»Die Psychoanalyse bemüht sich, (…) unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen (…) umzuformen“. Das 1933er »Memorandum« (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 3)

von Andreas Peglau

Vorab.

Schon bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933, angetrieben auch von der Bedrohung durch die Bücherverbrennung, bemühten sich Funktionäre der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) darum, die Analyse dem neuen Regime anzudienen. Dabei spielte ein Schriftstück eine Rolle, das im Mittelpunkt des folgenden Beitrags steht.

Dieses „Memorandum“ ist mittlerweile im vollen Wortlaut abgedruckt in Werkblatt. Psychoanalyse & Gesellschaftskritik, 79 (2017), S. 9298,
Eine dem Original nachgestaltete Kopie des im folgenden Text erwähnten
Reichswart-Artikels „Psychoanalyse und Weltanschauung“ findet sich in Peglau 2017, S. 588-590.
Hier ist dessen Zweitabdruck in Wilhelm Reichs
Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie von 1934 nachzulesen:

Memorandum 1933 in ZPPS

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, Hg. Wilhelm Reich (als Ernst Parell), 1934, Heft 1, S. 74-76. Bitte hineinzoomen zum Lesen. (Quelle Archiv A. Peglau)

1983 deckte Helmut Dahmer in der Zeitschrift Psyche mittels dieser Publikation Reichs den Anpassungskurs des psychoanalytischen Hauptstroms an das NS-System auf (Lohmann 1984, S. 120136). Das löste eine erste Auseinandersetzung mit der Rolle der Psychoanalyse im Nationalsozialismus aus sowie eine bis heute anhaltende Kontroverse (Dahmer 2017; Nitzschke 2017).    

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Auf Bitten von Felix Boehm, dem designierten »arischen« Vorsitzenden der DPG, verfasste Carl Müller-Braunschweig (bald darauf ebenfalls DPG-Vorstandsmitglied) im Sommer 1933 ein »Memorandum«, um, so Boehm, »die bisherigen Verdienste unseres Institutes zu schildern, von [Wilhelm] Reich’s in Berlin bekanntgewordenen Ansichten deutlich abzurücken und zu zeigen, wie die Ps[ycho].A.[nalyse] die wertvollen Seiten jedes Menschen fördere« (Brecht et al. 1985, S. 105). Wesentliche Passagen dieses Memorandums fanden sich dann nahezu wörtlich unter der Überschrift »Psychoanalyse und Weltanschauung« am 22.10.1933 in einem Artikel Müller-Braunschweigs in der nationalsozialistischen Wochenschrift Der Reichswart.(1)
Aber bereits das Memorandum enthielt – allerdings erst am Ende einer sachlichen achtseitigen Darstellung von Geschichte, Gegenwart und möglichen Perspektiven der DPG und des Berliner Psychoanalytischen Instituts – Formulierungen über die Verwendbarkeit der Psychoanalyse im Nationalsozialismus (Schröter 2009, S. 9ff.).(2)
In dieser ursprünglichen Fassung lauteten sie:

»Die Psychoanalyse bemüht sich nicht allein – auf körperlichem Gebiete – sexuell unfähige Menschen zu sexuell fähigen zu machen, sondern überhaupt auf allen Gebieten des Menschen unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebensfremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeitenins Auge zu sehen vermögen, ihren Triebimpulsen Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, liebesunfähige und egoistische Menschen zu liebes und opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern am Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu herausgestellten Linien einer heroischen, realitätszugewandten, aufbauenden Lebensauffassung neu zu dienen« (zitiert in Lockot 2002, S. 141ff.).

Umso befremdlicher ist es, von Felix Boehm dazu Folgendes zu erfahren:

»Nun bat ich [Ernest] Jones als Präsidenten der I.P.V. um eine Unterredung. An dieser nahmen im Haag am 1.10.33 Jones, [IPV-Vorstandsmitglied] van Ophuijsen, Müller-Br.[aunschweig] und ich teil. […] die Unterredung dauerte ca. 6 Stunden. Müller-Br. und ich erzählten alles, was wir bis jetzt über die Geschicke der PsA wussten, u.a. verlas Müller-Br. das von ihm verfasste Memorandum; die Unterredung führte zu einer vollkommenen Übereinstimmung.
Alle bis dahin von uns unternommenen Schritte wurden von Jones gutgeheissen. Er versprach uns(3) weitestgehende Förderung und Unterstützung und schrieb sofort in diesem Sinne an Anna Freud. Darauf erhielt ich einen Brief von Anna Freud vom 17.10., aus dem ich zitiere: ›[…] Jones hat mir auch schon geschrieben und von dem(4) sehr erfreulichen Verlauf der Zusammenkunft berichtet. Dass ich Ihnen ein Überwinden aller Schwierigkeiten in der nächsten Zukunft wünsche, brauche ich Ihnen wohl nicht extra zu sagen‹« (dokumentiert in Brecht et al. 1985, S. 106f.; Hervorhebungen von mir – A.P.).

Da es sich bei Boehms Text, aus dem dieses Zitat stammt, um einen bereits 1934 verfassten, wohl an die IPV-Leitung weitergereichten Bericht handelt,(5) den auch die dort namentlich genannten Personen in die Hand bekommen haben dürften, wird er sich an die Wahrheit gehalten haben.(6) Das bedeutet, dass auch IPV-Präsident Jones die oben zitierten Sätze aus dem Memorandum kannte und billigte.(7)
Inwieweit die IPV-Sekretärin Anna Freud – und durch sie oder Jones auch Sigmund Freud – über das Memorandum informiert war, muss offen bleiben. Dass Jones ihr »den sehr erfreulichen Verlauf der Zusammenkunft berichtet« haben könnte, ohne das Memorandum zu erwähnen, halte ich allerdings für unwahrscheinlich.

Müller-Braunschweig wurde wegen dieser Sätze im Memorandum nicht nur offenbar von keinem Mitglied der IPV-Leitung gerügt, 1950 sollte er sogar der von der IPV anerkannte Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung werden. »Die psychoanalytische Welt sah in Müller-Braunschweig den Repräsentanten der Psychoanalyse in Deutschland«, berichtet Helmut Thomä (Thomä 1963a, S. 77).(8)

Den anderen DPG-Mitgliedern wurden 1933 sowohl Memorandum als auch Reichswart-Artikel erst nachträglich bekanntgemacht und lösten bei diesen unterschiedliche, von Verständnis bis Empörung reichende Reaktionen aus (Schröter 2009, S. 1100f.).

Auch Wilhelm Reich entdeckte den Reichswart-Artikel und druckte ihn 1934 in der ersten Ausgabe seiner Exil-Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie unter der Überschrift »›Unpolitische‹ Psychoanalyse« ab (ZPPS, Bd. 1, H.1 1934, S. 74ff.). Für eine weitere Ausgabe seiner Zeitschrift verfasste er einen Kommentar(9):

»Die Verbrennung der Bücher Freuds im ›Dritten Reich‹ hatte dem genannten Vorstandsmitglied [gemeint ist Müller-Braunschweig – A.P.] die Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Faschismus offenbar nicht klar genug demonstriert. Als zur Emigration gezwungenes Mitglied der deutschen psa. Vereinigung erkläre ich hiermit, daß der genannte Artikel von Müller-Braunschweig eine Schande für die gesamte psychoanalytische Wissenschaft und Bewegung darstellt. Die psychoanalytischen Forschungsergebnisse […] widersprechen […] dem Nationalsozialismus wie jeder reaktionären Moral- und Weltauffassung. Als kulturpolitische Bewegung muß sie [die Psychoanalyse – A.P.] sich anläßlich der Bücherverbrennung etc. zum Todfeind des Nationalsozialismus erklären. Der gegenwärtige deutsche Reichskanzler handelte, das sei hier nachdrücklichst betont, von seinem Standpunkt aus, durchaus folgerichtig, als er die Bücher des ›Untermenschen‹ Freud verbrennen ließ.(10)
Um so größer ist die Schande der Bestrebungen führender Analytiker, sich gleichschalten zu lassen« (zitiert in Fenichel 1998, Bd. 1, S. 103f.).

Spätestens durch diesen Zweitabdruck wurde Müller-Braunschweigs Reichswart-Artikel auch anderen, nichtdeutschen Analytikern im Wortlaut bekannt. Das beweist eine Besprechung von Reichs Exilzeitschrift in der Imago (1934, Bd. 20, S. 504–507). Dort behauptetet Robert Wälder, dass die

»vorliegenden ›wissenschaftlichen Bestrebungen‹ [Reichs] mit der Psychoanalyse nichts mehr zu tun haben, daß niemand, der Reich auf seinem Wege folgt, mehr Recht hat, sich noch auf die Psychoanalyse zu berufen als irgend andere Autoren, die ein Stück psychoanalytischen Gedankengutes, modifiziert und unter Eliminierung anderer Motive, für ihre Zwecke verwenden«.

Wälder monierte zugleich, dass Reich unter der Überschrift »›Unpolitische‹ Psychoanalyse« ein Zitat des Analytikers Richard Sterba wiedergegeben habe. Dass dieses Zitat jedoch nur die Einleitung für den im Anschluss daran beginnenden Nachdruck des Reichswart-Beitrags bildete (siehe Kopie des Reich-Beitrags oben), verschwieg Wälder.(11)

Da die Imago, in der Wälders Besprechung erschien, von Freud selbst herausgegeben wurde, muss auch Freud diese Rezension und damit die Existenz der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie zur Kenntnis genommen haben. Reich dürfte Freud aber ohnehin seine Zeitschrift zugeschickt haben, so wie er es mit anderen, von ihm ab 1933 veröffentlichten Schriften wie der Massenpsychologie des Faschismus auch tat.(12)

Mit dem Nachdruck des Reichswart-Artikels und anderen Beiträgen in seiner Zeitschrift war und blieb Reich der einzige Analytiker, der seine Kollegen öffentlich davor warnte, sich mit dem Faschismus einzulassen. Was dieses Sich-Einlassen im Einzelnen bedeuten würde, konnte jedoch auch er noch nicht ahnen.

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Geänderter Auszug aus Andreas Peglau, Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, 3., erweiterte Auflage, Psychosozial-Verlag Gießen 2017). Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus

Dessen KOMPLETTES Quellen- und Literaturverzeichnis findet sich hier: Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017

Zusätzliche Quellen dieses Beitrags:
Dahmer, Helmut (2017): Schuld, Scham und Abwehr. Ein DPG-DPV-Trauerspiel in drei Akten. Werkblatt – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik 34, 79/2017, Heft 2, S. 5–44.
Nitzschke, Bernd (2017): Schamabwehr per Schuldzuweisung. Vom Umgang der Erben mit der Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Werkblatt – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik 34, 79/2017, Heft 2, S. 47–90.

Anmerkungen
(1) Der Reichswart (zeitweise erschienen mit den Untertiteln Wochenschrift für nationale Unabhängigkeit und deutschen Sozialismus bzw. Organ der Deutschen Glaubensbewegung (Staatsbibliothek Berlin, Ad 768 MR) war zwar eindeutig nationalsozialistisch ausgerichtet, jedoch im Vergleich zu Stürmer oder Angriff politisch gemäßigter. Schon die bloße Tatsache, dass es hier möglich war, offen für die Psychoanalyse einzutreten (in einer späteren Ausgabe wurde daran noch einmal sachlich angeknüpft), belegt die weiter gesteckten Toleranzgrenzen des Reichswart: Ein solcher Artikel wäre in den anderen beiden NS-Periodika undenkbar gewesen. Das lag nicht zuletzt daran, dass Reichwart-Herausgeber Graf Ernst zu Reventlow eine teilweise tolerantere politische Haltung als Hitler und Goebbels hatte (vgl. Krebs 1959, S. 220–225). Neben an anderen Stellen ausgedrückter Wertschätzung urteilte Goebbels am 22.3.1935 über Reventlow: »Er ist und bleibt ein Außenseiter« (Goebbels 1992, Bd. 3, S. 855).
(2) Ein im Reichswart verwendetes Freud-Zitat aus »Psychoanalyse« und »Libidotheorie« (…) wurde im Memorandum noch nicht verwendet. Michael Schröter hat mir die Möglichkeit gegeben, den Originaltext des Memorandums einzusehen.
(3) Im Original »und« statt »uns« (siehe Brecht et al. 1985, S. 107).
(4) Im Original »der« statt »dem« (siehe ebd.).
(5) Er wurde im Londoner Archiv der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft archiviert (siehe Stempel ebd., S. 99).
(6) Mir ist auch keine Stellungnahme bekannt, welche die dortige Darstellung Boehms in den zitierten Punkten bestreitet.
(7) So wertet dies auch bereits Bernd Nitzschke (1997, S. 97ff.).
(8) Dies hat Bernd Nitzschke bereits ausführlich dargestellt und kritisiert (Nitzschke 1997, S. 85, 104–111). Noch 1935 sahen Jones, Max Eitingon und Anna Freud »in Müller-Braunschweig keinen uneigennützigen, vertrauensvollen Vertreter der Psychoanalyse. Jones meinte nun, daß Müller-Braunschweig mit einer Verbindung der psychoanalytischen Philosophie mit dem quasi-theologischen Konzept der nationalsozialistischen Ideologie kokettiere und antisemitisch eingestellt sei« (Lockot 1994, S. 37).
Sowohl über Felix Böhm als auch über Müller-Braunschweig wurde – vermutlich zunächst von ihnen selbst – behauptet, sie hätten 1938 Publikationsverbote erhalten (Brecht et al. 1985, S. 160; Lockot 2002, S. 117). Dies wird jedoch durch Beiträge, die Müller-Braunschweig 1939 und 1940, Böhm 1940 und 1942 veröffentlichten, widerlegt (Peglau 2017, S. 357, 368f.). In Mitteilungen zu Müller-Braunschweig und Böhm wird auf das angebliche Publikationsverbot dennoch weiter verwiesen: https://dpg-psa.de/Chronik_1907-1958.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_M%C3%BCller-Braunschweig.
(9) Vielleicht schloss Reich sich Fenichels Meinung an, dass der Reichswart-Artikel für sich spräche (Fenichel 1998, Bd. 1, S. 104). Jedenfalls kürzte er seinen Text dann für die Veröffentlichung als Vorbemerkung zu Ein Widerspruch der Freudschen Verdrängungslehre (ZPPS Bd. 1, H. 2 1934, S. 115): https://archive.org/details/ZeitschriftFuumlrPolitischePsychologieUndSexualoumlkonomieI1934Heft/page/n27.
(10) Direkte Einflussnahme Hitlers auf die Bücherverbrennung ist nicht erwiesen. Dass Reich auch selbst betroffen war, scheint er zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst zu haben. 1956 sollte er erneut die Verbrennung seiner Bücher erleben – diesmal in den USA.
(11) Darauf verweist bereits Bernd Nitzschke (1997, S. 92ff.).
(12) Vgl. Davis/Fichtner 2006.

 

Tipp zum Weiterlesen:

Verbotene Psychoanalyse? Zwischen „soll unangetastet bleiben“ und „ist auszumerzen“ (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 4)