„Nacht und Träume werden Licht“. Über eine verdrängte Friedenshymne

von Andreas Peglau 

 

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Das übliche, staatlich, medial und „wissenschaftlich“ gestützte DDR-Verteufeln führt dazu, dass gleichzeitig eine Vielzahl bedeutender künstlerischer Leistungen mit in die Verdrängung gerissen werden. Das betrifft auch einen Text, der gerade heute wieder zu Gehör gebracht werden sollte.

Die Grundlage für diesen Text wurde vor mehr als 200 Jahren gelegt – von Ludwig van Beethoven.
Am 22. Dezember 1808 fand im Theater an der Wien ein legendäres Konzert mit Überlänge statt: um die vier Stunden. Beethoven leitete die Uraufführungen seiner fünften und sechsten Sinfonie (der „Schicksals-Sinfonie“ und der „Pastorale“), des Klavierkonzertes Nr. 4, einer Arie und von drei Sätzen seiner C-Dur-Messe. Doch damit nicht genug. Wie Pianist Carl Cerny berichtet, kam dem Meister „kurz vorher die Idee“, das musikalische Mammutereignis durch „ein glänzendes Schlußstück“ abzurunden. Aus einem Motiv, das er zur Vertonung eines Gedichts von Gottfried August Bürger entworfen hatte, kreierte Beethoven die „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester, op. 80“: ein knapp 20-minütiges Stück, das in manchen Momenten wie eine Vorwegnahme der berühmten „Neunten“ anmutet. Der Chor tritt allerdings erst vier Minuten vor Schluss in Erscheinung. Bei der Premiere saß der bereits unter Ertaubung leidende Komponist selbst am Klavier: sein letzter öffentlicher Auftritt als Virtuose. Die zu singenden Verse hatte – nach inhaltlichen Vorgaben Beethovens – der Dichter Christoph Kuffner beigesteuert. Wohl weil dies unter erheblichem Zeitdruck geschah, war Beethoven nicht besonders glücklich mit dessen Reimen.

Fast anderthalb Jahrhunderte später hatte Johannes R. Becher, Dichter der Nationalhymne der DDR, bald auch ihr erster Kulturminister, die Chance, es besser zu machen. Zu den „3. Weltfestspielen der Jugend und Studenten“, 1951 in Berlin, sollte die Chorphantasie mit neuem Text aufgeführt werden. Das Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinen über 65 Millionen Toten lag erst sechs Jahre zurück. Auch in der DDR-Hauptstadt waren noch längst nicht alle Trümmer beseitigt. Unter sowjetischer Besatzung hatte der Ostteil Deutschlands einen sozialistischen, antifaschistischen Weg eingeschlagen, der mit vielen Hoffnungen verbunden war. Die Weltfestspiele mit Teilnehmern aus über hundert Ländern und Ehrengästen wie den Schriftstellern Pablo Neruda und Martin Andersen Nexö boten die Möglichkeit, zu zeigen, wie weit man damit bislang gekommen war.

Schon der Vergleich der neuen ersten Zeilen mit dem Original zeigt, dass Becher Kuffners Vorleistung würdigte, jedoch – ohne propagandistisch zu werden – politischere Aussagen traf und Beethovens Werk so mit eigenständiger, zeitgemäßer Lyrik bereicherte. Auch in dem von mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten Jahr 1808 war der Wunsch nach Frieden präsent. In Bechers Neuschöpfung erhielt dieses Verlangen noch größere Dringlichkeit.

Christoph Kuffner:

Schmeichelnd hold und lieblich klingen
Unsers Lebens Harmonien,
Und dem Schönheitssinn entschwingen
Blumen sich, die ewig blühn.

Fried‘ und Freude gleiten freundlich
Wie der Wellen Wechselspiel;
Was sich drängte rauh und feindlich,
Ordnet sich zu Hochgefühl.

Wenn der Töne Zauber walten
Und des Wortes Weihe spricht,
Muß sich Herrliches gestalten,
Nacht und Stürme werden Licht.


Johannes R. Becher:

Seid gegrüßt, lasst euch empfangen
von des Friedens Melodien!
Unser Herz ist noch voll Bangen,
Wolken dicht am Himmel ziehn.

Aber neue Lieder tönen,
und der Jugend Tanz und Spiel
zeugt vom Wahren und vom Schönen,
ordnet sich zu hohem Ziel.

Wo sich Völker frei entfalten
und des Friedens Stimme spricht,
muss sich Herrliches gestalten,
Nacht und Träume werden Licht.

Meines Wissens gibt es nur zwei Einspielungen dieser Koproduktion Becher/ Beethoven, jeweils unter Mitwirkung des Leipziger Rundfunkchors: 1960 mit Günter Kootz (Klavier) und dem Gewandhausorchester Leipzig unter Franz Konwitschny sowie 1986 mit Herbert Kegel als Dirigent, Peter Rösel als Pianisten und der Dresdner Philharmonie. Beide Aufnahmen sind auf (gebrauchten) CDs erhältlich.

 

 

 

In meiner Lebensgeschichte hat die Chorphantasie ebenfalls eine Rolle gespielt. 1972 kam ich 15-jährig auf die EOS[i] „Carl von Ossietzky“ in Berlin-Pankow und dort in den Schulchor. Für das darauffolgende Jahr waren wieder Weltfestspiele in Berlin in Vorbereitung, diesmal die zehnten. Erneut sollte dabei die Chorphantasie mit Bechers Text erklingen, gesungen von einem mehrere hundert Menschen umfassenden Chor. Ein halbes Jahr lang übten wir für diese Darbietung, montags im Schulchor, während der Winterferien in einem „Chorlager“ im erzgebirgischen Sayda, dann in einer größeren Gruppe in der Berliner Händel-Schule, schließlich alle gemeinsam in der Werner-Seelenbinder-Halle, tagelang. Dieses Mittendrin-Sein in einem so intensiven, vielstimmigen, voluminösen Klang werde ich nie vergessen.
Aufregung und Vorfreude stiegen mit den Proben. Ende Juli 1973 begannen die Weltfestspiele. Mehr als 25.000 offizielle Teilnehmer und etwa acht Millionen Gäste besuchten in dieser Zeit die DDR-Hauptstadt. Und wir erfuhren, dass wir umsonst geübt und gefiebert hatten: Um auf Nummer Sicher zu gehen, war die Chorphantasie inzwischen vom – sehr viel professionelleren – Jugendrundfunkchor Wernigerode aufgenommen worden. Während dann bei unserem „großen Auftritt“ das Playback lief, standen wir alle da und machten die Münder auf und zu wie Fische auf dem Trockenen. In meine pauschale DDR-Identifikation kamen erste, noch gut zu kittende Risse.

Die Faszination, welche die Chorphantasie auf mich ausübte, hat unter dieser heftigen Enttäuschung nicht gelitten. Heute wäre ich erst recht froh, wenn dieses Stück wieder aufgeführt würde – mit Bechers Versen. Diejenigen, die sich hierzulande gegen Kriegshetze und -vorbereitung auflehnen, könnten seiner Poesie etwas abgewinnen – und sich erinnern, dass die damaligen Erwartungen anhaltenden Friedens ihre Basis hatten in einem nicht-kapitalistischen Neustart der Gesellschaft.
Bechers Text endet so:

Großes, das uns je gelungen,
blüht im neuen Glanz empor.
„Friede, Friede ist errungen“,
jubelt laut der Menschheit Chor.

Nehmt denn hin, ihr lieben Freunde,
froh die Gaben schöner Kunst.
Wenn sich Geist und Kraft vereinen,
winkt uns ew`gen Friedens Gunst.

***


Weitere Informationen zur Chorphantasie:

https://de.wikipedia.org/wiki/Fantasie_f%C3%BCr_Klavier,_Chor_und_Orchester

https://www.musikzeitung.ch/author/admin/page/66 (runterscrollen bis „Die ‚Kleine Neunte'“)

https://www.johannes-kantorei.de/was-wir-sangen/l-v-beethoven-chorfantasie/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/beethovens-klavierfantasie-op-77-und-chorfantasie-op-100.html

Internetabfrage 1.2.26

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