Viel Würdigung, wenig Diffamierung. Psychoanalyse in der deutschen Fachliteratur (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 6)

von Andreas Peglau

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Veröffentlichungen von (ehemaligen) DPG-Mitgliedern

Zwischen 1930 und 1938 – dem Jahr ihrer Auflösung – hatte die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) insgesamt 89 Mitglieder. Waren es 1932 noch 56 Mitglieder gewesen, hatten 1934 bereits 32 von ihnen Deutschland den Rücken gekehrt. 27 nichtjüdische DPG-Mitglieder schlossen sich ab 1936 dem Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie (DIPFP) an, das unter der Leitung von M.H. Göring, eines Vetters des »Reichsmarschalls« Hermann Göring, stand und sich um eine »neue deutsche Seelenheilkunde« bemühte (Lockot 2002, S. 149f.).

Laut Grinstein-Index und anderen von mir verwerteten Quellen sind im Dritten Reich 48 Erstveröffentlichungen von zwölf DPG-Mitgliedern zu verzeichnen: Felix Boehm, G.H. Graber, Martin Grotjahn, Karen Horney, Werner Kemper, Hans March, Alexander Mette, Carl Müller-Braunschweig, Gerhart Scheunert, Felix Schottlaender, Harald Schultz-Hencke und Margarethe Seiff.[1]

Das Zentralblatt für Psychotherapie

Diese Publikation, mit vollem Titel Zentralblatt für Psychotherapie und ihre Grenzgebiete einschließlich der medizinischen Psychologie und psychischen Hygiene, war das Organ der 1927 gegründeten Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie. Von Anfang an vorwiegend aus deutschen Mitgliedern bestehend, wurde diese Gesellschaft auch nach 1933 dominiert durch ihre deutsche, zunehmend »arisierte« Ländergruppe, die neugegründete Deutsche allgemeine ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie. Diese, geführt von M.H. Göring, war zugleich die einzige offizielle Interessenvertretung deutscher Psychotherapeuten im Dritten Reich (ZfP, Bd. 7, S. 140–144).

In den beiden ersten Zentralblatt-Heften von 1933 wurde die Psychoanalyse ohnehin noch oft, ausführlich und anerkennend behandelt. So schrieb Felix Mayer einen Beitrag Zur Frage der Sublimierung, Dorian Feigenbaum veröffentlichte seinen »Vortrag, gehalten zu Ehren von Professor Freuds 75. Geburtstag«, und für Kurse des Sommersemesters des Frankfurter Psychoanalytischen Instituts wurde geworben (ebd., Bd. 6, S. 18ff., S. 26ff., S. 65).

In Heft 3, veröffentlicht im Herbst 1933, schlug dann die politische Wende zu Buche. C.G. Jung verkündete im »Geleitwort«, dass von nun an die »schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie […] nicht mehr verwischt werden« sollen (ebd., S. 139). Aber im  anschließenden Beitrag schrieb der niederländische Analytiker Johannes Hermanus van der Hoop:

»Die neuen psychoanalytischen Methoden, die sich nicht mit der Freudschen Psychoanalyse identifizieren (Adler, Stekel, Jung, Maeder), sind doch aus letzterer abgeleitet […]. Daher ist es nötig, erst das Wesen der Psychoanalyse näher zu betrachten« (ebd.,S. 147f.).

Dem ließ van der Hoop eine ausführliche, würdigende Diskussion der Psychoanalyse inklusive sachlicher Kritik einiger Details folgen (ebd., S. 148–161).

»Kehrichtkübel unerfüllbarer Kinderwünsche«

1934 steigerte C.G. Jung seine Anwürfe zu offenem Rassismus:

»Der Jude als relativer Nomade hat nie und wird voraussichtlich auch nie eine eigene Kulturform schaffen, da alle seine Instinkte und Begabungen ein mehr oder weniger zivilisiertes Wirtsvolk voraussetzen. Die jüdische Rasse als Ganzes besitzt daher nach meiner Erfahrung ein Unbewußtes, das sich mit dem arischen nur bedingt vergleichen lässt. […] Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential als das jüdische […]. Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass sie jüdische Kategorien […] unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte […]. Freud […] kannte die germanische Seele nicht, so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten. Hat sie die gewaltige Erscheinung des Nationalsozialismus […] eines Besseren belehrt? Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in jenem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehrichtkübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments« (ebd., Bd.7, S. 9).

Der »Jungianer« G.R. Heyer schrieb im Anschluss, Freuds und Adlers Formulierungen seien »vielfach abwegig, ihre systematisierenden Versuche unhaltbar, ihre Übertreibungen geradezu wahnhaft, das Semitische in ihrer Psyche und Psychologie uns wesensfremd«. Doch hinter der »zeit- und rassebestimmte[n] Auffassung« werde, so Heyer weiter, »auch das ›Gute‹ klar« – bei Freud insbesondere die wertvolle Leistung, das Unbewusste erforscht zu haben (ebd., S. 21f.).
W.M. Kranefeldt, ebenfalls »Jungianer«, behauptete im nächsten Beitrag: Die versteckte Basis der Psychoanalyse sei Freuds »leidenschaftlicher Monotheismus, sein Jahweismus« (ebd., S. 35).

Gleichwohl war einem der sicherlich von Jung gemeinten »germanischen Nachbeter« Freuds, Georg Groddeck (DPG-Mitglied und betroffen von den Bücherverboten), und seinem Buch Der Mensch als Symbol, 1933 im Internationalen Psychoanalytischen Verlag erschienen, im selben Heft eine positive Rezension gewidmet (ebd., S. 109).

Selbst ein ausdrücklich als Nationalsozialist auftretender Therapeut wie Kurt Gauger verdammte Freud nicht in Bausch und Bogen. Ein 1934 wiedergegebener Vortrag Gaugers begann mit der Ankündigung, »daß der Sinn meiner Ausführungen ein politischer ist, wie ich ja auch in der Uniform des Soldaten der Politik, des SA-Mannes vor Ihnen stehe«. Die Psychoanalyse kritisierte er danach als »eindeutig für die materialistische Weltanschauung Stellung« nehmend, daher den »Bereich des Seelischen seines Eigenwertes« beraubend (ebd., S. 159). Doch wenig später hieß es:

»Wir bestreiten […] nicht den Wert einiger Thesen der Freudschen Psychoanalyse, die auf Grund […] naturwissenschaftlicher Beobachtung des menschlichen Seelenlebens formuliert wurden« (ebd., S. 165).

Der ehemals mit der Psychoanalyse verbundene Hans von Hattingberg bemängelte im selben Jahresband, Freud sehe nur das Individuum und verliere dabei die »Beziehung zum größern überindividuellen Ganzen« aus dem Auge (ebd., S. 99). Dennoch könnten die Ärzte Freuds Werke,

»die eine politisch begeisterte Jugend (von ihrem Standpunkt aus mit Recht) verbrannte [, nicht entbehren]. Wir müssen und dürfen uns zu dem bekennen, was wir seiner Arbeit verdanken, gleichviel, daß wir seine Irrtümer ablehnen, weil wir auf seinen Schultern stehend, weiter gelangt sind« (ebd., S. 103).

Mit den nur 17 angegebenen Nennungen im Register – in Wirklichkeit waren es weitaus mehr – lag Freud im Jahrgang 1934 weiter auf Platz eins der namentlichen Erwähnungen – vor Jung mit 15 Nennungen.

Reich-Schelte und Freud-Lob

Und selbst Wilhelm Reich wurde noch dreimal genannt. Der Schwede Ivan Bratt bekundete seine »Übereinstimmung mit der Reichschen Auffassung« des neurotischen Charakters (ebd., S. 287). Der Niederländer E.A.D.E. Carp kritisierte erst die gesamte Psychoanalyse, die mittels freier Assoziation die »Denkdisziplin« des Patienten ausschalte und so dafür sorge, dass dieser »seine individuelle Selbständigkeit zum Behufe des Analytikers preisgibt«. Dann setzte er, sprachlich nicht völlig korrekt, fort:

»Es ist mir bekannt, dass führende Psychoanalytiker (u.a. Wilhelm Reich in seinem kürzlich erschienenen Werk über Charakteranalyse […]) empfehlen, systematisch im Anfange jeder psychoanalytischen Behandlung die […] Widerstände abzubrechen [sic] und diese ›Widerstandsanalyse‹ von größter Bedeutung erachten« (ebd., S. 318f.).

J.H. van der Hoop schließlich kritisierte »einzelne Analytiker«, die »ihre moralischen Grundsätze […] mit der Psychoanalyse gleichsetzen«, und ergänzte in der Fußnote: »Dies zeigt sich an dem Beispiel Reichs, der die Psychoanalyse mit bestimmten kommunistischen und sexuellen Prinzipien gleichsetzt« (ebd., S. 337).

Auf Freud dagegen veröffentlichte van der Hoop 1935 geradezu eine Laudatio:

»Ich sehe in der Psychoanalyse die objektivste Psychotherapie, die wir jetzt besitzen und bemühe mich, diese so gut wie möglich auszuüben. Ich bewundere an Freud nicht nur die Genialität seiner Methode und seiner Einsichten und die meisterhafte Genauigkeit, mit der er und seine Schüler dieses ungeheure neue Gebiet durchforschen, sondern vor allem seinen moralischen Mut zur Wahrheit, um den mancher Forscher ihn beneiden kann« (ZfP, Bd. 8, S. 171).

Zu kritisieren sei an der Analyse vor allem, ergänzte er, dass ganzheitlichen Zusammenhängen, Idealen, Einflüssen von Familie, Beruf, Nationalität, Rasse, Religion zu wenig Augenmerk zuteilwerde (ebd., S. 172f.).

In diesem Zentralblatt blieb es bis zu dessen kriegsbedingter Einstellung 1944 immer möglich, würdigend von »Psychoanalyse« zu sprechen – von »Tiefenpsychologie« ohnehin – und zentrale analytische Termini wie »Übertragung«, »Projektion« und »Libido« zu gebrauchen, ohne sich davon zu distanzieren. Das geschah sowohl in den »wissenschaftlichen Beiträgen« der Zeitschrift wie auch in den oft ausführlichen Buch- und Artikelbesprechungen.

Inoffiziell verboten – offiziell rezensiert

Letztere bezogen sich allerdings ab 1940 nur noch gelegentlich direkt auf Publikationen, die von Psychoanalytikern verfasst waren, öfter aber auf Autoren, die auch die Bedeutung von Freud würdigten – neben, vor allem, Jung und Adler.

Die Rezensionen waren zumeist mit Angaben zu Verlag, Seitenzahl und Preis versehen: »Freud, Sigm., Selbstdarstellung, Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1936, 107 S., Geh. [geheftet], RM [Reichsmark] 3,50, geb. [gebunden] RM 5,-«, hieß es da zum Beispiel (ebd., Bd. 9/1936, S. 375). Und in allen Heften wurden die Rezensionen eingeleitet durch die Mitteilung: »Sämtliche in diesem Heft besprochenen oder vom Verlag angezeigten Bücher sind in allen deutschen Buchhandlungen zu erhalten.«

Mit anderen Worten: Die gesamte hier erwähnte analytische Literatur galt als in Deutschland legal verkäuflich. Eine Rezension im Zentralblatt war aber immer auch eine Werbung – und das schon aufgrund der gegebenen Zusatzinformationen, natürlich selbst dann, wenn es sich um eine kritische Besprechung handelte.

Da Freud und andere im Zentralblatt rezensierte analytische Autoren gleichzeitig NS-Bücherverboten unterlagen, heißt das: Es wurde vielfach für verbotene Literatur geworben. Zumindest soweit man hier psychoanalytische Erkenntnisse auch positiv bewertete, wurden diese Erkenntnisse damit zugleich propagiert.

Ich habe nur sehr wenige Fälle entdeckt, in denen Diffamierungen der Psychoanalyse klar dem nationalsozialistischen Geist folgten, indem sie die Analyse wegen ihres vermeintlich jüdischen Charakters rassistisch attackierten.[2] Die meisten Anwürfe gingen jedoch über das schon vor 1933 gegen Freuds Schöpfung Vorgebrachte nicht hinaus.[3] Eine Ballung an Aggressivität, Antisemitismus und grundsätzlicher, sich über ganze Seiten hinziehender Abwertung, wie sie die 1934er Auslassungen C.G. Jungs kennzeichnete, blieb einmalig im Zentralblatt für Psychotherapie. Lobende, zustimmende oder um Neutralität bemühte Erwähnungen der Psychoanalyse, in sachlichem Ton vorgetragene Detailkritiken überwogen bei Weitem.

Eine weitere zeitgenössische, auch für den Bereich der Psychotherapie wesentliche Fachzeitschrift belegt: Dieser Umgang mit der Psychoanalyse war keine Ausnahme.

Das Zentralblatt für die gesamte Neurologie und Psychiatrie

Diese von Karl Bonhoeffer herausgegebene Zeitschrift war ein »referierendes Organ«, d.h. ihre Ausgaben bestanden ausschließlich aus Rezensionen und Buchhinweisen. Sie hatte den Anspruch, über die gesamten, weltweiten Entwicklungen in Neurologie und Psychiatrie zu berichten und dabei »alle wichtigen Publikationen« einzubeziehen, darunter diverse deutsche medizinische Fachblätter.

Auch in diesem Zentralblatt ist eine hohe Zahl von Erwähnungen analytischer Literatur zu konstatieren und ein bemerkenswert toleranter Umgang damit. Hier blieb es ebenfalls möglich, Freud und die Psychoanalyse zu würdigen, geschah jedoch mit der Zeit seltener. Auch in dieser Fachzeitschrift wurden diverse Publikationen von Autoren rezensiert, die Buchverboten unterlagen.

Analog zum Zentralblatt für Psychotherapie scheint es nur gelegentlich zu Diffamierungen gekommen zu sein. Kritik oder Schmähung der Psychoanalyse, die über schon vor 1933 erhobene Anwürfe hinausgingen, habe ich bei meiner hier nur stichprobenartigen Untersuchung nicht entdeckt.

M.H. Göring über Wilhelm Reich

Wilhelm Reichs Massenpsychologie wurde natürlich auch im Zentralblatt für die gesamte Neurologie und Psychiatrie totgeschwiegen. Reich selbst taucht jedoch zum einen 1939 innerhalb einer Rezension zu Nic Hoels Pseudodebilität auf, die, so heißt es da, »ausgehend von den Grundanschauungen der Psychoanalyse, und insbesondere den Schriften Wilhelm Reichs«, argumentiere (ebd., Bd. 93, S. 44).
Zum anderen wurde auch Reichs 1933 erschienenes Lehrbuch Charakteranalyse rezensiert – und zwar ausgerechnet vom Führer der deutschen Seelenheilkunde, M.H. Göring.

Das ist umso bemerkenswerter, als Reich auch in der Charakteranalyse, insbesondere im Vorwort und im letzten Abschnitt des Buches, seine therapeutischen und politischen Auffassungen so zusammenführte:

»Ich habe mich bemüht zu zeigen, daß die Neurosen Ergebnisse der patriarchalisch-familiären und sexualunterdrückenden Erziehung sind, daß ferner ernsthaft nur eine Neurosenprophylaxe in Frage kommt, zu deren praktischer Durchführung im heutigen gesellschaftlichen System alle Voraussetzungen fehlen, daß erst eine grundsätzliche Umstülpung der gesellschaftlichen Institutionen und Ideologien, die von dem Ausgang der politischen Kämpfe unserer Jahrhunderts abhängt, die Voraussetzungen einer umfassenden Neurosenprophylaxe schaffen wird« (Reich o.J., S. 11).

Unter diese Sätze schrieb Reich: »Berlin, im Januar 1933«. An anderen Stellen wird deutlich, dass er sich jene Umwälzung als eine sozialistische vorstellte, die auch psychoanalytische Erkenntnisse und sexualreformerische Erfordernisse berücksichtigte.
Ein Jahr später konterte nun M.H. Göring in seiner Zentralblatt-Rezension:

Reich »glaubt, daß das gesellschaftliche System der Zeit vor der nationalsozialistischen Revolution – denn in dieser Zeit ist das Buch geschrieben – nicht die Voraussetzungen in sich trage, um die Neurosenprophylaxe durchzuführen, daß erst eine grundsätzliche Umstülpung der gesellschaftlichen Institutionen und Ideologien […] die Voraussetzungen […] schaffen werde. Die Umstülpung hat mit einer gewaltigen Intensität begonnen, aber sicher nicht in der Form, wie Verf. es sich gedacht hatte, sondern in entgegengesetzter. Das neue Deutschland wehrt sich dagegen, dem sexuellen Triebleben die überragende Bedeutung zu geben, die es von Freud und seinen Schülern erhalten hat und der Verf. die Krone aufsetzt« (ZfNuP, Bd. 69, S. 188).

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Stark gekürzter sowie veränderter Auszug aus Andreas Peglau: „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“, 3. und erweiterte Auflage 2017, Gießen: Psychosozial. Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus

Dessen KOMPLETTES Quellen- und Literaturverzeichnis findet sich hier: Quellen und Literatur Peglau Unpolitische Wissenschaft, Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Psychosozial-Verlag-Gießen 2017

 

 

 

 

 

Anmerkungen

[1] Gemeint sind hier nur Schriften, die, zeitlich und räumlich gesehen, innerhalb des Dritten Reiches erschienen sind. Nicht in Betracht kommen daher zum Beispiel sämtliche Veröffentlichungen des Internationalen Psychoanalytischen Verlags in Wien. Ebenso fallen diejenigen Autoren heraus, die zwar der Analyse in manchem nahestanden und in ihren Schriften auch auf sie Bezug nahmen, aber nie zur DPG gehörten. Ein Beispiel dafür ist J.H. Schultz: Er wurde gelegentlich als »wilder Analytiker« eingeordnet (Lockot 2002, S. 147). Auch die zwischen 1934 und 1937 in Wilhelm Stekels Zeitschrift Psychotherapeutische Praxis veröffentlichten Beiträge berücksichtige ich nicht. Stekel verlegte den Herausgabeort nach der NS-Machtübernahme von Deutschland nach Wien; 1937 stellte er die Zeitschrift ein.
[2] Ohne Bezugnahme auf die Psychoanalyse wurde im Zentralblatt des Öfteren die Bedeutung von »Rassenhygiene« und »Rassentrennung« betont. Das Thema »Erbbiologie und Rassenkunde« erhielt auch eine eigene Rubrik in den Referaten, zu der unter anderen M.H. Göring, E. Herzog und J.H. Schultz beitrugen (ZfP, Bd. 10, S. 301ff.).
[3] Vgl. zum Beispiel die entsprechenden Zitate im Abschnitt »Psychoanalyse und Sexualwissenschaft« in Peglau 2017, die frühere Kritik an der Psychoanalyse im Zentralblatt für Psychotherapie, z.B. ZfP., Bd. 5, S. 779ff., die Dokumente in Cremerius (1981) oder die im Gesamtregister der Gesammelten Werke Freuds genannten Verweise zu den Stichworten »Psychoanalyse, Widerstände gegen d.« bzw. »Psychoanalyse, Vorurteile« (Freud 1999, S. 464f.). Auch wenn Kranefeldt Freud »Jahweismus« vorwarf, ging er damit nicht über bereits früher erhobene Anschuldigungen wegen angeblicher »talmudistischer Spitzfindigkeit« und Ähnlichem hinaus (Cremerius 1981, S. 9; vgl. auch Brecht et al. 1985, S. 88). Hans-Martin Lohmann schreibt über die Situation in Österreich vor 1938: »Natürlich galt die Freudsche Psychoanalyse in den Augen der meisten Konservativen und Katholiken als ›jüdische Wissenschaft‹« (Lohmann 2006a, S. 8). Bereits Gudrun Zapp informiert ausführlich über die rassistischen Anwürfe »arischer« Psychotherapeuten gegen die Analyse (Zapp 1980, S. 70–112).

 

Tipp zum Weiterlesen:

Ein „sehr modernes medizinisches Fach“ und „jüdische Seelenvergiftung“: Psychoanalyse im Völkischen Beobachter 1938/39 (Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Teil 7)