Spiritualität und Körpertherapie

Hans-Joachim Maaz, befragt von Andreas Peglau zu seinem Verhältnis zu Religion und seelischer Gesundheit als Grundlage spirirtuellen Erlebens

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A. P.: Sie haben in Ihrem Buch ,,Der Gefühlsstau“ geschrieben, Sie sind religiös und Sie glauben an Gott. Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie von Spiritualität sprechen?

Maaz: Ja, schon. Ich will vorausschicken, ich bin auf diesem Gebiet ein Suchender. Das gehört zu den Themen meines Lebens, die noch am allerwenigsten gereift sind oder gar abgeschlossen. Als Kind und Heranwachsender bin ich mit christlicher Religion konfrontiert worden, wie wohl sehr viele von uns. Es war Tradition, auch eine gewisse Pflicht; es hatte etwas Unfaßbares, auch Bedrohliches, aber richtig verstanden habe ich es nie. Es wurden Glaubensbekenntnisse abverlangt, die aber stets an der Oberfläche blieben, die mich nie wirklich im Innersten erreicht haben. Später hatte ich dann mehr ein intellektuelles Interesse daran, was es mit Religion, mit Christentum auf sich hat. Auch das hat mich nicht weiter in meiner innersten Substanz erreicht. Die sogenannte ,,Verkündigung“ blieb mir fremd, ich empfand vieles als aufgesetzt, unecht, auch verlogen. Aber darüber hätte ich damals nicht sprechen können, die wirkliche Auseinandersetzung erlebte ich als tabuisiert. Die einen wollten von mir das ,, richtige Bewußtsein“ und die anderen den ,,rechten Glauben“. So blieb ich auf Distanz. Erst durch meine therapeutische Arbeit und durch eigene Therapieerfahrung ist mir so etwas wie spirituelle Erfahrung zugänglich geworden – und das hat die Auseinandersetzung mit diesem Problembereich für mich sehr stark aktiviert.

In meiner Arbeit als Psychotherapeut in einer diakonischen Einrichtung waren Religiosität und Spiritualität natürlich stets ein wichtiges Thema, anders als in der ,,sozialistischen“ Umwelt, die Religion ja fast zu einer staatsfeindlichen Haltung verteufelt hatte und an ihre Stelle die Ersatzreligion ,,Marxismus“ gesetzt hatte. Der Mensch muß an etwas glauben können und dürfen, sonst kann er nicht leben; ein breites Feld also für vielfachen Mißbrauch, an dem Parteien, Sekten, aber durchaus auch die großen Weltreligionen profitieren.

Der diakonische Hintergrund hat mir geholfen, auch die spirituelle Dimension in der Psychotherapie zuzulassen, was ja sonst im staatlichen Gesundheitswesen nicht denkbar gewesen wäre. Psychotherapie sollte möglichst streng naturwissenschaftlich betrieben werden. Das heißt, es hat auch bei uns viele Psychotherapeuten gegeben, denen es am liebsten gewesen wäre, wenn man hätte sagen können, daß dieser Mensch mit dieser Störung genau definierbar mit dieser Methode behandelt werden könne.

Diese möglichst wissenschaftlich-mechanistische Vorstellung habe ich immer als sehr furchtbar empfunden. Ich bin, denke ich, Psychotherapeut geworden, um vor allen Dingen auch der Naturwissenschaft etwas zu entfliehen. Nicht, daß ich grundsätzlich gegen Naturwissenschaft wäre, aber die Einseitigkeit, mit der sie gegenwärtig auch in der Medizin zur Grundlage gemacht wird, richtet nach meiner Erfahrung mehr Schaden an, als daß sie hilft. Der Mensch ist doch viel mehr, als ein nur naturwissenschaftlich zu begreifendes Wesen. Auch an diesen Seiten des Menschen arbeiten zu können – das hat mich in der Psychotherapie stets fasziniert.

Dabei bin ich dann allerdings auch mit einem anderen Aspekt von Religiosität konfrontiert worden, nämlich damit, daß viele Menschen zur Therapie kommen, weil sie an einer autoritären Religion – die ihnen bestimmte Glaubensbekenntnisse abverlangt, die sie unter strenge, unlebendige Gebote und Normen stellt – krank geworden sind. Und da ist mir auch klargeworden, daß Religion, also verordnete Religion, eine sehr große Gefahr für den Menschen sein kann. So, wie die Medizin – wenn sie sich nur naturwissenschaftlich begreift – heute eigentlich zum größten Gesundheitsrisiko für uns Menschen geworden ist, so kann eine autoritäre und dogmatische Religion zur entscheidenden Behinderung der wirklich spirituellen Bedürfnisse der Menschen werden. Anders ausgedrückt: Ebenso, wie Psychotherapie Gefahr laufen kann, die spirituelle Dimension auszuklammern, ist Seelsorge – die sich gerade um diese spirituelle Dimension bemüht – in Gefahr, die anderen Dimensionen des Menschen, die körperlichen, sozialen und seelischen zu vernachlässigen. In beiden Fällen mißrät mögliche Hilfe zur Manipulation.

Das hängt, um auf das zurückzukommen, was ich als Spiritualität begreife und empfinde, auch sehr eng mit meinen Erfahrungen in der Therapie zusammen. Manchmal, wenn Menschen hier ihre individuellen Beziehungen – beginnend mit Freunden, Partnern, Familienmitgliedern und dann natürlich auch in den Urerfahrungen der Beziehungen mit Vater und Mutter – auch in ihrer Mangelhaftigkeit, in ihren traumatisierenden Einflüssen therapeutisch bearbeitet, durchgearbeitet haben, wenn emotional wieder erinnert wurde, wieviel Ungenügen, wieviel Defizite, wieviel Bedürfnismangel da übriggeblieben sind, dann kann es plötzlich passieren, daß sich Menschen in einer tieferen Art bezogen oder verbunden fühlen. Also etwa in dem Sinne, daß es über ihre konkreten Beziehungen hinaus noch eine tiefere Dimension der Bezogenheit gibt: Eine Bezogenheit, Verbundenheit zu Menschen überhaupt, eine Verbundenheit zum Kreatürlichen und Lebendigen, eine Verbundenheit zur Natur, eine Verbundenheit zur Welt. Das sind ganz tiefe, existentielle Erfahrungen, die über das Lebensgeschichtliche und Individuelle hinausgehen.

Dort beginnt für mich sozusagen die Spiritualität der Erfahrung. Es gibt da etwas, was nicht mehr lebensgeschichtlich zu begründen ist und dennoch erfahrungsgemäß, besser gesagt: erlebnisgemäß – also als Gefühlsprozeß – vorhanden ist: Ich bin in dieser Welt verbunden mit allem. Es ist ein Gefühl einer kosmischen Verbundenheit, einer Verbundenheit mit Natur.

An dieser Steile kann ich für mich auch sagen: Ich erlebe mich eingebunden in ein höheres Prinzip, das ich auch ,,Gott“ nennen kann. Und: Ich bin – auch diese gegensätzliche Erfahrung entsteht gleichzeitig – ich bin ganz allein. Ich bin nicht nur verlassen von meinen Eltern, von denen ich vielleicht nie richtig angenommen war, nicht richtig geliebt wurde, sondern darüber hinaus in einer noch viel tieferen, existentiellen Einsamkeit: Ich bin ganz mit mir allein. Ein Gefühl, das auch dann in uns ist, wenn wir mit menschlicher Liebe gesättigt wären.

A.P.: Ein Freund hat mich vor nicht allzu langer Zeit auf dieses Wort ,,Alleinsein“ aufmerksam gemacht, als ich ihm gesagt habe: Ich habe Angst davor, abends andauernd allein zu sein. Er hat dann gesagt, daß ich doch mal darüber nachdenken sollte, was dieses Wort eigentlich bedeutet und damit auch dieser Zustand. Und er meinte, daß Alleinsein eigentlich heißt: All-Ein-Sein, also: eins sein mit dem All. Wenn das stimmt, ist es dann wirklich ein Gefühl von Isolation, dieses Alleinsein, wie Sie es beschreiben, oder ist es nicht vielleicht eher ein Gefühl von Weite, von Größe, von Verbundenheit?

Maaz: Ja, es ist eigentlich beides. Aber ich will, bevor ich versuche, das näher zu erklären, nochmal den Unterschied nennen zwischen dem, was wir unter neurotischem Allein-Sein verstehen und dem existentiellen Allein-Sein. Diesen Unterschied lehrt uns die psychotherapeutische Arbeit.

In den meisten Fällen haben die Menschen, die eine Therapie aufsuchen, ein Problem in ihrer Beziehung zu den ursprünglichen Bezugspersonen, also Vater und Mutter. Damals sind sie in der Regel sowohl irgendwie allein gelassen worden mit ihren Bedürfnissen, aber auch ganz im Sinne des Wortes, d.h. wenn Eltern sich entfernt haben, nicht da waren, wenn sie gebraucht wurden, die Kinder abgeliefert haben in Krippen und so weiter. Dadurch entsteht ein Defizit an Annahme und Befriedigung. Das läßt sich therapeutisch ganz gut, wie wir sagen, durcharbeiten, das läßt sich erinnern und emotional ausdrücken in Zorn, Enttäuschung, Schmerz. Wenn das möglich geworden ist, dann geschieht es häufig, daß Menschen mit einer noch viel tieferen Bedrohung konfrontiert werden – mit einer existentiellen Schmerzerfahrung: Ich bin als Mensch in dieses Leben geworfen worden, gerufen worden – wie auch immer – und ich werde es auch wieder verlassen müssen. Ich komme irgendwoher und gehe irgendwohin, ich bin verantwortlich für mein Leben und bleibe doch ausgeliefert. Ich bin verbunden mit anderen Menschen und bleibe in der Tiefe meiner Existenz allein.

Und das löst eine ganz tiefe Angst und Schmerzlichkeit aus und auch ein Gefühl von Ohnmacht darüber, daß ich dem nicht entrinnen kann. Und das, denke ich, ist keine neurotische Angst, sondern eine zum Menschen gehörige, notwendige Erfahrung, die er durchmachen muß. Im Gegenteil: Wenn man das abwehrt – und das tun wir in der Regel, weil uns das zu bedrohlich ist – dann entstehen existentielle Störungen, vor allem eine grundlegende Entfremdung von unserer Natur. Man kann sogar sagen, daß diese Ohnmachtserfahrung, dieses Einsamkeitsgefühl so unfaßbar ist, daß der Mensch sich eher genau ins Gegenteil flüchtet, in das, was man dann Omnipotenzstreben und Allmachts-Phantasien nennt.

Die Geschichte der letzten Jahrhunderte ist ja geprägt davon, wie Menschen durch die Allmachtsgläubigkeit – daß sie also gottgleich das Leben und die Natur beherrschen möchten – sich retten könnten und durch Wohlstand, durch Leistung, durch Anstrengung, durch Erfindungen ihr Schicksal abwenden könnten. Daraus sind ja diese großen Ersatzbefriedigungs-Tendenzen entstanden, die mit Technik, mit Naturwissenschaft, mit der Ideologie vom Fortschritt, vom Wachstum, von Sicherheit verbunden sind. Letztlich verweist gerade das Zeitalter der Autos, der Computer, der technischen Großleistungen der Menschen immer wieder auf das Bemühen, etwas ganz Besonderes hervorzubringen, um nicht diese existentielle Einsamkeit, Ohnmacht, Kleinheit und Endlichkeit des eigenen Lebens erleiden zu müssen. Das ist zum Beispiel auch der Grund, weshalb wir möglichst nicht krank sein wollen, nicht alt sein wollen, nicht älter werden wollen, weil das alles in Richtung unserer existentiellen Bedrohung geht, in die Nähe unseres Todes.

Wenn Menschen sich dieser Erfahrung ihrer grundsätzlich begrenzten Existenz wieder öffnen können, dann ist auch die tiefe Erfahrung des Bezogen- und Verbunden-Seins, der Spiritualität, wie wir sie vorhin angesprochen haben, wieder möglich. Diese Erfahrung, denke ich, ist das Tiefste, was Menschen erleben können: Die Bezogenheit auf das Ganze zwischen diesen Polen, der sehr ängstigenden, bedrohlichen Einsamkeit und der sehr befreienden, schützenden, bergenden Erfahrung.

Meine persönlichen Erfahrungen in dieser Hinsicht stützen sich auf wenige Augenblicke meines Lebens im Zusammenhang mit tiefen emotionalen Prozessen als Klient oder Therapeut in der Psychotherapie.

Ich glaube auch, daß bestimmte Voraussetzungen für spirituelle Erfahrungen eine Rolle spielen. So halte ich z. B. die Klärung der neurotischen Probleme und Einengungen für ganz wesentlich. Damit meine ich das Bewußtsein von lebensgeschichtlich erworbenen Kränkungen, Demütigungen und Hemmungen, von Bedürfnis- und Befriedigungsdefiziten meiner leib-seelischen Existenz, einschließlich der damit verbundenen Gefühle von Zorn, Schmerz und Trauer. Erst die Annahme der mir geschehenen Verletzungen und der durch nichts zu entschädigenden Mangelerfahrungen eröffnet auch den Zugang zu Erfahrungen, die, wie gesagt, über meine individuelle Lebensgeschichte hinausreichen.

Bei unbewältigten neurotischen Leiden ist dagegen die Gefahr groß, daß religiöse und spirituelle Erlebnisse gesucht, praktisch suggestiv provoziert werden mit der illusionären Hoffnung, dadurch vom individuellen Elend befreit und erlöst zu werden. Dann trifft die Formel vom „Opium für das Volk“ zu.

A.P.: Diese Reihenfolge – Aufarbeiten der frühen Traumatisierungen und dann erst spirituelle Gefühle – bedeutet doch auch: Erst wenn ich meine körperlichen Panzerungen oder Blockierungen abgebaut habe, wenn ich auch wieder über meine natürliche Sexualität verfüge und Lust aus ihr gewinnen kann – erst dann ist Spiritualität möglich. Zugespitzt: Ohne Körpertherapie und gesunden Sex keine Spiritualität? Der bekannteste Weg zur ,,Erleuchtung“ ist doch aber gerade der über Meditation. Ich habe zwar so etwas noch nie gemacht, aber ich denke doch, daß Meditation keine physischen Blockierungen abbaut.

Maaz: Ich verfüge nicht über ausreichende Erfahrungen zur Meditation. So kann meine Meinung dazu auch nur sehr vage sein. Ich weiß, daß intensive Meditation bei Menschen unseres Kulturkreises stets auch starke emotionale und körperliche Reaktionen auslösen, also ähnliche kathartische, reinigende Wirkungen provozieren kann wie andere Methoden der Psychotherapie, die tiefe Entspannung, Konzentration und Regression ermöglichen.

Auch Meditation kann man meiner Meinung nach zur Ablenkung, zu einem Ersatzweg mißbrauchen oder zur ,,Befreiung“ gebrauchen.

Ich kann mir mit meiner bisherigen Erfahrung nicht vorstellen, daß ,,Erleuchtung“ ohne Klärung der ,, irdischen“, also lebensgeschichtlich erfahrenen somato-psycho-sozialen Störungen möglich wäre. In der körperorientierten Psychotherapie wird immer wieder deutlich, daß erst nach Lösung des ,, Gefühlsstaus“, also nach dem befreienden Ausdruck unterdrückter Gefühle auch lustvolles Loslassen, strömende Hingabe an den Lebensfluß, an die autonomen, meinem Willen entzogenen Prozesse möglich wird. Ich halte spirituelle Erfahrung ohne die Fähigkeit, Schmerz und Lust zuzulassen, nicht für möglich.

Ich will nicht sagen, daß dies nur über Therapie erreicht werden kann. Es gibt sicher in anderen Kulturen andere Möglichkeiten. Der meditative Weg scheint ein großartiger Weg dorthin zu sein. Mir ist aber wichtig, darauf aufmerksam zu machen, daß rituell-mechanische Glaubenspraktiken und Meditationsübungen spirituelle Erfahrungen eher behindern als befördern. Das heißt, daß autoritäre, dogmatische Glaubenslehre und Meditationspraxis nur einen Ersatz schafft, bestehende Abhängigkeiten benutzt, um wirkliche Religiosität, also existentielle Erfahrung von Schmerz und lustvoller Befreiung auf jeden Fall zu verhindern.

Vielleicht kann ich das an der Person Jesus Christus verdeutlichen. Für mich ist Jesus Christus der Mensch, der den Zugang zur Spiritualität offen hatte, weil er ein lebendiger Mensch war, der gefühlsoffen und authentisch war, der die neurotischen Probleme bewältigt hatte, so erscheint es mir jedenfalls. Er konnte sich daher auch mit Gott verbunden fühlen, er hat eine Erfahrung von dieser Beziehung gehabt und war dann auch der Mensch, der exemplarisch im Leidensweg die tiefe Schmerzhaftigkeit menschlichen Lebens ins geschichtliche Bild gebracht hat.

Und es kommt dazu – was für unser Verständnis besonders tragisch ist – daß ein Mensch, der auf diese Weise nicht mehr neurotisch, sondern gesund ist und die spirituelle Erfahrung hat, daß der dann für andere Menschen so unerträglich wird, daß sie ihn töten. Der Jesus-Mord ist also, so gesehen, typisch dafür, daß andere Menschen durch die Konfrontation mit solchen verdrängten Erfahrungen derartig geängstigt werden, daß sie, um dieser Angst zu entgehen, denjenigen umbringen müssen, der sie daran erinnern könnte, daß es diese Erfahrung – auch in ihnen – gibt.

Von daher bietet die institutionalisierte Kirche in der Regel auch ein Jesus-Bild, das besagt, daß er für die Menschen gelitten, daß er ihr Leiden ihnen abgenommen hätte. Für mich ist es gerade anders: Er hat gezeigt, daß wir nur über den Leidensweg zu lustvollem ,,neuen Leben“ gelangen können. Und zwar als ein ständiger Prozeß: Neues Leben ist uns täglich neu gegeben als eine Aufgabe und als Verantwortung. Jesus hat uns überhaupt nichts abgenommen, sondern er hat uns einen Weg gewiesen, den jeder nur für sich finden und gehen oder verfehlen und verweigern kann.

Die Bereitschaft, den Schmerz über eigene Mängel, Fehler, Grenzen und Verletzungen anzunehmen, ist die wichtigste Voraussetzung für die Fähigkeit zur Liebe und zum Frieden. Damit meine ich jetzt eine grundlegende Liebe zu jedem Menschen, zum Lebendigen, Natürlichen überhaupt.

A.P.: Eine grundlegende Liebe zu jedem Menschen – wie geht so etwas? Also ich meine, alle Menschen sind doch nicht liebenswert, oder doch? Was liebe ich denn da in ihnen?

Maaz: Ich bin überzeugt, sowas kann man nur fragen, wenn einem diese Erfahrung noch verwehrt ist. Ich will Ihnen das jetzt nicht vorwerfen, mir geht es oft ähnlich. Meine Erlebnisse uneingeschränkter Liebe – die sind begrenzt auf Augenblicke. Im normalen Alltag kann ich auch nicht jeden gern haben oder lieben. Mancher Mensch ist so unmöglich, das löst in mir ganz andere Empfindungen aus, da gehe ich lieber auf Distanz. Da empfinde ich Ekel, Neid, Haß, da reagiere ich mit Unverständnis und der mangelnden Bereitschaft, den Anderen zu akzeptieren.

Und dennoch kenne ich Augenblicke, in denen das Gefühl grenzenlosen Verständnisses auf einmal da war. Da bin ich plötzlich irgendwie in Verbindung mit dem Liebenswerten – letztlich mit dem Menschlichen, mit dem Lebendigen, das ja immer liebenswert ist – das in jedem Menschen einfach da ist. Und es ist mit jedem Menschen unterschiedlich, es hängt auch davon ab, wie sehr der andere Mensch bereit ist, sich zu öffnen. Viele Menschen verstecken das Liebenswerte hinter einem dicken ,,Charakterpanzer“ oder hinter sehr unangenehmem Verhalten, damit es ja nicht entdeckt wird und ihnen sehr viel Schmerz wegen unerfüllter Sehnsucht und Bedürftigkeit nach Nähe und Verbundenheit bereiten würde.

In der therapeutischen Arbeit der Gruppe geschieht es immer wieder, daß für Momente – manchmal sind es ein paar Minuten – dieses umfassende liebevolle Gefühl plötzlich da ist und das geht dann auch wieder vorbei. Aber ein Mensch, der das erfahren hat, der Zugang gefunden hat zu diesen – ich will mal sagen: ,,spirituellen Grundbedürfnissen“ -, in dem wächst auch eine neue Einstellung zum Leben und zu den Menschen, auch wenn diese immer wieder mal erschüttert und enttäuscht wird. Und das hilft mir auch als Therapeut, wenn ich mit soviel Unangenehmem, Ekligem und Abstoßendem konfrontiert werde. Dann versuche ich mich auf die Erfahrung zu besinnen, daß in jedem Menschen eigentlich etwas steckt, was liebenswert ist – aber liebenswert auf dieser allgemeinsten menschlichen Grundlage, weil es Leben ist. Das hilft mir durchzuhalten, auch in der Hoffnung, daß das unverstellte Dasein auch wieder leben will, jeder Maskerade, allem Destruktiven, Unangenehmen, Ekligen, Belastenden zum Trotz. Manchmal gelingt’s, manchmal nicht.

A. P.: Kann man das auch so verallgemeinern: Menschen, die eine solche Erfahrung gemacht haben, dürften auch viel weniger anfällig sein für Rassenhaß oder Ausländerfeindlichkeit?

Denn sicherlich kann man sich bei allem ,,Fremden“ zunächst die Frage stellen: Wie soll ich denn überhaupt eine Beziehung zu ihnen haben – geschweige denn Freundschaft oder Liebe für sie empfinden – ich kenne sie doch gar nicht, ich hatte noch nie mit ihnen zu tun, sie wohnen vielleicht auch so weit weg – fast in einer ,,anderen Welt“. Aber nach einer solchen spirituellen Verbundenheitserfahrung dürfte ja emotional klarer sein, daß das gar keine andere Welt ist und daß uns von den Menschen, die von dort kommen oder dort leben, weniger trennt als uns mit ihnen verbindet.

Maaz: Fremdenhaß ist ein Symptom des projizierten Hasses gegen das Fremde in uns selbst. Wir tragen alle schwer annehmbare, nicht akzeptierte Eigenschaften und Erfahrungen in uns. Sie sind meist ins Unbewußte verdrängt. Jede autoritäre Erziehung, die Menschen Normen und Ziele für ihr ,,richtiges“ Verhalten setzt, schließt unweigerlich andere, nicht erwünschte Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Gefühle aus. Die werden dann zu etwas Verpöntem, Verbotenem, Fremdem erklärt. Werden solche Eigenschaften und Haltungen in anderen Menschen entdeckt oder vermutet, löst das Angst und Verunsicherung wegen der eigenen Tabus aus. Statt diese Angst auszuhalten und die Verbote aufzudecken , neigen viele Menschen dazu, das Unerlaubte im anderen oder ganz und gar den Anderen zu bekämpfen, zu beschuldigen oder ganz zu vernichten. Das wichtigste Mittel gegen Fremdenhaß ist eine nichtrepressive Erziehung und eine Kultur, die es nicht nötig hat, menschliche Eigenschaften und Entäußerungen des Lebendigen zu verketzern und zu verbieten. Destruktive Gewalt, Radikalität und Kriminalität sind letztlich der Ausfluß repressiver gesellschaftlicher Strukturen.

A. P.: Sie haben vorhin, als Sie versucht haben zu beschreiben, was Spiritualität für Sie sein könnte, einfach gesagt: ,,dann mag man es Gott nennen“. Auch Sigmund Freud hat mal in einem Brief an den Schriftsteller Romain Rolland über ein solches ozeanisches, verbindendes Grundgefühl geschrieben. Aber er hat es auf positive, schöne vorgeburtliche Erfahrungen zurückgeführt, die dann, wenn sie wieder ein Stückchen bewußt werden, so ein Gefühl hervorbringen könnten von Verbundenheit mit der Welt, von Eins-Sein mit ihr. Würde das nicht als Erklärung ausreichen? Warum muß es „Gott“ sein?

Maaz: Also es muß nicht ,,Gott“ sein, beziehungsweise dieser Begriff. Wenn ich die Theologen höre, dann gehen sie ja auch mit Gott oder mit dem Begriff Gott in sehr unterschiedlicher Weise um: Es gibt den liebenden Gott, den strengen Gott, den strafenden Gott, den allmächtigen, den bedrohlichen und den vergebenden Gott. Auch verschiedene Philosophen benutzen den Begriff sehr unterschiedlich. Jeder verwendet ihn anders oder hat offenbar eine andere Vorstellung davon.

Für mein Verständnis würde ich es am liebsten so sagen: Wenn ich von der existentiellen Erfahrung in den polaren Gegensätzen von Allein-Sein und Bezogen-Sein ausgehe, dann kann man ja nur bezogen sein im Hinblick auf ein ,,Gegenüber“ – und auf dieses Gegenüber außerhalb der menschlichen Beziehungen kommt es an. Ich habe zwar gesagt, man ist bezogen zum Lebendigen, zu allen Menschen, zu allem Kreatürlichen, bis dahin, daß man einbezogen ist in das Kosmische.

Sehen Sie, und jetzt benutze ich schon viele Worte, um es irgendwie verständlich zu machen, was begrifflich so schwer faßbar ist. Und da ist mir der Begriff ,,Gott” schon eine Hilfe. Er ist für mich ein Sammelbegriff für dieses große Gegenüber, auf das hin ich mich bezogen weiß oder das, was ich nicht mehr fassen kann, was mein Fassungsvermögen, mein Verständnis übersteigt. Aber eben nicht meine Erfahrung.

 

Der Text ist die bearbeitete Fassung einer Jugendradio-DT-64-Sendung mit Hans-Joachim Maaz. Sie wurde am 24.12.1991, 20.03-21 Uhr unter dem Titel im Rahmen des Magazins „Stand up“ ausgestrahlt. Frühere Veröffentlichungen finden sich in ICH – die Psychozeitung 6/91 sowie in „Weltall, Erde …ICH“ bzw. www.weltall-erde-ich.de.