von Andreas Peglau
Im Jahr 2024 habe ich eine lange aufgeschobene Herausforderung angenommen. Während meines 1976 begonnenen Psychologie-Studiums an der Humboldt Universität war ich enttäuscht von dem, was mir als „marxistische Psychologie“ vermittelt wurde. Die Psychoanalyse dagegen begeisterte mich. Von deren Verbindung, von „Marx plus Freud“ erhoffte ich mir den notwendigen Fortschritt hin zu einer wirklich umfassenden Weltanschauung.
Meine freilich schon damals kritische Sicht auf Freuds Menschen- und Gesellschaftsbild erhielt in der Folgezeit reichlich Nahrung. Was den Marxismus betrifft, erzwangen DDR-Zusammenbruch und -Anschluss ebenfalls Neubewertungen. Doch noch lange Zeit akzeptierte ich die von vielen „Linken“ vertretene These, wir im Osten hätten Marx und Engels nur falsch ausgelegt. Das enthielt ja immerhin die frohe Botschaft, in der ursprünglichen Lehre warteten also doch die wesentlichen Antworten.
Obwohl ich auch daran allmählich zweifelte, bin ich dem nie konsequent nachgegangen. So genau wollte ich die Grenzen jener Weltanschauung nicht ausloten, die mir in meiner ersten Lebenshälfte – ich wurde 1957 geboren in Berlin, Hauptstadt der DDR – Halt und Orientierung gegeben hatten.
Warum habe ich das jetzt nachgeholt?
Weil der US-geführte „Westen“ für den Erhalt seiner Macht den gesamten Planeten aufs Spiel setzt, weil die „bürgerliche Ordnung“ der BRD kollabiert – und damit die Notwendigkeit wächst, Alternativen zu finden zum lebensfeindlichen System des neoliberalen Kapitalismus. Was ich zeigen möchte, ist: Im Marxismus werden wir diese Alternativen nicht finden. Aber: Wir werden sie auch nicht finden, wenn wir ignorieren, was in der Lehre von Marx und Engels an tatsächlichen Erkenntnissen enthalten ist.
Ohne (tiefen)psychologisches Wissen, ohne Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Erich Fromm funktioniert es ebenfalls nicht. Doch das für eine ganzheitliche Anschauung von Welt und Menschen unerlässliche Wissen schöpft sich aus zu vielen Quellen, als dass es sich einzwängen ließe in den Begriff eines „Freudo-Marxismus“.
Der erste und mit Abstand längste der drei folgenden Texte ist eine Auseinandersetzung mit dem, was ich als Kardinalfehler von Marx betrachte: das Ausklammern der Psyche. Weder Marx noch die diversen Marxismen bieten ein haltbares, wissenschaftlich fundiertes Menschenbild. Wie sollten sie da in der Lage sein, Geschichte und Gegenwart angemessen zu analysieren, geschweige denn, schlüssige Zukunftsvisionen zu entwickeln?
Im zweiten Text geht es – ausgelöst von der wieder einmal brisanten Frage, ob „Kriegstüchtigkeit“ zu unserer Natur gehört – genau um dieses Menschenbild. Ergebnis: Von unseren Anlagen her sind wir friedensfähige und friedliebende Wesen.
Im dritten und letzten der Texte ziehe ich, anknüpfend an die beiden vorigen, daraus einen möglicherweise überraschenden Schluss. Wenn wir mit guten Anlagen auf die Welt kommen, müssen wir nur eines tun: dafür sorgen, dass sich diese Anlagen entfalten. Dann werden wir unweigerlich ein diesen Anlagen gemäßes, also ebenfalls gutes, Gemeinwesen errichten. Wer und was sollten uns dann noch daran hindern?
Die Texte wurden 2024, 2025 und 2026 auf meiner Webseite veröffentlicht. An einigen Stellen habe ich geringfügige Kürzungen vorgenommen, um inhaltliche Wiederholungen zu reduzieren. Ohne Redundanz wird es aber nicht abgehen. Auf den Seiten 76 und 77 ist ein Passus aus einem meiner Vorträge hinzugekommen. Aus den Fußnoten der Originalbeiträge sind nun Endnoten geworden.
Und, um es noch einmal zu sagen: Lasst uns keine Marionetten sein!
Andreas Peglau, Ostern 2026

