von Andreas Peglau
Wenn wir mit guten Anlagen auf die Welt kommen, müssen wir nur eines tun: dafür sorgen, dass sich diese Anlagen entfalten. Dann werden wir unweigerlich ein diesen Anlagen gemäßes – also ebenfalls gutes – Gemeinwesen errichten. Wer und was sollten uns dann noch daran hindern?
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Es gibt, trotz all ihrer Defizite, keine umfassendere und gründlicher ausgearbeitete Gesellschaftsauffassung als die auf Friedrich Engels und Karl Marx zurückgehende. Sie enthält den detaillierten Nachweis, dass Ausbeuterordnungen wie die kapitalistische zutiefst ungerecht, inhuman und notwendigerweise undemokratisch sind. Seit um 1990 das von der Sowjetunion geführte sozialistische Weltsystem zu Grabe getragen wurde, gelten „linke“, nichtkapitalistische Gesellschaftsentwürfe dennoch zumeist als erledigt. Mein Vorschlag ist, sie stattdessen ganzheitlich zu vervollständigen und grundlegend zu revidieren.
Davon, wie eine bessere Gesellschaft zu erlangen und zu gestalten sei, hatten Marx und Engels nur recht allgemeine, unausgegorene Vorstellungen. Im Glauben an ein vermeintliches Primat der Ökonomie bekämpften sie jede davon abweichende Sichtweise. Während ihre Lehre immer „ökonomistischer“ wurde, verschwand in ihr das, was das Wesenhafteste am Menschen ist: die Psyche.
In dem Beitrag Menschen als Marionetten? Wie Marx und Engels die reale Psyche in ihrer Lehre verdrängten,[1] habe ich diesen Sachverhalt 2024 ausführlich dargelegt. Im nun vorliegenden Text nehme ich den Faden noch einmal auf: Wie kommen wir zu einer menschenwürdigen Gesellschaftsordnung?
Ich teile die Hoffnung von Marx und Engels auf ein weltumspannendes, klassenloses Gemeinwesen, in dem „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ und in der gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“.[2] Doch dahin zu gelangen ist nur möglich, wenn endlich erforscht und einbezogen wird, was genau ein freies Individuum auszeichnet, welche einzelnen Bedingungen es benötigt, um frei zu sein, über welche Fähigkeiten Menschen verfügen und welche – gesunden! – Bedürfnisse sie motivieren.
Das Fundament
Dass die antipsychologische Haltung von Marx und Engels[3] im „realen Sozialismus“ nie konsequent hinterfragt wurde, trug maßgeblich zu dessen Scheitern bei. Noch heute wollen Marxisten[4] zumeist „den Menschen“ befreien ohne sich zu fragen, wer der Mensch überhaupt ist, beabsichtigen sie, eine Gesellschaft zu erbauen, ohne sich um deren Fundament zu scheren.
Was ist dieses Fundament? Eben keine angeblich unabhängig vom Menschen waltenden „ökonomischen Naturgesetze“,[5] wie sie Marx zu erblicken glaubte. Solche Gesetze existieren nicht. Wirtschaft wird nicht von außermenschlichen Wesenheiten gemacht, sondern von realen, konkreten Individuen.[6] Und genau diese sind das Fundament jeglicher Gesellschaft.[7]
Die Bezeichnung „Individuen“ weist darauf hin, dass jeder und jede von ihnen einmalig und einzigartig ist. Doch ihre Gemeinsamkeiten verbinden sie. Dazu gehören nicht nur biologisch-anatomisch-physiologische Gegebenheiten. Sondern auch psychische Anlagen und Grundbedürfnisse. Erich Fromm vermerkte dazu: Selbst die volle Befriedigung jener „Bedürfnisse, die der Mensch mit dem Tier gemeinsam hat – Hunger, Durst und das Bedürfnis nach Schlaf und sexueller Befriedigung – […] gewährleistet noch nicht die geistige und seelische Gesundheit. Diese hängt von der Befriedigung jener Bedürfnisse und Leidenschaften ab, die spezifisch menschlich sind“.[8]
Es ist heute eine weitgehend akzeptierte These, für sämtliche Vertreter des seit mindestens 300.000 Jahren existierenden Homo sapiens[9] eine „psychische Einheit“, also im Prinzip gleichartige seelisch-geistige Anlagen und Strukturen anzunehmen. „Ein Mensch, der von Elefantenjagd oder Sammeln von Lotusknospen lebt, kann“, schreiben der Anthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow, „genauso analytisch, kritisch, skeptisch und einfallsreich sein […], wie jemand, der sein Geld als Kraftfahrer oder Wirt verdient oder einen universitären Fachbereich leitet“.[10]
Nur aus möglichst exakter Kenntnis dieser Gemeinsamkeiten ließe sich ableiten, welche sozialen Strukturen die für Menschen angemessenen sind. Ein tauglicher Gesellschaftsentwurf braucht ein reales, wissenschaftlich fundiertes Menschenbild als Grundlage.[11]
Einen solchen Entwurf gibt es nicht. Das liegt nicht mehr daran, dass zu wenig Wissen vorliegt. Sondern, dass dieses von vielen Menschen, Völkern und aus vielen Zeitaltern stammende interdisziplinäre Wissen nicht zusammengeführt wird.
Geniale Querdenker
Wie kommen wir auf die Welt, dumm und asozial? Ganz im Gegenteil.
In der Säuglingsforschung häufen sich Belege dafür, „dass das kindliche Gehirn zu Beginn des Lebens für die Verarbeitung einer größtmöglichen Vielfalt von Reizklassen ausgestattet“ und der Mensch „ein von Geburt an lernfähiges, in Interaktion stehendes Individuum“ ist.[12]
Eine 1968 mit 1600 Kindern begonnene Langzeitstudie unterstrich diesen Sachverhalt – und zeigte zugleich, wie es weitergeht mit unserem geistigen Vermögen. Im Fokus der Studie stand „Genialität“ – verstanden als Fähigkeit, auf eine einzige Frage viele verschiedene, auch widersprüchliche Antworten zu finden, nicht linear und eindimensional, sondern schöpferisch, vernetzt zu denken, man könnte auch sagen: quer zu denken. Als auf diese Weise „genial“ konnten im Alter von drei bis fünf Jahren 98 Prozent der getesteten Kinder eingestuft werden. Schon fünf Jahre später, im Alter von acht bis zehn Jahren, war ihr Anteil auf 32 Prozent gefallen. Weitere fünf Jahre danach gab es unter den nun 13–15-Jährigen nur noch zehn Prozent „Genies“. Das lag immerhin klar über den Resultaten einer Kontrollgruppe von 200.000, mindestens 25 Jahre alten Erwachsenen: Gerade einmal zwei Prozent von ihnen hatten sich ihre „Genialität“ bewahrt.[13]
Das übliche „Hineinwachsen“ in die üblichen Sozialstrukturen erweitert also die Möglichkeiten individueller (und gesellschaftlicher!) Entwicklung in erster Linie nicht, sondern schränkt sie vor allem massiv ein.[14] Wir erleiden einen dramatischen Verlust an intellektuellen Potenzen und kreativen Gestaltungsmöglichkeiten, damit auch an gesundem Selbstvertrauen.
Und wie steht es mit der Fähigkeit und Bereitschaft zu sozialem Fühlen, Denken und Handeln: Muss sie uns erst beigebracht werden? Davon kann ebenfalls keine Rede sein. Schon vor der Geburt interagieren wir mit unseren Müttern.[15] Auf die Welt gekommen, stellen wir uns mit allen Sinnen auf sie ein, wollen sie riechen, noch immer ihren Herzschlag und ihre Stimme hören, brauchen Blick- und Hautkontakt zu ihnen, reagieren intensiv auf ihren emotionalen Zustand, sind ebenso beziehungsbedürftig wie beziehungsfähig.[16] Drei Monate alte Säuglinge „zeigen Mitgefühl“, können „zwischen gutem und bösem Verhalten unterscheiden“.[17] Kleine Kinder verfügen über Gerechtigkeitssinn,[18] „trösten andere bei Kummer“,[19] sind in der Lage, „Ziele gemeinsam mit anderen zu entwickeln“ und motiviert, „anderen zu helfen und mit ihnen zu teilen“.[20] Untersuchungen verschiedener Wissenschaftsrichtungen stützen diese Befunde.[21]
Falsch ist deshalb auch die Vorstellung von Marx und Engels, wir seien, was das Geistig-Seelische betrifft, leere Blätter, auf welche die Gesellschaft irgendwie ihren Text schreibt, hohle Gefäße, die von den Maximen der Wirtschaft abgefüllt werden.[22]
Der gute Kern …
Wir kommen also nicht nur „genial“ auf die Welt, sondern auch gut: Menschen sind von ihren Anlagen her sensible, kontaktfreudige, mitfühlende, liebevolle, liebenswerte, neugierige, wissbegierige, kreative, prosoziale Wesen. Wir besitzen eine Art „guten Kern“.[23] Dabei handelt es sich nicht um etwas Passives, das erst wie Dornröschen aus dem Tiefschlaf geküsst werden müsste. Unsere Anlagen streben aktiv und energisch danach, sich zu verwirklichen.[24] Wie die Wurzeln von Bäumen nach Wasser und Nährstoffen, ihre Blätter nach Licht suchen,[25] suchen unsere Potentiale nach Entfaltungsmöglichkeiten. Wir wollen unserer inneren Natur gemäß leben, mit uns selbst, anderen Menschen und der äußeren Natur angemessen umgehen, unvermeidbare Konflikte konstruktiv lösen. Gelingt das, macht es uns friedlich, zufrieden,[26] vielleicht glücklich, dient zugleich der Selbst- und Arterhaltung.
… wird verschüttet …
Doch seit mehreren Jahrtausenden wird der gute Kern zunehmend durch oft als „patriarchalisch“ bezeichnete Sozialstrukturen[27] unterdrückt, werden die psychisch recht heil auf die Welt kommenden Menschen[28] so kaputt gemacht, dass sie zu diesen Gesellschaften passen.[29] Deren hierarchischer Aufbau, die Spaltung in machtvolle Herrscher und entmächtigte Untertanen, spiegeln sich in den Individuen wider: Ihre seelischen Anlagen werden zu Machtgier und Unterwürfigkeit, zum „autoritären Charakter“ verzerrt, der nach oben buckelt und – wenn er kann – nach unten tritt.[30]
Das geht einher mit Gehirnwäsche und Gefühlsunterdrückung. Die Herrschenden meinen, ihre Herrschaft sei notwendig und berechtigt. Damit die Untertanen diesen Unfug akzeptieren, müssen deren geistige und seelische Kompetenzen sowei deren emotionale Sensibilität frühzeitig beschnitten werden. Kinder, so beschrieb es Wilhelm Reich 1933, durchliefen daher zunächst „den autoritären Miniaturstaat der Familie, […] um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein. Dies mache sie „ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, im bürgerlichen Sinne brav und erziehbar“.[31] Wer diesen Prozess durchlitten hat, erinnert sich kaum noch daran, dass er zu Selbstbestimmtheit fähig ist, glaubt (Ver-)Führer zu benötigen, die ihm sagen wo‘s langgeht, hat, wie es Erich Fromm nannte, „Furcht vor der Freiheit“.[32]
Weil die dabei entstehende gesunde Wut auf drangsalierende Autoritäten sich nicht offen zeigen kann – wer darf schon Vater, Mutter, Lehrern, später Chefs gegen‘s Schienenbein treten –, staut sie sich allmählich an zu zerstörerischem Hass. Die meisten Erwachsenen sind, ohne es zu wissen, psychosoziale Zeitbomben, somit unbewusst empfänglich für Kriegshetze und verwendbar für Kriegsführung. Wilhelm Reich formulierte es so: Dass der psychisch deformierte Mensch entgegen seinen Lebensinteressen „handelt, fühlt und denkt“, bilde „ein wesentliches Stück der massenpsychologischen Grundlage desjenigen Krieges (…), der von einigen wenigen aus imperialistischen Interessen insceniert wird“.[33]
… und bleibt lebendig
Allerdings gibt es inzwischen eine Vielzahl von Menschen, die diese Schädigungen bei sich erkennen und auf verschiedene Weise, nicht zuletzt psychotherapeutisch, daran arbeiten, sie loszuwerden. Unser verschütteter Kern bleibt lebendig, kann lebenslang freigelegt werden. Es ist nicht möglich, sämtliche uns zugefügte Störungen restlos auszuheilen. Doch wir können uns dem Zustand seelischer Gesundheit wieder deutlich annähern.
Und: Jedes Neugeborene bringt das Potential für einen Neuanfang mit auf die Welt. Auch wenn sich in Gesellschaften wie der unsrigen dieses Potential nicht unbeschadet durchs Aufwachsen hindurch retten lässt: Kinder sind im Vergleich zu Erwachsenen nicht nur die intelligenteren, sondern auch die besseren Menschen. Dürften die gegenwärtig Fünf- bis Zehnjährigen darüber abstimmen und entscheiden, ob das in der BRD erwirtschaftete Geld weiter hochgradig für Aufrüstung, Kriegshetze und Kriegsvorbereitung ausgegeben werden soll oder für ein konstruktives, friedliches, verständnis-, im Idealfall liebevolles Zusammenwirken in Familie, Kindergarten, Schule, Beruf, Gesellschaft und zwischen den Völkern: Wir wären umgehend gerettet vor der hausgemachten Kriegsgefahr.
Die Erwachsenen jedoch wählen heute wieder einmal mehrheitlich kriegsgeile Regierungsparteien.
In der Bibel wird Jesus der Satz in den Mund gelegt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nie ins Himmelreich kommen.“[34] Aktualisiert muss es wohl heißen: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr umkommen.“
(K)eine einfache Lösung
Das von mir skizzierte Menschenbild ermöglicht einen vielleicht überraschenden aber logischen Schluss. Wenn wir diese guten Anlagen besitzen, müssen wir im Grunde nur eines tun: dafür sorgen, dass sie sich entfalten können.
Schaffen wir das, werden wir unweigerlich ein diesen Anlagen gemäßes – also ebenfalls gutes – Gemeinwesen errichten.
Wer und was sollten uns dann noch daran hindern?
Das bedeutet nicht, dass der Weg dorthin leicht sein wird.
Festzuhalten ist: Es geht hier um einen gänzlich anderen Ansatz als um die Erwartung, Fortschritt entstünde durchs Wirken „ökonomischer Naturgesetze“, die nur erkannt und beachtet werden müssten.
Begründete Hoffnung auf die Realisierbarkeit eines derartigen Gemeinwesens lässt sich stattdessen aus der Menschheitsgeschichte schöpfen.
1848 findet sich zu Beginn des Kommunistischen Manifestes der Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“[35] Als Engels diese Schrift 1888 wieder herausgab, lagen neue Funde zur Anthropogenese vor. Nun versah er den Satz mit der lapidaren Fußnote: „Das heißt, genau gesprochen, die schriftlich überlieferte Geschichte“.[36] Auch nach damaligem Kenntnisstand war das eine extreme Einschränkung. Heute wissen wir, dass die Anfänge von Schrift etwa 5.300 Jahren zurückreichen.[37] Für die Menschwerdung werden zumeist sechs Millionen Jahre veranschlagt. Nach Engels‘ Diktum hieße das: Klassen kämpften in weniger als 0,01 Prozent der Menschheitsentwicklung miteinander. Oder, wenn wir die 300.000 Jahre des Homo sapiens zugrunde legen: in weniger als zwei Prozent von dessen Existenz.[38]
Tatsächlich erbrachten archäologische und anthropologische Forschungen für fast die gesamte Menschwerdung keine Hinweise auf das Vorhandensein von institutionalisierter Unterdrückung, Ausbeutung, Staaten, Klassen oder Krieg. Im Gegensatz zur menschlichen Psyche ist all das – zeitlich betrachtet – absolut marginal.
Es liegen zwar auch für die Urzeit Indizien vor für zwischenmenschliche Gewalttaten; die früheste wird auf ein Alter von circa 430.000 Jahren datiert.[39] Doch nachdem der Archäologe Harald Meller, der Historiker Kai Michel und der Evolutionsbiologe Carel van Schaik die gesamten drei Millionen Jahre seit Aufkommen der Gattung Homo durchforstet, „dabei keine bedeutende Spur […] ausgelassen haben“, bilanzieren sie: „Es gibt nicht einmal eine Handvoll Belege für die absichtliche Tötung von Menschen.“[40]
Selbst wenn es sich bei diesen Tötungen um Morde gehandelt haben sollte, was in Ermangelung von Augenzeugenberichten nie zu klären ist: Ein Mord ist kein Krieg. Harald Meller und seine Co-Autoren merken zudem an:
„Sucht man nach prähistorischen Belegen für Krieg, Mord und Totschlag, entdeckt man stattdessen Indizien von Pflege und Fürsorge. Der paläoarchäologische Befund bezeugt: Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt, ansonsten wären viele Verletzungen einem Todesurteil gleichgekommen.“
Als Beispiel führen sie einen, ebenfalls vor circa 430.000 Jahren verstorbenen Neandertaler an, der „an einer ganzen Reihe von degenerativen Krankheiten, Traumata, einer Verkürzung des rechten Armes und wohl Blindheit des linken Auges sowie massiver Schwerhörigkeit“ litt, dennoch ein Alter von „vierzig bis fünfzig Jahren“ erreichte – was nur bei „tägliche[r] Unterstützung“ seiner Gruppe inklusive Wundbehandlung denkbar war.[41] Erst vor circa 7.000 Jahren entstanden Massengräber, die von Fachleuten weitgehend übereinstimmend als Beleg kriegerischer Massaker eingestuft werden.[42] Die Bildung von Staaten setzte vor rund 6.000 Jahren ein.[43]
Friedlich und solidarisch miteinander umzugehen, scheint also die anthropogenetische Normalität zu sein.
Grenzen bürgerlicher Ordnung
Die Veränderungen, die nötig sind, damit sich diese Normalität wieder einstellt, durchziehen sämtliche Lebensbereiche: Familie, Schule, Beruf, Partnerschaft, Sexualität, Kunst, Kultur, Politik, Ökonomie, Ökologie … Das stößt früher oder später an die Grenzen bürgerlicher Ordnung.[44] Kapitalismus[45] braucht autoritär strukturierte, in Selbstwert, Beziehungs- und Solidarisierungsfähigkeit gestörte Untertanen, die sich verdummen, ausbeuten, entzweien, unterdrücken und in Eroberungskriege schicken lassen.
Die dafür benötigten seelischen Deformationen werden massenhaft hergestellt, systematisch herbeisozialisiert.[46] In der BRD kommt heute fast jedes dritte Kind fremdbestimmt, per Kaiserschnitt zur Welt: mehr als eine Verdopplung seit 1993.[47] „Andere entscheiden über dich“ wird damit bereits zum Begrüßungsmotto und Vorgeschmack aufs Kommende: normgerechtes Sich-Unterordnen unter Eltern, Erzieher, Lehrer, Chefs, Ärzte, staatliche Institutionen, Regierung und Profitinteressen.
Damit sich menschliche Potentiale umfassend verwirklichen können, ist die Umwälzung kapitalistischer Macht- und Eigentumsverhältnisse unverzichtbar.
Ökonomie reicht nie
Doch so wesentlich das ist: Wie die vom Terrorregime Josef Stalins frühzeitig kontaminierte Geschichte des „realen Sozialismus“ und schließlich dessen Zusammenbruch belegen, genügt es nicht als Grundlage einer gesunden Gesellschaft.
Marx glaubte, das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen, der gesellschaftliche „Überbau“ würde schon irgendwie hinterherkommen, wenn erst mal die wirtschaftliche „Basis“ umgewälzt ist.[48] Genauso wurde es im „realen Sozialismus“ gehandhabt – mit bekanntem Misserfolg. 1949 wurde die DDR gegründet, 1990, mehr als 40 Jahre danach, empfanden sich die meisten ihrer Einwohner noch immer als kompatibel mit der kapitalistischen BRD. Bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 gab es eine Beteiligung von 94 Prozent. Über 47 Prozent wählten die CDU-geführte „Allianz für Deutschland“, die für schnellstmögliche DDR-Auflösung stand. Nur 16 Prozent erhielt dagegen die PDS, die einzige Partei, die keine baldige „Wiedervereinigung“ wollte, geschweige denn einen Anschluss, wie er am 3. Oktober 1990 exekutiert wurde.[49]
Menschliche und gesellschaftliche Strukturen
Bereits 56 Jahre zuvor hatte Wilhelm Reich in der Massenpsychologie des Faschismus auf den Zusammenhang hingewiesen, der dann im „realen Sozialismus“ ignoriert wurde: „Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“[50] Neuerungen im Äußeren genügen ebenso wenig wie Wandlungen im Inneren – beides ist vonnöten und kann nicht losgelöst voneinander verwirklicht werden. Eine klare Absage sowohl an Ökonomismus wie auch an Psychologismus.
Ich konkretisiere es heute so für mich: Wenn Menschen ihre herbeisozialisierten Störungen bearbeiten, lindern, ausheilen, werden sie gesünder als es die Masse der Bevölkerung ist und als es die Normen der Gesellschaft vorsehen. Dadurch lösen sie bei anderen Verunsicherungen aus oder aggressive Abwehr. Kommen sie und ihre unangepassten Haltungen zu Bekanntheit, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Machtapparat gegen sie wendet. Sollten sie ihre Sichtweisen dennoch weiterhin verbreiten, droht ihnen Verfolgung, im schlimmsten Fall Vernichtung. Ein Prinzip, das Wilhelm Reich nicht nur selbst erlitten,[51] sondern auch metaphorisch an der Legende von Jesus Christus illustriert hat. Jesus wurde – so Reichs Interpretation – gekreuzigt, weil die anderen seine Ehrlichkeit, Offenheit, Emotionalität, Weisheit und seine Kritik nicht ertrugen.[52] Das hat seine Entsprechung in der verbreiteten Erziehungspraxis. Da Normalneurotiker die bei ihnen selbst längst verdrängte Lebendigkeit, Emotionalität, Spontanität, Kreativität, Wissbegier schwer ertragen, behindern oder unterdrücken sie all das auch bei Kindern. In einer kranken Gesellschaft[53] kann niemand auf Dauer gesund bleiben.
Doch wie Reich erkannte, ist es ebenso zum Scheitern verurteilt, eine frühere Gesellschaft überwinden zu wollen ohne zu berücksichtigen, dass sie in den Individuen fortlebt. Diese Individuen waren ja diese Gesellschaft, haben sie getragen und mitgestaltet; von Kindesbeinen an wurden ihnen deren Normen, Haltungen, Werte eingetrichtert. Dadurch haben sich diese tief in der Psyche verankert. Umso mehr, wenn sie entlastende, haltgebende Orientierung bieten: „Ich mach ja nur, was mir gesagt wird. Alle anderen sind doch auch dieser Meinung, wie sollte ich es da infrage stellen.“ Obgleich ein solcher Halt neurotisch, letztlich selbstschädigend ist: Menschen wehren sich zumeist dagegen, ihn zu verlieren, wehren damit auch positive Veränderungen ab und behindern so das Entstehen besserer gesellschaftlicher Verhältnisse. Und sie geben per Erziehung, vielleicht gemildert, ihre unbewusst beibehaltenen Normen weiter an die nächste Generation.
In unser aller Interesse
Wer kann diesen Teufelskreis durchbrechen?
Menschen, die ihre erlittenen seelischen Deformierungen wahrnehmen und an ihnen arbeiten, nicht zuletzt in psychotherapeutischen Zusammenhängen. Und die zugleich – am besten gemeinsam – um politische, ökonomische, kulturelle, sexuelle, ökologische Lebensbedingungen kämpfen, welche ermöglichen, dass die Generationen ihrer Kinder, Enkel und Urenkel dieses Deformiert-Werden immer weniger, schließlich gar nicht mehr erleiden müssen.
Beides hängt ohnehin zusammen. Unsere Störungen als Fakt anzuerkennen und aufzuarbeiten macht uns fähiger zu konstruktiven Umwälzungen, privat wie gesellschaftlich, zum Aufbau guter und gleichberechtigter Partnerschaften, zum Genießen erfüllter Sexualität, zur Konfrontation mit lebensfeindlichen, kriegsverherrlichenden Normen in Schule, Beruf, Medien, Kirche, Politik und Staat, zur Suche nach Gleichgesinnten, mit denen sich dagegen Widerstand leisten lässt. Und es schafft bessere Voraussetzungen, um Kinder liebevoll, nicht-autoritär ins Leben zu begleiten.
Schon weil die individuelle Schuld an der Spitze der Machtpyramide um ein Vielfaches höher ist als an deren Basis, ist es schwer, die Herrschenden für solch tiefgreifende Veränderungen zu gewinnen: Sie müssen mit Verurteilung und Bestrafung, zumindest Entmachtung und Verachtung rechnen, sobald bessere Zeiten anbrechen. Objektiv betrachtet leben aber nicht nur die Unterdrückten unter unwürdigen Umständen, sondern auch die Unterdrücker: Menschen auszubeuten, zu verdummen, für massenhaftes Elend, rapide Umweltzerstörung und Kriege, für hunderttausende Tode verantwortlich zu sein, ist alles andere als anstrebenswert, läuft auf ein völlig verfehltes Leben hinaus, unabhängig davon, ob sich die Täter das bewusstmachen oder nicht. Wer möchte mit ihnen tauschen?
Doch selbst US-Präsidenten und andere Staatenlenker, die skrupellos den Mord an Einzelnen oder Massen befehlen, selbst Söldner, Glaubensfanatiker, Neofaschisten, die diese Morde dann begehen, die Andersdenkende massakrieren, sind vor wenigen Jahrzehnten mit gesundem Potential auf die Welt gekommen, wollten und konnten lieben.
Und: Sie können ihr verabscheuungswürdiges Tun nur bewerkstelligen, weil sie von der Masse der Bevölkerung hinreichend unterstützt werden. Die staatlichen Strukturen und die uns anerzogenen autoritären Anteile machen uns, bewusst oder unbewusst, zu Komplizen der Machthaber, zu Mitschuldigen am lebensfeindlichen Agieren unseres Staates, spätestens durch das Zahlen von Steuern, mit denen Waffen bezahlt werden, die unschuldige Menschen töten.
Es ist daher im Interesse von uns allen, menschenwürdige Verhältnisse herzustellen.
Psychosoziale Revolution …
Da in der Tat alles mit allem zusammenhängt, lässt sich mit den notwendigen Veränderungen auch überall beginnen, mit Selbsterkenntnis und daraus resultierender Selbstveränderung schon heute Abend. Doch es müssen Handlungen folgen, welche auch die äußere Welt verändern, von Partnerschaft und Familie bis hin zur Gesellschaft. Wir können und sollten bei uns selbst anfangen – aber dort nicht stehen bleiben. Was wir brauchen, ist eine psychosoziale Revolution.[54]
Diese Revolution muss nicht hinzukommen zur politisch-ökonomischen Umwälzung. Sondern sie beinhaltet zwangsläufig politisch-ökonomische Umwälzungen,[55] kann ohne sie gar nicht nachhaltig erfolgreich sein. Psychosoziale Revolution steht somit für die Gesamtheit der erforderlichen Veränderungen.[56] Sie findet nicht erst beim Abschaffen des Kapitalismus statt, sondern bildet die Grundlage, um ihn dauerhaft abzuschaffen. Und sie muss nach dessen Abschaffung fortgeführt werden.
… für eine menschenwürdige Ordnung
Ein Manko dies Begriffes ist: Er enthält keine inhaltliche Aussage über das Ziel dieser Revolution. Ich schlage als Arbeitstitel für dieses Ziel vor: „menschenwürdige Ordnung“.
Die dafür ebenfalls in Frage kommenden Worte Sozialismus und Kommunismus sind nicht eindeutig definiert, werden sehr unterschiedlich gebraucht,[57] oft auch missbraucht, nicht zuletzt in „Nationalsozialismus“, und wurden insbesondere durch den Stalinismus diskreditiert.
Auch „menschenwürdige Ordnung“ muss exakter definiert werden, lässt sich aber gut als Ausgangspunkt überprüfbarer sozialwissenschaftlicher und psychologischer Fragestellungen nutzen: Was genau ist eines Menschen würdig, wodurch wird seine Würde verletzt oder bewahrt?
„Menschenwürdige Ordnung“ steht darüber hinaus im Einklang mit den Forderungen des 25-jährigen Marx, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist.[58] „Alle Verhältnisse“ – das sind eben weitaus mehr als nur ökonomische. Erich Fromm hat das, was daraus entstehen soll, rund 130 Jahre später im Bild einer Gesellschaft gefasst, „in der sich niemand mehr bedroht fühlen muss: nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht“.[59]
Mit oder ohne Gewalt?
Die DDR hat noch in ihrem Niedergang 1989 einen ihrer zahlreichen Vorzüge[60] offenbart. Es stand die Wahl zwischen dem militärischen Niederschlagen der oppositionellen Bewegungen und einem gewaltlosen Abdanken. Die sich offenkundig noch immer mit dem Volk verbunden fühlende Führung entschied sich für Letzteres. Die vermeintliche „friedliche Revolution“ von unten war in Wirklichkeit vor allem ein friedlicher, sicher auch von Resignation getragener Machtverzicht von oben.[61]
Bittere Erfahrungen vieler anderer Länder sprechen dafür, dass dergleichen von kapitalistischen Machthabern nicht zu erwarten ist. Wo immer möglich, wurde deren Entmachtung durch Attentate auf Oppositionelle, Terror, Militärputsche und Kriege verzögert, verhindert oder rückgängig gemacht. Dass es dabei zu unzähligen Toten kam, war für die Herrschenden nie von Belang.[62]
Muss also eine Revolution, die den Kapitalismus hinwegfegen soll, zwangsläufig mit enormer Gewaltausübung einhergehen? Das glaubten nicht einmal die Stammväter des Marxismus.
Marx anerkannte 1872, auf dem Haager Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation,
„daß man die Institutionen, die Sitten und die Traditionen der verschiedenen Länder berücksichtigen muß, und wir leugnen nicht, daß es Länder gibt, wie Amerika, England, und wenn mir eure Institutionen besser bekannt wären, würde ich vielleicht noch Holland hinzufügen, wo die Arbeiter auf friedlichem Wege zu ihrem Ziel gelangen können.“[63]
„[O]hne Heer, ohne Polizei, ohne Gerichte,“ setzte er hinzu, „würden die Könige an dem Tage, wo sie gezwungen sein würden, ihre Macht nur mit moralischem Einfluß und moralischer Autorität aufrechtzuerhalten, nur schwache Hindernisse für das Vorwärtsschreiten der Revolution sein.“[64]
Noch 1891, vier Jahre vor seinem Tod, konnte sich Friedrich Engels „vorstellen, die alte Gesellschaft könne friedlich in die neue hineinwachsen in Ländern, wo die Volksvertretung alle Macht in sich konzentriert, wo man verfassungsmäßig tun kann, was man will, sobald man die Majorität des Volks hinter sich hat.“ Allerdings gelte das, meinte er, nicht für „Deutschland, wo die Regierung fast allmächtig und der Reichstag und alle andern Vertretungskörper ohne wirkliche Macht“ sei.[65]
2026 ist die BRD ebenfalls meilenweit davon entfernt, über eine tatsächliche Volksvertretung zu verfügen, welche die Macht in sich konzentriert. Folgen wir Engels, könnte die Schaffung eines solchen Gremiums erleichtern, friedlich zur neuen Gesellschaft zu gelangen. Initiativen wie die für eine „direktdemokratische Verfassungsgebung“[66] gehen in diese Richtung und sind unterstützenswert. Doch sie ignorieren die herbeisozialisierten patriarchalen, autoritären, destruktiven Persönlichkeitsanteile, die in uns herumspuken. „Direkte Demokratie“, Volksentscheide und Volksherrschaft sind nur in dem Maße eine Lösung, wie die Angehörigen des Volkes sich ihr Gut- und „Genial“-Sein bewahren oder zurückerobern. Ein gesundes Gemeinwesen braucht psychisch gesunde Menschen als Grundlage. Um psychisch gesund sein zu können, brauchen wir ein gesundes Gemeinwesen. Dieser Zusammenhang ist nicht auflösbar.
Auf Chancen zu gewaltarmen sozialen Übergängen verweist ebenfalls das von mir skizzierte Menschenbild. Gegen unsere gesunden Interessen zu regieren, ist nur solange möglich, wie sich nicht genügend von uns dieser Interessen bewusst sind. Ist unser angeborenes Potential nicht verschüttet – oder wird es wieder freigelegt –, spüren wir, was uns guttut, was wir brauchen, wohin es gehen soll. Zugleich: wovon wir uns befreien sollten, was uns schadet. Unterdrückung schadet immer.
Je mehr Menschen diese Unterdrückung wahrnehmen und bewusst unter ihr leiden, desto mehr wächst der Widerstand. Und desto schwieriger wird es für die Herrschenden, sich zu behaupten. Psychisch gesunde Menschen würden niemals eine kapitalistische Gesellschaft aufbauen. Weshalb sollten sie sich schaden? Wilhelm Reich notierte 1934: „Je grösser die Massenbasis der revolutionären Bewegung, desto geringere Gewaltanwendung ist notwendig, desto mehr schwindet auch die Angst der Masse vor der Revolution.“[67]
Dennoch ist Revolution immer, unvermeidlich, ein aggressiver Akt. Doch davor müssen wir keine Angst haben. Aggression, abgeleitet vom lateinischen „aggredere“, auf jemanden oder etwas zugehen, etwas in Angriff nehmen, ist nicht nur nichts Schlechtes, sondern ein lebensnotwendiger, gesunder Bestandteil unseres Handlungsrepertoires.[68] Schon zu Beginn unseres Lebens benötigen wir diese Fähigkeit, um uns – jedenfalls bei einer natürlichen Geburt – durch den engen Geburtskanal hinaus zu drängen, auf die Welt zu kommen. Nur mittels Aggression ist Abgrenzung, Durchsetzung, Selbstverteidigung und Selbstbehauptung möglich.
In den Spiegel schauen
Wer sich für eine psychosoziale Revolution engagieren will, steht vor der Frage: womit beginnen?
Für politisch-ökonomische Umwälzungen wurden seit 1848 diverse Ideen publiziert. Dem kann und brauche ich nichts hinzuzufügen. Aber auch wer sich für Veränderungen engagieren möchte, welche direkter an der Psyche ansetzen, steht nicht mit leeren Händen da. Bevor ich abschließend auf einige Vorleistungen hinweise, an die sich anknüpfen lässt, will ich benennen, was das Sich-Einlassen auf diese Thematik am häufigsten behindert.
Bei Vorträgen und Diskussionen, ob öffentlich oder privat, erlebe ich es immer wieder: Den meisten leuchtet die Darstellung psychosozialer Wechselwirkungen ein – solange sie allgemein bleibt. Doch sobald es um sie persönlich geht, um ihre eigene Lebensgeschichte, Kindheit, Elternbeziehung, ihre daraus entstandene seelische Gestörtheit und die dadurch verursachte Schuld, die sie inzwischen als Vater, Mutter, Erzieher, Partner oder Staatsbürger auf sich geladen haben, wird die Herausforderung von vielen offenbar als zu ängstigend empfunden – und sie steigen aus.
Als ich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann, mich intensiver mit der Psychoanalyse zu befassen, hatte ich ebenfalls mit dieser Erschütterung zu kämpfen.[69] Unterstützt durch mehrjährige Erfahrungen als Patient Reichianischer Körpertherapie und (innerhalb meiner Psychoanalytiker-Ausbildung) analytischer Psychotherapie ist es mir jedoch zur Selbstverständlichkeit geworden, auch über mich in dieser Weise nachzudenken. Ich bin Teil des Systems, in das ich hineingeboren wurde, das mich umgibt, wurde von ihm geprägt, trage willentlich oder gegen meinen Willen zu dessen Bestand und Entwicklung bei. Im gesellschaftlichen Ozean gibt es keine unberührten privaten Inseln, das umgebende Wasser sickert überall ein, kein Filter hält es komplett auf. Wer die negativen Aspekte eines sozialen Systems überwinden will, muss zugleich danach suchen, inwieweit er diese Aspekte verinnerlicht hat – und auch dagegen etwas tun.[70]
Vorleistungen
Wilhelm Reich hat sich theoretisch sowie praktisch damit befasst, menschliches Potential zu schützen und zu fördern. Seine Vorschläge, die er zum Teil schon selbst umsetzte und dokumentierte, umfassen die Unterstützung werdender Mütter, natürliche Geburt,[71] liebevolles Begleiten des Säuglings und Kleinkindes beim Aufwachsen in nicht-autoritären, lebensbejahenden Verhältnissen, die Gleichberechtigung der Geschlechter, lustvolle Sexualität sowie ganzheitliche Therapieansätze.
Nachzulesen ist das unter anderem in Reichs 2017 auf Deutsch erschienenem Buch Kinder der Zukunft, das ich hier rezensiert habe.
Ein Teil dieses erst posthum aus Reichs Arbeiten zusammengestellten Bandes entstand im Austausch mit dessen bestem Freund, dem schottischen Pädagogen Alexander S. Neill. In seiner Summerhill-Schule wurde und wird noch heute nicht-autoritäre, demokratische Erziehung und Bildung praktiziert, oft fälschlich als „anti- autoritär“ bezeichnet. Den knappsten Einstieg in die Grundlagen dieses seit über 100 Jahren erfolgreichen Schul-Projektes bieten die Fragen und Antworten.
Auszüge daraus habe ich 2024 zu einem Hörbuch verarbeitet, das hier kostenlos heruntergeladen und angehört werden kann.
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre hat Hans-Joachim Maaz Anregungen von Reich, Neill und anderen in seinem Konzept einer therapeutischen Kultur aufgenommen und dieses später zur Beziehungskultur weiterentwickelt. Mit der Liebesfalle will ich nur eines seiner Bücher hervorheben.
Weitere sind hier aufgelistet.
Von März 1989 bis April 1991 habe ich mit Hans-Joachim Maaz Gespräche geführt für den DDR-Sender Jugendradio DT 64, auch über therapeutische Kultur.
Davon inspiriert war dann ebenfalls das Buch, das ich im Jahr 2000 zusammen mit dem Verein ich.ev herausgegeben habe: Weltall, Erde, …ICH.
Die wichtigsten Beiträge daraus sind hier nachzulesen. Sie gliedern sich unter anderem in die Abschnitte
– Natürlichere Geburt
– Mehr Begleiten, weniger Erziehen
– Sich selbst helfen: zusammen und allein
– Therapie: sich helfen lassen
– Freiere Sexualität, Partnerschaft und Liebe
– Gemeinschaftlicheres Wohnen, Arbeiten und Leben
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Anmerkungen
[1] Peglau, A. (2024): Menschen als Marionetten? Wie Marx und Engels die reale Psyche in ihrer Lehre verdrängten (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-wie-marx-und-engels-die-reale-psyche-in-ihrer-lehre-verdraengten-download-des-gesamten-textes/).
[2] Zitiert ebd., S. 63. Schon 1845 hatten Moses Heß und Engels geschrieben, dass „der falsche […] Satz: ‚Jedem nach seinen Fähigkeiten‘, […] umgewandelt werden muß in den Satz: Jedem nach Bedürfnis“ (Der Doktor Kuhlmann aus Holstein; MEGA Bd. 5, Berlin/Boston, S. 590-601, hier S., 599).
[3] Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 60–63.
[4] Die Lehre von Marx und Engels ist nicht identisch mit dem, wofür sich die Bezeichnung „Marxismus“ einbürgerte, noch weniger mit „Marxismus-Leninismus“. Nach Engels‘ Tod setzte nicht nur Simplifizierung ein, sondern alsbald auch die Aufspaltung in gegensätzliche, teils feindliche „Marxismen“ (ebd., S. 6f., Anm. 3, 4, 11).
[5] Insbesondere im Kapital, dem Hauptwerk von Marx, häufen sich derartige „Gesetze“. Bereits im Vorwort ist von „den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion“ die Rede, welche „mit eherner Notwendigkeit“ wirken und sich durchsetzen. Als „letzte[n] Endzweck“ seines Buches benennt Marx dort, „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“. Die „Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation“ werde von ihm als „naturgeschichtliche[r] Prozeß“ aufgefasst. Entrinnen ließe sich diesen „Gesetzen“ in keinem Fall, meinte Marx: „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist […], kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren.“ (zitiert ebd., S. 41–45).
[6] Zu Beginn ihrer Kooperation war das auch Marx und Engels nicht fremd. 1848, im Kommunistischen Manifest, teilten sie ihre Erwartung mit, anstelle der „bürgerlichen Gesellschaft“ werde „eine Assoziation“ treten, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Doch die Individuen gerieten ihnen immer mehr aus dem Blick (ebd., S. 60–63).
[7] Wobei „Gesellschaft“ eine Abstraktion darstellt, eine weit ausdeutbare Vokabel für eine Vielzahl von Menschen und die Art ihres Aufeinander-Einwirkens. Die Enzyklopädie Philosophie (2021, hrsg. von H. J. Sandkühler, Hamburg, S. 869) verweist auf die Definition des Lexikons für Soziologie: Gesellschaft „als das jeweils umfassendste System menschlichen Zusammenlebens“. Marx meinte um 1857, die „Gesellschaft besteht nicht aus Individuen“, in ihr würde sich nur „die Summe der Beziehungen, Verhältnisse“ ausdrücken, „worin diese Individuen zueinander stehen“ – zwischenmenschliche Beziehungen also ohne Menschen: ein unauflösbarer Widerspruch (zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 60).
[8] Fromm, E. (1989): Wege aus einer kranken Gesellschaft, in ders.: GA, Bd. 4, München, S. 1–244, hier S. 51.
[9] Peglau, A. (2025): Wir sind keine geborenen Krieger. Zu psychosozialen Voraussetzungen von Friedfertigkeit und „Kriegstüchtigkeit“ (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wir-sind-keine-geborenen-krieger-zu-psychosozialen-voraussetzungen-von-friedfertigkeit-und-kriegstuechtigkeit/), S. 1.
[10] Siehe Graeber, D./ Wengrow, D. (2021): Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart, S. 114f.; Bregman, R. (2020): Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Hamburg, S. 79f.
[11] In negativer Weise wird der Zusammenhang zwischen Menschenbild und Gesellschaftssystem durchaus berücksichtigt: Aus der Behauptung, Menschen seien angeboren böse, asozial, destruktiv oder dumm leiten Herrscher vielfach ihr Recht, ja ihre angebliche Pflicht ab, zu kontrollieren, zu gängeln, zu strafen.
[12] https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/saeuglingsforschung.
[13] Ausführlich: Land, G./ Jarman, B. (1993): Breakpoint and beyond. Mastering the future – today, New York. Zusammenfassung u.a. hier: https://jugend-online-event.de/vom-genie-zum-angepassten-denken-und-handeln/. Referiert wird diese Untersuchung ebenfalls in dem 2013 veröffentlichten Film Alphabet – Angst oder Liebe von Erwin Wagenhofer (https://de.wikipedia.org/wiki/Alphabet_(Film)).
[14] In der Schule erhalten wir zwar „Bildung“. Aber wie viel von dem, mit dem wir uns dort in Kindheit und Jugend herumschlagen, benötigen wir im späteren Leben tatsächlich? Ich meine, die gebräuchlichen Schulsysteme dienen in erster Linie der Disziplinierung und Anpassung an soziale Strukturen – und dem Vermitteln von des zum Funktionieren innerhalb dieser Strukturen nötigen Wissens.
[15] https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/paradiesische-neun-monate-fruehe-praegungen-zur-gewaltbereitschaft-aus-sicht-der-vorgeburtlichen-psychologie/
[16] Siehe auch Dornes, M. (2001): Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt a. M.; derselbe (2001): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt a. M.; Stern, D. N. (2002): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt, denkt. München/ Zürich.
[17] https://www.deutschlandfunkkultur.de/entwicklungspsychologie-babys-sind-kleine-moralapostel-100.html. Ausführlich: Bloom, P. (2014): Jedes Kind kennt Gut und Böse – Wie das Gewissen entsteht, München.
[18] https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(15)00558-8?_returnURL=https%3A%2F%2Flinkinghub.elsevier.com%2Fretrieve%2Fpii%2FS0960982215005588%3Fshowall%3Dtrue. Siehe auch: https://sciencev2.orf.at/stories/1759992/index.html.
[19] https://www.familienhandbuch.de/babys-kinder/bildungsbereiche/soziale/EmpathieundsozialesVerstehenindenerstenLebensjahren.php. Siehe auch: Bischoff-Köhler, D. (2011): Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend, Stuttgart.
[20] https://www.mpg.de/4658054/Kooperation_bei_Kleinkindern
[21] Siehe z.B. Hüther, G. (2003): Die Evolution der Liebe. Was Darwin bereits ahnte und die Darwinisten nicht wahrhaben wollen. Göttingen; Solms, M./ Turnbull, O. (2004): Das Gehirn und die innere Welt. Neurowissenschaft und Psychoanalyse. Düsseldorf/ Zürich, S. 138ff., 148; Tomasello, M. (2010): Warum wir kooperieren, Berlin; Klein, S. (2011): Der Sinn des Gebens. Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen. Frankfurt a. M.; Bauer, J. (2011): Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. München; Bregman, R. 2020 (wie Anm. 10); Peglau 2025 (wie Anm. 9).
[22] Schon 1845, in den Manuskripten zur Deutschen Ideologie, reduzierten Marx und Engels das, was an den „wirklichen Individuen“ und deren Lebensbedingungen wichtig sei, auf „die körperliche [!] Organisation dieser Individuen & ihr dadurch gegebenes Verhältniß zur übrigen Natur“. „Man könne „die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Thieren unterscheiden“. Bewusstsein wird hier zu einem Unterscheidungsmerkmal unter vielen degradiert, gleichzeitig auf dieselbe Stufe gestellt wie die von Marx und Engels als irrational bekämpfte Religion. In Wahrheit begännen Menschen, „sich von den Thieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produziren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist“. Was „die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen“ seien dagegen „Nebelbildungen im Gehirn […], nothwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatirbaren & an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses“. Moral, Religion, Ideologie und ihnen entsprechende „Bewußtseinsformen“ besäßen weder „Selbständigkeit“ noch „Geschichte“ oder „Entwicklung“. „Bei mir ist […] das Ideelle nichts anders als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle“, ließ Marx dann in der zweiten Kapital-Auflage seine Leser wissen. Um ihre Vorhersagen politischer Umbrüche zu begründen, wechselten Marx und Engels allerdings bei Bedarf zur Annahme, ökonomische Prozesse erzeugten bei den Arbeitern gezwungenermaßen das Bewusstsein ihrer Situation inklusive Bereitschaft und Fähigkeit zur Revolution (zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 29, siehe dort auch S. 45–47).
[23] Wilhelm Reich (1986, Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln, S. 11) sprach hier vom „biologischen“ Kern, der uns ermögliche, „ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes, oder, wenn begründet, rational hassendes Tier“ zu sein.
[24] Sigmund Freud, der sich den Menschen freilich als angeboren asozial vorstellte, ging ganz zu Recht von einer „dynamische(n) Auffassung der seelischen Vorgänge“ aus (https://www.freudedition.net/node/226697).
[25] Siehe Wohlleben, P. (2015): Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt, München.
[26] Im Deutschen hängen die Worte „Frieden“, „friedlich“ und „zufrieden“ eng zusammen (https://www.dwds.de/wb/etymwb/Zufriedenheit).
[27] Patriarchalisch, von Männern beherrscht, ist eine zu enge Definition. In diesen Gesellschaften wird der größte Teil der Bevölkerung, Männer wie Frauen, von den jeweils Herrschenden, zu denen auch Frauen gehören können, unterdrückt. In der Familie dominieren zwar meist Männer. Doch sie unterdrücken zusammen mit ihren Frauen die Kinder. Und: Die Unterdrückung gesunder Gefühle und Strebungen betrifft jedes Mitglied solcher Gesellschaften: Von seelischer Gesundheit kann auch an der Spitze der sozialen Hierarchie keine Rede sein.
[28] Was auch immer uns bereits in unserer vorgeburtlichen Entwicklungsphase belasten oder schädigen kann: Es macht uns nicht zu schlechten Menschen. Zudem dürften prä- und perinatale Schädigungen zumeist ausheilen, wenn die Betroffenen danach in einer tatsächlich auf sie zugeschnittenen Umwelt aufwachsen könnten – was eben in aller Regel nicht der Fall ist.
[29] Das korrespondiert mit dem bekannten Satz aus dem Kommunistischen Manifest: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse“. Marx und Engel sind jedoch nie der Frage nachgegangen, wie dieser Gedankentransfer vonstatten geht (siehe Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 15f.). Erst Wilhelm Reich (1933, Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für studierende und praktizierende Analytiker, o.O., S. 12) lieferte dann die entwicklungspsychologische Basis nach: „In der Klassengesellschaft ist es die jeweils herrschende Klasse, die mit Hilfe der Erziehung und der Familieninstitution“ – heute wären die Medien zu ergänzen – „ihre Position sichert, indem sie ihre Ideologien zu den herrschenden Ideologien aller Gesellschaftsmitglieder macht.“
[30] https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/vom-nicht-veralten-des-autoritaeren-charakters/
[31] Reich, W. (2020): Massenpsychologie des Faschismus. Der Originaltext, Gießen, S. 38.
[32] Fromm, E. (1989): Die Furcht vor der Freiheit, in ders.: GA, Bd. 1, München, S. 215–392.
[33] Reich, W. 2020, (wie Anm. 31), S. 40.
[34] https://www.bibleserver.com/NLB/Matth%C3%A4us18
[35] Zitiert in Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 47f.
[36] Siehe ebd. Obwohl er am Ende seines Lebens wusste, dass die allerlängste Zeit der Menschwerdung im unerforschten Dunkel lag, pries Engels die Lehre von Marx und ihm weiterhin als „Auffassung des Weltgeschichtsverlaufs“, welche die Ursache „aller wichtigen geschichtlichen Ereignisse […] in der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft“ sieht (zitiert ebd., S. 59). An den „ökonomischen Naturgesetzen“ hielt er ohnehin fest. Wie wenig auch die von Engels und Marx angenommene Stufenfolge ökonomischer Formationen zutraf, belegen Graeber und Wengrow (2021, wie Anm. 10). Siehe dazu Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 29–33, 47–49, 68–70.
[37] https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schrift
[38] Ebenso wenig für die schon vor bis zu 450.000 Jahren als eigenständige Art bestehenden Neandertaler, die nach den vorliegenden Forschungsergebnissen ebenfalls in die Annahme „psychischer Einheit“ einzuschließen sind (siehe Peglau 2025, wie Anm. 9, S. 6).
[39] Sala-et-al_PONE oder https://www.researchgate.net/figure/Cranium-17-bone-traumatic-fractures-A-Frontal-view-of-Cranium-17-showing-the-position_fig4_277326376; https://www.20min.ch/story/cranium-17-das-aelteste-mordopfer-der-geschichte-162218687169.
[40] Meller, H., Michel, K., van Schaik, C. (2024): Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen, München, S. 146.
[41] Ebd., S. 139.
[42] Peglau 2025 (wie Anm. 9), S. 5.
[43] https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsentstehung
[44] Und zwar auf jedem dieser Gebiete. Für die Ökologie hat das Naomi Klein (Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima, Frankfurt a. M., 2016) ausführlich belegt.
[45] Darüber, was „Kapitalismus“ ist, besteht keine Einigung (vgl. Sandkühler 2021, wie Anm. 6., S. 1192–1212). Ich verwende „Kapitalismus“ als Synonym eines Systems, in dem sich Produktionsmittel, Betriebe, Industriezweige in so hohem Maße in Privatbesitz befinden, Reichtum und politische Macht in den Händen einzelner Unternehmer so konzentrieren, dass die Gesellschaft weitgehend von ihnen beherrscht wird – woran eine bürgerliche Scheindemokratie nichts ändert. China demonstriert gegenwärtig, dass es möglicherweise genügt, den kapitalistischen Wirtschaftssektor stark zu reduzieren und zu kontrollieren, um eine menschwürdige Gesellschaft zu gestalten. Siehe dazu: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/andreas-peglau-utopie-oder-dystopie-zitate-und-notizen-zu-china-mai-2020-bis-oktober-2021/
[46] Es wäre allerdings albern, anzunehmen, dafür gebe es einen regierungsamtlichem Masterplan. (Tiefen)psychologische Zusammenhänge dürfte denen, die in diesem Staat politische Karriere machen egal oder unbekannt sein. Es genügt zudem vollauf, Menschen in beschriebener Weise autoritär umzustrukturieren – dann handeln sie in der Regel von sich aus so, dass sie nicht in allzu bedrohlichen Widerspruch geraten mit herrschenden Verhältnissen.
[47] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_N024_23.html. Alternativen beschreibt zum Beispiel Frederick Leboyer in Büchern wie Geburt ohne Gewalt, München, 1995. Indem für Geburten Krankenhäuser zur Regel geworden sind, wurde ohnehin ein natürlicher Vorgang, bei dem 96 % der Kinder gesund und komplikationslos zur Welt kommen, pathologisiert und – im Westen – kommerzialisiert. Unterstützt wird das auch, indem seit 2010 freie Hebammen, die oft natürlichere Geburtspraktiken anbieten, durch drastisch erhöhte Haftpflichtprämien zur Aufgabe gezwungen werden (http://www.hebammenfuerdeutschland.de/protest).
[48] „Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. […] Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen […]. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um“. Auf diesen „Überbau“ ging Marx nie tiefgründig ein (zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 55f.).
[49] https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskammerwahl_1990.
[50] Wilhelm Reich (2020), wie Anm. 31, S. 195.
[51] Vgl. https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wp-content/uploads/2007/11/WR_Ausstellung.pdf, S. 8, 16.
[52] Reich, W. (1997): Christusmord. Die emotionale Pest des Menschen, Frankfurt a. M. Entsprechende Gedanken durchziehen auch Reichs Rede an den kleinen Mann, hier als gekürzt als Hörbuch: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wilhelm-reichs-rede-an-den-kleinen-mann-auszuege-hoerbuch-kostenlos-herunterladen-und-anhoeren/
[53] Erich Fromm, der von der „Pathologie der Normalität“ sprach, widmete ein ganzes Buch den „Wege[n] aus einer kranken Gesellschaft“ (siehe Anm. 8).
[54] Eine andere denkbare Formulierung wäre: ganzheitliche Revolution. Aber dieser Begriff wird so inflationär gebraucht und ist so unscharf, dass ich ihn nicht verwenden will.
[55] Das habe ich zuvor noch nicht ausreichend begreifen können oder wollen und die psychosoziale Revolution bisher nur als wichtige Ergänzung eingeordnet.
[56] Auch das ist ein Gedanke, der zumindest implizit schon bei Reich zu finden ist, wenn er – zum Beispiel in der Massenpsychologie (wie Anm. 31) – von den untrennbaren Wechselbeziehungen von Sexualität, Erziehung, Religion und Politik schreibt.
[57] Siehe Mittelstraß, J. (Hg.) (2004): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Stuttgart/ Weimar, Bd. 3, S. 857–859. Auch die Abgrenzung zwischen den Begriffen „Sozialismus“ und „Kommunismus“ (ebd., S. 425f.) ist vage. Marx und Engels nutzten beide Begriffe zunächst synonym, unterschieden sie alsbald stärker, maßen dieser Unterscheidung später wieder weniger Gewicht bei.
[58] Zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 8.
[59] Fromm, E. (1989): Die Anatomie der menschlichen Destruktivität, in ders.: GA, Bd. 7, München, S. 395.
[60] Siehe dazu u.a.: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ddr-2-0-und-friedensbewegung/; https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ddr-2-0-oder-wo-leben-wir-heute/
[61] Siehe Hertle, H.-H./ Stephan, G.-R. (2014): Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees, Berlin.
[62] Siehe zum Beispiel https://www.telepolis.de/article/Millionen-Tote-fuer-Demokratie-und-Freiheit-9191381.html?seite=all; https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba; https://de.wikipedia.org/wiki/Salvador_Allende; https://de.wikipedia.org/wiki/Vietnamkrieg; https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Ajax.
[63] Marx, K. (1976): [Rede auf dem Haager Kongreß], MEW, Bd. 18, Berlin/ DDR, S. 159–161, hier S. 160.
[64] Ebd., S. 160f.
[65] Engels, F. (1891): Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs, MEW, Bd. 22, Berlin/ DDR, S. 234.
[66] https://innn.it/Demokratieheilen
[67] https://archive.org/details/Parell_1934_Was_ist_Klassenbewusstsein_k, S. 56. Kommentierte Auszüge aus diesem Buch: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/die-mehrzahl-lebt-ihr-unterjochtes-dasein-unbewusst-wilhelm-reichs-weiterfuehrung-der-massenpsychologie-des-faschismus-im-jahr-1934/
[68] Siehe Peglau 2025 (wie Anm. 9), S. 9.
[69] Siehe: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/meine-annaeherungen-an-die-psychoanalyse-in-ddr-und-brd-von-1957-bis-2000/
[70] Die Attraktivität des Marxismus liegt nicht zuletzt daran, dass er diese Konfrontation mit sich selbst erspart, indem er die Verursachung der gesellschaftlichen Misere ökonomischen Gesetzen zuschreibt oder der für Marx zentral gewordenen, personifizierten Phantasiegestalt namens „das Kapital“. Mit dem Etikett „Kapital“ beklebte Marx ein Sammelsurium, das gar nicht auf einen Nenner zu bringen war, verschmolz Dinge, Menschen, Prozesse, Verhältnisse, Beziehungen, Berechnungen, Reales und Irreales zu einer nur suggerierten Einheit. Ausführlicher Nachweis in Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 33–39.
[71] Das hat Reichs ältere Tochter Eva Reich weitergeführt, siehe https://weltall-erde-ich.de/schwangerschaft-geburt-und-selbststeuerung/. Siehe außerdem Literaturangabe in Anmerkung 49.
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