von Andreas Peglau
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Hier lässt sich der Text in 10 Teilen online lesen:
Teil 1: Ausgangspunkte, Max Stirner und „Deutsche Ideologie“
Teil 3: Individuelle Spielräume, Friedrich Engels, Robert Owen
Teil 4: Die Lage der arbeitenden Klasse, leere Köpfe und menschenschaffende Arbeit
Teil 5: Was ist „Kapital“? / Das beseelte Ungeheuer
Teil 6: Fremde Wesen, seelische Zustände und „soziale Naturgesetze“
Teil 7: Fragwürdige Vor- und Rückschau, Wunschdenken
Teil 8: Von Immanuel Kant bis Kinderarbeit
Teil 9: Vulgärpsychologie, halbherzige Abschwächungen und Bilanz
Teil 10: Alternative Gedankenwege – eine Diskussionsanregung
Seit 20. März 2026 hat dieser Text eine Fortsetzung:
Menschen sind KEINE Marionetten! Eine Utopie, die über Karl Marx hinausgeht – und deren Verwirklichung heute Abend beginnen kann
*
Ausgangspunkte
Heute, da der US-geführte „Westen“ in Kauf nimmt, den gesamten Planeten für den Erhalt seiner „regelbasierten“ Hegemonie zu zerstören, besteht mehr denn je die Notwendigkeit, Alternativen zu finden zu verantwortungsloser Profit- und Machtgier, Kriegstreiberei und Lebensfeindlichkeit.
Als eine solche Alternative verstand sich der in mehreren Ländern zumindest in Ansätzen praktisch erprobte Sozialismus. Dessen wichtigster theoretischer Ansatzpunkt war die – im Rahmen des „Marxismus-Leninismus“ oft verzerrt dargebotene – Lehre von Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895). Der „reale Sozialismus“ wurde frühzeitig insbesondere durch den Staatsterror unter Stalin, später unter Mao Tse Tung und Pol Pot massiv diskreditiert, brach um 1990 zusammen. Seither gelten derartige Konzepte meist als dauerhaft entwertet und Kapitalismus als alternativlos.
Schon weil Marx und Engels sinnvollerweise gar nicht erst versucht haben, Programme für künftige Gesellschaften abzufassen, ist es falsch, ihnen deren Misslingen anzulasten. Am Staatsterror tragen sie ohnehin keine Verantwortung.
Wer bislang noch nicht weiß oder wissen wollte, dass auf kapitalistischer Ausbeutung beruhende Systeme ungerecht sind und daher „umgewälzt“ werden sollten, wer wichtige, diesen Systemen zugrundeliegende sozioökonomische Abhängigkeiten und Zusammenhänge verstehen will, wer sich für daraus abgeleitete Annahmen über frühere und künftige gesellschaftliche Ordnungen interessiert, der kann nach wie vor vieles Wertvolle schöpfen aus der Hinterlassenschaft von Marx und Engels.
Die Aktualität ihrer Sozialkritik dokumentieren allein schon diese im März 1848 für ein Flugblatt verfassten Forderungen:[1]
– eine unentgeldliche „Gerechtigkeitspflege“, also ein tatsächlicher, nicht nur für die Begüterten existierender Rechtsstaat,
– die Umwandlung aller „fürstlichen und andern feudalen Landgüter, alle[r] Bergwerke, Gruben usw. […] in Staatseigentum“,
– eine an „die Stelle aller Privatbanken“ tretende „Staatsbank“, die das „Kreditwesen im Interesse des ganzen Volkes zu regeln“ habe und „damit die Herrschaft der großen Geldmänner“ untergrabe,
– die Verstaatlichung aller „Transportmittel: Eisenbahnen, Kanäle, Dampfschiffe, Wege, Posten etc., die damit „der unbemittelten Klasse zur unentgeltlichen Verfügung gestellt“ werden sollten,
– gleiche „Besoldung sämtlicher Staatsbeamten“ mit der einzigen Ausnahme, „daß diejenigen mit Familie, also mit mehr Bedürfnissen, auch ein höheres Gehalt beziehen als die übrigen“,
– „völlige Trennung der Kirche vom Staate“,
– „Beschränkung des Erbrechts“,
– „Einführung von starken Progressivsteuern und Abschaffung der Konsumtionssteuern“,
– „Errichtung von Nationalwerkstätten“, wodurch der Staat „allen Arbeitern ihre Existenz“ garantiert und „die zur Arbeit Unfähigen versorgt“.
Sie unterstrichen, dass der Staat, den sie meinten, ein tatsächlich demokratischer, im Interesse der Volksmassen gestalteter war:
„Es liegt im Interesse des deutschen Proletariats, des kleinen Bürger- und Bauernstandes, mit aller Energie an der Durchsetzung obiger Maßregeln zu arbeiten. Denn nur durch Verwirklichung derselben können die Millionen, die bisher in Deutschland von einer kleinen Zahl ausgebeutet wurden und die man weiter in der Unterdrückung zu erhalten suchen wird, zu ihrem Recht und zu derjenigen Macht gelangen, die ihnen, als den Hervorbringern allen Reichtums, gebührt.“[2]
Aber lässt sich aus dieser ebenso berechtigten wie in der der BRD unerfüllten Zielsetzung ableiten, in der Lehre von Marx und Engels[3] fänden sich schlüssige Annahmen darüber, wie ihr Forderungskatalog umgesetzt, wie Ausbeutung und Unterdrückung beendet werden können – oder gar das geistige Rüstzeug, um unsere aktuelle nationale wie auch globale Krise für konstruktive Veränderungen zu nutzen?
Nein. Denn diese Lehre ist nicht nur unabgeschlossen,[4] beschränkt in Inhalt und Geltungsbereich[5] sowie zum Teil veraltet. Sie leidet vor allem an einem nie behobenen Kardinalfehler: dem „ökonomistischen“ Ausgrenzen der realen Psyche[6] – und damit an der Ausgrenzung dessen, was das Entscheidende ist am Menschsein. Sie bietet daher keine Basis, um die immer übers Wirtschaftliche hinausreichenden gesellschaftlichen Probleme ausreichend zu begreifen, geschweige denn, sie zu lösen. Das werde ich im Teil 1 meines Textes, der den größten Raum einnimmt, belegen.
Diese für mich in solcher Schärfe neue Einsicht zuzulassen, mich von noch immer verbliebenen Illusionen[7] zu verabschieden, fiel mir nicht leicht. Manchmal haben sich die dadurch ausgelösten Gefühle in meinem Tonfall niedergeschlagen. An der Substanz meiner Kritik ändert es nichts.
Weshalb halte ich es für lohnenswert, diese Kritik aufzuschreiben? Weil es wichtig ist, nicht in eine Richtung zu starren, aus der notwendige Lösungen gar nicht kommen können. Und um diejenigen, die nach solchen Lösungen suchen, zu ermuntern, andere Ansätze einzubeziehen.
Insbesondere die Psychoanalytiker und Sozialwissenschaftler Wilhelm Reich und Erich Fromm sind schon vor Jahrzehnten bezüglich der Integration psychosozialer Gegebenheiten weit über Marx und Engels hinausgegangen. Da ich mich seit langem um die Popularisierung von Reichs Werk bemühe, werde ich nur gelegentlich Hinweise darauf einflechten; ausführliche Informationen dazu finden sich auf meiner Webseite.[8]
Was sich an Überlegungen zu vier wichtigen Aspekten der Lehre von Marx und Engels ergibt, wenn ich die mir zutreffend erscheinenden Sichtweisen berücksichtige, will ich im kurzen zweiten Teil des Textes skizzieren: als Diskussionsanregung.
Mit welcher Berechtigung stelle ich meine Behauptungen auf?
Marx und Engels zu lesen, dazu gab es schon in der DDR-Schule genug Anlässe. Marxismus-Leninismus („ML“) gehörte bei jedem DDR-Studium, also auch bei meiner Psychologenausbildung dazu. Aber ich habe nie versucht, mir das komplette Schaffen der „sozialistischen Klassiker“ zu erschließen; oft beließ ich es bei Auszügen, Biografien, Zusammenfassungen, Sekundärliteratur. Da liegt der Verdacht nahe, das, was ich vermisse, sei irgendwo anders zu finden in den über 40 Bänden der Marx-Engels-Werkausgabe.[9] Doch wie sich zeigen wird: Auch wenn gelegentlich alternative Überlegungen bei ihnen aufblitzten, setzten Marx und Engels bereits ab 1845 auf eine generelle Herangehensweise, die für eine angemessene Würdigung psychologischer Erkenntnisse keinen Platz ließ.[10]
Diese Herangehensweise wurde in den Hauptströmen des Marxismus[11] im Wesentlichen beibehalten. Obwohl ich die Fülle marxistischer Literatur nicht überschaue, bin ich sicher, dass Psychisches dort nicht die nötige Aufmerksamkeit erhält.[12] Andernfalls müsste sich das auch darin ausdrücken, dass Reich und Fromm – die tiefgründiger als andere marxistische mit validen tiefenpsychologischen Erkenntnissen verknüpften[13] – vielzitierte und hochgeschätzte Anreger „linker“ Diskussionen wären. Das ist definitiv nicht der Fall.[14]
Eine letzte Vorbemerkung. Wenn es in meinem Text um eine anstrebenswerte Zukunft geht, werde ich meist von „menschenwürdiger Ordnung“ sprechen, nicht von „Sozialismus“. Das Wort Sozialismus ist – ebenso wie Kommunismus – nicht eindeutig definiert, wird und wurde sehr unterschiedlich gebraucht,[15] oft auch missbraucht, nicht zuletzt in „Nationalsozialismus“. Menschenwürdige Ordnung[16] trifft, meine ich, den Kern. Das dürfte sich zudem im Einklang befinden mit dem 25-jährigen Marx, der den „kategorischen Imperativ“ aufstellte, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist.[17] Erich Fromm hat das rund 130 Jahre später im Bild einer Gesellschaft konkretisiert, „in der sich niemand mehr bedroht fühlen muss: nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht“.[18]
An unserer grundsätzlichen Fähigkeit, eine solche Gesellschaft aufzubauen, zweifle ich nach wie vor nicht im Geringsten. Von unseren Anlagen her sind wir soziale, liebenswerte, liebesfähige und liebesbedürftige, kontaktfreudige, wissbegierige, kreative Wesen.[19] Jeder Mensch bringt das Potential für einen Neuanfang mit auf die Welt.

Es könnte Karl Marx gewesen sein … Gefunden im Hof der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale, am 12. Juni 2024 (Foto: Gudrun Peters).
TEIL 1:
Menschen als Marionetten
Verdrängung
Wissenschaftliche Psychologie gab es Mitte des 19. Jahrhunderts erst in Ansätzen.[20] Doch schon seit der Antike war, nicht zuletzt von Philosophen, eine Vielzahl psychologischer Erkenntnisse und Thesen formuliert worden. Außerdem ist Psyche nichts, worüber man erst aus Fachbüchern informiert werden müsste: Jeder hat eine, wir haben ständig damit zu tun. Wer über Menschen urteilt und dabei Psychisches ausklammert, verleugnet selbst erfahrene Realität – oder verdrängt sie.
Verdrängt, ins Unbewusste „verschoben“ wird etwas, wenn es als derart verunsichernd bis bedrohlich wahrgenommen wird, dass es im Bewusstsein nicht mehr aushaltbar ist. Da das Verdrängte aber dadurch nicht aufhört zu existieren, sondern wieder ins Bewusstsein drängt, muss diese Verschiebung ständig aufrechterhalten, erneuert werden. Das geschieht unbewusst, ist nicht willentlich gesteuert.
Ich meine: Einen erheblichen Teil ihrer oftmals als unumstößlich anmutenden Thesen konnten Marx und Engels nur mittels einer letztlich antipsychologischen Haltung aufstellen. Beim Einbeziehen eines wirklichkeitsnäheren Menschenbildes hätte sich vieles als weitaus komplexer, komplizierter, hätten sich diverse ihrer Aussagen spätestens in ihrer Absolutheit oder Pauschalisierung als absurd herausgestellt. Die Beschäftigung mit der Psyche hätte daher den von Marx und Engels behaupteten, weitgreifenden Geltungs- und Erklärungsanspruch empfindlich eingeschränkt, eine Reihe ihrer Kernsätze entkräftet. Das hätte zugleich Marx und Engels bedroht: ihr Selbstbild, ihr Selbstwertgefühl, ihre Vorstellung von der Bedeutung ihres Lebenswerkes. Nachvollziehbare Gründe, um zu verdrängen.
Was ich damit skizziere, ist kein spezifisches Problem von Marx und Engels. Autoritär-patriarchale Familien- und Gesellschaftsstrukturen, in denen auch sie aufwuchsen,[21] erzeugen unweigerlich psychische Störungen, immer auch am Selbstwertgefühl. Um das nicht wahrnehmen zu müssen, kann versucht werden, anerzogene Minderwertigkeitsgefühle durch überhöhte Vorstellungen eigener Bedeutsamkeit zu kompensieren.
Die später Deutsche Ideologie genannte Textsammlung starteten Marx und Engels im Oktober 1845 mit einem in dieser Hinsicht symptomatischen Satz, der das jahrtausendelange Nachdenken, das es vor ihnen gab, entwertete: „Die Menschen haben sich bisher stets falsche Vorstellungen über sich selbst gemacht, von dem, was sie sind oder sein sollen.“[22] Doch nun, hieß das, kämen ja der 24-jährige Friedrich Engels und der 27-jährige Karl Marx und würden den Menschen endlich erklären, wer sie sind. Aber genau das taten sie nur sehr begrenzt.
„Max Stirner“
Zusätzlich zu ihrem Wunsch, sich kompromisslos von allem „Idealistischen“ freizumachen, könnten solche Selbstwertprobleme der Hintergrund gewesen sein für die rigiden Abgren-zungen von Marx und Engels zu manchen philosophischen Vorläufern und zeitgenössischen Konkurrenten, insbesondere zu Johann Caspar Schmidt (1806–1856).
Schmidt verband mit Marx und Engels, dass sie 1844 „bereits auf eine vergleichsweise umfangreiche publizistische Karriere“ zurückblickten,[23] zu den oft als „Junghegelianer“[24] bezeichneten Anhängern des Philosophen Hegel gehörten und noch vor kurzem Hoffnungen gehegt hatten auf positive politische Veränderungen in Deutschland, vor allem in Preußen.
Doch die 1840 erfolgte Thronbesteigung von Friedrich Wilhelm IV. hatte eine Restauration kirchlich-feudaler Macht gebracht statt des ersehnten größeren Freiraums für – insbesondere antireligiöse – Sozialkritik. Da den „Junghegelianern“ die Religion als wichtigste Stütze des Staates galt, hatten sie von dieser Sozialkritik gemeint, sie könne „einen, der Französischen Revolution vergleichbaren gesellschaftlichen Umsturz“[25] herbeiführen: Revolution durch „Aufklärung“. Aber nicht nur hatte der neue preußische Monarch die in ihn gesetzten Erwartungen enttäuscht.[26] Anders als 1789 in Frankreich leistete das liberale Bürgertum, letztlich das gesamte Volk, keinen nennenswerten Widerstand gegen das wiedererstarkende Feudalregime. Entscheidende Annahmen der „Junghegelianer“ erwiesen sich somit als illusionär. Neue Hoffnungsträger, neue Erklärungsmuster, neue Wege zur Revolution mussten gefunden werden.[27]
Das brachte Marx und Engels dazu, ihre Hoffnungen auf das entstehende Proletariat als neue, am meisten ausgebeutete Klasse zu setzen und die „Geschichte aller bisherigen Gesellschaft“ bald als wirtschaftlich bedingte „Geschichte von Klassenkämpfen“[28] zu interpretieren. Allmählich sollten sie daraus das kreieren, was Engels in der Rückschau von 1892 „Historischen Materialismus“ nannte, nämlich eine „Auffassung des Weltgeschichtsverlaufs, die die schließliche Ursache und die entscheidende Bewegungskraft aller wichtigen geschichtlichen Ereignisse sieht in der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft“.[29]
Johann Caspar Schmidt kam zu einem ganz anderen Schluss. Zu seinem Hoffnungsträger erkor er das einzelne Individuum, das durch autoritäre Kleinfamilie und Erziehung, Sexualunterdrückung und gleichmacherische Ideologien wie die christliche an Persönlichkeitsentfaltung und Bedürfnisbefriedigung gehindert werde.[30] Den Ausweg sah Schmidt darin, sich selbst zum einzigen Maßstab zu nehmen, den eigenen, einzigartigen Weg gegen die einengende Gesellschaft zu erzwingen. Statt einem Führer, Machthaber, Gott oder anderen „großen Egoisten ferner uneigennützig zu dienen“, wolle er nun „lieber selber der Egoist sein“ – so fasste Schmidt sein Ideal 1844 in dem Buch Der Einzige und sein Eigentum zusammen.[31]
Um den zu erwartenden staatlichen Repressalien wegen des aufmüpfigen Textes zu entgehen, veröffentlichte er diesen unter dem Pseudonym „Max Stirner“. Tatsächlich wurde das Werk kurz nach dem Erscheinen verboten.[32]
Der mit „Stirner“ befreundete Engels reagierte auf dessen Schrift zunächst wohlwollend-kritisch. Am 19. November 1844 schrieb er an Marx:
„Wir müssen es nicht bei Seit werfen, sondern […] indem wir es umkehren, darauf fortbauen. […] Erstens ist es Kleinigkeit, dem St.[irner] zu beweisen, daß seine egoistischen Menschen nothwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen. […] Zweitens muß ihm gesagt werden, daß das menschliche Herz schon von vorn herein, unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd ist […].“[33]
Diese „paar Trivialitäten“ sollten genügen, um Stirners „Einseitigkeit zurückweisen. Aber was an dem Prinzip wahr ist,“ so Engels weiter,
„müssen wir auch aufnehmen. Und wahr ist daran allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unsrer eignen, egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür thun können – daß wir also in diesem Sinne […] auch aus Egoismus Kommunisten sind. […] Wir müssen vom Ich, vom empirischen, leibhaftigen Individuum ausgehen“.[34]
Vom Ich, vom Individuum und von einem positiven, (heute belegten[35]) realen Menschenbild ausgehen, psychische Motive und verinnerlichte Zielsetzungen als Basis des Engagements für gesellschaftliche Veränderungen anerkennen, aus gesundem Egoismus heraus Kommunist werden – was für ein konstruktiver Ansatz hätte das werden können für eine Weltanschauung,[36] die diesen Namen auch verdiente!
Doch Marx hatte bereits einen Kurs eingeschlagen, bei dem er Stirner nur als Gegner einordnen wollte. Hinzu kam, dass Stirner einige Gedanken, die bei Marx noch reiften, nun als erster veröffentlicht hatte[37] – und: dass er Erfolg hatte. Sogar Ludwig Feuerbach, zu diesem Zeitpunkt die unangefochtene Nummer 1 im Diskurs der „Junghegelianer“ hielt den Einzigen und sein Eigentum einer ausführlichen öffentlichen Entgegnung für würdig.[38] Das kam einer „Beförderung Stirners in die erste Reihe“ der damaligen Philosophen gleich,[39] machte ihn zum „Hecht“ in dem von Marx „selbst beanspruchten Fischteich“.[40]
Marx scheint recht harsch auf den Brief von Engels geantwortet zu haben. Dieser lenkte ein,[41] unterwarf sich Marx und sollte sich nun im Vergleich mit ihm zeitlebens abwerten – zu Unrecht.[42]
1845/46 unternahmen beide[43] die „intensivste Einzelauseinandersetzung“, die sie „je mit einem Denker“ führten.[44] Acht Monate lang, auf fast 450 Manuskriptseiten[45] bemühten sie sich, Stirner zu widerlegen. Dabei diffamierten sie ihn in kleinlich-gehässiger Weise, setzten ihn, wie Stirner-Biograf Bernd Laska schreibt, unter ein „Trommelfeuer“ der Beschimpfun-gen,[46] verunglimpften ihn unter anderem als „Schwächste[n] und Unwissendste[n]“ der „ganze[n] philosophische[n] Bruderschaft“,[47] als „hohlste[n] & dürftigste[n] Schädel unter den Philosophen“.[48] In ihrer zur baldigen Veröffentlichung gedachten Polemik lieferten sie zudem Informationen, die erleichterten, Stirners Identität aufzudecken. So karikierten sie den im Berliner Stadtteil Neukölln wohnenden, als Lehrer tätigen, in finanziell prekären Verhältnissen lebenden Stirner als
„lokalisirten Berliner Schulmeister oder Schriftsteller […], dessen Thätigkeit sich auf saure Arbeit einerseits & Denkgenuß andererseits beschränkt, dessen Welt von Moabit bis Köpenick geht & hinter dem Hamburger Thor mit Brettern zugenagelt ist, dessen Beziehungen zu dieser Welt durch eine miserable Lebensstellung auf ein Minimum reduziert werden“.[49]
Schwer vorstellbar, dass ihnen nicht klar war, dass sie Stirner – in Zeiten, in denen missliebige Publikationen zur Inhaftierung führen konnten – damit in Gefahr brachten. So aggressiv reagiert jedenfalls nur, wer sich tief getroffen fühlt.[50]
Deutsche Ideologie
Die geplante Publikation der Auseinandersetzung mit Stirner und – weniger in- und extensiv angelegt – anderen Denkern, zerschlug sich jedoch. Bis Ende 1847 bemühten sich Marx und Engels mehrfach vergeblich, diese Manuskripte zu veröffentlichen,[51] was die Wichtigkeit unterstreicht, die sie ihrem Text beimaßen.
Erst in den 1920er Jahren, in der Sowjetunion, wurde ein Anlauf gemacht, das Konvolut in Buchform zu bringen. Den Versuch, dies entgegen den Vorstellungen Stalins relativ nahe am Original zu gestalten, kostete den dafür verantwortlichen David Rjazanow „erst die Position des Herausgebers und schließlich das Leben“: 1931 wurde er seines Postens enthoben, nach langjähriger Verbannung 1938 als „Rechts-Trotzkist“ erschossen.[52] In einer verfälschend montierten, unvollständigen Version erschien die Textsammlung 1932 als Deutsche Ideologie. Den Vorgaben gemäß war ein Werk mit „kanonische[m] Charakter“[53] konstruiert worden, die vermeintliche „Gründungsschrift des Historischen Materialismus“,[54] welche laut neuem Herausgeber dessen „Grundfragen […] vielseitig und erschöpfend beleuchtet“.[55]
Mit identischer Wertung, nur noch verstümmelter, tauchte die Deutsche Ideologie 1958 im Band 3 der Marx-Engels-Werke[56] auf. Beide Fassungen suggerierten, der Text sei in erster Linie als Auseinandersetzung mit Feuerbach angelegt gewesen, negierten somit die immense Bedeutung, die Der Einzige und sein Eigentum gehabt hatte.
Was nicht hieß, dass Stirner von dogmatisch-marxistischer Kritik verschont blieb. Diese ging bis dahin, ihn zu bezichtigen, seine „Einflüsse“ seien „verantwortlich für den sozialdemokratischen Revisionismus und damit für die Ohnmacht der Arbeiterbewegung gegenüber dem Ersten Weltkrieg, für das Scheitern der Novemberrevolution und für das Versagen der Arbeiterbewegung vor dem Faschismus“.[57] Die Originalfassung der Deutschen Ideologie, in der auf weit mehr als der Hälfte der Seiten[58] die volle Wucht der gegen Stirner gerichteten Attacke spürbar wird, ist erst seit 2017 nachlesbar.[59]
Der „Austromarxist“ Max Adler ordnete Stirners Gesellschaftskritik 1914 ein als „das psychologische Pendant zur soziologischen von Marx“.[60] Stirner-Forscher Bernd Kast urteilt: „Während Marx und Engels und alle Sozialisten die materiellen Verhältnisse ändern wollen, geht es Stirner um eine Veränderung des Einzelnen.“[61]
Dabei wandte sich Stirner vehement gegen jede Art von psychischer (De)Formierung und ideologischer Manipulation. Doch Marx und Engels, die ja bislang ebenfalls gegen, insbesondere religiöse, Indoktrination ins Feld gezogen waren, entgegneten nun: Ideologie und Psychisches besitzen überhaupt keine Eigenständigkeit, sie sind keiner genaueren Betrachtung wert, schon diese Betrachtung ist daher bürgerlich-reaktionär![62]
Psychologie lenkt ab vom Klassenkampf – das wurde dann zu einem Motto des Marxismus-Leninismus, in der DDR ergänzt durch „Vom Ich zum Wir!“. Individualität, Subjektivität, Persönlichkeitsentfaltung, Bedürfnisse und Befindlichkeiten: eine angemessene Beschäftigung mit all dem, was Stirner fokussierte hatte, unterblieb.
Ich vermute, dass es schon Marx und Engels – unbewusst – verstört hatte, was Stirner nahelegte: einen intensiven Blick auf sich selbst, auch nach innen.[63] Ein solcher Blick kann belastende Erinnerungen aus der Lebensgeschichte, Selbstzweifel und Ängste ans Licht bringen und ruft deshalb seelischen Widerstand, Abwehr hervor.[64]
Wie das bei Marx und Engels hätte anders gewesen sein können, wüsste ich nicht. Eine Psychotherapie, mittels derer sie ihre Störungen hätten bearbeiten können, gab es noch nicht. Also wirkten sich diese Störungen ebenfalls in ihrer Lehre aus, beschränkten als „blinde Flecken“ deren Wahrheitsgehalt: An dem, was wir nicht sehen wollen, müssen wir angestrengt vorbeischauen.
Keine endgültigen Lösungen
Dass an der Lehre von Marx und ihm kritisch angeknüpft werden sollte, dem hätte sicherlich der alte Engels beigepflichtet. 1895, ein halbes Jahr vor seinem Tod, rekapitulierte er in einem Brief: „Aber die ganze Auffassungsweise von Marx ist nicht eine Doktrin, sondern eine Methode. Sie gibt keine fertigen Dogmen, sondern Anhaltspunkte zu weiterer Untersuchung.“[65] Fünf Jahre zuvor hatte er über die von ihm und Marx erarbeitete „Geschichtsauffassung“ mitgeteilt, sie sei „vor allem eine Anleitung beim Studium“.[66] Schon 1886 bezeichnete er es als „großen Grundgedanken“ materialistischer Dialektik, „dass die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen“. Daher höre „die Forderung endgültiger Lösungen und ewiger Wahrheiten ein für allemal auf; man ist sich der notwendigen Beschränktheit aller gewonnenen Erkenntnis stets bewusst“.[67]
Wer dies konsequent auf das Gedankenabbild Marxismus anwendete, sah sich im „realen Sozialismus“ jedoch schnell als Dissident abgestempelt, lief Gefahr, verfolgt oder – unter Stalin – ermordet zu werden.
Weshalb sollte auch etwas weiterentwickelt werden, das Lenin 1913 so definiert hatte: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung.“[68]
Was vor 1990 also angeblich kaum einer Überarbeitung bedurfte, war nach 1990 angeblich kaum noch der Beachtung wert. Weithin galt die Parole „Marx ist tot“.[69] Kein Wunder, dass sich in den Hauptströmen des Marxismus nie eine angemessene Bewertung der Psyche etablierte.[70]
Vernachlässigte Vorleistungen
1893, zehn Jahre nach dem Tod von Marx, benannte Engels einen Punkt, der
„in den Sachen von Marx und mir regelmäßig nicht genug hervorgehoben ist […]. Nämlich wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen“.[71]
Das war allerdings höchstens ein halbes Eingeständnis der eigenen Begrenztheit. Schon der Begriff „Vorstellungen“ ist ein psychologischer. Die Frage, wie diese zustande kommen, ist alles andere als „formell“ – und es ließen sich Mitte des 19. Jahrhunderts qualifizierte Antworten darauf finden.
Der Psyche war seit der Renaissance gesteigertes wissenschaftliches Interesse entgegengebracht worden. Dafür standen Namen wie Philipp Melanchthon (1497–1560), Baruch de Spinoza (1632–1677), John Locke (1632–1704) oder Denis Diderot (1713–1784).[72]
Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), Heinrich Pestalozzi (1746–1827) und Friedrich Fröbel (1772–1852) hatten das Augenmerk auf Kindheit, Erziehung, Schulbildung, damit auf die lebensgeschichtliche Verankerung seelischer Strukturen gelenkt.[73]
Literarisch vertieft wurde das unter anderem durch Karl Philip Moritz (1756–1793), der 1783 das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde gründete und mit „Anton Reiser“ das Genre des psychologischen Entwicklungsromans schuf. Nicht zuletzt Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) knüpft daran an.
Der Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) nahm mit seinem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“[74] manch massenpsychologische Erkenntnis vorweg. Arthur Schopenhauer (1788–1860) vertrat ein Menschenbild, das in Teilen dem Sigmund Freuds ähnelte.[75] Der Unternehmer Robert Owen (1771–1858) bewies seit Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur, dass es Alternativen zum Raubtierkapitalismus gab, er verband dies auch mit gründlichen Überlegungen zu Lebensgestaltung, Erziehung, Partnerschaft, schließlich mit kommunistischen Auffassungen.[76]
Die meisten dieser Männer waren Marx und Engels bekannt,[77] mit einigen von ihnen – wie Kant,[78] Rousseau[79] und Owen[80] – setzten sie sich intensiver auseinander. Goethes Faust-Tragödie, die zumindest im ersten Teil von einer ausgesprochen individuellen Biografie erzählt, war eines der Lieblingsbücher von Marx,[81] aus dem er, auch im Kapital, gern zitierte.
Vielleicht von Rousseau inspiriert, hielt Marx 1845 in den „Feuerbach-Thesen“ fest: „Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss.“[82] Noch Jahre danach hob Engels aus der „Lehre der materialistischen Aufklärer“ hervor, „der Charakter des Menschen“ sei einerseits das Produkt „der angebornen Organisation und andrerseits der den Menschen während seiner Lebenszeit, besonders aber während der Entwicklungsperiode umgebenden Umstände“.[83]
Doch weder ihn noch Marx scheint interessiert zu haben, woraus die „angeborene Organisation“ besteht, wie sich in der „Entwicklungsperiode“ von Kindheit und Jugend Charaktere he-rausbilden. Sie meinten, einen Schlüssel in der Hand zu halten, der ohnehin jede Tür öffnete.
Das Buch der menschlichen Wesenskräfte
1844 vermerkte Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten:
„Man sieht, wie die Geschichte der Industrie und das gewordne gegenständliche Dasein der Industrie das aufgeschlagne Buch der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie ist […]. Eine Psychologie, für welche dies Buch, also grade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Geschichte zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklichen inhaltvollen und reellen Wissenschaft werden.“[84]
Zweifellos wirkte sich im Produktionsprozess ebenso die psychische Verfassung der daran Beteiligten aus, wie umgekehrt dieser Prozess auf die daran Beteiligten zurückwirkte. Deshalb war es berechtigt, der Psychologie gebührende Aufmerksamkeit dafür abzuverlangen.
Aber Marx wird 1844 bekannt gewesen sein, dass Archäologen eine ausgedehnte Phase der Menschheitsentwicklung annahmen, in der nicht von „Industrie“ gesprochen werden konnte.[85] Ab 1800 war die Vorstellung „eines langen Zeitraumes der Geschichte der Menschen“ immer akzeptabler geworden,[86] 1836 hatte sich die Dreiteilung in Stein-, Bronze- und Eisenzeit durchgesetzt. In dieser „Vorgeschichte“ konnten sich womöglich andere „Wesenskräfte“ gezeigt haben. Menschliches Leben dürfte zudem schon immer mehr als Produktion umfasst haben, zumindest Beziehungen zwischen Mann und Frau, Erwachsenen und Kindern sowie Beziehungen zur Natur, die nichts mit Arbeit zu tun hatten. Daher ist das Buch menschlicher Wesenskräfte als weitaus dicker zu veranschlagen, als Marx es zugestehen wollte – und die Relevanz von „Industrie“ dementsprechend geringer.
Immerhin hielt Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten menschliche Wesenskräfte, Psychologie und Wechselwirkungen zwischen Industrie und Psyche noch ausdrücklicher Erwähnung für wert. Das sollte sich ändern.
Charaktermasken
Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, dessen Band Eins erstmals 1867 erschien, gilt als zentrales Werk der Lehre von Marx und Engels.[87] Vorarbeiten dazu enthalten die Ökonomischen Manuskripte. Dort postulierte Marx:
„In der That ist die Herrschaft der Capitalisten über die Arbeiter nur die Herrschaft der verselbstständigten […] Arbeitsbedingungen […] über den Arbeiter selbst […] Die Functionen, die der Capitalist ausübt, sind nur die mit Bewußtsein und Willen ausgeübten Functionen des Capitals […]. Der Capitalist functionirt nur als personnificirtes Capital, das Capital als Person, wie der Arbeiter nur als die personnificirte Arbeit […]. Die Herrschaft des Capitalisten über den Arbeiter ist daher die Herrschaft der Sache über den Menschen, der todten Arbeit über die lebendige, des Products über den Producenten […], die Verkehrung des Subjekts in das Objekt und umgekehrt.“[88]
Entsprechend hieß es dann im Vorwort zum Kapital über die von Marx skizzierten „Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer“, es handele sich
„um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag“.[89]
Den individuellen Spielraum für das Sich-Erheben über die Verhältnisse hielt Marx offenkundig nicht für bedeutsam genug, um ihn auszuloten. Stattdessen variieren alle drei Kapital-Bände die These, Menschen agierten im kapitalistischen Produktionsprozess nach vorgegebenen Mustern, automatengleich, alternativlos, Dingen und Verhältnissen hilflos unterworfen – Lohnarbeiter genauso wie Kapitalisten.
Der Kapitalist, wiederholte Marx mehrfach, sei „personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital“,[90] sein „Tun und Lassen nur Funktion“ des Kapitals,[91] seine „Seele“ die „Kapitalseele“.[92] Nur „als Kapital“ besitze „der Automat im Kapitalisten Bewußtsein und Willen“.[93] Bei „Strafe des Untergangs“ zwinge ihn die Konkurrenz, „die Produktion zu verbessern“,[94] sein „Bereicherungstrieb“ sei
„Wirkung des gesellschaftlichen Mechanismus, worin er nur ein Triebrad ist. Außerdem macht die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwährende Steigerung des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten“.[95]
Zu den Aufgaben des Unternehmers als „personifiziertes Kapital“ gehöre darüber hinaus, zu kontrollieren, „daß der Arbeiter sein Werk ordentlich und mit dem gehörigen Grad von Intensität verrichte“.[96]
Der Arbeiter wiederum sei „obgleich frei, naturgesetzlich abhängig vom Kapitalisten“,[97] felsenfest ans Kapital geschmiedet,[98] gehöre diesem als „disponibles Menschenmaterial“[99] noch „bevor er sich dem Kapitalisten verkauft“.[100] „Gezwungen, sich selbst freiwillig zu verkaufen“,[101] verwandle sich der Arbeiter in „Zubehör“,[102] in ein „automatische[s] Trieb-werk“,[103] eine bloße Maschine „zur Fabrikation von Mehrwert“,[104] in „Produktionsinstrument“[105] und „Rohmaterial“ der Ausbeutung,[106] werde ein „lebendige[s] Anhängsel“, das einem „tote[n] Mechanismus“ einverleibt sei.[107] Der Arbeiter wende die Produktionsmittel nicht an, sondern werde von ihnen und von den „Arbeitsbedingung[en]“ angewendet.[108]
Weil Menschen sich im Produktionsprozess „bloß atomistisch“, also vereinzelt, isoliert voneinander verhielten, sei die „Gestalt“ der Produktionsverhältnisse unabhängig „von ihrer Kontrolle und ihrem bewußten individuellen Tun“.[109] „Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes“ beherrscht werde, „so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht“. [110]
Um die Beziehung zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter zu illustrieren, verwendet Marx einige Male den Begriff „ökonomische Charaktermasken“. Diese Masken seien ebenfalls „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“, als deren Träger sich kapitalistischer „Sklavenhalter“ und proletarischer „Sklave“, Käufer und Verkäufer von Waren – inklusive der „Ware Arbeitskraft“ – gegenüberträten.[111] Auch die Vokabel „Charakter“ signalisiert daher nicht, dass sich Marx mit Psyche befassen wollte oder den Anspruch hatte, das Handeln konkreter Menschen einzubeziehen. „Der Kapitalist“ handelt, um nicht bankrott zu gehen, „der Proletarier“, um nicht zu verhungern – und beide können nicht anders. Daher erübrigten sich Überlegungen zu weiteren Motiven oder abweichenden Handlungen. Da Marx Menschen im Kapitalismus als „Triebrad“ und „Zubehör“ einer Maschinerie wahrnahm, scheint ihm passend vorgekommen zu sein, deren Agieren in mechanistischer Weise zu beschreiben.
Aber konnten, können Menschen wirklich nicht anders? Ist der „subjektive“ Spielraum so eng, dass sich auf sozialökonomische Verhältnisse kein erwähnenswerter Einfluss nehmen lässt?
Individuelle Spielräume
Bei denen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts meist noch immer täglich mehr als 10 Stunden für wenig Geld Knochenarbeit verrichteten, blieb in der Tat wenig Kraft und Gele-genheit, um sich über die Verhältnisse zu erheben. Schon deshalb und wegen des Machtgefälles war die Verantwortung eines einzelnen Proletariers für das kapitalistische Wirtschaftssystem gering.
Doch zu allen bekannten Zeiten sind Menschen aus ihren Verhältnissen ausgebrochen. Im Jahre 73 v. u. Z. taten dies bespielweise die sich befreienden Sklaven des Spartakus-Aufstandes – ein Beispiel, das Marx bekannt war.[112] Unzählige haben sich seither für andere Menschen, für unterschiedlichste Ziele und Ideen selbst dann engagiert, wenn sie wussten, dass sie damit ihre körperliche Unversehrtheit oder ihre Existenz aufs Spiel setzten. Zu Lebzeiten von Marx und Engels geschah dies bereits zur Befreiung von kapitalistischer Unterdrückung, wie 1871 im Aufstand der Pariser Kommune. Bei dessen Niederschlagung wurden bis zu 35.000 Menschen niedergemetzelt, tausende später deportiert.[113]
Marx setzte noch im selben Jahr den „selbstopfernden Vorkämpfern einer neuen und bessern Gesellschaft“ in seiner Schrift Bürgerkrieg in Frankreich[114] ein Denkmal. Hatten diese Vorkämpfer nicht ihre „Charaktermasken“ weit von sich geworfen?
Im Kommunistischen Manifest erwähnten Marx und Engels „Bourgeoisieideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben“:[115] vermutlich eine Selbstdarstellung. Nahmen sie damit für sich die Ausnahme in Anspruch, ihre Masken ablegen zu können? Oder glaubte Marx, da er weder Prolet noch Unternehmer war, hätte diese Frage für ihn nicht bestanden? Und wie sah er das bei Engels?
Erfolgreicher Kapitalist, führender Sozialist
Engels Vater, ein angesehener Textilunternehmer, verlangte, dass Friedrich in seine Fußstapfen trete, untersagte ihm darum, das Abitur abzuschließen und zwang ihn in eine kaufmännische Ausbildung. Dem versuchte der Sohn auf seine Art etwas abzugewinnen. Im August 1840 berichtete er seiner Schwester Marie über eine „wesentliche Verbesserung“ in seinem Büro. Da es „immer sehr langweilig“ gewesen sei, „nach dem Essen gleich ans Pult zu stür-zen, wenn man doch so schauderhaft faul ist“, habe man, „um diesem Übelstande abzuhelfen“, auf dem Dachboden „zwei sehr schöne Hängematten errichtet, in welchen wir […] zuweilen auch einen kleinen Dusel halten. […] Ich stahl mich aus dem Comptoir und nahm Cigarren und Streichhölzchen mit und bestellte Bier; […] und legte mich in die Hängematte und schaukelte mich äußerst sanft“.[116] Seinen rasch wachsenden Widerwillen gegen das politische und wirtschaftliche System[117] drückte er ab 1839 – da war er 19 Jahre alt – in Zeitungsartikeln aus, die er unter dem Pseudonym Friedrich Oswald veröffentlichte.
1841 gelang es Engels, sich der direkten Einflussnahme des Vaters zu entziehen. Er entwickelte ein intensives Interesse an Philosophie, Politik und – noch vor Marx – an Ökonomie. 1844 lernte er Marx näher kennen. Die 1845 gemeinsam mit diesem entworfene Schrift Die heilige Familie[118] trug auch Engels‘ Namen. Bald darauf kämpfte er mit Worten und Taten, 1849 auch mit dem Degen in der Hand im „Pfälzischen Aufstand“,[119] gegen die bestehende Ordnung, wurde per Steckbrief gesucht, musste flüchtend mehrfach die Länder wechseln.
Dreißigjährig kehrte Engels zurück ins Unternehmen, wurde Prokurist, dann Teilhaber des väterlichen Betriebsteils in Manchester, nicht zuletzt, um Marx materiell zu unterstützen. Dies war nun vor allem nötig, weil Marx nicht mit Geld umgehen konnte aber Wert legte „auf den äußeren Schein bürgerlicher Respektabilität“ – und den Gelderwerb zugunsten seiner wissenschaftlichen Interessen hintanstellte.[120] Ohne Hilfe von Engels, ohne Nutznießung von dessen Profit, hätte es das Werk von Marx nicht gegeben.
1867, kurz bevor Marx das Kapital veröffentlichte, offenbarte ihm Engels: „Ich sehne mich nach nichts mehr, als nach Erlösung von diesem hündischen Commerce, der mich mit seiner Zeitverschwendung vollständig demoralisiert. Solange ich da drin bin, bin ich zu nichts fähig […].“[121] Letzterer Satz war unzutreffend: Nie ließ sich Engels dauerhaft davon abbringen, sich politisch zu engagieren. Er führte, wie Thomas Kuczynski mitteilt,
„über 20 Jahre ein Doppelleben, zum einen als Junggeselle im ‚Scheißhandel‘ mit einer dazu passenden Wohnung, zum anderen als Lebensgefährte von Mary Burns, einer irischen Proletarierin, die ihn seit 1843/44, ihrer ersten Begegnung, mit den Elendsvierteln Manchesters und irischer Lebensart vertraut gemacht hatte. Die beiden lebten in Wohnungen zusammen, die er unter wechselndem Namen mietete und in denen er des Nachts auch seine Studien betreiben und Artikel verfassen konnte“.[122]
Sobald wie möglich hing der nun 49-jährige Engels den verhassten Job wieder an den Nagel, wurde ein begüterter Rentier,[123] der weiterhin für die Familie von Marx aufkam. 1870 zog er mit seiner neuen Lebensgefährtin Lizzy Burns – deren Schwester war 1863 verstorben – nach London, „stürzte sich wieder in die Arbeit,“ unter anderem im „Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation“ und als Publizist der sozialistischen Presse.[124]
1883 hielt er in einem Brief fest, man könne
„ganz gut selbst Börsianer und zu gleicher Zeit Sozialist sein und deshalb die Klasse der Börsianer hassen und verachten. Wird es mir je einfallen, mich zu entschuldigen dafür, daß ich auch einmal Associe [Teilhaber] in einer Fabrik gewesen bin? Der sollte schön ankommen, der mir das vorwerfen wollte. Und wenn ich sicher wäre, an der Börse morgen eine Million profitieren zu können und damit der Partei […] Mittel in großem Maß zur Verfügung zu stellen, ich ging sofort an die Börse“.[125]
Nach dem Ableben von Marx wurde Engels zum „Ein-Mann-Korrespondenzbüro“, „zum de facto führenden Kopf der europäischen sozialistischen Bewegung“;[126] bis zum Lebensende folgten diverse Publikationen und politische Aktivitäten.
Aber hat Engels zumindest als Teilhaber der väterlichen Firma als „ökonomische Charaktermaske“ fungiert? Nur begrenzt.
Engels kümmerte sich zwar mit unerwartet großem Eifer um die Geschäfte, sah sich manchmal gezwungen, Angestellte zu entlassen, zum Beispiel wegen „Liederlichkeit.“ Doch in seinem Betrieb fanden die Proletarier „bessere Arbeitsbedingungen“ vor als anderswo. In „wenigen Fabriken“, zitiert Engels-Biograf Tristram Hunt, seien „die Arbeiter so einträglich und regelmäßig beschäftigt“ worden.[127]
Große Teile seiner Überschüsse verwendete er, um das Leben zu genießen und um bis zu seinem Tod „der Familie Marx regelmäßig über die Hälfte seiner Jahreseinkünfte zukommen“ zu lassen. Nach heutigem Wert waren das allein in den 19 Jahren seiner Firmenzugehörigkeit insgesamt bis zu 400.000 Pfund.[128]
Engels engagierte sich also nicht nur selbst anhaltend gegen den Kapitalismus, er finanzierte auch das antikapitalistische Wirken von Marx und versorgte diesen kontinuierlich mit unverzichtbaren Insiderinformationen aus der Arbeitswelt.[129]
Um seiner Mutter belastende Erbschaftsstreitigkeiten zu ersparen, verzichtete Engels 1860 in einer für ihn finanziell „äußerst ungünstigen Regelung“ auf seine Anteile am deutschen Zweig der väterlichen Firma.[130] Ebenso stimmte er einer unvorteilhaften Vereinbarung zu, um sich 1869 ganz aus dem Unternehmen zurückziehen zu können. Die Marx-Tochter Eleanor berichtet: „Ich werde niemals das triumphierende ‚zum letzten Mal‘ vergessen, das er ausrief“, als er sich am Tag seines Ausscheidens ins Geschäft begab. Stunden später kehrte er von dort zurück, schwang „seinen Stock in der Luft und sang und lachte mit dem ganzen Gesicht. Dann tafelten wir festlich und tranken Champagner und waren glücklich“.[131]
Ich konnte nicht herausfinden, ob Engels trotz der permanenten Geschenke an Marx in der Lage war, „sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten“ – wozu er ja laut Marx gezwungen gewesen wäre. Dass Kapitalausdehnung für Engels Priorität hatte, bezweifle ich.
Engels mit dem Etikett „personifiziertes“ Kapital versehen, das Wesentliche seiner Persönlichkeit mit „Kapitalseele“ erfassen zu wollen, erscheint mir in jedem Fall grotesk. Seine Aktivitäten als Revolutionär, sozialistischer Publizist und Politiker, als Sponsor, Bearbeiter und Erbeverwalter des Marxschen Werkes, als Begründer des „Marxismus“ waren unvergleichlich wirksamer als sein Mittun im „hündischen Commerce“: Er war ein Kapitalist, der den Kapitalismus weitaus mehr geschwächt als gestärkt hat. Sein Sich-über-die-Verhältnisse-Erheben war kennzeichnender für ihn als sein Agieren in der „Charaktermaske“.
Marx und Engels hatten zudem recht genaue Kenntnis von einem Kapitalisten, der diese Maske sogar komplett ablegte.
Unternehmer, Philanthrop und Kommunist
Der 1771 geborene Robert Owen war ein Paradebeispiel dafür, dass, wie Engels meinte, „das menschliche Herz […] in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd ist“.[132] Aus einer verschuldeten Handwerkerfamilie stammend, entwickelte sich Owen früh zum „Selfmademan“.[133] 28-jährig übernahm er im schottischen New Lanark die Leitung einer Baumwollspinnerei mit bald über 2.000 Beschäftigten, von denen viele „durch Trunksucht und geschlechtliche Ausschweifungen, durch Diebstahl und Arbeitsscheu, durch Rohheit und Unwissenheit aufgehört hatten, Menschen zu sein“.[134] Owen standen, erzählte er, zwei Wege offen, mit ihnen umzugehen. Der eine wäre gewesen, sie „fortwährend zu tadeln“, viele von ihnen „als Diebe verklagen müssen, sie einsperren, ausweisen, ja zum Tode verurteilen lassen, denn zu dieser Zeit stand auf Diebstahl, in dem von mir entdeckten Umfang, Todesstrafe. Dies war die bisher geübte Praxis der Gesellschaft“. Oder aber, setzte er fort, er betrachtete sie als das, was sie waren: „Geschöpfe törichter und schädlicher Umstände, für die allein die Gesellschaft die Verantwortung trug“.[135]
Um die „Quellen der Übel“ zu beseitigen, reduzierte er die damals übliche Arbeitszeit von bis zu 16 auf 10,5 Stunden, verbot Nachtarbeit, ordnete 30 Minuten Frühstücks- und 60 Minuten Mittagspause an. Die Fabrikräume wurden „hell und luftig gestaltet“, die Wohnverhältnisse verbessert, Gärten angelegt, eine Bibliothek, ein Vortrags- und Tanzsaal gebaut, „für kranke und alte Arbeiter“ eine Versicherung eingeführt, diverse Arbeitsschutzmaßnahmen umgesetzt, wie sie in Großbritannien erst 50 Jahren später zur Regel werden sollten. Um die Verschuldung der Arbeiter abzubauen, ließ Owen einen Laden einrichten, der Waren „ohne Gewinnaufschlag“ verkaufte.[136] Nachdem er 1806 für „vier Monate den vollen Lohn weiterzahlte, obgleich der Betrieb wegen Rohstoffmangels stillag“, hatte er die Beschäftigten endlich auf seiner Seite.[137]
Besonderes Augenmerk richtet Owen auf die Kinder. Waren in New Lanark früher Fünfjährige für die Produktion verschlissen worden, hob er die Altersgrenze auf 10 Jahre an. Er trat in Kontakt mit renommierten Pädagogen wie Heinrich Pestalozzi, richtete für Kinder ab fünf Jahren in „großen, luftigen und gut temperierten Räumen“ eine vorwiegend kostenfreie Beschulung ein, die unter anderem „Schreiben, Rechnen, Lesen, Naturgeschichte, Erdkunde sowie Neue Geschichte“, „Turnen, Tanzen und Musik“ umfasste.
Mit all dem wollte er „charakterbildend“ wirken und „zum eigenen Denken anregen“.[138] Die von ihm ausgewählten Lehrer „sollten Freunde und Gefährten ihrer Schüler sein“, auf Drohungen, Strafen, gar Züchtigungen ebenso verzichten wie auf Belobigungen: „Nicht Strenge, sondern Güte lenkten die Schüler, Grundsätze, die Owen auch in der Erziehung seiner eigenen“ sieben „Kinder befolgte“.[139]
Um New Lanark nach „philanthropischen“ Maßstäben führen zu können, gründete er 1813 eine Gesellschaft, deren gesamter Reingewinn „nach Abzug der Kapitalzinsen für die Erziehung der Kinder und das allgemeine Wohl der Arbeiter verwandt werden“ sollte.[140]
Sowohl Engels als auch Marx bezogen sich seit 1843 mehrfach auf Owen.[141] Engels gestand seinem Fabrikantenkollegen zu, er habe eine aus „größtenteils demoralisierten Elementen sich zusammensetzende Bevölkerung […] in eine Musterkolonie“ umgewandelt: „Und zwar einfach dadurch, daß er die Leute in menschenwürdigere Umstände versetzte und namentlich die heranwachende Generation sorgfältig erziehen ließ.“[142]
Von bedingungsloser Profitmaximierung zu Lasten der Arbeiter, wie sie Marx für zwingend nötig hielt, konnte darum keine Rede sein. Trieb das Owen in den Ruin, ereilte ihn die „Strafe des Untergangs“?[143] Nein: Sein Betrieb „produzierte feines Garn, und zwar mit gutem Erfolg. […] Trotz der großen Ausgaben, die Owen im Interesse seiner Arbeiterschaft tätigte, warf New Lanark einen erheblichen Reingewinn ab“.[144] Markus Elsässer, der die finanziellen Verhältnisse der Firma genauer erforscht hat, bescheinigt ihr eine ungewöhnlich hohe, über 20 Jahre, bis zum Ausstieg Owens andauernde Profitabilität.[145]
Wurde Owen wegen seines sozialen Engagements vom Establishment bekämpft? Engels berichtet: „Solange er als bloßer Philanthrop aufgetreten, hatte er nichts geerntet als Reichtum, Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der populärste Mann in Europa. Nicht nur seine Standesgenossen,[146] auch Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig zu.“[147] Owen-Biografin Helene Simon ergänzt: „Zwanzig Jahre lang war New Lanark das Entzücken der Tausende seiner Besucher. Darunter Könige und Abgesandte von Königen, hohe geistliche Würdenträger, Städtedeputationen, Parlamentarier und Gelehrte.“[148]
Doch mit alledem, so Engels, „war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen Arbeitern geschaffen, war in seinen Augen […] noch weit entfernt davon, eine allseitige und rationelle Entwicklung des Charakters und des Verstandes, geschweige eine freie Lebenstätigkeit zu gestatten“. Da die arbeitende Klasse den gesellschaftlichen Reichtum schaffe, gehörten ihr „auch die Früchte. Die neuen, gewaltigen Produktivkräfte […] boten für Owen die Grundlage zu einer gesellschaftlichen Neubildung, und waren dazu bestimmt, als gemeinsames Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt aller zu arbeiten“.[149]
Da Owen jetzt mit kommunistischen Thesen argumentierte, Privateigentum, Religion und die damalige Form der Ehe attackierte, erntete er andere Reaktionen. Engels schreibt: „Er wußte, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine Ächtung durch die offizielle Gesellschaft, der Verlust seiner ganzen sozialen Stellung. Aber er ließ sich nicht abhalten, sie rücksichtslos anzugreifen, und es geschah, wie er vorhergesehn.“ Wenn Engels dann fortsetzt, Owen sei hinfort „verbannt“ gewesen „aus der offiziellen Gesellschaft, totgeschwiegen von der Presse, verarmt durch fehlgeschlagne kommunistische Versuche in Amerika, in denen er sein ganzes Vermögen geopfert“,[150] malt er jedoch ein falsches Bild.
Owen zog sich ab 1824 aus dem aktiven Management von New Lanark zurück und kaufte in Indiana/ USA die 20.000 Morgen[151] umspannende Siedlung New Harmony. Hier sammelte er drei Jahre lang zunächst positive, ihm insgesamt sehr wertvoll erscheinende Erfahrungen beim Versuch, eine sich selbst verwaltende Gemeinschaft zu entwickeln. Zu diesem Projekt gehörten unter anderem eine unentgeltliche Einheitsschule für Kinder vom dritten bis 16. Lebensjahr und die Gleichstellung der Frau, inklusive Wahlrecht. New Harmony wurde trotz des letztlichen Scheiterns „zur Wurzelstätte der Frauenbewegung, des amerikanischen Sozialismus und der Genossenschaft“.[152]
Owen verlor in den USA vier Fünftel seines „beachtlichen Privatvermögens“,[153] doch sein Optimismus blieb ungebrochen. Zwischen 1826 und 1837 soll er „100 öffentliche Reden gehalten, […] 2000 Zeitungsartikel geschrieben und 300 Reisen gemacht haben“.[154]
1832 startete er in England ein neues Experiment: eine Bank zum direkten Tausch von Arbeitsleistungen und -produkten, als ersten Schritt zu einer „noch radikaleren Umgestaltung der Gesellschaft“.[155] Nach anfänglich intensivem Interesse zahlreicher Kunden stellte sich auch dieser Versuch 1834 als nicht durchhaltbar heraus. Owen verlor erneut einen Teil seines Besitzes, „übertrug den Rest seinen Kindern und behielt für sich nur soviel, wie zur Bestreitung eines bescheidenen Lebensunterhaltes erforderlich war“.[156]
Nachdem auch eine kommunistisch verwaltete Siedlungsgemeinschaft sich nicht realisieren ließ, verlagerte sich Owens Schwerpunkt noch mehr hin zur Öffentlichkeitsarbeit. 1835 – da war er 64 Jahre alt – gründete er die „Assoziation aller Klassen aller Nationen“, die er zu einer „Menschheitsschule zur sozialen Demokratie“ formen wollte. Die dadurch ausgelöste Bewegung soll bis zu 100.000 „erklärte Anhänger“ gehabt und „viel zur Ausbreitung des Sozialismus in England“ beigetragen haben. Bei Reisen, auf denen er diese Idee propagierte, wurde Owen 1837 einmal mehr „von Königen, Ministern und Gesandten empfangen“, erhielt diesmal jedoch keine Unterstützung.[157]
Erst in seinen letzten Jahren zog er sich mehr zurück, gab aber weder seine Hoffnungen noch seine Publikationstätigkeit auf. Eine „bei weitem unvollständige Liste“ seiner Veröffentlichungen enthält 129 Titel, die in bis zu neun Auflagen erschienen, sowie 11 von ihm herausgegebene Periodika.[158]
1858 starb Owen 87-jährig in seinem Geburtsort Newtown. Geistlichen Trost hatte er „mit entschiedener Würde abgelehnt“ und auf die provokante Frage des Pfarrers, ob er „nicht bedauere, sein Leben an fruchtlose Anstrengungen verschwendet zu haben“, soll er geantwortet haben: „Mein Leben war nicht nutzlos. Ich brachte der Welt wichtige Wahrheiten. Und wenn sie ihrer nicht achtete, so, weil sie sie nicht verstand. Ich bin meiner Zeit voraus.“[159]
Den Anspruch von Marx, die Welt nicht nur philosophisch zu interpretieren, sondern sinnvoll zu verändern,[160] hat Owen, der „die Einheit von Theorie und Praxis“ verkörperte,[161] vor Marx konsequent eingelöst.
Dass Owen nachhaltige Wirkungen erzielte, anerkannte auch Engels:
„Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte, die in England im Interesse der Arbeiter zustande gekommen, knüpfen sich an den Namen Owen. So setzte er 1819 nach fünfjähriger Anstrengung das erste Gesetz zur Beschränkung der Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. So präsidierte er dem ersten Kongreß, auf dem die Trade-Unions von ganz England sich in eine einzige große Gewerksgenossenschaft vereinigten. So führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein […]; andrerseits die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten […].“[162]
Marx rekapitulierte im Kapital:
„Als Robert Owen kurz nach dem ersten Dezennium dieses Jahrhunderts die Notwendigkeit einer Beschränkung des Arbeitstags nicht nur theoretisch vertrat, sondern den Zehnstundentag wirklich in seine Fabrik zu New-Lanark einführte, ward das als kommunistische Utopie verlacht, ganz so wie seine ‚Verbindung von produktiver Arbeit mit Erziehung der Kinder‘, ganz wie die von ihm ins Leben gerufenen Kooperationsgeschäfte der Arbeiter. Heutzutage ist die erste Utopie Fabrikgesetz, die zweite figuriert als offizielle Phrase in allen ‚Factory Acts‘,[163] und die dritte dient sogar schon zum Deckmantel reaktionärer Schwindeleien.“[164]
Halten wir also fest: Das Agieren in der „Charaktermaske“ war, wie Marx bekannt, keinesfalls unausweichlich. Kapitalisten konnten, wie an Engels und Owen ersichtlich, nicht nur innerhalb bestimmter Grenzen, die die Konkurrenz ihnen zog, unterschiedlich agieren. Sie konnten sich, wie Owen, sogar dagegen entscheiden, Kapitalisten zu bleiben. Ihnen drohte dann nicht der Tod, sondern vor allem, nicht mehr so reich zu sein, vielleicht auch, Lohnarbeiter zu werden. Während die Unterdrückten nur mit hohem Risiko aus ihren Verhältnissen heraustreten konnten, galt das nicht für die Unternehmer. Da Letztere über mehr Geld, Zeit, meist auch bessere Gesundheit und Bildung verfügten, war der Einfluss ihrer Interessen, Anschauungen, Ziele, Persönlichkeitsstrukturen und Betätigungen zudem weitaus stärker.
Ohnehin wird niemand als Kapitalist geboren, niemand muss es werden. Es gibt daher immer persönliche Motive, Kapitalist zu werden, zu sein oder es bleiben zu lassen.[165] Das verweist freilich auf etwas, das in die Denkschablone von Marx nicht passte: individuelle Persönlichkeitsstrukturen.[166]
Da alternatives Verhalten möglich ist, gibt es auch bedeutsamen subjektiven Spielraum – und damit etwas, was Marx Unternehmern weitestgehend absprach: persönliche Verantwortung. Während er Kapitalisten einerseits in ungerechtfertigter Pauschalität der schlimmsten Verbrechen beschuldigte, billigte er ihnen andererseits genauso realitätsfern Schuldunfähigkeit zu: als Instrumente „des Kapitals“. Doch Kapitalisten sind in der Regel volljährig, daher moralisch und juristisch verantwortlich für ihr Tun, einschließlich ihrer Verbrechen. Die Argumentation von Marx taugt nicht zur Begründung „mildernder Umstände“.
Aber war es nicht verständlich, dass jemand gern als Kapitalist materiell gesichert, komfortabel leben wollte? Gegenfrage: Welcher Preis war dafür zu entrichten?
Die Lage der arbeitenden Klasse
Nachdem Engels 21 Monate in Großbritannien die industrielle Entwicklung und ihre Folgen erkundet hatte, veröffentlichte er 1845 das Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Es enthält erschütternde Berichte über die Lebensumstände des englischen Proletariats. So erfährt man von Engels über die Wohnungen im Londoner Stadtteil St. Giles, dass
„der Schmutz und die Baufälligkeit alle Vorstellung übertrifft – fast keine ganze Fensterscheibe ist zu sehen, die Mauern bröcklig, die Türpfosten und Fensterrahmen zerbrochen und lose, die Türen von alten Brettern zusammengenagelt oder gar nicht vorhanden – hier in diesem Diebsviertel sogar sind keine Türen nötig, weil nichts zu stehlen ist. Haufen von Schmutz und Asche liegen überall umher, und die vor die Tür geschütteten schmutzigen Flüssigkeiten sammeln sich in stinkenden Pfützen. Hier wohnen die Ärmsten der Armen, die am schlechtesten bezahlten Arbeiter […]“.[167]
Zum Bethnal Green, einem anderen Viertel, zitiert Engels: „Nicht ein Familienvater aus zehnen in der ganzen Nachbarschaft hat andere Kleider als sein Arbeitszeug, und das ist noch so schlecht und zerlumpt wie möglich; ja viele haben außer diesen Lumpen keine andere Decke während der Nacht und als Bette nichts als einen Sack mit Stroh und Hobelspänen.“[168]
Aus der Zeitung entnahm Engels die Mitteilung, wie man die Leiche der 45jährigen Ann Galway im November 1843 vorgefunden hatte: Sie hatte
„mit ihrem Mann und ihrem 19jährigen Sohne in einem kleinen Zimmer gewohnt, worin sich weder Bettstelle oder Bettzeug noch sonstige Möbel befanden. Sie lag tot neben ihrem Sohn auf einem Haufen Federn, die über ihren fast nackten Körper gestreut waren, denn es war weder Decke noch Bettuch vorhanden. Die Federn klebten so fest an ihr über den ganzen Körper, daß der Arzt die Leiche nicht untersuchen konnte, bevor sie gereinigt war, und dann fand er sie ganz abgemagert und über und über von Ungeziefer zerbissen. Ein Teil des Fußbodens im Zimmer war aufgerissen, und das Loch wurde von der Familie als Abtritt benutzt“.[169]
Selbst dieses Elend ließ sich noch steigern. Denn in „London stehen jeden Morgen fünfzigtausend Menschen auf, ohne zu wissen, wo sie für die nächste Nacht ihr Haupt hinlegen sollen“. Hinzu kämen Hunger und Krankheit: „Während meiner Anwesenheit in England sind wenigstens zwanzig bis dreißig Menschen unter den empörendsten Umständen direkt Hungers gestorben“, noch viel mehr indirekt, „indem der anhaltende Mangel zureichender Lebensmittel tödliche Krankheiten hervorrief und so seine Opfer hinwegraffte […]“.[170]
Passagen aus dem Kapital ergänzen dieses Bild. So gibt Marx weiter, in Manchester sei „die mittlere Lebensdauer der wohlhabenden Klasse 38, die der Arbeiterklasse nur 17 Jahre […]. In Liverpool beträgt sie 35 Jahre für die erstere, 15 für die Zweite“.[171] Die Kinderarbeit „in den Glashütten“ kommentierte er mit den Worten:
„Abgesehn von der Kraftausgabe im Heben und Tragen, marschiert ein solches Kind in den Hütten, die Flaschen und Flintglas machen, […] 15 bis 20 (englische) Meilen in 6 Stunden! Und die Arbeit dauert oft 14 bis 15 Stunden! […] Herr White gibt Fälle, wo ein Junge 36 Stunden nacheinander arbeitete; andre, wo Knaben von 12 Jahren bis 2 Uhr nachts schanzen und dann in der Hütte schlafen bis 5 Uhr morgens (3 Stunden!), um das Tagwerk von neuem zu beginnen!“[172]
Und er führt einen Bericht an über das Schicksal „viele[r] Tausende[r] dieser kleinen hilflosen Kreaturen“, die ihren Eltern zuvor entrissen worden waren:
„Aufseher wurden bestellt, um ihre Arbeit zu überwachen. Es war das Interesse dieser Sklaventreiber, die Kinder aufs äußerste abzuarbeiten […]. Sie wurden zu Tod gehetzt durch Arbeitsexzesse … sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit; sie wurden in vielen Fällen bis auf die Knochen ausgehungert, während die Peitsche sie an der Arbeit hielt … Ja, in einigen Fällen wurden sie zum Selbstmord getrieben! … Die schönen und romantischen Täler von Derbyshire, Nottinghamshire und Lancashire, abgeschlossen vom öffentlichen Auge, wurden grause Einöden von Tortur und – oft von Mord! … Die Profite der Fabrikanten waren enorm.“[173]
Was also war[174] üblicherweise die Grundlage dafür, erfolgreicher Kapitalist zu sein, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen? Menschenverachtung, Bereitschaft zu Grausamkeit, zum massenhaften Erniedrigen, Schädigen, Verstümmeln und Töten von Individuen jeden Alters, dadurch: massive persönliche Schuld. Glaubte Marx ernsthaft, ein „naturgeschichtlicher Prozeß“ machte das unvermeidlich – und tilgte damit auch noch gleich diese Schuld?
Das Beispiel Robert Owen zeigt, dass es Menschen gab, die nicht bereit waren, in solcher Weise schuldig zu werden. (Und wer immer das gerade liest, kann sich fragen, ob er oder sie dazu bereit wären.) Owen bewies zugleich, dass sich Wirtschaftlichkeit und humanerer Umgang mit Arbeitern vereinbaren ließen, ohne Bankrott zu gehen oder sozialer Ächtung anheim zu fallen. Wenn die meisten Kapitalisten diesen Weg nicht gingen, vermutlich nicht einmal in Erwägung zogen, ließ sich das also erst recht nicht mit ökonomischer Notwendigkeit erklären.[175] Womit dann?
Ich meine: mit den typischen seelischen Verunstaltungen, die autoritäre Erziehung und Sozialisation anrichten. In unterdrückten Kindern entstehen berechtigte Wut, verständlicher Hass auf die unterdrückenden Erzieher. Da diese Gefühle nicht ausgedrückt werden dürfen, stauen sie sich an, werden dadurch destruktiv. Werden ihnen dann als Erwachsenen Möglichkeiten geboten, diese aufgestauten Gefühle, am besten gesellschaftskonform, zum Beispiel als Polizisten, Soldaten, erfolgreiche Politiker oder Unternehmer, an Schwächeren auszulassen, werden sie dieser Versuchung oftmals kaum widerstehen.
In diesem Verständnis ist Kapitalismus – wie jede unterdrückende Ordnung – ein Ausdruck massenhaft herbeisozialisierter psychischer Störungen. Zugespitzt durch gesellschaftliche Krisen können diese Störungen sich aufschaukeln zu Gewaltexzessen wie den faschistischen.[176]
Über diese Erkenntnisse, die erst Wilhelm Reich genauer herausarbeiten sollte,[177] verfügten Marx und Engels nicht. Doch vor der Frage, was Menschen motiviert, standen auch sie.
Leere Köpfe
1843/44 hatte Marx noch notiert: „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“[178] Schon 1845, in den Manuskripten zur Deutschen Ideologie, reduzierten Marx und Engels das, was an den „wirklichen Individuen“ und deren Lebensbedingungen wichtig sei, auf „die körperliche [!] Organisation dieser Individuen & ihr dadurch gegebenes Verhältniß zur übrigen Natur“, „die physische Beschaffenheit der Menschen, […] die geologischen, oro-hydrographischen,[179] klimatischen & andern Verhältnisse“.[180] Man könne „die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Thieren unterscheiden“.[181] Bewusstsein wird hier zu einem Unterscheidungsmerkmal unter vielen degradiert, gleichzeitig auf dieselbe Stufe gestellt wie die von Marx und Engels als irrational bekämpfte Religion. In Wahrheit begännen Menschen, „sich von den Thieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produziren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist“.[182]
Was „die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen“ seien dagegen „Nebelbildungen im Gehirn […], nothwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatirbaren & an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses“. Moral, Religion, Ideologie und ihnen ent-sprechende „Bewußtseinsformen“ besäßen weder „Selbständigkeit“ noch „Geschichte“ oder „Entwicklung“.[183] „Bei mir ist […] das Ideelle nichts anders als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle“, ließ Marx dann in der zweiten Kapital-Auflage seine Leser wissen.[184] Dieser Menschenkopf war für ihn anscheinend – abgesehen von tierischen Instinkten – zunächst leer, trug jedenfalls nichts Geistiges, Psychisches, „Ideelles“ in sich. Er schien anzunehmen, dass wir geboren werden ohne innere Kriterien dafür, was wir auf psychosozialer Ebene brauchen und was uns schadet, ohne Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Nähe, nach Kommunikation, ohne Intellekt, Neugier, Kreativität, ohne Voraussetzungen für Selbstorganisation:[185] weiße Blätter, auf die dann „das Materielle“, insbesondere die Produktionsverhältnisse, irgendwie den Text schreiben.
Träfe das zu, wären Säuglinge asoziale, roboterhafte Wesen, die ihre Mütter ausschließlich als Versorgungseinrichtungen zum Stillen körperlicher Bedürfnisse wahrnähmen.[186] Wir kämen damit armseliger auf die Welt als Pflanzen, deren innerer Bau- und Entwicklungsplan ihnen nicht nur ermöglicht, sich unter günstigen Umständen zu entfalten, sondern auch aktiv nach dem suchen, was sie zum Leben benötigen: Licht, Wasser, Nährstoffe, angemessene Nähe oder Distanz zu Artgenossen.[187]
Aber wenn Menschen so seelisch-geistig leer, antriebs- und ziellos wären, woher käme – in der Theorie von Marx und Engels – der Antrieb ihrer Entwicklung?
Kurzgefasst: von „außen“.
Menschenschaffende Arbeit
Wenngleich sie sich kaum mit individuellen Lebensläufen befassten, äußerten sich Marx und Engels doch zu Hintergründen der Menschheitsentstehung und -entwicklung.
1845 deuteten sie den Zeugungsakt als „Produktion des Lebens“ und behaupteten, dass „die Theilung der Arbeit […] ursprünglich nichts war als die Theilung der Arbeit im Geschlechtsakt“.[188] Geschlechtsverkehr als Arbeit – wohin die beiden jungen Männer blickten, sahen sie mit Vorliebe eines: Ökonomie. Im Kapital schrieb Marx:
„Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozeß, und [Benjamin] Franklin definiert daher den Menschen als ‚a toolmaking animal‘, ein Werkzeuge fabrizierendes Tier.“[189]
1876 spann Engels einen verwandten Gedanken weiter, in einem posthum als Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen veröffentlichten Fragment.[190] Unter „Arbeit“ verstand er dort jene Betätigung, die „mit der Verfertigung von Werkzeugen“, genauer mit Werkzeugen „der Jagd und des Fischfangs, erstere zugleich Waffen“ einsetze. Diese Arbeit sei die
„erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen. […] Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache[191] – das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommnere eines Menschen allmählich übergegangen ist“.[192]
Vielleicht überlegte Engels, warum „die Arbeit“, wenn sie denn über jene gewaltige Macht verfügte, nicht wenigstens alle Primaten in Menschen verwandelte. Jedenfalls machte er die zusätzliche Annahme, Ausgangspunkt sei eine „Affenrasse“ gewesen, „die an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit allen andern weit voraus war“.[193] Damit mutmaßte er jedoch über geistig-seelische Voraussetzungen der Menschheitsentwicklung, die es schon vor „der Arbeit“ gab, ohne die „Arbeit“ deshalb nichts hätte bewegen können.
Im Widerspruch zur dominanten Rolle von „Arbeit“ stand ebenso Engels‘ Aussage, als „diese Affen“ anfingen, „auf ebner Erde sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen […], war der entscheidende Schritt getan für den Übergang vom Affen zum Menschen“[194] – somit gänzlich ohne Arbeit. Statt „Arbeit zuerst“ hätte er also formulieren müssen: Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und aufrechter Gang zuerst![195]
Entsprechend damaliger Erkenntnisse ging Engels davon aus, dass nur „Hunderttausende von Jahren […] vergangen“ waren, „ehe aus dem Rudel baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen hervorgegangen war“.[196] Nach aktuellem Forschungsstand setzte die Entwicklung zum Menschen (und zu den anderen heutigen Primaten) bereits vor sechs bis sieben Millionen Jahren ein. Das momentan als frühestes bekannte Fossil der Gattung Homo, somit das erste Anzeichen einer Gesellschaft von Menschen, ist auf ein Alter von 2,8 Millionen Jahre datiert worden.[197] Die ältesten Nachweise für Werkzeugherstellung, die verlässlich der Gattung Homo zugeschrieben werden kann, stammen aus 2,6 Millionen Jahre zurückliegender Zeit.[198] Bis dahin hätten also bis zu 4,4 Millionen Jahre „Menschwerdung“ stattgefunden, für die zumindest bislang keine Beweise vorliegen für „Arbeit“ im Sinne von Engels. Waffennutzung für die Jagd ist sogar erst für die letzten 500.000 Jahren belegt.[199] Der moderne Mensch, der Homo sapiens[200] – eine 1758 von Carl von Linné eingeführte Bezeichnung – ist offenbar seit 200.000 bis 300.000 Jahren ausgereift.
Engels grenzte Menschen auch noch auf andere Weise von Tieren ab. Wenn Letztere „eine dauernde Einwirkung auf ihre Umgebung ausüben“, geschehe das unabsichtlich und sei, „für diese Tiere selbst, etwas Zufälliges“. Das Tier benutze „die äußere Natur bloß“ und bringe
„Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt“.[201]
Würde Arbeit so intensiven Einfluss ausüben, sollte sie das zudem permanent tun. Dementsprechend meinte Engels, die durch Arbeit verursachte „Weiterbildung“ habe sich nach Abschluss der Menschwerdung „im ganzen und großen gewaltig“ fortgesetzt.[205] Doch bis in die heutige Zeit hinein sind „Populationen, z. B. in Südamerika, Australien und Afrika, in ihrer sozialen Verfasstheit, einschließlich dem Entwicklungsstand ihrer Werkzeuge und Kommunikationsmittel, auf ‚vormodernem Niveau‘ stehen geblieben […]. Der Faktor Arbeit hat sich hier nicht fortentwickeln können“.[206] Das ist nach meinem Empfinden nicht abgedeckt durch Engels‘ Einschränkung, die „Weiterbildung“ sei „stellenweise […] unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang“.[207]
Ein Großteil dessen, was bei Engels wie Tatsachenfeststellung klang, waren ohnehin Vermutungen.[208] Der Anthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow rekapitulierten 2020, dass noch heute für unsere Vorgeschichte „kaum Funde“ vorliegen:
„So gibt es […] Tausende von Jahren, in denen die einzig verfügbaren Zeugnisse hominider Aktivitäten etwa aus einem einzigen Zahn oder vielleicht ein paar Splittern behauenem Feuerstein bestehen. […] Wie sahen diese urmenschlichen Gesellschaften aus? Wir sollten wenigstens an dieser Stelle ehrlich sein und zugeben, nicht die geringste Ahnung zu haben. […] In Bezug auf die meisten Perioden wissen wir nicht einmal, wie Menschen unterhalb des Kehlkopfs gebaut waren, ganz zu schweigen von der Pigmentierung, der Ernährung und all dem anderen.“[209]
Erste „direkte Zeugnisse für das, was wir heute […] als ‚Kultur‘ bezeichnen, reichen“ wiederum „nicht mehr als 100.000 Jahre zurück“. Erst seit knapp 50.000 Jahren kommen solche Zeugnisse allmählich häufiger vor.[210] Und erst seit ca. 5.000 Jahren sind uns mittels Schriftsprachen komplexere Beschreibungen hinterlassen worden.[211] Selbst wenn wir nicht sieben sondern nur sechs Millionen Jahre seit Beginn der Menschwerdung annehmen, heißt das: Für mindestens 5,9 Millionen Jahre, also ca. 98 Prozent davon, lassen sich keinerlei überprüfbare Aussagen treffen zu sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fragen.[212]
Engels ging zwar, wie erwähnt, von einem Zeitraum von nur hunderttausenden Jahren aus. Doch auch bei dieser Rechnung läge der übergroße Anteil der Menschwerdung im Dunkeln. Und 1876 konnte die Archäologie noch weitaus weniger Funde präsentieren als heute.
Was Engels offenbar tat, war, die Vorstellungen von ihm und Marx über „Arbeit“ und Ökonomieprimat in die ferne Vergangenheit zu projizieren – mit schon zu seiner Zeit teils recht zweifelhaften Argumentationen. Dazu wurde „Arbeit“ von ihm personifiziert und mit geradezu magischer Macht versehen, welche den genaueren Blick auf menschliche Motive und psychosoziale Gegebenheiten erneut – scheinbar – unnötig machte.
Diese Herangehensweise war keine Spezifik von Engels.
Was ist Kapital?
In Marx‘ gleichnamigen dreibändigen Werk findet sich keine Definition des titelgebenden Gegenstandes, sondern eine Vielzahl teils widersprüchlicher Aussagen dazu.[213]
Eine kleine Auswahl: Kapital ist das, was aus einem Wert wird, der sich „verwertet“, zu „Mehrwert“ wird.[214] „Jedes neue Kapital betritt zum erstenmal die Bühne […] immer noch als Geld, […] das sich durch bestimmte Prozesse in Kapital verwandeln soll.“[215] „Kapital ist Geld, Kapital ist Ware.“[216] Im dritten Kapital-Band heißt es dann:
„Aber das Kapital ist kein Ding, sondern ein bestimmtes, gesellschaftliches, einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation angehöriges Produktionsverhältnis, das sich an einem Ding darstellt. Das Kapital ist nicht die Summe der materiellen und produzierten Produktionsmittel. Das Kapital, das sind die in Kapital verwandelten Produktionsmittel, die an sich so wenig Kapital sind, wie Gold und Silber an sich Geld ist. Es sind die von einem bestimmten Teil der Gesellschaft monopolisierten Produktionsmittel, die der lebendigen Arbeit gegenüber verselbstständigten Produkte und Betätigungsbedingungen eben dieser Arbeitskraft.“[217]
Kapital ist also laut Marx gleichzeitig Mehrwert, Geld, Ware, Produkte, Produktionsmittel. Aber es ist, meint er, trotzdem „kein Ding“ – sondern ein Produktionsverhältnis, damit eine in seinem Verständnis ausgesprochen umfassende Kategorie, zu der Rohstoffe, Produktionsmittel und menschliche Arbeitskräfte ebenso gehören wie die zwischen ihnen ablaufenden Prozesse und vorhandene „Betätigungsbedingungen“.[218]
Diese irritierende Vielfalt illustriert Marx mit unterschiedlichsten Beispielen, Zuordnungen, ökonomischen Analysen, mathematischen Nachweisen oder Statistiken. Er beschreibt, wie Unternehmer Kapital erwerben, vermehren, einteilen[219] und umwandeln,[220] befasst sich mit „Kapital von 500 Talern“[221] ebenso wie mit „Kapital, das 100 000 Pf[und] St[erling]“ kostet,[222] mit vorgeschossenem, zinstragendem, produktivem, variablem, konstantem, fixem, totem, flüssigem, fiktivem, zirkulierendem, gesellschaftlichem, funktionierendem, personifiziertem, Wucher-, Kaufmanns-, Geld-, Waren-, Handels-, Warenhandlungs- und Geldhandlungskapital.[223]
Damit sind seine Schilderungen nicht erschöpft. Er führte eine zusätzliche Erzählebene ein, durch die wir das Kapital noch einmal auf ganz andere Weise kennenlernen.
Das beseelte Ungeheuer
Während Kapitalisten und Arbeiter im Kapital meist als halbtote Gliederpuppen erscheinen, haben sie dort einen quicklebendigen, machtvollen Kontrahenten: eben „das Kapital“. Dieses Wesen wird von Marx mit „Lebensgeschichte“[224] und Persönlichkeitsprofil ausgestattet.
Das Kapital komme „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“[225] zur Welt, als „verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt“.[226] Es „konsumiere Arbeitskraft“,[227] beginne „zu ‚arbeiten‘ […], als hätt‘ es Lieb‘ im Leibe“:[228] ein „sich selbst verwertende[r] Wert, ein beseeltes Ungeheuer“. [229] Dabei komme es sich „selbst zum Bewußtsein als eine gesellschaftliche Macht“.[230]
Getrieben von „Exploitationsgier und Herrschsucht“,[231] habe es „einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb, sich zu verwerten“.[232] Es verfüge nicht nur über die Fähigkeit, „Mehrwert“ zu produzieren[233] und „Geld zu hecken“,[234] also zu (er)zeugen, sondern auch über „Geist“[235] und, jedenfalls in England, über ein „innerstes Seelengeheimnis“.[236] Die „Kapitalseele“[237] sei in der Lage zu träumen, zum Beispiel davon, dass Arbeitshäuser eingerichtet würden.[238] Kapital könne sprechen, antworten, agitieren, Gesetze formulieren, über Steuern „zetern“, einen „Feldzug“ unternehmen, eine „Revolte“ einleiten und „Orgien“ feiern.[239]
Da die „Entwicklung der Produktivkräfte“ seine „historische Aufgabe“ sei, schaffe das Kapital „unbewußt die materiellen Bedingungen einer höhern Produktionsform“,[240] werfe sich „mit aller Macht und vollem Bewußtsein auf die Produktion von relativem Mehrwert“.[241] Es ordne „sich zunächst die Arbeit unter mit den technischen Bedingungen, worin es sie historisch vorfindet“,[242] übernehme „Kommando“, „Leitung, Überwachung, Vermittlung“ der Produktion,[243] beschäftige und entlohne die Arbeiter, treibe, „ohne daß es sich dessen bewußt wäre, zur gewaltsamsten Verlängrung des Arbeitstags“, stelle ein „Zwangsverhältnis“ her, „welches die Arbeiterklasse nötigt, mehr Arbeit zu verrichten“.[244]
Dabei sei das Kapital „rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird“, leugne „die Leiden“ der „Arbeitergeneration“,[245] verlange und ertrotze sich „den Genuß, achtjährige Arbeiterkinder unausgesetzt von 2 bis halb 9 Uhr abends“ schuften und „hungern zu lassen!“[246]
Als „Auspumper von Mehrarbeit und Exploiteur von Arbeitskraft übergipfelt es an Energie, Maßlosigkeit und Wirksamkeit alle frühern auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionssysteme“.[247]
Nicht zu vergessen jene im wahrsten Sinne des Wortes Charakterisierung des Kapitals, die Marx zustimmend zitierte:
„‘Kapital‘, sagt der Quarterly Reviewer, ‚flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren‘.“[248]
Was für ein brutales, kreatives, intelligentes, hochpotentes Monster! Marx-Biograf Jürgen Neffe imaginiert es als „gefräßige[n], nimmersatte[n], zum ewigen Wachstum verdammte[n] Krake[n], der sich alles einverleibt, das ihm zu nahe kommt“ und bescheinigt dem Kapital-Buch Qualitäten einer Schauer- und Spukgeschichte, wie sie im 19. Jahrhundert vielfach verfasst wurden.[249]
„Nur“ Metaphern?
Es steht außer Frage, dass Marx nicht glaubte, das Kapital sei ein menschliches Wesen. Wenn er fabuliert, das Kapital komme „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ zur Welt, ist das eine Metapher, ein poetisches Bild.[250]
Statt des „eigentlichen Wortsinns“ wird in der Metapher „etwas anderes zu verstehen gegeben“,[251] der „eigentliche Ausdruck wird durch etwas ersetzt, das deutlicher, anschaulicher oder sprachlich reicher sein soll“.[252] Metaphern produzieren daher immer einen „Überschuss“ an Information, „der anregend und irritierend zugleich ist“.[253]
Mit diesem Stilmittel kann auch ein wissenschaftlich umrissener Sachverhalt sprachlich variiert, illustriert, ausgeschmückt, ironisiert werden, lässt sich ein Text bereichern, verständlicher, emotionaler machen.
Aber diese metaphorische Umschreibung darf der ursprünglichen Botschaft nicht zuwiderlaufen. Metaphern können aufgrund ihrer notwendigerweise stärker ausdeutbaren Formulierungen zudem nur zusätzlich verwendet werden zum wissenschaftlichen „Klartext“. Wo kein „eigentlicher Ausdruck“ vorhanden ist, kann er nicht gelegentlich durch poetische Bilder ersetzt werden.
Doch was ist bei Marx der „eigentliche Ausdruck“?
Animismus?
Kapital als Wert, der im kapitalistischen Produktions- und Handelsprozess bereits an Wert gewonnen hat, ist selbstverständlich real, zum Beispiel in Form von Geldscheinen oder -münzen, Bankkonten, Immobilien.
Was passiert, wenn wir dieses reale Kapital in einige der Marx-Zitate einsetzen? Ein Hundertmarkschein erkennt die „Entwicklung der Produktivkräfte“ als seine „historische Aufgabe“. Ein Haufen Dollarmünzen schafft „unbewußt die materiellen Bedingungen einer höhern Produktionsform“. Ein Bankkonto wirft sich „mit aller Macht und vollem Bewußtsein auf die Produktion von relativem Mehrwert“. Eine Immobilie ertrotzt sich „den Genuß, achtjährige Arbeiterkinder unausgesetzt von 2 bis halb 9 Uhr abends nicht nur schanzen, sondern auch hungern zu lassen!“
So etwas funktioniert höchstens in Trickfilmen für Kinder oder in animistischen Vorstellungen einer grundsätzlich beseelten Welt[254] – die Marx in keiner Weise vertrat. Diese Ersetzung ergibt keinen Sinn.
Kapital = Kapitalismus?
Ist das Kapital-Wesen vielleicht eine Metapher für die gesamte vom Privatbesitz an Produktionsmitteln gekennzeichnete Gesellschaftsordnung?
1849 hatte Marx geschrieben, das Kapital sei ein „bürgerliches Produktionsverhältnis.“ Und: „Die Produktionsverhältnisse in ihrer Gesamtheit bilden das, was man die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gesellschaft nennt.“[255] Hier äußert er also die befremdliche Idee, Produktionsverhältnisse seien gleichzusetzen mit der gesamten Gesellschaft. Da er Letzteres im ersten Kapital-Band noch einmal zitiert,[256] scheint er bei dieser Auffassung geblieben zu sein.[257]
Das Kapital scheint in seiner Vorstellung allerdings nur eines von mehreren gleichzeitig existierenden Produktionsverhältnissen gewesen zu sein, konnte deshalb wohl nicht für den Kapitalismus insgesamt stehen. Bereits im Kommunistischen Manifest würdigten er und Engels den Kapitalismus zudem als notwendigen, insofern begrüßenswerten Fortschritt gegenüber früheren Gesellschaften.[258] Ich habe nicht entdeckt, dass Marx sich von dieser Wertung distanziert hätte. Dass er Kapitalismus pauschal einem bösartigen Wesen gleichsetzten wollte, halte ich daher für ausgeschlossen.
„Kapitalismus“ in seinen Text einzufügen statt „Kapital“, würde außerdem erneut sinnfreie Sätze erzeugen: Der Kapitalismus erkennt die „Entwicklung der Produktivkräfte“ als seine „historische Aufgabe“, schafft „unbewußt die materiellen Bedingungen einer höhern Produktionsform“. Kapitalismus ist eine Abstraktion, ein Begriff, aber kein handelndes Subjekt, er kann weder erkennen noch schaffen.
Kapitalist statt Kapital?
Wesentlich sinnvoller wird es, wenn wir in den zitierten Metaphern das Kapitalwesen ersetzen durch „Kapitalisten“.
Kapitalisten sprechen tatsächlich, sie antworten, agitieren, formulieren Gesetze, zetern über Steuern, unternehmen Feldzüge, leiten Revolten ein, feiern Orgien. Sie sind in der Lage „die materiellen Bedingungen einer höhern Produktionsform“ zu schaffen und sich „mit aller Macht und vollem Bewußtsein auf die Produktion von relativem Mehrwert“ zu werfen. Über Kapitalisten lässt sich wahrheitsgemäß aussagen, dass sie sich die Arbeit unterordnen, „Kommando“, „Leitung, Überwachung, Vermittlung“ der Produktion übernehmen, „zur gewaltsamsten Verlängrung des Arbeitstags“ treiben, ein „Zwangsverhältnis“ herstellen, „welches die Arbeiterklasse nötigt, mehr Arbeit zu verrichten“. Zumindest die meisten Kapitalisten sind „rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters“, wo sie „nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen“ werden; viele dürften in der Tat getrieben sein von „Exploitationsgier und Herrschsucht“.
Wenn wir uns den Text von Marx genauer anschauen, stellen wir freilich fest: Diese Aussagen sind im Wesentlichen bereits in ihm enthalten. Was er über das Kapitalmonster zu Papier bringt, formuliert er meist noch einmal ähnlich für die Kapitalisten. Mit wichtigen Unterschieden: Hier bevorzugt er einen vergleichsweise sachlich-nüchternen Tonfall, verzichtet weitgehend auf moralische Wertung – und entschuldigt die Unternehmer mehrfach damit, dass sie ja als Kapital-„Personifikationen“ und Getriebene ökonomischer Zwangsgesetze nicht anders könnten. Kapitalisten werden zwar als machtvoll gegenüber den Arbeitern geschildert, aber nicht als so mächtig, eigenständig und mystisch überhöht wie das Kapitalmonster, vor dem sie ja selbst zu Kreuze kriechen.
Auch dafür einige Belege: Kapitalisten hätten, so Marx, einen „absolute[n] Bereicherungstrieb“, eine „unauslöschliche Leidenschaft für den Gewinn“, spürten „Exploitationslust“, Lust am Ausbeuten. Die „Produktion von Gebrauchswerten oder Gütern“ finde „für den Kapitalisten und unter seiner Kontrolle“ statt.[259] Er müsse „die Arbeitskraft zunächst nehmen, wie er sie auf dem Markt vorfindet“, konsumiere diese Kraft,[260] verzehre sie,[261] verleibe sich „durch den Kauf der Arbeitskraft die Arbeit selbst als lebendigen Gärungsstoff“ ein.[262] Der „Arbeitsprozeß“ sei „ein Prozeß zwischen Dingen, die der Kapitalist gekauft hat, zwischen ihm gehörigen Dingen“.[263] Der Kapitalist wolle „nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert“ erzeugen,[264] dränge daher mit „Heißhunger nach Mehrarbeit“ und „zu maßloser Verlängrung des Arbeitstags“.[265] „26 Firmen“ hätten den britischen Staat ersucht, durch „gewaltsame Einmischung“ zu verhindern, dass die Altersgrenze für Kinderarbeit heraufgesetzt werde.[266] Mit „zynischer Rücksichtslosigkeit, mit terroristischer Energie“ wären die „Herrn Fabrikanten“ „in offne Revolte“ ausgebrochen gegen das am 1. Mai 1848 in Kraft getretene Gesetz der Arbeitsbegrenzung auf zehn Stunden.[267] Die Bourgeoisie verwende auf verschiedene Weise „die Staatsgewalt, um den Arbeitslohn zu ‚regulieren‘“.[268]
Der „Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld“ werde „so unentbehrlich wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfeld“. Die „Macht asiatischer und ägyptischer Könige“ sei „in der modernen Gesellschaft auf den Kapitalisten übergegangen“. Er habe „die unbedingte Autorität […] über Menschen, die bloße Glieder eines ihnen gehörigen Gesamtmechanismus bilden“.[269] Der „aus vielen individuellen Teilarbeitern zusammengesetzte gesellschaftliche Produktionsmechanismus gehört dem Kapitalisten“, welcher „unbezahlte Arbeit unmittelbar aus den Arbeitern“ herauspumpe und „in Waren fixiert“. Ihm gelinge sowohl „der Verkauf der produzierten Ware“ als auch „die Rückverwandlung des aus ihr gelösten Geldes in Kapital,“ womit er sich „Verwertungs- und Genußmittel“ verschaffe.[270] Die Lohnarbeiter wiederum befänden sich in „hilflose[r] Abhängigkeit vom Fabrikganzen, also vom Kapitalisten“, stünden „unter dem Kommando“ des Fabrikanten, gehörten ihm.[271]
Wiederholt verwischen sich in der Darstellung von Marx die Grenzen zwischen Kapitalwesen und Kapitalisten. So sei die „Rate des Mehrwerts […] der exakte Ausdruck für den Exploitationsgrad der Arbeitskraft durch das Kapital oder des Arbeiters durch den Kapitalisten.“ „Der Kapitalist“ tue „im einzelnen, was das Kapital bei der Produktion des relativen Mehrwerts im großen und ganzen tut.“ Zweck und Motiv „des kapitalistischen Produktionsprozesses“ sei „möglichst große Selbstverwertung des Kapitals, […] also möglichst große Ausbeutung der Arbeitskraft durch den Kapitalisten“.[272] „Nach mir die Sintflut!“ sei
„der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation. Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird. Der Klage über physische und geistige Verkümmrung, vorzeitigen Tod, Tortur der Überarbeit, antwortet es: Sollte diese Qual uns quälen, da sie unsre Lust (den Profit) vermehrt? Im großen und ganzen hängt dies aber auch nicht vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Konkurrenz macht die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend“.[273]
Was den Kapitalisten noch vom Kapitalwesen unterscheidet, ist zum Beispiel, dass nur Letzteres „aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ zur Welt kommt, ein „beseeltes Ungeheuer“ ist, welches Geld „hecke“ und den Proletariern die Arbeitskraft „aussauge“: Zuschreibungen, die an Märchen wie das vom hinterlistigen, goldspinnenden Rumpelstilzchen, an Horrorstorys wie die von Frankensteins Monster[274] oder an Vampirgeschichten erinnern und das Kapitalwesen als übermenschlich stark und unmenschlich böse erscheinen lassen.
Was genau sich Marx dabei gedacht haben mag, eine nahezu identische Geschichte zweimal, mit verschiedenen Protagonisten und differierenden Haltungen zu erzählen, einmal als Dokumentation und einmal als Mythos, darüber lässt sich nur spekulieren. Klar ist jedoch, welche Konsequenzen er dadurch vermeiden konnte.
Marx war angetreten, mittels des Kapital-Buches zu beweisen, dass es sich bei der Entwicklung von Gesellschaftsformationen um einen „naturgeschichtlichen Prozess“ handle, dem Menschen sich zu beugen hätten. Da dies so sei, könne der Einzelne nicht verantwortlich gemacht werden für die sozialen Verhältnisse:[275] Wer für sein Tun keine Wahl hat, kann ja nicht schuldig werden.
Hätte er im Weiteren die Kapitalisten stattdessen als schuldhaft, damit eigenverantwortlich Handelnde enttarnt, die also doch über Alternativen verfügten, wäre seine – für ihn und die Bedeutung seiner Lehre fundamentale – These von der unvermeidlich ablaufenden sozialökonomischen Menschheitsentwicklung geplatzt. Das ersparte er sich durch die Erfindung eines übergeordneten Kapitalmonsters, eines Sündenbocks, auf welchen er Vergehen, Verbrechen, psychische Störungen und destruktive Motivationen von Fabrikanten projizierte.
Dieses Monster fungierte zugleich als „deus ex machina“: ein göttliches Wesen, wie es antike Dramatiker aus dem Hut zauberten, damit es objektiv unlösbare Konflikte vor den staunenden Augen des Publikums einer Scheinlösung zuführte. Thomas Steinfeld merkt an: Bei Marx dienen Metaphern oftmals „als Zauberstab, um das nicht recht ineinander Passende zusammenzufügen“.[276]
Da es für die Argumentation von Marx so wichtig war, individuelle Spielräume und Motive zu negieren, wäre es auch keinesfalls in seinem Sinne, in den zitierten Formulierungen „Kapital“ durch „Kapitalist“ zu ersetzen. Das heißt ebenfalls: Wenn wir seine Sichtweise übernehmen, gibt es keinen „eigentlichen Ausdruck“ für welchen das metaphorische Kapitalwesen steht; dieses poetische Bild hängt bei ihm in der Luft, ist blanke Phantasie – und somit für einen Text mit wissenschaftlichem Anspruch schlicht untauglich.
Mit dem Etikett „Kapital“ beklebte Marx ein Sammelsurium, das gar nicht auf einen Nenner zu bringen war, verschmolz Dinge, Menschen, Prozesse, Verhältnisse, Beziehungen, Berech-nungen, Reales und Irreales zu einer nur suggerierten Einheit. Er konnte daher „Kapital“ nie definieren.
Die Verfahrensweise, durch Personifizierung von Dingen offene Fragen ebenso auszublenden wie die eigentlichen, menschlichen Akteure, wendete Marx mehrfach an. „Das Kapital“ mischte weiter kräftig mit.
Fremde Wesen
1843 schrieb Marx, das „Geld“ habe „die ganze Welt, die Menschheit wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt,“ „dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“[277]
1844 attestierte er der Arbeit, sie „sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Wa-re“.[278] Über „Ware“ erfuhr man dann im Kapital, sie „liebt das Geld“,[279] sei „ein sehr vertracktes Ding […], voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken“ sowie interner Kommunikationsmöglichkeit. Die Ware „Leinwand“ beispielsweise verrate, „sobald sie in Umgang mit andrer Ware, dem Rock, tritt“, „ihre Gedanken in der ihr allein geläufigen Sprache, der Warensprache“.[280] Vom „Wert“ hören wir, er werde „das Subjekt [!] eines Prozesses, worin er […] seine Größe selbst verändert, […] sich selbst verwertet. […] Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldne Eier“, verwandle sich in ein „automatisches Subjekt“.[281]
Das Produktionsverhältnis stattete Marx mit derselben Macht und Lebendigkeit aus wie das Kapital, indem er beide gleichsetzte: „das Kapital ist“ ein „einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation angehöriges Produktionsverhältnis“.[282] Ebenso verfuhr er mit den Produktionsmitteln („Das Kapital, das sind die in Kapital verwandelten Produktionsmittel“)[283] und dem Geld: „Jedes neue Kapital betritt zum erstenmal die Bühne […] immer noch als Geld.“[284]
Im Nachwort zur zweiten Kapital-Auflage[285] stoßen wir dann auf eine Häufung von Marx animierter Wesenheiten:
„Einerseits trat die große Industrie selbst nur aus ihrem Kindheitsalter heraus, wie schon dadurch bewiesen ist, daß sie erst mit der Krise von 1825 den periodischen Kreislauf ihres modernen Lebens eröffnet. Andrerseits blieb der Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit in den Hintergrund gedrängt, […] ökonomisch durch den Hader des industriellen Kapitals mit dem aristokratischen Grundeigentum […].“
Noch kurz vor Schluss des dritten Kapital-Bandes wiederholt sich die Metapher, der Kapitalist sei „in der Tat nichts […] als das personifizierte Kapital“, gefolgt von der unpoetischen Formulierung, die kapitalistische Wirtschaft sei „charakterisiert“ durch „die Verdinglichung der gesellschaftlichen Produktionsbestimmungen und die Versubjektivierung der materiellen Grundlagen der Produktion“.[286] Mit „Versubjektivierung“ meinte Marx nicht, die individuelle Persönlichkeit der Kapitalisten – die bei ihm ja nicht vorkommt – bestimme den Produktionsprozess, sondern er variierte einmal mehr die These, „das Kapital“ agiere als Subjekt.
Was Marx schon 1844 festgehalten hatte, wirkt insofern wie eine programmatische Ankündigung: „Je mehr der Arbeiter sich ausarbeitet, um so mächtiger wird die fremde, gegenständliche Welt, die er sich gegenüber schafft.“ Sein Arbeitsprodukt existiere „unabhängig“ von ihm, als „selbständige Macht“; „das Leben, was er dem Gegenstand verliehn hat“, trete „ihm feindlich“ gegenüber: „Mit der Masse der fremden Gegenstände wächst […] das Reich der fremden Wesen, denen der Mensch unterjocht ist.“[287]
Seelische Zustände
Marx-Biograf Michael Heinrich fasst die diesbezüglichen Ansichten von Marx treffend zusammen: „In einer Waren produzierenden Gesellschaft stehen die Menschen (und zwar alle!) tatsächlich unter der Kontrolle der Sachen.“[288] Doch Sachen sind nun einmal mal per Definition unlebendig. Sie verfügen nicht über Gedanken, Gefühle, Willen, Ziele, können auch nicht kontrollieren und herrschen. Sachen werden allerdings von Menschen verwendet, die kontrollieren und herrschen wollen oder andere Ziele verfolgen.
Ein am Wegesrand liegender Stein lauert nicht auf mich. Eine Verletzung durch diesen Stein entstünde erst, wenn ihn eine, vielleicht wutgeladene Person nach mir wirft. Wenn ich diese Person nicht gesehen habe und naiv genug bin, kann ich mir unter Umständen einbilden, der Stein selbst wollte mich verletzen. Aber das ist eben: Einbildung.
Was also fasste Marx hier tatsächlich in Worte und Bilder? Eine psychische Realität: Menschen kommt es so vor, als ob sie von Sachen beherrscht werden, sie reden es sich ein, lassen es sich einreden – und verhalten sich dementsprechend. Sie bauen sich einen tönernen Götzen und beten ihn an als machtvollen Herrscher.
Michael Heinrich schreibt, die „sachliche Herrschaft“ bestünde ausschließlich, „weil sich die Menschen in einer besonderen Weise auf diese Sachen beziehen“.[289] Heißt im Gegenzug: Die vermeintliche Herrschaft von Sachen endet, sobald die Menschen sich in anderer Weise auf die Sachen beziehen, wenn sie realitätsgerecht mit ihnen umgehen, der Suggestion und Autosuggestion, der Gehirnwäsche ein Ende setzen, den Götzen entzaubern, seine Hintermänner und -frauen identifizieren und entmachten.
Wo Marx objektiven wirtschaftlichen Faktoren beim Wirken zuzusehen glaubte, beschrieb er daher in Wirklichkeit oftmals seelische Zustände. Genauer gesagt: seelische Zustände autoritär erzogener, dadurch von sich selbst entfremdeter Individuen.
Den autoritären Charakter[290] kennzeichnen zwei hauptsächliche Handlungsoptionen: nach oben buckeln, nach unten treten. Diese „Radfahrer-Persönlichkeit“ wird, mehr oder weniger ausgeprägt, allen Angehörigen patriarchal-hierarchischer Gesellschaftsordnungen ab Geburt andressiert. Sie verbindet daher „oben“ mit „unten“, kann jedoch an der Spitze der Machtpyramide anders agiert werden als an deren Fuße.[291] Wer es schafft, führender Kapitalist oder einer von dessen privilegierten Handlangern zu werden, kann „treten“. Den „Arbeiternehmern“ sowie dem Rest der Bevölkerung wird nahegelegt, zu buckeln. Die Mehrheit hält sich daran. Doch, wie gezeigt: Es existieren, insbesondere für Kapitalisten, erwähnenswerte Spielräume.
Marx hat also das Verhalten der meisten Menschen im Kapitalismus korrekt wahrgenommen und dargestellt. Aber er zog den falschen Schluss, sie müssten sich auch so verhalten.
Um das zu vermeiden, hätte er die Ökonomiefixierung zugunsten einer ganzheitlicheren, nicht zuletzt psychologischen Sichtweise aufgeben müssen. Freilich: Wie hätte er das tun sollen? Was er da zu erkennen vermeinte, hielt er ja für gesetzmäßig.
Soziale Gesetze
1844 schrieb Friedrich Engels: „Das Gesetz der Konkurrenz ist, daß Nachfrage und Zufuhr“ von Produkten nicht steuerbar seien, „weil in diesem bewußtlosen Zustande der Menschheit kein Mensch weiß,“ was an Erzeugnissen tatsächlich benötigt oder absetzbar sei. Da sich in der kapitalistischen Wirtschaft daher nie in „ein gesunder Zustand“ einstelle, führe das unausweichlich zu Krisen, diese letztlich unausweichlich zu Revolutionen. Dies sei, betonte Engels, „ein reines Naturgesetz“. Den auch ihm naheliegend erscheinenden Einwand „Was soll man von einem Gesetz denken, das sich nur durch periodische Revolutionen durchsetzen kann?“ wischte er hinweg: „Es ist eben ein Naturgesetz, das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten beruht.“[292] Um da ein naturgesetzliches, damit unvermeidliches Wirken annehmen zu können, hätte Engels die „Bewußtlosigkeit“ ebenfalls als unvermeidlich einordnen müssen. Stattdessen fügte er die Aufforderung an: „Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein, und ihr seid über alle diese künstlichen und unhaltbaren Gegensätze hinaus.“[293] Dass sich mit diesem Befreiungsschlag auch jenes „Naturgesetz“ in Luft auflösen würde, scheint weder ihn irritiert zu haben noch Marx, der im Kapital zustimmend auf die ersten Zeilen dieses Passus verweist.[294]
Letzteres ist nicht verblüffend: Im Hauptwerk von Marx häufen sich derartige „Gesetze“. Bereits im Vorwort ist von „den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion“ die Rede, welche „mit eherner Notwendigkeit“ wirken und sich durchsetzen. Als „letzte[n] Endzweck“ seines Buches benennt Marx dort, „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“. Die „Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation“ werde von ihm als „naturgeschichtliche[r] Prozeß“ aufgefasst,[295] „naturgemäße Entwicklungsphasen“ der Gesellschaft ließen sich „weder überspringen noch wegdekretieren“.[296]
Um nur einige weitere Beispiele aufzulisten: Da gibt es „Gesetze des einfachen relativen
Wertausdrucks“, ein „blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit“, das „Gesetz, daß die Quantität der Zirkulationsmittel bestimmt“, „die Gesetze des Geldumlaufs“, das „Gesetz der Spekulation“, Gesetze „über die Natur der Ware, des Werts, des Geldes“, das „Gesetz des Warenaustausches“, die „immanenten Gesetze der einfachen Warenzirkulation“, die „Naturgesetze der modernen Produktionsweise“,[297] die „Zwangsgesetze der Konkurrenz“, das „Gesetz der Wertbestimmung durch die Arbeitszeit“, das „Gesetz der Verwertung“, das „absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“.[298] Zu Letzterem macht Marx die Ergänzung, dass es „gleich allen andren Gesetzen in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modifiziert“ wird. Wer nun genaueren Aufschluss erhofft, wird enttäuscht: Marx wehrt ab, dass „deren Analyse nicht hierher gehört“.[299]
Eine Relativierung enthält auch seine Einschätzung, dass die „Arbeiterklasse […] aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständli-che Naturgesetze anerkennt.“[300] Das ist zugleich eine der Stellen, wo bei Marx eine Ahnung durchzuschimmern scheint, dass er seelische Zustände abhandelt.[301] Denn es klingt ja, als bildeten Arbeiter sich ein, dass es sich um Naturgesetze handelt; würden sie dieser Sichtweise ihre Anerkennung entziehen oder Änderungen in Erziehung, Tradition, Gewohnheit vornehmen, wären jene „Gesetze“ erledigt. Aber auch dem geht Marx nicht nach.
Manche Gesetze könnten sich, teilt er mit, ineinander „verwandeln“, so die „Gesetze über den Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwert […] in Gesetze des Arbeits-lohns“. Oder: Im selben Maße, wie die Warenproduktion „nach ihren eignen immanenten Gesetzen sich zur kapitalistischen Produktion fortbildet, in demselben Maß schlagen die Eigentumsgesetze der Warenproduktion um in Gesetze der kapitalistischen Aneignung.“[302]
Marx verdeutlicht mehrfach, dass die Gleichsetzung mit physikalischen oder biologischen Naturgesetzen, mit langfristig unveränderlichen, von Menschen jedenfalls unabhängigen Wirkfaktoren wörtlich zu nehmen sei.[303] So setze sich die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam“ durch „wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt“.[304] Zu sozialen Kasteneinteilungen und Handwerker-Zünften heißt es, sie „entspringen aus demselben Naturgesetz, welches die Sonderung von Pflanzen und Tieren in Arten und Unterarten regelt“.[305] Der „Wechsel der Arbeit“ setze sich „als überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung eines Naturgesetzes“[306] durch, also wohl: analog einer Naturkatastrophe. Und über die „gesellschaftliche Produktion“ erfahren wir, sie verhalte sich „[g]anz wie Himmelskörper“, die „einmal in eine bestimmte Richtung geschleudert, dieselbe stets wiederholen“.[307]
1868 bekräftigte Marx in einem Brief: „Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden.“[308]
Scheinbar herrschende Zufälle
Doch wie sollten sich all diese sozialökonomischen (Natur-)Gesetze durchsetzen, wo sie ja auf unzählige Menschen stoßen, die verschiedener „physische(r) Beschaffenheit“ sind, in unterschiedlichsten „geologischen, oro-hydrographischen, klimatischen & andern“[309] Verhältnissen leben, verschiedenartige Veranlagungen, Interessen, Klassenzugehörigkeiten haben, sich bezüglich „Geschlecht, Alter und Geschick“,[310] Bildungsstand, Erfahrung und vielem anderen voneinander unterscheiden?
Da sich Marx derartig oft auf „Gesetze“ beruft, hängt die Glaubwürdigkeit seiner Konzepte in hohem Maße davon ab, wie sich diese Frage beantworten lässt. Als Engels sich 1886 erneut dazu äußerte, griff er wieder auf die „Bewusstlosigkeit“ zurück:
„In der Natur sind es […] lauter bewußtlose blinde Agenzien,[311] die aufeinander einwirken und in deren Wechselspiel das allgemeine Gesetz zur Geltung kommt. […] Dagegen in der Geschichte der Gesellschaft sind die Handelnden lauter mit Bewußtsein begabte, mit Überlegung oder Leidenschaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen; nichts geschieht ohne bewußte Absicht, ohne gewolltes Ziel. Aber dieser Unterschied […] kann nichts ändern an der Tatsache, daß der Lauf der Geschichte durch innere allgemeine Gesetze beherrscht wird. Denn auch hier herrscht auf der Oberfläche, trotz der bewußt gewollten Ziele aller einzelnen, im ganzen und großen scheinbar der Zufall. Nur selten geschieht das Gewollte, in den meisten Fällen durchkreuzen und widerstreiten sich die vielen gewollten Zwecke oder sind diese Zwecke selbst von vorn-herein undurchführbar oder die Mittel unzureichend. So führen die Zusammenstöße der zahllosen Einzelwillen und Einzelhandlungen auf geschichtlichem Gebiet einen Zustand herbei, der ganz dem in der bewußtlosen Natur herrschenden analog ist. […] Wo aber auf der Oberfläche der Zufall sein Spiel treibt, da wird er stets durch innre verborgne Gesetze beherrscht, und es kommt nur darauf an, diese Gesetze zu entdecken.“[312]
Ich halte diese Argumentation für unbelegt, unbelegbar und tautologisch: Weil es nun mal diese Gesetze gibt, wirken sie eben gesetzmäßig; daher haben sowohl der Zufall als auch die betroffenen Menschen keine andere Wahl, als sie umzusetzen, basta!
Das steht zudem im Widerspruch zu – mir berechtigt erscheinenden – Überlegungen, die Marx und Engels 1845, zu Beginn ihrer Kooperation, anstellten: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“[313] Im Manifest der Kommunistischen Partei hieß es dann: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“[314] Statt um gesetzmäßige Zufälle ging es da noch um – veränderbare! – Machtstrukturen, die verhindern, dass von der großen Mehrheit Gewolltes sich gegen die Interessen der Herrscher durchsetzt.
Naturgesetze
Laut der 2021 erschienene Enzyklopädie Philosophie ist ein Naturgesetz „eine in den Naturwissenschaften, v[or] a[llem] in der Physik, Chemie, Biologie, in den angewandten Naturwis-senschaften wie z.B. in der Geologie oder der Medizin und teilweise in der biologischen Psychologie erkannte Gesetzmäßigkeit, die objektiv und universell gilt“.[315] Zu Lebzeiten von Marx war die Erläuterung weniger exakt; man verstand darunter „‘Gesetze, nach denen die Veränderungen in der Natur stattfinden‘. Als naturwissenschaftlich erklärbar galten alle Veränderungen, die sich in mathematischen Formeln ableiten ließen“. [316]
Ich kann mir aber kein Naturgesetz vorstellen, dessen Wirkung die von ihm betroffenen Objekte erst selbst herstellen, indem sich „in den meisten Fällen“ ihre Zielsetzungen „durch-kreuzen“ oder auf andere Weise scheitern.
Der Tübinger Philosoph Karl Theodor Groos illustrierte das 1926 an einem Beispiel: Auch wenn Schneeflocken zunächst „vom Wind in die Höhe gewirbelt werden, statt dem Gravitationsgesetz nach auf die Erde zu fallen“, wirkt die Gravitation von Anfang an und durchweg auf sie ein[317] – das Gesetz der Schwerkraft stellt sich nicht erst dadurch ein, dass sie in verschie-dene Richtungen fliegen und vielleicht irgendwann kollidieren. Und schon gar nicht realisiert sich die Gravitation per Zufall. Ganz abgesehen davon, dass Schneeflocken nichts „wollen“, keine Eigendynamik in den Prozess einbringen, es nicht darauf anlegen, der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen.[318]
Fragwürdige Vorausschau
Bei Wikipedia erfahren wir, dass eine „genaue, einheitliche und abschließende Definition des Begriffs“ Naturgesetz nicht existiert und dass mit diesem Wort „in Naturwissenschaften und Wissenschaftstheorie die orts- und zeitunabhängige und auf Naturkonstanten beruhende Regelmäßigkeit von Naturerscheinungen bezeichnet“ werden. Wegen letzterer Eigenschaften erlaubten Naturgesetze, „beobachtbare Ereignisse zu erklären und vorherzusagen“.[319] Von den Vorhersagen, die Marx und Engels machten, sind jedoch viele nicht eingetroffen, insbesondere was politische Umwälzungen betraf.
Im Manifest hieß es 1848, dass die „deutsche bürgerliche Revolution […] nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann“.[320] In der Neuen Rheinischen Zeitung teilte Marx im Januar 1849 als „Inhaltsanzeige des Jahres 1849“ mit: „Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg.“[321] Wenige Monate danach vermeldete Engels in derselben Zeitung: „Noch ein paar Tage also, und […] die magyarische [= ungarische] Revolution ist beendigt, und die zweite deutsche in großartigster Weise eröffnet.“[322] 1850 informierten beide ihre Kampfgenossen: „Die Revolution […] steht nahe bevor“,[323] kann „nicht mehr lange ausbleiben“.[324] Engels‘ Lageeinschätzung von 1854 lautete: „Von Manchester bis Rom, von Paris bis Warschau und Pest“[325] sei die Revolution „allgegenwärtig, erhebt ihr Haupt und erwacht vom Schlummer“.[326] Marx kündigte 1863 an, „Wir werden bald Revolution haben“, „gehn offenbar einer Revolution entgegen – woran ich seit 1850 nie gezweifelt habe.“[327]
Zwar formulierten sie ihre Erwartungen in späteren Jahren seltener und weniger enthusiastisch. Doch anscheinend unbeirrt von den zitierten und weiteren Fehlprognosen[328] behauptete Marx im ersten Band des Kapital, dass „[m]it der Masse der beschäftigten Arbeiter […] ihr Widerstand“ wachse und es zur „unvermeidliche[n] Eroberung der politischen Gewalt durch die Arbeiterklasse“ kommen werde.[329] „Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten“ wachse
„die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse.[330] […] Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert“.[331]
Die „kapitalistische Produktion“ erzeuge „mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation“.[332] 1880, dreizehn Jahre danach, meinte auch Engels, in den damals durch Monopolbildung entstehenden „Trusts“, werde „die Ausbeutung so handgreiflich, daß sie zusammenbrechen muß. Kein Volk würde eine durch Trusts geleitete Produktion, eine so unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit durch eine kleine Bande von Kuponabschneidern[333] sich gefallen lassen“.[334]
Genau das ist heute jedoch noch immer beziehungsweise wieder bei den meisten Völkern der Fall – und in viel zugespitzterer Weise. 2017 besaßen die acht reichsten Männer der Welt „mehr Kapital, als der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung zur Verfügung steht“; „99 Pro-zent“ der Menschen erlitten dadurch „massive Nachteile“.[335] In der BRD verfügte 2020 ein Prozent der Erwachsenen über 35 Prozent des Gesamtvermögens. Während der – und durch die – Corona-„Pandemie“[336] konnten zehn der weltweit reichsten Männer ihr Vermögen seit 2020 verdoppeln.[337] Zumindest im „Westen“ dürfte der als „Great Reset“ und „New Green Deal“ angepriesene Eliten-Putsch inklusive planmäßiger Entmachtung und Verarmung der Bevölkerungen sowie die seit der Ukraine-Krise anschwellende Rüstungsproduktion die Kapitalkonzentration inzwischen weiter vorangetrieben haben.
Die sozialistische Revolution ist also laut Marx und Engels seit langem überfällig, auch global. Aber sie ist nicht in Sicht.
Was nach dem Tod von Marx und Engels tatsächlich folgte, waren unter anderem zwei Weltkriege, Faschismus, ein „realer Sozialismus“ mitsamt Stalinismus, ein kapitalistischer „Westen“, wo Arbeiter trotz Kapitalkonzentration mehr Wohlstand erlangten, dann der Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems zugunsten einer fast weltweiten Neoliberalisierung. Und nun, aktuell, kämpft die Mehrheit der Welt um Multipolarität und gegen den US-geführten „Westen“ – ein Kampf vor allem zwischen Staaten mit kapitalistischer Wirtschaft, der dennoch auf der nicht-westlichen Seite seine Berechtigung hat.
Nur wenig davon ließ und lässt sich mit den Vorhersagen von Marx in Übereinstimmung bringen oder „marxistisch“ erklären, die sozialökonomische Verfassung des heutigen Chinas ebenfalls nicht.[338] Der Philosoph Volker Riedel bilanziert:
„Zunächst einmal sind Marx gravierende historische Fehleinschätzungen im Hinblick auf den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus unterlaufen. Er hat ebensosehr die Lebensfähigkeit der kapitalistischen Produktionsweise unter- wie die Potenzen der sozialistischen überschätzt und dabei weder den Reformismus in der Arbeiterbewegung vorhergesehen noch die Eigendynamik bürokratischer Apparate in Betracht gezogen. Zudem hat er […] den Verlauf der proletarischen Revolution unrichtig prognostiziert […].“[339]
Nicht nur die Qualität der Voraussagen lässt an den von Marx und Engels angenommenen naturgesetzlichen Abläufen zweifeln.
Eingeschränkter Blick zurück
Im Kommunistischen Manifest hatten Marx und Engels verkündet: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“[340] Als Engels diese Schrift 40 Jahre später wieder herausgab, lag neues ethnologisches Wissen vor, mit dem Marx und er sich auseinandergesetzt hatten.[341] Nun versah Engels den Satz aus dem Manifest mit der lapidaren Fußnote: „Das heißt, genau gesprochen, die schriftlich überlieferte Geschichte“[342] – was vielleicht bedeuten sollte: Solange es schriftliche Überlieferungen gibt, spiegeln sich dort Klassenkämpfe wider.
In der Vorrede zu dieser Neuveröffentlichung grenzte Engels genauer ein: Seit Untergang des von ihm angenommenen Urkommunismus[343] sei „die Geschichte der Menschheit […] eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen“.[344] Damit gestand er zugleich ein, dass sich für den – auch nach damaligem Kenntnisstand – übergroßen Teil der Menschheitsgeschichte der Klassenkampf, also jene Triebkraft, der Marx und er doch so große Bedeutung beimaßen, nicht zur Begründung sozialen Wandels heranziehen ließ.
Die Abfolge von Gesellschaftsformationen, die sie aus dem vermuteten Ablauf wirtschaftlicher Höherentwicklung ableiteten, stand ebenfalls auf tönernen Füßen.
In Briefentwürfen meinte Marx 1881, einer „primitiven Gesellschaftsformation“ folgten die „auf Privateigentum“ basierenden Formationen, zunächst „Sklaverei“, dann „Leibeigenschaft“,[345] also Feudalismus. Engels schilderte seine ähnliche Auffassung in der 1884 erschienenen Schrift Der Ursprung der Familie, das Privateigentums und des Staates. Dem Ethnologen Lewis Morgan zustimmend, nahm er als früheste Epochen „Wildheit“ und „Barbarei“[346] an. Danach seien die „drei großen Formen der Knechtschaft“ entstanden, „wie sie für die drei großen Epochen der Zivilisation charakteristisch sind“: „Die Sklaverei ist die erste, der antiken Welt eigentümliche Form der Ausbeutung; ihr folgt die Leibeigenschaft im Mittelalter, die Lohnarbeit in der neueren Zeit.“[347]
Sowohl Marx als auch Engels gerieten hier nicht nur mit eigenen Aussagen in Widerspruch.[348] Sie blendeten ebenso ihnen bekannte Forschungsergebnisse aus, unter anderem über frühe ägyptische und südamerikanische Kulturen.[349]
Ihre Einteilung blieb somit „auf Gesellschaften nach westlichem Muster“ beschränkt. Die ältesten Hochkulturen „des globalen Südens und Ostens mit ihrem zum Teil deutlich schwächer ausgeprägten Privateigentum“ und der geringeren Bedeutung von Sklavenhaltung wurden „quasi per Definition von der Zugehörigkeit zur […] ‚Zivilisation‘ ausgeschlossen“.[350]
Der Wissenschaftsjournalist Martin Kuckenburg hat diesen Zusammenhängen eine vierbändige Ausarbeitung gewidmet. Er resümiert: Letztlich blieben Marx und Engels zeittypischen eurozentristischen Vorurteilen verhaftet über Gesellschaften mit teils „fortbestehenden kollektivistischen Strukturen und ihrem deutlich anders […] geartetem Entwicklungsweg“.[351]
Wunschdenken
Ein weiterer Einwand erscheint mir noch bedeutsamer: Naturgesetze werden und wurden üblicherweise als vom Menschen unabhängige Zusammenhänge begriffen. Wie könnte es aber jemals soziale, politische und wirtschaftliche Prozesse geben, die von Menschen – als deren Träger! – unabhängig sind?[352] All dies Soziale, Politische und Wirtschaftliche findet doch nur statt, weil und solange Menschen existieren.[353]
Schauen wir uns noch einmal an, wie Marx und Engels in den soeben zitierten Stellen ihre Hoffnungen auf Veränderung begründeten. Gegen den angeblich immer unaushaltbarer werdenden Kapitalismus würde die anwachsende Arbeiterschaft immer mehr Widerstand leisten, sich immer mehr empören – zumal der „Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses“ die Arbeiter schule, vereine und organisiere. Erst recht würde kein Volk eine so unverhüllte Ausbeutung durch eine derart kleine Gruppe sich gefallen lassen, wie sie die Kapitalkonzentration mit sich brächte. Hier ging es also maßgeblich um seelische Vorgänge, um Emotionen und Motivationen und daraus erwachsendes Handeln. Und nun rächte sich einmal mehr, dass Marx und Engels dieses Gebiet so oberflächlich abtaten. Denn, wie schon beschrieben, ihre diesbezüglichen Ankündigungen waren Wunschdenken.
Dem ließe sich entgegnen: Marx und Engels wollten doch vor allem ökonomische Zusammenhänge analysieren und konnten nicht alles gleichzeitig bewältigen. Richtig! Aber dass sie trotzdem unqualifizierte Aussagen über seelische Vorgänge trafen, lief ihrem Anspruch zuwider, empirische Wissenschaft zu betreiben und ließ sie an den genannten Stellen in die Irre gehen.[354]
Und, um es zu wiederholen: Sie hätten das auch nicht nötig gehabt. Denn sie konnten auf ihnen bekannte Vorleistungen zurückgreifen. Nur zwei prägnante Beispiele will ich benennen.
Hergestellte Unmündigkeit
1784 veröffentlichte der 60-jährige Philosoph Immanuel Kant seinen Aufsatz Zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Kant beginnt mit einem Paukenschlag:
„AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[355]
„Faulheit und Feigheit“ sieht Kant als tiefere Ursachen, „warum ein so großer Teil der Menschen“, darunter „das ganze schöne Geschlecht“,
„gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“[356]
Der „Schritt zur Mündigkeit“ sei „unbequem“. Dass er – zu Unrecht – gleichzeitig für gefährlich gehalten werde,
„dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht […] gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen“.[357]
Es sei daher „für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ“.[358]
Natürlich lässt sich aus heutiger Sicht manches daran kritisieren, so die Abwertung von Frauen, die Fixierung auf „Verstand“, die pauschale Beschuldigung, Unmündigkeit liege an Faulheit und Feigheit. Aber Kants Artikel enthielt etwas, was im Satz aus dem 1848er Manifest – „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse“[359] – fehlte: Aussagen über autoritäre Charakter- und Sozialstrukturen und Überlegungen, wie sich diese herstellen und abschütteln lassen. Den herbeisozialisierten inneren Widerstand gegen eigenständiges Denken und Handeln[360] einbeziehend, hätten Marx und Engels weniger optimistische, dafür realistischere Vorhersagen abgeben können.[361]
Ulrich Pagel, Mitherausgeber der rekonstruierten Deutschen Ideologie, verweist darauf, dass die „klassischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts“ – zu denen Kant zählte – die Überzeugung teilten, herrschende Machtverhältnisse seien die „Folge von unter Annahme ihrer vermeintlichen Notwendigkeit eingegangenen Beziehungen“, auf die man sich also „letztlich freiwillig“ einlasse.
Diese Sichtweise, so Pagel, sei ebenfalls kennzeichnend gewesen für Max Stirner.[362]
Anerzogene Unterwürfigkeit
Der ja als Lehrer tätige Stirner erfasste konkreter als Kant, wie schon in der Kindheit jene psychische Deformation einsetzt, die sich Erziehung nennt. 1842 hieß es in einem seiner Zeitungsartikel:[363]
„Wie in gewissen anderen Sphären, so läßt man auch in der pädagogischen die Freiheit nicht zum Durchbruch, die Kraft der Opposition nicht zu Worte kommen: man will Unterwürfigkeit. Nur ein formelles und materielles Abrichten wird bezweckt […]. Unser guter Fonds von Ungezogenheit wird gewaltsam erstickt und mit ihm die Entwicklung des Wissens zum freien Willen. […] Wie wir uns in der Kindheit in alles zu finden gewöhnten, was uns aufgegeben wurde, so finden und schicken wir uns später ins positive Leben, schicken uns in die Zeit, werden ihre Knechte und sogenannte gute Bürger. Wo wird denn an Stelle der bisher genährten Unterwürfigkeit ein Oppositionsgeist gestärkt, […] wo gilt der freie Mensch als Ziel, und nicht der bloß gebildete?“
In Der Einzige und sein Eigentum, jenem Buch Stirners, an dem sich Marx und Engels 1845/46 abarbeiten, hieß es dann zur „Wirksamkeit pfäffischer Geister“: deren „moralischer Einfluss“ beginne, „wo die Demütigung beginnt, ja er ist nichts anderes, als diese Demütigung selbst“. Der Mensch solle auf diese Weise dazu gebracht werden, sich zu
„beugen […], soll folgsam sein, […] seinen Willen aufgeben gegen einen fremden, der als Regel und Gesetz aufgestellt wird; er soll sich erniedrigen vor einem Höheren: Selbsterniedrigung. […] Ja, ja, die Kinder müssen bei Zeiten zur Frömmigkeit, Gottseligkeit und Ehrbarkeit angehalten werden; ein Mensch von guter Erziehung ist Einer, dem ‚gute Grundsätze‘ beigebracht und eingeprägt, eingetrichtert, eingebläut und eingepredigt worden sind“.[364]
Und dies nicht etwa nur von Lehrern und Pfaffen, sondern beginnend in der Familie. Stirner berichtet, wie aus der vom Kind gefürchteten „Strafrute“ und „strengen Miene des Vaters“ letztlich jene Gewissensinstanz wird, die den Erwachsenen ein Leben lang quält.[365] Sigmund Freud wird das später im Begriff „Über-Ich“ fassen. Was autoritäre Erziehung als Alternative übriglässt, bringt Stirner so auf den Punkt: „der Stock überwindet entweder den Menschen oder der Mensch überwindet den Stock“.[366]
Ulrich Pagel würdigt daher ganz zu Recht „das Aufdecken von Herrschaftsverhältnissen als Machtbeziehungen, die ihren Bestand und ihre Rigidität unbewussten und stets aufs Neue vollzogenen Akten der Unterwerfung“ seitens der Untertanen verdanken, als „[f]undamentale[n] Bestandteil“ von Stirners Wirken: Dieser sah „nicht nur das Ent-, sondern auch das fortwährende Bestehen der kritikwürdigenden Verhältnisse“ als „Konsequenz des Handels konkreter menschlicher Individuen“.[367]
Als Ausweg aus der Unterwerfung hatte Stirner schon 1842 das „Offenbaren“ und „Auffinden seiner selbst“, die „Entledigung von aller Autorität“ benannt.[368] Der Einzige und sein Eigentum liest sich wie ein individualistischer, sozialökonomische Fragen nur streifender Fahrplan für den Weg dorthin. Stirner bedurfte deshalb, meine ich, durchaus der Ergänzung um diesbezügliche Erkenntnisse von Marx und Engels. Aber das galt ebenso umgekehrt: Marx und Engels wären gut beraten gewesen, Stirners Ansätze für ein psychologisches Verständnis sozialer Prozesse zu nutzen.
Doch wie die psychische Struktur von Menschen außerhalb und vor der Produktionssphäre, insbesondere in der Kindheit, geprägt wurde, war ja für Marx und Engels allenfalls von marginalem Interesse. Gekoppelt an die Überbewertung von „Arbeit“ und ihren Fortschrittsglauben, führte das bei Marx zu Schlüssen, die ich als inhuman empfinde.
Kinderarbeit
1866 verfasste Marx „Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats“ der Internationalen Arbeiterassoziation. Dort hieß es:
„Wir betrachten die Tendenz der modernen Industrie, Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts zur Mitwirkung an dem großen Werk der gesellschaftlichen Produktion heranzuziehen, als eine fortschrittliche, gesunde und berechtigte Tendenz, obgleich die Art und Weise, auf welche diese Tendenz unter der Kapitalherrschaft verwirklicht wird, eine abscheuliche ist.“[369]
Also: Kinderarbeit beibehalten, weil im Prinzip fortschrittlich. Daher sei sie selbst im Sozialismus weiter vonnöten:
„In einem rationellen Zustand der Gesellschaft sollte jedes Kind vom 9. Jahr[370] an ein produktiver Arbeiter werden, ebenso wie kein arbeitsfähiger Erwachsener von dem allgemeinen Naturgesetz ausgenommen sein sollte, nämlich zu arbeiten, um essen zu können, und zu arbeiten nicht bloß mit dem Hirn, sondern auch mit den Händen.[371] […]
Aus physischen Gründen halten wir es für notwendig, dass die Kinder und jungen Personen beiderlei Geschlechts in drei Gruppen eingeteilt werden, die unterschiedlich behandelt werden müssen. Die erste Gruppe soll das Alter von 9 bis 12 Jahren umfassen, die zweite das von 13 bis 15 Jahren und die dritte das von 16 und 17 Jahren. Wir schla-gen vor, dass die Beschäftigung der ersten Gruppe in irgendeiner Werkstatt oder mit häuslicher Arbeit gesetzlich auf zwei Stunden beschränkt wird, die der zweiten auf vier und die der dritten auf sechs Stunden. Für die dritte Gruppe muss eine Unterbrechung von wenigstens einer Stunde für Mahlzeiten oder Erholung gegeben werden.“[372]
Marx scheint das Propagieren dieser Vision als Umsetzung seiner in den „Instruktionen“ erhobenen Forderung angesehen zu haben: „Das Recht der Kinder und Jugendlichen muß geschützt werden. Sie sind nicht imstande, für sich selbst zu handeln. Es ist deshalb die Pflicht der Gesellschaft, für sie einzutreten.“[373] In diesem Sinne verlangte er auch, Kinderarbeit nachts und in gesundheitsschädigenden Gewerben zu verbieten und sie mit einem „Elementarunterricht“ zu kombinieren: Es dürfe „weder Eltern noch Unternehmern gestattet werden […], die Arbeit von jungen Personen anzuwenden, es sei denn, sie ist mit Erziehung verbunden“. Darunter sei zu verstehen: „Geistige Erziehung. […] Körperliche Erziehung, wie sie in den gymnastischen Schulen und durch militärische Übungen [!] gegeben wird. […] Polytechnische Ausbildung, die die allgemeinen Prinzipien aller Produktionsprozesse vermittelt.“[374]
Ein Jahr später, 1867, ließ sich dann im Kapital nachlesen, der „Keim der Erziehung der Zukunft, welche für alle Kinder über einem gewissen Alter produktive Arbeit mit Unterricht und Gymnastik verbinden wird,“ sei „nicht nur […] eine Methode zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion, sondern […] die einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen“.[375] Auch Menschen sollten also wieder einmal „produziert“ werden: Marx kam nicht los vom Ökonomisieren.
1875 hielt er noch immer ein „Allgemeines Verbot der Kinderarbeit“ für
„unverträglich mit der Existenz der großen Industrie und daher leerer frommer Wunsch. Durchführung desselben – wenn möglich – wäre reaktionär [!], da, bei strenger Regelung der Arbeitszeit nach den verschiednen Altersstufen und sonstigen Vorsichtsmaßregeln zum Schutz der Kinder, frühzeitige Verbindung produktiver Arbeit mit Unterricht eines der mächtigsten Umwandlungsmittel der heutigen Gesellschaft ist“.[376]
Wie Marx wusste und mehrfach dokumentiert hatte, kostete jeder Monat Kinderarbeit tausende Kinder Gesundheit oder Leben. Die sozialistische Umwandlung der Gesellschaft durch Kinderarbeit – vermeintlich – zu befördern, erschien ihm dennoch wichtiger. Die „große Industrie“ sollte später zeigen, dass deren von Marx behauptete Abhängigkeit nicht zutraf: Die europäische Wirtschaft kam seit dem 20. Jahrhundert zunehmend ohne Kinderarbeit aus.
Dass es Kinderarbeit gab, erleichterte Marx vermutlich, seine These durchzuhalten, Menschen würden erst durch Arbeit geformt. Doch auch Mitte des 19. Jahrhunderts verbrachten Kinder ihre früheste Lebensphase zumeist zuhause; ihr „gesellschaftliches Sein“ war zunächst ein familiäres. Kinderarbeit setzte mit späterem Alter ein, bei Bürgerkindern gar nicht.[377]
Obwohl Eltern und Erzieher üblicherweise gesellschaftliche, nicht zuletzt autoritäre Normen und Werte vermittelten, galten zudem weder in Familien noch in Schule, Studium und den im 19. Jahrhundert aufkommenden Kindergärten exakt dieselben Regeln wie in Betrieben.
Spezifisch für die Erziehung von Kindern ist darüber hinaus, dass sie auf existenziell komplett abhängige, seelisch „formbare“ Wesen einwirkt. Dadurch werden deren psychische Strukturen nachhaltig geprägt: vor jedem Direktkontakt mit der Produktion. Auch individuelle „Menschwerdung“ begann schon immer weit vor „Arbeit“.
Das zu berücksichtigen, wäre für das Abschätzen möglicher Bewusstseinsveränderungen innerhalb des Proletariats höchst bedeutsam gewesen. Denn deren anerzogene psychische Strukturen beeinflussten wiederum ihren Umgang mit „Arbeit“.
Je intensiver sie bereits in der Kindheit auf Unterordnung abgerichtet wurden, desto williger dürften sie sich künftig durch Chefs (und Politiker) drangsalieren lassen. Und: Desto schwerer musste es ihnen fallen, sich dagegen aufzulehnen.
Wer also wollte, dass sich Menschen wehren gegen unzumutbare Lebensumstände, hätte – wie es Stirner vordachte –, bereits in der Kindheit ansetzen müssen und nicht erst bei der Schulung von Proletariern.[378]
Vulgärpsychologie
In seiner 1933 erschienenen Massenpsychologie des Faschismus setzte sich Wilhelm Reich mit dem „Vulgärmarxismus“ auseinander – den er als Gegensatz zur Lehre von Marx und Engels verstand. Vulgärmarxisten trennten, so Reich, „schematisch das gesellschaftliche, meist das wirtschaftliche Sein vom Sein überhaupt ab“,[379] behaupteten, Ideologie und Bewusstsein wären „durch das wirtschaftliche Sein allein und unmittelbar bestimmt“,[380] negierten die Beschäftigung mit Trieben, Bedürfnissen, seelischen Prozessen als idealistisch.
Abgeschwächt hätten sich diese Vorwürfe jedoch ebenfalls an Marx und Engels richten lassen. Einer alleinigen und unmittelbar ökonomischen Bestimmtheit ideologischer Prozesse haben sie widersprochen, wenn auch selten. Gesellschaftliches Sein betrachteten sie zwar im Zusammenhang mit dem „Sein überhaupt“, priorisierten aber das wirtschaftliche Sein in unangemessener Weise. Sie verleugneten nicht die Existenz seelischer Vorgänge, doch deren reale Bedeutung und Eigendynamik.
Reich setzte fort: Der Vulgärmarxist sei gezwungen, „unausgesetzt praktische Psychologie zu betreiben, von den Bedürfnissen der Massen, von revolutionärem Bewusstsein, vom Streikwillen etc. zu sprechen. Je mehr er nun die Psychologie leugnet, desto mehr betreibt er selbst metaphysischen Psychologismus“ oder tröste „die Massen […], sie sollten doch auf ihn vertrauen, es gehe trotz alledem vorwärts, die Revolution lasse sich nicht niederringen und so fort“.[381] In diese – selbst aufgestellte – Falle sind Marx und Engels mehrfach gelaufen.
Auch sie konnten nicht durchweg vermeiden, die seelische Verfassung jener heranzuziehen, die sie ansonsten vorwiegend als willenlose Zombies darstellten. Und plötzlich erwachten diese Zombies und taten, was Marx und Engels brauchten, um ihre Prognosen zu rechtfertigen: Widerstand leisten, trainieren für die Revolution. Die „Charaktermasken“ fallen – und niemand weiß, warum.
Vielleicht ließe sich dieses Vorgehen titulieren als „Vulgärpsychologie“: Nicht näher begründete oder gar nicht begründbare Behauptungen über psychische Zusammenhänge und Zustände werden als Erklärungen verwendet.
Ein weiteres Beispiel dafür lieferte Engels im Ursprung der Familie. Dort fasst er die Entwicklung der letzten Jahrtausende so zusammen: Die „Zivilisation“ habe „die schmutzigsten Triebe und Leidenschaften der Menschen in Bewegung“ gesetzt „und auf Kosten“ ihrer übrigen Anlagen entwickelt. „[P]latte Habgier“ sei „die treibende Seele der Zivilisation von ihrem ersten Tag bis heute“ gewesen, „Reichtum und abermals Reichtum und zum drittenmal Reichtum, Reichtum nicht der Gesellschaft, sondern dieses einzelnen lumpigen Individuums, ihr einzig entscheidendes Ziel“.[382]
Obwohl Engels natürlich keine Kunde hatte von der psychischen Verfassung der Menschheit am „ersten Tag“ der Zivilisation, meinte er, über deren Gesamt-„Seele“ urteilen, in dieser jahrtausendelange Konstanten diagnostizieren zu können. Dabei stellte er ein krudes Menschenbild zur Schau: Schmutzige Triebe als zur menschlichen Grundausstattung gehörig, Habgier als seither wichtigstes Motiv der gesamten Gesellschaft, also wohl auch über jene Klassengrenzen hinweg, die er und Marx sonst betonten.[383] Da spielten dann plötzlich ökonomische „Gesetze“ nicht mehr die Hauptrolle, sondern Zielstellungen einzelner, lumpiger Individuen – eine ebenso erstaunliche wie befremdliche Aufwertung der Rolle des Einzelnen.
Der Ursprung der Familie wurde zu einer der meistverbreiteten Schriften von Engels. 1892 konnte er sie in vierter, erweiterter und überarbeiteter Auflage herausgeben.[384] An den oben zitierten Sätzen hat er nichts geändert.
Der bekannteste Versuch von Marx, seinen Geschichtsoptimismus zu begründen, leidet ebenfalls empfindlich unter dem Ausklammern psychosozialer Realität.
Soziale Umwälzung ohne Menschen
1859, im Vorwort seiner Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie schrieb Marx:
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt.“[385]
Auf diesen „Überbau“ ging er nie tiefgründig ein.[386] Er setzte fort:
„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“[387]
Materielle Produktivkräfte geraten in Widerspruch zu Produktionsverhältnissen: Hier kommen Menschen wieder einmal nicht oder höchstens indirekt vor, als eventueller[388] Bestand-teil „materieller Produktivkräfte“. Doch selbst falls Menschen hier mitgemeint sein sollten, ist ihre Rolle in diesem Vorgang offenkundig nicht extra erwähnenswert: Im Wesentlichen fechten das „die Produktivkräfte“ mit „den Produktionsverhältnissen“ allein aus.
Das wäre höchstens insofern einleuchtend, als zu „Charaktermasken“ erstarrte Halbautomaten keinen Spielraum hätten, um sich über ihre materiellen Verhältnisse zu erheben. Menschen, wie sie Marx im Kapital im Wesentlichen schildert, wären nicht fähig zur Revolution.
Psychische Gegebenheiten – Marx spricht von „ideologischen“ oder „Bewußtseinsformen“ – werden daher in seiner Sicht nur nebenbei mit „umgewälzt“:
„Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten.“[389]
Ausfechten und Bewusstwerden ist hier nicht etwa (Mit-)Ursache, sondern nur Folge, Symptom: Irgendwann merken die Leute halt, was läuft und mischen notgedrungen mit. Man könne, bekräftigte Marx, „eine solche Umwälzungsepoche“ nicht aus dem „Bewußtsein“ der Beteiligten heraus „beurteilen, sondern muss vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären“.[390]
Das war zwar nicht mehr so holzschnittartig, wie er es 1846/47 darstellte: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“[391] Aber es war zum wiederholten Male ein Unsichtbarmachen der psychosozialen Vorgänge und der tatsächlich Handelnden.
So vorgehend, waren Marx und Engels gar nicht in der Lage, das Heranreifen der von ihnen als „gesetzmäßig“ deklarierten sozialistischen Revolution schlüssig zu begründen oder deren Ablauf plausibel vorwegzunehmen.
Zudem: Wenn die Produktionsverhältnisse sich ja sowieso umzuwälzen hatten, weshalb sollten die Arbeiter sich noch organisieren? Warum verwendeten Marx wie auch Engels ungeheuer viel Zeit darauf, diesen Prozess voranzutreiben, sich als Berater für Arbeiterorganisationen zu betätigen[392] – hätte es nicht genügt, den objektiven Verhältnissen beim gesetzmäßigen Sich-Umwälzen entspannt zuzuschauen?[393]
Halbherzige Abschwächungen
1863 räumte Marx ein:
„Der Mensch selbst ist die Basis seiner materiellen Produktion, wie jeder andren, die er verrichtet. Alle Umstände also, die den Menschen affizieren, das Subjekt der Produktion, modifizieren [mehr oder weniger] alle seine Funktionen und Tätigkeiten, also auch seine Funktionen und Tätigkeiten als Schöpfer des materiellen Reichtums, der Waren. In dieser Hinsicht kann in der Tat nachgewiesen werden, daß alle menschlichen Verhältnisse und Funktionen, wie und worin sie sich immer darstellen, die materielle Produktion beeinflussen und mehr oder minder bestimmend auf sie eingreifen.“[394]
Wie dieser Einfluss beschaffen sei, gar ob er sich mit ökonomischen „Natur“-Gesetzen vereinbaren lasse, erhob Marx nicht zum Forschungsgegenstand. Im Kapital findet sich dann der Satz: „Die Art und Weise, wie die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion […] als treibende Motive dem individuellen Kapitalisten zum Bewußtsein kommen, ist jetzt nicht zu betrachten […].“[395] Aber diese Betrachtung fand auch später nicht statt.[396]
1884 gestand Engels im Ursprung der Familie familiären Strukturen und geschlechtlichen Beziehungen größere Bedeutung zu als zuvor. Jedoch ökonomisierte er beides erneut. Das „in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte“ sei „die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“, also
„die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten Landes leben, werden bedingt durch beide Arten der Produktion: durch die Entwicklungsstufe einerseits der Arbeit, andrerseits der Familie“.[397]
„Beide Arten der Produktion“ – mit dieser Formulierung warf Engels die Herstellung von Gegenständen und das Entstehen und Aufwachsen von Menschenkindern in denselben Topf. Das dürfte ihm erleichtert haben, sich den Glauben zu bewahren, die Lehre von ihm und Marx decke die wesentlichen Lebensbereiche ab.
Nicht in Veröffentlichungen, sondern nur in einigen privaten Briefen bemühte sich Engels in seinen letzten Jahren um ein wenig Differenzierung. So schrieb er 1890, das „in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte“ sei „die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase.“[398]
Dass erst nach jahrtausendelanger „Erzeugung“ von menschenähnlichen, dann menschlichen Wesen ein „ökonomisches Moment“ entstanden sein konnte – und nicht etwa umgedreht Menschen jahrtausendelang produziert hatten, bevor sie sich zur Fortpflanzung entschlossen, dass diese „Reproduktion“ gänzlich unökonomische, emotionale, sexuelle, partnerschaftliche und familiäre Beziehungen umschloss, dadurch auch Psyche und gesellschaftliches Sein vor jeder „Produktion“ prägte, das scheint Engels nicht in den Sinn gekommen zu sein.[399]
So konnte er seinem Freund Karl die Treue halten, das Ökonomieprimat unangetastet lassen, Vorgänge „in den Köpfen“ weiter als bestenfalls zweitrangig abtun:
„Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw. – Rechtsformen, und nun gar die Reflexe [!] aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten […] als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt. […]
Wir machen unsere Geschichte selbst, aber […] unter sehr bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen. Darunter sind die ökonomischen die schließlich entscheidenden. Aber auch die politischen usw., ja selbst die in den Köpfen der Menschen spukende Tradition, spielen eine Rolle, wenn auch nicht die entscheidende.“[400]
Einer anderen seiner 1890er Korrespondenzen entstammt folgende Einschätzung:[401]
„Die ganze Geschichte muß neu studiert werden, […] ehe man versucht, die politischen, privatrechtlichen, ästhetischen, philosophischen, religiösen etc. Anschauungsweisen, die ihnen entsprechen, aus ihnen abzuleiten. Darin ist bis jetzt nur wenig geschehen, weil nur wenige sich ernstlich daran gesetzt haben. […] Statt dessen aber dient die Phrase des historischen Materialismus (man kann eben alles zur Phrase machen) nur zu vielen jüngeren Deutschen nur dazu, ihre eignen relativ dürftigen historischen Kenntnisse – die ökonomische Geschichte liegt ja noch in den Windeln! – schleunigst systematisch zurechtzukonstruieren und sich dann sehr gewaltig vorzukommen.“
Ein ernüchterndes Resümee des zeitgenössischen Forschungsstandes. Wie erwähnt hatte Engels zwei Jahre zuvor den Geltungsbereich der These, Geschichte sei durch Klassenkämpfe geprägt, hochgradig eingeengt.[402] Unbeschadet von all dem teilte er 1892 in der Einleitung zur englischen Übersetzung seiner Schrift Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft mit, der „historische Materialismus“ sei die
„Auffassung des Weltgeschichtsverlaufs, die die schließliche Ursache und die entscheidende Bewegungskraft aller wichtigen geschichtlichen Ereignisse sieht in der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft, in den Veränderungen der Produktions- und Austauschweise, in der daraus entspringenden Spaltung der Gesellschaft in verschiedne Klassen und in den Kämpfen dieser Klassen unter sich“.[403]
1894, im Jahr vor seinem Tod, bekräftigte er: „Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische etc. Entwicklung beruht auf der ökonomischen“, es gehe um „Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendigkeit“.[404]
Nicht bei sich selbst und schon gar nicht bei Karl Marx, aber im Allgemeinen scheint er das, was „Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen“ noch immer für „Nebelbildungen im Gehirn“[405] gehalten zu haben.
Bilanz
Frühzeitig ins Zentrum der Anschauungen von Marx und Engels gerückt, verharrten dort lebendig anmutende, scheinbar eigenständig agierende Dinge und Prozesse sowie – als deren Anhängsel, Marionetten, Sklaven – hilflose, zombieartige Menschen. Über all dem thronten „immanente“ sozialökonomische Gesetze, welche die enormen Erklärungslücken verdeckten: Was gesetzmäßig passierte, bedurfte ja keiner weiteren Begründung. Im Kapitalismus fungierte als Vollstrecker dieser Gesetze das bluttriefende Kapital-Monster.
„Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“[406] Mit dieser, 1843/44 formulierten These hätte Marx sein späteres Werk nicht überschreiben können. Passender wäre: „Die Wurzel für den Menschen sind ökonomische Gesetze.“ Den Platz des durch die Aufklärung vertriebenen Gottes hatten andere, ähnlich mächtige Wesenheiten übernommen. Marx, der bei bürgerlichen Ökonomen kritisierte, dass sie wirtschaftliche Zusammenhänge „mystifizierten“,[407] schuf eine neue Mystifikation. Das Ökonomieprimat zu erforschen und zu belegen, scheint zur Priorität, fast zur Obsession geworden zu sein, der er in egozentrischer Weise auch Ehe und Familie unterordnete.[408]
Die Frage, ob die Lehre von Marx und Engels statt als „Materialismus“ besser als „Ökonomismus“ bezeichnet werden müsste, halte ich für berechtigt.[409] „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“ – für Teile ihrer Ansichten trifft dieser Spruch zu. Sie schrumpften den Menschen ihren Prämissen gemäß zusammen und konnten ihn daher simplifiziert darstellen: als Randerscheinung des Eigentlichen. Die „wirklichen Individuen“, die sie 1845, zu Beginn der Deutschen Ideologie ins Auge zu nehmen versprachen,[410] hatten sie schon wenige Zeilen später aus dem Blick verloren; die „Einrichtung“ des Kommunismus stellten sie sich schon damals als „wesentlich ökonomisch“ vor.[411]
1857/58 spitzte Marx zu, die „Gesellschaft besteht nicht aus Individuen“, in ihr würde sich nur „die Summe der Beziehungen, Verhältnisse“ ausdrücken, „worin diese Individuen zueinander stehen“[412] – zwischenmenschliche Beziehungen also ohne Menschen: ein unauflösbarer Widerspruch.[413] Wenn sich Marx dann im Kapital explizit mit kapitalistischer oder bürgerlicher „Gesellschaft“ befasste, beschränkte sich das fast durchweg auf Wirtschaftliches; [414] seine Darstellung von Menschen konzentrierte sich auf das gesichtslose Maskenträgerduo Lohnarbeiter-Kapitalist.
Doch zur kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gehörten große, heterogene Gruppen, die nicht an der industriellen Produktion teilnahmen, sei es wegen ihres Alters (Kleinkinder, alte Menschen), wegen ihrer sozialen Stellung (bürgerliche Kinder und Ehefrauen), ihres Lebensraumes (die Landbevölkerung), wegen Krankheit oder Arbeitslosigkeit, zudem die auch individuelle Interessen durchsetzende Minderheit machtvoller Politiker. Schon weil sich Marx und Engels ihnen allen höchstens nebenher widmeten,[415] erfassten sie Kapitalismus nicht als Gesellschaftsordnung.
Der marxistische Historiker Edward Thompson wies bereits in den 1970er Jahren darauf hin, dass Marx den Anspruch, mittels Analyse des Kapitals zugleich die kapitalistische Gesellschaft darzustellen, auch deshalb nie einlösen konnte, weil die Gesellschaft „aus zahlreichen Tätigkeiten und Verhältnissen (von Macht, von Bewußtsein, sexueller, kultureller, normativer Art)“ bestehe, „die nicht Gegenstand der politischen Ökonomie sind, sondern von ihr ausgegrenzt werden und für die sie keine Begriffe hat“.[416]
Schaut man genauer hin, stellt man allerdings fest, dass Marx und Engels – auch an Stellen, wie ich sie in meinem Text kritisiere – mehr von dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit erfasst hatten, als ihnen selbst bewusst war. Massenpsychologische Effekte, im Interesse der herrschenden Klassen durch Erziehung, religiöse und andere Indoktrination herbeisozialisierte, zum Gesellschaftssystem passende Persönlichkeitsstrukturen und -störungen mutierten in ihrer Darstellung zu unvermeidbaren, ökonomisch erzwungenen Handlungsmustern. Die Einsicht, die sie sich dadurch verbauten, war: Diese Handlungsmuster, die Wirkungsweise dieser Indoktrination, die dahinterliegende psychosoziale Realität kann begriffen und sinnvoll verändert werden.
Abgesehen davon, dass Marx und Engels gelegentlich auf „vulgärpsychologische“ Weise in die Proletarier hineinlegten, was sie sich von ihnen erhofften, ist der Tenor ihrer Lehre: Wir sind weder verantwortlich für unsere wesentlichen Lebensumstände noch haben wir die Möglichkeit, diese Umstände eigenständig gravierend umzugestalten.
Sie selbst haben freilich den 1845 von Marx erhobenen Anspruch erfüllt, dass es darauf ankommt, die Welt „zu verändern“.[417] Für die von ihnen als notwendig empfundenen Veränderungen haben sie sich lebenslang engagiert. Und hier, meine ich, findet sich die entscheidende Begründung für die Wirkung und Nachwirkung ihres Schaffens. Sie erkannten und bewiesen auf ökonomischem Gebiet, dass Ausbeuterordnungen – zu denen die kapitalistische zählt – menschenunwürdig sind und darum „umgewälzt“ werden müssen. Doch dabei blieben sie nicht stehen. Vor allem durch Publizistik und das Initiieren und Inspirieren sozialistischer Organisationen trugen sie dazu bei, dass sich diese Erkenntnisse verankerten und diejenigen erreichten, die es am meisten anging.
Marx hatte 1844 geschrieben, „die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“. [418] Das erhoffte er sich vermutlich auch für seine eigenen Anschauungen. Es waren in erster Linie Schriften von Engels, welche dies wahrmachten. Letzterer gab 1886 zwar auch bekannt, das Kapital werde inzwischen „oft ‚die Bibel der Arbeiterklasse‘ genannt“.[419] Aber den nach mehrfacher Bearbeitung noch immer oft hochkomplizierten, weitschweifigen und detailversessenen Kapital-Bänden mit ihren unzähligen Schachtelsätzen und Wiederholungen lässt sich beim besten Willen keine Massentauglichkeit bescheinigen.[420]
Die Vereinseitigungen und Verabsolutierungen von Marx und Engels hatten Konsequenzen für die verschiedenen, nach Engels‘ Tod entworfenen „Marxismen“. Jene ihrer Anhänger, die auf kritisches Hinterfragen verzichteten – also die meisten – konnten sich in trügerischen „Gewissheiten“ über den Geschichtsverlauf wiegen, die wiederum irreale politische Orientierungen nach sich zogen: Unser Sieg ist unvermeidlich. Oder, in der Fassung von SED-Generalsekretär Erich Honecker vom August 1989, ein Vierteljahr vor dem Fall der Berliner „Mauer“: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“[421]
Darüber hinaus konnte man sich einreden, tiefgründige Nachforschungen zur tatsächlichen Bewusstseinslage der Arbeiterschaft oder gar zur gesamten psychosozialen Verfassung der Bevölkerung seien unnötig: Die „Klassiker“ hätten dies ja abschließend geklärt.
Doch entgegen aller Verlautbarungen gab es zu keinem Zeitpunkt eine seriöse sozialwissenschaftliche Grundlage für die Gestaltung des DDR-Staates, für den Aufbau von „Sozialismus“ – nun, fast am Ende meines Textes angekommen, bin ich mir sicher über diese bittere Erkenntnis. Die positive Nachricht ist: Was es nicht gab, ist auch nicht gescheitert. Es lohnt sich, einen neuen, anderen Anlauf zu nehmen.
Weder sind Marx und Engels schuld an der verzerrten Nachnutzung ihres Werkes noch haben sie die autoritären Charakterstrukturen in ihrer Anhängerschaft zu verantworten. Wer so mutig wissenschaftliches und politisches Neuland betritt wie diese beiden, kommt nicht umhin, Fehler zu machen. Genauso unvermeidlich ist es, dass sich in umfangreichen geistigen Hervorbringungen die Persönlichkeitsstruktur ihrer Schöpfer niederschlägt, unbewusste seelische Probleme inklusive. Wie ich mir Letzteres bei Marx und Engels vorstelle, habe ich eingangs unter dem Stichwort „Verdrängung“ skizziert.
Die folgenden Generationen hätten diese Unzulänglichkeiten identifizieren und korrigieren statt festschreiben und verschärfen sollen. Aber, wie gezeigt: Für die missbräuchliche Verwendung ihrer Gedanken haben Marx und Engels eine Reihe von Steilvorlagen geliefert.
Selbstverständlich haben sie auch vieles hinterlassen, was als Basis getaugt hätte, um Lücken zu verkleinern und Neues zu integrieren. Einiges davon – wie die Relativierungen des „Gesetzes“-Begriffes im Kapital oder Stellen aus Alters-Briefen von Engels – habe ich benannt.
1845 hatten sie notiert, dass „die Umstände ebensosehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen“.[422] 1848, im Kommunistischen Manifest, teilten sie ihre Erwartung mit, anstelle der „bürgerlichen Gesellschaft“ werde „eine Assoziation“ treten, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.[423]
1875 prognostizierte Marx, in einer „höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft“ gelte das Motto: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“[424]
Doch Max Stirner, der versuchte, Hindernisse und Ziele freier Entwicklung zu erfassen, wurde von Marx und Engels diffamiert. Wer sich wie Wilhelm Reich später der Aufgabe stellte, Wechselwirkungen zwischen Menschen und Umständen ganzheitlicher zu erforschen, herauszufinden, was genau ein freies Individuum auszeichnet, welche Bedingungen es benötigt, um frei zu sein, welche – gesunden! – Bedürfnisse Menschen motivieren, der sah sich bald von Marxisten ausgegrenzt oder verfolgt.[425]
Und so dümpelt das, was auch heute meist unter „Marxismus“ firmiert, weiter vor sich hin als eine Lehre, die „den Menschen“ befreien soll – aber deren Vertreter zumeist gar nicht wissen wollen, was Menschen sind.
TEIL 2:
Alternative Gedankenwege – eine Diskussionsanregung
Was sich ergeben hätte, wenn Marx und Engels um 1844 ihre Weichen anders gestellt, wenn sie die Psyche auf angemessene Weise einbezogen hätten, lässt sich nicht rekonstruieren. Aber ich will wenigstens bei einigen ihrer Annahmen durchspielen, was passiert, wenn ich diese mit dem konfrontiere, was mir heute als ausreichend gesichertes Wissen erscheint.
Wie anfangs mitgeteilt, gehe ich davon aus, dass wir mit dem Potential auf die Welt kommen, soziale, liebenswerte, liebesfähige und liebesbedürftige, kontaktfreudige, wissbegierige, kreative Wesen zu sein. Das ist kein Wunschdenken von mir, sondern inzwischen vielfach wissenschaftlich belegt.[426]
Vielleicht nehmen andere meine Fäden auf und spinnen sie weiter, in ihrer Weise, individuell und selbstbewusst, im Sinne von Max Stirner und nach Kants Motto: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Eine andere Antwort auf die „Grundfrage der Philosophie“[427]
1859, im Vorwort seiner Schrift Zur Kritik der Politischen Ökonomie, grenzte sich Marx so von der idealistischen Philosophie ab: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“[428] Engels hat das später als Antwort auf die „Grundfrage der Philosophie“ bewertet.[429] Diese Antwort, oft reduziert auf „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“,[430] fand weite Verbreitung.
Mit „Bewusstsein“ war bei Marx offensichtlich auch hier die gesamte psychische Aktivität gemeint. Davon ausdrücklich das Unbewusste abzugrenzen und ihm zum Teil eigene Gesetzmäßigkeiten zuzubilligen, blieb Sigmund Freud vorbehalten, der erst um 1900 mit seiner Psychoanalyse an die Öffentlichkeit trat. Dass es einen unbewussten Bereich im Seelenleben gibt, akzeptierten allerdings auch Marx und Engels. Bereits vor 1859 benutzten sie die Vokabel „unbewusst“ mehrfach.[431]
Insofern wäre der Satz von Marx zumindest aus heutiger Sicht so zu komplettieren: „Es ist nicht das Bewusstsein und das Unbewusste der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein und ihr Unbewusstes bestimmt.“
Freud sollte dann herausarbeiten, dass das Unbewusste nicht zuletzt aus Fehlwahrnehmungen und -verarbeitungen („Neurosen“) besteht, daher „irrationale“ Denk- und Handlungsweisen verursacht. Dass Menschen sich oft irrational verhalten, war schon zuvor Allgemeinwissen. Marx und Engels haben es dennoch nicht einbezogen, bei ihnen erscheint alles „logisch“, rational.
Fasse ich Bewusstsein und Unbewusstes, inklusive Neurosen beziehungsweise Irrationalem, als „Psyche“ zusammen, lautet der Satz: „Es ist nicht die Psyche der Menschen, die ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das die Psyche bestimmt.“[432]
Das negiert allerdings jene Wechselwirkungen, die Marx und Engels gelegentlich erwähnten. Beziehe ich sie ein, verändert sich der Satz weiter: „Die Psyche der Menschen wird weitaus mehr durch ihr gesellschaftliches Sein bestimmt als das gesellschaftliche Sein durch die Psyche.“
Dieser Gewichtung könnte ich jedoch nicht beipflichten. Unseren begrenzten Erkenntnissen entspricht stattdessen die Formulierung: „Die Psyche der Menschen steht in ständiger Wechselwirkung mit dem gesellschaftlichen Sein.“ Was hierbei Priorität hat, ist nicht entscheidbar: Woran ließe es sich festmachen, wie könnte die notwendige „Messung“ objektiviert werden? Ob vor hunderttausenden von Jahren zuerst menschliches „Bewusstsein“ existierte oder „gesellschaftliches Sein“, ist erst recht nicht zu klären: eine Huhn-oder-Ei-Frage, die sich im Dunkel der Vorgeschichte verliert.
Hat die vorgenommene Umformulierung einen praktischen Wert?
Ja. Wer glaubt, gesellschaftliches Sein bestimme die seelischen Vorgänge in den einzelnen Individuen, muss sich auf die Veränderung der Gesellschaft konzentrieren; die Psyche käme doch angeblich hinterher. So wurde es im „realen Sozialismus“ gehandhabt – mit bekanntem (Miss)Erfolg: 1990 war das „Bewusstsein“ der meisten DDR-Bürger und -Bürgerinnen noch immer gut anschlussfähig an die kapitalistische BRD.
Wer von wechselseitig abhängigen Komponenten ausgeht, kommt zu anderen Schlüssen.
Erich Fromm schrieb 1976 in seinem Buch Haben oder Sein:
„Das Ergebnis der Interaktion zwischen individueller psychischer Struktur und sozio-ökonomischer Struktur bezeichne ich als Gesellschafts-Charakter. Die sozio-ökonomische Struktur einer Gesellschaft formt den Gesellschafts-Charakter ihrer Mitglieder dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen. Gleichzeitig beeinflusst der Gesellschafts-Charakter die sozio-ökonomische Struktur der Gesellschaft […].“[433]
Bereits 1934 hielt Wilhelm Reich in der Massenpsychologie des Faschismus fest:
„Versucht man die [psychische] Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“[434]
Solche Betrachtungsweisen sind nicht nur deutlich realitätsnäher, sie bieten auch erfolgversprechendere Ansätze für das Gestalten und „Umwälzen“ sozialer Verhältnisse.
Eine andere Sicht auf Menschheitsentwicklung
Ökonomie entwickelt „sich“ nicht – sie wird entwickelt: von Menschen. Menschen haben dafür Motive. Einen objektiven Zwang zu ökonomischer Entwicklung gibt es nicht. Woher sollte der kommen, welche außermenschliche Macht sollte ihn ausüben? Wenn es ihn gäbe, wie wäre zu erklären, dass manche Jäger- und Sammlerordnungen über Jahrtausende bestanden oder noch immer bestehen?[435]
Da Menschen üblicherweise psychisch gesund und damit prosozial auf die Welt kommen, würden sie – wenn sie so gesund blieben – eine ihnen gemäße, also ebenfalls gesunde Gesellschaft gestalten. Die Annahme von Marx und Engels, unterdrückende Gesellschaftsordnungen mussten entstehen, auch Kapitalismus sei eine (Natur-)Notwendigkeit gewesen, ist damit nicht zu vereinbaren: Psychisch gesunde Menschen würden kein kapitalistisches System errichten, zu keinem Zeitpunkt. Warum sollten sie sich selbst schaden?
Irgendwann in der Menschheitsentwicklung entstanden anscheinend Verhältnisse, die Wenigen die Möglichkeit eröffneten, Macht über Viele zu erlangen. Aber dass die Wenigen diese Chance tatsächlich nutzten und die Mehrheit das nicht verhinderte, deutet auf bereits massenhaft vorhandene autoritäre Störungen hin.
Wie diese Störungen ursprünglich zustande kamen, bleibt ein Rätsel. Nachdenkenswert ist die Idee, dass es sich um Auswirkungen katastrophaler Naturereignisse handelte, die anhaltende Not, Hunger, ohnmächtiges Ausgeliefertsein, Verzweiflung, sich aufstauende Wut, Blockaden sowohl von Empathie als auch von Liebesfähigkeit erzeugten. Im Kampf um die geringen Ressourcen könnte sich eine hierarchische Ordnung gebildet haben.[436] Waren die damit verbundenen autoritär-destruktiven psychischen, dann auch sozialen Strukturen erst einmal vorhanden, ließen sie sich per Erziehung späteren Generationen und durch Kriege anderen Völkern aufzwingen.[437] Für diejenigen, die nun an der Spitze jener Hierarchien standen, wur-de offenbar Erhalt und Ausbau von Macht und Besitz zur entscheidenden Triebkraft. Doch das sind ebenfalls neurotische Beweggründe, die sich nicht selbst erklären.
Sollte es tatsächlich so stattgefunden haben, wäre es ein Beispiel dafür, wie das Sein menschliche Psyche formen kann. Das Sein wäre in diesem Fall allerdings kein gesellschaftliches oder ökonomisches, sondern ein ökologisches. Und es hätte zunächst die Individuen verändert, die daraufhin allmählich eine neuartige Gesellschaftskonstellation herstellten – welche wiederum auf die Individuen zurückwirkte.
Erwiesen ist: Hierarchische Konstellationen entstanden weder überall, schon gar nicht zeitgleich, noch wurden sie überall beibehalten. In ihrem Buch Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit[438] geben David Graeber und David Wengrow eine detailreiche Darstellung unterschiedlicher Sozialsysteme der letzten Jahrtausende. Was sie an (Be)Funden aus Anthropologie, Archäologie und Geschichtswissenschaft dokumentieren, lässt sich nicht mit dem von Marx und Engels angenommenen wirtschaftlichen Voranschreiten der Menschheit in Einklang bringen. Schon gar nicht passt es in die unter Stalin kanonisierte Stufenfolge Urgesellschaft – Sklavenhaltergesellschaft – Feudalismus – Kapitalismus – Sozialismus.[439]
Der Philosoph Eike Gebhardt fasst den Ansatz von Anfänge so zusammen: Die Autoren wollten
„das gesamte Narrativ sozialer Evolution aufbrechen: Sie halten den angeblich universellen Umschwung um ca. 9.000 v. Chr. vom primitiven Wildbeutertum zur landwirt-schaftlichen Zivilisation samt entsprechendem plötzlichen Primat des Privatbesitzes und der damit notwendig gewordenen Verwaltung und sozialen Hierarchie, für alles andere als natürlich, geschweige denn unvermeidlich.[440] […]
Graeber und Wengrow bieten dabei keine alternative Entwicklungslogik an, im Gegenteil: Eine solche einheitliche Stufen- oder gar Fortschrittslogik habe es nirgendwo gegeben. Immer schon und überall hätten Menschen mit allen möglichen Subsistenzformen experimentiert, mehr noch: deren Vor- und Nachteile bewusst verglichen und gewichtet und nicht selten mehrere Formen – Viehzucht, Jagd, Anbau, Handel – gleichzeitig praktiziert, das eine oder andere manchmal jahrhundertelang fallen gelassen und später wieder aufgegriffen.“[441]
David Wengrow und der 2020 verstorbene David Graeber fühlten sich anarchistischen Gedankengängen verpflichtet. Wohl auch deswegen versuchten sie, diese Vielfalt damit zu erklären, dass Menschen sich nun einmal nicht festlegen wollen, sondern wie aus einem Spieltrieb heraus immer gern verschiedene Modelle ausprobieren.[442]
Das halte ich für abwegig. Es hieße, Angehörige einer Gesellschaft könnten sich zusammensetzen und zum Beispiel beschließen: „Jetzt haben wir lange genug gut gelebt, machen wir doch nächstes Jahr mal Faschismus – den hatten wir ja noch nicht.“ Auch bei Graeber und Wengrow wirkt sich das Fehlen eines ausgearbeiteten Menschenbildes aus. Sie können weder die Entstehung unterdrückender, lebensfeindlicher Sozialstrukturen erklären noch deren zumindest zeitweise und regionale Überwindung.
Eine andere Idee von Revolution
Unser angeborenes prosoziales Potential drängt nach Entfaltung. Das bedeutet: Wir leiden, wenn es sich nicht entfalten kann. Wir spüren nicht nur, was wir brauchen, was uns guttut, sondern auch, was uns Schmerzen oder Ängste bereitet, was uns schadet. Unterdrückung schadet immer.
Es ist also nur dann nötig, Erwachsene zu Revolutionären zu „machen“, wenn ihnen in der Kindheit ihr gesunder innerer Maßstab verleidet wurde. Anders herum: Kindern zu helfen, mit diesem Maßstab weiterhin im Kontakt zu bleiben, bewahrt ihnen die entscheidende Voraussetzung, um später unter einem entfremdenden System wie dem kapitalistischen[443] bewusst zu leiden und sich für eine menschenwürdigere Ordnung zu engagieren.
Reich hat die in uns angelegte Fähigkeit zu angemessenem Fühlen und dementsprechenden Handeln als „biologischen Kern“ bezeichnet.[444] Da dieser Kern zwar durch Erziehung und „Sozialisation“ verschüttet, jedoch nie zerstört werden kann, lässt er sich lebenslang wieder freilegen, je jünger wir sind, desto leichter. Aus diesem Grunde konnte Alexander Neill, schottischer Pädagoge und enger Freund von Reich, über Kinder sagen: „Freiheit heilt die meisten Übel.“[445] Erwachsene benötigen dafür mehr Zeit und Hilfe – die sie sich insbesondere in einer Probleme aufdeckenden, Lebensgeschichte, Bewusstsein, Unbewusstes, Gefühl und Körper einbeziehenden Therapie verschaffen können. Die eigenen Neurosen als Fakt anzuerkennen, aufzuarbeiten, zu lindern oder zu heilen, ist revolutionär und macht uns wieder revolutionär: fähiger zu konstruktiven Umwälzungen, privat wie gesellschaftlich. Und es schafft bessere Voraussetzungen, um Kinder liebevoll, nicht-autoritär ins Leben zu begleiten.
Aber auch aktiv nach guten und gleichberechtigten Partnerschaften und erfüllter Sexualität zu streben, privat und öffentlich lebensfeindliche, kriegsverherrlichende Normen in Schule, Beruf, Medien, Kirche, Politik und Staat anzuprangern und nach Gleichgesinnten zu suchen, mit denen sich dagegen Widerstand leisten lässt – all das sind Mittel, menschenwürdige Zustände zu fördern.
Würden Erwachsene an ihren Störungen arbeiten und Kinder davor schützen, diese Störungen überhaupt erst zu bekommen, dürften sich spätestens in der nächsten Generation wesentliche positive Veränderungen zeigen: Gesündere Menschen bauen eine gesündere Gesellschaft auf. Zur notwendigen ökonomischen „Umwälzung“ muss eine psychosoziale Revolution hinzukommen.[446] Damit kann, im Gegensatz zur ökonomischen Umwälzung, jeder und jede schon heute Abend anfangen: bei sich selbst.
Obwohl das kapitalistische Gesellschaftssystem dem Grenzen setzt, ist innerhalb dieser Grenzen vieles möglich – und die Grenzen sind verschiebbar. Das hat auch die Entwicklung der BRD bewiesen. Im westdeutschen Staat der 1970er und 1980er Jahre waren im Vergleich zum heutigen Zustand demokratische Züge noch nicht so massiv unterdrückt, waren lebensbejahende Elemente stärker ausgeprägt, was sich neben einer wirkungsvollen Friedensbewegung auch an der Popularität von Psychoanalyse, Psychotherapie, gewaltfreier Geburt und nichtautoritärer Pädagogik zeigte.[447] Ich meine: Der damalige BRD-Kapitalismus war menschenwürdiger als der „reale Sozialismus“ unter Stalin oder Mao Tse Tung. Das unterstreicht erneut, dass die Abschaffung kapitalistischer Produktionsverhältnisse noch nicht die Lösung ist.
Marx und Engels erläuterten 1845: „Der Communismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [sic]. Wir nennen Communismus die wirkliche Bewegung welche den jetzigen Zustand aufhebt.“[448] Da der „jetzige Zustand“ zu keinem Zeitpunkt ein rein ökonomischer war oder ist, sondern immer diverse Aspekte hatte und hat, kann und muss er auf diverse Weise „aufgehoben“ werden. Nicht zuletzt durch sinnvolle Veränderungen auf psychosozialem Gebiet.
Gelingen solche Veränderungen, erhöht sich zugleich die Chance auf einen friedlichen Übergang zu einer menschenwürdigen Ordnung. „Je grösser die Massenbasis der revolutionären Bewegung, desto geringere Gewaltanwendung ist notwendig, desto mehr schwindet auch die Angst der Masse vor der Revolution“, schrieb Reich 1934.[449] Wenn nicht nur den meisten Angehörigen der unterdrückten Bevölkerung – über Arbeiter und Arbeiterinnen hinaus – klar wird, dass dringende Veränderungen anstehen, sondern selbst Führern und Angehörigen des Machtapparates langsam dämmert, dass es so nicht weitergehen kann, steigt die Hoffnung auf unblutige „Umwälzungen“.
Objektiv betrachtet leben ja nicht nur die Unterdrückten unter menschenunwürdigen Umständen, sondern auch die Unterdrücker: Menschen auszubeuten, zu verdummen, für massenhaftes Elend, rapide Umweltzerstörung und Kriege, für hunderttausende Tode verantwortlich zu sein, ist alles andere als anstrebenswert, läuft auf ein völlig verfehltes Leben hinaus, unabhängig davon, ob sich die Täter das bewusstmachen oder nicht. Wer möchte mit ihnen tauschen?
Aber sie können ihr Tun nur bewerkstelligen, weil sie von ihren Untertanen hinreichend unterstützt werden – und sei es nur durch das Zahlen von Steuern, mit denen zum Beispiel Waffenexporte finanziert werden. Die staatlichen Strukturen und die anerzogenen autoritären Anteile machen uns, bewusst oder unbewusst, zu Komplizen der Machthaber, zu Mitschuldigen.[450]
Es ist daher im Interesse von uns allen, menschenwürdige Verhältnisse herzustellen.
Eine andere Zielvorstellung
Marx und Engels haben eine unverzichtbare Analyse kapitalistischen Wirtschaftens und damit verbundener Faktoren erarbeitet, die zum Teil noch immer Gültigkeit besitzt. Von ihnen lässt sich vieles darüber erfahren, was überwunden, abgeschafft werden muss – jedoch wenig dazu, was anstelle davon entstehen sollte.[451]
Im Mai 1893 wurde Engels von einem Journalisten der Zeitung Le Figaro gefragt: „Und was ist Ihr, der deutschen Sozialisten, Endziel?“ Engels habe ihn einige Augenblicke angeschaut, dann geantwortet:
„Aber wir haben kein Endziel. Wir […] haben nicht die Absicht, der Menschheit endgültige Gesetze zu diktieren. Vorgefaßte Meinungen in bezug auf die Organisation der zukünftigen Gesellschaft im einzelnen? Davon werden Sie bei uns keine Spur finden. Wir sind schon zufrieden, wenn wir die Produktionsmittel in die Hände der ganzen Gesellschaft gebracht haben […].“[452]
Doch war die „ganze Gesellschaft“ reif dafür, mit dem nach Engels‘ Ansicht entscheidenden Macht- und Gestaltungsmittel angemessen umzugehen? Mitnichten – und das mussten nicht erst die sozialen Katastrophen des 20. Jahrhunderts beweisen.
Engels selbst hatte, angefangen bei seiner Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England, aufgezeigt, wie unmenschlich große Schichten der Bevölkerung lebten. Glaubte er ernsthaft, dieses meist lebenslang anhaltende Leid, all die Unterdrückung und Verdummung würden Menschen nicht nachhaltig beeinflussen? Sollten die, die jahrzehntelang durch ihr „materielles Sein“ deformiert wurden, in deren Bewusstsein „die Ideen der herrschenden Klassen“ verinnerlicht waren, durch den Besitz an Produktionsmitteln erleuchtet werden, autoritäre Charakterstrukturen abstreifen, plötzlich eigenverantwortlich und selbstbewusst handeln können?
Wahrscheinlich glaubte er das. Ähnlich wie nach 1945 führende Funktionäre im „realen Sozialismus“ der DDR meinten, durch Enteignung der Kapitalisten, „Entnazifizierung“ und „antifaschistisch-demokratische Neuordnung“ würden die „Volksmassen“ hinreichend revolutionär. Aber die über Generationen hinweg erzeugten, in den psychischen Strukturen tief verankerten, im Faschismus verschärften, patriarchal-autoritären, lebensfeindlichen Normen und Werte machten ihnen einen Strich durch ihre oberflächlich-naive Rechnung.
Auf den neu entstehenden Machtpositionen hielten sich bevorzugt mehr oder weniger dogmatische, in der Sowjetunion unter Stalin auch menschenverachtende, lebensfeindliche Funktionäre und Bürokraten. Und das jeweilige Volk, obrigkeitsfürchtig, wie es erzogen worden war, war zum großen Teil froh, weiterhin regiert zu werden.
Analog geschah es dann 1990 in der DDR. Die „führende Rolle der Partei“ wurde durch die führende Rolle von Konzernchefs ersetzt statt durch einen besseren Sozialismus. Rolle rückwärts in den Kapitalismus, doch gottseidank: Die Unterordnung war gerettet!
Für einen im umfassenden Sinne besseren Sozialismus lagen freilich auch gar keine Konzepte vor. Diese wären ja nur auf der Basis angemessener Marx-Kritik zu erstellen gewesen und hätten psychosozialen Faktoren gebührende Anerkennung zollen müssen.
Aber im „realen Sozialismus“ war nahezu völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, dass – auch für den jungen Marx – die notwendigen wirtschaftlichen Veränderungen nur ein Mittel zum Zweck waren, nämlich zum Zweck des Aufbaus einer Ordnung, in der Menschen nicht mehr erniedrigt, geknechtet, isoliert und verachtet werden, sondern ihre individuellen Fähigkeiten und gesunden Bedürfnisse entfalten können. Dieses Mittel geriet immer mehr in den Mittelpunkt, letztlich fast zum Selbstzweck.
Marx und Engels hatten in der Deutschen Ideologie vermerkt: „Zum Leben […] gehört vor Allem Essen & Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere.“[453] Dass sie mit dem Anderen etwas Psychisches meinten, ist aufgrund des Kontextes höchst unwahrscheinlich. Das, was sie aufzählten, gab es 1989 in der DDR ausreichend und – im Gegensatz zur BRD – zu Preisen, die alle bezahlen konnten. Doch wie sich bald darauf herausstellte: Meist erfüllte Wirtschaftspläne hatten beim Gros der Bevölkerung kein als erfüllt empfundenes Dasein bewirkt. Das Ende privater Aneignung von Mehrwert hatte für die Mehrheit keine als unverzichtbar empfundene soziale Ordnung entstehen lassen.
Trotzdem wird noch heute von vielen, die sich Marxisten nennen, als entscheidendes Kriterium zur Beurteilung eines Staates nicht etwa herangezogen, wie es dessen Bevölkerung geht, wie zufrieden sie berechtigterweise mit ihrem Dasein ist, sondern inwieweit dort die Produktionsmittel in der Hand von Kapitalisten („des Kapitals“) sind.
Geht man diesen Gedanken konsequent zu Ende, kann oder „darf“ es sich im heutigen China natürlich nicht um Sozialismus handeln – obwohl sich dort in den letzten Jahrzehnten Lebenserwartung, Lebensstandard, Gleichberechtigung der Geschlechter, Rechtssicherheit, Gesundheitsversorgung, ökologische Verhältnisse und persönliche Zufriedenheit dramatisch verbessert haben und die Zustimmung zu Staat und Regierung Werte angenommen hat, von denen heutige „westliche“ Führerinnen und Führer nur träumen können.[454]
Umgekehrt müsste man dann sagen, dass selbst in den Zeiten des schlimmsten stalinistischen Massenmordes in der Sowjetunion Sozialismus herrschte. Ich halte das für einen perversen Gedanken. Sozialistisch und menschenwürdig wären bei dieser Betrachtung jedenfalls inhaltlich völlig unterschiedliche Begriffe.
Ökonomiefixierung be- oder verhindert auch, sich in der gegenwärtigen weltpolitischen Konfrontation zu orientieren. Wer auf die bloßen Produktionsverhältnisse starrt, muss sich sagen (oder kann sich bequemerweise sagen): „Auf allen Seiten agieren ja kapitalistische Staaten, da gibt es keinen Akteur, der besser oder schlechter ist, ich bleibe neutraler ‚linker‘ Beobachter, bewahre souveräne ‚Äquidistanz‘.“ Wer sich davon löst, findet Kriterien, um sich hier zu positionieren.
Wenn es also im Kern nicht um Produktionsverhältnisse geht, sondern darum, Menschen ein gutes, erfülltes, sinnvolles, idealerweise auch oftmals glückliches Leben zu ermöglichen, kann Ökonomie nur eine Hilfswissenschaft sein für den Weg dorthin. Und eine „Auffassung des Weltgeschichtsverlaufs“, welche die Ursache „aller wichtigen geschichtlichen Ereignisse […] in der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft“ sieht,[455] kann dazu nur ein bedenkenswerter aber schon wegen ihrer Einseitigkeit kritikbedürftiger Beitrag unter anderen sein.
Sich einer menschenwürdigen Ordnung anzunähern, ist auf verschiedene Weise möglich und nötig. Wirtschaftliche Umwälzungen gehören zwingend dazu. Durch rein wirtschaftliche Ver-änderungen ist dieses Ziel jedoch nicht zu erreichen. Schon gar nicht lässt es sich wirtschaftlich definieren.
Für diese Definition brauchen wir Antworten auf Fragen, die in erster Linie psychologischer Natur sind: Was ist „gutes“ Leben, was macht einen glücklichen Menschen aus, was benötigen wir, um tatsächlich zufrieden zu sein, was genau ist „menschenwürdig“?
Nur in dem Maße, wie wir uns ein reales, umfassendes, ganzheitliches Menschenbild erarbeiten – das psychosoziale Zusammenhänge ebenso berücksichtigt wie biologische Gegebenheiten und ökologische Abhängigkeiten –, können wir tatsächlich beurteilen, wie eine Sozialordnung beschaffen sein müsste, die uns gemäß ist.
Je klarer wir ein solches Ziel vor Augen haben, desto leichter wird es uns fallen, wieder loszulaufen.
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Anmerkungen
[1] Marx/ Engels 1959, S. 3f. Folgende Zitate: ebd.
[2] Ebd., S. 4f.
[3] Ihre Lehre ist nicht identisch mit dem, wofür sich der Name „Marxismus“ einbürgerte, noch weniger mit „Marxismus-Leninismus“. Marx stand laut Engels der Zuordnung, selbst „Marxist“ zu sein, zumindest ambivalent gegenüber (Hoffmann 2018, S. 1f., vgl. Krätke 1999, Fn1). Nach Engels‘ Tod setzten Simplifizierung und „Vulgarisierung“ ein (Heinrich 2021, S. 23–26), später die Aufspaltung in gegensätzliche, teils feindliche „Marxismen“ (Adler 1972, S. 5–11; Haug 1985, S. 25–29; Harman 1986; Morina 2017; Kolias 2020; Baier 2023). Die Bezeichnung „Marxismus“ hat zudem einen autoritären, unwissenschaftlichen Beigeschmack: Statt einen Inhalt abzustecken, wird eine Person ikonisiert. Niemand käme auf die Idee, die Physik umzubenennen in „Einsteinismus“. 1877 hat auch Marx in einem Brief seinen „Widerwillen gegen allen Personenkultus“ betont: Der Eintritt von ihm und Engels in den späteren „Bund der Kommunisten“ sei 1847 „nur unter der Bedingung“ geschehen, „daß alles aus den Statuten entfernt würde, was dem Autoritätsaberglauben förderlich“ (Marx/ Engels 1966, S. 308).
[4] Marx hinterließ ein Torso. Engels rundete das Werk von Marx an einigen Punkten ab, wandte dessen und eigene Thesen auf weitere Gebiete an, popularisierte – manche meinen: verwässerte – ihre Lehre, wird manchmal als „Erfinder“ des Marxismus bezeichnet (Krader 1973, S. 124–136; Krätke 2020, S. 9–68; Hunt 2021; Rapic 2022).
[5] Siehe dazu u.a. Thompson 1980, S. 109; Anderson 2023, S. 114–124.
[6] Aussagen, die (auch) Psychisches berühren, finden sich – bei Marx insbesondere in den „Frühschriften“ – vor allem in Verbindung mit „sinnlich“/ „Sinn(e)“, „geistig“/ „Geist“ oder „bewußt“/ „Bewußtsein“. Manchmal wird „seelisch“/ „Seele“ verwendet, sehr selten „psychisch“/ „Psyche“ oder „Psychologie“ – Letzteres in der Deutschen Ideologie (Marx/ Engels 2017) an vier Stellen, in den drei Kapital-Bänden gar nicht. Oft geht es dabei nicht um Menschen, sondern um Dinge, Verhältnisse, Zustände, philosophische Konzepte. Wie selten Marx und Engels seelische Prozesse explizit ansprachen, belegen gerade die krampfhaften Versuche, ihnen später eine Art Richtlinienkompetenz für „sozialistische Psychologie“ zuzuschreiben. Da wurden dann üblicherweise verstreute Sätze zum Beleg aufgewertet für ein „innerlich einheitliches System von Ideen […], ein geschlossenes Ganzes“, mit dem Marx „Wege für den Aufbau der Psychologie“ vorgezeichnet habe (Rubinstein 1981, S. 11).
[7] Den Beginn dieses Ablösungsprozesses schildere ich in Peglau 2001.
[8] https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ Zu Reich: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/tag/reich/. Ausführliche Informationen zu Fromm: https://fromm-gesellschaft.eu/.
[9] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Marx-Engels-Werke. Zur MEGA: https://mega.bbaw.de/de.
[10] Fromm (1989a, S. 335–432) hat das vor allem anhand der „Frühschriften“ von Marx positiver beurteilt. Ich folge ihm insoweit, dass Marx bis 1844 zum Teil Thesen vertrat, die eine ganzheitlichere Theorie möglich gemacht hätten (siehe auch Lange 1955, S. 30–33) und die auch für die Psychologie anregend waren.
[11] Von den Vertretern des „realen Sozialismus“ (z.B. Kosing 1970; Bitschko 1970) weitgehend ignoriert oder bekämpft wurde der „westliche Marxismus“, zu dem u.a. Karl Korsch, Georg Lukács, Antonio Gramsci, Jean Paul Sartre, Louis Althusser – den Thompson (1980) als Stalinisten einordnet – und die „Frankfurter Schule“ gerechnet werden. Anderson (2023, S. 58–100) sieht diese „westlichen“ Marxismus-Varianten u.a. deshalb kritisch, weil sie mangels revolutionärer Praxis zu einer abgehobenen Theorie und Sprache sowie zu einem pessimistischen Menschen- und Gesellschaftsbild tendierten, vom Verändernwollen der Welt oft wieder zurückfielen ins bloße Interpretieren, bei Horkheimer letztlich sogar in „unsägliche Apologie des Kapitalismus“. Dahmer (2022, S. 9) rechnet Leo Trotzki zum „westlichen Marxismus“, Anderson (2023, S. 102) sieht ihn stattdessen auf positive Weise davon getrennt. Beide billigen Trotzki herausragende Bedeutung für die Weiterentwicklung des Marxismus zu; Dahmer (2022, S. 33–75) auch wegen Trotzkis – nicht sehr tiefgründigem – Interesse an der Psychoanalyse.
[12] Das belegt u.a. Gehrke (2011). Diese unter dem Motto „Alle Verhältnisse umzuwerfen …“ erschienene Streitschrift zum Programm der Linken ist weit davon entfernt, „alle“ Verhältnisse auch nur zu benennen, geschweige denn zu diskutieren, wie sie erforscht und umgeworfen werden können. Sahra Wagenknecht führt in ihrem Buch Reichtum ohne Gier (2016) Psychisches zwar schon im Titel, widmet sich aber nur anfänglich kurz dem Thema Menschenbilder – um im gesamten Rest doch wieder die Ökonomie zu umkreisen. Bei Michael Brie (2021), der Sozialismus neu entdecken will, spielen Psyche, Erziehung, Kindheit, Sexualität, Menschenbild – bis auf einen neunzeiligen Verweis auf den Psychiater und Neuroimmunologen Joachim Bauer (ebd., S. 122) – so gut wie keine Rolle.
[13] Tiefenpsychologie wurde zwar auch von der „Frankfurter Schule“ einbezogen. Doch gerade bei deren bekanntesten Vertretern (Horkheimer, Adorno, Marcuse) leidet diese Validität erheblich schon dadurch, dass sie das zu Teilen realitätsferne, pessimistische Menschenbild des späten Freud inklusive „Todestrieb“ (siehe Peglau 2018b) übernahmen. Wie sollte sich zudem der von Marx erhoffte „Verein freier Menschen“ mit Wesen gestalten lassen, die asozial, destruktiv, mörderisch zur Welt kommen? Statt Freiheit wären hier ständige Kontrolle, Unterdrückung oder „Gehirnwäsche“ unumgänglich. Dazu, wie Adorno in The Authoritarian Personality wesentliche Erkenntnisse von Fromm und Reich übernahm ohne deren Autorenschaft zu benennen, siehe Peglau 2018a, S. 99f.
[14] Auch Haug (1985), Harman (1986), Morina (2017), Anderson (2023) erwähnen weder Reich noch Fromm, obwohl Anderson ausführlich auf das Frankfurter Institut für Sozialforschung eingeht, zu dem Fromm bis 1939 gehörte und Reich die von Anderson gewünschte Verbindung von Theorie und Praxis bis Mitte der 1930er Jahre mutig umsetzte (Peglau 2017a, S. 88–145, 311–345). Das 2023 ergänzte Nachwort zu Andersons 1978 erstmals auf Deutsch erschienener Schrift schließt diese Lücke nicht. Baier (2023, S. 231–235) würdigt immerhin Reichs Massenpsychologie des Faschismus (Reich 2020) und Fromms Untersuchung Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches (Fromm 1989b). Wie grundsätzlich Infragestellung und Bereicherung des Marxismus durch Reich und Fromm hätten sein können, sieht auch er nicht.
[15] Siehe Mittelstraß 2004, Bd. 3, S. 857–859. Auch die Abgrenzung zwischen den Begriffen „Sozialismus“ und „Kommunismus“ (ebd., S. 425f.) ist vage. Marx und Engels nutzten beide Begriffe zunächst synonym (Hunt 2021, S. 91f.), unterschieden sie alsbald stärker, maßen dieser Unterscheidung später wieder weniger Gewicht bei (vgl. Engels 1977b, S. 580f.).
[16] Auch das muss exakter definiert werden, lässt sich aber besser als Ausgangspunkt für überprüfbare sozialwissenschaftliche Fragestellungen verwenden.
[17] Marx 1976a, S. 385.
[18] Fromm 1989c, S. 395.
[19] Peglau 2023; 2024b.
[20] Mittelstraß 2004, Bd. 3, S. 396.
[21] Über Marx‘ Kindheit ist wenig bekannt. Der Vater scheint relativ tolerant gewesen zu sein, setzte ihn aber unter Erfolgsdruck, delegierte eigene Zielvorstellungen auf ihn: „Ich wünschte in Dir das zu sehen, was vielleicht aus mir geworden wäre, wenn ich unter ebenso günstigen Auspizien [Vorzeichen] die Welt erblickt hätte. Meine schönsten Hoffnungen kannst Du erfüllen oder zerstören“ (Heinrich 2018, S. 125f.). Dass die Mutter vom 17-jährigen Karl per Brief forderte, sich „wöchentlich mit der Schwam [sic] und Seife“ zu scheuern (ebd., S. 143), klingt nach überbehütender Gängelei. Das könnte eine Mixtur aus Überehrgeiz und Minderwertigkeitsgefühl erzeugt haben, an der Marx sich lebenslang abarbeitete. Ausschließen lässt sich, dass die bürgerlichen Familien von Marx und Engels nichtautoritäre Inseln im autoritären Preußenstaat waren. Engels‘ Vater klagte, der 15-jährige Friedrich lerne „trotz der frühern strengen Züchtigungen […] selbst aus Furcht vor Strafe keinen unbedingten Gehorsam“. Engels distanzierte sich später von dem „fanatischen und despotischen Alten“ (Hunt 2021, S. 29).
[22] Marx/ Engels 2017, S. 3.
[23] Pagel 2020, S. 24.
[24] Über diese Einordnung und warum sie nur bedingt hilfreich ist: Heinrich 2018, S. 302–308.
[25] Pagel 2020, S. 25.
[26] Ebd., S. 50f.
[27] Ausführlich dazu: ebd., insbesondere S. 42–302.
[28] Marx/ Engels 1959, S. 462.
[29] Engels 1972, S. 298.
[30] Damit nahm er manches vorweg, was im 20. Jahrhundert unter anderem von Wilhelm Reich (2018; 2020) pointiert vertreten wurde.
[31] Stirner 2016, Zitat S. 14f. Zu Stirner siehe auch Eßbach 1982; Korfmacher 2001; Pagel 2020; Laska 2024.
[32] Ebd. S. 20–24.
[33] Marx/ Engels 1975, S. 252.
[34] Ebd.
[35] Hüther 2003; Solms/ Turnbull 2004, S. 138ff., 148; Tomasello 2010; Klein 2011; Bauer 2011; Bregman 2020.
[36] 1886 verwendete Engels (1975a, S. 263f.) diese Bezeichnung ausdrücklich für die von Marx und ihm aufgestellte Lehre.
[37] Zu den von Marx und Engels nicht zugegebenen Übereinstimmungen mit Stirner: Eßbach 1982, insbesondere S. 38–62.
[38] Feuerbach schrieb zwar anonym, aber seine Autorenschaft war für Eingeweihte wie Marx und Engels „kein Geheimnis“ (Pagel 2020, S. 452). 1846 nahm Feuerbach seinen Beitrag in erweiterter Fassung in seine Sämtlichen Werke auf (Laska 2024, S. 5). Privat beurteilte er Stirners Buch als „höchst geistvolles und geniales Werk“; Stirner sei „der genialste und freieste Schriftsteller, den ich kennengelernt“ (ebd.).
[39] Pagel 2020, S. 452.
[40] Korfmacher (2001, S. 64) bezieht Engels in die „Fischteich“-Metapher ein. Gerade Engels‘ Reaktion auf Stirner zeigt meines Erachtens, dass Engels diesen Anspruch 1844 (noch) nicht hatte. Pagel (2020) beschreibt detailliert den „Kampf um die Vorherrschaft in der Bewusstseinsbestimmung“, bei dem Marx und Engels „ihr Repertoire zur Desavouierung konkurrierender Ansätze“ erweiterten, um ihre eigene „hegemoniale Variante“ durchzusetzen (ebd., S. 30, 39).
[41] Ebd., S. 413–415; Marx/ Engels 1975, S. 259.
[42] Vgl. Krätke 2020, S. 9–12.
[43] Engels war offenkundig deutlich weniger involviert als Marx (Marx/ Engels 2017, S. 749f.).
[44] Peter Sloterdijk, zitiert in Pagel 2020, S. 492.
[45] Ebd., S. 472. Diese Kritik an Stirners Buch fiel damit umfangreicher aus als das kritisierte Buch.
[46] Laska 2024, S. 83–92.
[47] Marx/ Engels 2017, S. 237.
[48] Ebd., S. 506. Die zu verunglimpfen, die seine Sicht nicht teilten, war bei Marx allerdings nichts Seltenes. Er konnte „von verletzender, unerträglicher Arroganz“ sein: „Wer nicht für ihn war, war gegen ihn“ (Schieder 2018, S. 170f.).
[49] Marx/ Engels 2017, S. 319f. Als „Schulmeister“ oder „Berliner Schulmeister“ bezeichnen sie Stirner dort mehrfach.
[50] Dass Stirner 1845 auch das von Marx nun favorisierte Gebiet der „Nationalökonomie“ betrat (Pagel 2020, S. 429f.), dürfte diese Betroffenheit intensiviert haben.
[51] Weckwerth 2018, S. 146.
[52] Pagel 2020, S. 1, 8 sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Dawid_Borissowitsch_Rjasanow.
[53] Marx/ Engels 2017, S. 790.
[54] Pagel 2020, S. 1. Engels (1975a, S. 264) rekapitulierte 1888 über das „alte Manuskript von 1845/46“ dagegen selbstkritisch: „Der Abschnitt über Feuerbach ist nicht vollendet. Der fertige Teil besteht in einer Darlegung der materialistischen Geschichtsauffassung, die nur beweist, wie unvollständig unsre damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschichte noch waren.“ Stirners Bedeutung unterschlug er dabei, korrigierte das auch nie (Laska 2024, S. 91–92).
[55] Marx/ Engels 2017, S. 791. Wenn auch von „erschöpfend“ keine Rede sein konnte, wurde doch „gegen Stirner“ erstmals der „enorme Reduktionismus der subjektiven Verhaltensdimensionen formuliert“, erstmals „in kohärenter Form […] jede nicht von den Produktionsverhältnissen ausgehende Kritik der politischen Macht verworfen“, erstmals das historisch-materialistische Modell einer ökonomisch bedingten Abfolge von Gesellschaftsformen entwickelt (Eßbach, 1982, S. 13). Pagel (2020, S. 603–653) belegt, dass „insbesondere die Entwicklung“ der Konzepte „Ideologie“ und „Kleinbürgertum“ bei Marx und Engels sich „auf die Auseinandersetzung mit Stirner zurückführen“ lassen (ebd., S. 19).
[56] Marx/ Engels 1978. Entsprechend bezeichnet Kosing (1970, S. 1154) die Deutsche Ideologie als „zusammenhängende und umfassende Darstellung ihrer neuen Weltanschauung“.
[57] So fasst Eßbach (1982, S. 13) die Argumentation von Hans G. Helms (1966) zusammen.
[58] Der Text zu Stirner nimmt in dieser Ausgabe ca. 450 Seiten ein (Marx/ Engels 2017, S. 16–123; 165–511), „stellt nicht nur das mit Abstand umfangreichste der Manuskripte zur Deutschen Ideologie dar, es ist darüber hinaus dasjenige Manuskript, das Marx und Engels im April 1846 als erstes für den Druck in der geplanten Vierteljahrsschrift fertigstellten“ (Pagel 2018, S. 134). Das zu veröffentlichen, erschien ihnen also am dringendsten.
[59] Zur Editionsgeschichte: Marx/ Engels 2017, S. 784–793; Pagel 2020, S. 3–11, Weckwerth 2018.
[60] Zitiert in Eßbach 1982, S. 25.
[61] Stirner 2016, S. 373.
[62] Eßbach (1982, S. 72–79) spricht davon, dass Marx und Engels Stirner „überbieten“ wollten in ihrer Kritik.
[63] In der Tat wirken manche Ideen Stirners – z.B. über die Verinnerlichung unterdrückender Normen – „wie eine Vorwegnahme von Freuds Psychoanalyse“ (ebd., S. 70, siehe auch Max-Stirner-Archiv 2001). Engels scheinen diese Implikationen Stirners zumindest zunächst nicht angefochten zu haben. Indem er sich jedoch Marx‘ pauschaler Stirner-Entwertung anschloss, vermied auch er die womöglich aufwühlende Konfrontation mit der psychologischen Ebene von Stirners Buch.
[64] Laska (2024, S. 89) urteilt: „Marx projiziert u.a. eine Reihe eigener Schwächen auf Stirner […]: Moralismus, Illusionismus,“ Neigung zu (verbalen) Taschenspielertricks, Aufschneiderei, Egoismus. Eßbach (1982, S. 87) diagnostiziert bei Marx und Engels tiefe „Beunruhigung“ sowie die Abwehr von Ängsten, die durch Stirners Infragestellen verinnerlichter Normen entstanden: Sie projizierten diese Ängste „mit aufgeladener sadistischer Phantasie auf Stirner“.
[65] Marx/ Engels 1968, S. 96.
[66] Marx/ Engels 1967b, S. 436.
[67] Engels 1975a, S. 293.
[68] Lenin 1977, S. 3. Lenin behandelte den Marxismus jedoch keinesfalls als abgeschlossen (Sandkühler 2021, S. 1494f.).
[69] Ab Ende 1989 auch in der Fassung von Norbert Blüm („Marx ist tot, Jesus lebt!“) propagandistisch ausgeschlachtet.
[70] Daran haben weder das nach 1968 im „Westen“ für einige Zeit verstärkte Interesse am „Freudomarxismus“ oder Forderungen, den „subjektiven Faktor“ stärker zu berücksichtigen (z.B. Parin 1986) oder die Kritische Theorie etwas geändert, noch die Versuche, im „Osten“ eine marxistische Subjekttheorie zu entwickeln (z.B. Erpenbeck 1986; Borbely und Erpenbeck 1987). Schon gar nicht wurden solche Erwägungen Bestandteil staatstragender Ideologien oder der Programme sich als „links“ einordnender Parteien. Zu Berührungen zwischen Marxismus und Psychoanalyse siehe auch Gente 1972.
[71] Marx/ Engels 1968, S. 96. 1890 hatte er in einem anderen Brief dazu erklärt: „Daß von den Jüngeren zuweilen mehr Gewicht auf die ökonomische Seite gelegt wird, als ihr zukommt, haben Marx und ich teilweise selbst verschulden müssen. Wir hatten, den Gegnern gegenüber, das von diesen geleugnete Hauptprinzip zu betonen, und da war nicht immer Zeit, Ort und Gelegenheit, die übrigen an der Wechselwirkung beteiligten Momente zu ihrem Recht kommen zu lassen“ (Marx/ Engels 1967b, S. 465).
[72] Stubbe 2021, S. 119–128.
[73] Damit wurde auch die zuvor gepflegte Vorstellung obsolet, Kindheit sei keine abgrenzbare Lebensphase, Kinder wären nur „kleine Erwachsene“ (vgl. Bönig 2012).
[74] Kant 2004.
[75] Freud 1914, S. 53.
[76] Schultz 1948. Elsässer (1984, S. 237) bescheinigt Owen und Fröbel, sie schreiben „den ersten Lebensjahren eine große Bedeutung für das spätere Leben […] zu. Beide Pädagogen besitzen Einsichten in die Psyche des Kindes, die erst hundert Jahre später von der Wissenschaft bestätigt werden“.
[77] Zu Locke: Marx 2021, S. 49f., 105, 116, 139, 165, 412, 645. Zu Diderot: ebd., S. 148; Kaiser/ Werchan 1967, S. 52, 80. Zu Schopenhauer: Marx/ Engels 1975, S. 361; Ebeling/ Lütkehaus 1985, S. 193–195. Heinrich (2021, S. 266f.) schreibt, Marx habe „Spinoza ähnlich hochgeschätzt wie Hegel“. Zu den Grenzen von Marx‘ Philosophie-Kenntnissen: Anderson 2023, S. 68f.
[78] Heinrich 2021, S. 195.
[79] Marx/ Engels 2017, S. 253, 459, 583, 584, 649; Kaiser/ Werchan 1967, S. 175.
[80] Siehe zum Beispiel Engels 1973, S. 197–200.
[81] Heinrich 2018, S. 13.
[82] Marx 1969, S. 5.
[83] Engels 1962a, S. 243.
[84] Marx 1968, S. 542.
[85] Das galt selbst dann, wenn der später von Marx ungewöhnlich weit gefasste Industrie-Begriff zugrunde gelegt worden wäre: Im Kapital sprach er 1867 von „ländlich patriarchalische[r] Industrie einer Bauernfamilie“ (Marx 2021, S. 92, vgl. dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Industrie).
[86] Stabrey 2017, S. 37.
[87] Engels spielte eine wichtige Rolle für Zustandekommen und – ab der zweiten Auflage – Aufbau des ersten Bandes, erst recht für Inhalt und Gestalt der nach dem Tod von Marx herausgegebenen Bände (vgl. Krätke 2020, S. 24–44).
[88] Marx 2011, S. 64.
[89] Marx 2021, S. 16.
[90] Ebd., S. 168.
[91] Ebd., S. 619.
[92] Ebd., S. 247.
[93] Ebd., S. 425.
[94] Marx 1983a, S. 255.
[95] Marx 2021, S. 618.
[96] Ebd., S. 228.
[97] Ebd., S. 798, mit der Einschränkung, dies gelte in „altzivilisierten Ländern.“
[98] Ebd., S. 675.
[99] Ebd., S. 662.
[100] Ebd., S. 603.
[101] Ebd., S. 793. Eine von Marx mehrfach getätigte befremdliche Aussage: Freiwilligkeit ist nicht vereinbar mit Zwang, auch nicht „dialektisch“. Also entsteht in den betroffenen Menschen ein seelischer Konflikt – den Marx übergeht.
[102] Ebd., S. 508.
[103] Ebd., S. 381.
[104] Ebd., S. 421.
[105] Ebd., S. 396.
[106] Ebd., S. 350.
[107] Ebd., S. 445.
[108] Ebd., S. 596, 446. Auch die letzten Behauptungen sind schwer miteinander vereinbar: Wird der Arbeiter zum Produktionsinstrument oder von Produktionsmitteln angewendet? Wenden sich Produktionsmittel gegenseitig an, wenn ja, alle?
[109] Ebd., S. 108.
[110] Ebd., S. 649.
[111] Ebd., S. 100. In einem neueren Artikel dazu heißt es: „Die Frage […], welche Spielräume die sozialen Rollen (‚Masken‘) für die in ihnen Handelnden eröffnen, […] wird in den marxistisch inspirierten Sozialwissenschaften unterschiedlich beantwortet. Marx tendierte zu der Auffassung, dass man sich über die kapitalistischen Verhältnisse nur sehr begrenzt erheben könne […]“. (Demirović o. J.). Hans Hiebel (2019, S. 41) bestätigt: „Das Individuum hinter der Maske oder Rolle erscheint als irrelevant“. Wikipedia bietet zu „Charaktermaske“ eine verblüffende These. Menschen würden, in nach pathologischer Persönlichkeitsspaltung klingender Weise, im Handumdrehen zwischen „Maske“ und „‘wahrem‘ Ich“ – eine Vokabel, die bei Marx nicht im Zusammenhang mit „Charaktermasken“ auftaucht – umschalten. Und das zweimal täglich: „Die Menschen im Kapitalismus“ müssen im „Produktionsprozess […] als Kapitalisten bzw. Proletarier agieren und erfüllen damit eine objektiv nötige Funktion, die mit ihrem sonstigen, ‚wahren‘ Ich nichts zu tun hat. Im Arbeitsalltag schlüpfen sie in die Masken von Kapitalist und Arbeiter, nach Feierabend können die Menschen diese Masken fallen lassen“. Dieser These folgend, müsste die Antwort von Marx auf die „Grundfrage der Philosophie“ ergänzt werden: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt – aber nur zwischen 8 und 17 Uhr.“ Dazu, was vom „Produktions-Ich“ mit nach Haus genommen wird, äußerte sich Marx nicht.
[112] https://de.wikipedia.org/wiki/Spartacus. Marx schrieb, nachdem er einen Roman über Spartakus gelesen hatte, dieser erscheine „als der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat. Großer General […], nobler Charakter, real representative des antiken Proletariats“ (Marx/ Engels 1974, S. 160).
[113] https://de.wikipedia.org/wiki/Pariser_Kommune
[114] Marx 1962b, S. 357. Das Wort „Charaktermaske“ oder eine Auseinandersetzung damit taucht nicht auf in dieser Schrift.
[115] Marx/ Engels 1972b, S. 472.
[116] Marx/ Engels, 1975, S. 192f.
[117] Hunt 2021, S. 42–57.
[118] Marx/ Engels 1962.
[119] https://de.wikipedia.org/wiki/Pf%C3%A4lzischer_Aufstand
[120] Hunt 2021, S. 258f. Ähnlich dargestellt in Neffe 2017, S. 367–370, 382–386.
[121] Marx/ Engels 1965, S. 293.
[122] Kuczynski 2020.
[123] Hunt (2021, S. 16) beschreibt auch die Seiten von Engels als „Mann, der an Fuchsjagden teilnahm, […] Frauenhelden und Champagner schlürfenden Kapitalisten“. Vielleicht hatte Marx (1963, S. 470) Engels im Kopf, als er betonte, er betrachte den Kapitalisten „nicht als kapitalistischen Konsumenten und Lebemann“.
[124] Kuczynski 2020.
[125] Marx/ Engels 1967a, S. 444.
[126] Krätke 2020, S. 23.
[127] Hunt 2021, S. 256.
[128] Ebd., S. 258.
[129] Ebd., S. 268f.
[130] Ebd., S. 284f.
[131] Zitiert ebd., S. 319f.
[132] Marx/ Engels 1975, S. 252.
[133] Zahn 1989, S. 18f.
[134] Aus einem Artikel über Owen zitiert in Schultz 1948, S. 14.
[135] Zitiert in Simon 1925, S. 37.
[136] Alle Angaben und Zitate in Schultz 1948, S. 14–16.
[137] Ebd., S. 15, ebenso Engels 1962a, S. 244.
[138] Schultz 1948, S. 16–18.
[139] Ebd., S. 18. Ausführlich zu „Robert Owen als Erzieher“: Elsässer 1984, S. 216–238.
[140] Simon 1925, S. 63.
[141] Siehe https://aaap.be/Pages/Transition-de-Robert-Owen.html.
[142] Engels 1962a, S. 244.
[143] Marx 1983a, S. 255.
[144] Schultz 1948, S. 20.
[145] Elsässer 1984, S. 63–67.
[146] Simon (1925, S. 61f.) schildert allerdings auch Widerstände von Owens Teilhabern.
[147] Engels 1962a, S. 245.
[148] Simon 1925, S. 66.
[149] Engels 1962a, S. 245.
[150] Ebd.
[151] 80 Millionen Quadratmeter (Elsässer 1984, S. 90).
[152] Simon 1925, S. 199.
[153] Elsässer 1984, S. 91.
[154] Schultz 1949, S. 56.
[155] Ebd., S. 52.
[156] Ebd., S. 53.
[157] Ebd., S. 61f.
[158] Zahn 1989, S. 18.
[159] Schultz 1948, S. 65.
[160] „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern“ (Marx/ Engels 1978, S. 7).
[161] Zahn 1989, S. 59.
[162] Engels 1962a, S. 245f.
[163] Vom britischen Parlament beschlossene Gesetze zur Regelung industrieller Arbeit.
[164] Marx 2021, S. 317, Fn 191.
[165] Eine Stelle im ersten Kapital-Band (ebd., S. 591) wirkt, als hätte es Marx ähnlich gesehen: „Die ökonomische Charaktermaske des Kapitalisten hängt nur dadurch an einem Menschen fest, daß sein Geld fortwährend als Kapital funktioniert.“
[166] Für Owen beschreibt Simon (1925) diese Strukturen insbesondere auf S. 13–52, in Bezug auf Engels ziehen sich Hinweise darauf durch die gesamte Biografie von Hunt (2021). In Owens Erfolge hineinspielende wirtschaftliche Rahmenbedingungen und seine speziellen geschäftlichen Vorgehensweisen hat Elsässer (1984, S. 46–88) detailliert erfasst.
[167] Engels 1962c, S. 260.
[168] Ebd., S. 262.
[169] Ebd.
[170] Ebd. S. 258.
[171] Marx 2021, S. 671.
[172] Ebd., S. 279.
[173] Ebd., S. 786. Auch Simon (1925, S. 9-12) beschreibt den „Kindermord in großem Stil“ (ebd., S. 9, Fn 2).
[174] Die Lebens- und Arbeitsumstände großer Teile des europäischen Proletariats sollten sich im 20. Jahrhundert deutlich verbessern. Doch bedeutete dies nicht das Ende von Ausbeutung und Unterdrückung und es ging zu Lasten von Umwelt, nachfolgenden Generationen und „Dritter Welt“. Heute werden Kinder vorwiegend im „globalen Süden“ für den Profit missbraucht: 160 Millionen Mädchen und Jungen sind nach aktuellen Schätzungen von Kinderarbeit betroffen, „müssen unter Bedingungen arbeiten, die sie ihrer elementaren Rechte und Chancen berauben“ (https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/kinderarbeit-fragen-und-antworten/275272).
[175] Auch luxuriöse Anschaffungen wie die einer dritten Segeljacht lassen sich nicht als Ausdruck ökonomischer Zwänge oder als Maßnahmen zur Profitsteigerung einordnen. Wo so viel materieller Überschuss verfügbar ist, könnte er auch immer zum Wohl der Ausgebeuteten eingesetzt werden ohne der „Strafe des Untergangs“ ausgesetzt zu sein. Wenn Kapitalisten dieses Geld lieber verprassen, ist das weder wirtschaftlich zu erklären noch durch die Lehre von Marx und Engels – aber möglicherweise durch den unbewussten Drang, anerzogene Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren.
[176] 2017 habe ich das so formuliert: „Autoritär-gefühlsunterdrückende Sozialisation ist […] zwar keine hinreichende Bedingung für faschistische Entartungen, aber eine notwendige Voraussetzung dafür. Wir haben es hier daher mit der vermutlich wichtigsten Bedingung für das Zustandekommen faschistoider, destruktiver sozialer Systeme zu tun. Könnten wir dafür sorgen, dass diese Art von Sozialisation nicht mehr stattfindet, gäbe es auch diese Systeme nicht mehr. Psychisch gesunde Menschen wollen und ertragen keine Unterdrückung, erst recht nicht, wenn sie so brutal ausgeübt wird wie im Faschismus. Kein destruktives soziales System ohne destruktiv gemachte Menschen!“ (Peglau 2017b, S. 110).
[177] Siehe Reich 2020; Peglau 2019b, 2022.
[178] Marx 1976a, S. 385.
[179] Den Verlauf von Gebirgen und Gewässern betreffend.
[180] Marx/ Engels 2017, S. 8. Die wichtigen äußeren Bedingungen fassten sie also da noch recht weit, nahezu ökologisch. Ab 1873 knüpfte Engels (1962b) dort wieder stärker an (vgl. Krätke 2020, S. 35–39).
[181] Marx/ Engels 2017, S. 8.
[182] Ebd.
[183] Ebd., S. 136.
[184] Marx 2021, S. 27. Allerdings sind ja Menschenköpfe selbst materiell, so dass außer- und innerhalb des Individuums materielle Einflüsse wirken. Und was war gemeint mit „dem Ideellen“: Geist, Psyche, Charakter, Persönlichkeit, Gedanken, Gefühle? Brodbeck (2018, S. 10) ordnet den zitierten Satz von Marx als „plumpen Materialismus“ ein und fragt: „Welches ‚Material‘ setzt ‚sich‘ hier denn in Sprache, schließlich in ‚Ideen‘ um […]? Die Materie hat Marx zufolge ‚Eigenschaften‘, und eben diese ‚Eigenschaften der Dinge‘ […] sollen sich dem Hirn ‚einprägen‘. Sind Eigenschaften also selbst ‚Materie‘?“
[185] Bei Selbstorganisation wird ein System durch einen eigenen, inneren Antrieb gestaltet. Darüber dachten bereits antike Philosophen nach, im 18. und 19. Jahrhundert vertieften es Kant und Schelling (https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstorganisation, vgl. Sandkühler 2021, S. 2428–2433).
[186] Wie falsch diese Annahme wäre, belegt z.B. Dornes 2018. Auch wenn Kindheit 1844 noch nicht intensiv erforscht war, konnte Marx anhand seiner eigenen Kindheit und seiner 1844 geborenen Tochter seine Sichtweisen überprüfen.
[187] Siehe Wohlleben 2015.
[188] Marx/ Engels 2017, S. 28, 31. Ähnlich großzügig sollte Engels (1975b, S. 68) später den Klassenbegriff ausweiten und behaupten, Mann und Frau hätten sich seit Einführung der Monogamie als „Klassen“ gegenübergestanden.
[189] Marx 2021, S. 194.
[190] Engels 1962b. Er schrieb über das gesamte Manuskriptkonvolut, es sei noch „stark zu revidieren“. 1925 erschien es in der UdSSR als Dialektik der Natur: ein Buch, „das Engels nie geschrieben hat“ (Krätke 2020, S. 35, siehe auch Kangal 2022).
[191] Dazu heißt es bei Engels (1962b, S. 447) auch, „die werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten. Das Bedürfnis schuf sich sein Organ: Der unentwickelte Kehlkopf des Affen bildete sich langsam aber sicher um“. Obwohl Engels hier ein kommunikatives Bedürfnis, also etwas Psychisches, als Ursache benannte, behauptete er anschließend weiter, diese Entwicklung sei nur der Arbeit geschuldet – als ob Menschen nicht schon immer vielfältige weitere Gründe gehabt hätten, sich zu verständigen. Neuere Forschungen legen nahe, dass der Kehlkopf erst vor etwa 250.00 Jahren Lautsprache ermöglichte, damit mehr als zwei Millionen Jahre nach dem ersten nachgewiesenen Werkzeuggebrauch – und dass die Mutter-Kind-Beziehung große Bedeutung für die Sprachentwicklung hatte. Dass manche Tiere über Sprachfähigkeiten verfügen, dass insbesondere Menschenaffen – ohne „Arbeit“, nur mit Training – lernen können, sich per Zeichensprache mit Menschen zu verständigen, ist mittlerweile ebenfalls erwiesen (Zimmer 2003, S. 110–116, 176ff.).
[192] Engels 1962b, S. 447.
[193] Ebd., S. 449.
[194] Ebd., S. 444.
[195] Hunt (2021, S. 384) weist daraufhin, dass Engels Priorisierung der Arbeit „im Widerspruch zu Darwins eher zerebraler Vorstellung“ stand, wonach das Wachstum von Gehirn und Intelligenz vor dem Erlernen des aufrechten Ganges stattfand“.
[196] Engels 1962b, S. 448.
[197] Villmoare et a. 2015.
[198] https://www.archaeologie.bl.ch/entdecken/fundstelle/55/die-aeltesten-werkzeuge-der-menschheit/ Inzwischen gibt es entsprechende Artefakte, die sogar 3,3 Millionen Jahre alt sind. Da sie sich nicht mit Fossilien zusammenbringen lassen, ist unklar, ob sie den Australopithecinen oder der Gattung Homo zuzurechnen sind (Harmand et. al. 2015).
[199] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fruehmenschen-jagten-schon-vor-500000-jahren-mit-stein-speerspitzen-a-867412.html. Das bedeutet aber auch wieder nur, es gibt bisher keinen Nachweis, dass nicht schon zuvor mit Werkzeugen gejagt wurde.
[200] Engels benutzt diese Bezeichnung nicht in seinem Fragment.
[201] Engels 1962b, S. 451f. „Zweifelsfrei gesichert“ sind 300.000 Jahre alte Jagdwaffenfunde (Kuckenburg 2022, S. 79).
[202] https://de.wikipedia.org/wiki/Werkzeuggebrauch_bei_Tieren#N%C3%BCsseknacken_mit_Hammer_und_Amboss. Engels gesteht auch Tieren grundsätzlich absichtsvolles Verhalten zu, aber keinen absichtsvollen Werkzeuggebrauch.
[203] Die bislang frühesten Funde dazu sind 4.300 Jahre alt (https://de.wikipedia.org/wiki/Primatenarch%C3%A4ologie, https://www.sueddeutsche.de/wissen/evolution-die-affen-archaeologen-1.164575). Sollten Menschenaffen schon vor sieben Millionen Jahren Werkzeuge hergestellt haben, hätten möglicherweise auch die werdenden Menschen von Anfang an über diese Fähigkeit verfügt und sich diese nicht erst „erarbeiten“ müssen.
[204] Die Sichtweise von Engels legt zudem nahe: Solange Menschen, zum Beispiel nomadisierend, von dem lebten, was ihnen die Natur im Überfluss zur Verfügung stellte, waren sie noch keine Menschen. Denn sie konsumierten ja nur – aber produzierten nicht. Siehe dagegen Scott 2019, S. 22; Graeber/ Wengrow 2021, S. 473–476; Ryan/ Jethá 2016, S. 201–204, 236–239. Marx (1983b, S. 384) anerkannte 1857/58, „Wanderung“ sei „die erste Form der Existenzweise, nicht daß der Stamm sich niederläßt auf einem bestimmten Sitz, sondern daß er abweidet, was er vorfindet [!]“: Später (Marx 1983a, S. 856) hieß es, am „Anfang der Gesellschaft […] existieren noch keine produzierten Produktionsmittel“.
[205] Engels 1962b, S. 448.
[206] Witzgall 2021, S. 7. Da insbesondere Jäger- und Sammlerordnungen auch als Erfolgsmodell verstanden werden können (Scott 2019; Ryan/ Jetha 2016, S. 177–244; Graeber/ Wengrow 2022, S. 473–476), sollte das Beibehalten einer Art des Wirtschaftens nicht schlichtweg als Sich-nicht-Fortentwickeln-Können oder Stehen-Bleiben abgewertet werden – ebenso wenig, wie wirtschaftliche Fortschritte automatisch als etwas Gutes für die Menschheit einzustufen sind.
[207] Engels 1962b, S. 448.
[208] Bzw. die Übernahme von Vermutungen anderer Autoren. Zu bleibenden Erkenntnissen in Engels‘ Fragment: Kuckenburg 2022, S. 138–159. Auch Marx (2021, S. 534f.) stellte Annahmen über „Kulturanfänge“ wie erwiesene Tatsachen dar.
[209] Graeber/ Wengrow 2022, S. 96, 98.
[210] Ebd., S. 100f. Die momentan älteste bekannte Höhlenmalerei ist 45.000 Jahre alt (https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hlenmalerei).
[211] Scott 2019, S. 20.
[212] Dennoch werden solche Aussagen vielfach getroffen, meist auf Basis so anfechtbarer Hypothesen, wie der, dass Menschen vor 100.000en von Jahren so gelebt hätten wie heute beobachtbare „Naturvölker“.
[213] Vgl. Lotter/ Meiners/ Treptow 2016, S. 170–178. Dass sich in einem jahrzehntelangen Forschungsprozess, wie er den drei Kapital-Bänden zugrunde liegt, Thesen verändern können, ist nachvollziehbar. Aber bei seriöser Herangehensweise müssten die als nicht mehr zutreffend angesehenen früheren Thesen erkennbar revidiert werden. Ich habe nicht entdeckt, wo dies bezüglich der Kapital-Beschreibungen bei Marx der Fall sein sollte. Daher halte ich es für akzeptabel, mich hier und an anderen Stellen auf alle drei Bände zu berufen und manchmal auf weitere Schriften, die mir damit im Einklang zu stehen scheinen. Erschwert wird das, weil Marx ohnehin ihm wichtige Begriffe oftmals nicht definiert, noch nicht einmal in klare Hierarchien oder Bezüge zueinander bringt. Das dürfte – zusätzlich zu den vielen in sich widersprüchlichen Aussagen von Marx –
einer der Gründe dafür sein, dass seine Texte oftmals bibelartig ausgelegt werden.
[214] Marx 2021, S. 165.
[215] Ebd., S. 161.
[216] Ebd., S. 169.
[217] Marx 1983a, S. 822f.
[218] Siehe auch die Marx-Zitatsammlung bei Lotter/ Meiners/ Treptow 2016, S. 290–297.
[219] Marx 2021, S. 324.
[220] Ebd., S. 462.
[221] Ebd., S. 323.
[222] Ebd., S. 428.
[223] Siehe auch Sachregister, ebd., S. 937.
[224] „Welthandel und Weltmarkt eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals“ (ebd., S. 161).
[225] Ebd., S. 788.
[226] Ebd., S. 247.
[227] Ebd., S. 279.
[228] Ebd., S. 209. „Als hätt‘ es Lieb‘ im Leibe“ ist ein Zitat aus Goethes „Faust“, Teil 1.
[229] Ebd.
[230] Marx 1983a, S. 205.
[231] Marx 2021, S. 668. Exploitation = Ausbeutung.
[232] Ebd., S. 247.
[233] Ebd., S. 321.
[234] Marx 1983a, S. 357.
[235] Marx 2021, S. 295, 520.
[236] Ebd., S. 627.
[237] Ebd., S. 247.
[238] Ebd., S. 293.
[239] Ebd., S. 275, 280, 304, 296, 447, 582, 300, 303, 294.
[240] Marx 1983a, S. 269.
[241] Marx 2021, S. 432.
[242] Ebd., S. 328.
[243] Ebd., S. 328, 350.
[244] Ebd., S. 331f., 342, 430, 328.
[245] Ebd., S. 285.
[246] Ebd., S. 304.
[247] Ebd.
[248] Ebd., S. 788, Fn 250. Autor: T. J. Dunning. Encouragieren: ermutigen. Das Zitat belegt: Marx war mit seiner Kapital-Personifizierung nicht allein.
[249] Neffe 2017, S. 387, 410. Steinfeld (2017, S. 118–121) verweist darauf, dass Marx das Kapital mehrfach als Vampir zeichnet. Vielleicht knüpfte Marx mit diesen Stilmitteln auch an die dichterischen Ambitionen seiner Jugendzeit (Heinrich 2018, S. 198–209) an.
[250] Hans Hiebel (2019), der den im Kapital verwendeten „Metaphern des Karl Marx“ ein eigenes Buch gewidmet hat, weist darauf hin, dass sich die Zahl der Metaphern in Band 2 und 3 deutlich reduziert (ebd., S. 8f.).
[251] Mittelstraß 2004, Bd. 2, S. 867.
[252] https://de.wikipedia.org/wiki/Metapher.
[253] Hänseler 2005, S. 130.
[254] Zum Animismus: Mittelstraß 2004, Bd. 1, S. 117; https://de.wikipedia.org/wiki/Animismus_(Religion).
[255] Marx 1961, S. 408.
[256] Marx 2021, S. 793, Fn 256.
[257] 1859 hatte es zwischenzeitlich zurückhaltender geklungen: „Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft“ (Marx 1971a, S. 8f.).
[258] Dort beschrieben sie die Klasse, welche den Kapitalismus maßgeblich gestaltete, so: „Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt […], hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört […,] die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. […] Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut […], und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur. Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation“ (Marx/ Engels 1972b, S. 464, 466).
[259] Marx 2021, S. 168 (Fn 9), 418, 192.
[260] Ebd., S. 199.
[261] Ebd., S. 616.
[262] Ebd., S. 200.
[263] Ebd.
[264] Ebd., S. 201.
[265] Ebd., S. 251.
[266] Ebd., S. 286, Fn 114.
[267] Ebd., S. 302.
[268] Ebd., S. 766.
[269] Ebd., S. 350, 353, 377.
[270] Ebd., S. 381, 589, 590, 595.
[271] Ebd., S. 445, 348, 596.
[272] Ebd., S. 232, 337, 350.
[273] Ebd., S. 285f.
[274] Mary Shellys Erzählung Frankenstein oder der moderne Prometheus, in der – wie bei Marx‘ „Kapital“ – die Grenzen von Totem und Lebendigem verwischt werden, war 1818 erschienen. Zum Horror-Genre passt auch die Vorstellung von Marx (2021, S. 425), der Kapitalist sei ein vom Kapital gesteuerter „Automat“. Einen menschenähnlichen, durch einen Bösewicht gesteuerten Automaten hatte beispielsweise 1816 E.T.A. Hoffmann für seine Erzählung Der Sandmann kreiert.
[275] Marx 2021, S. 16.
[276] Steinfeld 2017, S. 126.
[277] Marx 1976b, S. 375.
[278] Marx 1968, S. 511.
[279] Marx 2021, S. 122.
[280] Ebd., S. 66. Neffe (2017, S. 406, 410) zitiert das ebenfalls und kommentiert: „Faszinierend, wie Marx die scheinbar [!] passiven Objekte immer wieder in handelnde Subjekte verwandelt. […] Waren […] nehmen ihren Platz in der Menschengemeinschaft ein wie eigenständige Wesen […].“ Faszinierend mag es sein, real wird es dadurch nicht.
[281] Marx 2021, S. 168f. Mit letzterem Ausdruck soll offenbar erneut einer bloßen Worterfindung Leben eingehaucht werden (vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Automatisches_Subjekt).
[282] Marx 1983a, S. 822.
[283] Ebd., S. 823.
[284] Marx 2021, S. 161.
[285] Ebd., S. 20.
[286] Marx 1983a, S. 832, 838.
[287] Marx 1968, S. 512, S. 546.
[288] Heinrich 2021, S. 73.
[289] Ebd.
[290] Vgl. Peglau 2018a.
[291] 1844 hatte Marx etwas formuliert, das nach meinem Empfinden dieser Sichtweise recht nahekam. Er schrieb, „besitzende Klasse“ und Proletarier erführen zwar „dieselbe menschliche Selbstentfremdung“. Doch erstere empfänden sich darin „wohl und bestätigt“, erlebten das „als ihre eigne Macht“, die ihnen „den Schein einer menschlichen Existenz“ gebe. Die Arbeiter dagegen fühlten „sich in der Entfremdung vernichtet,“ nähmen sie wahr als „ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz“ (Marx/ Engels 1972a, S. 37).
[292] Engels 1981, S. 514.
[293] Ebd., S. 515.
[294] Marx 2021, S. 89, Fn 28.
[295] Ebd., S. 12, 15f., 16.
[296] Ebd. Auch wenn Marx „naturwüchsig“ für Wirtschaftsprozesse verwendet, ist meist gemeint: unabhängig von Menschen.
[297] Ebd., S. 299.
[298] Ebd., S. 114, 117, 136, 141, 224, 170, 248f., 172, 299, 335, 337, 343, 674.
[299] Ebd.
[300] Ebd., S. 765.
[301] Eine andere Stelle ist eine Fußnote, in der Marx (ebd., S. 72) feststellt, dass jemand „z.B. nur König“ ist, „weil sich andre Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu sein, weil er König ist.“
[302] Ebd., S. 565, 613.
[303] Es ging ihm also auch nicht um etwas, was damals auch noch gar nicht in der Wissenschaft diskutiert wurde und was heute stochastische oder statistische Gesetze genannt wird: Zusammenhänge, die sich nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit durchsetzen. Das Wort „wahrscheinlich“ kommt in allen drei Kapital-Bänden fast nur in Zitaten vor, wird jedenfalls nicht zur Relativierung der Marxschen „Gesetze“ verwendet.
[304] Ebd., S. 89. Hiebel (2019, S. 32) bemerkt dazu: „Marx hätte hier ‚Naturgesetz‘ in Anführungszeichen setzen müssen, denn eine gesellschaftliche Regelung ist nichts Naturgesetzliches. ‚Naturgesetz‘ ist hier ganz deutlich als Metapher eingesetzt.“ Aber Hiebels letzterer Satz ist eben unzutreffend – und deswegen fehlen die Anführungszeichen.
[305] Marx 2021, S. 360.
[306] Ebd., S. 511.
[307] Ebd., S. 662. Im 19. Jahrhundert war allerdings die Erwartung, Menschheitsentwicklung so exakt erfassen zu können wie Naturvorgänge, unter Wissenschaftlern, insbesondere Ethnologen, keine Seltenheit (Kuckenburg 2021, S. 56–58).
[308] Marx 1974, S. 532.
[309] Marx/ Engels 2017, S. 8.
[310] Marx 2021, S. 477.
[311] Triebkräfte.
[312] Engels 1975a, S. 296f. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er erklärt: „Aber Zufall, das ist nur der eine Pol eines Zusammenhangs, dessen andrer Pol Notwendigkeit heißt. In der Natur, wo auch der Zufall zu herrschen scheint, haben wir längst auf jedem einzelnen Gebiet die innere Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit nachgewiesen, die in diesem Zufall sich durchsetzt. Was aber von der Natur, das gilt auch von der Gesellschaft. Je mehr eine gesellschaftliche Tätigkeit, eine Reihe gesellschaftlicher Vorgänge der bewußten Kontrolle der Menschen zu mächtig wird, ihnen über den Kopf wächst, je mehr sie dem puren Zufall überlassen scheint, desto mehr setzen sich in diesem Zufall die ihr eigentümlichen, innewohnenden Gesetze wie mit Naturnotwendigkeit durch. Solche Gesetze beherrschen auch die Zufälligkeiten der Warenproduktion und des Warenaustausches […]“ (Engels 1975b, S. 169). Ähnlich argumentiert Marx 1868 in einem Brief: „Die Weltgeschichte wäre […] sehr mystischer Natur, wenn ‚Zufälligkeiten‘ keine Rolle spielten. Diese Zufälligkeiten fallen natürlich selbst in den allgemeinen Gang der Entwicklung und werden durch andere Zufälligkeiten wieder kompensiert.“ Im dritten Band des Kapital stand dann, „die Sphäre der Konkurrenz“ sei zwar, wenn jeder einzelne Fall betrachtet werde, „vom Zufall beherrscht“. Doch „das innere Gesetz, das in diesen Zufällen sich durchsetzt und sie reguliert“, werde „sichtbar“, sobald diese Zufälle „in großen Massen zusammengefaßt werden“ (Marx 1983a, S. 835).
[313] Marx/ Engels 2017, S. 60, weitere Ausführungen dazu ebd., S. 60–66.
[314] Marx/ Engels 1972b, S. 480. Wilhelm Reich (1933, S. 12) gab dem später eine psychosoziale Fundierung: „In der Klassengesellschaft ist es die jeweils herrschende Klasse, die mit Hilfe der Erziehung und der Familieninstitution ihre Position sichert, indem sie ihre Ideologien zu den herrschenden Ideologien aller Gesellschaftsmitglieder macht.“
[315] Sandkühler 2021, S. 1728. Natur sei, heißt es dort auch (ebd., S. 1705), „ein Sammelbegriff zur Bezeichnung von Bereichen der Wirklichkeit, die ohne menschliches Zutun entstehen bzw. existieren. In diesem Sinne wird Natur auch als Gegenbegriff zu den Begriffen ‚Kultur‘ bzw. ‚Gesellschaft‘ verwendet“. So gesehen, hätte für Marx erst recht keine Möglichkeit bestanden, sozialökonomische Naturgesetze zu finden.
[316] https://de.wikipedia.org/wiki/Naturgesetz
[317] Gross 1926, S. 8.
[318] Gegen die Vorhersagbarkeit sozialer Entwicklungen durch einen seiner Ansicht nach von der Antike bis zu Marx reichenden „Historizismus“ argumentiert auch Popper 1974 (siehe auch Gmainer-Pranzl 2019). Erpenbeck (2023, S. 169–177), der Poppers Sichtweise zum Teil kritisiert, stimmt jedoch zu, dass valide Prognosen für langfristige gesellschaftliche Entwicklungen unmöglich sind.
[319] https://de.wikipedia.org/wiki/Naturgesetz. Entsprechend: Sandkühler 2021, S. 1728.
[320] Marx/ Engels 1972b, S. 493. Auch in anderer Hinsicht beurteilten sie dort (ebd., S. 473f.) die Situation teils irreal: „Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebensbedingungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden. Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr leben, d.h., ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft. […] Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“ Steinfeld (2017, S. 33–47) weist darauf hin, dass das Proletariat, an das sich Marx und Engels wendeten, 1848 erst im Entstehen war: „Das ‚Manifest‘ will ein historisches Subjekt herbeirufen, das es noch kaum gibt, England und Paris vielleicht ausgenommen“ (ebd., S. 40). Als „Kommunisten“ bezeichneten sich damals „vielleicht tausend Menschen in Europa, vielleicht ein paar mehr“, zu denen einige Gelehrte wie Marx und Engels gehörten, die „von einem Exil ins nächste getrieben wurden“ (ebd., S. 36). Auch jener „Bund der Kommunisten“, für den das Manifest geschrieben worden war, löste sich nach vier Jahren wieder auf. Das in Europa umgehende „Gespenst des Kommunismus“ (Marx/ Engels 1972b, S. 461) war 1848 also noch ein weitaus schmächtigeres, als es das Manifest suggerierte. In der Deutschen Ideologie hatten sie 1845/46 bereits „Millionen Proletarier oder Kommunisten“ vorweggenommen (Marx/ Engels 2017, S. 58). Pagel (2020, S. 403) konstatiert: Zu dieser Zeit blieb das Proletariat von der „kommunistischen Agitation […] vollkommen unberührt“.
[321] Marx 1959, S. 150.
[322] Engels 1961, S. 474.
[323] Marx/ Engels 1960a, S. 245.
[324] Marx/ Engels 1960b, S. 312.
[325] Stadtteil des heutigen Budapest.
[326] Engels 1977a, S. 8.
[327] Marx/ Engels 1974, S. 333, 641.
[328] Siehe die Auflistungen in Löw, S. 331–336 sowie: https://marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_ij/irrtum.html.
[329] Marx 2021, S. 350, 512.
[330] Wie dieser sich doch vor allem entfremdend bis mörderisch auswirkende „Mechanismus“ plötzlich derartig konstruktive Resultate erzielen sollte, blieb das Geheimnis von Marx. Er selbst hatte zudem herausgearbeitet, dass sich „[e]rhöhte Ausbeutung […] und Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiterklasse“ keineswegs ausschlossen (Heinrich 2021, S. 119).
[331] Marx 2021, S. 790f. Letzter Satz: Diejenigen, die bislang den Arbeitern ihre Arbeitskraft stahlen, werden nun selbst enteignet.
[332] Ebd., S. 791.
[333] Synonym für ohne eigene Leistung Profit erzielende Kapitalisten, also jene Gruppe, der Engels ab 1869 selbst angehörte.
[334] Engels 1973, S. 221. Noch 1890 schrieb Engels an Marx‘ Tochter Laura: „Der 20. Februar 1890 ist der Tag des Beginns der deutschen Revolution. Es mag noch ein paar Jahre dauern, bis wir eine entscheidende Krise erleben, und es ist nicht unmöglich, daß wir eine vorübergehende und ernsthafte Niederlage erleiden. Aber die alte Stabilität ist für immer dahin“ (Marx/ Engels 1967b, S. 359). Auch 1892 blieb er zuversichtlich: „Natürlich wird die nächste Revolution, die sich in Deutschland mit einer Beharrlichkeit und Stetigkeit ohnegleichen vorbereitet, zu ihrer Zeit kommen, sagen wir 1898–1904“ (Marx/ Engels 1979, S. 545).
[335] Siehe https://taz.de/Neue-Studie-zur-Verteilung-von-Reichtum/!5371707/.
[336] Peglau 2020a.
[337] Oxfam 2022. 2023 hatte „das reichste Prozent der Weltbevölkerung seit Beginn der Corona-Pandemie rund zwei Drittel des weltweiten Vermögenszuwachses kassiert.“ In der BRD entfielen vom „Vermögenszuwachs, der 2020 und 2021 in Deutschland erwirtschaftet wurde, […] 81 Prozent auf das reichste eine Prozent der Bevölkerung“ (https://www.berliner-zeitung.de/news/zahlen-veroeffentlicht-konzerne-und-milliardaere-bereichern-sich-an-den-krisen-li.307327).
[338] Elsner 2020; Peglau 2021.
[339] Riedel 2004, S. 108.
[340] Marx/ Engels 1959, S. 462.
[341] In seinen letzten Lebensjahren studierte Marx intensiv ethnologische Literatur, veröffentlichte aber nichts dazu. Erhalten geblieben sind Exzerpte (Marx 1976c; siehe auch Krader 1973, Conversano 2018, S. 9f.), die Engels später nutzte.
[342] Marx/ Engels 1959, S. 462.
[343] Hier spricht er von „der primitiven Gentilordnung mit ihrem Gemeinbesitz an Grund und Boden“ (Engels 1977b, S. 581). 1884 hatte er diese Ordnung beschrieben als „wunderbare Verfassung in all ihrer Kindlichkeit und Einfachheit […]. Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang. Allen Zank und Streit entscheidet die Gesamtheit derer, die es angeht. […] die Haushal-tung ist einer Reihe von Familien gemein und kommunistisch, der Boden ist Stammesbesitz, nur die Gärtchen sind den Haushaltungen vorläufig zugewiesen […]. Arme und Bedürftige kann es nicht geben […] Alle sind gleich und frei – auch die Weiber“ (Engels 1975b, S. 95f.; vgl. Marx/ Engels 1968, S. 427; Marx 1983a, S. 911). Ob ein solches Menschheitsstadium tatsächlich allgemein existierte, wird sich mangels entsprechender archäologischer Funde nie zweifelsfrei nachweisen lassen (Röder/ Hummel/ Kunz 2001, S. 396). Offenbar funktionierten aber in den letzten 10.000 Jahren mehrere egalitäre städtische Sozialstrukturen über mehr als tausend Jahre (Graeber/ Wengrow 2022, S. 236, 245ff.).
[344] Engels 1977b, S. 581.
[345] Marx 1973b, S. 404.
[346] Engels 1975b, S. 30–35. „Wildheit – Zeitraum der vorwiegenden Aneignung fertiger Naturprodukte […]. Barbarei – Zeitraum der Erwerbung von Viehzucht und Ackerbau, der Erlernung von Methoden zur gesteigerten Produktion von Naturerzeugnissen durch menschliche Tätigkeit. Zivilisation – Zeitraum der Erlernung der weiteren Verarbeitung von Naturerzeugnissen, der eigentlichen Industrie und der Kunst“ (ebd. S. 35).
[347] Ebd., S. 170.
[348] Siehe Marx/ Engels 1963, S. 284; Marx 1971a, S. 9; Engels 1962a, S. 164f.; Kuckenburg 2023, S. 26–31.
[349] Ebd., S. 48–105.
[350] Ebd., S. 104.
[351] Ebd., S. 105. Tedesco (2022) verweist darauf, dass auch einige heutige Historiker „Schwächen“ der „traditionellen marxistischen“ Geschichtsbetrachtung wie deren Eurozentriertheit kritisieren und „einen neuen Bezugsrahmen zur Interpretation vorkapitalistischer Gesellschaften […] entwickeln“. Als Vertreter nennt er Perry Anderson, Jairus Banaji, John Haldon und Chris Wickham.
[352] Hiebel (2017, S. 152) sieht das offenbar genauso, versucht aber erneut, Marx in gleicher Weise wie zuvor zu „retten“: „Ich denke, man muss ‚Gesetz‘ […] als Metaphern sehen. ‚Gesetz‘ als naturwissenschaftlich begründeter Begriff für Naturgesetzlichkeiten darf nicht wirklich für historisch-gesellschaftliche Phänomene eingesetzt werden“.
[353] Schon 1890 legte der Ökonom Conrad Schmidt den Finger in diese Wunde. Er schrieb an Engels, dass die Marxsche Theorie nur zu halten wäre, wenn nachgewiesen werden könne, dass die nicht-materialistischen Vorgänge ebenfalls ökonomisch begründet werden könnten. Schmidt widerstrebte es, so der Publizist Paul Kampfmeyer 1932 (S. 902f.) in einem Nachruf, „die Marxsche Geschichtsauffassung als materialistisch zu bezeichnen. Sie ist in Wahrheit eine ökonomische Weltanschauung“. Treffend scheint mir auch, was der Journalist Klaus Weinert (2013) formulierte: „Wenn in der Wirtschaft von ‚Gesetzen‘ oder ‚natürlichen Gesetzen‘ gesprochen wird, ist immer größte Vorsicht geboten. Die Ökonomik ist keine Naturwissenschaft. Und es gibt in der Wirtschaft keine Gesetze wie in der Physik. Die Schwerkraft kann kein Parlamentsbeschluss der Welt außer Kraft setzen, die Sparauflagen für Südeuropa oder die Hartz-IV-Gesetze könnte man schon ändern.“ Letztere „Gesetze“ funktionierten „nur solange, wie sich die Menschen auf ein bestimmtes System einigen.“
[354] Lange (1955, S. 44) schreibt: „Marx behauptet nicht, dass sich die geschichtlichen Vorgänge und Institutionen, insbesondere Religion, Wissenschaft, ethische und philosophische Ideen u. dgl. auf ökonomische Motive reduzieren lassen; er versucht vielmehr, nur die ökonomischen Bedingungen für ihre Formung und ihren Wandel zu erklären.“ Während ich der ersten Aussage zustimme, kann ich die am Schluss unterstellte Selbstbescheidung nicht bestätigen. Marx streitet nicht ab, dass es noch andere Einflussfaktoren gibt als die von ihm erforschten ökonomischen, hält diese aber für vergleichsweise unwichtig; Ein-, Zu-, geschweige denn Unterordnung in ein größeres Ganzes habe ich nicht entdecken können.
[355] Kant 2004, S. 5.
[356] Ebd.
[357] Ebd.
[358] Ebd.
[359] Marx/ Engels 1972b, S. 480.
[360] Fromm (1989a) nannte es dann „Furcht vor der Freiheit“.
[361] Zu inhaltlichem Gewinn, den Marx und Engels aus der Lektüre von Kant ziehen konnten: Schmidt 1903; Vorländer 2011.
[362] Pagel 2020, S. 386.
[363] Stirner 2023, S. 45f.
[364] Stirner 2016, S. 90f.
[365] Ebd., S. 19f.
[366] Ebd., S. 19.
[367] Pagel 2020, S. 386, 388.
[368] Stirner 2023, S. 43f.
[369] Marx 1962a, S. 193.
[370] 1819 war in England für die weit verbreitete Textilindustrie das erste „Arbeiterschutzgesetz“ erlassen worden. Es enthielt ein Beschäftigungsverbot für Kinder unter 9 Jahren. Marx hielt sich also in diesem Falle an die gesetzlichen Vorgaben. Allerdings wurde die Einhaltung dieses Gesetzes zunächst kaum kontrolliert (Schultz 1948, S. 27f.). In den 1830er Jahren folgten weitere Regelungen in England und Preußen, die Kinderarbeit einschränken sollten (vgl. Bönig 2012).
[371] Auch dieses „allgemeine Naturgesetz“, von dem man erstaunlicherweise „ausgenommen sein“ konnte, existiert nicht. Wie schon zitiert, schrieb Marx (1983b, S. 384) von der „Wanderung“ als „erste Form der Existenzweise“ bei der „der Stamm […] abweidet, was er vorfindet“. Für sich selbst scheint der Kopfarbeiter Marx dieses Naturgesetz ohnehin nicht als geltend empfunden zu haben.
[372] Marx 1962a, S. 193f.
[373] Ebd., S. 194.
[374] Ebd., S. 194f.
[375] Marx 2021, S. 508.
[376] Marx 1973a, S. 32.
[377] Vgl. Budde 1994. Im Kommunistischen Manifest hieß es 1848: „Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden“ (Marx/ Engels 1972b, S. 478). Für Babys und Kleinkinder war diese „Verwendung“ aber unmöglich, für Bürgerkinder traf sie auch später nicht gleichermaßen zu.
[378] Inzwischen ist bekannt, dass Prägungen bereits im Mutterleib beginnen, wo Wirkungen des gesellschaftlichen Seins ja erst recht nur sehr indirekt ankommen (Janus 1993; Peglau/ Janus 1994; Hüther/ Krens 2010). Zu Prägungen während Schwangerschaft, Geburt und Kindheit: Reich 2018; Peglau 2019a; Neill 1992 sowie https://www.summerhillschool.co.uk/.
[379] Reich 2020, S. 24.
[380] Ebd., S. 32.
[381] Ebd., S. 24f.
[382] Engels 1975b, S. 171.
[383] Vielleicht bezog er sich dabei auf Marx (1983b, S. 151), der 1857/58 geschrieben hatte: „Die Vorepoche der Entwicklung der modernen industriellen Gesellschaft wird eröffnet mit der allgemeinen Geldgier, sowohl der Individuen als der Staaten.“ Der Vergleich mit der 1844 getroffenen Aussage von Engels, „das menschliche Herz“ sei „von vorn herein, unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd“, belegt, wie sehr das Voranschreiten im Verstehen der Ökonomie mit zunehmenden Defiziten im Verstehen von Menschen einherging.
[384] Krader 1973, S. 136, 148.
[385] Marx 1971a, S. 8f.
[386] Entsprechend unklar blieb dieser Begriff. Vgl. Heinrich 2021, S. 202f.; Tomberg 1974, S. 9–92; Labica/ Bensussan/ Haug 1989, S. 1325–1330; Lotter/ Meiners/ Treptow 2016, S. 60–63.
[387] Marx 1971a, S. 9.
[388] In den Kapital-Bänden wird „Produktivkraft“ nirgends direkt Menschen zugeordnet, sondern meist „der Arbeit“: „Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderem durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter“ (Marx 2021, S. 54). „Der Begriff ‘Produktivkräfte‘ ist recht dunkel“, kritisiert Lange (1955, S. 46). Da hellt sich auch nichts auf, wenn man im Kapital alle Stellen aufsucht, wo das Wort auftaucht oder im Marx-Engels-Lexikon die entsprechende Zitatensammlung nachliest (Lotter/ Meiners/ Treptow 2016, S. 299–304). Der Ausdruck „materielle Produktivkräfte“ – der wohl nur als Gegenstück zu ideellen Produktivkräften sinnvoll wäre – kommt im Kapital gar nicht vor.
[389] Marx 1971a, S. 9.
[390] Ebd.
[391] Marx 1972, S. 130. Würde man in der Logik verbleiben, dass neue, die Produktion massiv verändernde Maschinen Revolutionen verursachen, hätte wohl das Auto oder spätestens der Computer den Sozialismus bringen müssen.
[392] Siehe Schieder 2018; Krätke 2020, S. 23.
[393] Ähnlich: Steinfeld 2017, S. 48. Dass Marx (2021, S. 16) meinte, „Geburtswehen“ der neuen Gesellschaft ließen sich eventuell „abkürzen und mildern“, genügt mir nicht als Erklärung dieses massiven Engagements. Harman (1986) teilt mit, die um 1950 entstandene „Neue Linke“ berief sich u.a. darauf, dass es in den drei „historischen Schriften“ von Marx (Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Der Bürgerkrieg in Frankreich) „keinerlei Hinweis auf eine passive, fatalistische Herangehensweise bezüglich des historischen Wandels gebe“. Doch gerade diese Abgrenzung legt die Auffassung nahe, dass im sonstigen Werk von Marx solche Hinweise durchaus zu finden sind. Auch im Bürgerkrieg schrieb Marx (1962b, S. 343) zudem, die Arbeiterklasse hätte noch „eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen, […] durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden“.
[394] Marx 1956, S. 251.
[395] Marx 2021, S. 335.
[396] Daher halte ich auch die folgende Marx-Ausdeutung von Lawrence Krader (1973, S. 181) für falsch: „Der Kapitalist ist die Subjektifizierung des Kapitals oder das Kapital ist die Veräußerlichung der Subjektivität des Kapitalisten.“ Den zweiten Aspekt sucht man jedenfalls im Kapital vergebens. Die Passage, in der Marx (2021, S. 620) in Band 1 des Kapital am tiefsten in die Seele „des Kapitalisten“ zu blicken trachtet, lautet: „Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, der Akkumulation und des Reichtums, hört der Kapitalist auf, bloße Inkarnation des Kapitals zu sein. Er fühlt ein ‚menschliches Rühren‘ […]. In den historischen Anfängen der kapitalistischen Produktionsweise, und jeder kapitalistische Parvenü macht dies historische Stadium individuell durch – herrschen Bereicherungstrieb und Geiz als absolute Leidenschaften vor.“ Hier scheinen Kapitalisten also nur ursprünglich Kapitalpersonifizierungen zu sein. Ungeklärt bleibt, wodurch das geizige Anfangsstadium entstehen und verschwinden soll, gesellschaftlich wie individuell. Auch was eine „absolute“ Leidenschaft sei soll, erschließt sich nicht.
[397] Engels 1975b, S. 27.
[398] Marx/ Engels 1967b, S. 463.
[399] U.a. mit dem Hinweis darauf, dass der Lust-Aspekt von Sexualität bei der „Reproduktion“ ausgeklammert wird, belegte auch Reich (1932, S. 120–122), wie sehr die Argumentation von Engels am „wirklichen Leben“ vorbeigeht.
[400] Marx/ Engels 1967b, S. 463. Die gesetzmäßigen Zufälle waren hier ebenfalls wieder mit von der Partie: „Zweitens aber macht sich die Geschichte so, daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ergebnis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem andern verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen“ (ebd., S. 464). Zu den hier wohl gemeinten „Bewegungsgesetzen“: https://de.wikipedia.org/wiki/Dialektische_Grundgesetze.
[401] Marx/ Engels 1967b, S. 436f.
[402] Marx/ Engels 1959, S. 462.
[403] Engels 1972, S. 298. Kursivsetzungen von mir.
[404] Marx/ Engels 1968, S. 206.
[405] Marx/ Engels 2017, S. 136.
[406] Marx 1976, S. 385.
[407] Z.B. Marx 2021, S. 649.
[408] Neffe (2017, S. 283) schildert das „alte Muster“: Marx „macht sich rar, […] geht seiner Arbeit nach“, seine Frau Jenny „schlägt sich mit Metzger und Bäcker herum, die ihre Schulden eintreiben wollen“. Jörn Schütrumpf (2008, S. 43f.) bescheinigt Marx, „zeit seines Lebens selbstfixiert“ gewesen zu sein: So „blieb Emanzipation Theorie“.
[409] Auch Marx hat die Abwertung „ökonomistisch“ verwendet: zur Kennzeichnung anderer Autoren (Marx/ Engels 2021, S. 128; Haug 1985, S. 130). Haug (ebd., S. 129) gibt zu, dass sich bei Marx „Formulierungen“ finden, die „schlicht ‚ökonomistisch‘ sind oder sich entsprechend lesen lassen“, meint aber, Marx habe es nicht besser gewusst und ja auch gegenteilige Auffassungen vertreten. Dazu verweist er auf eine kurze Passage aus einem Marx-Brief von 1877 (Marx/ Engels 1987, S. 108, 111f.) und auf Engels‘ Altersbriefe. Auf Letztere berief sich auch die „neue Linke“ (Harman 1986). Doch konsistent in Hauptwerken vertretene Sichtweisen lassen sich nicht aufrechnen gegen wenige Sätze in späterer Privatkorrespondenz.
[410] Marx/ Engels 2017, S. 8.
[411] Ebd., S. 101.
[412] Marx 1983b, S. 189.
[413] Vielleicht sollte das dem auch von Engels herangezogenen „Gesetz“ des Umschlagens einer Quantität in eine neue Qualität entsprechen: Z.B. geht Wasser bei 100 Grad Celsius in die neue Qualität Dampf über. Aber diese Analogie funktioniert bei menschlichen Wesen nicht. Individuen unterliegen in der „Masse“ diversen, u.U. auch gleichmacherischen Einflüssen, verbergen oder verdrängen vielleicht Teile ihrer Individualität. Sie können diese jedoch nie wirklich verlieren, verschmelzen niemals zu einer „Gesamtseele“ oder einem „Großindividuum“ (vgl. Peglau 2022).
[414] Siehe in Marx 2021 z.B. S. 12, 16, 28, 57ff., 104, 132, 156, 178, 206, 285, 325, 372, 431, 552, 672, 743. Das Wort „Kapitalismus“ verwendet Marx (1963, S. 123) in den Kapital-Bänden übrigens nur einmal. „Kapitalismus“ wurde spätestens seit 1839, also vor Marx, zur negativen Wertung der bürgerlichen Klassengesellschaft genutzt (Sandkühler 2021, S. 1194).
[415] Arbeitslose beschrieb Marx (2021, S. 502, S. 660–674) als „disponible industrielle Reservearmee“, grenzte davon als „eigentliches Lumpenproletariat“ ab: „Vagabunden, Verbrecher, Prostituierte“ (ebd., S. 673). 1852 war seine Beschreibung des „Lumpenproletariats“ sowohl umfangreicher als auch noch unempathischer (Marx 1960a, S. 160f.). Teils entsteht beim Lesen der Eindruck, diese Menschen seien für ihn selbst schuld an ihrer Misere – eine ganz andere Sicht als die von Owen.
[416] Thompson 1980, S. 109, siehe auch Solty 2024. Der Historiker Paolo Tedesco (2023) konstatiert: „Wir können die Geschichte des Kapitalismus nicht schreiben, ohne […] die Überschneidung verschiedener Mechanismen rassistischer, sexistischer und nationalistischer Unterdrückung zu berücksichtigen.“
[417] Marx/ Engels 1978, S. 7.
[418] Marx 1976a, S. 385.
[419] Marx 2021, S. 39. Trotz seiner Ablehnung von Religion teilte Engels das gänzlich unironisch mit. Das Interesse am Kapital entwickelte sich zunächst recht schleppend. Barbara Sichtermann (1995, S. 10f.) schätzt ein, Marx‘ „Arbeiten dienten bis zum Schluß der ‚Selbstverständigung‘ unter einer schmalen Schicht intellektueller Kommentatoren und Programmatiker der Arbeiterbewegung,“ sein Werk habe „weder in seiner ursprünglich komplexen und anspruchsvollen Form den Arbeiterführern Europas als Handlungsmaxime gedient […], noch jemals die Massen“ ergriffen. Allerdings konnte der Dietz-Verlag dann zwischen 1946 und 1990 vom – bearbeiteten – Band 1 mehr als eine Million Exemplare verkaufen. Dafür, dass dieser hohe Umsatz eng mit der Existenz des „realen Sozialismus“ verbunden war, spricht, dass zwischen 1990 und 2007 nur noch „zwischen 500 und 750“ Exemplare (gemeint ist wohl: jährlich) verkauft wurden (Meisner 2013): „Nach der Wende lag die Ware Marx praktisch unverkäuflich im Regal“ (Supp 2009). Danach wurden es wieder mehr: bis zu 2.000 Stück jährlich (Meisner 2013). Dennoch dürfte zutreffen, was Thomas Steinfeld (2017, S. 10) schreibt: „Es gibt keinen Grund zu der Annahme, es gäbe viele Menschen, jüngere gar, die das Kapital tatsächlich gelesen haben.“ Wer die wichtigsten Inhalte kennenlernen will, dem ist eine gute Einführung wie die von Michael Heinrich (2021) zu empfehlen.
[420] Sichtermann (1995, S. 15f.) bewertet die Verständlichkeit des Kapital auf eine Weise positiv, die ich nur bedingt als Widerspruch zu meiner Einschätzung empfinde. Es sei „wegen seiner tüftelnd-schrittweisen Entwicklung des Arguments nach Art eines gelungenen Mathematik-Lehrbuchs idiotensicher“, müsse eben „Wort für Wort“ gelesen werden. Umgekehrt wäre es ein „Kunststück, Marx, diesen Genauigkeitsfetischisten, der alles – in wechselnden Formulierungen, versteht sich – dreimal sagt und dann noch mit einer epischen Miniatur illustriert, nicht zu verstehen“. Zur Arbeitsweise von Marx: Kuckenburg 2023, S. 12–17. Zur Leistung von Engels beim schwierigen Entstehen der Kapital-Bände: Plumpe 2017. Über die Erstauflage schrieb Engels an Marx: „wie hast Du die äußere Einteilung des Buchs so lassen können, wie sie ist!“ Manche Abschnitte seien „scheußlich ermüdend und […] verwirrend“, andere offenbar „in der schrecklichsten Eile gemacht und das Material viel zuwenig verarbeitet“ (Marx/ Engels 1965, S. 324, 334).
[421] https://www.mdr.de/geschichte/ddr/deutsche-einheit/mauerfall/erich-honecker-sozialismus-ochs-esel-100.html
[422] Marx/ Engels 2017, S. 46.
[423] Marx/Engels 1972b, S. 482.
[424] Marx 1973a, S. 21.
[425] 1933 wurde Reich wegen angeblich konterrevolutionärer Anschauungen aus den kommunistischen Organisationen ausgeschlossen und zur Unperson erklärt. Später fand er sich als vermeintlicher Trotzkist auf einer der stalinistischen Listen wieder, die vielfach zur Ermordung der dort Vermerkten führten (Peglau 2017a, S. 311–322).
[426] Siehe z.B. Hüther 2003; Solms/ Turnbull 2004, S. 138ff., 148; Tomasello 2010; Klein 2011; Bauer 2011; Bregman 2020.
[427] Weiterentwickelt aus Peglau 2024a.
[428] Marx 1971a, S. 9.
[429] „Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein“ (Engels 1975a, S. 274). Auch hier fällt die begriffliche Unklarheit auf: „Denken“ – Engels schreibt kurz darauf „Empfinden“ – und „Bewusstsein“ werden gleichgesetzt.
[430] Unter dieses Motto stellte z.B. Otto Finger (1977) ein Kapitel seines Buches Über historischen Materialismus und zeitgenössische Tendenzen seiner Verfälschung.
[431] U.a. 1844 in Die heilige Familie: „HegeIs Geschichtsauffassung setzt einen abstrakten oder absoluten Geist voraus, der sich so entwickelt, dass die Menschheit nur eine Masse ist, die ihn unbewusster oder bewusster trägt“ (Marx/ Engels 1972a, S. 89). 1857, im Entwurf einer Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, schrieb Marx (1971b, S. 639), über eine „noch unbewusst heuchlerische Form“.
[432] 1845 hatten Marx und Engels (2017, S. 135) vermerkt: „Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein.“ Das als Maßstab genommen, ist der Satz von Marx tautologisch: „Das Sein bestimmt das Sein.“ Wenn jedoch die, eigenen Gesetzen unterliegende individuelle Psyche dem „Sein“ der Gesellschaft gegenübergestellt wird, steht auf beiden Seiten so verschiedenartiges Sein, dass sich die Abgrenzung lohnt.
[433] Fromm 1989d, S. 364.
[434] Reich 2020, S. 195. Ohne zu glauben, Marx (1969, S. 6) meine hier das Gleiche, möchte ich auf den ähnlich klingenden Satz aus den Feuerbach-Thesen hinweisen: „Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“
[435] https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%A4ger_und_Sammler; vgl. Scott 2019; Ryan/ Jetha 2016, S. 177–244; Graeber/ Wengrow 2021, S. 473–476. Auch Marx (2021, S. 379) dachte über das „Geheimnis der Unveränderlichkeit“ von „selbstgenügsamen Gemeinwesen“ nach, kam dabei zu sich im Laufe der Jahre verändernden Schlüssen (Kuckenburg 2023, S. 41).
[436] Ähnliche Zusammenhänge meinte vielleicht auch Marx (1960b, S. 129), wenn er von der Despotie der „asiatischen Produktionsweise“ annahm, sie sei maßgeblich der Wasserknappheit geschuldet gewesen (vgl. Kuckenburg 2023, S. 21–58).
[437] Braumann/ Peglau 1991 (Vgl: https://historiablogweb.wordpress.com/2019/02/15/die-saharasia-these-oder-der-untergang-des-paradies/).
[438] Graeber/ Wengrow 2022.
[439] Kuckenburg 2022, S. 27; Geiss 1974. So strikt chronologisch abgegrenzt haben es Marx und Engels nie beschrieben. Marx (1971a, S. 9) schrieb 1859 über „asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen“. Die von ihm sehr unpräzise angewendete Zuordnung „asiatisch“ ersetzte er später „durch die Bezeichnung der ‚archaische[n] Formation‘“ (Wimmer 2019, S. 14, Fn 14) oder durch „naturwüchsigen Kommunismus“ (Weissgerber, zitiert in Kuckenburg 2023, S. 57). Stalin sollte dann untersagen, sich mit der „asiatischen“ Produktionsweise zu befassen, die auffällige Ähnlichkeiten mit dem unter ihm errichteten System aufwies (Kuckenburg 2023, S. 123f.).
[440] Ähnlich argumentiert hier Scott (2019), auf den sich Graeber und Wengrow auch berufen.
[441] Gebhardt 2022. Zu Anfänge siehe auch: Ongaro 2022; https://geschichtedergegenwart.ch/praehistorie-als-geschichte-der-gegenwart-ein-gespraech-ueber-anfaenge-von-david-graeber-und-david-wengrow-2/; https://www.perlentaucher.de/buch/david-graeber-david-wengrow/anfaenge.html.
[442] Graeber/ Wengrow 2022, S. 161f. und an vielen anderen Stellen im Buch.
[443] Auch darüber, was „Kapitalismus“ ist, besteht keine Einigung (Sandkühler 2021, S. 1192–1212). Ich verwende „Kapitalismus“ als Synonym eines Systems, in dem sich Produktionsmittel, Betriebe, Industriezweige in so hohem Maße in Privatbesitz befinden, Reichtum und politische Macht in den Händen einzelner Unternehmer so konzentrieren, dass die Gesellschaft weitgehend von ihnen beherrscht wird – woran eine bürgerliche Scheindemokratie nichts ändert (vgl. Mausfeld 2018).
[444] Vgl. Peglau 2017b, S. 48, 63, 108f.
[445] Neill 1992, S. 55. Vgl.: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/alexander-neills-summerhill-projekt-hoerbuch-kostenlos-herunterladen-und-anhoeren/
[446] Ausführlich: Peglau 2017b, S. 53–120. Meine Überlegungen dazu knüpfen an das Konzept einer „therapeutischen Kultur“ an, das der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz 1989 in die DDR-„Wende“-Zeit einbrachte (Peglau/ Maaz 1990).
[447] Dass es in Gestalt der DDR einen Konkurrenten gab, demgegenüber man sich in diesen Fragen als überlegen darstellen wollte, spielte dabei zusätzlich eine wesentliche Rolle.
[448] Marx/ Engels 2017, S. 37.
[449] Reich 1934, S. 56. Siehe dazu auch Peglau 2024c.
[450] Ausführlich: Peglau 2017b, S. 87–115.
[451] Das zeigt, sicher wider Willen, u.a. Peter Hudis (2022). Er suchte nach Überlegungen von Marx und Engels zur „postkapitalistischen Gesellschaft“, kann jedoch nur auf einige, teils spekulative, ökonomische Detailaussagen verweisen. Unausgegoren sind auch Phantasien, die Marx und Engels in der Deutschen Ideologie dazu mitteilten. Während in der Klassengesellschaft „jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Thätigkeit“ hat, „aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker, & muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will“, könne er sich „in der kommunistischen Gesellschaft […] in jedem beliebigen Zweige ausbilden“, sich entscheiden, „heute dies, morgen jenes zu thun, Morgens zu jagen, Nachmittags zu fischen. Abends Viehzucht zu treiben nach dem Essen zu kritisiren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger Fischer Hirt oder Kritiker zu werden“ (Marx/ Engels 2017, S. 34, 37). Brodbeck (2018, S. 5) hat zu Recht darauf hingewiesen, dass sich kompliziertere Aufgaben als Fischen so kaum angemessen bewältigen lassen.
[452] Engels 1977c, S. 542.
[453] Marx/ Engels 2017, S. 26.
[454] Siehe Elsner 2020, 2024; Peglau 2021.
[455] Engels 1972, S. 298.
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Danksagung
Gudrun Peters war wie so oft die Erstleserin und -kritikerin des Textes. Jan Petzold gestaltete einmal mehr den Buchumschlag. Werner Abel, Wolfgang Brauer, John Erpenbeck, Michael Heinrich, Lutz Kerschowski, Kristina Peters, Jan Petzold, Brigitte Röder, Hans Scherner, Wolfgang Stern und Hannes Stubbe haben Passagen oder frühere Fassungen gelesen, mir mit Informationen, Austausch und Kontroversen weitergeholfen. Ihnen allen: herzlichen Dank! Für das vorliegende Resultat inklusive vermutlich vorhandener Fehler bin ich allein verantwortlich. Über Hinweise auf solche Fehler und konstruktive Kritik würde ich mich freuen.
Über den Autor
Andreas Peglau, 1957 geboren in Berlin/ DDR, Dr. rer. medic., Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker, studierte 1976 bis 1981 Klinische Psychologie an der Humboldt-Universität, war 1985 bis 1991 als Redakteur im DDR-Rundfunksender Jugendradio DT 64 unter anderem für Lebenshilfesendungen zuständig. 1990 gründete er mit anderen die Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse e.V. 2013 wurde er am Medizinhistorischen Institut der Berliner Charité promoviert. Im selben Jahr erschien sein Buch Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. 2020 gab er im Psychosozial-Verlag Gießen den Originaltext von Reichs 1933 erstmals erschienener Massenpsychologie des Faschismus heraus. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen mit psychosozialen und psychoanalysehistorischen Aspekten, siehe auch https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/.
Seit 2022 lebt er in Vorpommern.
Impressum/ Urheberrechtsvermerk
Veröffentlicht am 15. Oktober 2024.
Bitte zitieren als: Andreas Peglau (2024): Menschen als Marionetten? Wie Marx und Engels die reale Psyche in ihrer Lehre verdrängten (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-wie-marx-und-engels-die-reale-psyche-in-ihrer-lehre-verdraengten/).
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