Ohne Sklaverei kein Sozialismus, Krieg als große Gesamtaufgabe. Ergänzung zu meiner Marx-Kritik

Erweiterte Fassung, 29. Juli 2026

von Andreas Peglau

 

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Kinderelend im Kapitalismus

In „Menschen als Marionetten? Wie Marx und Engels die reale Psyche in ihrer Lehre verdrängten“ habe ich dargelegt, weshalb sich meines Erachtens in der Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels keine adäquaten Lösungen für die aktuellen nationalen und internationalen Krisen finden lassen. Dort habe ich auch anhand seiner Befürwortung von Kinderarbeit belegt, dass Marx‘ Fortschrittsglaube zu inhumanen Schlüssen führen konnte.[1] Daran will ich anknüpfen.
In den 1866 von Marx verfassten „Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats“ der Internationalen Arbeiterassoziation hieß es:

„Wir betrachten die Tendenz der modernen Industrie, Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts zur Mitwirkung an dem großen Werk der gesellschaftlichen Produktion heranzuziehen, als eine fortschrittliche, gesunde und berechtigte Tendenz, obgleich die Art und Weise, auf welche diese Tendenz unter der Kapitalherrschaft verwirklicht wird, eine abscheuliche ist.“[2]

Wie Marx wusste und mehrfach dokumentierte, verloren in jedem Monat Kinderarbeit tausende Kinder Gesundheit oder Leben. Auch im Kapital führte er einen Bericht an über das Schicksal „viele[r] Tausende[r] dieser kleinen hilflosen Kreaturen“, die ihren Eltern zuvor entrissen worden waren:

„Aufseher wurden bestellt, um ihre Arbeit zu überwachen. Es war das Interesse dieser Sklaventreiber, die Kinder aufs äußerste abzuarbeiten […]. Sie wurden zu Tod gehetzt durch Arbeitsexzesse … sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit; sie wurden in vielen Fällen bis auf die Knochen ausgehungert, während die Peitsche sie an der Arbeit hielt … Ja, in einigen Fällen wurden sie zum Selbstmord getrieben! … Die schönen und romantischen Täler von Derbyshire, Nottinghamshire und Lancashire, abgeschlossen vom öffentlichen Auge, wurden grause Einöden von Tortur und – oft von Mord! … Die Profite der Fabrikanten waren enorm.“[3]

Trotzdem hielt Marx 1875 noch immer ein „Allgemeines Verbot der Kinderarbeit“ für

„unverträglich mit der Existenz der großen Industrie und daher leerer frommer Wunsch. Durchführung desselben – wenn möglich – wäre reaktionär, da, bei strenger Regelung der Arbeitszeit nach den verschiednen Altersstufen und sonstigen Vorsichtsmaßregeln zum Schutz der Kinder, frühzeitige Verbindung produktiver Arbeit mit Unterricht eines der mächtigsten Umwandlungsmittel der heutigen Gesellschaft ist“.[4]

Wie chancenlos im Kapitalismus des Jahres 1875 angemessener Kinderschutz war, erst recht innerhalb der „großen Industrie“, dürfte Marx gewusst haben. Doch der von ihm erhofften künftigen Gesellschaftsumwandlung räumte er Priorität ein gegenüber dem realem Kinderelend seiner Zeit.

Friedrich Engels hatte 1845, in Die Lage der arbeitenden Klasse in England, beschrieben, wie es Proletarierkindern auch außerhalb der Arbeitssphäre erging:

„Nirgends werden so viel Kinder überfahren und überritten, nirgends fallen so viele zu Tode, ertrinken oder verbrennen als in den großen Städten Englands. Namentlich sind Todesfälle infolge von Brandwunden oder Übergießung mit heißem Wasser häufig – in Manchester während der Wintermonate fast jede Woche einmal, in London ebenfalls […]. Diese armen Kinder, die auf eine so fürchterliche Weise ums Leben kommen, sind rein die Opfer unserer gesellschaftlichen Unordnung und der bei der Erhaltung dieser Unordnung interessierten besitzenden Klasse […]. So weit ist es gekommen in England – und die Bourgeoisie liest das alles täglich in den Zeitungen und kümmert sich nicht drum. Sie wird sich aber auch nicht beklagen können, wenn ich sie nach den angeführten offiziellen und nichtoffiziellen Zeugnissen, die sie kennen muß, geradezu des sozialen Mordes beschuldige.“[5]

1892 konstatierte Engels anlässlich einer Neuausgabe seines Buches, „was die große Masse der Arbeiter betrifft, so steht das Niveau des Elends und der Existenzunsicherheit für sie heute ebenso niedrig, wenn nicht niedriger als je“. Von Schuld der Bourgeoisie war jedoch nicht mehr die Rede: „die Ursache des Elends der Arbeiterklasse“ sei „zu suchen […] im kapitalistischen System selbst […,] einzig dem System selbst“.[6]

Was war passiert? Engels hatte die Sicht übernommen, die Menschheitsgeschichte sei von „ökonomischen Naturgesetzen”[7] bestimmt, welche Marx als erster erkannt habe. Im Kapital hieß es dann zu den „Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer“: „Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt.“[8] Wo Unausweichlichem zu gehorchen war, blieb kein Platz mehr für persönliche Schuld.

Marx meinte zudem, die von ihm entdeckten „Gesetze“ bewirkten ein zwangsläufiges gesellschaftliches Voranschreiten in Richtung Sozialismus. Daher sei alles, was dieses Voranschreiten ermögliche oder erleichtere (somit zugleich die Thesen von Marx und Engels bestätigte), zu begrüßen.

Dass dieser Art „Fortschritt” eine Unzahl an Menschenleben kostete, erschien ihnen offenbar nicht nur unvermeidbar, sondern auch zweitrangig.


Auf Kosten der Mehrheit

Besonders deutlich wurde dies, als sich Marx 1853 mit dem britischen Kolonialterror befasste, dem bis dahin schon Millionen Inder zum Opfer gefallen waren.[9] Laut Marx habe „[d]as Eingreifen der Engländer […] die größte und, die Wahrheit zu sagen, einzige soziale Revolution“ hervorgerufen, „die Asien je gesehen“. Er räumte zwar ein, es möge dem “menschlichen Empfinden widerstreben […], Zeuge zu sein, wie Myriaden betriebsamer patriarchalischer und harmloser sozialer Organisationen zerrüttet und in ihre Einheiten aufgelöst werden, hineingeschleudert in ein Meer von Leiden“.[10] Doch hielt er dem die angebliche ökonomische, politische, kulturelle und geistige Rückständigkeit dieser „idyllischen Dorfgemeinschaften“ entgegen, häufte in chauvinistischer Weise typisch westliche Klischees aufeinander,[11] um schließlich zu fragen, „ob die Menschheit ihre Bestimmung erfüllen kann ohne radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien. Wenn nicht“ – und Marx war eindeutig der Meinung, dass dies nicht möglich sei – „so war England, welche Verbrechen es auch begangen haben mag, doch das unbewußte Werkzeug der Geschichte, indem es diese Revolution zuwege brachte.“[12]

Zehn Jahre danach, in den 1862–1863 verfassten, posthum veröffentlichten Theorien über den Mehrwert schrieb Marx: Obwohl die Entwicklung der Gattung Mensch „zunächst[13] auf Kosten der Mehrzahl der Menschenindividuen und ganzer Menschenklassen“ verliefe, müsse die in sozialistischer Zukunft „höhere Entwicklung der Individualität […] durch einen historischen Prozeß erkauft“ werden, „worin Individuen geopfert werden“.[14]
Da diese Haltung von Marx eine grundsätzliche war,[15] zeigte sie sich auch im Umgang mit anderen, nicht weniger brisanten Themen immer wieder.


Die schöne Seite der Sklaverei

1847, in seiner Schrift Das Elend der Philosophie, vermerkte der 29-jährige Marx zur Sklaverei, sie sei eine „ökonomische Kategorie“ wie jede andere, besitze daher

„gleichfalls ihre zwei Seiten. Halten wir uns nicht bei der schlechten Seite auf und sprechen wir von der schönen Seite der Sklaverei.[16] Wohlverstanden, es handelt sich hier nur um die direkte Sklaverei, um die Sklaverei der Schwarzen in Surinam, in Brasilien, in den Südstaaten Nordamerikas.
Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.
Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land, sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nordamerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie, den vollständigen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Laßt die Sklaverei verschwinden, und ihr streicht Amerika von der Weltkarte.“[17]

Ausbeuten statt Verspeisen

1877 veröffentlichte Engels den „Anti-Dühring“ (Herrn Eugen Dühring‘s Umwälzung der Wissenschaft).[18] Über dieses Buch teilten die Herausgeber der Marx-Engels-Werke mit, dass Marx „unmittelbaren Anteil am Entstehen“ nahm und ein Kapitel beisteuerte, so dass „der ‚Anti-Dühring‘ von Anfang bis zum Ende den Standpunkt […] von Engels und Marx“ ausdrückte.[19]

Engels widmete sich hier ebenfalls der Sklaverei. Er ging dabei aus von einem lange zurück liegenden Zustand, wo ackerbauenden Familien „die Einfügung einer oder mehrerer fremden Arbeitskräfte“ erstmals möglich geworden sei:

„Aber das eigne Gemeinwesen und der Verband, dem es angehörte lieferte keine disponiblen, überschüssigen Arbeitskräfte. Der Krieg dagegen lieferte sie, und der Krieg war so alt wie die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander. Bisher hatte man mit den Kriegsgefangenen nichts anzufangen gewußt, sie also einfach erschlagen, noch früher hatte man sie verspeist. Aber auf der jetzt erreichten Stufe der ‚Wirtschaftslage‘ erhielten sie einen Wert; man ließ sie also leben und machte sich ihre Arbeit dienstbar. […] Die Sklaverei war erfunden.“[20]

Laut Engels ist also „die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander“ gleichbedeutend mit Krieg: Sobald sich Menschen zusammenschließen, fangen sie an, Krieg miteinander zu führen. Als er das schrieb, war es mangels entsprechender archäologischer Befunde eine Spekulation. Nach heutigem Kenntnisstand ist es eine ebenso falsche Annahme[21] wie die über das ursprünglich grundsätzliche Töten oder gar Verspeisen von Kriegsgefangenen.[22]
Die Erfindung der Sklaverei ordnete Engels nun ein:

„Erst die Sklaverei machte die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Industrie auf größerm Maßstab möglich, und damit die Blüte der alten Welt, das Griechentum. Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen: Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus.“[23]

Später heißt es, wer „über das Griechentum die Nase rümpft, weil es auf Sklaverei begründet war“, könne „den Griechen mit demselben Recht den Vorwurf machen, daß sie keine Dampfmaschinen und elektrischen Telegraphen hatten“.[24]Zu erwartender Entrüstung ob dieser Betrachtungsweise entgegnete Engels:

„Es ist sehr wohlfeil, über Sklaverei und dergleichen in allgemeinen Redensarten loszuziehn und einen hohen sittlichen Zorn über dergleichen Schändlichkeit auszugießen. Leider spricht man damit weiter nichts aus als das, was jedermann weiß, nämlich daß diese antiken Einrichtungen unsern heutigen Zuständen und unsern durch diese Zustände bestimmten Gefühlen nicht mehr entsprechen.“[25]

Abneigung gegen Sklavenhaltung als moderne Gefühlsduselei? Bereits der Marx und Engels gut bekannte, antike Philosoph Diogenes übte Kritik an der Sklaverei.[26]
Dürften nicht auch die Sklaven selbst schon immer ausgeprägt negative Gefühle gegenüber ihrem Versklavt-Sein gehabt haben? Doch auch das guckte sich Engels schön:

„Selbst für die Sklaven war dies ein Fortschritt; die Kriegsgefangnen, aus denen die Masse der Sklaven sich rekrutierte, behielten jetzt wenigstens das Leben, statt daß sie früher gemordet oder noch früher gar gebraten wurden.“[27]

Sklaverei als für alle Beteiligten bestmögliche Lösung.
Dass ohne das Vorangegangene das Gegenwärtige anders aussehen würde oder gar nicht eingetreten wäre, ist wiederum eine Plattitüde. Daraus zu schließen, alles Vorangegangene sei notwendig so gewesen, ist dagegen einfach Unsinn. Oder Glauben an göttliche Vorherbestimmtheit. Bei Marx und Engels war es der Glaube an jene gottähnlich agierenden „ökonomischen Gesetze“.
Engels führte seine Argumentation weiter:

„Wir erfahren damit aber kein Wort darüber, wie diese Einrichtungen entstanden sind, warum sie bestanden und welche Rolle sie in der Geschichte gespielt haben. Und wenn wir hierauf eingehn, so müssen wir sagen, so widerspruchsvoll und so ketzerisch das auch klingen mag, daß die Einführung der Sklaverei unter den damaligen Umständen ein großer Fortschritt war.“[28]


Fortschrittsbremse Sklavenhaltung

Was die US-Sklaverei betrifft, setzten Marx und Engels freilich längst andere Schwerpunkte, als der “Anti-Dühring” erschien. Marx hatte 1851 begonnen, seine prekäre finanzielle Situation aufzubes-sern, indem er Artikel für die explizit sklavereikritische Zeitung “New York Daily Tribune” verfasste. Dort erfuhr man beispielsweise am 14.7.1853 von ihm: „Ohne die längeren aufeinanderfolgenden Phasen von Abspannung, Prosperität, Aufschwung, Krise und Elend, welche die moderne Industrie in periodisch wiederkehrenden Zyklen durchläuft“, wäre „die Arbeiterklasse Großbritanniens und ganz Europas eine niedergedrückte, charakterschwache, verbrauchte, unterwürfige Masse […], deren Emanzipation aus eigner Kraft sich als ebenso unmöglich erweisen würde wie die der Sklaven des antiken Griechenlands und Roms.“[29] 1858 bezeichnete er den zeitgenössischen Sklavenhandel als „schändlich“.[30] 1861–1865, während des US-amerikanischen Bürgerkrieges, befasste er sich am intensivsten mit diesem Thema.[31]

Sein Hauptkritikpunkt war, die US-Sklaverei sei zum Hindernis für das Entstehen einer geeinten Arbeiterbewegung geworden – und somit für die Entwicklung zum Sozialismus. Die Sklaverei habe ihre Aufgabe als notwendiger Bestandteil ökonomischer Entfaltung inzwischen erfüllt und stehe nun weiterem Fortschritt im Wege. Daher gehöre sie abgeschafft.

Am 30. Dezember 1864, als sich die Niederlage der Südstaaten schon klar abzeichnete, gratulierte Marx im Namen der Internationalen Arbeiterassoziation US-Präsidenten Abraham Lincoln zur Wiederwahl. Er schloss:

„Solange die Arbeiter, die wahren Träger der politischen Macht im Norden [der USA], es erlaubten, daß die Sklaverei ihre eigene Republik besudelte […] – solange waren sie unfähig, die wahre Freiheit der Arbeit zu erringen oder ihre europäischen Brüder in ihrem Befreiungskampfe zu unterstützen. Dieses Hindernis des Fortschritts ist von dem roten Meere des Bürgerkrieges hinweggeschwemmt worden.
Die Arbeiter Europas sind von der Überzeugung durchdrungen, daß, wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg eine neue Epoche der Machtentfaltung für die Mittelklasse einweihte, so der amerikanische Krieg gegen die Sklaverei eine neue Epoche der Machtentfaltung für die Arbeiterklasse einweihen wird.“[32]

 

Gute Kriege?

1846 hatte die USA Mexiko überfallen, fast die Hälfte des Landes annektiert, darunter Texas, Neukalifornien und Neumexiko. Auf Seiten Mexikos gab es tausende Tote[33] – was 1848 bekannt gewesen sein muss, als sich Engels, wohl auch im Namen von Marx, zu diesem Überfall äußerte:

„In Amerika haben wir der Eroberung Mexikos zugesehen und uns darüber gefreut. Es ist auch ein Fortschritt, daß ein Land, welches sich bisher ausschließlich mit sich selbst beschäftigte, durch ewige Bürgerkriege zerrissen und an aller Entwicklung verhindert war, ein Land, dem höchstens bevorstand, in das industrielle Vasallentum Englands zu geraten – daß ein solches Land mit Gewalt in die geschichtliche Bewegung hineingerissen wird. Es ist im Interesse seiner eignen Entwicklung, daß es in Zukunft unter die Vormundschaft der Vereinigten Staaten gestellt wird. Es ist im Interesse der Entwicklung von ganz Amerika, daß die Vereinigten Staaten durch den Besitz Kaliforniens die Herrschaft auf dem Stillen Meer erhalten.“[34]

Natürlich können Kriege auch zu etwas führen, das sich als positiv einordnen lässt. Aber ich käme nicht auf die Idee, zu sagen, der Zweite Weltkrieg hatte die gute Seite, dass anschließend die UNO gegründet wurde. Oder mich über den Überfall Hitler-Deutschlands auf die UdSSR 1941, dem letztendlich 27 Millionen Sowjetbürger zum Opfer fielen, im Nachhinein zu freuen, weil er ja zur Zerstörung des Nazi-Imperiums führte. Wird einem Mann der Kopf abgeschlagen, muss er sich nicht mehr rasieren. Das ist zutreffend – aber kein Grund, das Gesamtgeschehen als erfreulich einzuordnen.

Engels und Marx konnten sich sogar einen Weltkrieg als Fortschrittsmotor vorstellen. Im Februar 1849 sagte Engels in der Neuen Rheinischen Zeitung für die nächste Zeit einen „allgemeinen Krieg“ voraus, der die 1848er Revolution erfolgreich zu Ende führen werde.

Auf Seite dieser Revolution hätten, so Engels, nur die Deutschen, die Polen und die Ungarn gestanden.

„Daher sind sie jetzt revolutionär. […] Alle andern großen und kleinen Stämme und Völker haben zunächst die Mission, im revolutionären Weltsturm unterzugehen. Daher sind sie jetzt kontrerevolutionär. […]
Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen.
Und das ist auch ein Fortschritt.“[35]

Kriegerischer Urzustand

Die folgenden fünf Zitate unterstreichen, dass Marx‘ Vorstellungen über Krieg mit denen von Engels harmonierten. 1858 beendete er die zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. In diesem teils skizzenhaften „Rohentwurf“ notierte er:[36]

Krieg früher ausgebildet wie Frieden [sic].“[37]

„Der Krieg ist daher die große Gesamtaufgabe, die große gemeinschaftliche Arbeit, die erheischt ist, sei es um die objektiven Bedingungen des lebendigen Daseins zu okkupieren, sei es um die Okkupation derselben zu beschützen und zu verewigen. Die aus Familien bestehende Gemeinde daher zunächst kriegerisch organisiert.“

„Der Jagdgrund so bei den wilden Indianerstämmen in Amerika; der Stamm betrachtet eine gewisse Region als sein Jagdgebiet und behauptet es gewaltsam gegen andre Stämme oder sucht andre Stämme aus dem von ihnen behaupteten zu vertreiben. […] Die einzige Schranke, die das Gemeinwesen finden kann in seinem Verhalten zu den natürlichen Produktionsbedingungen – der Erde – […] als den seinen, ist ein andres Gemeinwesen, das sie schon […] in Anspruch nimmt. Der Krieg ist daher eine der ursprünglichsten Arbeiten jedes dieser naturwüchsigen Gemeinwesen, sowohl zur Behauptung des Eigentums als zum Neuerwerb desselben.“

Dem 1867 erstmals erschienenen Band 1 des Kapital entstammen dann diese Sätze: „Linguet[38] […] hat vielleicht nicht unrecht, wenn er die Jagd für die erste Form der Kooperation und Menschenjagd (Krieg) für eine der ersten Formen der Jagd erklärt.“[39] Kriegsführung, Töten von Artgenossen als – vielleicht – erste Form menschlicher Kooperation. Und, dazu passend: „In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.“[40]

Mit dieser negativen Beurteilung befand sich Marx weitgehend im Einklang mit Denkern wie Thomas Hobbes, John Locke, Adam Smith, G. W. F. Hegel oder Arthur Schopenhauer.
Doch es gab auch positivere Menschen- und Geschichtsbilder, die ihm bekannt waren, vertreten durch Jean-Jacques Rousseau, Robert Owen, Charles Fourier, Ludwig Feuerbach, Auguste Comte und Max Stirner. Menschen angeborene konstruktive Eigenkräfte, Friedfertigkeit oder Pro-Sozialität zuzugestehen, passte jedoch nicht zu Marx‘ Idee, wir kämen auf die Welt als weiße Blätter, auf welche gesellschaftliche Verhältnisse ihren Text schreiben, als Wesen, die wegen ökonomischer „Gesetze“ erst in der Zukunft gut, friedlich und menschenwürdig miteinander leben können.

 

Marx und Engels als Vorbilder der Friedensbewegung?

Der Politikwissenschaftler Georg Fülberth resümiert:

„Die längste Zeit ihres politischen Lebens sind Karl Marx und Friedrich Engels das gewesen, was man heute wohl ‚Bellizisten‘ nennen würde. Wie fast alle ihre Zeitgenossen folgten sie dem Denken des preußischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz, wonach der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Diese galten als beherrschbar, der Krieg deshalb als führbar.
1848/49 forderten Marx und Engels einen deutschen Volkskrieg gegen den russischen Zaren. Er war in ihren Augen der Rückhalt aller reaktionären Regimes und – nach der Niederwerfung des aufständischen Ungarn durch seine Armee – der Schlächter der Revolution. Der britischen Regierung warf Engels vor, dass sie den Krimkrieg (1853-1856) nicht bis zur endgültigen Niederlage Russlands führte – aus Sorge um das europäische Gleichgewicht und aus Furcht vor revolutionären Konsequenzen. Einen ähnlichen Vorwurf machte er lange Zeit den Nordstaaten im US-amerikanischen Bürgerkrieg.“[41]

Versteht man unter „Bellizisten“ Menschen, die Kriege verherrlichen, trifft das nicht zu auf Marx und Engels. Ist stattdessen gemeint, Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele zu betrachten, hat Fülberth recht: Engels wie Marx befürworteten kriegerische Auseinandersetzungen, von denen sie annahmen, dass sie etwas mit sich brächten, was sie für gesellschaftlichen Fortschritt hielten.[42]
Fülberth weist freilich auch darauf hin, dass der alte Engels zu der Erkenntnis gelangte,

„dass das Zeitalter der begrenzten und insofern führbaren militärischen Auseinandersetzungen vorbei war. Jetzt eröffnete sich die Perspektive eines grauenhaften Weltkriegs. Im März 1889 schrieb Engels an Paul Lafargue, einen Schwiegersohn von Karl Marx: ‚Was einen Krieg betrifft, so ist er für mich die schrecklichste aller Möglichkeiten. […] ein Krieg, in dem es zehn bis 15 Millionen Kämpfende geben wird, der, allein um sie zu ernähren, eine noch nie dagewesene Verwüstung mit sich bringen wird; ein Krieg, der eine verstärkte und allgemeine Unterdrückung unserer Bewegung, eine Verschärfung des Chauvinismus in allen Ländern und schließlich eine Schwächung mit sich bringen wird, […] eine Periode der Reaktion als Folge der Erschöpfung aller ausgebluteten Völker – und alles dies gegen die geringe Chance, daß aus diesem erbitterten Krieg eine Revolution hervorgeht – das entsetzt mich.‘“[43]

Wir verdanken den beiden sozialistischen Klassikern neuartige und wesentliche Erkenntnisse über ökonomische Hintergründe von Kriegen, speziell im Kapitalismus. Dennoch: Wer sich für Frieden engagiert, muss genau hinschauen, in welcher Weise er sich dabei auf Marx und Engels beziehen kann. Das Gleiche gilt für diejenigen, die um gesellschaftlichen Fortschritt ringen.

 

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Bitte zitieren als
Andreas Peglau (2026): Ohne Sklaverei kein Sozialismus, Krieg als große Gesamtaufgabe. Ergänzung zu meiner Marx-Kritik (erweiterte Fassung) (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ohne-sklaverei-kein-sozialismus-krieg-als-grosse-gesamtaufgabe-ergaenzung-zu-meiner-marx-kritik/).
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Anmerkungen und Quellen

[1] https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-teil-8-von-immanuel-kant-bis-kinderarbeit/

[2] Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 16, S. 193.

[3] MEW, Bd. 23, S. 786.

[4] MEW, Bd. 19, S. 32.

[5] MEW, Bd. 2, S. 338.

[6] Ebd., S. 645, 639–640.

[7] Siehe https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-teil-6-fremde-wesen-seelische-zustaende-und-soziale-naturgesetze/.

[8] MEW, Bd. 23, S. 16.

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/Famine_in_India, https://de.wikipedia.org/wiki/Aufst%C3%A4nde_und_Revolten_gegen_die_britische_Herrschaft_in_Indien, https://www.spiegel.de/politik/das-kranke-england-a-66fca745-0002-0001-0000-000040350904.

[10] MEW, Bd. 9., S. 132.

[11] Zum Beispiel, dass die Inder „zu jener tierisch rohen Naturanbetung gelangten, deren Entartung zum Ausdruck kam in der Tatsache, daß der Mensch, der Beherrscher der Natur, vor Hanuman, dem Affen, und Sabbala, der Kuh, andächtig in die Knie sank“ (ebd., S. 133). Fand er es progressiver, in westlicher Manier vor „dem Kapital“ auf die Knie zu sinken? Zu rassistischen Tendenzen bei Marx und Engels: Hund, W. D./ Egger, L./ Lösing, F. (2025): Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit. Wien/ Berlin.

[12] MEW, Bd. 9., S. 133.

[13] Eine irritierende Wortwahl, da Marx einerseits wusste, dass die Menschheitsentwicklung bereits extrem lange Zeiträume umfasste und er andererseits in Kürze den Sozialismus erwartete.

[14] MEW, Bd. 26.2, S. 111.

[15] Für abweichende Auffassungen beim jungen, noch nicht ökonomiefixierten Marx siehe Fromm, E. (1989): Das Menschenbild bei Marx, in ders.: Gesamtausgabe, Bd. 5. München, S. 335–393.

[16] MEW, Bd. 4, S. 131–132. Marx argumentiert hier gegen Proudhon, der glaube, die schlechte Seite ökonomischer Kategorien abschaffen und die gute Seite behalten zu können. Schon in seinem Brief vom 28.12.1846 an den russischen Publizisten Pawel Annenkow argumentiert Marx – wohl auf Aufzeichnungen zum Elend der Philosophie zurückgreifend – identisch zur „gute[n] Seite der Sklaverei“ (MEW, Bd. 27, S. 458).

[17] MEW, Bd. 4, S. 131–132.

[18] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Herrn_Eugen_D%C3%BChrings_Umw%C3%A4lzung_der_Wissenschaft

[19] MEW, Bd. 20, S. VII.

[20] Anti-Dühring-Zitate aus MEW, Bd. 20, S. 167–169.

[21] Siehe https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wir-sind-keine-geborenen-krieger-zu-psychosozialen-voraussetzungen-von-friedfertigkeit-und-kriegstuechtigkeit/ und Graeber, D./ Wengrow, D. (2022): Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart. 1884 beschrieb Engels dann eine ursprüngliche Menschheitsphase als „wunderbare Verfassung in all ihrer Kindlichkeit und Einfachheit […]. Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, […] die Haushaltung ist einer Reihe von Familien gemein und kommunistisch, der Boden ist Stammesbesitz, nur die Gärtchen sind den Haushaltungen vorläufig zugewiesen […]. Alle sind gleich und frei – auch die Weiber. Für Sklaven ist noch kein Raum, für Unterjochung fremder Stämme in der Regel auch noch nicht.“ Doch dass es keine „Arme[n] und Bedürftige[n]“ gebe, begründete er damit, dass diese frühen Gemeinschaften „ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege [!] Gelähmte“ kennen (MEW, Bd. 21, S. 95–96.). Warum Gemeinschaften, die in den von ihm geschilderten Zuständen lebten, miteinander Kriege führen sollten, erklärt er so: „Was außerhalb des Stammes war, war außerhalb des Rechts“ (ebd., S. 97). Einen plausiblen Grund für diese Rechtslage benennt er nicht.

[22] Engels gibt dazu keine Quellen an, dürfte sich aber auch hier auf den, im Vorwort von 1885 erwähnten L. H. Morgan bezogen haben, der Kannibalismus für die „barbarische“ Phase annahm (siehe https://www.marxists.org/reference/archive/morgan-lewis/ancient-society/ch02.htm). Darüber hinaus malten zeitgenössische Berichte über Reisen in die „Neue Welt“ von rassistischen Stereotypen über „primitive Wilden“ geprägte Bilder (Peter-Röcher, H.: Kannibalismus in der prähistorischen Forschung. Studien zu einer paradigmatischen Deutung und ihren Grundlagen, Bonn 1994, S. 158–212). Heidi Peter-Röcher fand jedoch in den Quellen „aus prähistorischer, antiker, mittelalterlicher und Neuzeit […] keine überzeugenden, unzweifelhaften Hinweise […], die den Schluß zulassen würden, Kannibalismus hätte als gesellschaftlich akzeptierter und praktizierter Brauch je existiert“ (ebd., S. 213). Graeber und Wengrow (wie Fn. 21, S. 207–233) belegen ausführlich, dass im vorkolonialen Amerika Sklavenhaltung nur regional existierte und sehr unterschiedlich gehandhabt wurde. Von generellem Töten oder gar Verspeisen kann erst recht keine Rede sein.

[23] Wie Fn. 20.

[24] Ebd., hier gemünzt auf Dühring.

[25] Ebd.

[26] https://en-wikipedia-org.translate.goog/wiki/Diogenes_or_on_Servants?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq.

[27] Wie Fn. 20.

[28] Ebd.

[29] MEW, Bd. 9, S. 171.

[30] MEW, Bd. 12, S. 507–511.

[31] Siehe auch https://monthlyreview.org/articles/marx-and-slavery/.

[32] MEW, Bd. 16, S. 19.

[33] Ihre Zahl wird auf 25.000 geschätzt (https://en.wikipedia.org/wiki/Mexican%E2%80%93American_War).

[34] MEW, Bd. 4, S. 501. Dazu hielten die Herausgeber dieses MEW-Bandes eine Fußnote für nötig: Marx und Engels änderten später […] ihre hier über dieses Ereignis getroffene Einschätzung“. 1861 habe Marx in Der nordamerikanische Bürgerkrieg (MEW, Bd. 15, S. 329–338) als Ziel der US-Eroberungspolitik „die Aneignung neuer Gebiete für die Ausbreitung der Sklaverei und der Herrschaft der Sklavenhalter“ bezeichnet. Das suggeriert zu Unrecht, Marx hätte dort diese Annexion eindeutig verurteilt oder er und Engels wären von ihren früheren Beurteilungen abgerückt (siehe MEW, Bd. 15, S. 329–338).

[35] MEW, Bd. 6, S. 168, 176.

[36] Folgende Zitate: MEW, Bd. 42, S. 43, 386, 399.

[37] Dazu, wie realitätsfern diese Sicht ist: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wir-sind-keine-geborenen-krieger-zu-psychosozialen-voraussetzungen-von-friedfertigkeit-und-kriegstuechtigkeit/. 6 Millionen Jahren Menschwerdung oder 300.000 Jahren Homo-sapiens-Existenz stehen die letzten 7.000 Jahre entgegen, für die es erstmals Belege für Kriege gibt.

[38] https://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Nicolas_Henri_Linguet

[39] MEW, Bd. 23, S. 353, Fn 23a.

[40] Ebd., S. 742.

[41] https://www.nd-aktuell.de/artikel/1145026.krieg-und-frieden-das-ende-des-bellizismus.html

[42] Ausführlich dazu Suvanto, P. (1985): Marx und Engels zum Problem des gewaltsamen Konflikts, Helsinki (https://www.doria.fi/bitstream/handle/10024/167584/SH018_opt.pdf?sequence=1&isAllowed=y). Siehe auch Goldschmidt, W. (1999): Gerechter Krieg für eine gerechte Weltordnung?, in Zeitschrift für marxistische Erneuerung 1999, Heft 40, S. 103–121.
Wer bezüglich der gegenwärtigen weltpolitischen Konfrontation sagt: „Auf allen Seiten agieren ja kapitalistische Staaten, da gibt es keinen Akteur, der besser oder schlechter ist, ich bleibe neutraler ‚linker‘ Beobachter, bewahre souveräne ‚Äquidistanz‘“, kann sich daher nicht auf Marx und Engels berufen.

[43] Wie Fn. 42.

 

 

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