„Ich fürchte, dass uns solche Stellungnahmen auseinanderbringen.“ Das Ende der Freundschaft zwischen Otto Fenichel und Wilhelm Reich im Spiegel unveröffentlichter Dokumente (1933–1934)

von Andreas Peglau

(Erstveröffentlichung in Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, Heft 65/ 2020, S. 60-79)

Anfang eines Briefs von Fenichel an Reich vom 22. November 1933, Quelle: Archive of the Orgone Institute, Correspondence, Box 3, Psa., April 10, 1933–1934.

 

 

Vorab: In diesem Beitrag sollen nicht die Geschehnisse in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft (IPV) oder im Kreis der „Linksfreudianer“ zwischen 1933 und 1935 umfassend dargestellt und diskutiert werden, geschweige denn die entsprechenden Abschnitte der Biografien von Fenichel oder Reich. Das ist bereits geschehen.[1] Aber da Michael Giefer und Johannes Reichmayr unveröffentlichte Dokumente entdeckten und ich von einer Recherche im Bostoner Wilhelm-Reich-Archiv einige noch nicht publizierte Briefe mitbrachte,[2] lässt sich das Bekannte ergänzen. Die Rahmenbedingungen werde ich nur soweit skizzieren, als sie zur Einordnung nötig sind.

 

Psychoanalyse unter Hitler und im Exil

Am 30. Januar 1933, als Adolf Hitler deutscher Reichskanzler wurde, lebten Otto Fenichel und Wilhelm Reich in Berlin.
Reich, spätestens seit 1931 KPD-Mitglied, entsprach als „jüdischer Kommunist“ dem nationalsozialistischen Feindbild Nummer Eins. Hinzu kam eine ungewöhnliche Popularität: 1931–1932 dürfte er der nach Freud erfolgreichste analytische Autor im deutschen Sprachraum gewesen sein (Peglau 2017, S. 92f.). Es war also kein Wunder, dass Ende Februar 1933 Reichs Wohnung durchsucht und er am 2. März im Völkischen Beobachter attackiert wurde. Reich flüchtete daraufhin nach Wien (ebd., S. 180–181).
Der „Arbeitsalltag“ von Fenichel, der sich „nicht wie Reich exponiert“ hatte, „lief einstweilen ohne Besonderheiten weiter“ (Mühlleitner 2008, S. 213).

Doch auch er erwog, zu emigrieren und frischte daher in Norwegen Kontakte auf. Zurückgekehrt nahm er am 10. April an einer DPG-Vorstandssitzung teil, bei der Felix Boehm das Ausscheiden der jüdischen Vorstandsmitglieder – damit auch Fenichels – vorschlug. Bei einer Generalversammlung der DPG am 6. Mai stellten Boehm und Carl Müller-Braunschweig den entsprechenden Antrag. Die Mehrheit der Analytiker lehnte das ab. Fenichel enthielt sich der Stimme. Ab Mitte Juli 1933 verbrachten er und seine Frau Cläre einen vorläufig letzten Urlaub in Österreich (ebd., S. 213–218).

Reichs Hoffnung auf einen Neuanfang als Psychoanalytiker in Wien hatte sich da längst zerschlagen. Bei seinem Eintreffen war er damit konfrontiert worden, dass der Internationale Psychoanalytische Verlag den erst Anfang 1933 geschlossenen Vertrag zur Herausgabe seines Lehrbuchs Charakteranalyse gebrochen hatte. Reich schrieb dazu am 17. März 1933 an Freuds Sohn Martin, dem die Verlagsleitung oblag: „Begründet wurde dieser Beschluss mit der Rücksicht auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse, die es nicht angebracht erscheinen liessen, meinen kompromittierten Namen neuerdings offiziell zu vertreten.“ Der „soziologisch-kulturpolitische Charakter der Psychoanalyse“ mache diese jedoch in jedem Falle zum „Todfeind der politischen Reaktion“. In den „bevorstehenden gesellschaftlichen Kämpfen um die Neuordnung der Gesellschaft“ werde die Analyse „eine entscheidende Rolle spielen“ – und dies „gewiss nicht auf Seite der politischen Reaktion“ (Peglau 2017, S. 181–184).

Obwohl sich gegen ihn tatsächlich bald eine Vielzahl von Sanktionen richtete, sollte sich Reich mit dieser Einschätzung täuschen. Eine durch die Analytiker selbst der sozialkritischen Aspekte beraubte Psychoanalyse wurde zügig ins NS-Gesundheitssystem integriert, inspirierte später die psychologische Kriegsführung der Wehrmacht und diente speziell der Luftwaffe dazu, ihre Gefechtsbereitschaft aufrecht zu erhalten (ebd., S. 31–32, 468–484). Wenn Psychoanalytiker zu Opfern des NS-Systems wurden,[3] dann niemals, weil sie Psychoanalytiker waren, sondern wegen ihrer jüdischen Herkunft oder wegen widerständigen, insbesondere politisch „linken“ Äußerungen oder Aktivitäten (ebd., S. 451–455; Peglau 2011). Von einer pauschalen Unterdrückung oder gar Verfolgung der Psychoanalyse, einem umfassenden Verbot ihrer Schriften oder ihres Vokabulars konnte im nationalsozialistischen Deutschland zu keinem Zeitpunkt die Rede sein.

Am 17. April 1933 ließen sich Sigmund Freud und der stellvertretende Vorsitzende der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) Paul Federn von Felix Boehm über die Entwicklungen in Deutschland informieren. Am Ende des Gesprächs wurde Boehm von Freud aufgefordert, Reich aus den Analytikerverbänden auszuschließen (Brecht et al. 1985, S. 101). Federn ermahnte Reich zeitgleich, seine politische Arbeit einzustellen. Reich weigerte sich. Da die, so wertete er es später, „Hetze“ gegen ihn eskalierte, verließ er nun auch Wien: „Ich emigrierte also nicht aus Österreich wegen der Polizei oder aus Mangel an Arbeit, sondern wegen meiner Fachkollegen“ (Reich 1995, S. 204–206, 228).

Am 1. Mai 1933 erreichte er Kopenhagen. Vier Tage später listete ihn ein Gestapo-Schreiben als einen der ersten Österreicher auf, die wegen kommunistischer Betätigung aus Preußen ausgewiesen wurden.[4] Am 10. Mai 1933 gehörte er neben Sigmund Freud zu den vier Psychoanalytikern, deren Schriften in Berlin verbrannt wurden.[5] Noch im selben Monat standen Reichs sämtliche Veröffentlichungen[6] auf NS-Verbotslisten. Observierung, Ausweisung und Ausbürgerung aus Gesamtdeutschland folgten (Peglau 2017, S. 328–338).

In Dänemark setzte Reich seine therapeutische Tätigkeit fort, bereitete die Herausgabe der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie[7] (ZPPS) vor, in der Nationalsozialismus, Faschismus und Stalinismus attackiert werden sollten – und vollendete das Manuskript der Massenpsychologie des Faschismus. Im Spätsommer 1933 erschien die Schrift in dem von Reich gegründeten Verlag für Sexualpolitik.[8]

Etwa zeitgleich, nämlich am 19. September, hielt Otto Fenichel am Berliner Psychoanalytischen Institut seinen letzten Vortrag. Dessen Thema war „Schautrieb und Identifizierung“. Am 21. Oktober verließen auch Otto und Cläre Fenichel Deutschland, zwei Tage später kamen sie in Oslo an. Fenichel betätigte sich hier als Lehranalytiker und wurde am 30. Oktober Sekretär der an diesem Tag gegründeten Dänisch-Nordischen Psychoanalytischen-Vereinigung (Mühlleitner 2008, S. 219, 226, 229). IPV-Präsident Ernest Jones und IPV-Sekretärin Anna Freud standen dieser Gründung skeptisch gegenüber – weil sie fürchteten, Reich könne dort Fuß fassen. Und das würde, so Anna Freud, mit Sicherheit „trouble“ verursachen (ebd.).

Auf Initiative von Fenichel traf sich am 1. November eine Gruppe „linker“, an Psychoanalyse interessierter Norweger (Fenichel: Tageslisten). Sie setzte sich zusammen aus Mitarbeitern und Sympathisanten der kommunistischen Studentenzeitschrift Mot Dag (Dem Tag entgegen).[9] Fenichel hatte dieser Arbeitsgemeinschaft den Titel „Psychoanalyse und Marxismus“ gegeben. Zu deren zweiten Treffen, am 13. November, vermerkte Fenichel: „Diskussion über Familie“ (ebd.).

Eine Woche später, am 21. November 1933, erfuhr Reich aus der dänischen KP-Zeitung Arbejderbladet, er sei aus den kommunistischen Organisationen ausgeschlossen worden (Reich 1995, S. 208). Wenige Monate später benannte er seine Massenpsychologie als Anlass dieses Ausschlusses (Reich 1934, S. 279). Was weder er noch Fenichel wussten:[10] In aller Heimlichkeit war Reich bereits im Juli 1933 auch aus der DPG ausgeschlossen worden – und dadurch zugleich aus der IPV (Brecht et al. 1985, S. 103). Damit hatte der DPG-Vorstand nicht nur Freuds Wunsch entsprochen, sondern auch die für die angelaufene Anpassung an das NS-Regime hinderlichste Person aus den eigenen Reihen entfernt.

Schon am 29. Oktober 1933 hatte eine dänische Zeitung dazu aufgerufen, Reich auszuweisen, „um einen dieser deutschen [sic] sogenannten Sexologen daran zu hindern, mit unseren jungen Männern und Frauen seinen Unsinn zu treiben und sie zu dieser perversen Pseudowissenschaft zu verleiten“ (Sharaf 1996, S. 219) – womit auch die Psychoanalyse gemeint gewesen sein dürfte. Freunde und Kollegen Reichs engagierten sich dafür, Reichs Aufenthaltserlaubnis über den 30. November hinaus zu verlängern. Im Namen der dänischen Analytiker bat Erik Carstens am 10. November 1933 Sigmund Freud, sich ebenfalls für Reich zu verwenden (AOI).[11] Freud lehnte ab.

 

Marxistische Analyse oder Sexualökonomie?

Als sich Fenichel am 22. November 1933 mit einem zweiseitigen Brief an Reich wandte (AOI), war Freuds Reaktion beiden bekannt. Fenichel war auch informiert von der geplanten Herausgabe der Zeitschrift für Sexualökonomie und politische Psychologie. Darauf bezog er sich gleich zu Beginn seines Schreibens: „Dass es mit einer Zeitschrift für das Gebiet, das ich für das Wichtigste halte, was wir zu bearbeiten haben, nämlich für marxistische Analyse, Wirklichkeit werden soll, freut mich sehr.“ Doch habe er mehrere „Bedenken“. Zunächst empfinde er den geplanten „Umfang des Programms“ – Reich wolle ja anscheinend alle Bereiche des „Wirklichen Seins“ berücksichtigen – als zu groß. Unklarheit schaffe zudem der vorgesehene Zeitschriftentitel, da „die meisten ja gar nicht wissen, was Sexualökonomie ist, und die Zeitschrift erst den Beweis zu bringen haben wird, dass die Sexualökonomie der wichtigste Bestandteil der politischen Psychologie ist“. „Gefahren“ könnten auch „ausgehen von einer Vermischung von Propaganda und Forschung“. Nachdem er mitgeteilt hatte, dass ihm „das Zweite weit sympathischer“ sei, tauchte nun erstmals Reichs Massenpsychologie auf: „Diskussion, ev.[entuell] Kritik oder Antikritik Deines Faschismus-Büchleins wären z.B. ein erfreulicher Beitrag dazu“. Als Sorge benannte Fenichel, dass Reich es „an nötigen Rücksichten fehlen lassen könne“: „Du weisst, dass ich es für nötig halte, gewisse ‚opportunistische‘ Rücksichten auf die I.P.V. zu nehmen, weil wir ohne diese Vereinigung überhaupt nicht arbeiten könnten.“ Auf Freuds Mitteilung zu Reichs Ausweisung bezogen, schrieb Fenichel, dass „es nach allem, was wir darüber wissen, wie Freud zu Dir persönlich steht, doch klar ist, dass er gar nicht anders antworten konnte“.

Er habe, schrieb er abschließend, „viel dafür und nichts dagegen“, an Reichs Zeitschrift mitzuarbeiten, wolle dies jedoch „vorläufig nicht in der Redaktion tun“. Zwei von Reich vorgeschlagene Beiträge könne er nicht machen, weil er Entsprechendes bereits der Imago zugesagt habe und dies nicht zugleich an „feindlicher Stelle“[12] publizieren könne. Anbieten könne er Reich einen „Nachweis, dass die Psychoanalyse und nur die Psychoanalyse die Keime für die zukünftige materialistisch-dialektische Psychologie enthält (wobei ich allerdings viel Reich und Fromm zitieren müsste).“

Schon am nächsten Tag antwortete Reich auf sieben Briefseiten (AOI). Dabei ging er Fenichels „Einwände“, die er als „nicht sehr stichhaltig“ empfand, durch. Voraussetzen konnte er, dass Fenichel die Massenpsychologie bereits gelesen hatte. „Sexualökonomie“ hatte Reich (Reich 1933, S. 47f.) dort definiert als

Wissenschaft […], die sich auf dem soziologischen Fundament von Marx und dem psychologischen von Freud aufbaut, eine im wesentlichen massenpsychologische und sexualsoziologische zugleich ist. Sie beginnt dort, wo, nach Ablehnung der idealistischen Soziologie und Kulturphilosophie Freuds, die klinisch-psychologische Fragestellung der Psychoanalyse endet.

An Fenichel schrieb Reich nun:

1. Die Probleme der marxistischen Psychologie bilden ein zentrales, aber eben nur ein Stück des Gesamtgebietes der Sexualökonomie. […]
2. Vom Standpunkt der marxistischen Psychologie könnte man ja jetzt keine Zeitschrift begründen, denn es gibt im ganzen etwa drei bis fünf ernstzunehmende marxistische Analytiker.
3. Fasst man die Sexualökonomie als die Lehre vom geschlechtlichen Sein des Menschen schlechthin, […] so kann weder das biologische, physiologische, psychologische noch soziologische Gebiet ausgeschlossen werden. […]

4. Vermischung von Forschung und von Propaganda: Ich bin ganz Deiner Ansicht, dass die Zeitschrift keine populäre Fragebeantwortung und keine alltägliche Politik betreiben kann. Aber mir liegt gerade daran, den bürgerlichen Gegensatz von Theorie und Praxis, Wissenschaft und Politik aufzuheben.

Am wichtigsten sei ihm, mittels der Zeitschrift „Sexualpolitikern“ ein „Diskussionsorgan“ anzubieten und die sexualpolitische Bewegung (von Reich oft als „Sexpol“ abgekürzt) zusammenzufassen. Doch „daran hast Du ebenso wie Annie [Reich] und Edith J.[acobssohn] kein Interesse. Ich mache keinen Vorwurf daraus, wir bleiben die besten Freunde.“ Fenichel und die anderen Genannten würden ihn ja wahrscheinlich nicht „hemmen […], wenn wir das Übereinkommen treffen, dass jeder sich auf dem speziellen Gebiet tummeln kann, das ihm gefällt. […] Mach nur ruhig Deine marxistische Psychologie und publizier, wenn Du willst, in unserer Zeitschrift“.

Die Massenpsychologie habe sich bereits 500mal verkauft. Zu Fenichels Verteidigung von Freud hieß es dann: „Dass Freud kein Gutachten abgeben will, ist auch objektiv eine Schweinerei, weil nicht ich ihn darum bat, sondern die hiesigen Analytiker ohne Anregung von mir.“ Zwei Sätze später nahm Reich vorweg, was aus seiner Sicht bald danach, auf dem Luzerner IPV-Kongress, Realität werden sollte: „Ich fürchte, dass uns solche Stellungnahmen Deinerseits, wenn es einmal hart auf hart gehen wird und die Sache ernstere Folgen haben kann, auseinanderbringen werden.“

Schon einige Zeilen zuvor hatte Reich geschrieben:

Die IPV und die Sexualpolbewegung werden in absehbarer Zeit schärfste Gegner sein! Nicht weil ich es so will, sondern weil die IPV nicht will und auch nicht kann. Und die klinische Forschung wird dabei mitgehen, mit mir nämlich. […] Deutschland wird sich gleichschalten, Österreich versumpfen und in Amerika wird es brave akademische Wissenschaft sein, wenn sie durchhalten (AOI).

Dass „die klinische Forschung“ mit Reich „mitgehen“ würde, war eine seiner Fehleinschätzungen der IPV-internen Verhältnisse.

Am 26. November tagte erneut Fenichels Arbeitsgemeinschaft „Psychoanalyse und Marxismus“. Fenichel notierte: „3. Arbeitsgemeinschaft Psychoanalyse und Marxismus, mein Referat über das 1. Kapitel“ (Fenichel: Tageslisten). Gemeint war offensichtlich das erste Kapitel von Reichs Massenpsychologie. Michael Giefer hat dieses Referat 2018 im Bundesarchiv Koblenz entdeckt. Ich komme weiter unten darauf zu sprechen.

Am 11. und 18. Dezember begann die „Arbeitsgemeinschaft Psychoanalyse und Marxismus“ mit der Diskussion des zweiten Kapitels der Massenpsychologie (ebd.).

Bereits am 1. Dezember war Reich, aus Dänemark ausgewiesen, nach Schweden übersiedelt.[13] Hier, in Malmö, knüpfte er am 11. Januar 1934 erneut an Fenichels letzten Brief an:

Du musst begreifen, dass es einem Menschen in meiner Situation nicht leicht, nicht sofort begreiflich und akzeptabel ist, wenn die besten Freunde so grosse Vorsicht üben. Dass die psa [= psychoanalytische] und die sexpol [= sexualpolitische] Sache getrennt marschieren müssen, ist mir restlos klar; und ich achte sehr darauf, dass beide einander nützen und nicht schaden. Mir will es jedoch scheinen, als ob Dir die innere, die sachliche Identität beider, ihre Untrennbarkeit nicht restlos klar geworden wäre, als ob Du Dich sträubtest, zu erkennen, dass die Sexpol die, soziologische Anwendung der psa Theorie ist (AOI).

 

Zur Anpassung der DPG an den Faschismus

In seinem Brief berichtete Reich dann über ein Treffen mit Edith Jacobssohn in Berlin, das zum Jahreswechsel 1933/34 stattgefunden haben musste.[14] Sie wollte

wissen, was wir zu tun gedenken, da sich die Berliner Psa.[= Psychoanalytiker] offiziell gleichschalten ließen. Es gibt meiner Ansicht nach nur zwei Möglichkeiten: kollektiv protestieren oder einzeln still austreten. Aber wohin? Wird die IPV nicht freudig diese Gelegenheit ergreifen, um uns loszuwerden? […] Von der IPV hatte ich [den] kompletten Eindruck einer Leiche, die paradoxerweise noch etwas Leben in sich hat.

Am 16. Januar 1934 widmete sich Fenichels Arbeitsgemeinschaft wieder dem zweiten Kapitel der Massenpsychologie (Fenichel: Tageslisten). Am selben Tag antwortetet Fenichel (AOI), er habe sich „sehr gefreut“ über Reichs Brief und finde die „Sorgen um die PsA. sehr berechtigt“. Die jüngst in der Imago erschienen Artikel von Géza Roheim[15] und Helene Deutsch[16] bewiesen ja, „wohin der Kurs geht. Deshalb – aus Protest – bin ich auch wieder dem Plan einer allgemeinen Neurosenlehre[17] nähergetreten.“

Fenichel war bekannt, dass Carl Müller-Braunschweig im Sommer 1933 ein „Memorandum“, verfasst hatte. Dessen Entstehung begründete Boehm später mit der Absicht, „die bisherigen Verdienste unseres Institutes zu schildern, von [Wilhelm] Reich’s in Berlin bekanntgewordenen Ansichten deutlich abzurücken und zu zeigen, wie die Ps[ycho].A.[nalyse] die wertvollen Seiten jedes Menschen fördere“ (Brecht et al. 1985, S. 105). Dazu schrieb Fenichel:

Mit der deutschen psa. Ges.[ellschaft] ist es eine schwere Sache. Boehm ist, wie ich aus verschiedenen Berliner Briefen sehe, ein richtiges Schwein. Aber seine großen Gegner sind Jones und Eitingon; und man darf nicht durch den Kampf gegen jenen diesen Recht geben. Das berühmte Memorandum, demzufolge die Psychoanalyse der Erziehung zum heldischen Menschen dient,[18] habe ich noch nicht zu sehen bekommen, da es mir Boehm trotz Aufforderung einfach nicht schickt […]. Erst wenn ich es kenne, kann ich mich zu eventuellem Austritt äußern […], wenn überhaupt, so von allen zusammen unter Protest und nur unter Zustimmung von Edith J.[acobssohn]. (AOI)

Nur einen Monat nach diesem Briefwechsel wurden Reichs Räume durch die schwedische Polizei einer illegalen Durchsuchung unterzogen, wiederholten sich auch hier Diffamierung und Überwachung. Wieder gab es Proteste dagegen; wieder verweigerte Freud, sich zu beteiligen (Reich 1995, S. 228).[19]

Währenddessen diskutierte die Arbeitsgemeinschaft weiter die Massenpsychologie – zumindest zu Teilen anhand von Vorträgen Fenichels. Am 7. März 1934 enthalten Fenichels Tageslisten den Hinweis: „Diskussion über das Familienkapitel.“ Das dürfte sich bezogen haben auf das fünfte Kapitel der Massenpsychologie: „Die sexualökonomischen Voraussetzungen der bürgerlichen Familie“. Am 23. April 1934 lautet der Eintrag: „Arbeitsgemeinschaft. Letzter Abend über Reich. Mein Referat über das letzte Kapitel.“

Nachdem Reichs – ebenfalls auf sechs Monate befristetes – schwedisches Visum abgelaufen war, ging er im Mai 1934 illegal nach Dänemark zurück und versuchte, dort weiterzuarbeiten. Doch „von nun an sollte es sein Schicksal werden, daß jede Regierung des jeweiligen Landes, in dem er sich gerade aufhielt, mit rechtlichen Maßnahmen gegen ihn vorging“ (Sharaf 1996, S. 220).[20]

 

Fenichel über die Massenpsychologie

Im März 1934 begann Fenichel mit der Aussendung seiner „Rundbriefe“ an „linke“ Analytiker. Zu den Empfängern gehörte mit Selbstverständlichkeit Reich.[21] Diesen Rundbriefen ist der Hinweis zu entnehmen, dass Fenichel eine Rezension der Massenpsychologie für die ZPPS geschrieben hatte, die Reich am 9. Februar 1934 ihm gegenüber als „beste verständnisvollste Besprechung“ bezeichnete (Fenichel 1998, S. 197, 830).[22]

Johannes Reichmayr hat diese Rezension im Archiv in Los Angeles entdeckt.[23] Wie erwähnt, fand Michael Giefer zudem eine 27-seitige Ausarbeitung Fenichels, die dieser überschrieben hatte mit „Referat über Einleitung und erstes Kapitel von Reich: Massenpsychologie.“[24]

Der letztere Text wirkt zwar aufgrund vieler Korrekturen und manch stichwortartiger Notiz wie ein Entwurf, manchmal wie eine Selbstverständigung oder Materialsammlung. Dennoch war er ja am 26. November 1933 wohl als Referat gehalten worden. Dass er für die Arbeitsgemeinschaft „Psychoanalyse und Marxismus“ verfasst wurde, belegt auch ein Satz auf Seite 18. Dort heißt es: „Über die Familie als Ideologiefabrik haben wir bereits an einem eigenen Abend ausführlich diskutiert, so dass wir uns an dieser Stelle nicht wiederholen wollen“ – sicherlich ein Bezug zum Treffen vom 13. November. Deutlich wird, dass Fenichel beabsichtigte, weitere Buchabschnitte in ähnlicher Weise durchzuarbeiten – was ja laut „Tageslisten“ auch geschah. Für das zweite Kapitel machte Fenichel in fünf Punkte gegliederte Diskussionsvorschläge, die am 18. Dezember 1933 zur Grundlage genommen wurden: „5. Arbeitsgemeinschaft Psychoanalyse und Marxismus, Diskussion über das 2. Kapitel begonnen, Fragen 1–5“ (Fenichel: Tageslisten).

Schon weil der Anfang der Rezension in einer sprachlich ausgefeilteren Variante der Sätze besteht, mit denen auch das Referat startet,[25] dürfte Letzteres zuerst entstanden sein.[26]

Als Vorform der Rezension ist es allerdings nicht einzuordnen, weil es nach dem übereinstimmenden Einstieg einen anderen Inhalt transportiert. Vielfach gibt Fenichel im Referat Reichs Sätze mit eigenen Worten wieder, ergänzt sie durch skizzenhafte Überlegungen, Fragestellungen, marxistische Thesen oder kritisiert Reich, zum Beispiel wegen vermeintlich „romantischer“ Ansichten: Dass der Mensch „gut“ sei, erscheint Fenichel naiv. Stichpunkte dafür, was Fenichel aus dem zweiten Kapitel der Massenpsychologie diskutieren wollte, schließen das Dokument ab. Fenichel wirft hier auch die Frage auf,

ob ein so aktuelles Thema wie der Nationalsozialismus, den noch niemand ganz zu verstehen wagt, geeignetes Beispiel sei, dass eine neue Wissenschaft sich an ihm erprobe. Vielleicht wäre manches weniger problematisch erschienen, wenn man ein historischeres Thema gewählt hätte. Aber hier ist die Aktualität, hier stellt drängende Gegenwart der Wissenschaft Aufgaben, die gelöst werden müssen […].

Propagandacharakter und Aktualität tun ‚strenger Wissenschaftlichkeit‘ manche Einbuße. Das macht nichts. Das Buch […] ist getragen von der Absicht, nur die Wirklichkeit anzusehen und die Wirklichkeit zu verstehen. Wir werden so zu untersuchen haben, ob es das leistet.

Vermutlich, weil das Referat ja nur der Anfang einer gründlichen Auseinandersetzung werden sollte, blieb Fenichel die Antwort auf diese Frage noch schuldig. In der dann für die ZPPS verfassten Rezension gab er darauf eine Teilantwort:

Der dialektisch-materialistischen Psychologie, die die Wechselbeziehungen zum gesellschaftlichen Sein und individuellen Bewusstsein untersucht, werden noch viele Aufgaben zufallen. Erst muss sie selbst geschaffen werden, erst muss sie selbst sich ihren [sic] wissenschaftlichen Aufgaben und Methoden voll bewusst werden! Ein wesentlicher Beitrag hierzu scheint uns Reichs Buch.

Inhaltlich hat diese Rezension ein begrenzteres Spektrum als das „Referat“, bleibt dafür aber enger an Reichs Buch. Fenichel stellt vor allem eine Frage in den Mittelpunkt (die im „Referat“ kaum eine Rolle spielt): Wie lässt sich realitätsgerechte „Sexualpolitik“ machen? Was er als Sexualpolitik gelten lassen wollte, war allerdings enger definiert als bei Reich[27]. Fenichel verstand darunter nur „den Versuch, durch Aufklärung über Wesen und Sinn der gesellschaftlichen Sexualunterdrückung“ Massen zu erleichtern, revolutionär zu denken und zu handeln (Rezension, S. 4).

Fenichel würdigte manche Reichsche Aussage, zum Beispiel (ebd., S. 6) den „Schluss, dass klares sexuelles Bewusstsein und natürliche Ordnung des sexuellen Lebens das Ende des mystischen Empfindens jeder Art sein muss, dass also die natürliche Geschlechtlichkeit der Tod­feind der Religion ist“ (Reich 1933, S. 238). Anderes, wie die These Reichs, dass die wirtschaftliche Macht der Kirche deren „wichtigstes Hilfsmittel“ sei, kritisierte Fenichel als „marxistisch nicht korrekt“ (Rezension, S. 5) oder griff auf weitere Autoritäten zurück: „Die erste Frage, die jeder Sexualpolitik gestellt werden muss, ist also die: Ist sie ‚proletarisch‘ im Sinne von Lenin […]?“

Manches deutet darauf hin, dass Passagen der Massenpsychologie von früheren Diskussionen zwischen Reich und Fenichel profitierten. So zitiert Fenichel (ebd., S. 8) aus Reichs (1933,  S. 251) Buch: „Von sehr nahestehender Seite wurde mir einmal sogar ein­gewendet, meine Versuche“ – gemeint ist, durch sexualpolitische Arbeit das Bewusstsein von Massen nachhaltig zu verändern – „würden nur eine oberflächliche Aufklärung bedeuten, die die tiefen sexualverdrängenden Kräfte übersähe.“ Die Argumente, die Fenichel diesbezüglich Reich in der Rezension entgegenhält, rechtfertigen die Annahme, diese „nahestehende Seite“ sei Fenichel selbst gewesen.

Freilich verschwimmt in Fenichels Text oftmals die Grenze zwischen dem Rezensenten und dem zu Rezensierenden. Wenn er schreibt „Wir haben festgestellt“, „Wir fanden“ usw., bezieht er sich anschließend meist auf etwas, dessen Urheber kein „wir“ war, sondern eben Wilhelm Reich in der Massenpsychologie. Auch wenn Fenichel auf Seite 12 der Rezension „drei Bedingungen der sexualpolitischen Arbeit“ einforderte, deckten sich diese hochgradig mit Formulierungen auf Seite 271 der Massenpsychologie. Dort heißt es:

Zur fruchtbaren Durchführung der Aufgabe, die Sexualpolitik dem Klassenkampfe einzuordnen, gehört erstens die rein politische Sammlung der Arbeiterbewegung überhaupt; ohne diese Voraussetzung kann die sexualpolitische Arbeit zunächst nur eine vorbereitende sein; ferner gehört unerlässlich dazu die Schaffung einer straffen internationalen sexualpolitischen Organisation, die die reale Macht der Durchführung herstellt und sichert; drittens gehört unerlässlich dazu eine Reihe gründlichst geschulter Leiter der Bewegung.

 

Der Luzerner IPV-Kongress

Vom ersten „Rundbrief“ an waren Spannungen zwischen Fenichel und Reich zu spüren. Das machte sich alsbald fest an der Vorbereitung des nächsten, für August 1934 einberufenen IPV-Kongresses. Doch dahinter verbargen sich grundsätzliche Differenzen darüber, was „richtige“ Psychoanalyse und angemessenes politisches Handeln unter den Bedingungen des Jahres 1934 sei.

Fenichel (1998, S. 75) wusste sich mit den meisten Rundbriefempfängern einig, wenn er im April 1934 schrieb „1. Es ist nötig, sowohl positive Arbeit als auch Oppositionsarbeit zu leisten. 2. Beide sind so lange wie irgend möglich innerhalb der I.P.V. zu leisten.“

Reich setzte andere Prioritäten. Am 5. Juni 1934 gab Fenichel Reichs Haltung weiter, es komme „jetzt darauf an zu zeigen,“ warum die Psychoanalyse „nur im Lager der politischen Linken und nie im Lager der Rechten ihre Funktion erfüllen kann.“ Fenichel (ebd., S. 98) widersprach:

Daß es auf dem bevorstehenden Kongreß darauf ankommen sollte, das der I.P.V. klarzumachen, kann ich absolut nicht zugeben. […] Wir waren darin einig, daß wir zunächst einmal mit allen Mitteln trachten müssen, ohne Spaltung innerhalb der I.P.V. zu arbeiten. […] Daß die Ps.A. ‚nur im Lager der politischen Linken ihre Funktion erfüllen kann‘, ist in sachlicher wissenschaftlicher Art zu zeigen, aber unter keiner Bedingung jetzt als Losung vor das Plenum der I.P.V. zu schleudern.

Vor dem Kongress wechselten die „besten Freude“ zwei weitere – bislang nicht ausgewertete – Briefe.

Der erste stammt vom 30. Juli 1934. Darin teilte Fenichel mit, dass er von Müller-Braunschweig gebeten worden sei, Reichs Einverständnis einzuholen, ihn in der Mitgliederliste für den Luzerner IPV-Kongress nicht mehr als DPG-Mitglied aufzuführen. Fenichel protestierte umgehend und gab Müller-Braunschweigs Anfrage zugleich an Reich weiter (AOI).

Lieber Willy!

Aus einem Brief, den ich von Müller erhielt: ‚[…] Den nicht genannten Kollegen bitte ich freundlich darüber zu informieren, dass wir im Interesse unserer Sache uns freuen würden, wenn er sine ira [= ohne Zorn] auf Anführung verzichtete …‘

Aus meiner Antwort:

‚[…] ist er nicht mehr Mitglied der Deutschen Vereinigung oder ist er es? Ist er es nicht: warum nicht? Wann und wie und warum ist er ausgeschlossen worden? […] Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Kollege ‚sine ira‘ damit einverstanden sein könnte. Sie können sich übrigens leicht mit ihm in Verbindung setzen, schreiben Sie an:“

– es folgt Reichs Adresse. Reich reagierte darauf am 1. August 1934 mit einem schriftlichen Protest, den er an Anna Freud als Vertreterin der IPV-Leitung schickte (Reich 1935, S. 55f.).[28] Am 2. August schrieb er an Fenichel (AOI):

Lieber Otto!

Ich erhielt soeben Deine Mitteilung mit der unverschämten Maßnahme, die die Leisetreter gegen mich ergriffen haben. […] Schreib mir auch, was Du der Gruppe [= die „linken“ Analytiker] als Gegenmaßnahme vorzuschlagen gedenkst. […] Was wäre Deiner Meinung nach jetzt zu tun? Ich will doch nicht still ausscheiden!

Offenkundig kam es im Vorfeld des Kongresses zu intensivem Austausch, aber auch zu sich zuspitzendem Streit der Beiden (Fenichel 1998, S. 115–119). Fenichel berichtet im Rundbrief vom 20. August (ebd., S. 119):

Der Gegensatz zwischen Reich und der übrigen Gruppe beruht zu einem guten Teil, wie Reich wiederholt geäußert hat, darauf, daß Reich der Meinung ist, er und seine Sexpol hätten eine wissenschaftliche u. politische ‚Plattform‘, von der aus er die ‚bürgerliche Psychoanalyse‘ bekämpfen könne, während uns, die wir diese seine Plattform nicht in allen Punkten anerkennen, ein fester Standpunkt fehle

Sechs Tage später begann der Luzerner Kongress. Erst vor Ort wurde Reich zunächst inoffiziell – offenbar von Boehm (Reich schreibt „der deutsche Sekretär“) – mitgeteilt, dass er längst aus DPG und IPV ausgeschlossen worden war (Reich 1995, S. 253). Schon zu Kongressbeginn machte IPV-Präsident Ernest Jones klar, welches Image er für die Psychoanalyse für nötig hielt. Dazu knüpfte er an die jüngsten Ereignisse in NS-Deutschland an (IZP-Korrespondenzblatt 1935/ 21, S. 113f.):

Es wäre ein leichtes, einen empörten Protest einzulegen gegen die Art, in der diese politischen Geschehnisse unsere Arbeit gehindert und das Leben unserer Kollegen gestört haben. Ein solches Vorgehen wäre jedoch sicherlich nutzlos und vielleicht schädlich. Es hieße übrigens, von unserem eigenen Niveau herabzusteigen […]. Wir sehen wieder einmal, daß Politik und Wissenschaft sich nicht besser vermischen als Öl und Wasser. […] Es folgt aus dem eben Gesagten, daß jeder, der solchen Impulsen nachgibt, im selben Grad als Analytiker verliert. Und der Versuch, eigene soziale Ideen im Namen der Psychoanalyse zu verbreiten, heißt ihre wahre Natur fälschen, ist ein Mißbrauch der Psychoanalyse, den ich entschieden rügen und zurückweisen möchte.

Das dürfte ebenso als Absage an die Positionen Reichs gemeint gewesen sein wie als Warnung an „Links“-Freudianer wie Fenichel, Reich zu folgen. Zugleich bedeutete es die Absegnung der Integration der Psychoanalyse ins NS-Systems:

„Im selben Augenblick, in dem man Reich eine unzulässige ‚Vermischung‘ von Politik und Psychoanalyse vorwarf, akzeptierte und verteidigte man die von Boehm und Müller-Braunschweig praktizierte Vermischung von Psychoanalyse und (Anpassungs-)Politik!“ (Nitzschke 1997, S. 81).

Mit der Begründung, Reich sei kein DPG-Mitglied mehr, wurde ihm nun auch offiziell die IPV-Mitgliedschaft aberkannt.[29] Dies war allerdings eine ausgesprochen fadenscheinige Erklärung; Fenichel (1998, S. 135) sprach von „Perfidie“. Denn auf demselben Kongress wurde eine Regelung beschlossen, die für Reich eine Lösung ermöglichte: Zur Emigration gezwungene Analytiker sollten ab sofort auch als „unmittelbare“, also keiner Landesgruppe zugehörige IPV-Mitglieder anerkannt werden können. Zudem hätte für Reich prinzipiell die Möglichkeit bestanden, in eine andere Landesgruppe der IPV einzutreten und damit auch wieder IPV-Mitglied zu werden. Um dies zu verhindern, wurde der skandinavischen Analytikergruppe die von ihr beantragte Anerkennung durch die IPV nur unter der Bedingung zugestanden, dass sie Reich – der sich dort bereits engagiert hatte – die Aufnahme als Mitglied verweigerte (Nitzschke 1997, S. 81, Fn 20). Fenichel (1998, S. 135f.) berichtet:

Anna Freud, sowie die anderen Redner der I.P.V. […] gaben ohne weiteres zu, daß es bei gutem Willen juristisch möglich wäre, Reich wieder zum Mitglied zu machen; daß aber dieser gute Wille fehle und, wie sie meinten, gut begründet fehle. Man sei der Ansicht, daß es ohne Krach für beide Teile, für I.P.V. und für Reich, besser wäre, wenn man getrennt marschierte, und zwar sei der Ausschluß Reichs weder seinen von Freud abweichenden Ansichten zuzuschreiben (andere Gegner des Todestriebes habe man sehr gern in der Vereinigung), noch seinen politischen Ansichten (andere Kommunisten ebenfalls),[30] sondern der spezifischen Art, wie Reich beides miteinander verbinde. Er behaupte, die Psychoanalyse zu einem, ‚Sexualökonomie‘ genannten, eigenen Wissenschaftssystem konsequent weiterentwickelt zu haben, das beweise, daß die PSA. als solche mit unbedingter Notwendigkeit eine gewisse politische Tätigkeit als Konsequenz verlange.

Reich habe, so Fenichel weiter, auf die Vorhaltungen der IPV-Funktionäre erwidert,

daß seiner Meinung nach das Vorgehen des Vorstandes von seinem Standpunkt aus durchaus konsequent sei. […] Daß er meine, daß tatsächlich seine Richtung etwas vertrete, was im krassen Widerspruch zu dem, was die I.P.V. heute lehre und betreibe, stehe. Er finde deshalb die Forderung nach seinem Austritt berechtigt und wolle für einen solchen nur eine Bedingung stellen: Daß eine ausführliche Begründung für diesen Schritt der I.P.V. publiziert werde. Auf die Frage, weshalb er eine solche Veröffentlichung wolle, erwiderte er, er möchte, daß vor der Öffentlichkeit die Gründe der I.P.V. festgelegt werden, damit er sich auch öffentlich mit ihnen auseinandersetzen könne (ebd.).

Letzteres wurde Reich zugesagt. Aber die Zusage wurde nicht eingehalten.

Elke Mühlleitner (2008, S. 243) vermutet: „Die Geschichte der Psychoanalyse hätte einen ganz anderen Verlauf nehmen können, wären die Linken damals geschlossen aus der IPV ausgetreten.“ Ich denke, näher an der Realität liegt die Annahme, dass die IPV „freudig“ die Gelegenheit ergriffen hätte, die „Linken“ loszuwerden – so wie es Reich schon 1933 formuliert hatte.

Am letzten Kongresstag hielt Reich trotz alledem wie geplant seinen Vortrag. Unter der Überschrift „Weitere Probleme und einige Konsequenzen der Charakteranalyse“ stellte er den aktuellen Entwicklungsstand seiner (Körper‑)Psychotherapie dar.

Sowohl für sein Verhältnis zur IPV wie auch für den Vergleich zum üblichen therapeutischen Vorgehen traf es zu, wenn er jetzt konstatierte: „Die Kluft ist, fürchte ich, schwer überbrückbar geworden“ (Reich 1999, S. 401). In Bezug auf Fenichel war sie nicht mehr zu überwinden.

 

Endgültige Trennung

Fenichels Haltung gegenüber den Vorgängen auf dem Luzerner Kongress lässt sich in mehreren 1934 versendeten „Rundbriefen“ nachlesen. Zunächst ging es ihm weiterhin um Kooperation mit Reich (Fenichel 1998, S. 142), die dieser ebenfalls befürwortete. Nachdem Reich aber im November doch seine Aufnahme in die norwegische Analytikervereinigung beantragte, stufte Fenichel das als Versuch der IPV-Spaltung ein, die es in jedem Fall zu verhindern gelte. Am 4. Dezember 1934 teilte Fenichel den anderen Rundbriefempfängern mit, dass er Reich „nicht mehr als zu unserem engeren Kreis gehörig“ betrachte und ihm „von nun an auch diese ‚Rundbriefe‘ nicht mehr zustellen werde“ (ebd., S. 153).

Am 16. Dezember 1934 verfasste Reich einen – bislang unveröffentlichten – Brief, den Michael Giefer im Bundesarchiv Koblenz entdeckte. Zwei Tage zuvor hatte unter Anwesenheit von Fenichel eine Aussprache zwischen den Mitgliedern der norwegischen psychoanalytischen Vereinigung und Reich zu dessen möglichen Wiedereintritt in die IPV stattgefunden.[31] Reich trug nun einiges dazu nach, um, wie er schrieb, „Missverständnisse“ auszuräumen. Ich beschränke mich darauf, zwei Stellen mitzuteilen, die im Zusammenhang mit Reichs Verhältnis zu Fenichel standen.

Ich soll meinem Ausschluss aus der I.P.V. in der bekannten Sitzung in Luzern vor der Generalversammlung zugestimmt haben, nach anderer Version sogar selbst ausgetreten sein. Hier übernahm die Leitung der ‚Opposition‘ [= der Kreis um Fenichel] gerade dasjenige Argument meiner Gegner im Vorstand, an dem ihnen am allermeisten gelegen war. Schon seit mehreren Jahren legte es der Vorstand darauf an, die öffentliche Austragung der wissenschaftlichen Streitfragen zu verhindern, und mich zum freiwilligen Austritt zu bewegen (Federn, Eitingon etc.). Ich dagegen hielt in voller Klarheit über die Absichten dieses Verfahrens, die Sache tot zu schweigen, an meinem Standpunkt fest, nie selbst auszutreten, es vielmehr auf einen Ausschluss ankommen zu lassen, um dadurch die Aussprache vor der I.P.V.-Mitgliedschaft zu erzwingen. In der bewussten Sitzung erklärte ich, dass ich zwar den bereits vollzogenen Ausschluss vom Standpunkt der Todestriebtheoretiker durchaus verständlich finde, denn meine Anschauungen hätten sich in einer Weise von den heutigen offiziellen Lehrmeinungen so weit entfernt, dass ein gegenseitiges Verstehen nicht mehr möglich sei; ich erklärte aber gleichzeitig, dass ich mich als den konsequentesten und legitimsten Vertreter und Fortsetzer der ursprünglichen klinisch naturwissenschaftlichen Psychoanalyse betrachte und von diesem Standpunkt aus den Ausschluss nicht anerkennen könne. Da aber die Nichtanerkennung durch mich kein organisatorisches Gewicht habe, müsste ich darauf bestehen und darum ersuchen, dass die Gründe meines Ausschlusses in der Zeitschrift publiziert würden. Dies wurde zugesagt, aber der Ausschluss war vollzogene Tatsache. Nun wurde das Gerücht verbreitet, und zwar vom Vorstand, dass ich mich mit dem Vorstand geeinigte hätte und Fenichel ging in seinem Bericht sogar so weit, zu behaupten, ‚man sei der Ansicht, dass es ohne Krach für beide Teile, für I.P.V. und Reich, besser wäre wenn man getrennt marschierte.‘ Diese Wiedergabe ist unrichtig und entspricht nur der wohlbekannten Tendenz Fenichels, immer und überall bestehende Gegensätze zu verwischen und auszugleichen. ‚Getrennt marschieren‘ bedeutet ja nichts anderes als Freunde bleiben und nur aus taktischen Gründen sich organisatorisch trennen. Aber davon war keine Rede, denn weder will Eitingon und Jones mit Reich, noch umgekehrt Reich mit Eitingon und Jones nur getrennt marschieren. […]

Statt dass nun die Oppositionsleitung die Funktion der Taktik erkannt [hätte] und dagegen aufgetreten wäre, schloss sie sich ihr de facto an, indem sie erklärte, sie hätte nichts mehr tun können, denn Reich selbst hätte ja den Ausschluss bestätigt. Und das war eine Ausrede.

Wer die Adressaten dieses Briefes waren, ist unklar. Der Schlusspassus[32] ließe sich so deuten, dass dieses Schreiben an Fenichel ging, der es an die Rundbriefleser weiterreichen sollte. Dafür könnte auch sprechen, dass Reich sich im Vergleich zu einem weiteren Brief vom selben Tage mit Kritik an Fenichel zurückhielt. Eine spätere Mitteilung Fenichels legt jedoch nahe, dass dieser auch das erste Schreiben vom 16. Dezember nicht erhalten hatte.[33]

Über den zweiten Brief Reichs vom 16. Dezember ließ er 1952, beim Archivieren notieren: „Letter by Wilhelm Reich to psychoanalysts in opposition and in conflict with Freud in Denmark, Norway and Germany“ (AOI). Dieses siebenseitige Schreiben weicht so stark von dem zuvor erwähnten Brief ab, dass es wahrscheinlich keine Vorform darstellt, sondern für einen anderen Adressatenkreis gedacht war. Darüber hinaus setzte sich Reich in diesem zweiten – bereits veröffentlichten[34] – Brief ausführlicher mit Fenichel auseinander, schrieb zunächst unter anderem: „Ich bitte, zur Kenntnis zu nehmen, dass ich es zutiefst bereue, Fenichel jemals mein Vertrauen geschenkt zu haben.“ Er widmete Fenichel sogar einen ganzseitigen „Nachtrag“ – den er laut Archivierungsvermerk allerdings nicht absandte. Dort hieß es: „Fenichel befindet sich in einem schweren Konflikt. Auf der einen Seite kann er sich der Korrektheit meiner wissenschaftlichen Position nicht entziehen. Auf der anderen fürchtet er nichts so sehr wie eindeutige Stellungnahme für mich oder gegen Freud.“

 

Epilog

Fenichel und Reich trafen in den folgenden Monaten zwar noch gelegentlich aufeinander. Ihre Freundschaft und ihre Kooperation jedoch waren am Ende.

Reich zog im Oktober 1934 nach Oslo, Fenichel ging ein Jahr später nach Prag. Als kurz darauf – am 24. Oktober 1935 – Edith Jacobssohn von der Gestapo verhaftet wurde, bemühten sich Reich wie auch Fenichel um deren Befreiung, vermutlich ohne von den Aktivitäten des jeweils anderen zu wissen.[35]

Robert Jungk (1993, S. 150f.), der Fenichel 1936 in Prag kennenlernte, berichtet von regelmäßigen Treffen der dortigen „Arbeitsgemeinschaft“ emigrierter Analytiker, wo „über die seelischen Ursachen des nazistischen Wütens“ diskutiert wurde. Wesentliche Anregung dafür sei noch immer Reichs Massenpsychologie gewesen.

Dass die beiden profiliertesten marxistischen Analytiker sich überwarfen, verschlechterte die Voraussetzungen für eine „linke“, sozialkritische und vor allem antifaschistische Psychoanalyse weiter. Wilhelm Reich war bis 1941 der einzige Analytiker weltweit, der sich öffentlich gegen den Faschismus wandte und ihn einer tiefgründigen psychoanalytischen Untersuchung unterzog (Peglau 2017, S. 246–266).

 

 

 

Literatur

Brecht, Karen/ Friedrich, Volker/ Hermanns, Ludger M./ Kaminer, Isidor J./ Juelich, Dierk H. (Hg.) (1985): „Hier geht das Leben auf sehr merkwürdige Weise weiter.“ Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Unter Mitwirkung von Regine Lockot. Hamburg (Michael Kellner).

Fallend, Karl (1997): Otto Fenichel und Wilhelm Reich. Wege einer politischen und wissenschaftlichen Freundschaft zweier „Linksfreudianer“, in Fallend/Nitzschke (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik. Frankfurt/M. (Suhrkamp): 13–67.

Fallend, Karl/ Nitzschke, Bernd (2002a): Neues Vorwort, in dies. (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik. Gießen (Psychosozial-Verlag): 13–28.

Fenichel, Otto (1998): 119 Rundbriefe (1933–1945), Bd. 1, hg. von Reichmayr, Johannes/ Mühlleitner, Elke Frankfurt/M./Basel (Stroemfeld).

Fenichel (o.J.): Tageslisten 1911–1945. Otto Fenichel Papers, UCLA Library of Special Collections, Collection Nr. 1613.

Hermanns, Ludger M. (2001): Fünfzig Jahre Deutsche Psychoanalytische Vereinigung. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland 1950–2000, in Bohleber, Werner/Drews, Sybille (Hg.): Die Gegenwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Gegenwart. Stuttgart (Klett-Cotta).

Jungk, Robert (1993): Trotzdem. Mein Leben für die Zukunft. München/Wien (Hanser).

Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1910 – 1941, hg. von Giefer, Michael: https://www.luzifer-amor.de/fileadmin/ bilder/ Downloads/korrespondenzblatt_1910-1941.pdf.

Laska, Bernd A. (2008) [1981]: Wilhelm Reich. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt).

Lockot, Regine (2002) [1985]: Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus. Gießen (Psychosozial-Verlag).

Lorenz, Einhart (2010): „Oslo ist noch nicht die Endstation für mich“ – Norwegen und die Wissenschaftsemigration nach 1933, unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrages, gehalten auf dem Symposium „Scandinavia as a refuge for Jewish academics in exile from NS-persecution, 1933–1945“ des Nordeuropa-Instituts der Humboldt-Universität Berlin am 8.10.2010.

May, Ulrike/Mühlleitner, Elke (Hg.) (2005): Edith Jacobson. Sie selbst und die Welt ihrer Objekte. Leben, Werk, Erinnerungen. Gießen (Psychosozial-Verlag).

Mühlleitner, Elke (2008): Ich – Fenichel. Das Leben eines Psychoanalytikers im 20. Jahrhundert. Wien (Zsolnay).

Mueller, Thomas (2000): Von Charlottenburg zum Central Park West. Henry Lowenfeld und die Psychoanalyse in Berlin, Prag und New York. Frankfurt/M. (Edition Déja-vu).

Nitzschke, Bernd (1997): „Ich muss mich dagegen wehren, still kaltgestellt zu werden“. Voraussetzungen, Begleitumstände und Folgen des Ausschlusses Wilhelm Reichs aus der DPG/ IPV 1933/34, in Fallend/Nitzschke (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik. Frankfurt/M. (Suhrkamp): 68–130.

Peglau, Andreas (2011): “Ausgebürgerte Psychoanalytiker”, Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, Jg. 24, Heft 47: 99–109.

Peglau, Andreas (2017): Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Gießen (Psychosozial), 3. und erweiterte Auflage.

Sharaf, Myron (1996) [1994]: Wilhelm Reich. Der heilige Zorn des Lebendigen. Berlin (Ulrich Leutner).

Reich, Wilhelm (1933b): Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, Kopenhagen/Prag/Zürich: Verlag für Sexualpolitik. (Seit 2020 als redigiert und kommentierte Neuauflage im Psychosozial-Verlag Gießen erschienen.)

Reich, Wilhelm (1934): Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, 2. Auflage. Kopenhagen/Prag/ Zürich (Verlag für Sexualpolitik).

Reich, Wilhelm (Anonymus) (1935): Der Ausschluss Wilhelm Reichs aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. ZPPS Heft 2: 54–61.

Reich, Wilhelm (1967): Reich speaks of Freud. London (Souvenir Press [Educational] & Academic Ltd).

Reich, Wilhelm (1995) [1982]: Menschen im Staat. Frankfurt/M. (Stroemfeld/ Nexus).

Reich, Wilhelm (1997) [1996]: Jenseits der Psychologie. Briefe und Tagebücher 1934–1939. Köln (Kiepenheuer u. Witsch).

Reich, Wilhelm (1999a) [1970]: Charakteranalyse. Köln (Kiepenheuer u. Witsch).

Schmeling, Andreas (1997): Der norwegische „Kulturradikalismus“ und das Faschismusbild im Werk Sigurd Hoels in Relation zu den massenpsychologischen Theorien Wilhelm Reichs, Magisterarbeit. Freie Universität Berlin, Bereich Skandinavistik. https://edoc.hu-berlin.de/ bitstream/handle/18452/14655/ Schmeling.pdf?sequence=1

Schröter, Michael (1998): Manichäische Konstruktion. Kritik an zwei Studien über Wilhelm Reich und seine Konflikte mit der DPG/IPV (1933–34). Psyche, Jg. 52:  176–196.

 

Zusammenfassung:

Wilhelm Reich und Otto Fenichel waren die profiliertesten Köpfe der „linken“ psychoanalytischen Opposition zu Beginn der 1930er Jahre. Der aus unveröffentlichten Dokumenten schöpfende Beitrag fokussiert ihre unterschiedliche Sicht- und Herangehensweise bezüglich des Anpassungskurses der IPV an den Nationalsozialismus. Während Reich die Weiterführung einer sozialkritischen, antifaschistischen Psychoanalyse – nötigenfalls ohne oder gegen die IPV – priorisierte, konnte sich Fenichel die Fortsetzung seiner Aktivitäten nur innerhalb der Analytikerorganisation vorstellen. Er war daher zu weitaus mehr Kompromissen bereit als Reich. Dass in dieser Differenz der Kern ihrer baldigen Trennung lag, deutet sich bereits 1933 in ihrem Briefwechsel an. Im August 1934, auf dem Luzerner IPV-Kongress, wurde Reichs 1933 insgeheim vollzogener Ausschluss aus DPG und IPV offiziell mitgeteilt. In den sich daraus ergebenden Konfrontationen erhielt Reich nicht die von Fenichel erwünschte Unterstützung. Das beendete ihre Freundschaft und Zusammenarbeit. Ihr Streit über die Aufgabe und die gesellschaftliche Verantwortung von Psychoanalyse ist angesichts des gegenwärtigen politischen „Rechtsrucks“ auch von aktueller Bedeutung.

Summary:

Wilhelm Reich and Otto Fenichel were the most prominent heads of the „left“ psychoanalytical opposition at the beginning of the 1930s. This article, which draws on unpublished documents, focuses on their different views and approaches to the IPV’s course of adaptation to National Socialism. While Reich prioritized the continuation of a socially critical, anti-fascist psychoanalysis – if necessary without or against the IPV – Fenichel could only imagine the continuation of his activities within the analysts‘ organization. He was therefore prepared to make far more compromises than Reich. That this difference was the core of their upcoming separation was already indicated in their correspondence in 1933. In August 1934, at the IPV Congress in Lucerne, Reich’s secret exclusion from the DPG and IPV in 1933 was officially announced. In the resulting confrontations, Reich did not receive the support from Fenichel he had hoped for. This ended their friendship and cooperation. Their dispute over the task and social responsibility of psychoanalysis is also of current importance in view of the current political „shift to the right“.

 

Anmerkungen

[1] Siehe insbesondere Reich (1995, S. 235–261); Sharaf (1996), S. 202–206, 217–226; Fallend (1997); Nitzschke (1997); Fenichel (1998); Schröter (1998); Fallend/ Nitzschke (2002); Mühlleitner (2008, S. 212–256); Peglau (2017, S. 293–311).

[2] Diese Briefe entstammen dem in Boston/USA lagernden Archive of the Orgone Institute, Correspondence, Box 3, Psa., April 10, 1933–1934 (im Weiteren: AOI). Johannes Reichmayr und Michael Giefer danke ich für die Möglichkeit, die von ihnen aufgefundenen Dokumente ebenfalls auszuwerten. Michael Giefer gab mir zudem wertvolle Anregungen zum Text und teilte mir die im Weiteren verwendeten Informationen aus Fenichels „Tageslisten“ mit.

[3] Mindestens 23 starben durch direkte oder indirekte Einwirkung des NS-Terrors (Hermanns 2001, S. 46; Th. Mueller 2000, S. 6; Brecht et al. 1985, S. 76–85).

[4] Dokumentiert in Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik 2/1998, S. 34.

[5] Die beiden anderen waren Anna Freud und Siegfried Bernfeld.

[6] Das betraf zu diesem Zeitpunkt 45 Publikationen, darunter sieben Bücher (Laska 2008, S. 142–143, 145).

[7] Vgl. www.lsr-projekt.de/zpps/zpps.html.

[8] In Reich 1995, S. 206 ist der August 1933, in der Vorrede zur Massenpsychologie der September 1933 als Erscheinungsmonat angegeben.

[9] Ausführlich zu Mot Dag und Wilhelm Reich: Schmeling 1997.

[10] Fenichel war bei der DPG-Vorstandssitzung im Juli 1933, bei der das beschlossen wurde, offenbar nicht anwesend. Er machte vom 14. Juli bis 7. August Ferien in Österreich.

[11] In den Zitaten aus den im AOI archivierten Briefen habe ich stillschweigend Rechtschreibkorrekturen vorgenommen und Umlaute einheitlich als einen Buchstaben gesetzt.

[12] “Feindliche Stelle” ist auch im Brief durch Fenichel in Anführungsstriche gesetzt.

[13] Etwa zu diesem Zeitpunkt dürfte Fenichel einen Brief der sowjetischen Analytikerin Vera Schmidt erhalten haben, den diese am 25. November in Moskau abgeschickt hatte. Auch sie nahm Reich und Fenichel als einander sehr nahe stehend wahr. Nachdem sie ihre Freude mitgeteilt hatte, dass Fenichel „nicht mehr im fascistischen Deutschland leben“ müsse, fragte sie: „Wo ist jetzt Gen. Reich? Hat er schon die Erlaubnis, in Kopenhagen zu bleiben, bekommen?“ Zu Fenichels Anliegen, eine marxistische Psychoanalyse zu entwickeln, verwies sie darauf, dass dies für die sowjetischen Analytiker nur denkbar sei, wenn zur Grundlage der „Marxismus-Leninismus“ genommen werde, der von „Stalin weiter entwickelt wird. Ob alle sogenannte ‚linke‘ Analytiker damit einverstanden sind?“ (AOI).

[14] Er gibt kein Datum an. Es kommt aber kein anderer Zeitpunkt infrage: Reich hatte sich zu Weihnachten mit Annie und den gemeinsamen Kindern in Tirol getroffen, war anschließend über Wien, Prag und – nachdem er wusste, dass an der deutschen Grenze keine Namenslisten geführt wurden – Berlin nach Malmö zurückgekehrt (Sharaf 1994, S. 236).

[15] Roheim, Géza: Rezension von Reich Buch Der Einbruch der Sexualmoral. In: Imago Bd. 19/ 1933, S. 551–562. Roheim schließt mit dem Anwurf, Reich hätte seine Abhandlung besser einem Ethnologen überlassen, bekenne sich Reich doch offen „zu einer politischen Doktrin“, nämlich dem „historischen Materialismus“. Fenichel merkt dazu an, dass ihm „die Redaktion“ der Imago ursprünglich mitgeteilt habe, dass sie Roheims Rezension „als zu unakademisch“ ablehne.

[16] Deutsch, Helene: Über die Weiblichkeit. Imago Bd. 19/ 1933, S. 518–528.

[17] 1945 in drei Bänden erschienen als The Psychoanalytic Theory of Neurosis, New York: Norton (deutsche Neuausgabe 2005: Gießen: Psychosozial).

[18]  Dort hieß es unter anderem: „Die Psychoanalyse bemüht sich nicht allein – auf körperlichem Gebiete – sexuell unfähige Menschen zu sexuell fähigen zu machen, sondern überhaupt auf allen Gebieten des Menschen unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebensfremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu sehen vermögen, ihren Triebimpulsen Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, liebesunfähige und egoistische Menschen zu liebes und opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern am Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu herausgestellten Linien einer heroischen, realitätszugewandten, aufbauenden Lebensauffassung neu zu dienen“ (Lockot 2002, S. 141ff.).

[19] Im AOI befindet sich eine Fotokopie der Karte. Aber weder dort noch in Reich 1995 oder Sharaf 1996 steht, wem Freud hier antwortete. Sharafs (1996, S. 219f.) Darstellung legt nahe, dass es Bronislaw Malinowski war.

[20]        [20] Auch in Norwegen, seinem dritten Exilland, wurde Reich – so der Historiker Einhart Lorenz (2010, S. 12) –, trotz „Protestes von Wissenschaftlern, Politikern und Literaten“ 1938/39 „de facto außer Landes gejagt“.

[21] Ausführliche Informationen dazu in Fenichel 1998, S. 11–22.

[22] Durch das Zerwürfnis zwischen Reich und Fenichel sollte es nicht mehr zu deren Veröffentlichung kommen. Von Fenichel erschien im Mai 1934 in der ersten Ausgabe der ZPPS (S. 43–62) der Beitrag „Über die Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-materialistischen Psychologie“.

[23] Archiviert ist sie dort unter UCLA Library of Special Collections, Collection number 1613, Box 5&6.

[24] BA Koblenz, B 339/Mappe 12.

[25] Diese inhaltlich weitgehend übereinstimmende Passage endet in der Rezension unten auf Seite 1 mit „… zur Formelprägung, sei.“

[26] Vielleicht entstand die Endfassung der Rezension Anfang Dezember. Fenichel hält jedenfalls am 15. Dezember fest: „Diktieren Reich-Referat“ (ebd.). Das könnte sich sowohl auf einen seiner nächsten Vorträge für die Arbeitsgemeinschaft bezogen haben wie auch auf die Rezension.

[27]  Siehe dessen Brief vom 23. November 1933, Punkt 3.

[28] Anna Freud hatte Reich am 27. Juli 1934 ohne den geringsten Hinweis auf dessen bereits erfolgte Streichung aus DPG und IPV bestätigt, dass die Kongressleitung den von ihm eingereichten Vortrag angenommen habe und er diesen am Freitag, den 31. August halten solle (AOI).

[29] Details dazu bei Fallend (1997, insbesondere S. 42–56); Nitzschke (1997, insbesondere S. 85–92); Schröter (1998).

[30] Aber eben keine, die offen das NS-Regime attackierten.

[31] Fenichels Darstellung findet sich in Fenichel 1998, S. 171–176.

[32] „Ich verschicke demnächst meinen erweiterten Kongressvortrag ‚Psychischer Kontakt und vegetative Strömung‘ zur Diskussion und Kritik. Ich bitte diejenigen, die sich dafür interessieren, mir mitzuteilen, damit die Versendung der Manuskriptkopien richtig durchgeführt werden kann. Ebenso bitte ich darum, mir Nachricht zu geben, wer das Separatum ‚Der Gegensatz des vegetativen Lebens‘ nicht erhielt. Zur Roheim-Kritik erhielt ich einige zustimmende Briefe. Ich wüsste gerne, wie sie im allgemeinen aufgenommen wurde. Mit sehr herzlichen Grüßen Wilh. Reich.“

[33]  Fenichel (1998, S. 176) spricht von „verschiedenen Rundbriefen, „die Reich in dieser Gelegenheit versandte“, die er „nicht erhalte und nur einmal flüchtig durchlesen konnte“.

[34] Veröffentlicht wurde er zunächst – ins Englische übersetzt – in Reich 1967, S. 194–201. Auch dort ist vermerkt, dass der Nachtrag nicht gesendet wurde und auch dort reißt der Nachtrag wie im AOI-Dokument mitten im Satz ab. In Reich 1997, S. 47–53, ist der Brief in Deutsch enthalten, allerdings ohne den Nachtrag. Beide Briefe vom 16. Dezember 1934 sind auch – mit Verweis auf Lore Rubin Reich als Quelle – erwähnt in Fußnoten der Herausgeber von Fenichel 1998, auf S. 171, 176.

[35] Zu Fenichels diesbezüglichen Aktivitäten: May/Mühlleitner 2005, S. 109–152. Reichs Hilfsversuche belegt ein Briefwechsel mit Nic Hoel zwischen 28. Oktober und 19. November 1935 (AOI).

 

 

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