Ein wichtiger Film mit wichtigen Auslassungen: „Love, work and knowledge – the life and trials of Wilhelm Reich” von Kevin Hinchey und Glenn Orkin.

von Andreas Peglau

 

Quelle: http://loveworkknowledge.com/

Am 24. Mai 2018 fand die europäische Premiere des neuen Wilhelm-Reich-Dokumentarfilms statt, an einem ausgesprochen passsenden Ort: der Sigmund-Freud-Universität in Wien.

Rechts im Bild: die Sigmund-Freud-Universität am Wiener Freud-Platz. (Foto: G. Peters)

Etwa 200 Gäste waren gekommen.

Das Publikum. (Foto: G. Peters)

Darunter auch mehrere, die für den Film interviewt worden waren: Helmut Dahmer, Karl Fallend, Havard Friis Nilsen, Bernd Nitzschke, James Strick und ich. Stefan Hampl und Gerhard Benetka von der SFU hatten die Einleitung und die Moderation der anschließenden – ebenso spannenden wie kontroversen – Diskussion übernommen.

Mit Wilhelm Reich im Vorder- und Sigmund Freud im Hintergrund. Stehend von links nach rechts: Stefan Hampl, Havard Friis Nilsen, Andreas Peglau, Helmut Dahmer, Bernd Nitzschke, Karl Fallend, Gerhard Benetka und James Strick. (Foto: M. Nitzschke)

Die dabei geäußerten Meinungen zum Film gingen weit auseinander. Ich will im Folgenden meine – ambivalente – Sicht auf den Film mitteilen.

Es ist mit Abstand der beste Film über Reich, den es gibt, absolut professionell gemacht inklusive Sound, Ton, Montage. Schon der kompakte Anfang weckt hohe Erwartungen und Aufmerksamkeit. Beeindruckend ist auch die Fülle an Originaldokumenten – bis hin zu Schmalfilmaufnahmen, die Reich selbst noch in Wien und Berlin gemacht hat. Zudem ist auch Reichs Stimme oftmals zu hören. So genau und detailliert stellt kein anderer Film Reich und sein Werk vor. Trotz meiner weiteren Kritik kann ich sagen: Er ist für alle, die sich für Reich interessieren (und genügend Englisch verstehen), ausgesprochen sehenswert.
Diesen Film – zumal unter oftmals schwierigen Begleitumständen – zu einem solchen Endergebnis zu führen, das ist eine gewaltige Leistung. Dafür kann ich vor Kevin Hinchey und Glenn Orkin nur den Hut ziehen!

Es ist auch der erste Film, der Reichs Zeit in Europa bis 1933 ernst nimmt, sie nicht einfach als „Jugendsünde“ abtut oder direkt abwertet.
Hier beginnt dennoch bereits meine Kritik.

Für die Phase bis 1933 verwendet der Film etwa eine halbe Stunde, in der vor allem – durch Dokumente und Expertenaussagen illustriert – einiges aufgezählt, berichtet wird, was Reich getan hat, jedoch kaum vertieft. Dabei fällt sehr vieles weg, was die eigens zu diesem Zweck interviewten deutschen und österreichischen Reich-Experten mitgeteilt hatten, auch an kritischen Bemerkungen zu Reichs Werk. Ich will hier jedoch nur einige der bei mir von Kevin Hinchey und Glenn Orkin abgefragten Informationen aufzählen, die dringend hätten erwähnt werden sollen, um Reichs tatsächlicher Bedeutung in dieser Schaffensphase – als „linker“ Psychoanalytiker, kritischer Sozialwissenschaftler und Antifaschist – gerecht zu werden:

1) Reich war nach Freud zwischen 1930 und 1933 der populärste bzw. meistverkaufte analytische Autor im deutschen Sprachraum.

2) Bereits im Mai 1933 – drei Jahre, bevor das auch Sigmund Freud ereilte – wurde Reichs Gesamtwerk auf die NS-Verbotslisten gesetzt. Gegen Reich und seine Schriften richteten sich mehr Maßnahmen als gegen sämtliche anderen Analytiker, inklusive Ausweisung und Observierung im Exil.

3) Reich war der einzige Analytiker, der wegen seiner veröffentlichten, nicht zuletzt psychoanalytischen Auffassungen aus „Großdeutschland“ ausgebürgert wurde. (Selbst Sigmund und Anna Freud wurden niemals ausgebürgert.)

4) Reich war bis 1941 der einzige Analytiker, der sich tiefgründig mit dem Faschismus befasste und gegen diesen auftrat – sowie ab 1935 auch gegen den Stalinismus.

5) 1939 wurde gegen Reich und den mit ihm befreundeten und in Norwegen gegen das NS-Regime konspirierenden Willy Brandt, den späteren BRD-Bundeskanzler, beim Volksgerichtshof ein Hochverratsprozess vorbereitet.

Es gibt zudem einen weiteren Fakt, dessen Auslassung ich besonders ärgerlich finde. Reich war einer von nur vier Psychoanalytikern, deren Bücher am 10. Mai 1933 – zusammen mit einer Vielzahl anderer Autoren wie Karl Marx, Heinrich Mann oder Kurt Tucholsky – auf dem Berliner Opernplatz verbrannt wurden. Da ich darauf schon weit vor Beginn der Filmaufnahmen in Berlin hingewiesen hatte, wurden auch Dreharbeiten auf dem heutigen Bebelplatz, gegenüber dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität, realisiert.

Das Filmteam bei einer Kamerafahrt auf dem Bebelplatz, 30.4.2015 (Foto: A. Peglau)

Sie dauerten – ich war ja mit dabei – über eine Stunde.

Aufnahmen an der Gedenktafel für die am 10. Mai 1933 auf dem heutigen Bebelplatz verbrannten Bücher – zu denen auch Werke von Reich gehörten. (Foto: A. Peglau)

Im Film ist nicht nur von diesen Aufnahmen nichts mehr übriggeblieben: Der Sachverhalt selbst wird verleugnet. Schon im Filmplakat (s.o.) heißt es über Reich:

„His books were banned and burned – in America“.

Korrekt wäre jedoch gewesen:

„His books were banned and burned – in Nazi-Germany AND in America.“

Das hätte nicht nur die Dramatik der erneuten Bücherverbrennung in den USA im Jahre 1956 verdeutlicht. Es hätte auch die Brisanz von Reichs Forschungen kräftig unterstrichen.

Zu Beginn des Films wird im Erzähltext erneut die NS-Bücherverbrennung unterschlagen:

“… Reich, whose publications had been banned by both the Communist and Nazi parties in Europe, would live to see his publications banned and burned by order of a Federal Court order…in America.”

Natürlich kann ich nicht mit Sicherheit wissen, was das Motiv dieser Auslassung war. Ein Versehen war es jedenfalls nicht.
Und es ist klar, welchen Effekt es gehabt hätte, diesen Sachverhalt einzubeziehen: Es hätte unweigerlich den Blick auf die frühe Schaffensphase Reichs gelenkt und erzwungen, sie genauer zu beleuchten. Das wäre umso bedeutsamer gewesen, als die NS-Verfolgung Reichs ihn als öffentlich bekannte Person betraf. Damit hatte dies auch eine weitaus größere symbolische Bedeutung als die – überaus tragische – Verfolgung, welcher der zunehmend isolierte Privatforscher Reich in den 1950er Jahren in den USA ausgesetzt war.

Doch statt die frühen Leistungen Reichs angemessen zu würdigen, wird im Film selbst ein so bahnbrechendes – und aktuell wichtiges – Werk wie Reichs 1933 erschienene „Massenpsychologie des Faschismus“ in nur zwölf Sätzen abgehandelt.

Diese Kürze und diese Auslassungen wären zumindest ein klein wenig akzeptabler, wenn dieser Stil über den ganzen Film beibehalten worden wäre.

Doch sobald der Film zu den bioelektrischen Versuchen kommt, die Reich 1934 in Dänemark begann, mit den Bionen weitergeht und dann vor allem, in den USA, mit der Orgonforschung bis hin zu Krebsbekämpfung und Regenmachen, kippt das Vorgehen drastisch: Der Film wird plötzlich sehr ausführlich, geht vielfach genau ins Detail, berichtet nicht mehr nur, sondern interpretiert, ordnet ein, stellt Zusammenhänge her usw. Das an sich ist natürlich völlig ok, oftmals sogar wünschenswert – aber es fand eben zuvor nicht in auch nur annähernd gleicher Weise statt.
Gelegentlich wirkt die Detailliertheit hier allerdings auch überzogen. So, wenn alle drei Briefe, die Reich über seine Experimente an Albert Einstein schrieb, nicht nur erwähnt werden, sondern auch noch jeweils berichtet wird, dass Einstein nicht geantwortet hat. Dafür also musste Platz eingeräumt werden …

Für diesen Teil lässt sich der Film insgesamt mindestens eine Stunde Zeit. Und er macht dabei eben auch eindeutig klar, was die Filmemacher mit großem Abstand am wichtigsten finden: die biologische, medizinische und Orgonforschung Reichs. So findet also doch wieder eine Abwertung der Lebens- und Schaffensphase bis 1933 statt – diesmal nur indirekt.

Dabei fällt zudem erneut vieles, mir sehr wichtig Erscheinendes unter den Tisch. Beispielsweise werden aus der späten Reich-Phase weder die Freundschaft und Kooperation mit dem schottischen Pädagogen Alexander Neill erwähnt – obwohl er auf einem Foto zu sehen ist – noch das damit verbundene Projekt „Kinder der Zukunft“ bzw. Reichs ebenfalls revolutionäre Aktivitäten bezüglich natürlicher Geburt und nichtautoritärer Erziehung.
Teilweise parallel dazu veranschaulicht der Film allerdings auch die Geschichte von Reichs Verfolgung in der USA anhand von Originaldokumenten – und das ist wiederum beeindruckend.

Auch dadurch, dass dann in den Schlussworten keiner der deutsch-österreichischen Interviewpartner noch einmal zu Worte kommt und James Strick, Autor von „Wilhelm Reich. Biologist“, am Ende die – natürliche äußerst berechtigte – Forderung nach einer Wiederentdeckung Reichs gleichfalls vor allem aufs Biologische ausrichtet, wird die inhaltliche Schieflage des Films ein weiteres Mal zementiert.

Fazit: Auch in meinen Augen ist „Love, work and knowledge“ ein wichtiger Film, der viel Aufmerksamkeit verdient und hoffentlich mehr Aufmerksamkeit auf Reichs Gesamtwerk lenken wird.
Trotzdem bin ich sehr enttäuscht. Einmal mehr wird auch mit diesem Film nicht der „ganze Reich“ angemessen erfasst, der als Psychoanalytiker, Sozialwissenschaftler und Gesellschaftskritiker keinesfalls weniger wichtig und herausragend war denn als Arzt, Biologe und Lebensenergieforscher.

Andreas Peglau, Juni 2018