Archiv des Autors: AndreasPeglau

Über AndreasPeglau

1957 geboren in (Ost-)Berlin, Dr. rer. medic., Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker in eigener Praxis.

Wilhelm Reichs „Rede an den kleinen Mann“ (Auszüge) – Hörbuch kostenlos herunterladen und anhören

Gelesen von Felix Würgler.
Produziert im Dezember 2022 im Hörbuch-Tonstudio Berlin.
Ton und Schnitt: Berthold Heiland.
Auswahl und Zusammenstellung, Einleitung, Produktion und Regie: Andreas Peglau.
Covergestaltung: Jan Petzold.
Klavier: Andreas Gotthilf.
Dauer: 50 Minuten.

Aus der Einleitung:

1946 feierte Wilhelm Reich seinen 49. Geburtstag, publizierte die dritte Auflage seiner „Massenpsychologie des Faschismus“ und verfasste die ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedachte „Rede an den kleinen Mann“. Diese Rede sei, schrieb Reich, „ein menschliches, kein wissenschaftliches Dokument“, solle „niemand überzeugen, gewinnen oder erobern“. Er nehme für sich nur jenes Recht zur „persönlichen Äußerung“ in Anspruch, welches „man dem Dichter oder Philosophen nie bestritten“ habe.  Weiterlesen

„Ich fürchte, dass uns solche Stellungnahmen auseinanderbringen.“ Das Ende der Freundschaft zwischen Otto Fenichel und Wilhelm Reich im Spiegel unveröffentlichter Dokumente (1933–1934)

von Andreas Peglau

(Erstveröffentlichung in Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, Heft 65/ 2020, S. 60-79)

Anfang eines Briefs von Fenichel an Reich vom 22. November 1933, Quelle: Archive of the Orgone Institute, Correspondence, Box 3, Psa., April 10, 1933–1934.

 

 

Vorab: In diesem Beitrag sollen nicht die Geschehnisse in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft (IPV) oder im Kreis der „Linksfreudianer“ zwischen 1933 und 1935 umfassend dargestellt und diskutiert werden, geschweige denn die entsprechenden Abschnitte der Biografien von Fenichel oder Reich. Das ist bereits geschehen.[1] Aber da Michael Giefer und Johannes Reichmayr unveröffentlichte Dokumente entdeckten und ich von einer Recherche im Bostoner Wilhelm-Reich-Archiv einige noch nicht publizierte Briefe mitbrachte,[2] lässt sich das Bekannte ergänzen. Die Rahmenbedingungen werde ich nur soweit skizzieren, als sie zur Einordnung nötig sind.

 

Psychoanalyse unter Hitler und im Exil

Am 30. Januar 1933, als Adolf Hitler deutscher Reichskanzler wurde, lebten Otto Fenichel und Wilhelm Reich in Berlin.
Reich, spätestens seit 1931 KPD-Mitglied, entsprach als „jüdischer Kommunist“ dem nationalsozialistischen Feindbild Nummer Eins. Hinzu kam eine ungewöhnliche Popularität: 1931–1932 dürfte er der nach Freud erfolgreichste analytische Autor im deutschen Sprachraum gewesen sein (Peglau 2017, S. 92f.). Es war also kein Wunder, dass Ende Februar 1933 Reichs Wohnung durchsucht und er am 2. März im Völkischen Beobachter attackiert wurde. Reich flüchtete daraufhin nach Wien (ebd., S. 180–181).
Der „Arbeitsalltag“ von Fenichel, der sich „nicht wie Reich exponiert“ hatte, „lief einstweilen ohne Besonderheiten weiter“ (Mühlleitner 2008, S. 213). Weiterlesen

Der Bahnhof von Ducherow – eine Spur von Wilhelm Reich

Wilhelm Reich war befreundet mit dem 1945 hingerichteten Kommunisten und Antifaschisten Theodor Neubauer (https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Neubauer).
Reich erwähnt ihn mit Bezug auf dogmatische KPD-Funktionäre:

»Mein Freund Neugebauer [sic], der Reichstagsabgeordneter der kommunistischen Fraktion und ein glänzender, wissenschaftlich geschulter Soziologe und ein anständiger Kerl war, sagte mir einmal: ›Was soll man denn tun? Hinauswerfen müsste man sie eigentlich, doch kommt Besseres nach? Uns fehlt die geschulte Intelligenz.
Vorläufig bleibt nichts anderes, als die Zähne zusammenzubeißen.‹«
Reich, Wilhelm (1995) [1982]: Menschen im Staat, S. 160

Reich, seine Frau Annie und Neubauer verbrachten 1932 zusammen auch einen Kurzurlaub an der Ostsee. Weiterlesen

„Will B. Famous“: Download, Inhalt, Geschichte und Benutzungsanregung für das Hörbuch

Ein Fan trifft auf sein Idol. Das nimmt beinahe einen tödlichen Ausgang. Aber eben nur beinahe: In einem Rollentausch finden sie jeder ein wenig mehr zu sich und letztlich – vielleicht – zueinander …

An diesem Theaterstück habe ich seit den 1980er Jahren mehrfach gearbeitet. Weiterlesen

China: Geborgenheit oder Gängelei?

Einige Fragen und Antworten zu den „Zitaten und Notizen zu China“

Es stimmt, die Idee des Sozialismus war und ist nicht tot. Dennoch ist Vorsicht angesagt, in China ein „Frühstadium eines Sozialismus“ zu sehen.

AP: Ich wollte damit nicht sagen, ich wäre mir sicher, wie es in China weiter geht. Aber soweit ich den aktuellen Zustand beurteilen kann – ich war ja noch nicht selbst in China –, bleibe ich bei dieser Einschätzung.
Zudem: Was ist Sozialismus? In der Sicht von Marx und vielen Marxisten sind die Produktionsverhältnisse ja immer mehr zum Selbstzweck geworden. Doch eigentlich sind sie nur Mittel zum Zweck der Ermöglichung sinnvollen Lebens. Allein das, was ich zu Beginn meiner „Notizen“ aus dem ersten Buch von Wolfram Elsner zitiert habe, belegt, dass es in China in diese Richtung geht. Weiterlesen

Utopie oder Dystopie? Zitate und Notizen zu China, Mai 2020 bis Oktober 2021

von Andreas Peglau

China wird heute meist als Staat dargestellt, der seine Bürgerinnen und Bürger extrem kontrolliert und unterdrückt. Auch denjenigen, die die hiesigen „Corona“-Maßnahmen als Installation eines Polizeistaates werten, gilt China oft als Synonym für das, was uns schlimmstenfalls erwartet. Vielfach wird außerdem vor der Entstehung eines „globalen China“ gewarnt.

Bis vor kurzem habe auch ich China schlicht als weiteren kapitalistisch-autoritären Staat abgetan. Die aktuell in Westeuropa grassierende Entdemokratisierung hat mich dazu gebracht, genauer hinzuschauen. Einiges, was ich seither zu China gelesen,[1] notiert oder auch weitergegeben habe, habe ich hier chronologisch zusammengestellt. Es hat weder den Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit noch auf Endgültigkeit – aber es lässt sich nutzen, um eigene Positionen dagegen zu setzen oder zu überprüfen.

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Medien zur Neuerscheinung der „Massenpsychologie des Faschismus“ 2020

Tarek Al-Ubaidi und Andreas Peglau bei CROPfm zur Neuauflage der „Massenpsychologie des Faschismus“. In einem knapp zweistündigen Gespräch haben wir am 27. März 2020 versucht, Inhalt und Aktualität von Reichs Klassiker gerecht zu werden, inklusive kurzer Verständigungen über „Me too“, Homophobie und Corona. Hier kann die Sendung gehört und heruntergeladen werden. 
Das Gespräch beginnt 8 Minuten nach dem Start der Sendung.

https://cropfm.at/images/Peglau-2020-750.jpg

Illustration: Matthias Töpfer >> atelier-toepfer.de

 

Auf hagalil.com (14.12.2019) finden sich neben einer Einführung Auszüge aus Reichs Kapitel zur Rassentheorie.

Unter dem Titel „Anatomie des Wahns“ ist bei rubikon.de am 16.1.2020 eine kurze Einführung plus Leseprobe erschienen.

junge Welt, Thema vom 21. Februar 2020: „Verdrängter Klassiker. Nicht nur von historischem Interesse – die vergriffene Originalfassung von Wilhelm Reichs ‚Massenpsychologie des Faschismus‘ ist neu aufgelegt worden“.
Dieser Beitrag hat sich ein ganzes Jahr lang in den Top 20 der junge-Welt-Themenbeiträge der letzten zwölf Monate gehalten und lag am bis zum Ende auf Platz 3:

junge Welt, 18.2.2021, Rubrik „„Die Lesetips unserer Abonnenten der letzten 12 Monate“

In einer Rezension des Buches für Luzifer-Amor, Heft 65, 2020 schreibt Helmut Dahmer:
„Psychoanalytiker wie Stalinisten fanden 1933, gleichermaßen verblendet, auf Reichs Massenpsychologie des Faschismus keine andere Antwort, als diesen Autor zu ächten. Acht Jahrzehnte später taucht nun der lang verdrängte ’nationalsozialistische Untergrund‘ vor unseren Augen gespenstisch wieder auf. Da wird Reichs legendärer Originaltext von 1933 wieder gebraucht.“

Ausführlich würdigt Helmut Dahmer Reichs Werk in einem am 27. Januar 2020 erschienenen Artikel in kritiknetz.de.

Günter Rexilius urteilt in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 5. Februar 2020:
„Niemand hat wie Reich mit psycho-analytischer Akribie untersucht, dass und wie patriarchale Gesellschaften auf faschistischem Denken und Handeln fußen: Der sie tragende autoritäre Erziehungsstil, der sexualfeindlich und destruktiv ist, verankert in den kindlichen Individuen Angst, Unterwürfigkeit und Aggressivität als ‚Marschroute‘ durchs Leben. So einfach und eindringlich wie überzeugend beschreibt Wilhelm Reich ein bis heute überdauerndes bürgerliches Gesellschaftsmodell, das sich einer psychischen Dynamik bedient, die wir alle mehr oder weniger gut kennen.“

In socialnet.de zieht Hans-Peter Heekerens am 25. Februar 2020 folgendes Fazit zur Massenpsychologie:
„Das Buch gehört dahin, wovon es die Nazis und ihre allzu willigen Helfer bis in die Spitzen der deutschen Professorenschaft zur klammheimlichen Freude der kommunistischen wie psychoanalytischen Orthodoxie erfolgreich bald neun Jahrzehnte ferngehalten haben: in die Hochschulbibliotheken und sonstige Bibliotheken, die der Bildung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter dienen.“

Im Blättchen vom 2. März 2020 fasst Wolfgang Brauer wichtige Schlüsse aus Reichs Buch zusammen:
„Erstens sind die neuen nazistischen Bewegungen keine Eintagsfliegen, und sie repräsentieren auch keine vernachlässigbaren Minderheiten. Zweitens scheinen die bislang gewählten politischen Mittel ihrer Bekämpfung einigermaßen hilf- und erfolglos zu sein. Auch wenn sie mit Getöse daherkommen.
Es ist eine medizinische Binsenweisheit, dass vor jeder Therapie eine gründliche Anamnese zu erfolgen hat. Für die Politik gilt das nicht minder. Noch wird das sträflich vernachlässigt. Andreas Peglaus Reich-Edition gibt wertvolle Anregungen, diesen misslichen Zustand zu überwinden.“

Werner Abel verweist im Neuen Deutschland vom 10. März 2020 darauf, dass Reich in seinen  autobiografischen Miteilungen resümiert, „die Sowjetunion sei bereits ‚1936 ein eindeutig imperialistischer Staat‘ gewesen, ‚der nur eines mit dem demokratischen Kommunismus gemein hatte: das Bauen auf die Hoffnung der Menschen auf eine bessere Zukunft‘. Antikommunist wurde Reich nie, aber nachvollziehbarerweise Antistalinist.“ Die Rezension schließt mit dem Satz: „Wer ein ganzheitliches Verständnis des NS-Regimes anstrebt, aber auch wer den gegenwärtigen politischen Rechtsruck durchschauen und bekämpfen will, sollte das Buch lesen.“

Am 14. Mai 2020 veröffentlichte Stefan Howald in der in der Schweiz erscheinenden WOZ (Die Wochenzeitung) seine Rezension. Sie ist überschrieben mit: „So züchtet die Kleinfamilie Rechtsextreme. Warum die ArbeiterInnen nicht zwangsläufig links sind: In seiner ‚Massenpsychologie des Faschismus‘ demonstrierte Wilhelm Reich schon 1933 einen facettenreichen Erklärungsansatz.“

Roland Kaufhold hat am 17. Juni 2020 auf hagalil.com seine Funde zu dem „linken“, aus Österreich stammenden Psychoanalytiker Rudolf Ekstein (1912-2005) vorgestellt. Einer der wichtigsten Bezugspunkte für Eksteins 1937 entstandenen Aufsatz „Sexualpolitik des Faschismus“ war Reichs „Massenpsychologie“, wie Kaufhold ausführlich belegt.

Bernd Nitzschke vermeldet in literaturkritik.de vom 21.12.2020 „Die Wiederkehr eines Verdrängten“: „Wollte man bisher die von Wilhelm Reich 1933 formulierte Analyse des realen Faschismus beziehungsweise der Gläubigkeit der Anhänger und Befürworter autoritärer Herrschaft (kirchlicher, politischer oder sonstiger Gruppierungen) nachvollziehen, musste man auf einen der ‚Raubdrucke‘ der Massenpsychologie zurückgreifen, die in der Folge der Wiederentdeckung Reichs durch die 68er-Bewegung erschienen sind, oder man nahm eine Neufassung zur Hand, in die Reich die ‚Orgon‘-Theorie umfangreich eingearbeitet hat. Bis heute zitierten geschichtsvergessene Autoren, die Reich kritisieren wollten, immer wieder spätere Überarbeitungen, ohne auf die Unterschiede zur Originalausgabe der Massenpsychologie zu achten, geschweige denn darauf hinzuweisen. Nun aber hat Andreas Peglau eine sorgfältig editierte Neuausgabe des Originaltextes der Massenpsychologie des Faschismus von 1933 vorgelegt, ergänzt durch das Nachwort zur 2. Auflage von 1934, eine Zeittafel mit den wichtigsten Lebens- und Werkdaten zu Wilhelm Reich sowie einen biographisch-zeitgeschichtlichen Abriss, in dem der Kontext des Werkes vorzüglich erläutert wird. Diese Neuausgabe ist allen Lesern zu empfehlen, die nachvollziehen wollen, wie sich ein jüdisch-marxistischer Psychoanalytiker 1933 in einer Exil-Publikation mit dem sich abzeichnenden Unheil nationalsozialistischer Macht- und Gewaltpolitik auseinandergesetzt hat. Mögen auch manche der Antworten, die Wilhelm Reich damals gab, für unsere Zeit nicht mehr zutreffen – die Fragen, die er stellte, sind auch heute von höchster Aktualität.“
(Eine Kurzfassung dieses Beitrags findet sich in Psychoanalyse aktuell. Onlinezeitung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung DPV.)

In „Trockenlegung erinnerungspolitischer Sumpflandschaften“ (psychosozial 2021, Heft I, Nr. 163) ergänzt Bernd Nitzschke, „der biografisch-zeitgeschichtliche Kontext dieses Textes wird von Peglau in einem vorzüglich recherchierten Beitrag im Anhang der Neuausgabe erläutert. Wilhelm Reich war – neben Otto Gross (als Vorläufer) und Erich Fromm (als Zeitgenosse) – einer der Pioniere der Autoritarismusforschung.“

Die Diagnose „Rechtsruck“ genügt nicht mehr

von Andreas Peglau, erschienen in amatom, IPPNW-Zeitschrift von und für kritische Medizinstudierende, 32/ 2019

Der Original-Artikel kann hier als pdf heruntergeladen werden: amatom_32_Peglau.

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Wilhelm Reich arbeitete 1933 in der „Massenpsychologie des Faschismus“(1) heraus, dass „Rechts“-Entwicklungen“ nicht möglich sind ohne massenhaft herbeisozialisierte autoritär-destruktive Charakterstrukturen. Diese Sicht teilend, plädiere ich – neben den notwendigen politischen, ökonomischen, kulturellen und ökologischen Umwälzungen – für eine psychosoziale Revolution.(2) Dafür wesentlich sind unter anderem: möglichst konflikt- und angstfreie Schwangerschaften/ natürliche statt medizinalisierter Geburten/ nichtautoritäre Erziehung und Bildung/ erfüllende Sexualität, gleichberechtigte Partnerschaft/ ein sich ausweitendes Angebot qualifizierter, insbesondere psychodynamischer Therapie und Körperpsychotherapie. Bemerkenswerterweise sind in den letzten Jahren in Deutschland Negativtrends zu verzeichnen, die all diese Punkte berühren.
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HÖRBUCH: Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933). Zum Anhören und kostenlosen Herunterladen

Wilhelm Reich Massenpsychologie des Faschismus 1933 Hörbuch

 

Gesprochen von Sabine Falkenberg und Thomas Nicolai.
Produziert im Oktober 2019 im Hörbuch-Tonstudio Berlin.
Ton und Schnitt: Berthold Heiland.
Hörbuchfassung und Regie: Andreas Peglau.
Covergestaltung: Jan Petzold. Unter Verwendung eines Fotos von Ludwig Gutman, geboren am 23.6.1869 in Horn, ermordet am 18.4.1943 im Ghetto Theresienstadt.

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„Eine sozialistische Protestdemonstration“: Berlin-Alexanderplatz, 4. November 1989

von Andreas Peglau

Zusatz 30. April 2020: Wir sollten uns darauf besinnen, dass vor etwas mehr als 30 Jahren schon einmal gelungen ist, mutige Menschen zu vereinen, um „mehr Demokratie“ einzufordern. Das ist heute nicht minder notwendig als 1989 in der DDR. Auch damals ging es nicht zuletzt darum, ein verfassungsmäßig zugestandenes aber durch den Staat in Wirklichkeit unterlaufenes Demonstrationsverbot durchzusetzen.

Während der 9. November 1989 regelmäßig als neuer „Tag der Befreiung“ zelebriert wird, bleibt ein anderes Datum weiterhin vergessen und verdrängt. Dabei war es der Höhepunkt des Bemühens, im Osten Deutschlands etwas zu errichten, was noch immer eine gute Idee ist: demokratischer Sozialismus.
Ich habe mich bemüht, das entscheidende Ereignis dieses Tages zu rekonstruieren.

Fragwürdiger Mauerfall-Kult

Fragt man heute nach dem Ablauf der DDR-„Wende“, erhält man oftmals in etwa diese Beschreibung: Die DDR-Bürgerinnen und -Bürger, von denen ja bereits tausende über Prag oder Ungarn das Land verlassen hatten, hatten von ihrem Staat die Schnauze voll und gingen dafür auf die Straße, auch so leben zu können wie im Westen; dann öffnete sich die Mauer; dann kam die ersehnte Wiedervereinigung.

Diese Fehldarstellung oder Fehlerinnerung wird auch dadurch gestützt, dass zum entscheidenden „Wende“-Ereignis der 9. November, der Tag der Maueröffnung hochstilisiert wurde – der aber in Wirklichkeit das Ende der Versuche einläutete, innerhalb der DDR eine politische „Wende“ herbeizuführen. Weiterlesen