download bereit:

Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017.

Zusätzlich kann in diesem  Index (18 Seiten) nachgeschaut werden, wer in meinem Buch auftaucht:

A. Peglau Unpolitische Wissenschaft 2017 Personenregister.

 

Mein Buch endet (S. 673-675) mit den folgenden

Vorschlägen für Weiterführungen

Da für meine spezifischen Fragestellungen oft wenig wissenschaftliche Vorleistungen existierten, hatte meine Arbeit in manchen Punkten den Charakter einer ersten Sondierung. Positiv formuliert: Ich hoffe, neben vielen gesicherten Fakten auch viele Anregungen für weitere Nachforschungen und konstruktiven Streit geliefert zu haben (und bin natürlich sehr interessiert an Hinweisen auf Fehler und an anderweitigen Korrekturvorschlägen).

So halte ich beispielsweise die von mir zusammengestellten Äußerungen von NS-Funktionären zur Psychoanalyse (Abschnitt 4.1) für ergänzungsbedürftig. Dass zunächst die Psychoanalyse für wichtig und bekannt genug gehalten wurde, um per »Feuerspruch« und Radioübertragung deutschlandweit verdammt zu werden, dann aber in den Mitteilungen höherer NS-Funktionäre für die weiteren zwölf Jahre so gut wie keine Rolle mehr gespielt haben sollte, will mir nicht einleuchten.
Schon eine genauere Lektüre der umfangreichen Veröffentlichungen Alfred Rosenbergs könnte unter Umständen Hinweise auf mehr oder weniger explizite Auseinandersetzungen mit der Freudschen Lehre liefern. Auch bei den für den Bereich der Medizin bzw. »Volksgesundheit« Verantwortlichen dürfte das Thema Psychoanalyse – zumindest unter der Bezeichnung »Tiefenpsychologie« – öfter thematisiert worden sein als bisher bekannt. Ohnehin scheint nicht systematisch erforscht worden zu sein, welcher Art die öffentliche Bewertung der Psychoanalyse im Dritten Reich war – vielleicht, weil man irrtümlich davon ausging, hier nur Abwertungen zu finden. Entsprechend den von mir vorgelegten Befunden ließe sich vermuten, dass zum einen die Diffamierungen der Psychoanalyse weniger zahlreich waren als meist angenommen – und dass diese zum anderen nach 1933 deutlich weniger wurden.

Für nachforschenswert halte ich auch, ob es vonseiten der Nationalsozialisten vor und nach 1933 nicht doch mehr Äußerungen über Wilhelm Reich gegeben hat und ob es nicht doch NS-Dokumente gibt, in denen seine Massenpsychologie des Faschismus benannt wird.

Was Freuds Äußerungen zum Faschismus betrifft (4.2), könnten sich wohl nur noch in Form weiterer Veröffentlichungen aus seinem Nachlass oder von Briefwechseln Ergänzungen ergeben. Dass diese das vorliegende, in sich recht kohärente Bild deutlich verändern, halte ich für unwahrscheinlich: Ungeachtet seines politischen Taktierens hielt sich der niemals wirklich »unpolitische« Freud mit direkten Äußerungen zu den »rechten« Systemen weitgehend zurück – und stand diesen dennoch weit kritischer gegenüber als den »linken« Bewegungen.

Eine zusammenfassende Geschichte der »Psychoanalyse gegen den Faschismus« muss erst noch geschrieben werden – und wäre aus meiner Sicht ein sehr lohnenswertes Unterfangen. Machbar erscheint mir das auch gerade deswegen, weil die Anzahl der dabei zu berücksichtigenden Psychoanalytiker und analytischen Ausbildungskandidaten sehr überschaubar ist (4.3). Der Bogen wäre hier zu spannen von den direkten Widerstandsaktionen John Rittmeisters, Edith Jacobssohns und anderer bis zu den Veröffentlichungen Wilhelm Reichs. Vermutlich ließen sich dabei sowohl weitere Pseudonyme von Analytikern entdecken, unter denen diese bislang unbekannte Äußerungen gegen den Faschismus veröffentlichten, als auch zusätzliche Bemühungen, antifaschistisch wirksam zu werden.
Eine solche Traditionslinie klarer herauszuarbeiten, wäre gleichzeitig ein wünschenswerter Stolperstein für diejenigen, die ein »unpolitisches« Image der Psychoanalyse festschreiben wollen. Sinnvoll erschiene es mir hier, über die Grenzen der »Freudianer« hinauszugehen, um beispielsweise einen Autoren und NS-Kritiker wie Manès Sperber – dessen Biografie ohnehin manche bemerkenswerte Parallele zu Wilhelm Reich aufweist – einzubeziehen.

Ausgearbeitete wissenschaftliche Biografien von Personen, die eine wesentliche Rolle für die Psychoanalyse in NS-Deutschland spielten, liegen – abgesehen von Freud und Reich – nur für Edith Jacobssohn (May/Mühlleitner 2005) und Felix Schottlaender (Bley 2011) vor, nicht jedoch für John Ritttmeister, Felix Boehm, Carl Müller-Braunschweig, Harald Schultz-Hencke,(1) Werner Kemper oder Alexander Mette (1897-1985).
Gerade Letzterer bietet ausgezeichnete Ansatzmöglichkeiten für eine biografische Aufarbeitung: In den zwanziger Jahren beginnend und dies bis in die Zeit seines politischen Engagements in der DDR fortsetzend, führte er regelmäßig und oft ausführlich Tagebuch. Durch seine verschiedentlichen Anpassungen an unterschiedliche Anschauungen und politische Systeme (vgl. die Mitteilungen zu ihm in 2.16.2) ist er ohnehin eine für Biografen interessante Gestalt.

Die Wechselwirkungen zwischen Psychoanalyse, Medien-, Wissenschafts-, Kunst-, Kultur- und Sexualpolitik im Dritten Reich (4.10–4.13) habe ich nur anreißen können. Jeder einzelne dieser Aspekte verdient weit mehr Aufmerksamkeit.
Am effektivsten wäre hier sicherlich ein interdisziplinäres Herangehen, das Psychoanalytiker, Historiker, Kultur- und Politikwissenschaftler, Soziologen und andere vereint. Da ich während des Erarbeitens des vorliegenden Textes ausgesprochen erfreuliche Erfahrungen in der Kooperation mit Forschern anderer Wissenschaftsrichtungen machen konnte, halte ich dies für realistisch.

Den Fragen, inwieweit in der deutschen Belletristik Freudsche Gedanken noch nach 1933 verarbeitet wurden und ob nicht psychoanalytische Erkenntnisse – meist wohl ohne beim richtigen Namen genannt zu werden – weiterhin ins Allgemeinwissen einsickerten, konnte ich ebenfalls nicht nachgehen.
Hier wäre in Zusammenarbeit mit Germanisten, Literaturwissenschaftlern und mit Mediengeschichte befassten Historikern sicherlich ebenfalls interessantes Neuland zu betreten.
Speziell der Umgang mit psychoanalytischem bzw. tiefenpsychologischem Schriftgut in der Deutschen Bücherei Leipzig (2.2.2–2.2.4) scheint mir ein gut abgrenzbares Forschungsthema zu sein, das um Vergleiche mit den damaligen Verfahrensweisen anderer Bibliotheken ergänzt werden könnte.

Was den wissenschaftlichen Wert von psychoanalytischen Publikationen betrifft, die im NS-Staat entstanden, konnte ich ebenfalls nur Denkanstöße liefern (2.16.1–2.16.2).
Wünschenswert erscheint mir, dass es bei einer Aufarbeitung dieses Themas zu einer übergreifenden Zusammenarbeit von Tiefenpsychologen käme, zumindest von Vertretern »freudianischer«, »adlerianischer« und »jungianischer« Lehren: Wie auch von mir noch einmal unterstrichen, gab es zahlreiche Überschneidungen zwischen den Schicksalen dieser Schulen im Nationalsozialismus.

Eine Wilhelm-Reich-Biografie, in der die erst seit 2007 zugänglichen Dokumente der Archives of the Orgone Institute ausgewertet werden, steht noch aus. Ich hoffe, meine Arbeit erleichtert und stimuliert auch das Entstehen eines solchen Werkes.

*

(1) Seit 2018 liegt nun der erste Teil einer ausführlichen Biografie von Schultz-Hencke vor, den Steffen Theilemann verfasst hat – ein zweiter Teil soll folgen. (Anmerkung Juli 2019)

 

Tipps zum Weiterlesen:

Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Eine Kurzfassung

Vorwort zur 3., erweiterten Auflage 2017