Deutsche Demokratische Populärmusik – oder: Wie „totalitär“ klang die DDR?

Als bei der Vereinigungsjubelfeier am 3.10.2014 in Berlin die Luftballons stiegen und mit ihnen auch die Rückblicke auf die DDR vielfach noch mehr an Bodenhaftung verloren, motivierte mich das, ein lange aufgeschobenes Projekt in Angriff zu nehmen. Ich begab mich auf die Suche nach mir noch immer oder wieder hörenswert erscheinender populärer DDR-Musik.

Quelle: wolke09429/ pixelio.de

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Was mich zuvor davon abgehalten hatte, war wohl zum einen, dass dies zwangsläufig zur Reise in die Vergangenheit werden, diverse Gefühle und Erinnerungen auslösen würde. Zum anderen war es der notwendige Aufwand. Alle mir bekannten Sampler mit populärer DDR-Musik enthielten Titel, die mir nicht zusagten, so dass die Spreu vom Weizen zu trennen war. Zudem waren Rückgriffe auf – oft schwer erreichbare – Original-Alben nötig: Ich wollte mich nicht auf „Hits“ beschränken. Auch nicht ausschließlich auf Rock und Pop. Einzelne Schlager, Chansons, Politsongs, Klassikadaptionen kamen ebenso hinzu wie Kreationen von Liedermachern. Einige der damals mit Selbstverständlichkeit integrierten, oftmals mit deutschen Texten versehenen Importe aus den „sozialistischen Bruderländern“ hielt ich ebenfalls für unverzichtbar.

Ich habe allerdings weder Vollständigkeit noch Wissenschaftlichkeit angestrebt, die Auswahl geschah rein subjektiv. Viele der aufgelisteten DDR-Bands und -Künstler habe ich live gesehen, manche wie Renft z.B. bei den 10. Weltfestspielen 1973 in Berlin. Andere habe ich Anfang der 1980er Jahre für Auftritte im Studentenklub der Humboldt Universität – wo ich zeitweise als Programmgestalter tätig war – engagiert. Ihre Songs habe ich zuhause und auf Diskotheken gespielt, ab 1985 auch in Sendungen bei Jugendradio DT 64. Sie waren ein wichtiger, nicht wegdenkbarer Bestandteil meines zweiten und dritten Lebensjahrzehntes.

Meine Recherchen bestärkten mich zwar in der Ansicht, dass auch in der DDR weit mehr mittelmäßige Populärmusik produziert wurde, als wirklich Aufhebenswertes. Aber immerhin sind innerhalb der letzten Monate bereits etwa 350, zwischen 1964 und 1990[i] produzierte Titel zusammengekommen, die ich aus verschiedenen Gründen für bemerkens- und hörenswert halte.

Aus rechtlichen Gründen kann ich meine Musiksammlung hier leider nicht zum Klingen bringen. Aber wer will, kann die dazugehörige Liste herunterladen: DDPop – und sich davon inspirieren lassen, eigene Verzeichnisse anzulegen.[ii]

Ich habe diese 350 Musikstücke auch nicht nur einfach zusammengetragen, sondern so geordnet, dass sie oftmals aufeinander antworten und eine „durchhörbare“ Abfolge ergeben. So entstand ein Soundtrack, der einlädt, über verschiedene Fragen zu meditieren. Zum Beispiel: Welches spezielle Potential haben Songs, deren Texte ich genau verstehe, weil meine eigene Sprache benutzt wird? Setzt die deutsche Sprache Grenzen bezüglich der Inhalte, die sich per Rockmusik transportieren lassen? Nicht nur die DDR-Musik hat bewiesen, dass Letzteres verneint werden kann. Dass der Ostteil des Landes diesbezüglich jedoch die Nase vorn hatte, anerkannte auch Olaf Leitner, Westberliner Musikredakteur und Journalist, der 1983 das umfassendste Werk zur „Rockszene DDR“ vorgelegt hat. „Wahr ist, dass Rock in der Landessprache konsequent und intensiv nur in der DDR gepflegt wurde“, schrieb er. Der Behauptung, „die Wiege der deutschsprachigen Rockmusik stünde in der DDR“, sei „schwer zu widersprechen“ (S. 18, 393f.).

Die von mir gesammelten Stücke eröffnen auch eine spezifische Sicht auf die Frage, was das für ein Staat war, in dem diese Wiege stand. Und, um eine aktuelle Diskussion aufzugreifen: Ob ein „Unrechts-Staat“ diese Musik hätte herstellen und zulassen können.

Denn in der Tat handelt es sich bei all diesen Musikstücken um offiziell zugelassene, durch Schallplatte oder Rundfunk – die einzigen dafür zuständigen Institutionen – produzierte Titel.[iii] Das bedeutet, sie waren in der Regel einem kleinlichen bürokratischen Zensurprozess ausgesetzt, bevor sie der Allgemeinheit zu Gehör kamen. Viele gute Songs blieben dabei auf der Strecke, andere wurden inhaltlich kastriert, manchmal auch musikalisch verstümmelt.[iv]

Das bedeutet jedoch gleichzeitig: Was diesen Prozess überstand – also auch meine Titelauswahl – kann als offizielle Selbstdarstellung der DDR gelten.[v]

Wie fiel diese Selbstdarstellung aus?

Laut einer immer gängiger werdenden Interpretation war die DDR ein „totalitäres“ Regime, „die zweite deutsche Diktatur“, dem NS-Staat nahe verwandt. Angenommen, das träfe zu. Ein solches von oben bis unten „durchherrschtes“ und kontrolliertes Staatswesen müsste dann auch daran zu erkennen sein, dass es in der öffentlich zugänglichen Kultur nichts anderes akzeptierte als Lobhudelei.[vi]
Unbestreitbar gab es Lieder, die diese Qualität hatten, wie das 1949 von Lous Fürnberg geschriebene Lied der Partei („Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!“).[vii] Auch in meiner Musikauswahl schwingt etwas davon mit. So wenn Team 4 in selbstgerechter Schwarz-Weiß-Malerei Sag mir wo du stehst fordert, Jahrgang 49 im Fahnenlied Politkitsch zelebriert, der Oktoberklub in Wir sind überall den doch längst durch den Stalinismus massiv befleckten roten Stern uneingeschränkt „an jedem Hut“ leuchten lassen will oder in Da sind wir aber immer noch von einem DDR-Staat phantasiert, „den Arbeiter sich baun“.
Der im letzten Song beschriebene diffamierende Umgang mit der DDR war allerdings tatsächlich typisch für viele BRD-Massenmedien und -Politiker, die von Team 4 angeprangerten „nickenden Masken“ machten zweifellos auch in der DDR-Bevölkerung einen bedauerlich großen Teil aus. Wenn es in Wir sind überall – einem Lied, das ich 1973 begeistert mitgesungen habe – heißt, „auf der Erde soll Frieden sein“ oder Jahrgang 49 eine „Revolution gegen Krieg und Profit“ einfordert, ist ohnehin nicht zu widersprechen.
Selbst hier findet sich also nicht nur Schönfärberei und Realitätsverleugnung. Die DDR-Kunst im Ganzen kann erst recht nicht darauf reduziert werden, kritiklose Verkündigung von Staatsdoktrin betrieben zu haben.[viii] Das belegen unzählige offiziell erschienene Bücher, zur Aufführung gelangte Theaterstücke, Spiel- und Dokumentarfilme sowie Exponate der bildenden Kunst.
Und auch die von mir ausgewählten Musikstücke.

Ich will das anhand einiger Beispiele gesungener DDR-Kritik belegen, zunächst aus Sillys LP Februar.

Traumteufel (Text: Werner Karma)

Ich hab geträumt
Dass der Kaiser lange tot ist
Nur sein Double sitzt noch auf dem Thron.
Der sieht gut aus
Obwohl er ein Idiot ist
Und spielt so gerne mit’m roten Telefon.
(…)
Ich hab geträumt
Der Winter war gegangen
Und der Minister, der gestern noch gelacht
Hat sich an seinem Schreibtisch aufgehangen
Weil der Wald nicht mehr wusste
Wie man Blätter macht

S.O.S. (Text: Gerhard Gundermann/Tamara Danz)

Immer noch träumen wir von Heimkehr
Und vertraun dem Kapitän
Immer noch glaubt der Mann im Ausguck
Einen Silberstreif zu sehn
Immer noch findet sich keiner der ausspuckt
Und keiner darf beim Kompass stehn
(…)
Immer noch brennt bis früh um vier
In der Heizer-Kajüte Licht
Immer noch haben wir den Schlüssel
Von der Waffenkammer nicht
S.O.S.

Alles wird besser (Text: Werner Karma)

Wir wollen die Dose Spray unterm Arm
Wir wollen den wollweichen Streichelcharme
Wir wollen die Droge Asiatischen Tee
Und Unterweltpornos aus Übersee
Wir wollen die Umwelt, wir wollen Benzin
Und übersinnliche Energien
Wir wollen schön sein, aber auch klug
Doch in jedem Falle
In jedem Falle
Reich genug
Alles wird besser
Alles wird besser
Aber nichts wird gut

Diese Platte erschien zwar erst im Februar/März 1989[ix] – aber auch zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand in Ost oder West, dass im Herbst desselben Jahres die DDR-„Wende“ einsetzen sollte. Und der DDR-Staatsapparat hatte keinesfalls auf Toleranz – oder gar „Glasnost“ – umgeschaltet; noch immer wurde zensiert und reglementiert.

Zudem gibt es frühere Belege für gesellschaftskritische Texte. So sang 1988 (LP Aufruhr in den Augen) die Band Pankow in dem Titel Langeweile:

Das selbe Land zu lange geseh’n
Die selbe Sprache zu lange gehört
Zu lange gewartet
Zu lange gehofft
Zu lange die alten Männer verehrt
Ich bin rumgerannt
Zu viel rumgerannt
Zu viel rumgerannt
Ist doch nichts passiert

Nur vorübergehend wurde dieser Song vom DDR-Radio boykottiert.
1986 wurde Kerschowskis LP Weitergehn veröffentlicht. In Nochn Liebeslied (Text: Lutz Kerschowski) finden sich diese Verse:

Wenn ich müde bin und deprimiert
Wenn ich keinen seh, der was riskiert
Wenn ich fluche auf das ganze Land
Und krieg mich selbst kaum in die Hand
Dann lass mich bloß nicht fallen
Dann spann ein Netz für mich
Ich balancier vor allen
Die auf der Kippe stehn wie ich
Und ich verlass mich auf dich

Von der in der DDR-Propaganda vielfach beschworenen Geborgenheit in der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ war hier nichts zu hören.
Noch weit früher, 1972, erschien der von Gerulf Pannach getextete Renft-Song Zwischen Liebe und Zorn:

Revolution
Ist das Morgen schon im heute
Ist kein Bett und kein Thron
Für den Arsch zufriedner Leute
Denn sie lebt in dem Sinn
Dass der Mensch dem Menschen wert ist
Dass der Geist der Kommune
Dem Genossen Schild und Schwert ist
(…)
Und da baut so mancher nur
An seinem eigenen Haus
Und er hängt dann unsere Fahne raus
Sagt ist das Betrug
Und da denkt so mancher nur
An seinen eigenen Bauch
Und vergisst dabei
Die Anderen ziehn auch
An seinem Pflug

Kritisiert wurde da nicht etwa aus einer bürgerlichen (oder gar „marktwirtschaftlichen“) Perspektive. Was kritische DDR-Künstler und -Künstlerinnen einklagten, war in der Regel „richtiger“ Sozialismus, mit weniger Bürokratie und mehr Raum für die schon von Karl Marx als Ziel benannte freie Entfaltung des Individuums.
Das sollte sich zu „Wende“-Beginn auch in der am 18.10.1989 veröffentlichten[x] Resolution von Rockmusikern, Liedermachern und Unterhaltungskünstlern niederschlagen:

„Wir (…) sind besorgt über den augenblicklichen Zustand unseres Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen, über die Sinnkrise dieser gesellschaftlichen Alternative und über die unerträgliche Ignoranz der Partei- und Staatsführung, die vorhandene Widersprüche bagatellisiert und an einem starren Kurs festhält. Es geht nicht um ‚Reformen, die den Sozialismus abschaffen‘, sondern um Reformen, die ihn weiterhin in diesem Land möglich machen.“

Erstunterzeichner waren u.a. Gerhard Schöne, André Herzberg (Pankow), Hans-Eckardt Wenzel, Toni Krahl (City), Tamara Danz (Silly), Frank Schöbel, Lutz Kerschowski, Kurt Demmler. Schnell schlossen sich mehr als 3000 ihrer Kolleginnen und Kollegen an.[xi]
Diese Resolution und die zitierten Liedtexte stellten Höhepunkte offener Auseinandersetzung von DDR-Musikern und -Musikerinnen mit dem „realen Sozialismus“ dar. Doch auch zahlreiche weitere Songs warteten mit unüberhörbarer Kritik auf, meist weniger generalisiert und eher an Alltagsdetails festgemacht. So beschrieb Stefan Diestelmann in der 1980 veröffentlichten LP Hofmusik seinen Hof vom Prenzlauer Berg in folgender Weise:

Und ich komm’ in unser Haus rein und da stinkts fürchterlich (…)
Da liegt hinter der Tür so ‘n Haufen und der riecht nur nach sich
Und im Hinterhaus singt einer besoffen, falsch und träge (…)
Und der singt so ‘n Song von den PUHDYS “Geh’ dem Wind nicht aus dem Wege”
‘n Haufen Leute, ‘n Haufen Leute machen Krach jede Nacht (…)
Und die Diegners haben ‘s auch am off’nen Fenster gemacht

Eine sozialistische Idylle war das gewiss nicht. Liedermacher wie Barbara Thalheim, Gerhard Schöne, Reinhold Andert, Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching wurden regelmäßig noch wesentlich präziser in ihrer Sozialkritik – doch auch sie konnten trotz aller Behinderungen nicht nur öffentlich auftreten, sondern auch mehrfach Titel bei Platte oder Rundfunk einspielen. Exemplarisch hier Zeilen aus Gerhard Schönes, ebenfalls im Rundfunk gesendeter[xii] Abrechnung mit entfremdender Sozialisation:

Sie wollen nur Dein Bestes (Text: Gerhard Schöne)

Du lagst noch im Babykörbchen und du krähtest ab und zu
Trug Mami dich durchs Zimmer, gabst du wieder Ruh
Und dann hörte sie: Wenn man ein Baby ruhig kriegen will
Lässt mans einfach schreien – irgendwann ists still
Ein paar Wochen durchweintest du
Und gabst dann vor Erschöpfung Ruh
Und du warst ein stilles braves Kind
Sie wollen nur dein Bestes
(…)
In der 10. Klasse musstet ihr in einen Pflichtfilm gehn
Die Zerstörung Dresdens hast du da gesehn
Abends nähtest du auf deine Jacke einen Flecken auf
Maltest ein zerbrochenes Gewehr darauf[xiii]
Paps der schimpfte und Mutti rief:
Mädel sei bloß nicht so naiv!
Und sie rissen dir den Flecken ab
Sie wollen nur dein Bestes …
(…)
Und du hast sie nicht enttäuscht
Du bleibts das große brave Kind
Und du weißt wie stolz sie immer auf dich sind
Wenn sie schlafen gehen, holst du deine Flasche Klaren raus
Und dann trinkst du hastig zwei drei Gläser aus
Bisher haben sie nichts entdeckt
Du hast alles so gut versteckt
Sie solln doch zufrieden mit dir sein!
Sie wollen nur dein Bestes
Immerzu
Sie wollen nur dein Allerbestes
Du

Keine Frage: Die DDR hatte diktatorische Züge. Es konnte nicht jede(r) öffentlich sagen oder singen, was er oder sie wollte, Meinungsfreiheit war weitgehend aufs Private beschränkt. Auch im Umgang mit populärer Musik zeigte sich, dass die DDR kein demokratischer Staat war im Sinne von Volksherrschaft oder auch nur realer Arbeitermacht.
Wer jedoch glaubt, die DDR sei „totalitär“ geführt, jedwede öffentliche Daseinsäußerung „von oben“ befehligt worden, muss sich – auch angesichts der populären Musik – mit einem Paradoxon auseinanderzusetzen: Die angeblich ebenso allmächtige wie unterdrückungswillige Staatsführung hätte dann nämlich erstaunlich viel und erstaunlich heftige Kritik am eigenen System angeordnet.
Realitätsgerechter ist es, zu konstatieren, dass von einem totalitären System keine Rede sein kann. Weder war die Unterdrückung lückenlos, noch wurde eine lückenlose Unterdrückung konsequent angestrebt: Auch der DDR-Staat war mit bloßen Marionetten nicht aufzubauen. Es war deshalb nicht durchweg Heuchelei, wenn immer wieder eigenständiges Denken und Handeln angemahnt wurde. Wer sich bemühte, das umzusetzen, stieß bekanntermaßen schnell an Grenzen. Nicht nur Musiker fanden – und schufen! – jedoch Freiräume in diesem System, zu dem sie selbst gehörten. Die Kultur der DDR war – wie in jedem anderen Staat – das Resultat von Wechselwirkungen zwischen Führung und Geführten.
Vieles, was dabei entstand, hat nach meiner Ansicht zumindest Bedeutung als Teil gesamtdeutschen kulturellen Erbes. Manche Titel haben nicht einmal an Brisanz verloren oder sogar eine neue Aktualität bekommen. So klingt ein 1983 von NO 55 veröffentlichter Song auf dem Hintergrund des europäischen „Rechtsrucks“, der faschistoiden Züge der ukrainischen Regierung, der antirussischen Kriegshetze in hiesigen Medien und des NATO-Konfrontationskurses, als wäre er für heute geschrieben:

Das wars (Text: Werner Karma)

Für den Krieg gab `s immer Geld,
Die Roten an die Wand gestellt
Keine Angst vorm starken Mann
Du braver deutscher Untertan

Und wieder rührt sich so `n Geschmeiß
Und wieder läuft die Lüge heiß.
Und werden Völker eingelullt
Und wieder hat der Russe schuld.
Und wieder ruft ein starker Mann
Gott und die Konzerne an
Und aus den gleichen Rohren droht
Uns Viermilliarden Mal der Tod

Zum ersten und zum letzten Mal
Stehen wir alle vor der Wahl
Entrüstet oder brav zu sein
Zu schweigen oder Schluss zu schrein`

 

 

***

 

 

[i] Der Eingangstitel von Feeling B erschien allerdings erst 1991. Unsere Heimat von Angelika Weiz wurde 1989 auf Platte gepresst, dann wegen angeblicher Verunglimpfung des zugrunde liegenden Liedes doch nicht in den Verkauf gegeben; der Song erschien erst 1992. Wenzel und Menschings „Egon-Krenz-Song“ und Kurt Demmlers „Irgendeiner ist immer dabei“ wurden am 4.1.89 live vom Berliner Alexanderplatz in DDR-Fernsehen und Rundfunk übertragen, die Lieder von Bettina Wegner und Barbara Thalheim am 2.12.1989 von Jugendradio DT 64.

[ii] In 12 Sendungen, die ich im September 2015 in Graz mit Tarek Al-Ubaidi (CROPfm) aufgenommen habe, konnten wir aber immerhin einen 10-stündigen Best-of-Ausschnitt dieser Musik vorstellen. Er wird ab 6.11.2015 über Radio Helsinki 14-tägig zu hören sein.

[iii] Eine Ausnahme stellen die Songs dar, die Gerhard Gundermann im Sommer 1990 mit den Wilderern aufgenommen hat: Sie sollten auf einer AMIGA-LP erscheinen, die dann aber nicht mehr zustande kam, so dass sie erst 2004 von Buschfunk als Werkstücke 2 veröffentlicht wurden.

[iv] Musiker, die sich dem nicht beugten, sondern zumindest in ihren Auftritten beharrlich weiter politische Tabus übertraten, wurden – wie die Bands Freygang und Renft oder der Liedermacher Gerulf Pannach – oftmals mit Auftritts- also Berufsverbot belegt. Protestierten sie dagegen oder artikulierten sie auch anderweitig oppositionelle Ansichten, folgten u.U. massive Verfolgung durch die Staatssicherheit, Inhaftierung und/oder Abschiebung in die BRD (vgl. Rauhut 2002, S. 83-93). Die Intensität dieser Unterdrückung schwankte allerdings. Das „Verhältnis von Rock und Macht“, schreibt der Musikwissenschaftler Michael Rauhut, war ein „permanenter Zickzackkurs“, ein „Pendelschlag zwischen Aversion, Verbot und Anerkennung“ (ebd., S. 7).

[v] Olaf Leitner (1983, S. 12) sah das noch zugespitzter: „Da nichts, was in den DDR-Medien erscheint, unbeobachtet oder zufällig publiziert wird, darf alles, was gedruckt oder gesendet wird, als regierungsamtlich eingestuft werden“. Da die Zensurprozesse in der Regel weit unterhalb der Regierungsebene abliefen und Spielräume boten, trifft das in dieser Absolutheit nicht zu. Es wäre ein immenser Fortschritt gewesen, wenn Regierungsverlautbarungen dasselbe Maß an Realitätsnähe gehabt hätten wie viele DDR-Rock-Songs.

[vi] Das durchzusetzen, ist nicht einmal den Nationalsozialisten umfassend gelungen (siehe z.B. Schäfer 1983; Peglau 2015, S. 409-479) – einer von vielen Gründen, warum das Totalitäts-Konzept die Realität ohnehin nicht widerspiegelt.

[vii] Der Hintergrund der Entstehung dieses Liedes war allerdings offenbar diffiziler, als es diese Zeile zum Ausdruck bringt, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Lied_der_Partei.

[viii] Genaueres zur unsinnigen DDR-NS-Gleichsetzung u.a. in Dahn 2009, S. 164-171.

[ix] Produziert wurde Februar zwar im Herbst 1988 in Westberlin, wo kein direkter Eingriff von DDR-Funktionären stattfand. In der BRD wäre sie vertragsgemäß ohnehin erschienen. Aber das erzwang keinesfalls, sie dann – wie geschehen – tatsächlich auch in der DDR mit den genau gleichen Titeln zu veröffentlichen. Ebenso ist es bemerkenswert, dass einer Band wie Silly – die für ihre unbequemen Texte bekannt war – überhaupt die Freiheit eingeräumt wurde, im Westen zu produzieren.

[x] In der Zeitung der LDPD, einer der DDR-Blockparteien. Der gesamte Text der Resolution findet sich hier: http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Rockmusiker-Resolution_1989

[xi] Diese Haltung bestimmte kurz darauf auch den Charakter der maßgeblich von Künstlerinnen und Künstlern initiierten und gestalteten „sozialistischen Protestdemonstration“ (Marion van de Kamp in der Begrüßungsrede) auf dem Berliner Alexanderplatz am 4.11.1989.

[xii] So z.B. von mir am 5.9.1988 in der Sendung Mensch, Mensch – brauche ich ein Vorbild? Für die Sendung wurden meine „Abzeichnerin“ und ich zwar im Nachhinein abgestraft – dies aber nicht etwa wegen der Verwendung des Schöne-Songs.

[xiii] Symbol für die vom DDR-Staat unterdrückte unabhängige Friedensbewegung.

 

 

Literatur:

Dahn, Daniela (2009): Wehe dem Sieger. Ohne Osten kein Westen, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Leitner, Olaf (1983): Rockszene DDR. Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Peglau, Andreas: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Gießen: Psychosozial.

Rauhut, Michael (2002): Rock in der DDR. 1964 bis 1989, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Schäfer, Hans Dieter (1983): Das gespaltene Bewusstsein. Deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933–1945, Frankfurt/M./Berlin/Wien: Ullstein.