Psychoanalyse – Überlebenshilfe für das 21. Jahrhundert?

Vortrag zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud

von Andreas Peglau 

Ich freue mich sehr, dass ich heute hier diesen Vortrag halten kann. Vor allem deshalb, weil Sigmund Freud für mich von allen Menschen, die vor mir gelebt haben und die ich nicht gekannt habe, den meiner Meinung nach wichtigsten und positivsten Einfluss auf mein Leben genommen hat. Und das gilt ganz unabhängig davon, dass ich, wie Sie hören werden, auch manches Kritische zu ihm zu sagen habe. Aber ich finde, all das, was berechtigt an Freud zu kritisieren ist, steht in keinem Verhältnis zu der außergewöhnlichen Gesamtleistung, die er vollbracht hat.

Als erstes aber kurz zu mir, damit Sie wissen, wer hier redet und auch meine Einstellung zu Freud besser nachvollziehen können.

1976 bis 1981 habe ich an der Humboldt-Universität „Klinische Psychologie“ studiert. Und das Einzige, was ich bei diesem Studium wirklich faszinierend fand, war die Psychoanalyse – so verkürzt und so abwertend sie uns auch dargeboten wurde. Dem Thema Psychoanalyse bin ich anschließend treugeblieben, u.a. ab Mitte der 80er Jahre im Rahmen von Lebenshilfe-Sendungen, die ich bei Jugendradio DT 64 gemacht habe. Und mit der DDR-„Wende“ entstand daraus dann ein Verein, der sich nannte: „Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse“. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich begriffen zu haben, dass der DDR zu einem „richtigen“ Sozialismus – von dem ich dachte, er würde nun kommen – so etwas wie die Psychoanalyse dringend fehlte: ein Ideengebäude, das den Menschen in seiner, spätestens mit der Geburt beginnenden psychischen Entwicklung erfasst, einschließlich unbewusster seelischer Anteile und Motive.

Für den Sozialismus kam dieser Verbesserungsvorschlag zu spät – für mich persönlich nicht. Ab 1990 habe ich als Patient vieles von dem Schutt, der auf meiner Seele lastete, beiseiteschieben oder mir wenigstens bewusster machen können. Ich denke, dass ich auch die Krise, in die mich das DDR-Ende, verbunden mit zeitgleichen privaten Problemen, gestürzt hat, ohne therapeutische Begleitung nicht oder jedenfalls nicht so konstruktiv hätte lösen können.

Nachdem ich die „Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse“ bis 2002 geleitet und Erfahrungen mit Beratung und Supervision gesammelt hatte, habe ich mir dann einen neuen Zugang zum gleichen Thema gesucht, nämlich den, selbst analytischer Therapeut zu werden. Mittlerweile habe ich also die Psychoanalyse kennengelernt in ihrer Theorie und Praxis, als Patient, Therapeut, als sinnsuchender Journalist ohnehin.

Um zum eigentlichen Thema zu kommen, sollten wir zunächst klären, was genau mit dem Begriff „Psychoanalyse“ gemeint ist. Ich denke, derjenige, der das am kompetentesten definieren kann, ist der „Vater“ der Psychoanalyse selbst. Und Sigmund Freud hat dazu u.a. Folgendes geschrieben:

 „Die Psychoanalyse wird als Wissenschaft nicht durch den Stoff, den sie behandelt … charakterisiert. Man kann sie auf Kulturgeschichte, Religionswissenschaft und Mythologie ebenso anwenden, wie auf die Neurosenlehre, ohne ihrem Wesen Gewalt anzutun. Sie beabsichtigt und leistet nichts anderes, als die Aufdeckung des Unbewussten im Seelenleben“.

Mit anderen Worten: Wenn heute der Begriff „Psychoanalytiker“ nahezu gleichgesetzt wird mit einem Arzt oder einem Psychologen, der eine bestimmte Art von Psychotherapie ausübt, so ist das falsch.

Richtig ist stattdessen: Jeder, der sich intensiv, systematisch und mit wissenschaftlichem Anspruch auseinandersetzt mit Fragen wie: „Was habe oder hatte ich selbst, mein Partner, meine Partnerin, meine Kinder, meine Eltern, meine Kollegen, mein Chef, die Politiker, Menschen überhaupt an unbewussten Motiven?“ – der ist nach Freuds eigenen Worten: ein Psychoanalytiker.

Anders gesagt: Psychoanalyse ist der Versuch, in allen Facetten menschlichen Daseins nach den uns nicht bewussten Aspekten zu suchen – und nach deren Einfluss auf unser bewusstes Denken, Fühlen und Handeln. Ein Instrument also, um Grundsätzliches über sich selbst und die Welt zu erkennen.

Das bedeutet auch: Psychoanalyse ist weit mehr als eine bloße Therapie-Form. Auch dazu noch einmal Sigmund Freud:

„Die Psychoanalyse begann als eine Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen. Sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das, was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen, und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen den verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt. Als Therapie ist sie eine von vielen.“

Doch genau das, was eben laut Freud nur einer der Bestandteile von Psychoanalyse ist – eine spezielle Heilmethode für bestimmte seelische Leiden – ist so ziemlich das einzige, was heute im öffentlichen Bewusstsein noch von ihr übrig geblieben ist. Wenn sie jetzt Passanten fragen würden, was Psychoanalyse ist, wüssten viele sicher gar nichts dazu zu sagen. Und den meisten anderen würde vermutlich vor allem etwas einfallen mit einer Couch, auf der man liegen und reden muss, während dahinter einer sitzt und zuhört.

Und das ist begreiflich. Denn wenn Psychoanalytiker heutzutage überhaupt noch öffentlichkeitswirksam werden, dann in erster Linie mit Psycho-Ratgebern. Nur wenige von ihnen, wie z.B. Horst Eberhard Richter oder Hans-Joachim Maaz nehmen darüber hinaus auf allgemein verständliche Weise Stellung zu brisanten sozialen, politischen oder kulturellen Themen.

Und damit sind wir nun direkt bei der Frage, ob Psychoanalyse als Überlebenshilfe für das 21. Jahrhundert fungieren könnte. Denn in Bezug auf eine reine Psychotherapie-Form auch nur in Erwägung zu ziehen, sie könne uns spürbar dabei helfen, wesentliche überindividuelle Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen, wäre natürlich eine totale Überhebung.

Eine so verstandene Psychoanalyse kann nicht mehr ausrichten, als einige Wenige von uns unter Umständen psychisch gesünder zu machen. Selbstverständlich ist auch das wichtig – aber wie könnte es erkennbaren Einfluss nehmen auf:

 – den Klimawandel

 – den internationalem Terrorismus einschließlich des Staats-Terrorismus der USA und die damit sich vergrößernde Kriegsgefahr

– die Globalisierung und Computerisierung und die damit einhergehende Jobvernichtung in Europa

 – oder die Fremdenfeindlichkeit?

Verstehen wir jedoch Psychoanalyse im Sinne von Sigmund Freud, ergibt sich für mich ein völlig anderes Bild. Denn kriegerisches, terroristisches, rassistisches, fundamentalistisches, ökologisch unverantwortliches oder raubtierhaft kapitalistisches Verhalten wird – so bin ich überzeugt – immer auch durch unbewusste Impulse angetrieben, die ihre Ursache haben in verdrängten belastenden Ereignissen oder Verhältnissen innerhalb der Lebensgeschichte, insbesondere innerhalb der frühen Kindheit.

Wenn – wie es nach wie vor sehr verbreitet ist – Menschen von Kindheit an daran gehindert werden, ihre gesunden seelischen, körperlichen, sozialen und kreativen Bedürfnisse angemessen zu befriedigen, ist es später aus meiner Sicht kein Wunder, wenn sich diese als Jugendliche eine Glatze scheren und versuchen, an fremd aussehenden Menschen ihre aufgestaute Wut abzulassen. Oder als besonders erfolgreiche Unternehmer Befriedigung daraus ziehen, Arbeitsplätze oder Biotope zu vernichten. Oder als Generäle das dringende Bedürfnis verspüren, die eigene, angeblich überlegene Weltanschauung fremden Völkern per Bombardement aufzwingen.

Dementsprechend glaube ich, dass nachhaltige positive gesellschaftliche Veränderungen nur dann möglich sind, wenn auch diese unbewussten Impulse in den Menschen erkannt und berücksichtigt werden – und Bedingungen geschaffen werden, dass diese, soweit nötig: ausheilen können.

Anders formuliert: Wenn diese unbewussten Motive mit einbezogen werden, erhöht sich meiner Meinung nach die Chance auf positive gesellschaftliche Veränderungen beträchtlich.

Wer mit solchen Annahmen mitgehen kann, für den könnte es nun so aussehen, als ob die Frage, ob die Psychoanalyse Überlebenshilfe sein könnte, mit einem klaren Ja zu beantworten wäre – vorausgesetzt, wir verstehen Psychoanalyse so, wie Freud sie verstanden hat. Anders gesagt: „Zurück zu Freud!“ wäre die Devise, mit der Psychoanalyse wieder das in ihr steckende gesellschaftliche Erkenntnis- und Veränderungspotential entfalten könnte.

Aber so einfach ist es leider nicht. Rückbesinnung auf Freud ist noch keine ausreichende Lösung, um Psychoanalyse wieder zu einer auch gesellschaftlich progressiv wirkenden Kraft zu machen.

Um diese Behauptung zu belegen, will ich im nächsten Schritt der Frage nachgehen, wie denn überhaupt dieser gegenwärtige Zustand einer derartig einflussarmen Psychoanalyse entstanden ist – denn so war es nachweislich nicht immer.

Auf der Suche nach einer Antwort müssen wir über 80 Jahre zurückgehen. In dieser Zeit, zu Beginn der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wurde die Psychoanalyse einer deutlich größeren, auch internationalen Öffentlichkeit bekannt. Ja, man kann fast sagen, Psychoanalyse begann, „Mode“ zu werden. Teilweise, so wird berichtet, habe sie „Empfindungen erregt“, als sei sie „eine neue Religion“. Insbesondere in den USA sei die psychoanalytische Literatur – allerdings inklusive unseriösester Vereinfachungen und Verzerrungen – „zu einer Lawine angewachsen“.

Zunehmend begannen auch Prominente, sich für die Psychoanalyse zu interessieren – unter ihnen bald Thomas Mann, Romain Roland, Andre Gide, Hermann Hesse, Stefan Zweig, Alfred Döblin, James Joyce, Pablo Picasso, Salvador Dali, Virginia Wolf, Bertrand Russel, Albert Einstein, Leo Trotzki.

Freud konnte sich schließlich sogar Hoffnungen auf den Nobel-Preis machen – den er dann jedoch nicht bekam. Allerdings wurde ihm 1930 der ebenfalls sehr renommierte Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main verliehen.

Und Freuds Popularität strahlte aus: Europaweit bildeten sich analytische Behandlungs- und Ausbildungs-Institute. Berlin wurde neben Wien zum Zentrum der analytischen Bewegung. Auch hier, am „Berliner Psychoanalytischen Institut“ wurden nicht nur zahlreiche Ärzte zu Analytikern ausgebildet, sondern auch Sozialbeamte, Juristen, Pädagogen und Seelsorger. Analytische Weiterbildungskurse besuchten darüber hinaus u.a. Krankenschwestern, Fürsorgerinnen, Geistliche, Berufsberater, Ingenieure, Graphologen und Polizeibeamte. Entsprechend der erklärten Absicht, „die analytische Behandlungsmethode auch mittellosen Patienten zu ermöglichen“, behandelten Analytiker teilweise kostenlos. Und durch einen (Stumm-)Film über Freuds Behandlung sowie durch eine kaum zu überschauende Zahl von Artikeln über seelische Aspekte von Kunst, Kultur, Politik und Geschichte wirkte man ebenfalls erfolgreich hinein in das öffentliche Leben der Metropole.

Zudem hatten sich auf Basis der Psychoanalyse Initiativen entwickelt, die versuchten, demokratische, sozialistische oder kommunistische Entwicklungen zu befördern. Hier ist vor allem zu nennen der Freud-Schüler und Psychoanalytiker Wilhelm Reich, auf den ich später noch zurückkomme.

Kurz, spätestens 1930 lässt sich feststellen: Freud war – obwohl noch immer heftig umstritten – einer der wichtigsten und einflussreichsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts geworden. Und die Psychoanalyse hatte sich etabliert, war aus dem öffentlichen Leben Europas nicht mehr wegzudenken.

So schien es.

Dann kam die Machtergreifung durch den deutschen Faschismus. Und mit ihr einschneidende Folgen auch für die Analyse.

Die jüdischen Analytiker, die den größten Teil der Analytiker ausmachten, wurden zur Emigration gezwungen. Viele von ihnen gingen in die USA, die damit zum neuen Zentrum der psychoanalytischen Bewegung wurde. Dort jedoch war die Analyse zwar schon zuvor bereitwillig aufgenommen worden, jedoch vor allem von Ärzten und Psychiatern. Und das wiederum hatte den Effekt, dass die Psychoanalyse – an der ja bis dahin relativ gleichberechtigt Angehörige ganz verschiedener Berufsgruppen mitgearbeitet hatten – „medizinalisiert“ wurde. D.h. sie wurde vorwiegend darauf beschränkt, als Heilmethode speziell ausgebildeter Ärzte Verwendung zu finden.

Und nach dem Zweiten Weltkrieg schwappte genau diese Entwicklung dann auch wieder zurück auf den europäischen Kontinent, jedenfalls auf dessen westlichen Teil. Denn im Osten einschließlich der DDR hatte der „bürgerlich-dekadente“ Freud ja ohnehin weitgehend Hausverbot bis in die 80er Jahre.

Schon diese genannte Entwicklung – Emigration und Medizinalisierung – beförderte also eine zunehmende Entpolitisierung der Psychoanalyse. Aber ein weiterer, weniger bekannter – und für unser Thema wesentlicherer – Aspekt kam hinzu: die schuldhafte Verstrickung speziell der nach 1933 in Berlin verbliebenen „arischen“ Analytiker und Analytikerinnen. Dazu nur die wichtigsten Stichworte:

 – Anfang 1934 verbot die „Deutsche Psychoanalytische Vereinigung“ ihren Mitgliedern, Menschen zu behandeln, die als Kommunisten oder auf andere Weise in „hochverräterische“ Aktivitäten hätten verwickelt sein können und daher den Analytikern hätten „Dinge“ mitteilen können, welche „wir anzeigen müssen“.

– 1935 beschlossen die im „Berliner Psychoanalytischen Institut“ tätigen Analytiker mehrheitlich, ihren jüdischen Kollegen und Kolleginnen nahezulegen, „freiwillig“ aus dem Institut auszutreten.

– 1936 ging das analytische Institut nahezu widerstandslos auf im „Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie“. Dieses Institut wurde geleitet von Matthias Heinrich Göring, NSDAP- und SA-Mitglied, Funktionär im Reichs-Luftwaffen-Ministerium – und zugleich ein Vetter von „Reichs-Marschall“ Hermann Göring.

– Führende Analytiker übernahmen wichtige Positionen in diesem Institut – das organisatorisch verflochten war mit Reichs-Kriminalamt, Reichs-Innenministerium, Amt für Gesundheit und Volksschutz, Reichsführer SS, Reichsarzt SS sowie nach 1939 als „kriegswichtig“ eingestuft und finanziell „immens“ gefördert wurde.

– Dieses Institut leistete – wie andere vergleichbare Institutionen auch – durch Sammeln und Weitergeben patientenbezogener Daten Zuarbeiten zur Umsetzung der nationalsozialistischen „Erbgesundheitsgesetze“.

– Unter Führung von J. H. Schultz, dem Erfinder des „autogenen Trainings“, und unter Beteiligung der prominentesten „arischen“ Analytiker wurde 1940 am Institut ein sogenanntes „Diagnose–Schema“ entwickelt. Dessen Effekt war u.a., einen Teil der eigenen Patienten zur „Behandlung“ durch Sterilisation und Euthanasie vorzuschlagen – nämlich die sogenannten „unheilbaren Psychopathen“.

– Und während des Krieges unternahm das Institut im Auftrag des Kriegsministeriums „völkerpsychologische Untersuchungen“ über die Sowjetunion, die USA, England, Frankreich und die Tschechoslowakei, um „die schwachen Punkte des Gegners“ zu erkennen.

Die meisten der in dieser Zeit am „Deutschen Institut“ tätigen Psychoanalytiker waren dann nach 1945 an exponierter Stelle daran beteiligt, die Psychoanalyse in der BRD wieder zu etablieren. Und da setzte dann anscheinend etwas ein, was es in vielen anderen, ins „Dritte Reich“ verstrickten Berufsgruppen ja auch gegeben hat: Verdrängung. Aber so etwas hat natürlich seinen Preis.

Und hier haben wir dann den nächsten Faktor, der zu einer Entpolitisierung der Psychoanalyse beige–tragen hat: Für jene Psychoanalytiker, die sich mit ihrer schuldhaften politischen Vergangenheit nicht auseinandersetzen wollten, bot es sich an, so zu tun, als ob sie ohnehin mit Politik nicht viel zu tun hatten und haben wollten. Sondern immer schon im Kern nichts weiter gemacht hatten als: Psychotherapie.

Und so dürften die aus den USA kommende „Medizinalisierung“ der Psychoanalyse und die Verdrängungsbestrebungen „arischer“ Analytiker bestens zusammengepasst haben. Und wie mir scheint, bestimmen sie seitdem – abgesehen von einem Boom gesellschaftskritischer Psychoanalyse nach 1968 – in vielfacher, selten bewusst reflektierter Weise das Geschehen im Hauptstrom der Psychoanalyse in der BRD.

Aber was hat nun diese bedauernswerte Entwicklung mit Sigmund Freud zu tun? Er, dessen Bücher von den Nazis verbrannt wurden, der im letzten Lebensjahr zur Emigration nach London gezwungen wurde und dessen in Österreich verbliebene Schwestern von den Nazis ermordet wurden – er kann doch wohl in keiner Weise jener verhängnisvollen Entwicklung im „Dritten Reich“ und darüber hinaus Vorschub geleistet haben?

Aber so befremdlich es klingen mag: An der nahezu reibungslosen Anpassung „arischer“ Analytiker an den deutschen Faschismus war auch Sigmund Freud beteiligt. Und somit an deren Folgen nicht völlig unschuldig.

Um das nachzuvollziehen, müssen wir noch ein zweites Mal und diesmal weiter in der Zeit zurückgehen – in die Lebensgeschichte von Sigmund Freud.

Sigismund Schlomo Freud wurde 1856 hineingeboren in die Zeit des beginnenden Zerfalls der Habsburger Monarchie. Die Lebensvorstellungen seiner kleinbürgerlich-jüdischen Eltern – der Vater handelte mit Stoffen und Honig – entsprachen den gängigen patriarchalen Normen und waren vor allem ausgerichtet auf bescheidenen materiellen Wohlstand und Assimilation. Jacob und Amalie Freud hatten ganz sicher nicht vor, einen Rebellen aufzuziehen.

Und das wollte der junge Freud, der sich dem Arztberuf zuwandte, auch gar nicht sein. Aber bei seiner, um 1885 begonnenen Erforschung seelischer Leiden – die so konsequent niemand vor ihm in Angriff genommen hatte – stieß er bald auf ein gesellschaftliches Tabu, das ihn mit seiner Umwelt in Kollision brachte.

Zunächst stellte er fest, dass sich aus diversen kriminal-medizinischen Untersuchungen eine erschreckend hohe – und in der Öffentlichkeit verschwiegene – Anzahl von Sexualvergehen an Kindern ergab. So sensibilisiert, achtete er bei seinen Behandlungen verstärkt auf Anzeichen solcher Vorkommnisse. Und er wurde fündig.

Nahezu alle seiner psychisch gestörten Patientinnen und Patienten schienen als Kinder sexuell missbraucht worden zu sein, in erster Linie durch Eltern, andere Verwandte oder Erziehungspersonal. Psychische Störung schien – anders herum gesagt – fast durchweg ein Ergebnis frühen sexuellen Missbrauchs zu sein.

Konsequenterweise musste Freud diese Erkenntnis auch auf sich selbst anwenden: Er hatte bei seiner Selbstanalyse auch bei sich Symptome seelischer Störungen gefunden. Mit anderen Worten – und das hat er dann auch fast wörtlich so formuliert –: Sein eigener Vater musste ihn sexuell missbraucht haben.

An dieser Stelle jedoch hielt er die möglichen Konsequenzen seiner Forschung nicht mehr aus. Und kam alsbald auf eine andere Idee, die ihn sehr erleichterte: dass diese erinnerten Missbrauchserlebnisse zumeist nur in der Phantasie der Kinder stattgefunden hätten, die sich nämlich, so Freud, eine sexuelle Beziehung zu ihren Eltern wünschten.

Der Ödipus–Komplex war geboren: Der kleine Junge möchte naturgemäß mit der Mutter, das kleine Mädchen mit dem Vater Geschlechtsverkehr haben – und daher den jeweiligen Konkurrenten um die Gunst des begehrten Elternteils aus dem Wege schaffen. Nebenbei bemerkt eine Ansicht, die ich für falsch halte.

Nun lässt sich darüber streiten, wie verbreitet damals sexueller Missbrauch war. Aber eins scheint mir sicher: Missbrauch von Kindern war – und ist – ein wesentliches Phänomen. Das muss ja nicht immer sexuell sein. Missbraucht werden Kinder z.B. auch, wenn sie für die Erwachsenen zur Kompensation eigener Minderwertigkeitsgefühle, eigener Beziehungslosigkeit, eigener seelischer Leere verwendet werden. Oder als Bindemittel für die brüchige Paarbeziehung der Eltern. Oder als wehrlose Sündenböcke für elterliche Misserfolge und Enttäuschungen. Oder als Vorzeigeobjekte vermeintlicher erzieherischer Fähigkeiten.

Freud hatte jedenfalls einen tiefen Blick hinter die Fassade seiner Gesellschaft getan – und war vor einem Teil dessen zurückgeschreckt, was er dort sah. Verständlicherweise, denke ich. Denn Anfeindungen gab es trotzdem in Zukunft auch so mehr als genug gegen ihn und seine angebliche Überbetonung des Sexuellen – 1933 ja auch eine der Begründungen, mit der die Nazis seine Bücher hier in Berlin auf den Scheiterhaufen warfen.

Anders gesagt: Mit dem, was Freud öffentlich aussprach, ging er immer noch weit über das hinaus, was seine Gesellschaft hören und ertragen wollte.

Trotzdem bleibt ebenfalls festzuhalten: Einem noch radikaleren Bruch mit den Normen seiner Zeit – und seiner Erziehung – verweigerte er sich. Und diese Verweigerung sollte im Laufe seines Lebens an Bedeutung gewinnen.

Unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges und des Todes seiner Lieblingstochter und seines Lieblingsenkels entwickelte der über 60jährige Freud ab 1920 die Theorie vom Todestrieb – deren Bedeutung sich für ihn vermutlich auch deshalb erhöhte, weil bei ihm 1923 eine Krebserkrankung im Mund diagnostiziert wurde, die zu fortschreitender Entfernung des Oberkiefers, mehreren Hundert ärztlichen Eingriffen und permanenten Schmerzen führen sollte.

Hatte er bis dahin die Sexualität als herrschende Kraft innerhalb der menschlichen Seele angesehen, so setzte er dieser Kraft nun eine angeblich gleichstarke Gegenkraft entgegen. Biologisch vorgegeben, so meinte er jetzt, hätten alle Menschen von Geburt an eine innere Tendenz, zu töten und zu zerstören: „Der Mensch ist des Menschen Wolf“.

Die logische Konsequenz war, dass es nun noch weniger nötig schien, Ursachen für „böses“, destruktives Verhalten in den familiären und gesellschaftlichen Verhältnissen zu suchen.

Parallel dazu kam Freud, der früher sehr wohl überlegt hatte, zu welcher Weltanschauung die Psychoanalyse am ehesten passen könnte, zu der Überzeugung, dass Psychoanalyse „neutral“ zu sein habe, eine „rein wissenschaftliche Lehre“, die sich aus den Alltagsfragen der Politik herauszuhalten habe und keinesfalls Stellung beziehen dürfe für diese oder jene Partei.

Beides – die Einführung des Todestriebes und das zunehmende Betonen weltanschaulicher Neutralität – hat meiner Meinung nach wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Psychoanalyse, wie schon geschildert, seit den 20er Jahren immer größerer Bekanntheit und Beliebtheit erfreute.

Dem bis dato also recht erfolgreichen Harmonisierungsstreben des alten Freud stellten sich jedoch seit den späten 20er Jahren einige junge, politisch engagierte Analytiker entgegen. Allen voran der schon erwähnte Wilhelm Reich. Nachdem Freud ihn einige Zeitlang vielleicht sogar als einen seiner potentiellen Nachfolger angesehen hatte, begann er nun einen zunehmend erbitterten Kampf gegen Reich, versuchte z.B. das Erscheinen eines Artikels zu verhindern, in dem Reich sich bemühte, die Todestrieb-Hypothese zu widerlegen.

Aber dabei blieb es nicht: Als 1933 ein „arischer“ Analytiker die Leitung der deutschen Psychoanalyse-Vereinigung DPG übernehmen wollte, stellte ihm Freud dafür u.a. folgende Bedingung: „Befreien Sie mich von Reich!“

Dafür hatte Freud einen Grund, der über Reichs Kritik am Todestrieb hinausging: Bei der Entscheidung, ob Freud die von den „arischen“ Analytikern beabsichtigte Anpassung an das Hitler-Regime absegnen sollte, hatte sich Freud – wenn auch widerwillig – dafür entschieden, diese Anpassung zu akzeptieren.

1935 fuhr dann sogar einer von Freuds engsten Vertrauten, der Präsident der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ (IPV) Ernest Jones nach Berlin, um dort die Versammlung zu leiten, bei der den jüdischen Analytikern und Analytikerinnen der „freiwillige“ Austritt nahegelegt wurde.

Derselbe Ernest Jones hatte bereits 1933 – in enger Abstimmung mit Freud und der IPV-Leitung – die Veröffentlichung eines sogenannten „Memorandums“ gutgeheißen. Dort diente der nichtjüdische Analytiker Carl Müller-Braunschweig, bald darauf im DPG-Vorstand, die Psychoanalyse dem deutschen Faschismus an. In diesem „Memorandum“ hieß es u.a.:

„Der Psychoanalyse ist oft der Vorwurf gemacht worden, sie sei als Forschung und Therapie zersetzend und undeutsch … Es ist zugegeben, daß sie ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt…

Die Psychoanalyse bemüht sich, unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebensfremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu sehen vermögen, ihren Triebimpulsen Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, liebesunfähige und egoistische Menschen zu liebes– und opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern des Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu herausgestellten Linien einer heroischen, realitätszugewandten, aufbauenden Lebensauffassung wertvoll zu dienen.“

Offenbar schienen Freud all diese Kompromisse weniger schmerzlich als die Vorstellung, ausgerechnet im bislang so analyseinteressierten Deutschland – dem sich Freud (schon wegen Goethe) immer sehr verbunden gefühlt hatte – jegliche psychoanalytische Tätigkeit einzustellen. Und auch Freud ahnte nicht, wozu das NS-Regime sich in Zukunft als fähig erweisen sein sollte. Stattdessen teilte er anscheinend mit vielen anderen die Erwartung, Hitler habe bald wieder „abgewirtschaftet“, es sei „im allgemeinen Interesse“, urteilte Freud 1933, dass das Berliner Institut „erhalten bleibt, um die ungünstigen Zeiten zu überstehen.“

So blieb es Wilhelm Reich vorbehalten, als einziger Analytiker öffentlich vor dem Faschismus zu warnen – und davor, sich ihm anzupassen. Schon im Exil befindlich, protestierte Reich in seiner eigenen Zeitschrift z.B. gegen das zitierte „Memorandum“ von Carl Müller-Braunschweig: „Die Verbrennung der Bücher Freuds“ habe Müller–Braunschweig „die Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Faschismus offenbar nicht klar genug demonstriert“. Reich fährt fort:

„Die psychoanalytischen Forschungsergebnisse kennen keine ,göttliche Sendung´, keine rassische Mehr– oder Minderwertigkeit, können Hitlers Syphilistheorie als irrationales Gebilde entlarven, sie widersprechen somit dem Nationalsozialismus wie jeder reaktionären Moral- und Weltauffassung. Als kulturpolitische Bewegung muß (die Psychoanalyse)…sich …. zum Todfeind des Nationalsozialismus erklären. Der gegenwärtige deutsche Reichskanzler (Hitler) handelte, das sei hier nachdrücklichst betont, von seinem Standpunkt aus, durchaus folgerichtig, als er die Bücher des ‚Untermenschen‘ Freud verbrennen ließ.“

Und, so ergänzt Reich an anderer Stelle: „die Psychoanalyse … (wird) in den bevorstehenden gesellschaftlichen Kämpfen um die Neuordnung der Welt eine entscheidende Rolle spielen … , gewiß nicht auf Seiten der Reaktion.“

Was in diesem letzten Satz an Anspruch und Hoffnung enthalten ist, hat sich nicht erfüllt. Und, wie ich versucht habe, zu belegen: Sigmund Freud selbst hat einen Anteil daran.

Aber könnte – um ein letztes Mal auf die Frage zurückzukommen, die der heutigen Veranstaltung das Motto gegeben hat – könnte die Psychoanalyse für das 21. Jahrhundert das werden, was sie für das 20. Jahrhundert nachweislich nicht geworden ist: ein wesentliches Hilfsmittel bei der Bewältigung überindividueller Probleme, eine Überlebenshilfe für die menschliche Gemeinschaft, vielleicht für das Leben überhaupt auf unserem Planeten?

Meine Antwort darauf ist: Sigmund Freud und die Psychoanalyse sind nicht zu trennen. Einerseits – und ich denke, das macht den Hauptanteil aus – sind Psychoanalyse wie auch Freud selbst lebensbejahend, Missstände ebenso wie Entwicklungsmöglichkeiten „aufdeckend“, „progressiv“ und „revolutionär“.

Andererseits haben Freud wie auch die Psychoanalyse pessimistische, individualistische, opportunistische, sogar „reaktionäre“ Züge. Und im Laufe von Freuds Leben, mit zunehmendem Alter, zunehmenden Enttäuschungen und Verlusten, zunehmender Erkrankung haben sich diese Züge verstärkt.

Psychoanalyse in ihrer Gesamtheit taugt also sicher nicht als Überlebenshilfe.

Aber dass wir die wesentlichen Probleme des 21. Jahrhunderts bewältigen könnten, ohne die progressiven Elemente und fundierten Erkenntnisse der Psychoanalyse (die ja auch nach Freuds Tod weiter angewachsen sind) zu berücksichtigen und zu verwenden – das wiederum halte ich ebenfalls für völlig ausgeschlossen.

Ich glaube deshalb, dass es eine gesellschaftliche Aufgabe ersten Ranges ist, sich auseinanderzusetzen

– mit der immensen Bedeutung unbewusster seelischer Prozesse in sämtlichen – individuellen wie überindividuellen – Bereichen menschlichen Wirkens

– mit der frühen und bislang niemals nur positiven seelischen Prägung durch Eltern, Erziehung und Gesellschaft

– mit unserem zumeist verschütteten Wunsch nach Lebendigkeit – einschließlich sexueller Lebendigkeit

– sowie mit Möglichkeiten, diese Lebendigkeit zu fördern.

 

Dieser Vortrag wurde am 7.5.2006 in der Peter-Weiss-Bibliothek Berlin-Hellersdorf gehalten.