Vortrag: Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ als Erklärungsansatz

Vortrag von Andreas Peglau, gehalten auf dem 16. EABP-Kongress in Berlin, 7.9.2018

Im November 1930 zog der 33-jährige Wilhelm Reich von Wien nach Berlin – in der Hoffnung auf ein günstiges Umfeld für seine therapeutische, sexualreformerische und politische Tätigkeit. Auf all diesen Gebieten war er zuvor in Konflikte mit Sigmund Freud und dessen Kollegen geraten.
Es gibt nur noch wenige architektonische Zeugnisse von Reichs Wirken in Berlin. Vier davon möchte ich Ihnen zeigen, bevor ich zum Hauptthema meines Vortrags komme. Zunächst das Schickler-Gebäude an der Spree, unweit des Alexanderplatzes.

Foto: G. Peters

Dort befand sich ab 1931 die Zentrale der Marxistischen Arbeiterschule, einer KPD-nahen Bildungseinrichtung, die jährlich mehrere tausend Menschen verschiedener sozialer Schichten erreichte. Zu den Dozenten gehörten der Physiker Albert Einstein, der Architekt Walter Gropius, die Schriftstellerin Anna Seghers – und, ab Februar 1931, auch Wilhelm Reich, der hier unter anderem über „Psychoanalyse und Marxismus“ sprach.

Reich war zudem Mitglied des Leitungsgremiums einer deutschlandweiten KP-nahen Sexualreformbewegung, den „Einheitsverbänden für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“. Deren Berliner Organisation unterhielt mehrere, von Reich gegründete Sexualberatungsstellen. Eine von ihnen befand sich in der heutigen Grünberger Straße in Berlin-Friedrichshain.

Foto: A. Peglau

Nicht zuletzt diese Aktivitäten sorgten dafür, dass Reich zwischen 1930 und 1933 – nach Freud – der populärste psychoanalytische Autor im deutschen Sprachraum wurde.

Ein weiterer Ort bezeugt, dass dieser Erfolg auch seinen politischen Gegnern bekannt wurde. Auf dem Bebel-Platz in Berlin-Mitte, gegenüber der Humboldt-Universität, fand am 10. Mai 1933 der zentrale Akt der NS-Bücherverbrennungen statt.

Foto: G. Peters

Mindestens 20.000 Bücher wurden allein an diesem Abend vernichtet, unter anderem von Karl Marx, Kurt Tucholsky, Romain Rolland, Jack London und Maxim Gorki. Reich war – neben Freud – einer von vier Psychoanalytikern, deren Werke ebenfalls betroffen waren.

Und schließlich möchte ich Sie auf die Schlangenbader Straße Nr. 87 in Berlin-Wilmersdorf aufmerksam machen, wo Reich ab 1931 wohnte – und wo er auch therapierte.

Foto: A. Peglau

Dieses Haus – an dem inzwischen eine Gedenktafel angebracht wurde – lässt sich mit Fug und Recht als „Geburtshaus der Körperpsychotherapie“ bezeichnen.

Foto: A. Peglau

Schon 1929 hatte Reich begriffen, „daß der Ausgangskonflikt der seelischen Erkrankung […] sich in Form der muskulären Störung physiologisch strukturell verankert“. Seitdem richtete er sein Augenmerk zusätzlich zum verbalen auf den körpersprachlichen Ausdruck von Gefühlen und Gedanken. In Berlin bezog er dies systematischer in die Behandlung ein. Das spiegelt eine von ihm 1931 mitgeteilte Fallgeschichte wider.
Reich schrieb: „Es war zunächst nicht leicht, den Patienten dazu zu bewegen, das trotzige Agieren der Kindheit zu reaktivieren. […] Ein vornehmer Mensch […] kann doch derartiges nicht tun.“ Reich „versuchte es zuerst mit der Deutung, stieß aber auf völliges Ignorieren“ seiner Bemühungen. „Nun begann“ er, „den Patienten nachzuahmen.“ Dadurch verunsichert, wohl auch verärgert, reagierte dieser – Zitat:

„mit einem unwillkürlichen Aufstrampeln. Ich ergriff die Gelegenheit und forderte ihn auf, sich völlig gehen zu lassen. Er begriff zuerst nicht, wie man ihn zu derartigem auffordern könne, aber schließlich begann er mit immer mehr Mut, sich auf dem Sofa hin und her zu werfen, um dann zu affektivem Trotzschreien und Hervorbrüllen unartikulierter, tierähnlicher Laute überzugehen. Ganz besonders stark wurde ein derartiger Anfall, als ich ihm einmal sagte, seine Verteidigung seines Vaters sei nur eine Maskierung seines maßlosen Hasses gegen ihn. Ich zögerte auch nicht, diesem Haß ein Stück rationaler Berechtigung zuzubilligen. Seine Aktionen begannen nunmehr, einen unheimlichen Charakter anzunehmen. Er brüllte derart, daß die Leute im Hause ängstlich zu werden begannen. Das konnte uns nicht stören, denn wir wußten, daß er nur auf diese Weise seine kindliche Neurose voll, affektiv, nicht nur erinnerungsmäßig, wiedererleben konnte“.

Zitat Ende. Reich wurde bei diesem – für Freud undenkbaren – Vorgehen in ungeahnter Intensität mit der Destruktivität konfrontiert, die seine Patienten normalerweise hinter einer angepassten, höflichen Maske verbargen. Entsprach man ihren neurotischen Erwartungen nicht, unterstützte sie stattdessen dabei, ihre nun aufsteigenden Gefühle zu zeigen, brach sich oftmals seit der Kindheit gestauter Hass auf unterdrückende Autoritäten Bahn – in Gedanken, Worten, Gefühlen und Körpersprache. Reich entdeckte somit einen spezifisch körperpsychotherapeutischen, dem rein psychoanalytischen klar überlegenen Zugang zum Verständnis destruktiven Verhaltens – von dem das faschistische ja nur eine Spielart ist.

Aufgestauten Hass erkannte Reich jetzt auch auf den Straßen Berlins wieder – rationalisiert und kanalisiert durch Parteiideologien und ‑organisationen. Und das nicht etwa nur bei „Rechten“. So sah er die braunen Kolonnen der SA durch Berlin marschieren und registrierte: „Sie unterschieden sich in Haltung, Ausdruck und Gesang nicht von den kommunistischen Rotfrontkämpferabteilungen.“ Zudem stammten die SA- und NSDAP-Mitglieder vielfach aus denselben, meist proletarischen Verhältnissen wie ihre kommunistischen Kontrahenten. Wie war das möglich, obwohl die Arbeiterklasse doch nahezu zwangsläufig auf der Seite des gesellschaftlichen Fortschritts zu stehen hatte? Wie konnte Hitler, entgegen allen angeblich objektiven marxistischen Entwicklungsgesetzen, seinen Siegeszug antreten?
Reichs Antworten finden sich in dem 1933 veröffentlichten Buch „Massenpsychologie des Faschismus“. Es gehört zu den wichtigsten psychoanalytischen Büchern, die je erschienen sind: Höhe- und für lange Zeit auch nahezu Endpunkt sozialkritischer Psychoanalyse. Es war auch die erste Veröffentlichung dessen, was heute Rechtsextremismusforschung genannt wird. Ohne seine körperpsychotherapeutischen Erfahrungen hätte Reichs es nicht schreiben können.

Viele Thesen der „Massenpsychologie“ sind niemals veraltet. Doch seit 2014 ist ihre Brisanz gestiegen.
Im Mai 2014 erbrachte die Europawahl massive Stimmengewinne für „rechte“ Parteien in Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Griechenland, Österreich und Ungarn. Hierzulande mobilisierten bald darauf die „Patriotischen Europäer gegen eine Islamisierung des Abendlandes“, abgekürzt PEGIDA, zehntausende Menschen und die rechtslastige Partei AfD – die „Alternative für Deutschland“ – hatte erste Wahlerfolge.

2015 kam es in der BRD zu über 1000 Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte. 2016 folgte der Wahlsieg des vielfach ebenfalls als „Rechtspopulist“ eingestuften Donald Trump in den USA. 2017 zog die AfD in den deutschen Bundestag ein. In Österreich kam eine Regierung zustande aus Österreichischer Volkspartei und rechtspopulistischer FPÖ, wobei die FPÖ sowohl das Außenministerium übernahm wie auch die Führung von Armee und Polizei. Zwar hatte es bereits 17 Jahre zuvor eine solche Koalition gegeben. Doch das Journal Spiegel.online vermerkte einen wesentlichen Unterschied:

„Erleichtert nimmt man in Wien zur Kenntnis, dass ein Aufschrei im Ausland (…) ausbleibt – anders als im Jahr 2000, als das erste ÖVP-FPÖ-Bündnis zustande kam. Damals belegten die EU-Staaten Österreich mit Sanktionen. Heute weiß man, dass Europa insgesamt nach rechts gerückt ist und dass in mehreren EU-Staaten Rechtspopulisten mitregieren. Österreich steht nicht mehr allein da.

Wie wichtig es ist, Reichs Erkenntnisse in das Verständnis dieser Vorgänge einzubeziehen, belegen bisherige Antworten auf die Frage: „Was ist der Grund für diesen Rechtsruck?“

Noch im Mai 2014 waren von der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladene Experten mit diesem Thema befasst. Zur Situation in Frankreich mutmaßten sie als Hintergrund: „Die sozial schwachen Bevölkerungsschichten sind verunsichert.“ In Griechenland habe sich die rechtsradikale Partei „Goldene Morgenröte“ erfolgreich das Thema der zunehmenden „Immigration zu eigen gemacht“. In Ungarn sei der Grund „die anhaltend schlechte wirtschaftliche Situation“. Im Juni 2014 fanden Vertreter der antifaschistischen Widerstandskämpfer-Föderation folgende Begründungen: „Arbeitslosigkeit“, ungenügende Gegenwehr der Arbeiterklasse, Unterstützung sozialdemokratischer Parteien für „das internationale Kapital“.
2015 erklärten erneut von der Ebert-Stiftung geladene Experten den „Rechtsruck“ so: Menschen suchten nach „einfachen Lösungen“ und würden bei „rechten“ Parteien fündig. Dass der französische Front National „rassistische Stereotype“ nutze, vergrößere seine Popularität. Die wachsende Unterstützung für die „rechte“ ungarische Partei Jobbik hänge damit zusammen, dass diese auf aggressive Symbolsprache verzichte zugunsten leutseliger Selbstdarstellungen von Jobbik-Chef Gábor Vona „mit einem Hündchen auf dem Schoß“. 

All das ähnelt verblüffend jenen hilflosen Deutungsversuchen, die schon Wilhelm Reich 1933 in der „Massenpsychologie“ beschrieben hatte. Zitat:

„Die Kommunisten erklärten z.B. die Machtergreifung durch den Faschismus aus der illusionären, irreführenden Politik der Sozialdemokratie. Diese Erklärung führt im Grunde in eine Sackgasse, denn es ist ja eben die Funktion der Sozialdemokratie, als objektive Stütze des Kapitals, Illusionen zu verbreiten. […] Ebenso unproduktiv ist die Erklärung, die politische Reaktion hätte in Gestalt des Faschismus die Massen ›vernebelt‹, ›verführt‹ und ›hypnotisiert‹. Das ist und bleibt die Funktion des Faschismus, solange er existiert. […] Liegt nicht nahe, zu fragen, was in den Massen vorgeht, dass sie diese Rolle nicht erkennen wollten und konnten? […]
Die Grundfrage ist: Warum lassen sich die Arbeiter politisch beschwindeln? Sie hatten alle Möglichkeiten, die Propaganda der verschiedenen Parteien zu kontrollieren. Warum entdeckten sie nicht etwa, dass Hitler den Arbeitern Enteignung des Besitzes an Produktionsmitteln und den Kapitalisten Schutz vor Streiks gleichzeitig versprach?“

Weshalb, lässt sich also in Anlehnung an Reich auch heute fragen, suchen Menschen nach vermeintlich „einfachen“, tatsächlich aber durchschaubar falschen Lösungen?
Weswegen macht Arbeitslosigkeit und Existenzunsicherheit reaktionär – statt revolutionär?
Warum hat sich die Arbeiterklasse auch 2014 „nicht genügend gewehrt“ – und unterlässt das bis heute?
Wieso erzeugt zunehmende Immigration chauvinistische Ausgrenzung statt Solidarisierung, zum Beispiel im Kampf gegen die tatsächlichen Verursacher jener Kriege und jener Verelendung, die maßgeblich diese Immigration auslösen?
Warum fallen Menschen reihenweise auf rassistische Stereotype herein?
Was muss in ihnen vorgehen, dass sie positiv auf Bilder „rechter“ Parteiführer „mit einem Hündchen auf dem Schoß“ reagieren?

Keine der „klassischen“ Faschismusdefinitionen und keiner der hier zitierten Erklärungsversuche geben darauf Antwort. Gibt es also eine andere Basis „rechter“ Entwicklungen, die zu den genannten Faktoren noch hinzukommen muss, damit sie diesen Effekt erzielen?

Diese Frage hat sich auch Reich 1933 gestellt. Seine Antworten setzen an bei der Art und Weise, wie Kinder im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik erzogen wurden.

Das Kind durchlaufe zunächst „den autoritären Miniaturstaat der Familie, […] um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein“. Insbesondere die „moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit“ – die in der Familie beginne, von der Kirche und ihren sexualfeindlich-patriarchalischen Mythen bekräftigt werde – mache, so Reich, „ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, im bürgerlichen Sinne brav und erziehbar“.
Die durch unterdrückende Erziehung entstehende Wut, die nicht gegen die Erzieher gerichtet werden darf, staue sich an und mache so gesunde Aggressionsbereitschaft zu Zerstörungswillen. Dieser suche nach Ersatzventilen und Sündenböcken: Der autoritäre Charakter mit seinem Nach-oben-Buckeln und Nach-unten-Treten ist komplett.
Dieser Prozess verändere „den wirtschaftlich unterdrückten Menschen“ so, dass er gegen sein eigenes „Interesse handelt, fühlt und denkt“. Je „hilfloser das Massenindividuum aufgrund seiner Erziehung“, desto intensiver werde zudem der Wunsch nach einem – autoritären – Ersatzvater. Doch „[n]ur dann, wenn die [psychische] Struktur einer Führerpersönlichkeit mit massenindividuellen Strukturen breiter Kreise zusammenklingt, kann ein ›Führer‹ Geschichte machen“.
Das traf in Deutschland um 1930 für niemanden so sehr zu wie für Adolf Hitler. Die „kleinbürgerliche Herkunft“ von dessen Ideen deckte sich in den Hauptzügen „mit dem massenpsychologischen Milieu der Strukturen, die diese Ideen bereitwillig aufnehmen“. Dass die nationalsozialistische „Massenorganisierung gelang“, lag daher „an den Massen und nicht an Hitler“.

Da die faschistische Bewegung ihren Erfolg also maßgeblich psychischen Konstellationen verdanke, die seit Generationen erzeugten würden, genüge die Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht, um den Faschismus aus der Welt zu schaffen. Letztlich sei es das Patriarchat und dessen autoritär-gefühlsunterdrückende Sozialisation, die bekämpft werden müssten.

Aber gilt das, was Reich damals beschrieben hat, noch heute? Inwieweit leben wir, gemessen an den Faktoren, die Reich für „rechte“ Entwicklungen mitverantwortlich machte – Destruktivität erzeugende Kirchen und Kleinfamilien, Sexualunterdrückung, Patriarchat, Kapitalismus – unter ähnlichen Umständen?

Ich werde mich in meinen knappen Mitteilungen dazu auf Deutschland beschränken, gehe allerdings davon aus, dass Ähnliches auch auf Verhältnisse in anderen Ländern zutrifft. Dass es jedoch schon in Europa bedeutsame Unterschiede gibt, zumindest bezüglich der politischen Auswirkungen, zeigen die Entwicklungen in Spanien und Portugal. Vielleicht können wir das im Anschluss in unserer Diskussion vertiefen.

Nun also zunächst zur Rolle der – deutschen – Kirchen. Sie beeinflussen heute politische Trends deutlich weniger als vor 100 Jahren. Solange der Staat ihnen zusätzlich zur Kirchensteuer jedes Jahr 460 Millionen Euro zukommen lässt – egal, wie viele Gläubige ihnen noch angehören –, solange der nahezu flächendeckende christliche Religionsunterricht installiert bleibt und mehr als die Hälfte der Deutschen zumindest formal „kirchlich“ gebunden sind, solange wirken Kirchen dennoch weiter vielfach auf Selbst- und Weltbilder ein. Und das eben nicht nur im Sinne von Nächstenliebe und Friedenserhalt.
Die katholische Kirche hat schon aufgrund ihrer Haltung zu Verhütung, vor- oder außerehelichem Sex, Homosexualität und Zölibat weiterhin eine gefühls- und sexualunterdrückende, damit destruktiv machende Wirkung – was der in ihren Institutionen grassierende sexuelle Missbrauch belegt.
2014 bekräftigten Äußerungen des Militärbischofs Sigurd Rink: Auch in der einst stark pazifistisch engagierten evangelischen Kirche wächst die Befürwortung der Triade aus Rüstungsexporten, Kriegseinsätzen und außenpolitischer Aggressionsbereitschaft.
Dass christliche Haltungen nicht vor „rechtem“ Gedankengut schützen, wiesen 2016 einmal mehr Befragungen nach: In Bezug auf rechtsextreme Einstellungen „erreichen die Konfessionslosen die niedrigsten und die Katholiken die höchsten Werte“, Mitglieder der evangelischen Kirche lagen dazwischen. 

Die Verhältnisse in deutschen Kleinfamilien sind mittlerweile zwar weit weniger restriktiv als am Vorabend des „Dritten Reiches“. Noch bis 1998 galt jedoch in der BRD das „Züchtigungsrecht“, also die elterliche Misshandlungserlaubnis. Erst im Jahr 2000 nahm der Bundestag endlich den Passus ins Bürgerliche Gesetzbuch auf: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Laut Kinderschutzbund Deutschland sterben jede Woche in der BRD trotzdem drei Kinder durch Misshandlung oder Vernachlässigung. Schwere Vernachlässigung durchleben zehn Prozent der Kinder, leichtere Formen von Vernachlässigung 50%. Emotional misshandelt werden 17%, körperlich 15% – ebenso viele erleiden sexuellen Missbrauch, zwei Prozent von ihnen in schwerer Form.

Dennoch ist, im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Ausmaß an offener Sexualunterdrückung in Deutschland geringer. Aber schon eine durch Werbung, Pornoindustrie und Prostitution permanent vermarktete Sexualität steht einem tatsächlich frei oder gesund zu nennenden Sexualleben diametral entgegen. Bei einer 2014 veröffentlichten EU-Studie gaben 12% aller Frauen an, vor ihrem 15. Lebensjahr sexueller Belästigung oder Missbrauch durch Erwachsene ausgesetzt gewesen zu sein, 33%, seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlitten zu haben, fünf Prozent, vergewaltigt worden zu sein.
Deutschland schnitt bei dieser Studie schlechter ab als der Durchschnitt europäischer Länder.

Auch patriarchale Züge sind der BRD weiterhin zu bescheinigen. Wir profitieren wirtschaftlich von Frauen- und Kinderarbeit in streng patriarchal strukturierten Ländern wie Indien. Jährlich kommen tausende Frauen in unser Land, die im schlimmsten Fall als Zwangsprostituierte körperlich und seelisch zugrunde gerichtet werden, im günstigeren Fall als „Care-Migrantinnen“ unter Bedingungen arbeiten, die oftmals als „moderne Sklaverei“ klassifiziert werden können. Aber auch alteingesessene BRD-Bürgerinnen erhalten im Durchschnitt acht Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen, tragen, da sie weit mehr als Männer schlechtbezahlte Jobs mit geringerer Wochenarbeitszeit ausüben, 22% weniger Bruttolohn nach Hause.

Dass wir in einem kapitalistischen System leben, ist so klar, dass ich es hier nicht näher erläutern will. Reich hat immer wieder darauf verwiesen, dass sich gesunde psychosoziale Verhältnisse in Klassengesellschaften nicht herstellen lassen. Entfremdete Arbeit, Ausbeutung, ungerechte Verteilung von Geld, Besitz und Lebensgestaltungsmöglichkeiten sowie permanente Unterordnung und Abhängigkeit in der Arbeitssphäre führen zur Vertiefung in der Kindheit angelegter seelischer Deformationen.
Der im Kern selbst ausgesprochen „rechte“ Neoliberalismus spitzt all dies gegenwärtig zu.

Davon zeugt auch die Tatsache, dass mindestens ein Drittel der EU-Bevölkerung im Alter von 18 bis 65 Jahren – im Mittel etwa 83 Millionen Menschen – laut langjähriger Untersuchungen von jenen psychischen Problemen betroffen sind, auf deren Aufzählung sich die offiziellen Krankheitskataloge wie der ICD 10 beschränken, allen voran depressive und Angststörungen. Nahezu jeder zweite Betroffene hat mehr als eine solche Diagnose. Das gilt auch für Deutschland, wo mehr als 10% der Bevölkerung sogar „vier oder mehr Diagnosen erhalten“.

Nehmen wir im Gegensatz zum ICD 10 die sich unter anderem in rechtsextremen Einstellungen zeigenden destruktiv-autoritären Charakterorientierungen als Symptome seelischer Gestörtheit hinzu, ist klar: Wir leben nach wie vor in einer Gesellschaft, wie sie schon Erich Fromm 1955 mit Fug und Recht als „krank“ bezeichnet hat.

Wie krank unsere Gesellschaft gerade in letzterem Sinne ist, zeigen soziologische Erhebungen.

Seit 2002 befasst sich eine Leipziger Forschergruppe um Oliver Decker und Elmar Brähler mit rechtsextremen Einstellungen in der „Mitte“ der deutschen Bevölkerung. Sämtliche dieser „Mitte“-Studien weisen „rechtes“ Gedankengut bei Anhängern des gesamten Parteienspektrums nach. 2016 sah die Aufteilung so aus: Mehr als 6% der CDU/CSU-Wähler und fast 7% der SPD-Wähler hatten ausgeprägte rechtsextreme Einstellungen. Aber dasselbe traf auch zu für knapp 4% der Grünen- und mehr als 4% der „Links“-Wähler. Bei der AfD konzentrierte sich nun der bei Weitem größte Anteil dieses Potentials: Im Durchschnitt hatte ein Viertel ihrer Wähler rechtsextreme Einstellungen. Auch bei den Nichtwählern waren es immerhin 12%.

Zu einem „geschlossenen rechtsextremen Weltbild“ bekannten sich 2016 fast fünfeinhalb % der Befragten. Das entspricht etwa vier Millionen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Aussagen wie den folgenden „überwiegend“ oder „voll und ganz“ zustimmen:

„Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.
Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen.
Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen.
Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.
Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.
Es gibt wertvolles und unwertes Leben.
Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden.“

Hinzu kommen weitaus mehr Menschen, die diese Aussagen als „teils/teils“ richtig beurteilen. 2014 waren das bis zu 22 Millionen Deutsche. Und: Eine noch weit höhere Zahl vertritt weitere fremdenfeindliche Positionen.
2016 pflichteten 50% islamfeindlichen Aussagen bei, fast 60% diffamierten Sinti und Roma. Etwa ebenso viele widersprachen der Aussage, die Asylsuchenden hätten „wirkliche Verfolgung erlitten“ oder seien „von ihr bedroht“. Mehr als 80% (!) lehnten die Forderung ab, „der Staat solle großzügig bei der Prüfung von Asylanträgen vorgehen“.
Einer der reichsten Staaten der Erde, der sich leisten kann, den „oberen Zehntausend“ permanent Millionengeschenke zu machen, soll also im Umgang mit dieser Menschengruppe auf „Großzügigkeit“ verzichten, damit auf eine zutiefst wünschenswerte Haltung, die ja nichts zu tun hat mit Verschwendung! Das sagen vier Fünftel von uns.

„Autoritäre Aggression“, das Nach-unten-treten-Wollen des autoritären Charakters, identifizierten die „Mitte“-Studien 2016 bei 67% der deutschen Bevölkerung – das sind mehr als 48 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Die „autoritäre Unterwürfigkeit“, das Nach-oben-Buckeln, das diesen Typus komplettiert, stieg auf 23%: mehr als 16 Millionen.
Auch diese Einstellungen ziehen sich, in unterschiedlicher Stärke, durch die Wählergruppen aller Parteien.

Doch auch wer, egal welche Partei er wählt, seine Kinder unterdrückt oder schlägt – beides ja keine Seltenheit –, lässt die „autoritäre Aggression“ nur an anderen sozial Schwächeren aus als an Asylbewerbern. Autoritäre Aggression dürfte ebenfalls der Hintergrund dafür sein, dass fast die Hälfte aller deutschen Erwachsenen 2016 meinten, „die meisten Langzeitarbeitslosen“ würden sich nur „auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen“.
Auch wer eine „Willkommenskultur“ für Flüchtlinge pflegt, aber zu den 40% der Bevölkerung gehört, die es „ekelhaft“ finden, „wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen“, hat sich für seine Wut womöglich nur andere „fremd“ erscheinende Menschen als Zielscheibe auserkoren.
Wobei die Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen – nahezu eine „rechte“ Tradition – erneut nicht an einzelne Parteien gebunden ist. Die Ablehnung der homosexuellen Ehe war 2016 unter CDU/CSU-Wählern mit 43% sogar noch etwas höher als in der AfD; sie kennzeichnete aber auch bei den „Grünen“ immerhin noch fast 20%.
Die AfD abzulehnen ist also keinesfalls identisch damit, kein seelisches Potential in sich zu tragen, auf das „rechte“ Bewegungen zurückgreifen können.

Es geht also um eine gesamtgesellschaftliche Störung – die weder an Landes- noch an Parteigrenzen endet.
Daher wäre es naiv, „rechte“ Gruppierungen, Bewegungen oder Parteien als Vertreter von Minderheiten zu sehen. Sie repräsentieren tradierte psychosoziale Strukturen, die weit über den Kreis ihrer Mitglieder und Wähler hinaus verbreitet sind. „Rechte“ Parteigänger sind nur die Spitze des Eisbergs, „Symptomträger“ einer psychosozialen Störung, mit der unzählige andere, sich als demokratisch, liberal, „grün“ oder „links“ Verstehende ebenfalls „infiziert“ wurden. Ähnlich einer Seuche können diese Symptome – zum Beispiel infolge von Wirtschaftskrisen – rasant um sich greifen. Die zuvor als kulturell hochstehend angesehenen Deutschen haben es in den 1930er Jahren vorgemacht.
Verbote „rechter“ Parteien können das Übel darum niemals an der Wurzel packen: Die massenhafte Destruktivität sucht sich nur neue Formen und Namen.

Dass vier Fünftel der Deutschen die großzügige Bearbeitung von Asylanträgen ablehnen, heißt auch, nur ein Fünftel sieht das anders. Schon das ist eine klare Minderheit. Aus den Befragungen geht zudem nicht hervor, dass jene, die hier Großzügigkeit befürworten, keines der anderen Vorurteile gegenüber Flüchtlingen hegen, dass sie keine Ressentiments in Bezug auf Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Arbeitslose, Arme oder andere, von ihnen als „fremd“ eingestufte Menschengruppen oder in Bezug auf Frauen haben. Anzunehmen ist deshalb, dass die Zahl derer, die tatsächlich frei sind von all dem, äußerst gering ist.

Wilhelm Reich schrieb 1946, in der dritten Auflage der „Massenpsychologie“:

„Man kann den faschistischen Amokläufer nicht unschädlich machen, wenn man ihn, je nach politischer Konjunktur, nur im Deutschen oder Italiener und nicht auch im Amerikaner und Chinesen sucht; wenn man ihn nicht in sich selbst aufspürt, wenn man nicht die sozialen Institutionen kennt, die ihn täglich ausbrüten.“

Das ließe sich so aktualisieren: „Man kann den faschistischen Amokläufer nicht unschädlich machen, wenn man ihn […] nur im Deutschen oder Italiener“ vermutet – oder nur bei Rechten, in AfD und PEGIDA. Diesem „Amokläufer“ kann nur dann erfolgreich entgegengewirkt werden, wenn er „auch im Amerikaner und Chinesen“ identifiziert wird – sowie bei Demokraten, Christen, Liberalen, Grünen und Linken, „wenn man ihn […] in sich selbst aufspürt, wenn man […] die sozialen Institutionen kennt, die ihn täglich ausbrüten“.

Und, will ich ergänzen: Wenn man diese Institutionen bekämpft. Autoritär-gefühlsunterdrückende Sozialisation ist zwar keine hinreichende Bedingung für faschistoide Entartungen, aber eine notwendige Voraussetzung dafür. Wir haben es hier mit der vermutlich wichtigsten Bedingung für das Zustandekommen destruktiver sozialer Systeme zu tun. Könnten wir dafür sorgen, dass diese Art von Sozialisation nicht mehr stattfindet, gäbe es auch diese Systeme nicht mehr. Psychisch gesunde Menschen wollen und ertragen keine Unterdrückung, erst recht nicht, wenn sie so brutal ausgeübt wird wie im Faschismus. Kein destruktives soziales System ohne destruktive Menschen! 

Die aktuellen „Rechts“-Trends in Deutschland, Europa und wohl auch in den USA lassen sich auf folgenden Nenner bringen: Der immer aggressiver agierende neoliberale Kapitalismus reißt die ohnehin dünnen Wände ein, hinter denen das nie verstandene geschweige denn ausgeheilte, massenhafte Destruktionspotential lauerte.

In Deutschland wurden die seelischen Deformationen, die Kaiserreich, Faschismus und Krieg hinterließen, nach 1945 niemals wirklich aufgearbeitet, die alten charakterlichen Prägungen in Ost wie West nur abgeschwächt weitergegeben. Auch das Ende des „realen Sozialismus“ führte nicht dazu, die Vergangenheitsaufarbeitung nachzuholen. Im Gegenteil: Unter der einseitigen Verteufelung der DDR und der ebenso einseitigen Idealisierung der BRD versank die Realität noch tiefer.

Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems dürfte das weitgehend in der Ost-West-Systemkonfrontation gebundene Destruktionspotential durch eine damals noch glaubwürdiger erscheinende westliche Demokratie, durch den relativ hohen, für viele relativ sicher zu erlangenden Wohlstand und durch Hoffnungen auf positive Entwicklungen am Ausbruch gehindert worden sein.

Doch diese Hoffnungen wurden enttäuscht. Seit 1990 nahm die Kriegsgefahr nicht ab, sondern zu. Kriege fanden und finden inzwischen sogar „vor der Haustür“ statt. Der Wohlstand war, wie sich erwies, nur ein Pflaster auf einer weiter schwärenden Wunde. Armut und Existenzunsicherheit der Massen stiegen zusammen mit den Profiten und der Arroganz der Reichen und Mächtigen. Dass Letztere tatsächlich weitgehend darüber entscheiden, in welchem – geringen – Umfang es in der Bundesrepublik demokratisch zugehen darf, wurde überdeutlich. Seit 2015 lässt sich die Schuld für die durch all das ausgelösten Negativtrends auf Flüchtlinge projizieren. So kam es zur erneuten Konjunktur „rechter“ Ideologien.

Doch was können wir, jede und jeder Einzelne von uns, dazu beitragen, dass dieser Rechtsruck rückgängig gemacht wird?

1934 brachte Wilhelm Reich seine Erkenntnisse über psychosoziale Zusammenhänge so auf den Punkt:

„Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“

Als wesentliche Punkte, von denen aus die „Struktur der Menschen“ konstruktiv beeinflusst werden kann, arbeitete Wilhelm Reich neben Anderem die Lebensumstände von Schwangeren heraus, die Art des Geborenwerdens (natürliche statt medizinalisierter Geburt), nichtautoritäre Erziehung und Bildung, erfüllende Sexualität und Partnerschaft, Psycho- bzw. Körperpsychotherapie.

In den 1980er Jahren entwickelte der DDR-Psychotherapeut und Körperpsychotherapeut Hans-Joachim Maaz diese Ansätze zum Konzept einer „therapeutischen Kultur“ weiter, das er in die politischen Umbrüche der Jahre 1989/90 einbrachte. Erwachsene sollten, so die die dahinterstehende Idee, an ihren psychischen und psychosomatischen Störungen arbeiten und dafür sorgen, dass ihren Kindern und Enkeln diese Störungen erspart bleiben. Zu den zweifellos notwendigen Umwälzungen auf politischem und wirtschaftlichen Gebiet muss eine psychosoziale Revolution hinzukommen!

Gerade Therapeuten und Therapeutinnen, die sich bemühen, ganzheitlich zu arbeiten, die Seele, Körper, Energie, Beziehung, Lebensgeschichte, familiäre und gesellschaftliche Faktoren in ihre Behandlung integrieren – wie es Wilhelm Reich ab 1930 hier in Berlin ebenfalls tat – haben diesbezüglich eine spezifische Verantwortung.
Sie sind immer wieder mit den massenhaft verbreiteten Störungen konfrontiert, ohne die es keinen Faschismus und keinen Rechtsruck geben könnte, erfahren, was diese Störungen verursacht hat und was sie unterhält. Und sie erleben, wie diese Störungen geheilt oder zumindest gelindert werden können.
Mit dem Wissen über diese Zusammenhänge an die Öffentlichkeit zu gehen, das ist seit 2014 noch weit dringender geworden, als es ohnehin schon war.

 

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