Schlangenbader Str. 87, 14197 Berlin: das Geburtshaus der Körperpsychotherapie

von Andreas Peglau

Im November 1930 zog Reich von Wien nach Berlin. Die deutschen Psychoanalytiker, schreibt er dazu, »waren in sozialen Fragen weit fortschrittlicher als die Wiener. Die Jugend atmete freier«. Er erhielt auch hier berufliche Anerkennung, wurde erneut Lehranalytiker, außerdem Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG). Insbesondere der Kreis »linker« Analytiker um Otto Fenichel, zu dem auch Edith Jacobssohn und – zeitweise – Erich Fromm gehörten, ermöglichte ihm den Meinungsaustausch unter weitgehend Gleichgesinnten.

Reichs Ruf als potenzieller Querulant, der die Aufrechterhaltung des erwünschten psychoanalytischen Images gefährdete, war ihm freilich nach Berlin vorausgeeilt. Konflikte waren programmiert, insbesondere mit dem Freud-Vertrauten Max Eitingon, der zu dieser Zeit nicht nur das Berliner Institut und die DPG leitete, sondern auch Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, wichtiger Geldgeber und Gesellschafter des Internationalen Psychoanalytischen Verlages war. Reich berichtet über Eitingons Begrüßung:

»Ich hatte in der [kommunistischen – A.P.] Partei volle Freiheit, Kurse über psychoanalytische Psychologie zu halten. Dagegen war ich vom Vorsitzenden der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung [sic] gleich bei meiner Ankunft in Berlin aufgefordert worden, in der Fachorganisation keine soziologischen Themen zu bringen.«

Diese Aufforderung wurde dadurch noch fragwürdiger, dass es – wenige Wochen bevor Reich in Deutschland eintraf – in Deutschland einen »politischen Erdrutsch« gegeben hatte: Bei der Reichstagswahl vom 14.9.1930 war die NSDAP zur zweitstärksten Partei geworden. Die Notwendigkeit, „soziologische“, sprich gesellschaftliche Vorgänge zu reflektieren, war also immens gestiegen.

Reich fand, insbesondere durch seinen wohl umgehenden KPD-Eintritt, rasch Wirkungsmöglichkeiten außerhalb der Psychoanalyseinstitutionen (siehe u.a. Die Marxistische Arbeiterschule MASCH und Die Einheitsverbände für proletarische Sexualreform und Mutterschutz). Doch auch an der Therapiemethodik arbeitete er weiter.

Zunächst hatte Reich in der Schwäbischen Straße in Berlin-Schöneberg gewohnt.
Als 1931 seine Frau und Analytikerkollegin Annie mit den Töchtern Lore (*1928) und Eva (*1924) nach Deutschland kam, mietete die Familie eine Wohnung in Wilmersdorf, in der Schlangenbader Str. 87.

 

Annie Reich, Eva und Lore (von links rechts) , von Wilhelm auf dem Balkon fotografiert (mit herzlichem Dank an Lore Rubin-Reich)

Annie Reich, Eva und Lore (von links rechts) , von Wilhelm auf dem Balkon fotografiert (mit herzlichem Dank an Lore Rubin-Reich)

Was bislang kaum gewürdigt wird: Genau hier gelang Reich der Übergang von der Charakteranalyse zur Körperpsychotherapie. Exakter müsste es allerdings heißen: zur Psychokörpertherapie. Denn in Berlin lag der Schwerpunkt von Reichs Behandlungen noch eindeutig auf der Seele.

Schon 1929 hatte er begonnen „zu begreifen, dass der Ausgangskonflikt der seelischen Erkrankung (der ungelöste Widerspruch von Luststreben und moralischer Versagung), sich in Form der muskulären Störung physiologisch strukturell verankert.“ Dem widmete er in Berlin zunehmend Aufmerksamkeit in seiner Behandlungstätigkeit. Wie bei vielen Analytikern üblich, fand diese in seinen Wohnräumen statt. Tochter Eva Reich berichtete: „Ich musste meine ganze Kindheit über verschwinden, wenn die Patienten wechselten. Die sollten nicht wissen, dass da eine ganze Familie lebt“. Und Lore Reich-Rubin ergänzte in einem Gespräch mit mir: „Meine Eltern hatten getrennte Schlafzimmer. Morgens verschwanden die Betten und aus den Schlafzimmern wurden Behandlungsräume.“ Sie erinnerte sich zudem, dass diese Zimmer bzw. die dazugehörige Wohnung im 2. oder 3. Stock des Hauses lagen.

Schlangenbader Straße 87 in Berlin-Wilmersdorf, der Wohnort von Wilhelm und Annie Reich mit ihrem Töchtern Eva und Lore. Das von Gudrun Peters aufgenommene Foto entstand 2007 bei der Gedenktafel-Einweihung. Linkes sitzened: Lore Rubin-Reich, rechts daneben Regine Lockot, Andreas Peglau.

Schlangenbader Straße 87, mehr als sieben Jahrzehnte danach. Das von Gudrun Peters aufgenommene Foto entstand am 23.6.2007 bei der Einweihung einer Gedenktafel für Wilhelm und Annie Reich. Sitzend: Lore Rubin-Reich (inks), ganz rechts ihre Tochter Erica. Stehend: Regine Lockot, ganz rechts: Andreas Peglau.

Wenn hier also die „Geburt“ der Körperpsychotherapie stattfand, wie ging sie vor sich?

Reichs 1933 erschienenes Buch Charakteranalyse illustriert diesen Vorgang. Er beschreibt darin u.a. die Behandlung eines sexuell schwer gestörten jungen Mannes, der von Größen-Ideen geprägt war und seinen Vater stark idealisierte:

„Es war zunächst nicht leicht, den Patienten dazu zu bewegen, das trotzige Agieren der Kindheit zu reaktivieren … Ein vornehmer Mensch … kann doch derartiges nicht tun …
(Ich) versuchte es zuerst mit der Deutung, stieß aber auf völliges Ignorieren meiner Bemühungen. Nun begann ich, den Patienten nachzuahmen …“

Dadurch verunsichert, offenbar auch verärgert, reagierte der Patient

„einmal mit einem unwillkürlichen Aufstrampeln. Ich ergriff die Gelegenheit und forderte ihn auf, sich völlig gehen zu lassen. Er begriff zuerst nicht, wie man ihn zu derartigem auffordern könne, aber schließlich begann er mit immer mehr Mut, sich auf dem Sofa hin und her zu werfen, um dann zu affektivem Trotzschreien und Hervorbrüllen unartikulierter, tierähnlicher Laute überzugehen.
Ganz besonders stark wurde ein derartiger Anfall, als ich ihm einmal sagte, seine Verteidigung seines Vaters sei nur eine Maskierung seines maßlosen Hasses gegen (diesen). Ich zögerte auch nicht, diesem Hass ein Stück rationaler Berechtigung zuzubilligen.
Seine Aktionen begannen nunmehr, einen unheimlichen Charakter anzunehmen. Er brüllte derart, dass die Leute im Hause ängstlich zu werden begannen.
Das konnte uns nicht stören, denn wir wussten, dass er nur auf diese Weise seine kindliche Neurose voll, affektiv, nicht nur erinnerungsmäßig, wiedererleben konnte.“10

Reich berichtet dann, wie im Laufe der folgenden Stunden herausgearbeitet werden konnte, dass der Patient den Therapeuten mit diesem Verhalten provozieren wollte, so böse und streng zu werden wie es einstmals der Vater des Patienten gewesen war. Reich verwendete also viel Zeit darauf, dieses Strampeln und Schreien in lebensgeschichtliche Zusammenhänge und in die therapeutische Beziehung einzuordnen. Mit anderen Worten: Er arbeitete sehr wohl „analytisch“ mit diesem Material. Somit hat er aus meiner Sicht hier die Psychoanalyse auch nicht verlassen – sondern bereichert: um das systematische therapeutische Einbeziehen von Körper, Emotion, Gefühlsausdruck.[1]

Dem Bedeutung beizumessen, ermöglichte Reich zugleich, aktuelle soziale Veränderungen besser zu verstehen. Denn von nun an wurde er in einer nicht gekannten Intensität mit der anerzogenen Destruktivität seiner Patienten konfrontiert, die diese normalerweise hinter einer angepassten, »netten«, höflichen Maske verbargen. Entsprach er ihren neurotischen Erwartungen nicht, sondern unterstützte sie stattdessen dabei, ihre dadurch aufsteigenden Gefühle zu zeigen, brach sich oftmals ihr seit der Kindheit aufgestauter Hass auf unterdrückende Autoritäten Bahn. Und diesen Hass – rationalisiert und kanalisiert durch Parteiideologien und -organisationen – erkannte Reich auch auf den Straßen Berlins wieder, wo die blutigen Auseinandersetzungen zwischen »Links« und »Rechts« längst regelmäßig Todesopfer forderten. Das sollte in seine Massenpsychologie des Faschismus einfließen.

Sigmund Freud jedoch musste Reichs therapeutisches Vorgehen zutiefst missfallen, war es doch für Freud zum Ideal geworden, seine Zornesausbrüche »mannhaft beherrscht« zu unterdrücken oder gar grundsätzlich den »Sieg über die Leidenschaften« davonzutragen, die er ja ohnehin für eher kulturzerstörend und asozial hielt. Zu den Zielen psychoanalytischer Behandlung zählte er deshalb, triebgesteuerte Handlungen beherrschen zu lernen. Das passende Setting dazu hatte er gefunden: Auf einer Couch liegend, lassen sich wirkliche Wutausbrüche kaum erleben. Wie hätte sich Freud bei solchen Prämissen mit Reichs gefühlsaufwühlender, das Vorhandensein prosozialer menschlicher Triebe unterstellenden Körperpsychotherapie anfreunden können?

Wie weit Reich bereits in Berlin auf dem Weg gekommen war, der ihn in Skandinavien zur „Vegetotherapie“, in den USA zur „Orgontherapie“ führen sollte, belegt auch der Vortrag, den er 1934 auf jenem Luzerner Kongress halten sollte, bei dem sein Hinauswurf aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung offiziell wurde. Unter der Überschrift »Weitere Probleme und einige Konsequenzen der Charakteranalyse« stellte er dort den aktuellen Stand seines therapeutischen Könnens vor. Zuvor hatte er zum Inhalt seines Vortrages angegeben:

»Darstellung der Herkunft der ›Ichtrieb‹-Energie anhand klinischer Beispiele, Fallangst und oberflächliche Assoziation. Objektverlust und Kontaktlosigkeit. Vegetative Reaktionen nach Lösung der charakterlichen Panzerung. Muskelrigidität und charakterliche Verkrustung. Einige psychophysische Grenzfragen«.

1935 brachte er eine ergänzte Fassung des Vortrages unter dem Titel Psychischer Kontakt und vegetative Strömung als Broschüre heraus. Diesen Text übernahm er auch in die englische Ausgabe der Charakteranalyse, die 1945 erschien.

In dieser um mehrere Kapitel erweiterten Neufassung lässt sich zum einen nachlesen, wie Reich immer konsequenter den Körper und, nach 1940, auch die Lebensenergie in die Heilung einbezog. Zum anderen wird deutlich, dass dabei die Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte der Patienten, mit der Beziehung zwischen Patient und Therapeut, letztlich die Psyche insgesamt zunehmend in den Hintergrund rutschte. Ausgehend von der Annahme einer allem übergeordneten Energie glaubte er, diese zum Fließen zu bringen, würde auch alles andere richten. Gesprochen werden sollte nun in der Behandlung nur noch möglichst wenig, da die »Wortsprache regelmäßig auch als Abwehr“ funktioniere, der »körperliche Bewegungsausdruck« ohnehin relevanter sei. Bei Reichs sehr aktivem, bestimmenden Vorgehen, z.B. dem wiederholten »Induzieren« von tieferer Atmung, war wohl auch kaum noch Platz für das Durcharbeiten von dem, was Psychoanalytiker Übertragung und Projektion nennen. Traten »sehr intensive Haßimpulse« auf, »klärte« er diese allerdings weiterhin mit »charakteranalytischen Methoden im psychologischen Bereich«.

Das heißt meines Erachtens: Reichs weiteres Fortschreiten wurde mit einem großen, zu großen Verlust erkauft. Aus der Körperpsychotherapie wurde die Körpertherapie.

Gerade das unterstreicht allerdings noch einmal die große Bedeutung von Reichs Berliner Schaffensperiode. Mir scheint, er hat weder vorher noch danach dem Zusammenspiel von Körper UND Seele so intensiv seine Aufmerksamkeit gewidmet wie in der Schlangenbader Straße.

 

Foto: Andreas Peglau 2007.

Gedenktafel in der Schlangenbader Str. 87 (Foto: Andreas Peglau 2007)

 

[1] Wenn auch andere, wie die Tanztherapeutin Elsa Gindler, mit ihrer Arbeit ebenfalls in diese Richtung gingen, Kollegen wie Fenichel, Ferenczi und Adler einzelne ähnliche Überlegungen angestellt hatten, ist die Körperpsychotherapie doch in erster Linie Reich zu verdanken.

 

Mehr Informationen dazu inklusive ausführlicher Quellen- und Literaturangaben: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, insbesondere S. 73f, 139-135, 273.