„Eine sozialistische Protestdemonstration“: Berlin-Alexanderplatz, 4. November 1989

Fragt man heute nach dem Ablauf der DDR-„Wende“, erhält man oftmals in etwa diese Beschreibung: Die DDR-Bürgerinnen und -Bürger, von denen ja bereits tausende über Prag oder Ungarn das Land verlassen hatten, hatten von ihrem Staat die Schnauze voll und gingen dafür auf die Straße, auch so leben zu können wie im Westen; dann öffnete sich die Mauer; dann kam die ersehnte Wiedervereinigung.

Diese Fehldarstellung oder Fehlerinnerung wird auch dadurch gestützt, dass zum entscheidenden „Wende“-Ereignis der 9. November, der Tag der Maueröffnung hochstilisiert wurde – der aber in Wirklichkeit das Ende der Versuche einläutete, innerhalb der DDR eine politische „Wende“ herbeizuführen. Was es an revolutionärer Energie gegeben hatte, verpuffte, diffundierte von nun an weitgehend durch die geöffnete Grenze in Richtung Westen. Statt das marode DDR-System weiter umzukrempeln, forderte bald darauf eine Mehrheit, möglichst reibungslos in einem anderen, keinesfalls veränderungswilligen System aufgehen zu dürfen. Die Geschwindigkeit, mit der sich dieser Umschwung vollzog, bewies zugleich: Das Interesse der Bevölkerung an einer DDR-Erneuerung kann nicht so stark gewesen sein, wie es zunächst den Anschein hatte. (Zu den psychosozialen Entwicklungen jener Monate siehe auch das Gespräch zwischen A. Peglau und H.-J. Maaz: Unsere Unfähigkeit zu trauern).

Die Vision, die ursprünglich die „Wende“-Akteure motivierte, hatte allerdings mit einem vereinigten Deutschland gar nichts zu tun. Da ging es um etwas völlig anderes: um „wirklichen“, „richtigen“, „demokratischen Sozialismus“, um die Übernahme von Perestroika und Glasnost aus der von Michail Gorbatschow geführten Sowjetunion. Dazu wurde u.a. die Aufhebung der SED-Alleinherrschaft gefordert, demokratische Wahlen, die Zulassung von Bürgerrechtsbewegungen, Versammlungs- und Redefreiheit, die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und das Ende geheimdienstlicher Überwachung, die ungeschminkte Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und des Stalinismus, das Offenlegen der ökonomischen Misere, das In-Angriff-Nehmen der ökologischen Probleme, die Beendigung von Pressezensur und Verdummung durch weitgehend gleichgeschaltete Medien, die Einführung nichtautoritärer Schulmodelle oder der Ausbau von Fahrradwegen. Mit anderen Worten: eine ebenso brisante wie bunte Mischung kreativer Vorschläge zur Reformierung und Verbesserung der Deutschen Demokratischen Republik – nicht zu ihrer Abschaffung.

Es gibt zahlreiche Dokumente, die diese ursprüngliche Stoßrichtung der DDR-„Wende“ belegen. Dazu gehören auch die damals live übertragenen Aufnahmen des DDR-Fernsehens von der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz.

Foto: Gpl/Umbruch Bildarchiv, Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin, Tel. 030/612 30 37. Weitere Bilder von der Demonstration am 4.11.89 und rund um den Mauerfall unter: http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/mauerfall.html

Foto: Gpl/Umbruch Bildarchiv, Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin, Tel. 030/612 30 37. Weitere Bilder von der Demonstration am 4.11.89 und rund um den Mauerfall unter: http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/mauerfall.html

Zwischen 500.0000 und einer Million Menschen waren einem Aufruf der Berliner Theaterschaffenden gefolgt: die größte spontane, nicht staatlich gelenkte Kundgebung, die es in der DDR je gab. Um 10 Uhr startete der Zug in Berlin-Mitte, zog von der Prenzlauer Allee durch die Karl-Liebknecht-Straße zum Palast der Republik, weiter zum Marx-Engels-Platz, schließlich durch die Rathausstraße zum Alexanderplatz. Das gesamte Stadtzentrum wurde also durchmessen, der Sitz der wichtigsten Regierungsstellen (Staatsrat, Außenministerium, Zentralkomitee der SED, Volkskammer, Rotes Rathaus …) einbezogen, bevor die mehr als dreistündige Abschlusskundgebung begann, die die Schauspielerin Marion van de Kamp in ihrer Begrüßung als „sozialistische Protestdemonstration“ ankündigte. Auf einem winzigen Podium traten sodann prominente Schauspieler, Schriftsteller, Liedermacher, Wissenschaftler, ein Anwalt, zwei Theologen, der ehemalige Chef der Auslandsspionage, Angehörige von SED-Politbüro und -Basis, des Neuen Forums, der Initiative für Frieden und Menschenrechte und andere auf – inmitten eines Meeres aus Menschen, die ihre eigenen Ansichten und Forderungen durch emotionsgeladene Zwischenrufe hinzufügten und durch selbst hergestellte Transparente: „Gegen Monopolsozialismus – Für demokratischen Sozialismus!“, „Privilegien weg – Wir sind das Volk“, „Keine Gewalt – Wir bleiben hier!“, „Demokratie – kein Chaos!“, „Gemeinsames Spiel für gesunde und behinderte Kinder – Schranken weg!“, „Freie Presse für Freie Menschen“, aber auch schon die Warnung vor erneuter Überanpassung: „Lasst euch nicht verWENDEN!“
Keine Frage, das war ein basisdemokratisches Großereignis ersten Ranges, ein Meilenstein nicht nur für die ost- sondern auch für die gesamtdeutsche Historie. Oder wie es der Schriftsteller Stefan Heym auf der Bühne am Alexanderplatz formulierte:

„Einer schrieb mir – und der Mann hat recht: ‚Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.‘
Und das, Freunde, in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen danebengegangen, und wo die Leute immer gekuscht haben: unter dem Kaiser, unter den Nazis.
Und später auch.“

15 Jahre danach, am 4.11.2004, rekapitulierte ein weiterer Redner, der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, in einem Interview noch einmal die Bedeutung dieses Tages:

Als Sie am 4. November auf dem Alexanderplatz zu Toleranz und Friedfertigkeit aufriefen – hatten Sie da eine Ahnung, was fünf Tage später geschehen würde?

Schorlemmer: Keine besondere. Und ich hatte zu diesem Zeitpunkt auch nicht die geringste Sehnsucht nach dem, was man heute fälschlicherweise den Mauerfall nennt.

Fälschlicherweise?

Schorlemmer: (…) In Wahrheit nahm sich das Volk das Recht, die Mauer zu überwinden. In Wahrheit war es kein ‚Mauerfall‘, sondern ein Mauerdurchbruch.

Würden Sie heute die gleiche Rede halten wie am 4. November 1989?

Schorlemmer: Ja. Ich bin sehr froh, dabei gewesen zu sein. Für mich bleibt der 4. ein wichtigeres Datum als der 9. November.

Warum?

Schorlemmer: Weil damals das ‚D‘ noch für Demokratie stand und nicht für ‚Deutschland‘ oder ‚D-Mark‘. Der 4. November war der Tag, an dem – und das ist selten in der deutschen Geschichte – ein demokratischer Aufbruch passierte. Vertreter dieses kleinen Völkchens beendeten mit Klarheit, Konsequenz und menschlicher Fairness den Machtanspruch der SED und damit eine Diktatur. (…)

Die deutsche Einheit war kein Thema?

Schorlemmer: Nur im Kontext einer europäischen Einigung à la Gorbatschow. Es ging uns zunächst um eine demokratisierte DDR.“

 

Foto: Ulrich Stelzner/Umbruch Bildarchiv, Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin, Tel. 030/612 30 37. Weitere Bilder von der Demonstration am 4.11.89 und rund um den Mauerfall unter: http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/mauerfall.html

Foto: Ulrich Stelzner/Umbruch Bildarchiv, Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin, Tel. 030/612 30 37. Weitere Bilder von der Demonstration am 4.11.89 und rund um den Mauerfall unter: http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/mauerfall.html

 

Dementsprechend gehörte der 4. November 1989 rot angestrichen und deutlich hervorgehoben in der jüngsten deutschen Geschichtsschreibung und -darstellung.
Doch es existiert trotz der erhalten gebliebenen TV-Aufzeichnungen nicht einmal ein käuflich erwerbbarer Video-Mitschnitt davon.

Zwar gibt es immerhin eine CD mit den auf dem Alexanderplatz gehaltenen Reden (http://www.amazon.de/Berlin-Alexanderplatz-4-11-89-Kundgebung-Mauerfalls/dp/3837101479) – aber ein bloßes Audio-Dokument fängt weder Atmosphäre noch Dimension dieses Ereignisses ein, lässt dessen Bedeutung bestenfalls erahnen.[1]

Erfreulicherweise aber kann mit Hilfe des Internets ein fast vollständiges[2] Bild erstellt werden. Ich habe daher die Links zu den einzelnen Reden[3] und Auftritten dieser Veranstaltung zusammengesucht und in die richtige Reihenfolge gebracht, so dass sie nun, hintereinander betrachtet, den 4. November 1989 ein Stück weit nacherlebbar machen.

Diese audiovisuelle Erinnerungsstütze hat jedoch nicht nur zeitgeschichtliche, sondern auch aktuelle Bedeutung: Manche Kritik, die damals zu Recht SED-Führung und DDR-Gesellschaft traf, ist heute in ähnlicher Weise an Bundesregierung und BRD-Gesellschaft zu richten.

Das zeigt u.a. ein weiterer Auszug aus der Rede Stefan Heyms:

„Aber sprechen, frei sprechen, gehen, aufrecht gehen, das ist nicht genug. Lasst uns auch lernen zu regieren. Die Macht gehört nicht in die Hände eines einzelnen oder ein paar weniger oder eines Apparates oder einer Partei.“

Der Ergänzung „oder einer Clique von Superreichen und Konzernchefs“ hätte er definitiv zugestimmt, nur war das damals noch keine absehbare Gefahr in der sich scheinbar erneuernden DDR. Weiter Stephan Heym:

„Alle müssen teilhaben an dieser Macht. Und wer immer sie ausübt und wo immer, muss unterworfen sein der Kontrolle der Bürger“.

Dass auch heute, auch hierzulande von Bürger-Kontrolle (oder von „Glasnost“ = Transparenz der Politik) keine Rede sein kann, beweisen neben vielem anderen der vom deutschen Ramstein aus geführte US-Drohnenkrieg und die Geheimverhandlungen über die antidemokratischen Geheimabkommen TTIP und CETA (die mittlerweise – 16.10.2015 – von 46 % der Deutschen abgelehnt, nur noch von 34 % befürwortet werden).
Aber auch die damals auf dem Alexanderplatz erhobene Forderung nach dem Ende der Bespitzelung durch Geheimdienste hat sich ja, wie mittlerweile nicht mehr zu verleugnen ist, mit dem Ende der DDR nicht erledigt.
Und Kritik an systematisch desinformiernden Massenmedien ist im neuen Deutschland des Jahres 2015 ebenfalls längst wieder bitter nötig.

Die Videodokumente vom 4. November 1989 laden daher ein zum Erinnern – und zum Vergleichen. Wie aufrecht ist unser Gang heute?

 

 

Foto: Ulrich Stelzner/Umbruch Bildarchiv, Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin, Tel. 030/612 30 37. Weitere Bilder von der Demonstration am 4.11.89 und rund um den Mauerfall unter: http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/mauerfall.html

Foto: Ulrich Stelzner/Umbruch Bildarchiv, Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin, Tel. 030/612 30 37. Weitere Bilder von der Demonstration am 4.11.89 und rund um den Mauerfall unter: http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/mauerfall.html

 

 

 

4.11.1989

Filmdokument vom Demonstrationszug durch die Berliner Innenstadt und Impressionen vom Alexanderplatz:

 

 

Die Rednerinnen und Redner, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler der anschließenden Kundgebung in chronologischer Abfolge:

 

Hans-Eckardt Wenzel & Steffen Mensching
Egon-Krenz-Song
https://www.youtube.com/watch?v=chJ6Lv1Y9VI

 

Gerhard Schöne
Der Sänger
https://www.youtube.com/watch?v=Yww0ySHN1nc

 

Marion van de Kamp, Schauspielerin

Liebe Kollegen und Freunde, Mitdenker und Hierbleiber!
Wir, die Mitarbeiter der Berliner Theater, heißen Sie herzlich willkommen. Die Straße ist die Tribüne des Volkes – überall dort, wo es von den anderen Tribünen ausgeschlossen wird. Hier findet keine Manifestation statt, sondern eine sozialistische Protestdemonstration.
https://www.youtube.com/watch?v=qKLZbdasvtU

 

Johanna Schall, Schauspielerin

Die Regierung ist eingesetzt, um dem Allgemeinwillen zur Anerkennung zu verhelfen, aber die Regierenden haben einen Individualwillen, und jeder Wille drängt zur Herrschaft.

Ulrich Mühe, Schauspieler

Wir demonstrieren hier für die Inhalte folgender Verfassungsartikel:
Artikel 27 der Verfassung der DDR: Jeder Bürger hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. (…)
Artikel 28: Alle Bürger haben das Recht, sich im Rahmen der Grundsätze und Ziele der Verfassung friedlich zu versammeln.
https://www.youtube.com/watch?v=9FhaBmT6zBI

 

Jan Joseph Liefers, Schauspieler

Die vorhandenen Strukturen, die immer wieder übernommenen prinzipiellen Strukturen lassen Erneuerung nicht zu. Deshalb müssen sie zerstört werden. Neue Strukturen müssen wir entwickeln, für einen demokratischen Sozialismus. Und das heißt für mich unter anderem auch Aufteilung der Macht zwischen der Mehrheit und den Minderheiten.
https://www.youtube.com/watch?v=IRFeltARl9c

 

Gregor Gysi, Rechtsanwalt, SED

Wir haben inzwischen viele Anglizismen aufgenommen, wogegen ich nichts habe. Aber von der russischen Sprache haben wir nur das Wort Datscha übernommen. Ich finde, es ist Zeit, zwei weitere Worte zu übernehmen: nämlich Perestroika und Glasnost. Und wenn wir dies auch inhaltlich vollziehen, wird es uns gelingen, die Begriffe DDR, Sozialismus, Humanismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu einer untrennbaren Einheit zu verschmelzen.
https://www.youtube.com/watch?v=pc27elXIXVU

 

Marianne Birthler, Jugendreferentin im Stadtschulamt, Initiative Frieden und Menschenrechte

Wir sind hier, weil wir Hoffnung haben. Auf diesem Platz ist hunderttausendfache Hoffnung versammelt. Hoffnung, Phantasie, Frechheit und Humor. Diese Hoffnung, die seit ein paar Wochen endlich in der DDR wächst, sollte, bevor sie so groß wurde wie heute, am Abend des 7. Oktober und in den Tagen und Nächten danach niedergeknüppelt werden. (…) Bis heute ist nicht beantwortet: Wer hat die Befehle gegeben, wer hatte die politische Verantwortung.
https://www.youtube.com/watch?v=aBd7ToM3CiI

 

Kurt Demmler, Arzt, Texter, Liedermacher

Irgendeiner ist immer dabei/ Man braucht Sicherheit
https://www.youtube.com/watch?v=bsADD-YMqII

 

Markus Wolf, Ex-Chef (bis 1986) der DDR-Auslandsspionage, Schriftsteller, SED

Trotz zunehmend mahnender Stimmen in unseren eigenen Reihen konnten wir nicht verhindern, dass unsere Führung bis zum 7. Oktober in einer Scheinwelt lebte und selbst dann noch versagte, als die Menschen anfingen, mit den Füßen abzustimmen. Das war bitter für uns Kommunisten. Der Fackelzug am 6. Oktober und die Militärparade am Morgen des 7. wirken heute schon wie ein Abschied von einer längst vergangenen Zeit. Und doch liegt diese Zeit erst vier Wochen zurück. Wir dürfen ihre Rückkehr nie wieder zulassen.
https://www.youtube.com/watch?v=N1lULRj3jms

 

Jens Reich, Molekularbiologe, Neues Forum

Freiheit ist Befreiung, und wir alle müssen uns frei machen von Angst, von der Angst, es könnte alles aufgezeichnet und später gegen mich verwendet werden, – von feiger Vorsicht, nur nicht den Kopf aus dem Salat stecken, sonst gibt’s einen drauf, – von Kleinmütigkeit, es hat ja doch keinen Sinn, nichts wird sich ändern, alles bleibt beim Alten. Nein, wir müssen unser Verfassungsrecht wahrnehmen, nicht nur hier auf der Demo, sondern vor dem Chef, vor den Kollegen, vor dem Lehrer, vor der Behörde, überall. Und wir müssen jedem beistehen, der dies Recht ausübt, nicht abwarten, ob er sich den Hals bricht.
https://www.youtube.com/watch?v=_jP7VHIA03A

 

Manfred Gerlach, Vorsitzender der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands

Wie unserem Lande von seinem geistigen Potential nichts verlorengehen darf, so genauso wenig von seinem reichen politischen Spektrum. Es muss jeder Gedanke daran überwunden werden, dass die Wahrheit nur im Besitz einer Gruppe, einer Partei, einiger Funktionäre ist!
https://www.youtube.com/watch?v=HzXVT70UFWU

 

Ekkehard Schall, Schauspieler und Regisseur, SED

Es gibt keine Einheit mehr, international nicht und national nicht, weder in den Klassen, noch in den Parteien. Streichen wir dieses Wort Einheit aus unserem Vokabular. Es geht nur noch um Mehrheiten, die sind allerdings schwerer zu gewinnen als eine nur behauptete Einheit, eine abverlangte, eine verlogene Einheit. Sorgen wir dafür, dass die DDR ein wirkliches sozialistisches Gemeinwesen wird, was mehr ist, als ein sozialistischer Staat.
https://www.youtube.com/watch?v=X2i6mLqJvm4

 

Günter Schabowski, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros der SED

Wir alle wollen eine DDR, von der jeder sagt: Das ist unser Land! (…) Die Dynamik des Aufbruchs zum Neuen lässt sterilen politischen Nachlassverwaltern keine Chance. Das ist sicher. Aber ich sage hier offen, ich mag auch nicht die schnellen Scheiterhaufen, auf denen manche alles brennen sehen wollen, was an unbestreitbaren Leistungen in vergangenen Jahrzehnten vom Volk vollbracht wurde.
https://www.youtube.com/watch?v=pGy4Rz4D3Uw

 

Stefan Heym, Schriftsteller

Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen. Und das, Freunde, in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen danebengegangen, und wo die Leute immer gekuscht haben, unter dem Kaiser, unter den Nazis, und später auch. Aber sprechen, frei sprechen, gehen, aufrecht gehen, das ist nicht genug. Lasst uns auch lernen zu regieren. (…) Der Sozialismus – nicht der Stalinsche, der richtige –, den wir endlich erbauen wollen zu unserem Nutzen und zum Nutzen ganz Deutschlands, dieser Sozialismus ist nicht denkbar ohne Demokratie. Demokratie aber, ein griechisches Wort, heißt Herrschaft des Volkes.
https://www.youtube.com/watch?v=KO0KyhpjS1s

 

Friedrich Schorlemmer, Theologe, Demokratischer Aufbruch

Ist das alles nur ein Traum, aus dem es ein bitteres Erwachen gibt? Oder sind wir mitten in einem wirklichen dauerhaften demokratischen Aufbruch? (…) Wir brauchen nun eine Struktur der Demokratie von unten nach oben. Die Regierung hat auf das Volk zu hören und nicht das Volk auf die Regierung. Wir lassen uns nicht mehr bevormunden. Schließlich, eine Atmosphäre des Vertrauens in unserem Lande entwickelt sich erst, wenn das größte innenpolitische Sicherheitsrisiko, die Staatssicherheit, radikal abgebaut und vom Volk kontrolliert wird.
https://www.youtube.com/watch?v=gr0k2-6WoPg

 

Christa Wolf, Schriftstellerin, SED

Mit dem Wort „Wende“ habe ich meine Schwierigkeiten. Ich sehe da ein Segelboot, der Kapitän ruft: „Klar zur Wende!“, weil der Wind sich gedreht hat und die Mannschaft duckt sich, wenn der Segelbaum über das Boot fegt. Stimmt dieses Bild? (…) Ich würde von revolutionärer Erneuerung sprechen. Revolutionen gehen von unten aus. „Unten“ und „oben“ wechseln ihre Plätze in dem Wertesystem und dieser Wechsel stellt die sozialistische Gesellschaft vom Kopf auf die Füße. Große soziale Bewegungen kommen in Gang. (…) Also träumen wir mit hellwacher Vernunft: Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!
https://www.youtube.com/watch?v=SSk-ytE9c20

 

Tobias Langhoff, Schauspieler

Zum Nachdenken über den künftigen Staat DDR gehört die Offenlegung seiner politischen Biographie. Verschwiegene Vorgänge, vergessene Namen, Verfälschtes und Unterdrücktes werden auftauchen, und man wird nicht wissen, wieviel noch. Damit dies als Lektion der Geschichte verstanden wird, fordern wir: Die Einsetzung einer unabhängigen Kommission aus Historikern, Rechtswissenschaftlern und interessierten Bürgern zur Untersuchung aller in der DDR eingeleiteten Verfahren, die sich auf angebliche Straftaten gegen den Staat und die öffentliche Ordnung beriefen.
https://www.youtube.com/watch?v=6lY58pjJzVw

 

Annekathrin Bürger, Schauspielerin

Worte eines politischen Gefangenen an Stalin
https://www.youtube.com/watch?v=HJps8WKM5Ag

 

Joachim Tschirner, Dokumentarfilmregisseur, SED

Heute nacht bin ich mit meinem Kollegen Lew Hohmann von Dreharbeiten aus dem bayerischen Passau zurückgekehrt. (…) Mehr als 12000 ehemalige DDR-Bürger wurden bisher allein in diesem Lager vom Bundesgrenzschutz betreut. Das tiefe Misstrauen der Flüchtlinge uns gegenüber, als Vertreter der Medien, hängt mit ihren jahrzehntelangen Erfahrungen, mit dem Missbrauch der Medien in diesem Lande zusammen.
https://www.youtube.com/watch?v=MHgxzl4uZ3M

 

Klaus Baschleben, Journalist

So beherrschten Schönfärberei und Selbstzufriedenheit, Heuchelei und Manipulation, Subjektivismus und Willkür sowie eine unerträgliche Ignoranz gegenüber den zunehmenden Widersprüchen und Konflikten unserer gesellschaftlichen Entwicklungen die Seiten der Zeitungen, die Sendungen des Rundfunks und die Kanäle des Ferensehens (…).
Ohne Offenheit und Wahrheit gibt es keine Demokratie. Und ohne Demokratie keine Offenheit und Wahrheit.
https://www.youtube.com/watch?v=zPPyih00ueQ

 

Heiner Müller, Schriftsteller

Ich lese einen Aufruf der Initiative für unabhängige Gewerkschaften:
Kolleginnen und Kollegen, was hat der FDGB in 40 Jahren für uns getan? (…) Haben wir überhaupt schon mal erlebt, dass die Gewerkschaft etwas gegen den Staat und die Partei für uns durchsetzt? 40 Jahre ohne eigene Interessenvertretung sind genug. Wir dürfen uns nicht mehr organisieren lassen, auch nicht von neuen Männern und Frauen. Wir müssen uns selbst organisieren.
https://www.youtube.com/watch?v=fCdFr5-6Pr4

 

Lothar Bisky, Kulturwissenschaftler, Rektor der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, SED

Lasst uns die Jungen schützen vor einer durchorganisierten Verantwortungslosigkeit, in der jeder sich auf die Entscheidung des jeweils anderen beruft. (…) Den ernsten Willen zur Demokratie werden die Jungen uns erst dann glauben, wenn sie unverfälscht das Ihre sagen und gestalten können. (…) Wer die Meinung und die Vorschläge der Jungen fürchtet, hat Angst vor seinen eigenen Kindern. (…) Wer nicht auf die Stimmen der Jungen hört, hat die Zukunft des Sozialismus schon aufgegeben.
https://www.youtube.com/watch?v=waGASeK_QY8

 

Ronald Freytag, Student

Ich halte die bisherige Form der studentischen Interessenvertretung allein über die FDJ für unzureichend. Es kommt darauf an, qualitativ neue Formen der Mitsprache für die Studenten zu schaffen. Ich möchte hier informieren, es wird in der Humboldt-Universität in der nächsten Woche eine Urabstimmung zu diesem Thema geben. Diese Abstimmung ist ein Misstrauensantrag an das Prinzip der Alleinvertretung der Studenten durch eine politische Organisation, wie auch immer diese konkret aussieht.
https://www.youtube.com/watch?v=niyqsX0UuS8

 

Christoph Hein, Schriftsteller

Lassen wir uns nicht von unserer eigenen Begeisterung täuschen! Wir haben es noch nicht geschafft. Die Kuh ist noch nicht vom Mist. Und es gibt noch genügend Kräfte, die keine Veränderungen wünschen, die eine neue Gesellschaft fürchten und auch zu fürchten haben. (…) Schaffen wir eine demokratische Gesellschaft, auf einer gesetzlichen Grundlage, die einklagbar ist! Einen Sozialismus, der dieses Wort nicht zur Karikatur macht. Eine Gesellschaft, die dem Menschen angemessen ist und ihn nicht der Struktur unterordnet.
https://www.youtube.com/watch?v=Ewgh5dWvvbY

 

Róbert Juharos, Student (Verband Junger Demokraten Ungarn)

Der Zug zur Demokratie und Freiheit darf nicht auf halber Strecke stehenbleiben. Es gibt kein bisschen Pluralismus, es gibt kein bisschen Rechtssicherheit, es gibt kein bisschen Pressefreiheit. Wir sind der Meinung, dass ein gemeinsames europäisches Haus nur mit demokratischen Staaten gebaut werden kann. Und wir fordern daher radikale Reformen in allen Ländern des Ostblocks.
https://www.youtube.com/watch?v=f9MnlUjeu3w

 

Konrad Elmer, Pfarrer, Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP)

Vor uns steht kein Schlaraffenland; es werden lange schwere Wege. Aber frei und aufrecht werden wir von nun an diese Wege gehen. Und wir werden unseren Kindern wieder in die Augen blicken können.
https://www.youtube.com/watch?v=0yUxVki6WK4

 

Henning Schaller, Bühnenbildner, Versammlungsleiter

Vorschlag
https://www.youtube.com/watch?v=Dzh-Mcorp_M

 

Steffie Spira, Schauspielerin, SED
(Die ersten 80 Sekunden ihrer Rede sind in dem Dokument nur als Tonspur enthalten, also ohne Bilder.)

1933 ging ich allein in ein fremdes Land. Ich nahm nichts mit, aber im Kopf hatte ich einige Zeilen eines Gedichts von Bertolt Brecht: Lob der Dialektik.

So wie es ist, bleibt es nicht.

Wer lebt, sage nie Niemals.

Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein.

Und aus Niemals wird: Heute noch!

 

 

 

 

***

[1] Zudem trägt die CD den Untertitel „Die Kundgebung am Vorabend des Mauerfalls“, was ebenfalls nahelegt, hier ginge es um ein Vorspiel, eine Vorbereitung des 9. November. Es fehlen auch die Lieder von Wenzel & Mensching und Gerhard Schöne.

[2] Von Gerhard Schönes mindestens zwei Songs – siehe
http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/4november1989/ – konnte ich nur für einen ein Video-Dokument entdecken. Auch Wenzel & Mensching dürften wohl mehr als ein Lied gesungen haben. Da damals zeitgleich in der Charité ein Treffen von Psychotherapeuten und -therapeutinnen stattfand, die sich ebenfalls darüber verständigen wollten, wie es weitergehen sollte, war ich nicht mit dabei auf dem Alexanderplatz, kann das also auch nicht aus eigener Anschauung beurteilen.

[3] Nachzulesen sind sie – allerdings nicht in jedem Fall vollständig – auch hier:

http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/4november1989/htmrede.html

In dieser Video-Präsentation der Ausstellung des Deutschen Museums finden sich auch die genauen Uhrzeiten, zu denen die Redner auftraten.