von Andreas Peglau[1]
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Was ist das: ein Menschenbild?
Etwas, das jeder und jede in sich trägt – oftmals eher unbewusst als bewusst.
Es ist die Summe von Annahmen darüber, wie Menschen im Allgemeinen sind, welche Eigenschaften sie verbinden, was daher von ihnen zu erwarten, zu erhoffen, zu befürchten ist.
Eine dabei zentrale Frage lautet:
Sind Menschen gut – oder böse?
Dazu gibt es vier Grundpositionen, die sich vereinfacht so darstellen lassen:
Position 1) Menschen werden – abgesehen von biologischen Gegebenheiten – geboren als leere Blätter, auf welche später äußere Faktoren ihren Text schreiben. Sie sind vom Wesen her weder gut noch böse, denn sie haben gar kein Wesen, das sie auf die Welt mitbringen. Vertreten wird das unter anderem – ab 1845 – von Karl Marx. Darauf komme ich zurück.
Position 2) Menschen sind angeboren egozentrisch, verlogen, habgierig, bösartig, antisozial. Diese Sicht wird unter anderem durch christliche „Erbsünde“-Vorstellungen gestützt, aber auch durch Thesen von Sigmund Freud. Sie macht das Nachdenken darüber, wodurch es zu Krieg, Mord und Gewalt kommt, scheinbar überflüssig und liefert Machthabern in Familie und Gesellschaft Alibis, um zu erziehen, zu gängeln, zu kontrollieren und zu bestrafen.
Position 3) Gute wie böse Verhaltensoptionen sind gleichermaßen angelegt, Selbst- oder Arterhaltungstrieb entscheiden, was jeweils zur Anwendung gelangt. Diese biologistische Sicht findet sich bei Soziobiologen wie Edward O. Wilson.
Position 4) Wir sind angeboren gut, im Sinne von: mitfühlend, kontaktfreudig, liebevoll, liebenswert, neugierig, kreativ, solidarisch, friedfertig, pro-sozial. Zu unseren Anlagen gehört ebenfalls die gesunde, lebensnotwendige Fähigkeit zur Aggression. Diese Fähigkeit, deren Name sich ableitet vom Wort „aggredere“, etwas in Angriff nehmen, brauchen wir, um uns durchzusetzen, zu verteidigen, abzugrenzen. Mit „Böse-Sein“ hat das nichts tu tun. „Böse“ im Sinne von destruktiv, zerstörerisch, sadistisch oder „kriegstüchtig“ können wir nur gemacht werden: indem man unsere Anlagen unterdrückt, unsere gesunde Entwicklung behindert.
Diese Auffassung wird unter anderem vertreten von den Psychoanalytikern Wilhelm Reich und Erich Fromm. Und auch von mir.
Einige Argumente, auf die ich mich dabei berufe, werde ich im Weiteren erwähnen.
Wie entstehen Menschenbilder?
In einer idealen Gesellschaft wäre ihre entscheidende Grundlage eine ungetrübte Selbstwahrnehmung. Ich bin lebenslang die einzige Person, die ich tiefgründig kenne, die ich mir durch Introspektion ständig weiter erschließen kann. Da die Gattung Mensch durch psychische Gemeinsamkeiten verbunden ist, ließen sich aus dieser Selbstwahrnehmung zugleich wesentliche Verallgemeinerungen ableiten und im Kontakt mit anderen kontinuierlich überprüfen. In einer idealen Gesellschaft hätten die Menschen also reale Menschenbilder.
In der keineswegs idealen Realität werden Menschenbilder jedoch durch schmerzhafte, uns von uns selbst entfremdende Erfahrungen und Traumatisierungen, durch unterdrückende Verhältnisse in Familie und Gesellschaft verzerrt.
Die Menschenbilder der Erwachsenen haben daher oft mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Anstelle der Selbstwahrnehmung tritt, was uns Autoritäten an Beurteilungen und Zensuren überstülpen. Nicht der Schüler entscheidet, ob die von ihm gemalte Blume schön ist, sondern der Zeichenlehrer. Nicht der Patient weiß, ob er gesund ist, sondern der Arzt. Nicht die Bürger dürfen beurteilen, ob wir in den Krieg ziehen sollten, sondern die Regierung.
Da große Gruppen durch gleichartige gesellschaftliche Institutionen beeinflusst werden, haben ihre Menschenbilder oftmals übereinstimmende Inhalte, über soziale Schranken hinweg.
Ein bedeutsames Beispiel: In Westdeutschland wurden nach 1945 zum Teil offen, zum Teil indirekt Klischees „völkischer“ Überlegenheit über „russische Untermenschen“ weiter gepflegt und durch familiäre, schulische und mediale Indoktrination gefestigt. Wer sich mit dieser Ideologie identifizierte – also die meisten –, konnte Konfrontationen mit den Machthabern vermeiden, eigene anerzogene Destruktivität in vermeintlich böse Russen projizieren, denen zugleich die Schuld zuschieben für Militarisierung, Aufrüstung und Entdemokratisierung.
Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, das auf Abspaltung, Verdrängung, Verleugnung fußt: „Ich bin richtig, die sind falsch, ich bin gut, die sind böse.“ Da sich die Herrschenden gegenwärtig wieder einmal gemüßigt fühlen, auf Kriegswirtschaft und Kriegshetze umzuschalten, können sie wirkungsvoll daran anknüpfen.
Allerdings nicht gleichermaßen im Osten des Landes. Dort hat ja bis 1990 eine in wesentlichen Punkten andere Sozialisation stattgefunden – einschließlich eines anderen Verhältnisses zur Sowjetunion.
Ich will da nichts schönreden. Keinesfalls fühlten sich sämtliche DDR-Bürger tief verbunden mit der UdSSR. Aber nach über 40 Jahren vielfältigster, wenn auch oftmals angeordneter Begegnungen mit Sowjetbürgern, intensiver Befassung mit sowjetischer und russischer Kultur schon in der Schule, nach diversen Kooperationen, zahlreichen Reisen in dieses Land scheint zumindest eines von den meisten DDR-Bürgern nachhaltig verinnerlicht worden zu sein: „Das sind Menschen wie wir.“
In dieser Hinsicht hatten und haben also viele Ossis ein weitaus realitätsgerechteres Menschenbild als viele Wessis. Bewusst oder unbewusst werden solche verinnerlichten Haltungen auch an folgende Generationen weitergegeben. Dementsprechend verfängt die antirussische Kriegspropaganda im Osten des Landes schwerer als im Westen.
Inwiefern sind – siehe mein Vortrags-Titel – Menschenbilder eine Grundlage für gesellschaftliche Veränderungen?
Will ich einen Hefekuchen backen, sollte ich wissen, welche Zutaten ich brauche, insbesondere, dass es ohne Hefe gar kein Kuchen wird.
Will ich die menschliche Gesellschaft beeinflussen, sie vielleicht gar in revolutionärer Weise positiv verändern, sollte ich ein reales Bild der Menschen haben – insbesondere von dem, was ihre Spezifik ist, was sie am stärksten von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Und das ist nichts Körperliches, Biologisches oder Genetisches.
Wie Sie wahrscheinlich wissen, stimmen die Gene des Menschen zu 98,7 % mit denen des Schimpansen überein und noch bis zu 70 % mit denen der Fruchtfliege. Das Besondere am Menschen ist etwas anderes: seine geistig-seelische Beschaffenheit, seine PSYCHE.
Ein Menschenbild, das die Psyche nicht angemessen einbezieht, geht deshalb an der Realität des Menschseins, am Wesenskern des Menschen vorbei. Ein solches Menschenbild taugt nicht als Grundlage sinnvoller gesellschaftlicher Veränderungen.
Sind diese Zusammenhänge den meisten Revolutionären, Weltveränderern und politisch Engagierten bewusst?
Mitnichten.
Ein Beispiel. Anfang Mai hat das BSW über die Gründung der von Sahra Wagenknecht geleiteten Grundwertekommission informiert, welche „die programmatische Entwicklung beratend begleiten“ soll. Dieser Kommission gehören an: der Gründer einer Verbraucherschutz-Organisation, zwei Schriftsteller, zwei Journalisten, zwei Wirtschaftswissenschaftler, ein Mathematiker, ein Jurist, ein Mediziner, ein Soziologe, ein Politikwissenschaftler und ein Liedermacher. Dazu habe ich ans BSW unter anderem das geschrieben:
„Ich finde es toll, wen Sie da alles versammelt haben, begrüße ohnehin die Friedensorientierung des BSW. Aber wo bleibt die Suche nach einem realen, ganzheitlichen Menschenbild – was doch die Grundlage allen politischen Bemühens sein müsste? Ist das kein Grundwert? Wirtschafts- und Steuerfragen ja – Psychologie nein? Oder meinen Sie, Soziologie und Politikwissenschaft decken das nebenbei mit ab? Hat nicht die kurze Geschichte des BSW schon deutlich gezeigt, wie wesentlich individuelle Persönlichkeitsstrukturen auch fürs Politikmachen sind?“
Nach drei Wochen antwortete ein anonymes „Team Helpdesk“, meine Zuschrift werde als Bestandteil eines „wertvollen Stimmungsbildes“ weitergegeben. Es war wohl auch kaum mehr zu erwarten. Sahra Wagenknechts 2016 erschienenes Buch Reichtum ohne Gier trägt Psychisches zwar schon im Titel, reißt aber nur anfänglich kurz damit Zusammenhängendes an – um anschließend im Wesentlichen die Ökonomie zu umkreisen.
Damit ist sie nicht allein. 2011 erschien unter dem Marx-Zitat „Alle Verhältnisse umzuwerfen“ eine Streitschrift zum Programm der Linken, die meilenweit davon entfernt war, „alle“ menschlichen Verhältnisse auch nur zu benennen, geschweige denn zu diskutieren, wie sie erforscht und umgeworfen werden können. Ökonomie: Ja, ausführlich. Menschenbild, Psyche? Fehlanzeige. Dasselbe gilt für Michael Brie, der 2021 – so sein Buchtitel – Sozialismus neu entdecken wollte. Zahlreiche Beispiele solchen Herangehens ließen sich ergänzen.
Haben die genannten Autoren diese, die reale Psyche ignorierende Sichtweise erfunden?
Nein. Sie können sich auf keinen Geringeren berufen als auf Karl Marx.
Marx und Engels stellten Menschen bevorzugt dar als weitestgehend hilflose Anhängsel angeblich objektiver ökonomischer „Naturgesetze“, als deren Marionetten. Während sie eine soziale Konstellation analysierten, die dringend revolutionärer Umwälzung bedurfte – den Kapitalismus –, beschrieben sie zugleich Menschen als Lebewesen, die überhaupt nicht fähig wären, Revolutionen herbeizuführen.
Marx und Engels hofften auf ein Gemeinwesen, in dem „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ und in der gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Doch die Fragen, was ein freies Individuum auszeichnet, welche Bedingungen es benötigt, um frei zu sein, über welche Fähigkeiten Menschen verfügen und welche Bedürfnisse sie motivieren, hielten sie für unwichtig oder gar für reaktionär, da ihrer Ansicht nach ja die Ökonomie bereits alles Wesentliche erkläre.
Obwohl sie ihren eigenen Thesen höchste Brisanz zubilligten, hielten sie ansonsten die Gedanken von Menschen grundsätzlich für – Zitat – „Nebelbildungen im Gehirn“. Moral, Religion, Ideologie und ihnen entsprechende „Bewußtseinsformen“ besäßen, so schrieben sie 1845, weder „Selbständigkeit“ noch „Geschichte“ oder „Entwicklung“.
In der zweiten Kapital-Auflage ließ Marx dann seine Leser wissen. „Bei mir ist […] das Ideelle nichts anders als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“ Dieser Menschenkopf war für ihn offenbar – abgesehen von tierischen Instinkten und Trieben – zunächst komplett leer, trug jedenfalls nichts Geistiges, Psychisches, „Ideelles“ in sich.
Marx schien anzunehmen, dass wir geboren werden ohne innere Kriterien dafür, was wir auf psychosozialer Ebene brauchen und was uns schadet, ohne Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Nähe, nach Kommunikation, ohne Intellekt, Neugier, Kreativität, ohne Voraussetzungen für Selbstorganisation: eben weiße Blätter, auf die dann „das Materielle“, „die Gesellschaft“, insbesondere die Produktionsverhältnisse, irgendwie den Text schreiben.
Träfe das zu, wären Säuglinge a-soziale, stumpfe, maschinenartige Wesen, die ihre Mütter ausschließlich als Versorgungseinrichtungen zum Stillen körperlicher Bedürfnisse wahrnähmen. Wir kämen damit armseliger auf die Welt als Pflanzen, deren innerer Bau- und Entwicklungsplan ihnen nicht nur ermöglicht, sich unter günstigen Umständen zu entfalten, sondern auch aktiv und kreativ nach dem suchen, was sie zum Leben benötigen: Licht, Wasser, Nährstoffe, angemessene Nähe oder Distanz zu Artgenossen.
Bei allen Erkenntnisfortschritten, die die Theorien von Marx und Engels in anderer Hinsicht brachten: Ihr Menschenbild taugt nicht als Ausgangspunkt sinnvoller gesellschaftlicher Veränderungen.
Es behindert sie sogar: Dass die antipsychologische Sicht der kommunistischen Klassiker nie konsequent hinterfragt wurde, trug maßgeblich bei zum Scheitern des „realen Sozialismus“.
Noch heute wollen Marxisten zumeist „den Menschen“ befreien ohne sich zu fragen, wer der Mensch überhaupt ist, beabsichtigen sie, eine Gesellschaft zu erbauen, ohne sich um deren Fundament zu scheren.
Was ist dieses Fundament?
Eben keine angeblich unabhängig vom Menschen waltenden ökonomischen Naturgesetze. Solche Gesetze existieren nicht. Wirtschaft wird nicht von außermenschlichen Wesenheiten gemacht und bestimmt, sondern von realen, konkreten Individuen. Und genau diese sind das Fundament jeglicher Gesellschaft. Die Bezeichnung „Individuen“ weist darauf hin, dass jeder und jede von ihnen einmalig und einzigartig ist. Doch ihre Gemeinsamkeiten verbinden sie. Dazu gehören nicht nur biologisch-anatomisch-physiologische Gegebenheiten. Sondern auch psychische Anlagen und Grundbedürfnisse.
Erich Fromm vermerkte dazu: Selbst die volle Befriedigung jener „Bedürfnisse, die der Mensch mit dem Tier gemeinsam hat – Hunger, Durst und das Bedürfnis nach Schlaf und sexueller Befriedigung – […] gewährleistet noch nicht die geistige und seelische Gesundheit. Diese hängt von der Befriedigung jener Bedürfnisse und Leidenschaften ab, die spezifisch menschlich sind“.
Es ist heute eine weitgehend akzeptierte These, für sämtliche Vertreter des seit mindestens 300.000 Jahren existierenden Homo sapiens, ebenso für den schon deutlich früher auftretenden Neandertaler, eine „psychische Einheit“ anzunehmen, also im Prinzip gleichartige seelisch-geistige Anlagen und Strukturen. Nur aus möglichst exakter Kenntnis dieser Gemeinsamkeiten ließe sich ableiten, welche sozialen Strukturen die für Menschen angemessenen sind. Ein tauglicher, nachhaltig erfolgreich umsetzbarer Gesellschaftsentwurf braucht ein reales, wissenschaftlich fundiertes Menschenbild als Grundlage.
Einen solchen Entwurf gibt es nicht. Das liegt nicht daran, dass zu wenig Wissen vorliegt. Sondern, dass dieses von vielen Menschen, Völkern und aus vielen Zeitaltern stammende interdisziplinäre Wissen nicht zusammengeführt wird.
Ich will Ihnen einen kleinen Ausschnitt aus diesem Wissen vorstellen, der mir besonders wichtig erscheint – und damit auch mein eingangs erwähntes Menschenbild untermauern.
Wie kommen wir auf die Welt, dumm und asozial?
Ganz im Gegenteil.
In der Säuglingsforschung häufen sich Belege dafür, „dass das kindliche Gehirn zu Beginn des Lebens für die Verarbeitung einer größtmöglichen Vielfalt von Reizklassen ausgestattet“ und der Mensch „ein von Geburt an lernfähiges, in Interaktion stehendes Individuum“ ist.
Eine 1968 mit 1600 Kindern begonnene Langzeitstudie unterstrich diesen Sachverhalt – und zeigte zugleich, wie es weitergeht mit unserem geistigen Vermögen. Im Fokus der Studie stand „Genialität“ – verstanden als Fähigkeit, auf eine einzige Frage viele verschiedene, auch widersprüchliche Antworten zu finden, nicht linear und eindimensional, sondern schöpferisch, vernetzt zu denken.
Als auf diese Weise „genial“ konnten im Alter von drei bis fünf Jahren 98 Prozent der getesteten Kinder eingestuft werden. Schon fünf Jahre später, im Alter von acht bis zehn Jahren, war ihr Anteil auf 32 Prozent gefallen. Weitere fünf Jahre danach gab es unter den nun 13–15-Jährigen nur noch zehn Prozent „Genies“.
Das lag immerhin klar über den Resultaten einer Kontrollgruppe von 200.000, mindestens 25 Jahre alten Erwachsenen: Gerade einmal zwei Prozent von ihnen hatten sich ihre „Genialität“ bewahrt.
Das übliche „Hineinwachsen“ in die üblichen Sozialstrukturen erweitert also die Möglichkeiten individueller (und gesellschaftlicher!) Entwicklung in erster Linie nicht, sondern schränkt sie vor allem massiv ein. Wir erleiden einen dramatischen Verlust an intellektuellen Potenzen und kreativen Gestaltungsmöglichkeiten, damit auch an gesundem Selbstvertrauen.
Und wie steht es mit der Fähigkeit und Bereitschaft zu sozialem Fühlen, Denken und Handeln: Muss sie uns erst beigebracht werden?
Davon kann ebenfalls keine Rede sein.
Schon vor der Geburt interagieren wir mit unseren Müttern. Auf die Welt gekommen, stellen wir uns mit allen Sinnen auf sie ein, wollen sie riechen, noch immer ihren Herzschlag und ihre Stimme hören, brauchen Blick- und Hautkontakt zu ihnen, reagieren intensiv auf ihren emotionalen Zustand, sind ebenso beziehungsbedürftig wie beziehungsfähig, signalisieren unsere Bedürfnisse, auch die nach Nähe und Zuwendung. Ein a-sozialer Säugling wäre nicht überlebensfähig.
Drei Monate alte Babys „zeigen Mitgefühl“, können „zwischen gutem und bösem Verhalten unterscheiden“. Kleine Kinder verfügen über Gerechtigkeitssinn, „trösten andere bei Kummer“, sind in der Lage, „Ziele gemeinsam mit anderen zu entwickeln“ und motiviert, „anderen zu helfen und mit ihnen zu teilen“. Diese Befunde entstammen Untersuchungen verschiedener Wissenschaftsrichtungen und werden von weiteren Forschungen gestützt.
Wir kommen also nicht nur „genial“ zur Welt, sondern auch gut, besitzen eine Art „guten Kern“. Dabei handelt es sich nicht um etwas Passives, das erst wie Dornröschen aus dem Tiefschlaf geküsst werden müsste. Unsere Anlagen streben aktiv und energisch danach, sich zu verwirklichen. Wie die Wurzeln von Bäumen nach Wasser und Nährstoffen, suchen unsere Potentiale nach Entfaltungsmöglichkeiten.
Wir wollen unserer inneren Natur gemäß leben, mit uns selbst, anderen Menschen und der äußeren Natur angemessen umgehen, unvermeidbare Konflikte konstruktiv lösen. Denn nur ein solches Dasein macht uns auf gesunde Weise zufrieden. Es dient zugleich der Selbst- und Arterhaltung.
Wenn es diesen guten Kern gibt, warum entfaltet er sich nicht?
Weil er seit mehreren Jahrtausenden zumeist durch oft als „patriarchal“ bezeichnete Sozialstrukturen unterdrückt wird. Die psychisch recht heil auf die Welt kommenden Menschen werden so kaputt gemacht, dass sie zu diesen Strukturen passen. Deren hierarchischer Aufbau, die Spaltung in machtvolle Herrscher und entmächtigte Untertanen, spiegeln sich in den Individuen wider: Ihre seelischen Anlagen werden zu Machtgier und Unterwürfigkeit, zum „autoritären Charakter“ verzerrt, der nach oben buckelt und – wenn er kann – nach unten tritt. In den Kleinfamilien waren früher sowohl Frauen als auch Kinder „unten“. Zumindest Kinder sind es noch heute.
Diese „Sozialisation“ geht einher mit Gehirnwäsche, Gefühlsunterdrückung, Verdummung. Die Herrschenden meinen, ihre Herrschaft sei notwendig und berechtigt. Damit die Untertanen diesen Unfug akzeptieren, damit sie solchen Blödsinn schlucken wie das „Narrativ“ einer angeblichen Corona-Pandemie oder eines angeblichen russischen Imperialismus, müssen ihre geistigen und seelischen Kompetenzen, ihre emotionale Sensibilität frühzeitig beschnitten werden. Genau das geschieht auch.
In der BRD kommt heute fast jedes dritte Kind fremdbestimmt, per Kaiserschnitt zur Welt: mehr als eine Verdopplung seit 1993. „Andere entscheiden über dich“ wird damit bereits zum Begrüßungsmotto und Vorgeschmack aufs Kommende: normgerechtes Sich-Unterordnen unter Eltern, Erzieher, Lehrer, Chefs, Ärzte, staatliche Institutionen, Regierung und Profitinteressen. Kinder, so beschrieb es Wilhelm Reich, durchliefen zunächst „den autoritären Miniaturstaat der Familie, […] um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein“. Dies mache sie „ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, im bürgerlichen Sinne brav und erziehbar“. Wer diesen Prozess durchlitten hat, erinnert sich kaum noch daran, dass er zu Selbstbestimmtheit fähig ist, glaubt Führer zu benötigen, die ihm sagen wo‘s langgeht, hat, wie es Erich Fromm nannte, „Furcht vor der Freiheit“.
Weil die dabei entstehende gesunde Wut auf drangsalierende Autoritäten sich nicht offen zeigen kann – wer darf schon Vater, Mutter, Lehrern, später Chefs gegen‘s Schienenbein treten –, staut sie sich allmählich an zu zerstörerischem Hass. Das macht die meisten Erwachsenen, in unterschiedlichem Maße und ohne dass sie es wissen, empfänglich für Kriegshetze und verwendbar für Kriegsführung. Wilhelm Reich formulierte es so: Dass der psychisch deformierte Mensch entgegen seinen Lebensinteressen „handelt, fühlt und denkt“, bildet „ein wesentliches Stück der massenpsychologischen Grundlage desjenigen Krieges […], der von einigen wenigen aus imperialistischen Interessen insceniert wird“.
Ich möchte anhand eines prominenten Falles illustrieren, wie eine solche Entwicklung ablaufen kann – aber dass sich jener „gute Kern“ dem zumindest noch eine Zeit entgegenstellt.
Joseph Goebbels wurde 1897 geboren. In seiner Kinder- und Jugendzeit war er ein Träumer, schrieb Gedichte, Theater- und Klavierstücke, las neben anderen Gottfried Keller, Theodor Storm, Schiller und Goethe, verliebte sich und hoffte auf ein Leben voller Liebe und Anerkennung. Daran, dass diese Hoffnung zusehends scheiterte, hatte sein im Kindesalter entstandener Klumpfuß Anteil, besser gesagt: die negativen Reaktionen auf diese Behinderung. Für seine streng katholischen Eltern stellte sie eine „Heimsuchung“ dar, die am besten zu verleugnen sei. Bei Verwandten und Mitschülern löste sie Abneigung bis Abscheu aus, später auch bei manchen der von ihm begehrten Frauen. Allmählich schob sich anstelle der unerfüllten Liebe zu anderen Menschen das Ersatzobjekt „Vaterland“ in den Vordergrund.
Doch noch 1919, als „völkisch“ eingestellter 22-Jähriger, bewarb sich Goebbels bei einem jüdischen Professor erfolgreich um eine Promotion und urteilte, dies sei „ein außerordentlich liebenswürdiger“ und „zuvorkommender Mann“.
1920 reflektierte Goebbels den zunächst siegreichen „linken“ Massenaufstand gegen reaktionäre Freikorps und Reichswehr so: „Rote Revolution im Ruhrgebiet […]. Ich bin aus der Ferne begeistert“. Auf der Suche nach einem „Genie“, das ihn und Deutschland erlösen möge, hörte er 1921 erstmals von Adolf Hitler – und war enttäuscht. Er reimte: „Seh ich nur ein Hakenkreuz, krieg ich schon zum Kacken Reiz.“
Berufliche und private Frustrationen, Arbeitslosigkeit, Hunger, Existenzunsicherheit folgten, seelische Probleme häuften sich: Sinnlosigkeitsgefühle, Suizidgedanken, Alkoholmissbrauch, Nervenzusammenbrüche. Nun wechselten bei ihm „Phasen tiefer Depression“ mit „Ausbrüche[n] fanatischen Willens“. Er verfasste einen Roman, den kein Verlag wollte, notierte in seinem Tagebuch: „Manchmal des Morgens habe ich Furcht davor aufzustehen. Nichts erwartet mich – keine Freude, kein Schmerz, keine Pflicht und keine Aufgabe. Zu einem aufrechten Leben gehört doch vor allem eine feste Aufgabe.“
1922 erfuhr Goebbels, inzwischen Doktor der Germanistik, von seiner Verlobten, dass sie „Halbjüdin“ sei, war zwar irritiert, beendete die Beziehung aber zunächst nicht. 1924 konnte er dem „Kapital“ von Karl Marx noch immer positive Seiten abgewinnen. Auch in der ihm nun wichtiger werdenden nationalsozialistischen Ideologie sollte Goebbels noch für einige Zeit das „Sozialistische“ mehr betonen als Hitler. Doch schließlich geriet er völlig in den Bann des Führerkultes, der ihm gestattete, Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren, Depressivität zu unterdrücken, eine Aufgabe zu sehen, Lebenssinn zu empfinden. 1926 formte sich für ihn, wie er schrieb, „[d]roben am Himmel eine weiße Wolke zum Hakenkreuz“. Der bedingungslose Gefolgsmann Hitlers war fertig.
Dieser Prozess dauerte allerdings fast 30 Jahre.
In Gesellschaften wie der, in der Goebbels aufwuchs, oder in der wir heute leben, lässt sich das angeborene Potential nicht unbeschadet durchs Aufwachsen hindurch retten. Dennoch sind Kinder im Vergleich zu den Erwachsenen nicht nur die intelligenteren, sondern auch die besseren Menschen. Dürften die gegenwärtig Fünf- bis Zehnjährigen darüber abstimmen und entscheiden, ob das in der BRD erwirtschaftete Geld weiter hochgradig für Aufrüstung, Kriegshetze und Kriegsvorbereitung ausgegeben werden soll oder für ein konstruktives, friedliches, verständnis-, im Idealfall liebevolles Zusammenwirken in Familie, Kindergarten, Schule, Beruf, Gesellschaft und zwischen den Völkern: Wir wären umgehend gerettet vor der hausgemachten Kriegsgefahr. Die Erwachsenen jedoch wählen wieder einmal mehrheitlich kriegsgeile Parteien.
In der Bibel wird Jesus der Satz in den Mund gelegt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nie ins Himmelreich kommen.“ Aktualisiert muss es wohl heißen: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr umkommen.“
Lässt das von mir skizzierte Menschenbild einen Rückschluss zu auf die Möglichkeit von Gesellschaftsveränderungen?
Ja. Und zwar einen ebenso logischen wie verblüffend einfachen.
Da Menschen diese guten Anlagen besitzen, müssen wir im Grunde nur eines tun: dafür sorgen, dass sie sich entfalten können.
Wenn genug Erwachsene sich ausreichend Zugang zum eigenen Gut-Sein und zur eigenen Genialität verschaffen sowie erfolgreich darum kämpfen, dass alle Kinder unseres Planeten diese Anlagen ungehindert entwickeln können, werden diese Kinder als Erwachsene unweigerlich ein ihren Anlagen gemäßes – also ebenfalls gutes – Gemeinwesen schaffen. Wer und was sollten sie dann noch daran hindern?
Psychisch gesunde Menschen würden niemals eine kapitalistische Gesellschaft errichten – warum sollten sie sich schaden?
Die menschlichen Anlagen stehen einer guten Gesellschaftsordnung nicht nur in keiner Weise entgegen. Sondern diese Anlagen drängen danach, eine solche Ordnung zu schaffen. Dass wir nicht in einer guten Ordnung leben, liegt daran – und es liegt nur daran –, dass diese Anlagen unterdrückt und pervertiert werden. Es ist daher im besten Sinne revolutionär, und zugleich die beste „Investition“ in unsere Zukunft, sich dafür zu engagieren, dass Kinder im umfassenden Sinne gesund aufwachsen können.
Das ist natürlich eine fundamental andere Sicht als die von Karl Marx, Fortschritt entstünde durch das Wirken „ökonomischer Naturgesetze“ quasi von allein, lasse sich höchstens ein bisschen beschleunigen oder verzögern.
Können wir aus der Menschheitsgeschichte Hoffnung schöpfen auf die Realisierbarkeit solcher Veränderungen, wie ich sie gerade beschrieben habe?
In der Tat. Und auch das hat wieder zu tun mit dem Thema Menschenbild.
1848 findet sich zu Beginn des Kommunistischen Manifestes der Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“
Als Engels diese Schrift 1888 wieder herausgab, lagen neue Funde zur Anthropogenese vor. Nun versah er den Satz mit der lapidaren Fußnote: „Das heißt, genau gesprochen, die schriftlich überlieferte Geschichte“. Auch nach damaligem Kenntnisstand war das eine extreme Einschränkung.
Heute wissen wir, dass die Anfänge von Schrift etwa 5.300 Jahren zurückreichen. Für die Menschwerdung werden zumeist sechs Millionen Jahre veranschlagt. Nach Engels‘ Diktum hieße das: Klassen kämpften in weniger als 0,01 Prozent der Menschheitsentwicklung miteinander. Oder, wenn wir nur die 300.000 Jahre des Homo sapiens zugrunde legen: in weniger als zwei Prozent davon.
Tatsächlich erbrachten archäologische und anthropologische Forschungen für fast die gesamte Menschwerdung keinerlei Hinweise auf das Vorhandensein von institutionalisierter Unterdrückung, von Ausbeutung, Staaten, Klassen oder Krieg. Nachweise für Krieg gibt es erst für die letzten 7.000 Jahre.
7.000 Jahre – im Vergleich zu 6 Millionen Jahren Menschenwerdung oder 300.000 Jahren Homo-sapiens-Existenz: Das ist – zeitlich betrachtet – absolut marginal.
2024 präsentierten der Archäologe Harald Meller, der Historiker Kai Michel und der Evolutionsbiologe Carel van Schaik in ihrem Buch Die Evolution der Gewalt den aktuellen Forschungsstand zu den drei Millionen Jahren seit Aufkommen der Gattung Homo. Sie bilanzierten: „Es gibt nicht einmal eine Handvoll Belege für die absichtliche Tötung von Menschen.“
Doch selbst wenn es sich bei diesen Tötungen um Morde gehandelt haben sollte, was in Ermangelung von Augenzeugenberichten nie zu klären ist: Ein Mord ist kein Krieg. Und ein einzelner Mörder – über den im Gegensatz zum Opfer keinerlei Informationen zu beschaffen sind – kann nicht als stellvertretend für die jeweilige Menschheitspopulation gelten.
Harald Meller und seine Co-Autoren merken zudem an:
„Sucht man nach prähistorischen Belegen für Krieg, Mord und Totschlag, entdeckt man stattdessen Indizien von Pflege und Fürsorge. Der paläoarchäologische Befund bezeugt: Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt, ansonsten wären viele Verletzungen einem Todesurteil gleichgekommen.“
Als Beispiel führen sie einen vor circa 430.000 Jahren verstorbenen Neandertaler an, der „an einer ganzen Reihe von degenerativen Krankheiten, Traumata, einer Verkürzung des rechten Armes und wohl Blindheit des linken Auges sowie massiver Schwerhörigkeit“ litt, dennoch ein Alter von „vierzig bis fünfzig Jahren“ erreichte – was nur bei „tägliche[r] Unterstützung“ seiner Gruppe inklusive Wundbehandlung denkbar war.
Friedlich und solidarisch miteinander umzugehen, scheint also die anthropogenetische Normalität zu sein.
Das sollten wir dringend in unser Menschenbild integrieren, gerade in Zeiten, in denen uns massiv eingeredet wird, Kriege gehörten zum Menschsein dazu. Oder, wie es Barack Obama 2009 formulierte, als ihm der extrem unverdiente Friedens-Nobel-Preis verliehen wurde: „Der Krieg kam, in der einen oder anderen Gestalt, mit dem ersten Menschen auf die Welt.“
Was ist nötig, damit sich die anthropogenetische Normalität des friedlichen und solidarischen Miteinander-Umgehens wieder einstellt?
Die dafür notwendigen Veränderungen durchziehen sämtliche Lebensbereiche: Familie, Schule, Beruf, Partnerschaft, Sexualität, Kunst, Kultur, Politik, Ökonomie, Ökologie … Das stößt früher oder später an die Grenzen bürgerlicher Ordnung.
Kapitalismus braucht autoritär strukturierte, in Selbstwert, Beziehungs- und Solidarisierungsfähigkeit gestörte Untertanen, die sich verdummen, ausbeuten, entzweien, unterdrücken und in Eroberungskriege schicken lassen – und die ein entsprechend verzerrtes Bild von sich selbst und ihren Mitmenschen haben.
Damit eine bessere Ordnung entsteht, ist daher die Umwälzung kapitalistischer Macht- und Eigentumsverhältnisse unverzichtbar. Doch so wesentlich das ist: Wie die vom Terrorregime Josef Stalins frühzeitig kontaminierte Geschichte des „realen Sozialismus“ und schließlich dessen Zusammenbruch belegen, genügt das nicht.
Marx glaubte, das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen, der sogenannte „Überbau“ würde schon irgendwie hinterherkommen, wenn erst mal die wirtschaftliche „Basis“ umgewälzt ist. Entsprechend wurde es im „realen Sozialismus“ gehandhabt – mit dem bekannten Misserfolg, dass sich 1990, mehr als 40 Jahre nach DDR-Gründung, die meisten ihrer Einwohner noch immer als kompatibel empfanden mit der kapitalistischen BRD.
Doch auch nach fast 36 Jahren BRD steht das Denken, Fühlen und Handeln vieler Ossis in Widerspruch zu den Ideen der nun herrschenden Klasse und damit zur kapitalistischen „Basis“. Egal ob Impfzwang, Kriegshysterie oder antirussische Hetze: Im Osten des Landes sind Ablehnung und Widerstand dagegen stärker als im Westen.
Mit Marx ist das alles nicht zu erklären. Sein bekannter Satz, das gesellschaftliche Sein bestimme das Bewusstsein, ist unzutreffend.
Psychisches – zu dem neben dem Bewusstsein auch das Unbewusste gehört – verfügt über Eigendynamik und Eigengesetzlichkeit. Vermittelt durch Massen an Individuen, wirkt sich Psychisches formend aus auf die Gesellschaft. „Gesellschaftliches Sein“ existiert nicht an sich, sondern wird – beeinflusst durch biologische, physikalische, geographische, klimatische, ökologische Gegebenheiten – von Individuen gemeinsam hergestellt: Es ist Resultat massenhaften individuellen Handelns, welches wiederum auf Motivationen, Einstellungen und Haltungen beruht. Also: auf Psychischem.
Das „gesellschaftliche Sein“, das auf diese Weise entsteht, umfasst weitaus mehr als die Wirtschaft. Es wirkt spätestens ab der Geburt auf die Psyche jedes Einzelnen ein. Das macht uns nicht zu puren Abbildern äußerer Verhältnisse: Aufgrund unserer Anlagen kommen wir ja bereits als „beschriebene Blätter“ auf die Welt. Familiäre Strukturen, Erziehung und Medien verändern diesen Text noch einmal anhaltend. Treten wir dann – falls wir überhaupt einen Job kriegen – in den Produktionsprozess ein, sind wir daher mehrfach vorgeprägt.
Zwar finden Menschen auch vieles vor, was bereits von anderen installiert oder etabliert wurde. Aber es existiert nur weiter, weil und solange sie es am Laufen halten. Wie schnell „gesellschaftliches Sein“ verschwindet, wenn die Individuen es nicht mehr am Laufen halten, ließ sich 1990 eindrucksvoll beobachten.
Der Spruch „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ verweist auf denselben Zusammenhang. Ebenso zutreffend ist der Satz „Stell dir vor es ist Kapitalismus und keiner geht hin“.
Zwischen den vielen individuellen Psychen und den von Individuen hergestellten oder fortgeführten sozialen Verhältnissen gibt es also keine einseitige Abhängigkeit, sondern Wechselwirkungen – ohne dass sich sagen ließe, welche der beiden Seiten stärkeren Einfluss hat oder was sich vor tausenden von Jahren zuerst herausbildete.
1934, in der zweiten Auflage seiner Massenpsychologie des Faschismus hat Wilhelm Reich auf eine Konsequenz hingewiesen, die sich daraus ergibt:
„Versucht man die [psychische] Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“
Wie ließe sich eine gute, menschenwürdige Gesellschaft beschreiben?
Der 25-jährige Marx forderte, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist.
Erich Fromm schrieb, in einer „gesunden Gesellschaft“ muss sich „niemand mehr bedroht fühlen […], nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht“.
Ich ergänze: Eine gesunde Gesellschaft braucht als Basis psychisch gesunde Menschen. Um psychisch gesund sein zu können, brauchen wir eine gesunde Gesellschaft. Dieser Zusammenhang ist nicht auflösbar.
Wir sind Teil der Systeme, in die wir hineingeboren wurden, die uns umgeben, wurden und werden von ihnen geprägt, tragen willentlich oder unwillentlich zu deren Bestand und Entwicklung bei. Wollen wir die negativen Aspekte eines sozialen Systems überwinden, müssen wir auch herausfinden, inwieweit wir diese Aspekte verinnerlicht haben – und auch dagegen etwas tun.
Durch rein wirtschaftliche Veränderungen lässt sich eine menschenwürdige Ordnung weder erreichen noch definieren. Für diese Definition brauchen wir Antworten auf Fragen, die in erster Linie psychologischer Natur sind: Was ist „gutes“ Leben, was macht einen glücklichen Menschen aus, was benötigen wir, um tatsächlich zufrieden zu sein, was genau ist „menschenwürdig“?
Nur in dem Maße, wie wir uns ein reales, umfassendes Menschenbild erarbeiten, können wir beurteilen, wie eine Sozialordnung beschaffen sein müsste, die uns gemäß ist.
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Bitte zitieren als Andreas Peglau (2026): Menschenbilder als Grundlage gesellschaftlicher Veränderungen (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschenbilder-als-grundlage-gesellschaftlicher-veraenderungen/)
[1] Für diesen Vortrag habe ich auf mehrere meiner bisherigen Beiträge zurückgegriffen, insbesondere auf Lasst uns keine Marionetten sein! Plädoyer für Selbstbestimmtheit, Friedensfähigkeit und eine realisierbare Zukunftsvision. Dort finden sich auch Quellenangaben, weitere Belege und Erklärungen zu hier Mitgeteiltem.
Tipp zum Weiterlesen: Weltall, Erde, Ich – und „Gaia“. Über sinnvolles Handeln innerhalb einer widersprüchlichen Einheit (2007)

