Utopie oder Dystopie? Zitate und Notizen zu China, Mai 2020 bis Oktober 2021

von Andreas Peglau

China wird heute meist als Staat dargestellt, der seine Bürgerinnen und Bürger extrem kontrolliert und unterdrückt. Auch denjenigen, die die hiesigen „Corona“-Maßnahmen als Installation eines Polizeistaates werten, gilt China oft als Synonym für das, was uns schlimmstenfalls erwartet. Vielfach wird außerdem vor der Entstehung eines „globalen China“ gewarnt.

Bis vor kurzem habe auch ich China schlicht als weiteren kapitalistisch-autoritären Staat abgetan. Die aktuell in Westeuropa grassierende Entdemokratisierung hat mich dazu gebracht, genauer hinzuschauen. Einiges, was ich seither zu China gelesen,[1] notiert oder auch weitergegeben habe, habe ich hier chronologisch zusammengestellt. Es hat weder den Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit noch auf Endgültigkeit – aber es lässt sich nutzen, um eigene Positionen dagegen zu setzen oder zu überprüfen.

So sehr mich China nun fasziniert, so sehr passt doch auch für mich manches nicht zusammen.
Vielleicht ist es europazentristisch, aber ich meine, dass psychische Gesundheit mit ausgeprägter Individualität inklusive individuellen Freiheiten einhergehen muss. (Das habe ich auch immer in den Satz aus dem
Kommunistischen Manifest hineingedeutet, es gehe um ein Gemeinwesen, in dem „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.) Selbst nach Mitteilung wohlmeinender Beobachter scheint jedoch das Interesse an entfalteter, insbesondere unkontrollierter Individualität bei einem Großteil der Chinesen schwach ausgeprägt zu sein.[2]
Weitere brisante Fragen, die mir geblieben sind:

Können – wie es in China versucht wird – Kapitalismus und Sozialismus in einem Staat langfristig koexistieren?
Könnte China zu Teilen ein
positives Zukunftsmodell abgeben, auch für die BRD, für Europa?
Könnte dieses Modell als Gegenentwurf funktionieren zu einem menschenverachtenden „Great Reset“?[3]

Stefan Baron, Journalist, Volkswirt, Chinakenner, Befürworter der bürgerlichen Demokratie, kritisiert „das chinesische Regime“ dafür, dass es „Herrschaft für das Volk“ sei, im Gegensatz zur im „Westen“ üblichen „Herrschaft durch das Volk“.[4] Dazu kann ich nur sagen: Herrschaft FÜR das Volk wäre in der BRD ein Riesenfortschritt.

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(Mai 2020)

Ich habe soeben dieses Buch gelesen: Wolfram Elsner, „Das chinesische Jahrhundert“.
https://www.westendverlag.de/buch/das-chinesische-jahrhundert/
Ich bin begeistert. Es ist lange her, dass ein Buch meine aktuelle Weltsicht derartig verändert hat – in diesem Falle sogar: eindeutig positiv. Hier einige Fakten und Zitate daraus.

– Ab 2001 wurde die chinesische Ökonomie „tatsächlich eine Marktwirtschaft, eine Marktwirtschaft, wie sie nämlich auch sein könnte: kein Selbstzweck, (…) sondern ein Instrument der Wohlstandsmehrung der Bevölkerung, (…) kein neoliberales Vehikel, (…) sondern ein Mechanismus“, welcher „der nationalen Entwicklung“ dient. (S. 2f.)

– „Die UNO lobte 2020 die Minderheitenpolitik und die Religionsfreiheit Chinas, nicht zuletzt auch in Bezug auf die Uiguren.“ (S. 54)

– „2014 wurde ein ‚Krieg gegen die Luftverschmutzung‘ ausgerufen (…) Allein 2017 wurden in China Kohlegewinnungs-Kapazitäten in Höhe von 150 Millionen Tonnen stillgelegt und landesweit 1000 (!) Kohlebergwerke geschlossen. In den nächsten drei bis fünf Jahren soll die Kohleförderung um weitere 500 Millionen Tonnen verringert werden. Zusätzlich wurden 2016 in China auch Stahlkapazitäten in Höhe von 65 Millionen Tonnen stillgelegt“. Die dabei bis zu vier Millionen weggefallenen Arbeitsplätze wurden „in anderen Sektoren neu geschaffen“ (S. 74), wobei die Qualität der Arbeitsbedingungen systematisch angehoben wurde. China ist übrigens „das streikfreudigste Land der Welt“, Streiks sind hier zudem „weniger reglementiert“ als in der BRD. (S.183)

– „Kohle wurde durch Gasversorgung ersetzt oder durch Solarenergie (…) – wovon allein Beijing mit seinen 22 Millionen mehr produziert als Deutschland.“ (ebd.)

– „In den großen Städten wurde die Zahl der Autos beschränkt, und Neuzulassungen sind praktisch nur noch für Elektrofahrzeuge (mindestens aber Hybride) möglich.“ (ebd.)

– Seit 1978 wurden in China „70 Milliarden Bäume gepflanzt“, bis 2050 sollen es 90 Milliarden sein. So hat China unter anderem die Wüstenbildung zurückgedrängt und gigantische Flächen wieder bewohnbar gemacht. Bereits seit 1998 gilt ein landesweites Verbot von Abholzungen. (S. 208–212)

– Auch im lange rückständigen Westen des Landes sind nun „die letzten Reste von Armut (…) seit 2020 vollständig beseitigt“; von den 280 Millionen Wanderarbeitern sind „circa 100 Millionen wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt, weil sie dort in den neu entstandenen Industrien (…) Einkommen finden“. (S. 75f.)

– „Die größten Städte der Welt liegen in China“, sind aber im Gegensatz zu den West- und Dritte-Welt-Megastädten „überraschend gut organisiert, (…) sozial integriert, sauber und gepflegt und vor allem überraschend grün“. (S. 76)

– China ist „mit gut 50 Prozent des Sozialproduktes geringer verschuldet als fast alle westlichen Industrieländer“. (S. 86)

– „Chinas Pro-Kopf-Wachstum des Sozialprodukts betrug in den Jahren 2000 bis 2020 über 360 Prozent“ gegenüber 27 Prozent in der BRD und 24 Prozent in den USA. Das kann „nicht mehr allein mit dem geringen Ausgangsniveau Chinas erklärt werden“. „Die chinesischen Auslandsinvestitionen sind zwischen 2008 und 2018 um 834 Prozent gestiegen.“ (S. 94)

– China „geht inzwischen erfolgreich eine Rückverteilung“ des Reichtums „in Richtung auf mehr Gleichheit an, und die Reallohnsteigerungen sind sensationell“. (S. 95)

– In wenigen Jahrzehnten hat China „die Lebenserwartung der Bevölkerung mehr als verdoppelt, die Armut im Land genauso beseitigt wie das Analphabetentum und die Gleichstellung der Geschlechter realisiert“. (S.114)

– „China weist eine der weltweit höchsten Erwerbsbeteiligungen bei Frauen auf. Drei Viertel aller Chinesinnen im Erwerbsalter gehen einer Erwerbsarbeit nach. (…) Eine Mehrheit der Studierenden“ sind Frauen, ebenso „ein Viertel aller Unternehmer“, „55 Prozent“ der Gründer von Internetfirmen, 44 Prozent aller Personen auf mittleren und hohen Managementpositionen. (S. 178)

– „Diskriminierung, Missachtung und Missbrauch von Frauen“ werden „hart verfolgt und bestraft. (…) Eine menschenfeindliche und menschenverachtende pornografische ‚Schattenwelt‘ wie im Westen existiert nicht“. (S. 178f.)

– „Der ‚politisch-ideologische Deal’ besteht darin“, dass Unternehmer „sehr reich werden dürfen“, aber einen Teil ihrer Profite zur „Bereitstellung bestimmter Gemeinschaftsgüter“ verwenden müssen: „eine staatlich vorgeschriebene Sozialisierung von Profitanteilen“. (S. 146)

– „In China ist Land grundsätzlich im Kollektiveigentum und damit dem Staat (…) unterstellt. (…) Ein Privateigentum an Grund und Boden, Natur und Ressourcen ist damit nicht möglich. Privatpersonen und Unternehmen“ werden jedoch bis zu 70 Jahre geltende Pachtverträge angeboten. (S. 154f.)

– „Mit 1,4 Milliarden Krankenversicherten ist nun die gesamte Bevölkerung erfasst.“ (S. 175)

– „Die tägliche Arbeitszeit ist strikt auf acht Stunden beschränkt (…). Das Renteneintrittsalter liegt für Männer bei 60 Jahren, für Frauen bei 55.“ (S. 177)

– Die gesellschaftlichen Maßstäbe und Ziele werden „in China in öffentlichen Debatten, wissenschaftlichen Konferenzen, öffentlich zugänglicher Literatur und bei konkreten Maßnahmen breit und kritisch diskutiert.“ Ein westlicher Besucher kommentiert: „Die (chinesischen) Bürger haben viel mehr zu sagen, wie ihr Land regiert werden soll, als jene im Westen.“ (S. 184; 189)

Hier ein paar meiner durch diese Lektüre gewonnenen Erkenntnisse:
1) Der Sozialismus ist nicht tot, sondern nimmt in Gestalt wesentlicher Aspekte des gegenwärtigen chinesischen Systems zunehmend globalen Einfluss. In China wird heute vom Frühstadium eines Sozialismus gesprochen. Dem kann ich trotz allem, was ich in China kritisch sehe, folgen. Erst recht, wenn ich über das rein Ökonomische hinausschaue, das ja (auch für den frühen Marx) nur ein MITTEL zum eigentlichen Zweck war bzw. ist: erfülltes, sinnvolles Leben.
2) Der „Westen“ steht auf diversen Gebieten durch seine eigenen, systemimmanenten Probleme und durch Chinas zu Teilen alternative Entwicklung mit dem Rücken zur Wand. Dabei geht es nicht nur um Ökonomie, sondern auch um die Sinnlosigkeit verbliebener „westlicher“ Lebensziele: materielle Bereicherung/ Konsum, Konkurrieren u.ä.. Da hat die Mischung aus Taoismus, Konfuzianismus und Marxismus, für die das heutige China steht, weitaus mehr zu bieten.
3) Ich denke, was die Herrschenden aus „Corona“ fabriziert haben, ist nicht zuletzt eine Reaktion genau darauf. Wir haben also überhaupt keine Chance, die Geschehnisse um „Corona“ umfassend zu verstehen, wenn wir uns nicht gründlich über Chinas politisch-ökonomische Entwicklung informieren.
4) Es ist ebenso notwendig wie hoffnungsstiftend, den Blick über den engen „westlichen“ Tellerrand zu richten, den US- und Eurozentrismus zu überwinden. China, das ein Fünftel der Weltbevölkerung umfasst, kann nicht schlicht als „neoliberal“ eingestuft werden. Unter anderem, weil der dortige kapitalistische Sektor von einer sich am Kommunismus anlehnenden Partei kontrolliert wird, deren Vorgaben erfüllen muss – oder verstaatlicht wird.
China ist offensichtlich wirtschaftlich bald stärker als die USA, wohl auch – im Verbund mit Russland – nicht mehr militärisch besiegbar durch „den Westen“.
Ins Seidenstraßen-Projekt sind bereits 137 Staaten und fünf Milliarden Menschen eingebunden: weit mehr als die Hälfte der Menschheit.
5) Das mir unerträglich erscheinende Kontrollieren und Gängeln der Bevölkerung in China ist dort immerhin nicht dem Streben nach Maximalprofit einzelner Kapitalisten untergeordnet. Und es scheint von einem Großteil der Bevölkerung gewünscht zu sein, als „Geborgenheit“ verstanden zu werden – etwas, was ich von mir aus der DDR kenne.
Selbst nach US-amerikanischen Untersuchungen sind über 80 % der Chinesen zufrieden mit ihrer Führung. In Europa liegt diese Zahl in der Regel um die 50 %.
Chinas Führung hat es also gar nicht nötig, „Corona“ zu erfinden oder zu nutzen, um die Bevölkerung hinter sich zu bringen. In China wird offenkundig wegen Corona getestet, um die Bevölkerung zu beruhigen, hierzulande, um die Bevölkerung in Panik zu versetzen und in Ruhe terrorisieren zu können.
6) Weder Neoliberalismus noch US-Imperialismus sind heute die einzig entscheidenden Einflussgrößen auf unserem Planeten. Was für eine schöne Erkenntnis!

Ergänzung.

Nils Schmid, Außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, vermerkte schon im August 2018 zur „Systemkonkurrenz“ (Hervorhebungen A.P.) :

China fordert den Westen und die von ihm getragene liberaldemokratische Ordnung allumfassend heraus. Während wir gebannt auf das Treiben Russlands und den islamistischen Terrorismus starren, gerät allzu leicht aus dem Blick, dass allein China das Potenzial hat, die Welt in allen Lebensbereichen zu prägen. (…) Wenig beachtet wird, dass die Volksrepublik China den liberaldemokratisch verfassten Westen auch politisch-gesellschaftlich herausfordert. Seit dem Ende der Systemkonkurrenz mit dem Ostblock sieht sich der Westen zum ersten Mal mit einer alternativen Ordnungsform konfrontiert, die sich umfassend – politisch, gesellschaftlich und ökonomisch – abhebt und dabei innenpolitische Stabilität und gesellschaftliche Entwicklung dauerhaft zu garantieren scheint. Die Kommunistische Partei Chinas formuliert eindeutig ihren Anspruch, eine ideologisch fundierte Systemalternative zu bieten. Das übergeordnete Narrativ des 19. Parteitags im Herbst 2017 lautete: Nach 40 Jahren unter dem Motto ‚Reform und Öffnung‘ erfolge nun der Eintritt in die ‚Neue Ära des Sozialismus chinesischer Prägung‘.“

https://internationalepolitik.de/de/die-chinesische-herausforderung

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(Juni 2020)

Leider haben der „real existierende Sozialismus“ und die in der „Linken“ vorherrschende Ideologie sich nie konsequent von vielem verabschiedet, was – neben kapitalistischen Produktionsverhältnissen – ebenfalls dringend zu entsorgen gewesen wäre: Patriarchat, Leistungsdenken, Autoritarismus, Abwertung von Psyche und Psychologie … Diese Züge verbanden daher weiterhin sozialistisches und kapitalistisches Lager. Der Realsozialismus ist um 1990 – vor allem an seinen eigenen Fehlern – zerbrochen und vom Realkapitalismus in einer feindlichen Übernahme plattgemacht worden.
Was jetzt gerade in Europa und in den USA passiert, sagt daher aber auch nichts mehr aus über das Potential oder die Grenzen sozialistischer Ideen. Zumal diese Ideen niemals konsequent weiterentwickelt wurden. Es wäre also verfrüht, sie als „gescheitert“ einzutüten.
Und: Aus China kommt eine Variante dieser Ideen wieder zu globaler Bedeutung. Je mehr ich über China lese, desto mehr denke ich: Hoppla – das kommt mir doch zu Teilen bekannt vor – aus der DDR! Hier hat ein paternalistisch-autoritäres, wohl als „staatssozialistisch“ zu bezeichnendes System einen wirtschaftlichen und politischen Riesenerfolg – weitaus mehr Erfolg, als der DDR vergönnt war.

Es geht dabei ganz sicher nicht nur um Konfuzius. Sondern auch um etwas, was ich aus der DDR kenne: Gemeinsamkeit und Bezogenheit, Geborgenheit, Planbarkeit des Lebens und der Wirtschaft usw. (Auch wenn die Umsetzung in der DDR oftmals defizitär war bzw. die Erreichung dieser Ziele unter Umständen sogar verhinderte: Diese Ziele selbst sind sinnvoll geblieben.)
Das heißt zugleich: Innerhalb der sozialistischen europäischen Traditionslinie existieren wichtige, nicht-konfuzianische Überschneidungen mit den positiven Aspekten der in China vorherrschenden Weltanschauung. (Für diejenigen von uns, denen ganzheitliches Denken wichtig ist, bieten freilich Konfuzianismus und Taoismus zusätzliche Anknüpfungspunkte.)

Was wir brauchen, ist also „nur“ die – möglichst massenhafte – Bereitschaft, sich auf solche Ideen (erneut) einzulassen, sie diesmal wirklich tiefgründig auf ihre (weitere) Tauglichkeit zu überprüfen, sie weiterzuentwickeln und endlich konsequent anzuwenden. Möglichst so, dass es (noch) besser wird als in China. Oder vielleicht auch nur: uns Europäern gemäßer.
Bekommen wir das nicht hin, droht uns eine noch dämlichere und noch lebensfeindlichere Kapitalismusvariante als wir sie schon haben – oder eben: die Pervertierung chinesischer Ideologie zur „westlichen“ „Gesundheits“-Diktatur – ohne jeden konfuzianischen Unter- bzw. Überbau. Und natürlich ohne Marx.

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(August 2020)

Ich habe jetzt den neuen rubikon-Beitrag von Ulrich Mies gelesen: https://www.rubikon.news/artikel/transnationaler-elitenfaschismus
Das hätte ich nicht getan, wenn ich ihn nicht gut fände.
Es gibt aber ein ABER.

Denn Mies schreibt über die „westlichen Eliten“, als ob es gar keine anderen Eliten gäbe, als ob diese „westlichen Eliten“ die gesamte Welt beherrschen würden. Daraus leitet er die hohe Wahrscheinlichkeit globaler totalitärer Entwicklungen ab.
Vermutlich sieht er da, wie wohl die meisten „Linken“, keine wesentlichen Differenzierungen. Ich sehe die jedoch und halte genau das für einen entscheidenden Faktor.
Weder China noch Russland lassen sich umstandslos in den Topf der „Westeliten“ werfen, wahrscheinlich auch Afrika immer weniger. Die von Trump geführten USA spielen ebenfalls eine andere Rolle.
Was wir erleben, ist daher kein weltweiter Elitenputsch, sondern: In einer insbesondere durch China/ Asien (in Kooperation mit Russland) wirtschaftlich UND politisch zunehmend umgestalteten Welt versuchen deutsche/ europäische und auf weitere neoliberale Globalisierung setzende Eliten – Letztere unter anderem vertreten durch Bill Gates und Klaus Schwab – möglichst viel Macht und Geld an sich zu reißen, wohl auch zu retten, was für sie zu retten ist.
Das heißt zugleich: Die Spielräume dieser Elitenvertreter sind begrenzt. Sie können mit uns NICHT machen, was sie wollen, denn es gibt wieder Systemalternativen. Würden sie uns alle hier in Europa offener massiver Gewalt unterwerfen, würde vermutlich eine Massenabwanderung nach China einsetzen. Schon jetzt gehen Studenten oftmals lieber an chinesische Unis als an US-amerikanische oder europäische.
Es ist in dieser Hinsicht wahrscheinlich ähnlich wie es bis 1990 war: Die Existenz von Systemalternativen erzwingt, dass die Eliten Kompromisse machen.
Ich denke, das steht auch – neben anderem – hinter der offensichtlichen Absicht, die BRD-Bevölkerung hinter sich zu bringen durch Panikmache, statt sie (nur) durch brutale Unterdrückung gefügig zu machen.

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(Oktober 2020)

So offen wie hier hatte ich noch nicht gelesen, dass man sich hierzulande an den – in diesem Falle nicht nachahmenswerten – Aspekten der Entwicklungen in China orientieren könnte:

Corona-Krise, Klimakrise, Migrationskrise: Deutschland, Europa und die Welt stehen vor wahrhaft historischen Herausforderungen.

(…)
Das Forschungsministerium hat sich gerade mit genau diesen Fragen befasst. Für eine Studie des „Zukunftsbüros“ sind mehr als 1.200 Menschen zu ihren Wertvorstellungen und Zukunftserwartungen befragt worden. Herausgekommen sind neben einem riesigen Berg an Daten auch sechs mögliche Szenarien für Deutschlands Zukunft in den 2030er Jahren.https://www.t-online.de/nachrichten/id_88627734/deutschland-2030-sechs-szenarien-fuer-wohlstand-oder-untergang.html

In der Langfassung der Forschungsergebnisse heißt es:

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie stellen keine Prognosen oder finalen Antworten auf die Studien-Leitfragen dar. Vielmehr zielen sie darauf ab, im Sinne der Strategischen Vorausschau, ein breites Spektrum an möglichen Zukünften und Entwicklungspfaden aufzuzeichnen – und dabei auch zu einem Diskurs über die Zukunft anzuregen. (https://www.vorausschau.de/files/BMBF_Foresight_Wertestudie_Langfassung.pdf)

Dazu findet sich im oben genanten t-online-Beitrag als Vision für die 2030er Jahre:

Szenario 5: Um das Zusammenleben besser steuern zu können, hat Deutschland ein Punktesystem ähnlich wie in China eingeführt. Positive Beiträge zur Gesellschaft werden belohnt, negatives Verhalten kostet dagegen Punkte – und damit auch Möglichkeiten. So ist es gelungen, wirkungsvoll auf die Klimakrise zu reagieren und den Arbeitsmarkt leistungsfähiger zu machen. Doch es gibt auch Kritik daran.

In der Langfassung wird formuliert:

Eine Gesellschaft, in der digitale Parameter die Rahmenbedingungen setzen, in der soziales Engagement über ein Punktesystem entsprechend erfasst und belohnt wird, die aber auch eine Tendenz der Desintegration und Spaltung enthält: das Bonus-System.

Auf Seite 123 werden dort Signale (in der Gegenwart) für ein mögliches Eintreten des Szenarios 5“ aufgeführt:

Der Psychologe Gerd Gigerenzer warnt: „Wenn wir nichts tun, wird eines Tages ein Unternehmen oder eine staatliche Institution die verschiedenen Datenbanken zu einem einzigen Sozialer-Kredit-Score zusammenführen.“ Erste Schritte in diese Richtung seien längst getan mit der SCHUFA (z. B. Geoscoring) und Telematik-Tarifen.

Eine Umfrage von YouGov zeigt bereits für die Gegenwart eine gewisse Akzeptanz auf: Jede bzw. jeder sechste Deutsche spricht sich heute für ein Sozialkreditsystem wie in China aus, mit 25 % der Befragten befürworten nochmal mehr eine Belohnung für gutes Verhalten. Auf die Frage „Was müsste sich in unserem Land ändern?“ gaben in der CAPI-Befragung 22 % der Befragten an: „Der Staat sollte das Verhalten stärker lenken, z. B. durch Anreize.“

Die Logik (digitaler) Punktesysteme ist auch in anderen Bereichen bereits fest im Alltag verankert, beispielsweise im Credit-System des Bologna-Prozesses der europäischen Hochschulreform. Der Soziologe Armin Nassehi zeigt auf, wie bereits im 19. Jahrhundert mithilfe von Sozialstatistiken Verhaltensmuster und Regelmäßigkeiten entdeckt wurden. Die Digitalisierung habe diese Datenanalyse schlicht perfektioniert und – nach der Entstehung der Nationalstaaten und der Moderne – zu einer „dritten Entdeckung der Gesellschaft“ geführt. Die Komplexität der gesellschaftlichen Moderne sei dadurch erst sichtbar geworden.

In Deutschland gibt es bereits seit längerem „grüne Hausnummern“, etwa im Landkreis Lüneburg. Eine solche wird dort verliehen, wenn Gebäude bestimmte Kriterien erfüllen. Vilshofen ging einen Schritt weiter und plante für 2020 „grüne Hausnummern“, die man bekomme, wenn man ein nachhaltiges Leben führe – beurteilt werde dies anhand von 51 Kriterien, wie etwa dem Fleischkonsum, dem Stromverbrauch und der Nutzung von ÖPNV.

In dem Expertinnen- und Experteninterview 1 wurde herausgestellt, dass Menschen aus Bequemlichkeit gerne ihre Daten herausgeben und es akzeptieren, ihre Freiheit bzw. Kontrolle einzuschränken: „Durch die Bequemlichkeit neuer Technologien ist die ‚Öffnungstendenz‘ größer als die ‚Sicherungstendenz‘.“

Gemäß einer 2019 veröffentlichten Studie des Versicherungskonzerns ERGO würde es jede bzw. jeder Fünfte in Deutschland begrüßen, wenn in Deutschland ein Sozialkreditsystem ähnlich wie in China eingeführt würde.

Einer These von Ivan Krastev zufolge könnte die COVID-19-Krise die Attraktivität von auf Big Data basierendem Autoritarismus, wie ihn die chinesische Regierung pflegt, steigern, da man hier die Effizienz der Antwort und die Fähigkeit des chinesischen Staates gesehen hat, die Bewegungen und Verhaltensweisen seiner Bevölkerung zu kontrolliere.

(Siehe dazu auch https://www.rubikon.news/artikel/hurra-die-uberwachungspille-ist-da)

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(Oktober 2020)

Parag Khanna ist 1977 in Indien geboren, hat Barack Obama beraten, ist kein „Linker“. Doch in seinem Buch „Unsere asiatische Zukunft“ macht er plausibel, dass asiatische Staaten inklusive China überhaupt keinen Anspruch haben, der neue Hegemon der Welt zu werden oder die USA zu „beerben“. Sondern dass der gesamte asiatische Kontinent nach Jahrhunderten der Unterdrückung und Zersplitterung wieder erstarkt, trotz aller Widersprüche und Konflikte zusammenwächst – und deshalb zunehmend die Welt beeinflussen wird. Nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch, kulturell, weltanschaulich. Also ganz sicher auch: psychosozial.
https://www.rowohlt.de/buch/parag-khanna-unsere-asiatische-zukunft-9783737100021

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(Oktober 2020) 

Wie passt die offenbar massenhaft in China vorhandene Bereitschaft, ja sogar der Wunsch, vom Staat, von der KP kontrolliert und gegängelt zu werden, zu einem mir ansonsten im Vergleich zum aktuellen hiesigen Kapitalismus immer humaner erscheinenden Gesellschaftssystem?
Die untenstehenden Informationen zur vorherrschenden chinesischen „Mentalität“ und Sozialstruktur sind diesbezüglich erhellend.

Austausch und Kooperation mit China sinnvoller als Abgrenzung und Konfrontation

19.10.2020, von Elke Lütke-Entrup

China wird in den westlichen Medien oft als Bedrohung dargestellt, das Festhalten an seinem politischen System und sein politisches Agieren werden nicht verstanden. Im Interview mit Prof. Karl-Heinz Pohl beleuchtet China.org.cn Hintergründe der westlichen Wahrnehmung Chinas und sucht Ursprünge von Chinas Handeln in der konfuzianischen Gesellschaftsordnung.

Aus zahlreichen Textstellen der konfuzianischen Klassiker geht hervor, dass seit alters her das „Wohl des Volkes“ die zentrale Orientierung für die Herrscher war. So gibt es eine Tradition politischen Denkens in China, die „im Volk die Basis“ sieht (minben). Zur Rolle des Volkes heißt es im Buch der Urkunden: „Unsere großen Vorfahren hatten eine Lehre: Dem Volk soll man nahe sein und es nicht geringschätzen. Das Volk ist die Basis des Landes. Ist die Basis fest, so herrscht Frieden im Land.“ Das sogenannte „Mandat des Himmels“ war verbunden mit einer Herrschaft für das Wohl des Volkes. Wenn dieses Ziel nicht mehr im Vordergrund stand, ging das Mandat verloren. Daneben lautet die konfuzianische Hauptforderung an die Herrscher: „mitmenschliche Regierung“, wobei Mitmenschlichkeit (ren) die Kardinaltugend des Konfuzianismus darstellt.

Ein weiterer Gedanke von hoher politischer Bedeutung ist die „Harmonie“ (he). Harmonie hatte eine besondere Funktion, weil die konfuzianische Gesellschaftsordnung nicht auf Gleichheit beruhte, sondern – wie in einer Familie – durch eine starke Hierarchie gekennzeichnet war. Weil die Ordnung im Staat in Analogie zur Ordnung in einer Familie gesehen wurde, war Harmonie das Mittel, um die Ungleichheit in Familie und Gesellschaft zu glätten. Konsens und Harmonie boten sozialen Zusammenhalt. Daher überrascht es nicht, dass die Kontinuität dieses Konzepts in der heutigen Politik Chinas immer noch von größter Bedeutung ist.

Der Konfuzianismus ist eine Tradition, die politisches Denken mit individueller moralischer Kultivierung und Erziehung verbindet. Das bedeutet in der Praxis, dass Menschen, die für öffentliche Angelegenheiten zuständig sind, durch Selbstkultivierung ein vorbildliches Verhalten und soziale Verantwortung zeigen sollten. Das Ziel in dieser Tradition ist nicht nur, tugendhafte Herrscher zu haben, sondern dass die Kultivierung von Tugend durch die regierende Elite ein Vorbild für das einfache Volk ist. Der Konfuzianismus kann daher als eine Schule der moralischen Erziehung angesehen werden, deren Zweck es ist, das Gute zu fördern.

Das konfuzianische Gemeinwesen stützte sich jedoch nicht nur auf eine moralisch vorbildhafte Herrscherfigur. Zentral für sein Bestehen war die Trägerschaft, nämlich die intellektuelle Elite – die Beamtenschaft. Schon früh im Laufe der Geschichte führte dies zur Herrschaft einer durch staatliche Prüfungen ausgewählten Meritokratie. In China haben wir somit den Anspruch einer Herrschaft durch eine moralische Elite, die sich als Vertreter auch des gemeinen Volkes verstand und die somit den Ruf nach dessen Selbstbeteiligung nie aufkommen ließ …

Gesamter Text: http://german.china.org.cn/txt/2020-10/19/content_76820835.htm

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(Oktober 2020)

Aufschlussreich zur aktuellen Rolle Chinas bezüglich des Klimawandels:

Marc Püschel (junge Welt, 28.10.2020)

Die Erde planen
China wird zum Vorreiter im weltweiten Kampf gegen den Klimawandel. Die Erfolge der Volksrepublik gründen in ihrer rationalen Haltung zu Natur und Wissenschaft. Ein Überblick

„Hat Xi gerade die Welt gerettet?“ fragte der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze am 25. September in dem Magazin Foreign Policy und antwortete selbst: „Mit diesen beiden kurzen Sätzen könnte Chinas Führer die Zukunftsaussichten für die Menschheit neu definiert haben. Das mag übertrieben klingen, aber in der Welt der Klimapolitik kann man Chinas Bedeutung kaum übertreiben.“ Wovon war die Rede? Drei Tage zuvor hatte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), Xi Jinping auf der digitalen UN-Generalversammlung eine Videobotschaft überbracht. Er betonte darin nicht nur die Wichtigkeit des Multilateralismus und erinnerte an den Sieg über den Faschismus vor 75 Jahren, sondern überraschte auch mit einigen fast beiläufig geäußerten Sätzen, in denen er in Bezug auf das Pariser Abkommen zum Klimawandel ankündigte: „China wird seine beabsichtigten national festgelegten Beiträge durch energischere Politik und Maßnahmen steigern. Wir streben an, dass die CO2-Emissionen vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen und wir vor 2060 klimaneutral in Sachen CO2 sind.“
Die Nachricht schlug in Fachkreisen ein wie eine Bombe. Angesichts dessen, dass die Volksrepublik – nicht zu Unrecht oft als „Werkbank der Welt“ bezeichnet – derzeit noch für fast 28 Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen verantwortlich ist, wäre ein forcierter Kohleausstieg ein großer Erfolg. Sollte China seine Ankündigung wahrmachen, so der Politikwissenschaftler Michael Krätke, „dürfte das unserer Zivilisation 0,2 bis 0,3 Grad des erwarteten globalen Temperaturanstiegs ersparen“. Xi Jinpings Ankündigung sei daher „ein Paukenschlag, ein Wendepunkt für die internationale Klimapolitik“. (…)

Gesamter Text: https://www.jungewelt.de/artikel/389295.china-und-klimawandel-die-erde-planen.html

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(Oktober 2020)

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_88774586/corona-pandemie-wie-china-sich-als-retter-der-welt-inszeniert.html

Streicht man im obigen Artikel die Anti-China-Hetze, bleibt u.a. übrig:

1) China war auch durch „Corona“ nicht in die Knie zu zwingen, im Gegenteil: Nun dürfte das Tempo der „Asiatisierung der Welt“ (Parag Khanna) noch zunehmen.

2) China hat auch beim Corona-Impfstoff die Nase so weit vorn, dass dieses gigantische globale Geschäft vielleicht noch MIT aber sicher nicht mehr GEGEN China durchgezogen werden kann.

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(November 2020)

Der Traum von Klaus Schwab (WWF) und anderen von der „Weltregierung“ ist irreal. Man kann an China und Russland vieles kritisieren, aber sie gehen zum Teil klar eigene Wege und nehmen dabei ein Viertel der Weltbevölkerung mit. Oder sogar mehr als ein Viertel – siehe unten.
Die doch nach 1990 für mehrere Jahre fast unausweichlich scheinende (Schreckens-)Vision einer auf Dauer von der USA terrorisierten und somit geführten Welt ist nach Einschätzung fast sämtlicher Kommentatoren ERLEDIGT. Daran ändert auch ein US-Präsident Joe Biden nichts.

SO SCHNELL kann so etwas also platzen.

Weltgrößter Freihandelspakt mit China vereinbart

15. November 2020
Hanoi (dpa) – Mitten im Handelskrieg mit den USA hat China mit 14 asiatisch-pazifischen Staaten das größte Freihandelsabkommen der Welt abgeschlossen.

Nach achtjährigen Verhandlungen erfolgte die Unterzeichnung am Sonntag zum Abschluss des virtuellen Gipfels der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean in Vietnams Hauptstadt Hanoi. Die «regionale, umfassende Wirtschaftspartnerschaft» oder RCEP, wie der Pakt abgekürzt wird, umfasst 2,2 Milliarden Menschen und rund ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung.
Das Abkommen verringert Zölle, legt einheitliche Regeln fest und erleichtert damit Lieferketten. Es umfasst Handel, Dienstleistungen, Investitionen, Online-Handel, Telekommunikation und Urheberrechte. Neben China und den zehn Asean-Staaten Vietnam, Singapur, Indonesien, Malaysia, Thailand, Philippinen, Myanmar, Brunei, Laos und Kambodscha beteiligen sich auch große Volkswirtschaften und US-Bündnispartner wie Japan, Australien, Südkorea sowie Neuseeland.

https://www.zeit.de/news/2020-11/15/weltgroesster-freihandelspakt-mit-china-vereinbart?utm_referrer=https%3A%2F%2Fsuche.t-online.de%2F.

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(November 2020)

Ich bin auf diesen Artikel hingewiesen worden, in dem China und WWF, Xi Jinping und Klaus Schwab als verbündete Strippenzieher beschrieben werden, die die Corona-Krise ausgeheckt haben, um die Weltmacht zu übernehmen:

https://demokratischerwiderstand.de/artikel/158/china-und-der-great-reset/

Viele einzelne Informationen daraus sind tatsächlich interessant.

Aber …
In ihrer Anti-China-Voreingenommenheit verzerrt die Autorin meines Erachtens die Realität gewaltig. Die zahlreichen eindeutig positiven Aspekte der vor allem jüngeren chinesischen Entwicklung werden komplett ignoriert. Ebenso die Tatsache, dass die EU China – zu Recht – als Systemkonkurrenten ansieht. Da ist dann nämlich die, von der Autorin nicht reflektierte, grundsätzliche Grenze des „China-Kopieren-Wollens“ erreicht.
Auch das halte ich für falsch:

„Das Kalkül einer psychologischen Kriegsführung diesen Ausmaßes ist so einfach wie bestechend: Bringt man andere Länder dazu, durch langandauernde Lockdowns deren Volkswirtschaften an die Wand zu fahren, kann man dort Produkte, Betriebe, Branchen und ganze Infrastrukturen aufkaufen; selbst anwachsen und andere schrumpfen lassen – und all das ohne direktes Blutvergießen.“

Es gab eben zu keinem Zeitpunkt eine NOTWENDIGKEIT, solche „Corona“-Maßnahmen zu ergreifen. China konnte also – selbst wenn China das gewollt hat – keinen Staat dazu „bringen“, die Volkswirtschaften an die Wand zu fahren. Das war ja auch nicht nötig: Diese Staaten waren offenkundig selbst erpicht darauf.

Zudem steht das ja im Widerspruch zu anderem, was die Autorin benennt: Mal steckt China bei ihr unter einer Decke mit dem Rest der kapitalistischen Welt, mal ist China der Feind der kapitalistischen Welt und macht diese platt.
Welchen Sinn sollte es zum Beispiel auch haben, wenn China überall permanent Lockdowns erzwingen wollte, den eigenen Lockdown so schnell erfolgreich zu beenden und seither ständig zu vermelden, dass man die einzelnen Restinfektionen gut im Griff habe: ohne weitere Lockdowns?
Wie vereinbarte es sich mit den Auffassungen der Autorin, dass die angeblich China kopierenden Staaten diesbezüglich einen ganz anderen Weg gehen: keine dauerhafte Lockerung, sondern erneute Lockdowns?
Wieso ist das angeblich übermächtige China nicht in der Lage, der westlichen Welt SEINEN Impfstoff draufzudrücken?
Nirgendwo in seinem „Great Reset“-Buch lobt Klaus Schwab China wegen der taoistisch-konfuzianisch-sozialistischen Aspekte. Ich denke daher weiterhin, Schwab und Konsorten wollen mit einer ganz anderen Zielvorstellung liebend gern nur das von China übernehmen, was zu einem digitalisierten Brutal-Kapitalismus passt. Was den sehr umfangreichen Rest betrifft, sind sie „Systemkonkurrenten“ und ist China in vieler Hinsicht eine positive Alternative.

Ich glaube, wer so undifferenziert auf China einhaut wie die Autorin des oben genannten Beitrags, will nicht sehen, in was für Systemen wir selbst leben, von wem wir regiert werden, wer uns beherrscht. China dient hier als – schön weit entfernter – Buhmann.

Übrigens empfinde ich all das Gerede von Schwab und anderen vom New Green Deal als verlogen. Nichts außer großen Worten spricht seit Beginn des Corona-Terrors dafür, dass diese politische Krise in irgendeiner Weise zum ökologischen Umbau genutzt wird, im Gegenteil (siehe zum Beispiel: https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/fehmarnbelt-tunnel-urteil-bundesverwaltungsgericht-100.html). Hingegen wird und wurde in China TATSÄCHLICH intensiv an einem solchen Umbau gearbeitet, schon lange vor „Corona“.
Auch diesbezüglich besteht in der Realität also eher Dissens als Konsens zwischen China und der „westlichen“ Welt.

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(November 2020)

Bericht des US-Außenministeriums: USA planen Eindämmung Chinas im Stile des Kalten Krieges

In dem neuen Report erklärt das US-Außenministerium, dass es an der Zeit sei, den „blauäugigen Optimismus“ gegenüber China, der die US-Politik seit vielen Jahren verzerrt hat, zu beseitigen. Washington sollte China gegenüber der „etablierten Weltordnung“ als Bedrohung betrachten, die von „einer ausgeprägten Mischung aus Marxismus und Leninismus und einer extremen Version des chinesischen Nationalismus“ der regierenden Kommunistischen Partei angetrieben wird …

Gesamter Text: https://deutsch.rt.com/international/109379-bericht-us-aussenministeriums-usa-planen/

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(Dezember 2020)

Lieber …, Du schreibst:

„Kritisch sehe ich aber, die ,Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit‘ die offensichtlich auch in China zum Tragen kommt. Das ist ja wohl eher ein abendländisches Gedankenprodukt, ein Ergebnis der Aufklärung: das reduktionistische, analytische Denken im Gegensatz zum auf Balance hin ausgerichteten Denken im Osten.“

Auch da lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Wenn zwei etwas Ähnliches machen, aber mit verschiedenen Zielen und auf einer anderen Basis, ist es ja nicht mehr dasselbe. Falls die These von Stefan Baron zutrifft, dass in China – wenn auch in paternalistisch-autoritärer Weise – „für das Volk“ Politik gemacht wird, hat jegliches politische Handeln dort eine andere Bedeutung als hierzulande, wo das Ziel ist: Maximalprofit und Maximalmacht für ganz wenige – auf Kosten des Volkes.

Zum anderen könnte es sein, dass auch in China Wurzeln der Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit existieren, sogar länger als bei uns.

Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron (Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht, S. 23) zitieren Francis Bacon, der 1620 schrieb, nichts habe auf die Menschheitsentwicklung mehr Einfluss gehabt als die Erfindung von

Buchdruck, Schießpulver und Magnet … Bacon wusste damals nicht, dass alle drei in China erfunden worden waren. … In der Schule lernen unsere Kinder immer noch, dass … Gutenberg um 1440 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden hat, obwohl dies in Wahrheit der chinesische Druckarbeiter Bi Sheng bereits vier Jahrhunderte zuvor getan hatte. … In China erschienen bereits Bücher in Millionenauflage, als in Europa Manuskripte noch per Hand kopiert wurden.“

Im 14. Jahrhundert ließ Kaiser Yongle „mit 317 Schiffen und über 3000 Mann … eine der größten Flotten der Geschichte“ aufbauen, zugleich „größer als die damaligen Flotten aller europäischen Staaten zusammengenommen“. Zheng He unternahm im Auftrag des Kaisers zwischen 1405 und 1425 sechs Schiffsreisen, die ihn in 37 Länder führten, darunter auch bis an Orte an der afrikanischen Ostküste, nach Mogadischu, Mombasa, Sansibar. Doch

„China ist dem Westen damals nicht nur auf See weit voraus. Die Armee des Kaisers zählt rund eine Million mit Flinten ausgestattete Soldaten. Im Vergleich dazu verfügt etwa der britische König Henry V. nur über 5000 mit Schwertern und Piken bewaffnete Männer. Und während dessen Bibliothek ganze sechs handgeschriebene Bände umfasst, enthält die chinesische Hof-Bibliothek eine Enzyklopädie (Yongle Da Dian) mit fast 12000 gedruckten Bänden. In ihnen haben über 2000 Gelehrte das gesamte bekannte Wissen der damaligen Zeit zusammengetragen. Ihr Wissen wird erst viele Jahrhunderte später von Wikipedia übertroffen.“ (Baron S. 83)

Im „Psychogramm einer Weltmacht“ wird Weiteres von dem aufgelistet, was in China Jahrhunderte oder Jahrtausende vor Europa erfunden wurde:

Kompass 4. Jahrhundert v.u.Z.

Mechanische Uhr 1086

Papiergeld 1024

Seide 3. Jahrtausend v.u.Z.

Porzellan 620

Spinnrad 13. Jahrhundert

Eiserner Pflug 6. Jahrhundert v.u.Z.

Hochofen 200 Jahre v.u.Z.

Eiserne Hängebrücke 65 Jahre v.u.Z.

Flussumleitung ohne Stauwehr 256 v.u.Z.

Dezimalsystem 300 Jahre v.u.Z.

Wer hat also wen mehr beeinflusst: Europa China oder China Europa? Zumindest scheint mir sicher: Es gibt – auch „ideengeschichtlich“ – weitaus mehr Gemeinsamkeiten als heute noch allgemein bekannt ist.

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(Dezember 2020)

Ich bin gegen die Todesstrafe, auch in China. Dass dort weiterhin auf diese Weise getötet wird, sollte also auch meines Erachtens angeprangert werden. Die Art und Weise, wie die Auseinandersetzung damit in aller Regel geschieht, zeugt jedoch einmal mehr von dem Vorsatz, China zu diskreditieren.

2008 hieß es in einer Mitteilung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (https://www.faz.net/aktuell/politik/china-spezial/nachrichten/nach-amnesty-bericht-china-verteidigt-todesstrafen-1542916.html):

„Zwar ließ die chinesische Justiz 2007 nach der Statistik von Amnesty mit mindestens 470 nur noch halb so viele Menschen töten wie im Vorjahr. Trotzdem machte das immer noch mehr als ein Drittel aller weltweit vollstreckten Todesurteile aus.“

Ohne auffindbare Begründung oder gar Beleg ist mittlerweile meist ist nur noch von „Tausenden“ die Rede, die angeblich jedes Jahr in China hingerichtet werden – was ja ein gravierender Anstieg wäre. Eine konkretere Schätzung findet sich – ebenfalls ohne Begründung – am 4.12.20 auf https://todesstrafe-nachrichten.jimdofree.com/:

„China vollstreckt die meisten Todesurteile weltweit, macht dazu aber selten Informationen öffentlich. Ernstzunehmende Schätzungen gehen von rund 2000 Hinrichtungen jährlich aus.“

Weitere Zahlen nennt diese Website: Death Penalty Database (https://dpw.pointjupiter.co/country-search-post.cfm?country=China). Mit Verweis auf „Human rights organizations“ wird hier behauptet, die Zahl der Hinrichtungen in China sei von 6.500 (2007) auf 2000 im Jahr 2018 zurückgegangen. (Also zu Teilen etwas ganz anders, als es Amnesty International mitteilt.)

Was auf den von mir berücksichtigten Webseiten grundsätzlich unterbleibt, ist, die Zahl der Hingerichteten in Relation zur Bevölkerungsgröße zu bewerten. (Das ist derselbe primitive Trick, der beim China-Bashing ja notorisch verwendet wird, zum Beispiel bei der Umweltverschmutzung.)

Wird die Zahl 2000 ins Verhältnis gesetzt zur chinesischen Bevölkerung (1,4 Milliarden), sind es einer von 700.000 Menschen.

Im Iran (Bevölkerung 84 Millionen, 251 Hingerichtete 2019) betrifft es dagegen laut Amnesty International (https://www.amnesty.at/themen/todesstrafe/todesstrafe-statistik-2019-zahlen-fakten-und-laenderuebersicht/) einen von 335.000 Menschen. Das heißt, dort ist 2019 ein mehr als doppelt so hoher Anteil der Bevölkerung durch Hinrichtungen ums Leben gekommen.
Auch für Saudi-Arabien (Bevölkerung 32 Millionen, 184 Hingerichtete 2019) und den Irak (Bevölkerung 34 Millionen, 100 Hingerichtete 2019) gilt: Es werden prozentual weitaus mehr Angehörige der Bevölkerung auf diese Weise getötet als in China.

Selbst wenn wir von den zuvor genannten, sicherlich nicht wegen China-Freundlichkeit nach unten korrigierten Zahlen ausgehen, heißt das: Die Gefahr, sein Leben durch eine Hinrichtung zu verlieren, ist für Chinesen zumindest wesentlich geringer als in Iran, Irak und Saudi-Arabien. China stünde in der Rangfolge der auf diese Weise mörderisch vorgehenden Staaten nicht auf Platz 1, sondern auf Platz 4.
Da die Zahl von 2000 aber offenkundig gar nicht belegbar ist, könnte die Realität auch ganz anders aussehen, in beiden Richtungen.

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(Dezember 2020)

1923 schilderte der China-Kenner und Übersetzer des „I Ging“, Richard Wilhelm in einer Konfuzius-Kurzbiografie das ursprüngliche China. Die dortige agrarisch-kollektivistische Wirtschaftsform und Gesellschaftsstruktur habe sich von Anbeginn wesentlich von der westlichen unterschieden:

Im Okzident baute sich die Volksgemeinschaft fast durchweg auf dem Grund der kriegerischen Organisation der wehrfähigen Mannschaft auf. Darum war der Einzelne aus dem Kreis der Krieger Träger selbstständigen Rechts innerhalb der Sippe. Der einzelne freie Mensch bildete die Zelle der Gesellschaft, die sich je nach den Verhältnissen zur Demokratie oder Militärdespotie weiterentwickeln konnte. Auf alle Fälle waren damit die Grundlagen für eine Entwicklung des Individuums und somit auch für individuelle Religion und individuelle Moral gegeben.

Ganz anders in China. Hier steht nicht kriegerische Eroberung, sondern friedliche Durchdringung am Anfang. Schon frühe hören wir von der Einteilung des Landes in Felder, die den einzelnen Familien des Landes übergeben wurden. Die Feldbebauung setzt aber in der Familie ganz von selbst eine kollektivistische Wirtschaftsform voraus. So ergibt sich als Grundzelle des chinesischen gesellschaftlichen Organismus nicht das Individuum, sondern die kommunistische Familie.

Es verdient hier, hervorgehoben zu werden, dass sich Spuren eines Zustands der Mutterfolge noch nachweisen lassen, doch scheint die Familie unter der Herrschaft des Vaters schon ziemlich weit zurückzugehen (…).

Da aber zur Sicherung und Regelung des Lebens gemeinsame Unternehmungen unter einheitlicher Leitung, wie z.B. Flussregulationen, notwendig waren, so bildet sich das Familienpatriarchat zum gesellschaftlichen Patriarchat mit dem Fürsten an der Spitze weiter. (…)

Während in der Ethik des Westens die kriegerische Tugend des Muts und die damit zusammenhängenden Tugenden des Forschungssinnes und Wahrheitstriebes die Keimzelle für die ethische Entwicklung bilden, steht in China die gewissenhafte Einordnung in den Familienorganismus und durch ihn in den Gesellschaftsorganismus obenan (…).

Dieselben Folgerungen ergeben sich auf religiösem Gebiet. Die Religion hat in China niemals die individuell-selbstständige Entwicklung gefunden wie im Westen. (…)

Interesselose Forschung aus bloßer Wissbegier kennt das chinesische Altertum so gut wie gar nicht. Auch das Wissen ist praktisch orientiert. (…)

Die Familie findet ihre Ausgestaltung nicht in der Einzelfamilie, sondern in der mehrere Generationen umfassenden Gesamtfamilie, die bis auf den heutigen Tag in China besteht. (…)

Dieses soziale System ist (…) ein wundervolles in sich abgeschlossenes Gebilde: der ganze Staat eine erweiterte Familie, die Fürsten oben und das Volk unten zusammengehalten von einem starken Gefühl der Zusammengehörigkeit.

(Richard Wilhelm: Kungfutse. Gespräche, Kreuzlingen/ München 2008, S. 712, Hervorhebungen A.P.)

Ich glaube nicht daran, dass Persönlichkeitseigenschaften vererbt werden. Aber wenn ein ganzes Volk seit ca. 5000 Jahren in dieser Hinsicht geprägt wurde, muss sich das in allen Tätigkeiten, Anschauungen ebenso widerspiegeln, wie in der kulturellen, künstlerischen, wissenschaftlichen und materiellen Umwelt dieses Volkes.
Das bedeutet, dass diese „Mentalität“ – mir fällt kein besseres Wort dafür ein – in einer Weise und seit einem Zeitraum „verankert“ ist, der hier in Europa überhaupt keine Entsprechung hat. Es dürfte daher – selbst wenn es von der Führung gewollt wäre – überaus schwierig und langwierig sein, diese Prägungen abzustreifen.
Bzw. wenn es versucht wird, muss es ein konfliktreicher Prozess sein. Und in jedem Falle kollidiert es mit den Einstellungen, die sich aus dem implantierten kapitalistischen Produktionssektor ergeben.

Allerdings: Trifft Wilhelms Einschätzung der ursprünglichen „westlichen“ Verhältnisse so wirklich zu? Im Westen Krieger, in China Bauern? Krieg geführt wurde in China ja auch, wenn auch nur zwischen verschiedenen Fürstentümern oder mit ausländischen Invasoren.

Und es gab in Europa ebenfalls agrarisch basierte großfamiliäre Strukturen, sogar bis in die jüngere Vergangenheit, siehe zum Beispiel hier:

Die Zadruga (kroatisch bzw. serbisch: Genossenschaft, im Sinne von Hausgenossenschaft; auch: Hauskommunion, Hausgemeinschaft, Großfamilie, Gemeindschaft) war eine bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei den Südslawen verbreitete, Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft, die auf den Prinzipien der patriarchalischen Autorität und der Familie aufbaute. Ihre Mitglieder führten die Landwirtschaft in einem Haushalt und unter einem Familienoberhaupt. (…) Bei den Kroaten bildete die Zadruga zudem ursprünglich die unterste Ebene der Volksorganisation (…)
https://de.wikipedia.org/wiki/Zadruga

Das klingt doch recht ähnlich. Sind die Unterschiede zwischen Chinas und Europas Ursprüngen also vielleicht doch nicht so groß, wie Wilhelm meint?
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(April 2021)

Ich habe soeben diesen Beitrag von Hans Modrow gelesen: https://www.neues-deutschland.de/amp/artikel/1150180.china-kommunismus-und-konfuzius.amp.html

Er enthält u.a. folgende Passage:

„Im sozialen Denken und Verhalten der Chinesen spielen die Gemeinschaft und das Gemeinschaftsleben eine wesentlich andere Rolle als in den europäischen Ländern. Das Individuum tritt hinter der Gemeinschaft zurück, diese hat einen überragenden Rang. Das Denken der europäischen Völker dagegen ist wesentlich von der antiken griechisch-römischen Kultur mit ihrem Ideal der Entfaltung der Persönlichkeit geprägt, welches später in der Renaissance und mit der bürgerlichen Aufklärung weiterentwickelt wurde und in vieler Hinsicht auch im Marxismus und seinem sozialistischen Humanismus weiterlebt.
Aus dieser unterschiedlichen Geschichte sind eben auch wesentliche Unterschiede in der Sozialpsyche entstanden.“

An eine „Sozialpsyche“ glaube ich schon mal gar nicht. (Ja, C.G. Jung meinte, es gäbe ein „kollektives Unbewusstes“ und Freud glaubte, man könne Völker analysieren „wie einen einzelnen Neurotiker“. Diese Sichtweisen teile ich nicht. Es gibt hochgradige Übereinstimmungen zwischen den psychischen Strukturen vieler Individuen – weshalb ja auch eine „Massenpsychologie“ berechtigt ist. Aber daraus entsteht keine „Kollektivseele“, keine „Sozialpsyche“. Auch Hinwendung, Mitgefühl usw. bleiben immer etwas von einem Einzelnen Ausgehendes. Sie könenn zwar mehrere Menschen verbinden, wenn es bei den anderen auf positive Resonanz stößt. Doch auch dabei behalten alle Beteiligten ihre jeweilige Psyche und es entsteht keine gemeinsame Seele.)

Auf die Frage, was denn „menschengemäßer“ wäre – die chinesische oder die europäische Variante -, lässt sich Hans Modrow nicht ein. Wer – leider durchaus mit Marx auf seiner Seite – daran glaubt, dass wir bei Geburt unbeschriebene Blätter sind, auf welche die Gesellschaft dann ihren jeweiligen Text schreibt, muss das ja auch nicht tun.

Wer wie ich – mit Erich Fromm auf meiner Seite – an angeborene psychosoziale Grundbedürfnisse glaubt, aber eben doch.
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(Mai 2021)

Hervorragende Recherche:

Völkermord an den Uiguren? Stellungnahme für die Anhörung des Menschenrechtsausschusses des Deutschen Bundestages am 17. Mai 2021, von Norman Paech

Spätestens seit 2018, als der UN-Ausschuss zur Beseitigung der Rassendiskriminierung den periodischen Bericht Chinas diskutierte und die Fraktion der Grünen einen Antrag im Bundestag „Schwere Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang beenden, aufklären und ahnden“ einbrachte, hat die Diskussion über die Menschenrechtliche Situation in Xinjiang die Öffentlichkeit erreicht. Es geht vor allem um die sog. Umerziehungslager, mit denen „wir uns nicht abfinden können“, wie Außenminister Heiko Maas bei seinem Antrittsbesuch in der Volksrepublik vom November 2018 sagte Sie stehen im Zentrum der Kritik. In ihnen sollen bis zu einer Million Uiguren interniert sein. In ihnen sollen Folter, systematische Vergewaltigung, Sterilisation und Zwangsarbeit herrschen. (…)

Schlussfolgerung
Nach dem Ergebnis dieser kurzen Untersuchung der beiden Tatbestände Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit lässt sich eine strafrechtliche Verantwortung der chinesischen Politik gegenüber den Uiguren nicht begründen. Die beiden Straftatbestände sind aus verschiedenen Gründen nicht erfüllt. Insbesondere fehlt es an stichhaltigen und überzeugenden Beweisen für die Vorwürfe. (…)

Siehe: Menschenrechtsausschuss Uíguren.pdf bzw. http://www.norman-paech.de/v%C3%B6lkerrecht-i/v%C3%B6lkerrecht-ii/ (siehe auch: https://www.jungewelt.de/artikel/407059.volksrepublik-china-unsichtbare-lager.html bzw. https://www.globale-gleichheit.de/wp-content/uploads/2021/08/Unsichtbare-Lager-zum-westlichen-Vorwurf-des-Voelkermords-an-den-Uiguren.pdf)
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Elsner, Wolfram: Die Zeitenwende

(Mai 2021)

Ich habe inzwischen das neue Buch von Wolfram Elsner gelesen:  Die Zeitenwende: China, USA und Europa „nach Corona“ (https://shop.papyrossa.de/Elsner-Wolfram-Die-Zeitenwende) – und bin vor allem enttäuscht.

Es ist zum einen nicht gut strukturiert. Etliche Male, noch bis weit über die Hälfte der Seiten hinweg, finden sich dort Sätze wie: „Darauf werden wir später eingehen“. Mit anderen Worten: In diesem Buch wird vieles zunächst nur angerissen, was später irgendwo plausibler gemacht werden soll. Elsners Tonfall ist dabei oft nahezu „atemlos“: Viele Sätze, Behauptungen – oft unbelegt – prasseln auf den Leser ein. Elsners erstes Buch las sich wesentlich besser, erscheint mir insofern seriöser, jedenfalls besser redigiert.

Aber weitaus wichtiger: Elsner beantwortet die Gretchenfrage der Gegenwart aus meiner Sicht falsch. Denn auch für ihn ist eine angeblich hochgefährliche „Pandemie“ ein unumstößlicher Fakt. Er ist für Corona-Impfungen, harte Lockdowns, flächendeckende Testungen, Masken. Daher verurteilt er alle Öffnungen/ Lockerungen als nur dem kapitalistischen Profitdenken geschuldet und menschenverachtend.

Da er auf diese Weise die Hauptzielrichtung der aktuellen Krise – Stichwort „Great Reset“ – nicht sieht, schiebt er die Hauptschuld daran neben dem Kapitalismus an sich vor allem Trump zu. Dessen Faschismus/ „Trumpismus“ habe Schule gemacht. Biden hält er trotz mancher Kritik für die wesentlich bessere Alternative, dessen Sieg sogar für einen Sieg des „anderen Amerika“. Auch hier wieder nicht zuletzt, weil Biden die Corona-Gefahr nicht leugne.

Zu China erfahren wir im Vergleich zu Elsners erstem Buch nicht viel Neues, eigentlich nur, dass es nun auch gesundheitspolitisch die „Nr. 1“ der Welt sei – wegen seines konsequenten Umgangs mit Corona, dem großzügigen Export von Impfstoffen und Masken. Die Corona-Krise habe das Land – im Vergleich zu seinen Rivalen – weiter erstarken lassen.

Empfehlen kann ich dennoch ersten 100 Seiten. Denn dort wendet Elsner sein Wissen als Volkswirtschaftler nachvollziehbar an. Zusammengefasst: Chinas weitere Konsolidierung wäre nur noch durch einen definitiv selbstmörderischen Krieg aufzuhalten. Der längst in eine Existenzkrise geratene westliche Neoliberalismus hat – weil er keine wissenschaftliche Grundlage hat, keine nachhaltigen Konzepte, keine sinnvollen inhärenten Entwicklungsmöglichkeiten – auch keinerlei wirkliche Lösungen für die von ihm selbst verursachte Krise. Der „normale“ Ausweg Krieg ist ihm verstellt, nun ist er im Grunde ratlos. Die Stellung der USA als „Hegemon“ ist – aus wirtschaftlichen Gründen – unwiederbringlich erledigt. Die USA punkten nur noch mit ihrer Militärmaschinerie. Aber zu deren Aufrechterhaltung müssen sie permanent die teuerste Berufsarmee der Welt finanzieren. Und die Herstellung von Angriffswaffen ist weitaus teurer als die von reinen Verteidigungsmitteln (auf welche sich China und Russland konzentrieren). Hier droht den USA – das ist jetzt mein Schluss – also womöglich jenes Schicksal, in das sie seinerzeit die Sowjetunion getrieben haben: sich totzurüsten.

Laut Elsner muss „Europa“ mit China – und Russland – gute wirtschaftlich-politische Beziehungen auf- bzw. ausbauen, wenn es global weiter mitspielen will. Aber auch er schließt nicht aus, dass in „Europa“ die transatlantischen Hasardeure zunächst das weitere Geschehen bestimmen werden, erst recht nach dem Ausscheiden der, so Elsner, „Pragmatikerin Merkel“.

Was aber seiner Ansicht nach langfristig nicht mehr verhindert werden kann, ist das, was er unter „neuer Normalität“ versteht, „also wieder mit China als der größten Ökonomie der Welt, die stets 30 bis 40 Prozent des Weltsozialproduktes generierte … und mit Eurasien als dem neuen alten Zentrum der Welt.“

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(Juni 2021)

Ich kann Stefan Barons neues Buch sehr empfehlen: Ami go home! Eine Neuvermessung der Welt https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/kalter-krieg-20-9783430210287.html

Die meisten Punkte, die Baron den USA vorwirft, waren zwar nicht neu für mich, ich hätte auch einige ergänzen können. Gegen den US-geführten Putsch in Chile hat Baron übrigens demonstriert, ebenso wie gegen den Vietnam-Krieg. Dennoch habe er die USA (er schreibt „Amerika“) geliebt – was ihm nach 1990 immer weniger gelungen sei.
Dass eine solche US-Anklage von einem Mann wie Baron kommt, ist dennoch bemerkenswert:

… bis Mai 2012 Kommunikationschef der Deutschen Bank, vorher Chefredakteur der WirtschaftsWoche, 2009 zum PR-Manager des Jahres gewählt, 2017 für sein Lebenswerk als Journalist des Jahres 2016 ausgezeichnet. 2018 veröffentlichte er zusammen mit seiner Frau, der Chinesin Guangyan Yin-Baron das Buch Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht, für das beide auf der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis des Jahres erhielten. Baron gehörte bis 2012 ein Jahrzehnt lang dem Board of Trustees des American Institute for Contemporary German Studies in Washington D.C. an und war Mitglied des ersten Deutsch-Chinesischen Dialogforums sowie in seiner Zeit als Journalist der World Media Leaders beim World Economic Forum (WEF) (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Baron)

Barons Bewertung Chinas ist seit 2018 – im „Psychogramm einer Weltmacht“ – noch deutlich positiver geworden.

Wenn ich ihm folge, ist klar: Die USA sind auch für ihn als „Weltmacht Nummer 1“ bereits erledigt, punkten vor allem noch durch Gewaltandrohung und Dollarabhängigkeiten. Damit bleiben sie gefährlich (wie ein in die Ecke getriebener tollwütiger Hund), aber mehr nicht. Auch Baron verweist darauf, dass ein einziger US-Flugzeugträger 13 Milliarden Dollar kostet – dass diesen jedoch eine einzige chinesische Mittelstreckenrakete, hergestellt für wenige Millionen, in 5 Minuten versenken kann.
Diejenigen, die an der Nr-1-Position der USA festhalten, sind vor allem die Vertreter des machtvollen Militärisch-Industriellen Komplexes. Der ist Hauptarbeitgeber in den USA, auch bestens vernetzt. Aber die anderen US-Kapitalisten – die ja üblicherweise nicht gerade Patrioten sind, sondern vor allem Profit machen wollen, eben auch in China –, lehnen die China-Konfrontation zum großen Teil ab, boykottieren sie auch soweit möglich.

Barons Quintessenz in dieser Hinsicht: Die Konfrontation mit China schadet langfristig vor allem den schon schwer angeschlagenen USA selbst sowie ihren „Verbündeten“. China wird dadurch letztlich noch schneller autark werden (müssen).

Baron hat Verständnis für die chinesische Führung, leitet deren Handeln ab aus älterer und früherer Geschichte, aktueller Situation (Globalisierung, US-Bedrohung, innere Konflikte usw.). Man erfährt auch interessante Details, unter anderem, dass schon Deng Xiaoping sagte: Wenn China jemals den Anspruch erheben sollte, die Welt zu unterwerfen, sollte die Welt zusammen mit dem chinesischen Volk China bekämpfen. Oder dass – laut Baron – China schon deshalb glaubhaft machen kann, dass es sein Konzept nicht der Welt aufdrücken will, weil es ein solches verallgemeinerbares Konzept gar nicht hat. Sondern „nur“ ganz pragmatisch danach strebt, das für die spezifischen Gegebenheiten des eigenen Landes Beste zu erkennen und anzuwenden.

Auch Baron glaubt freilich an die real existierende, höchst gefährliche Pandemie. Da ich das nicht tue, kann ich aus seinen detaillierten Informationen einen abweichenden Schluss ziehen: Es ging und geht bei der Corona-Inszenierung nicht zuletzt darum, a) China zu schädigen und b) die schrumpfende „westliche“ Einflusszone totalitär zusammenzuschmelzen, materiell und in Bezug auf „Bioinformationen“ – Stichwort „Künstliche Intelligenz“ – exzessiv auszubeuten, auch um insbesondere gegen China bestehen zu können.

Ziel a) ist jedoch eindeutig NICHT erreicht worden. China steht sogar in fast jeder Hinsicht durch „Corona“ im Vergleich zu seinen Gegnern noch stärker da als zuvor. Mit anderen Worten: Einer der Hauptpunkte der Corona-Inszenierung ist bereits GESCHEITERT. Das dürfte gravierende Folgen haben für die Gesamtinszenierung.

Ich hatte beim Lesen die Idee: Jene BRD-Politiker, die nun, nach der Wahle Joe Bidens, wieder verstärkt auf „Transatlantik“ machen, haben vielleicht ihre politische Gehirnwäsche noch in Zeiten erhalten, als die Kräfteverhältnisse mehr zugunsten der USA gestaltet waren – und bleiben einfach „auf Kurs“.
Sinnvoll scheint es nicht zu sein, nicht einmal dann, wenn man überlegt, wie sich der BRD-Kapitalismus am besten in die Zukunft hinüberretten kann.
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Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt

(Juli 2021)

Nur kurz eine Zwischenmeldung zum Buch „Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt“ von Stefan Aust, Adrian Geiges. https://www.piper.de/buecher/xi-jinping-der-maechtigste-mann-der-welt-isbn-978-3-492-07006-5

Es lohnt sich nicht, das zu lesen. Eine seriöse oder gar tiefgründige Biografie sieht anders aus. Möglicherweise lässt sich so ein Werk über einen chinesischen Führer von heute auch gar nicht verfassen, mangels Informationen.
Doch genau das gleichen die Autoren zumeist aus mit – keineswegs unparteiischen, sondern oft herabwürdigenden – Spekulationen, Gerüchten oder Behauptungen von Gegnern Xis. Das Buch verdient ansonsten Preise für (West-)Europazentriertheit und eitle Selbstgerechtigkeit.

Eins jedoch habe ich zuvor entweder nicht gelesen oder immer überlesen: Mit Xi ist als neuer Aspekt in die Politik der KP auch das ausdrückliche, offizielle Anknüpfen am Konfuzianismus sowie an der gesamten chinesischen Geschichte, also auch der Kaiserzeit, hineingekommen.
Das dürfte den Rückhalt der KP in der Bevölkerung enorm verstärkt und wesentlich dazu beigetragen haben, dass China seit 2012 noch schneller an Stärke gewinnt als zuvor.
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(Oktober 2021)

„Ein intensiver Propagandakrieg mit mehreren Fronten“

8. Oktober 2021 Harald Neuber

Der Leiter des China-Büros der spanischen Nachrichtenagentur EFE hat in einer viel beachteten Stellungnahme über Twitter eine Debatte über die China-Berichterstattung westlicher Medien angestoßen. In 14 Tweets rechnete Javier García schon Ende September mit der seiner Meinung nach voreingenommenen Haltung zahlreicher Auslandskorrespondenten ab. […]
García ist ein renommierter spanischer Journalist, der nach seinem Studium in Madrid zunächst als Korrespondent für Radio Galega und den Sender Televisión de Galicia in der spanischen Hauptstadt gearbeitet hat. Später berichtete er als Auslandskorrespondent aus afrikanischen Ländern wie Mosambik oder Burundi und betreute Kommunikationsprogramme für den Frieden für die Vereinten Nationen. In Bosnien koordinierte er nach dem Krieg Wahlbeobachtungsprogramme. Er war zudem Korrespondent für die Tageszeitung El Mundo und zuletzt für EFE.

Telepolis dokumentiert seinen Thread:

In wenigen Tagen werde ich den Journalismus – zumindest vorübergehend – nach mehr als 30 Jahren in diesem Beruf – ruhen lassen. Der beschämende Informationskrieg gegen China hat mir einen großen Teil meiner Begeisterung für diesen Beruf genommen, der bis jetzt nicht wenige Konflikte und einigen Unfug überstanden hat.
Ich bin nach China gekommen, wie in jedes andere Land auch, und habe versucht, unvoreingenommen zu sein, frei von Vorurteilen und vorgefassten Meinungen. Ich habe immer geglaubt, dass Neugier und die Fähigkeit zum Staunen zusammen mit Strenge und Loyalität gegenüber der Wahrheit die Grundbausteine des Journalismus sind.
Was ich gefunden habe, hat mich überrascht. Einerseits ist es ein riesiges, vielfältiges und sich ständig veränderndes Land, das viele Geschichten zu erzählen hat. Ein Ort, der innovativ, modern und traditionell zugleich ist, an dem die Zukunft greifbar ist und das Schicksal der Menschheit in gewisser Weise mitentschieden wird.
Auf der anderen Seite eine ausländische Presse, die – in ihrer überwiegenden Mehrheit –, zutiefst voreingenommen ist und ständig dem folgt, was die US-Medien und das US-Außenministerium uns erzählen wollen, egal was auch geschieht.
In diesen Informationen, die voller Gemeinplätze sind, ist kaum Platz für Überraschendes und auch nicht für ein Mindestmaß an wahrheitsgetreuer Analyse dessen, was hier geschieht. Es gibt keinen Raum, um historische, soziale oder kulturelle Entwicklungen darzustellen. Alles, was China tut, muss per definitionem negativ sein.
Die Manipulation von Informationen ist eklatant, wofür es täglich Dutzende von Beispielen gibt. Jeder, der es wagt, sich damit auseinanderzusetzen oder zu versuchen, eine halbwegs objektive und unparteiische Position zu vertreten, wird beschuldigt, im Sold der chinesischen Regierung zu stehen oder Schlimmeres. Selbst die geringste Abweichung wird nicht geduldet.
Die Mächte, die den sehr gefährlichen Konfrontationskurs mit China vorantreiben, überlassen nichts dem Zufall. Ihre scheinbar unsichtbaren Fäden reichen an die unwahrscheinlichsten Orte. Jeder, der aus der Reihe tanzt, wird marginalisiert oder ausgegrenzt.
(…)
Selbst Maßnahmen, die als Beispiel dienen sollten, wie die beispiellose Wiederaufforstung oder die Befreiung von 800 Millionen Menschen aus der Armut, werden stets von einer ewigen „Aber-zu-welchem-Preis“-Rhetorik begleitet, die von den angelsächsischen Medien bei der Berichterstattung über China bis zum Überdruss verwendet wird.
(…)
Anstatt weiterhin das Schlimmste in China zu suchen und auf Konfrontation, wenn nicht gar Rassismus zu setzen, sollten wir uns bemühen, das Land besser kennenzulernen und zu lernen, was an seinem Modell positiv ist, so wie China das Beste des Westens in die Praxis umgesetzt hat, und zwar mit bemerkenswertem Erfolg.
Wissen ohne Vorurteile und toxische Manipulationen ist das wichtigste Werkzeug, das wir angesichts von Hass und Konfrontation haben. Dieser Ansatz führt nur zu Konflikten unvorstellbaren Ausmaßes, die geeignet sind, den Planeten und uns alle zu zerstören. (…)


 

ERGÄNZUNG vom 17.10.2021

Ich habe mit Wolfram Elsner angefangen. Daher passt es doppelt gut, mit dem Folgenden diese Materialsammlung (vorläufig) zu beenden.

Volksrepublik entflechtet Oligopole – Westen fürchtet um Milliardäre

von Wolfram Elsner

(…)
(D)as Kapital hat in der Volksrepublik beizutragen zur nationalen und Infrastrukturentwicklung. Das kostet und wirft kurzfristig keine Profite ab. Nun aber kam es noch schlimmer: Da wurde letzten November von den chinesischen Wettbewerbs- und Finanzbehörden einer der voraussichtlich größten Börsengänge kurzfristig abgesagt: Die Ant Group, die Finanztochter des IT-Konzerns Alibaba, sollte an den Börsen von Shanghai, Shenzhen und Hongkong etwa 37 Milliarden US-Dollar einsammeln. Große Enttäuschung beim westlichen Kapital, das sich hier massiv engagieren wollte. Die Börsenwerte von Ant Group, Alibaba und anderen brachen nach der Absage vorübergehend um 20 bis 30 Prozent ein.

Was war passiert? Die Ant Group hatte im Pandemiejahr 2020 geglaubt, besonders clever zu sein und den chinesischen Privathaushalten trickreich schnelle, einfache Konsumkredite zur Verfügung zu stellen. Am Ende waren es etwa 330 Milliarden Dollar für rund 300 Millionen Haushalte. Bis sich herausstellte, dass es sich um Knebelverträge zulasten der Haushalte und um Vermittlungen zulasten der regulären Banken handelte. Die hatten die Risiken zu tragen, während die Ant Group nur 2 Prozent ihres Kapitals hinterlegte. Mehrere Warnungen der Behörden wurden ignoriert. Schließlich wurden die Führung der Gruppe und Alibaba-Gründer Jack Ma vorgeladen. Die Hausaufgaben, die ihnen aufgetragen wurden, waren umfangreich. Während die westlichen Medien damit beschäftigt waren, auf die übliche dümmliche Art zu spekulieren, wo Jack Ma ist, „verschwunden, im Gefängnis, verschleppt, oder gar tot?“, hatten Ma und Kollegen die Kreditverträge zugunsten der Haushalte umzuschreiben, musste die Ant Group sich zu einer regulären und selbstständigen Bank umstrukturieren – nun legalisiert, registriert, aber auch reguliert – und mit eigenem Risiko ins reguläre Geschäft gehen. Nach Hausaufgaben­erledigung tauchte Ma ganz normal wieder auf – und verkündete weitere Unterstützung für öffentliche Entwicklungsinitiativen.

Damit begann aber erst das große Aufräumen gegen die chinesischen IT-Oligopole: Die 37 größten wurden vorgeladen. Verträge zulasten der Haushalte waren nun umzustrukturieren, ihre exklusiven Plattformen untereinander zu öffnen und „interoperabel“ zu machen, Kopplungen von Verkaufsplattformen (etwa Alibabas Taobao) mit den eigenen Bezahldiensten (etwa Alibabas Alipay) aufzulösen, aber auch die Arbeitsbedingungen, etwa die der Kuriere von Meituan, zu verbessern und vieles mehr. Da weht nun ein frischer antimonopolistischer, konsumenten- und beschäftigtenfreundlicher Wind in China. Die Oligopole werden einem echten, regulierten und überwachten Wettbewerb ausgesetzt. Marktwirtschaft, wie sie sein könnte, und wie sie in einem Land auf dem Weg zu einem Sozialismus der Zukunft konkret den Menschen nützt. Im „Westen“ wäre Ähnliches undenkbar. Da war mal was nach den Erfahrungen von Faschismus und Großkapital: Entflechtungen fanden statt und haben kurzfristig die Machtverhältnisse geändert – und ganz nebenbei längerfristig die Produktivität erhöht. Solche Erfahrungen sind hier und heute tabu.

Die chinesischen Behörden haben dem Großkapital noch einmal deutlich gemacht, wie die Machtverhältnisse in China sind. Alle IT-Oligopole machen nun ihre Hausaufgaben. Tencent und andere bauen nun auch die Sicherungen gegen die Gefahren der Spielsucht chinesischer Jugendlicher in ihre Spielesoftware ein, sie alle tragen die neue Linie der verstärkten Rückverteilung und des „inklusiven Wohlstands“ für alle mit. Wen wundert es da, dass die Chinesinnen und Chinesen laut US-„Glückserhebungen“ inzwischen international mit die glücklichste Bevölkerung sind und dass laut Studien von US-Universitäten das Vertrauensniveau in der Volksrepublik – unter den Menschen, gegenüber der Regierung und auch der KP Chinas – im internationalen Vergleich mit das höchste ist. Und Alibaba & Co. werden am Ende an den Börsen wertvoller sein als zuvor.

 

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Anmerkungen

[1] Unter anderem: Wolfram Elsner: „Das chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer Eins ist anders“ (2020), Stefan Baron/ Guangyan Yin-Baron: „Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht“ (2018), Frank Sieren „Zukunft? China!“ (2018), Wolfgang Hirn: „Shenzen. Die Weltwirtschaft von morgen“ (2020), Rudolf Bauer: „China, die Welt und wir“ (2020), Eike Kopf „Eine chinesische Reformation. Zum Werden eines neuen Zivilisationstyps“ (2019), Christoph Leitl „China am Ziel! Europa am Ende?“ (2020), Martin Winter: „China 2049. Wie Europa versagt“ (2019), Parag Khanna „Unsere asiatische Zukunft“ (2019), Klaus Schwab: „COVID-19: Der Grosse Umbruch“ (2020). Richard Wilhelm: Kungfutse. Gespräche (2008), Uwe Behrens: „Feindbild China: Was wir alles nicht über die Volksrepublik wissen (2021), Wolfram Elsner: „Die Zeitenwende: China, USA und Europa ‚nach Corona‘“ (2021), Stefan Baron: „Ami go home! Eine Neuvermessung der Welt“ (2021).

[2] Von dem Psychoanalytiker Sudhir Kakar habe ich gelernt, dass auch in Indien eher als krankhafte Störung angesehen wird, was mir als Ausdruck seelischer Gesundung erscheint: sich aus ja meist autoritären familiären Banden zu lösen, das ICH zu stärken. Es ist also wohl auch kein rein chinesisches Thema.

[3] Siehe u.a.: https://axelkra.us/klaus-schwab-und-sein-grosser-faschistischer-reset-offguardian/

[4] Baron, Die Chinesen, S. 312.

 

 

Tipps zum Weiterlesen:

China – Geborgenheit oder Gängelei?

Kein Mensch wird als Schaf geboren. Zu „Warum schweigen die Lämmer?“ von Rainer Mausfeld.