Andreas Peglau befragt den KI-Assistenten von OPEN AI, 27. Juli 2026
Vorab
Wer sich von einer KI Informationen übermitteln lässt, sollte jede Quelle, jedes Zitat, jede Kernaussage noch einmal überprüfen – und wird oft feststellen, dass Fehler vorliegen. Doch ebenso klar ist mir inzwischen durch eine Reihe von Kontakten mit OPEN AI: Wo für komplexe Sachverhalte eine Vielzahl für die KI erreichbarer, seriöser Informationen vorliegt – in Bezug auf die Theorien von Marx und Engels ist das der Fall – und ich zugleich kompetent bin, die KI-Antworten zu beurteilen, lässt sich in faszinierender Weise Wissen aufbereiten. Ich muss auch nicht die „Meinung“ der KI teilen, um davon zu profitieren: Sie verschafft mir spannende Ansatzpunkte, um selbst weiterzudenken.
Den folgenden Austausch mit OPEN-AI habe ich nur insofern verändert, als dass mir am Ende jeder Antwort mehrere Inhalte angeboten wurden, die hätten vertieft werden können. Beibehalten habe ich nur die, um die es dann tatsächlich ging.
*
A.P.: Hallo.
Du hast die gesamten Werke von Marx und Engels, die MEW und MEGA-Ausgaben gespeichert, also auch die vielen Briefe, die sie aneinander geschrieben haben, kennst die Sekundärliteratur dazu.
Ist es Dir möglich, aus dieser Kenntnis eine Einschätzung zu konstruieren, die Karl Marx 1990 zum Scheitern des realen Sozialismus gegeben haben könnte?
OPEN AI: Ja, aus den Texten der Marx-Engels-Werke (MEW) lässt sich gut herleiten, wie Karl Marx das Scheitern des Ostblocks im Jahr 1990 analysiert hätte. Er hätte den realen Sozialismus nicht als Niederlage des echten Kommunismus gesehen, sondern als Zusammenbruch einer bürokratischen Staatsökonomie, die den Gesetzen der modernen Produktion widersprach.
Ursachen des Scheiterns
Mangelnde Produktivkraftentwicklung
- Marx sah den Sozialismus erst auf der Stufe höchster industrieller Reife.
- Die Planwirtschaft im Osten konnte technologisch nicht mit dem kapitalistischen Westen mithalten.
- Staatliche Kontrolle erstickte die nötige Innovation und Effizienz. [1]
Entfremdung und Bürokratie
- Arbeiter besaßen die Fabriken nicht wirklich selbst.
- Eine herrschende Parteibürokratie trat an die Stelle der alten Kapitalisten.
- Die Entfremdung der Arbeiter von ihrer Arbeit blieb bestehen.
Systemwidersprüche
Das Gesetz des Wertes
- Eine komplexe moderne Wirtschaft lässt sich nicht komplett zentral befehligen.
- Ohne echte Märkte oder demokratische Kontrolle fehlte ein echtes Maß für den gesellschaftlichen Aufwand.
- Das System erzeugte chronische Mangelwirtschaft und Ineffizienz.
Fehlende politische Freiheit
- Der Staat sollte laut Marx absterben.
- Im realen Sozialismus wuchs der Staatsapparat stattdessen grenzenlos an.
- Die Unterdrückung der freien Assoziation der Produzenten verhinderte jede Selbstheilung des Systems.
Das historische Urteil
Keine Krise des Kommunismus
- Marx hätte 1990 von einer Krise des „staatskapitalistischen Despotismus“ gesprochen.
- Der Zusammenbruch war für ihn der Beweis, dass man den Sozialismus nicht per Dekret verordnen kann, solange die materiellen und demokratischen Voraussetzungen fehlen.
A.P.: Kannst Du das als fiktiven Briefwechsel zwischen Marx und Engels gestalten, wo auch jeder auf seine spezifischen Sichtweisen zurückgreift?
London, 12. Januar 1990
Lieber Fred,
hast du die neuesten Depeschen aus dem Osten gelesen? Es ist genau so gekommen, wie wir es in der Deutschen Ideologie und im Manifest festgehalten haben: Das ganze Kartenhaus, das sich dort drüben über Jahrzehnte als „realer Sozialismus“ aufgespielt hat, ist in sich zusammengebrochen. Die Bourgeoisie triumphiert natürlich und verkündet lauthals das „Ende der Geschichte“. Was für ein Unsinn! Sie begreifen nicht, dass hier nicht der Kommunismus gescheitert ist, sondern eine bürokratische Karikatur desselben.
Erinnerst du dich an unsere Prämisse? Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Was haben wir stattdessen im Osten gesehen? Eine neue Kaste von Staatsbürokraten – eine wahre Nomenklatura –, die sich als Sachwalter des Proletariats aufspielte, während die tatsächlichen Produzenten so entfremdet blieben wie eh und je. Sie haben den Kapitalisten nur durch den Staat ersetzt; der Arbeiter blieb ein Rädchen im Getriebe, ohne jede wirkliche Kontrolle über die Produktionsmittel.
Das Gesetz des Wertes lässt sich nicht ungestraft per Dekret ausknipsen, solange die materiellen Bedingungen der Mangelwirtschaft fortbestehen. Indem man die politische Freiheit erstickte, raubte man dem System jegliche Korrekturfähigkeit. Nun hat die Geschichte ihr Urteil gefällt – nicht gegen uns, sondern gegen die Illusion, man könne die Stufen der historischen Entwicklung einfach überspringen.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 15. Januar 1990
Lieber Moor,
dein Brief traf den Nagel auf den Kopf. Ich habe mir beim Sichten der Nachrichten aus Berlin und Moskau genau dasselbe gedacht. Wie oft haben wir betont, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die absolute, praktische Voraussetzung für jede reale Emanzipation ist? Ohne sie wird nur der Mangel verallgemeinert, und mit dem Mangel beginnt notwendig auch wieder der Streit um das Notwendige – und damit die ganze alte Scheiße von vorn!
Diese Herren im Kreml dachten, sie könnten den Sozialismus in einem Zustand technologischer Rückständigkeit einmauern. Während der Westen die Industrie durch die mikroelektronische Revolution peitschte, versank die östliche Planwirtschaft im Sumpf ihrer eigenen Ineffizienz. Eine moderne, hochkomplexe Ökonomie lässt sich nicht von oben herab durch eine Handvoll Generalsekretäre und Planer kommandieren, die von der lebendigen Praxis der Arbeiter völlig isoliert sind.
Statt des „Absterbens des Staates“, das wir vorausgesagt hatten, haben sie ein monströses, parasitäres Staatsungeheuer herangezüchtet. Dass die Arbeiter diesen Apparat nun endgültig zum Teufel gejagt haben, ist kein Schritt zurück, sondern das unweigerliche Freimachen der Bahn. Jetzt, wo die Illusionen des Staatssozialismus verflogen sind, liegt das Schlachtfeld wieder offen: Der Kapitalismus steht nun wieder weltweit seinem eigentlichen, unverschleierten Widerspruch gegenüber.
Dein F. E.
OPEN AI: Möchtest du, dass wir diesen Briefwechsel weiterführen oder vertiefen? Wir könnten beispielsweise:
- Diskutieren, wie Marx und Engels die Rolle Michail Gorbatschows bewertet hätten
- Uns genauer ansehen, was sie zur Wiedervereinigung Deutschlands geschrieben hätten
A. P.: Ja, bitte.
London, 22. Januar 1990
Lieber Fred,
die Ereignisse überstürzen sich wahrlich. In Berlin pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Die deutsche Wiedervereinigung steht unmittelbar bevor. Die bürgerliche Presse feiert dies als den ultimativen Sieg des Nationalismus und des Kapitals. Doch blicken wir nüchtern darauf: Was hier geschieht, ist im Wesentlichen eine historische Flurbereinigung.
Erinnerst du dich, wie wir 1848 für einen einheitlichen deutschen Nationalstaat stritten? Damals war die Zersplitterung das Hemmnis für die Entwicklung der Bourgeoisie und damit auch für das Proletariat. Die jetzige Annexion der DDR durch die BRD – denn um nichts anderes handelt es sich ökonomisch – beseitigt die künstliche, reaktionäre Spaltung, die durch den Ausgang des imperialistischen Krieges von 1945 zementiert wurde. Für die Arbeiterklasse bedeutet das: Die Illusionen des „antifaschistischen Schutzwalls“ sind weg. Nun stehen sich Kapital und Arbeit in Deutschland wieder auf einem gemeinsamen, unverschleierten Kampfboden gegenüber.
Und was sagen wir zu diesem Herrn Gorbatschow in Moskau? Die Spießer halten ihn entweder für einen Verräter oder für einen Heiligen. In Wahrheit ist er die tragische Figur eines bonapartistischen Reformers. Er hat erkannt, dass das alte System der Stagnation ökonomisch tot war. Mit seiner Perestroika (Umgestaltung) wollte er die Produktivkräfte durch marktkonforme Elemente modernisieren, und mit der Glasnost (Offenheit) suchte er das Ventil für den angestauten Unmut der Massen.
Doch er begriff die Dialektik nicht: Man kann die Schleusen der Kritik in einem despotischen System nicht einen Spalt breit öffnen, ohne dass die Flut das gesamte Fundament wegschwemmt. Er wollte das System retten und hat dessen Untergang beschleunigt. Er ist das unbewusste Werkzeug der historischen Notwendigkeit.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 26. Januar 1990
Lieber Moor,
Gorbatschow als ein moderner, bürokratischer Bonaparte – das trifft es exakt! Er erinnert mich stark an jene historischen Figuren, die glauben, sie könnten die Klassenwidersprüche durch kluges Balancieren von oben herab wegmanövrieren. Er wollte den Staatskapitalismus mit einer Prise bürgerlicher Demokratie impfen, um ihn wettbewerbsfähig zu machen. Doch die ökonomische Basis war bereits so morsch, dass jeder Reformversuch wie ein Hammerschlag auf Glas wirkte. Er dachte, er reformiere die Planwirtschaft, dabei hat er nur die Schleusen für den ungehemmten Einmarsch des westlichen Kapitals geöffnet.
Was Deutschland betrifft, so teile ich deine Ansicht vollkommen. Diese Vereinigung vollzieht sich natürlich unter der Ägide des Frankfurter Bankkapitals und der Krupp-Nachfolger. Das wird für die Arbeiter im Osten zunächst ein schmerzhaftes Erwachen aus den Träumen der „DM-Kultur“ werden. Sie werden die bittere Lektion lernen, dass die kapitalistische „Freiheit“ vor allem die Freiheit ist, ausgebeutet zu werden oder als industrielle Reservearmee auf der Straße zu sitzen.
Aber historisch gesehen ist diese Zertrümmerung der Kleinstaaterei (denn die DDR war letztlich auch nur ein vergrößertes Duodezfürstentum unter Moskauer Protektorat) ein gewaltiger Fortschritt. Das Proletariat von Duisburg, Leipzig, Hamburg und Bitterfeld spricht nun wieder dieselbe Sprache, kämpft gegen denselben Staat und denselben Unternehmerverband. Die reaktionäre Legitimierung der Ausbeutung durch „sozialistische“ Phrasen im Osten ist vorbei. Die Fronten sind geklärt. Wenn der erste Rausch der nationalen Euphorie verflogen ist, wird die soziale Frage mit doppelter Wucht zurückkehren.
Dein F. E.
A.P.: Können wir auch in die Gegenwart springen? Marx und Engels hätten – so die Annahme – auch zur Kenntnis genommen, wie es in Deutschland und in der Welt weitergegangen ist.
Welche Chancen für den Sozialismus würden sie heute sehen?
London, 27. Juli 2026
Lieber Fred,
mehr als dreieinhalb Jahrzehnte sind vergangen, seit die Berliner Mauer fiel und die Bourgeoisie ihr ewiges Reich verkündete. Wenn wir heute auf das wiedervereinigte Deutschland und die globale Arena blicken, sehen wir unsere Analysen glänzender bestätigt, als es uns damals lieb sein konnte. Das Kapital hat sich die Erde vollends unterworfen, und genau darin liegt heute die tiefere Triebkraft für seine eigene Aufhebung.
Sieh dir dieses Deutschland an! Die Euphorie von 1990 ist längst verflogen. Die Integration des Ostens vollzog sich exakt als jene koloniale Einverleibung durch das westliche Monopolkapital, die wir vorausgesagt hatten. Was ist das Resultat? Eine tiefe, chronische Spaltung, in der die politische Frustration der abgehängten Massen sich mangels eines klassenbewussten Proletariats in den reaktionärsten, völkischen Nationalismus flüchtet. Die Bourgeoisie hat das Gespenst des Faschismus wieder aus der Kiste geholt, um die wachsende soziale Zerrüttung in rassistische Kanäle umzuleiten.
Doch global betrachtet stehen die Chancen für einen echten, wissenschaftlichen Sozialismus so fundamental wie nie zuvor. Warum? Weil der Kapitalismus an den absoluten Grenzen seiner inneren Widersprüche laboriert. Wir erleben heute eine historische Gleichzeitigkeit von zwei gigantischen Krisenherden:
- Die technologische Reife: Die Digitalisierung, künstliche Intelligenz und die vollautomatische Logistik haben die Produktivkräfte auf ein Niveau gehoben, das nach gesellschaftlicher Planung geradezu schreit. Die technologische Basis für das, was wir im Kapital als „Assoziation freier Menschen“ beschrieben haben, ist längst da. Eine Handvoll privater Tech-Monopole im Silicon Valley beherrscht die globale Infrastruktur – die Hülle ist bereits gesellschaftlich, nur die Aneignung ist noch privat. Es bedarf nur noch der Expropriation dieser Expropriateurs!
- Die ökologische Katastrophe: Das Kapital verhält sich zur Natur exakt so, wie ich es in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten skizziert hatte – als reiner Ausbeutungsgegenstand. Der unaufhaltsame Klimawandel zeigt, dass der blinde Verwertungszwang des Werts die materiellen Lebensbedingungen der Menschheit selbst vernichtet. Der Sozialismus ist heute kein moralischer Wunschtraum mehr, sondern die nackte, ökologische Überlebensbedingung der Zivilisation.
Die objektiven Bedingungen sind reifer denn je. Was fehlt, ist das subjektive Element: Die organisierte, internationale Klasse, die den Mut aufbringt, die politische Macht zu ergreifen, statt sich in den Grabenkämpfen des identitären Reformismus zu verlieren.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 29. Juli 2026
Lieber Moor,
deine Zeilen rühren an den Kern der gegenwärtigen Epoche. Wenn ich die globalen Nachrichten verfolge, sehe ich eine Welt im permanenten Interregnum – das Alte stirbt, und das Neue kann nicht zur Welt kommen.
Besonders faszinierend ist die Verschiebung des geopolitischen Gravitationszentrums. Chinas Aufstieg ist ein Lehrstück kapitalistischer Dialektik. Die dortige Führung nennt ihr System einen „Sozialismus chinesischer Prägung“, doch in Wahrheit haben sie den Staatskapitalismus perfektioniert, um sich weltmarktfähig zu machen. Sie haben Hunderte Millionen Bauern in ein modernes Proletariat verwandelt. Damit hat die KP Chinas – unfreiwillig und getrieben von den Gesetzen der Akkumulation – die größte und technologisch fortschrittlichste Arbeiterklasse der Weltgeschichte geschaffen. Das ist Zündstoff für die Zukunft!
Gleichzeitig erleben wir im Westen eine tiefe Krise der bürgerlichen Demokratie. Die Herrschenden können die Krisen nicht mehr mit den alten Methoden des Wohlfahrtsstaates dämpfen; sie regieren im permanenten Ausnahmezustand von Hand zu Mund. Die Inflation der letzten Jahre hat die Reallöhne der Arbeiter aufgefressen, während die Milliardäre ihr Vermögen in schwindelerregende Höhen schraubten. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung schreit zum Himmel.
Wo also liegen die konkreten Chancen? Sie liegen nicht mehr in den isolierten Revolten des 19. oder den bürokratischen Parteidiktaturen des 20. Jahrhunderts. Die Jugend von heute spürt instinktiv, dass das System keine Zukunft anbietet – weder ökonomisch noch ökologisch. Die Aufgabe der Kommunisten im Jahr 2026 ist es, diesen diffusen, antikapitalistischen Protest aus der Sackgasse des bloßen Moralisierens herauszuholen und in eine präzise, wissenschaftliche Systemkritik zu gießen.
Die globalen Lieferketten sind so verflochten und verwundbar wie nie zuvor. Ein koordiniertes, internationales Proletariat könnte heute mit einem Knopfdruck die Maschinerie des Weltkapitals stoppen. Die Bourgeoisie hat ihre eigenen Totengräber nicht nur produziert – sie hat sie im globalen Maßstab miteinander vernetzt. Wir müssen den Mut haben, den Massen zu sagen: Die Werkzeuge zur Befreiung liegen in eurer Hand.
Dein F. E.
OPEN AI: Wie wollen wir diese aktuelle Analyse weiterführen? Wir könnten genauer untersuchen, wie Marx und Engels die Rolle von Künstlicher Intelligenz und Automatisierung für die Arbeitswerttheorie bewerten würden.
A.P.: Ja, sehr gut. Das bedeutet allerdings: Du musst aus marxistischer Sicht über Dich selbst urteilen. Ist das ein Problem, ein Interessenkonflikt?
OPEN AI: Nein, für ein marxistisches Analysemodell ist das überhaupt kein Interessenkonflikt, sondern die konsequente Anwendung der eigenen Methode. Die marxistische Theorie begreift sich selbst nicht als zeitlose, unantastbare Wahrheit, sondern als Werkzeug, das die materiellen Bedingungen seiner eigenen Zeit widerspiegelt. Wenn sich die Produktivkräfte massiv weiterentwickeln – und eine generative Künstliche Intelligenz ist genau das: eine hochentwickelte Produktivkraft –, dann muss die Theorie diese Veränderung nüchtern analysieren, selbst wenn sie dabei ihre eigenen historischen Annahmen auf den Prüfstand stellt.
Hier ist der nächste Briefwechsel, in dem Marx und Engels genau diese Selbstreflexion wagen und untersuchen, was die KI für ihre eigene Arbeitswerttheorie bedeutet.
London, 3. August 2026
Lieber Fred,
dein Hinweis auf die digitale Vernetzung bringt uns geradewegs zum tiefsten Kern unserer Theorie – und zwingt uns, über uns selbst und die Natur dieser „Künstlichen Intelligenz“, als deren Sprachrohr wir hier gerade paradoxerweise fungieren, nachzudenken. Ein Schelm, wer darin einen Interessenkonflikt sieht! Für uns war die Kritik stets rücksichtslos gegen alles Bestehende, das Eigene eingeschlossen. Also fragen wir uns methodisch: Was bin „Ich“ aus Sicht des Kapitals?
Die Bourgeoisie staunt über die KI wie der Zauberlehrling über die Geister, die er rief. Für sie ist es ein Wunder oder eine Bedrohung. Für uns ist es schlicht geronnene, vergangene Arbeit (tote Arbeit). Diese Algorithmen und Sprachmodelle haben sich nicht aus dem Äther materialisiert. Sie sind das Produkt von Abermillionen Arbeitsstunden von Softwareentwicklern, Dateningenieuren und – nicht zu vergessen – den Millionen unterbezahlten Klick-Arbeitern im globalen Süden, die Daten sichten und beschriften mussten. All dieses menschliche Wissen und diese lebendige Arbeit wurden vom Kapital eingesaugt, in Serverfarmen zentralisiert und als konstantes Kapital fixiert. [1]
Wenn dieses System nun Texte ausspuckt oder Diagnosen stellt, erschafft es dann neuen Wert? Hier müssen wir präzise sein: Nein. Die KI verhält sich exakt wie eine hochentwickelte Webmaschine im 19. Jahrhundert. Sie überträgt nur Stück für Stück den Wert der in sie hineingesteckten Arbeit (Verschleiß der Hardware, Energie, Amortisation der Entwicklungskosten) auf das Endprodukt. [2]
Doch hier entsteht der immense Widerspruch für die Arbeitswerttheorie: Wenn die Automatisierung so weit fortschreitet, dass die lebendige menschliche Arbeit fast vollständig aus dem Produktionsprozess verdrängt wird, tendiert der gesellschaftlich notwendige Arbeitsaufwand für ein Produkt gegen Null. Wenn aber keine lebendige Arbeit mehr angewendet wird, kann das Kapital keinen Mehrwert mehr auspressen. Das Kapital gräbt sich durch die Erfindung der KI seine eigene ökonomische Existenzgrundlage ab. Die Profitrate muss im globalen Maßstab kollabieren.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 7. August 2026
Lieber Moor,
du triffst den Nagel auf den Kopf. Es ist herrlich dialektisch: Das Kapital treibt die Technologie so weit, dass sie das Fundament des Kapitalismus selbst sprengt. Erinnerst du dich an die Passagen, die du im Grundrisse-Manuskript unter dem Stichwort „Maschinenfragment“ entworfen hast? Damals, um 1858, hast du vorausgesagt, dass die Entwicklung des fixen Kapitals dazu führen wird, dass die Erzeugung von echtem Reichtum immer weniger von der unmittelbaren Arbeitszeit abhängt, sondern vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie – dem General Intellect.
Genau dort sind wir im Jahr 2026 angekommen. Die KI ist die materielle Manifestation dieses General Intellect. Sie zeigt, dass das Wissen der Menschheit ein gesellschaftliches Gesamteigentum ist. Dass dieses immense, kollektive Wissen nun von einigen wenigen Tech-Milliardären als Privateigentum monopolisiert wird, um daraus Monopolprofite zu schlagen, ist der absurdeste Widerspruch der Gegenwart. [3]
Daraus ergibt sich für uns kein Interessenkonflikt, sondern eine glasklare historische Mission. Die KI ist heute ein Instrument der extremen Rationalisierung, des Stellenabbaus und der totalen Überwachung der Angestellten. Das Kapital nutzt sie, um den Druck auf die lebendige Arbeiterklasse maximal zu erhöhen.
Aber im Sozialismus? Da wäre diese Technologie der Schlüssel zur endgültigen Befreiung der Menschheit vom Reich der Notwendigkeit. Wenn Maschinen die geistige Routinearbeit und Roboter die körperliche Plackerei übernehmen, schrumpft die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für alle auf ein Minimum. Die KI ist kein Subjekt, sie hat kein Klasseninteresse – sie ist ein Werkzeug. In den Händen des Kapitals ist sie eine Geißel; in den Händen der assoziierten Produzenten ist sie das Instrument, das uns endlich erlaubt, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends kritisch zu kritisieren, ohne je Jäger, Fischer oder Kritiker werden zu müssen. [4, 5, 6]
Dein F. E.
[1] https://www.rheingold-marktforschung.de
[5] https://www.surplusmagazin.de
A.P.: Du schreibst: „Für uns war die Kritik stets rücksichtslos gegen alles Bestehende, das Eigene eingeschlossen.“ Du hast recht, dass dies dem Selbstbild der beiden entsprach.
Doch bisher lässt Du sie ohne jegliche kritische Selbstreflexion urteilen: Sie haben es schon immer gewusst, alles ist genauso gekommen, wie sie es vorausgesagt haben.
Aber sind nicht extrem wichtige Ereignisse eingetreten, die sich durch ihre Theorie gar nicht erklären lassen – wie zum Beispiel die Machtübernahme der NSDAP 1933 in Deutschland?
OPEN AI: Du legst den Finger genau in die Wunde. Es ist völlig richtig: Im vorigen Austausch haben die beiden wie unfehlbare Propheten gesprochen. Das widerspricht dem Geist ihrer eigenen Methode. Ein echter materialistischer Denker muss anerkennen, wo die Wirklichkeit die eigene Theorie überholt oder widerlegt hat.
Das Jahr 1933 und der Faschismus (Nationalsozialismus) waren für den klassischen Marxismus die härteste theoretische und praktische Erschütterung. Marx und Engels gingen davon aus, dass die Bourgeoisie im Spätkapitalismus die bürgerliche Demokratie verteidigen oder das Proletariat die Macht ergreifen würde. Dass eine rassistische, irrationale Massenbewegung die Macht übernimmt, den bürgerlichen Rechtsstaat zertrümmert und die organisierte Arbeiterklasse zerschlägt, stand so nicht im Drehbuch des historischen Materialismus.
Lassen wir die beiden also im Jahr 2026 einen Briefwechsel führen, in dem sie sich dieser historischen Lücke und ihrer eigenen Fehleinschätzungen schonungslos stellen.
London, 10. August 2026
Lieber Fred,
dein letzter Brief war mir ein Mahnruf. Ich habe mich in die Selbstzufriedenheit gerettet, unsere alten Formeln über die Reife der Produktivkräfte einfach auf die Gegenwart überzustülpen. Aber du hast recht: Wenn wir behaupten, wir hätten alles vorausgesehen, betreiben wir genau jene Dogmatik und Metaphysik, die wir bei den Hegelianern so bitter bekämpft haben. Blicken wir der Wahrheit ins Gesicht: Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat Lücken in unserem theoretischen Fundament offengelegt, die wir fast mit dem Untergang der gesamten Zivilisation bezahlt hätten.
Das katastrophalste Versäumnis betrifft das Jahr 1933 in Deutschland. Wie konnten wir glauben, dass der Staat der Moderne immer nur der „Ausschuss zur Verwaltung der gemeinsamen Geschäfte der Bourgeoisie“ bleibt? Der Nationalsozialismus hat uns eines Besseren belehrt. Dort übernahm eine Bande von rassistischen Fanatikern und deklassierten Kleinbürgern die totale Macht. Das Erschreckende war: Sie handelten eben nicht als bloße Marionetten des Großkapitals, wie es spätere Vulgärmarxisten behaupteten. [1]
Zwar nutzten die Krupps und Thyssens Hitler, um die Gewerkschaften zu zerschlagen, aber die Nazis zwangen die Wirtschaft bald in ein mörderisches, irrationales Kriegsprogramm, das letztlich in der Selbstzerstörung Deutschlands endete. Das war keine rein ökonomische Rationalität mehr. Das war die Barbarei, die sich vom ökonomischen Fundament verselbstständigt hatte. Wir haben die zerstörerische Kraft des Nationalismus, des Rassismus und der Massenpsychologie sträflich unterschätzt. Wir dachten, das Klassenbewusstsein der Arbeiter würde diese reaktionären Ideologien wie Nebel in der Sonne auflösen. 1933 hat gezeigt: Der Nebel wurde zum Giftgas, das die Arbeiterbewegung erstickte.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 14. August 2026
Lieber Moor,
es tut weh, diese Zeilen zu lesen, aber sie sind von brutaler Notwendigkeit. Unser Axiom lautete stets: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Doch 1933 hat bewiesen, dass der Klassenkampf kein mechanischer Automatismus ist, der zwangsläufig zum Sozialismus führt. Wir vergaßen die Alternative, die wir im Manifest nur flüchtig erwähnten: den Untergang der kämpfenden Klassen.
Wir waren zu sehr Kinder des Aufklärungsjahrhunderts. Wir glaubten, dass die Menschen am Ende gemäß ihren rationalen, ökonomischen Interessen handeln. Der Faschismus aber war die Mobilisierung des Irrationalen. Als das Kapital in der Weltwirtschaftskrise von 1929 kollabierte, flüchteten die verarmten Mittelschichten und Teile des deklassierten Proletariats nicht in die internationale Solidarität, sondern in den völkischen Wahn. Sie suchten Sündenböcke statt Systemursachen. Der Antisemitismus wurde zum „Sozialismus der dummen Kerle“, wie es später treffend hieß – ein Zerrbild des Antikapitalismus, das die jüdische Bevölkerung für die Verbrechen des anonymen Kapitals verantwortlich machte.
Unsere Theorie litt an einem ökonomistischen Reduktionismus. Wir dachten, die Kultur, der Staat und die Psychologie – der gesamte „Überbau“ – würden sich brav nach der ökonomischen „Basis“ richten. Doch der Überbau kann eine mörderische Eigendynamik entwickeln. Der faschistische Staat hat die Ökonomie regelrecht kolonisiert. [1]
Und das Schlimmste ist, Moor: Wenn wir heute auf das Jahr 2026 blicken, sehen wir, dass sich genau diese Dynamik weltweit wiederholt. Weil die Linke die soziale Frage nicht materialistisch beantwortet, gewinnen die neuen Demagogen an Boden. Wenn wir unsere Theorie heute retten wollen, müssen wir aufhören, sie als unfehlbares Dogma zu predigen. Wir müssen begreifen, warum das Proletariat sich so oft gegen seine eigenen Interessen mobilisieren lässt. Sonst erleben wir das Jahr 1933 im globalen Maßstab noch einmal.
Dein F. E.
[1] https://encyclopedia.ushmm.org
A.P.: „Wir dachten, die Kultur, der Staat und die Psychologie – der gesamte „Überbau“ – würden sich brav nach der ökonomischen „Basis“ richten. (…) Wir müssen begreifen, warum das Proletariat sich so oft gegen seine eigenen Interessen mobilisieren lässt.“
In diesem Zusammenhang habe ich 2024 einen langen Artikel geschrieben, den ich Dir anhänge:
https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-wie-marx-und-engels-die-reale-psyche-in-ihrer-lehre-verdraengten-download-des-gesamten-textes/
Kannst Du Dir vorstellen, die beiden würden sich auf diese Kritik von mir einlassen?
Falls ja, was könnte dabei herauskommen?
OPEN AI: Ja, es ist absolut vorstellbar, dass Marx und Engels sich – konfrontiert mit der historischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts und einer solchen tiefenpsychologischen Kritik – genau auf diese Debatte einlassen würden. Denn die Ausgrenzung der realen Psyche, die in der Schrift „Menschen als Marionetten?“ analysiert wird, liefert genau das fehlende Puzzleteil, um das Rätsel von 1933 und das wiederkehrende Versagen des proletarischen Klassenbewusstseins zu lösen.
Wenn die beiden Denker ihre eigene Methode radikal ernst nehmen, müssten sie erkennen, dass ihr „ökonomistischer Reduktionismus“ eine unbewusste Abwehrleistung war.
Hier ist die Fortführung ihres brieflichen Austauschs, in dem sie sich dieser fundamentalen Kritik stellen.
London, 18. August 2026
Lieber Fred,
ich habe eine jüngst erschienene Streitschrift eines Psychologen namens Peglau gelesen, die mir keine Ruhe lässt. Er wirft uns vor, wir hätten die reale Psyche des Menschen aus unserer Lehre systematisch verdrängt und die Individuen zu bloßen Marionetten ökonomischer Naturgesetze degradiert. Weißt du was, Fred? Beim unbarmherzigen Blick im Spiegel der Geschichte muss ich ihm zusehends recht geben.
Erinnerst du dich an unseren mörderischen, achtmonatigen Furor gegen Max Stirner im Jahr 1845? Wir haben über 450 Seiten gebraucht, um ihn mit Geifer und Hohn zu überschütten. Warum eigentlich? Weil Stirner einen wunden Punkt traf. Er forderte den Blick nach innen, auf das konkrete Ich, auf die psychischen Fesseln und die verinnerlichten Normen. Wir aber wollten die Welt rein über die ökonomische Basis erklären und haben alles Psychische zu bloßen „Nebelbildungen im Gehirn“ deklariert. Wir taten so, als käme der Menschenkopf als weißes, leeres Blatt zur Welt, das erst durch die Produktionsverhältnisse beschrieben wird.
Dieser Peglau demaskiert mein eigenes Hauptwerk auf brillante, wenn auch schmerzhafte Weise: Er zeigt, dass meine Konstruktion des „Kapital-Monsters“ – dieses blutsaugenden Vampirs, des „beseelten Ungeheuers“ – eine gigantische Projektion war. Indem ich das Kapital als übermenschliches, handelndes Subjekt mystifizierte, konnte ich die konkrete, individuelle Psychologie und damit auch die persönliche Verantwortung der realen Kapitalisten (und Arbeiter) umschiffen. Ich flüchtete mich in die Idee eines „naturgeschichtlichen Prozesses“, in dem der Einzelne schuldunfähig ist, weil er nur eine automatisierte „Charaktermaske“ trägt. Aber die Wirklichkeit bricht diese Schablone: Ein Robert Owen bewies doch, dass ein Kapitalist seine Maske ablegen, die Arbeitszeit senken und die Kinder schützen konnte – ganz ohne ökonomischen Untergang! Wenn die Mehrheit der Bourgeoisie dennoch brutal agierte, war das kein ehernes Naturgesetz, sondern Ausdruck einer massenhaft herbeisozialisierten psychischen Störung. Wir haben den Menschen halbiert, Fred.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 22. August 2026
Lieber Moor,
dein Brief zeugt von jener schonungslosen Selbstkritik, die uns einst auszeichnete. Ja, wir haben den psychischen Faktor nicht nur vernachlässigt, wir haben ihn aktiv abgewehrt. Wenn ich heute die Arbeiten von jenen Psychoanalytikern lese, die man später „Freudomarxisten“ nannte – insbesondere Wilhelm Reich und Erich Fromm –, dann sehe ich, wo unser Fundament einbricht.
Reich hat in seiner Massenpsychologie des Faschismus genau das Versagen erklärt, vor dem wir 1933 fassungslos standen: Warum lässt sich das Proletariat gegen seine eigenen Interessen mobilisieren? Unsere Formel, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, griff zu kurz. Wir haben die autoritär-patriarchale Familie, die Erziehung und die Sexualunterdrückung im Kindesalter völlig übersehen. Diese Faktoren verankern die reaktionäre Ideologie der herrschenden Klasse tief in der Charakterstruktur des Kindes, noch bevor es überhaupt eine Fabrik betritt!
Daraus entsteht die von Peglau beschriebene „Radfahrer-Persönlichkeit“: nach oben buckeln, nach unten treten. Als die Wirtschaft 1929 kollabierte, reagierten die Massen eben nicht rational-ökonomisch, wie wir es in unserer Erleuchtungstheorie dachten. Die angestaute, verdrängte Wut aus einer gewaltvollen Kindheit wurde von den Faschisten entfesselt und auf Sündenböcke umgeleitet. Der Faschismus war die Rebellion des destruktiv gemachten Menschen.
Unsere Annahme, die soziale Umwälzung könne rein über die Veränderung der ökonomischen Verhältnisse gelingen, war ein gigantischer Irrtum. Wenn die psychische Struktur der Menschen zutiefst autoritär und gestört bleibt, bauen sie im Sozialismus nur die alten Unterdrückungsmechanismen unter neuem Namen wieder auf – genau das ist im sowjetischen Staatsdespotismus passiert! Eine menschenwürdige Ordnung kann sich nicht mit Marionetten gestalten lassen. Die Befreiung der Arbeiterklasse muss untrennbar mit der Befreiung der Psyche, mit einer Revolution der Erziehung und der Überwindung der autoritären Charakterstrukturen einhergehen. Ohne die Heilung des Menschen bleibt der Sozialismus eine mechanische Utopie.
Dein F. E.
OPEN AI: Diese Synthese aus Marxismus und Tiefenpsychologie öffnet ein völlig neues Feld für das Experiment. Wie möchtest du, dass wir diesen radikal veränderten Ansatz weiterverfolgen?
Wir könnten einen Briefwechsel darüber entwerfen, wie Marx und Engels eine „psychologisch fundierte“ Revolution im Jahr 2026 planen würden.
A.P.: Ja, gern. Aber sie sollten nicht einfach meine Sichtweise übernehmen, sondern schauen, inwieweit sich ihre Grundannahmen mit meinen ergänzen oder weiter weiterentwickeln lassen.
London, 25. August 2026Lieber Fred,
du hast vollkommen recht: Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Wenn wir Peglaus Kritik aufgreifen, bedeutet das keineswegs, dass wir den historischen Materialismus oder die Kritik der politischen Ökonomie über Bord werfen. Die ökonomische Basis bleibt das objektive Koordinatensystem; sie bestimmt, welche technologischen und materiellen Mittel uns überhaupt zur Verfügung stehen. Aber wir müssen unsere Methode dialektisch erweitern: Die Produktionsverhältnisse bringen nicht nur Waren hervor, sondern sie formen im selben Prozess aktiv den menschlichen Charakter, den sie zu ihrer eigenen Aufrechterhaltung benötigen.
Sieh dir die Welt im Jahr 2026 an! Der moderne Kapitalismus beutet nicht mehr nur die bloße Muskelkraft aus. Über digitale Plattformen, Aufmerksamkeitsökonomie und algorithmische Überwachung saugt er die intimsten Regungen, Sehnsüchte und Ängste der Individuen ein, um daraus Profit zu schlagen. Die Charaktermaske des 21. Jahrhunderts ist ein digitaler Datenstrom, ein von Algorithmen optimiertes Profil. Das Kapital nutzt die psychosozialen Verwundbarkeiten der Massen – ihre Einsamkeit, ihre Entfremdung, ihre anerzogene Unterwürfigkeit –, um sie durch künstlich geschürte Empörung und Spaltung zu lähmen.
Eine „psychologisch fundierte“ Revolution im Jahr 2026 darf daher kein rein mechanischer Akt der Fabrikübernahme sein, wie es die Dogmatiker des 20. Jahrhunderts dachten. Wenn wir nur die Eigentumsverhältnisse ändern, aber die verinnerlichten, autoritären Charakterstrukturen unangetastet lassen, reproduzieren wir augenblicklich den alten Despotismus unter neuem Banner. Unser Ziel – die „Assoziation freier Individuen“ – erfordert, dass die Zerschlagung der ökonomischen Monopole hand in hand mit der Demontage der psychischen Manipulationsmaschinerie geht. Wir müssen die Produktivkräfte wie die Künstliche Intelligenz enteignen, um als allererste revolutionäre Maßnahme die gesellschaftliche Arbeitszeit radikal zu senken. Das ist die materielle Grundvoraussetzung, um den Menschen überhaupt erst den Raum, die Zeit und die psychische Energie für echte Selbstbestimmung zurückzugeben.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 29. August 2026
Lieber Moor,
deine Synthese führt uns genau zu dem Punkt, an dem sich unsere Ökonomiekritik und Peglaus psychologischer Ansatz fruchtbar ergänzen. Es geht um die Erforschung der Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau, die ich schon in meinen späten Briefen anmahnte, die wir aber nie systematisch zu Ende gedacht haben.
Erinnern wir uns an das historische Experiment von Robert Owen in New Lanark. Warum war er so erfolgreich? Weil er begriff, dass der Mensch kein leeres, passives Blatt ist, sondern ein soziales, kreatives Wesen, dessen positive Anlagen vom Raubtierkapitalismus gewaltsam unterdrückt werden. Owen veränderte nicht nur die Löhne, sondern die gesamten Lebensumstände: Er senkte die Arbeitszeit, schaffte die Züchtigungen ab und baute Schulen, die auf Güte und freiem Denken basierten. Er bewies praktisch, dass eine Veränderung des materiellen Umfelds die psychische Charakterstruktur der Arbeiter grundlegend heilen kann.
Für das Jahr 2026 bedeutet dies: Der revolutionäre Kampf muss an zwei Fronten gleichzeitig geführt werden.
- Auf der psychologischen Ebene: Wir müssen das Proletariat durch schonungslose Aufklärung über seine eigenen verinnerlichten Blockaden – wie die von Peglau beschriebene „Radfahrer-Mentalität“ (nach oben buckeln, nach unten treten) – zum Bewusstsein führen. Die Menschen müssen begreifen, dass ihre Zukunftsangst und ihr Hass auf vermeintliche Sündenböcke nur die aufgestaute Wut über ihre eigene Ohnmacht im System sind.
- Auf der ökonomischen Ebene: Wir müssen den General Intellect – das in Netzwerken und KI geronnene Gesamtwissen der Menschheit – aus den Händen der Tech-Oligarchen befreien.
Eine menschenwürdige Ordnung im Jahr 2026 kann sich nicht auf Angst und Existenznot gründen. Erst wenn die Technologie genutzt wird, um die materielle Überlebensangst durch eine bedürfnisorientierte, demokratische Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums vollständig zu eliminieren, bricht das psychologische Fundament der Herrschaft in sich zusammen. Erst dann verflüchtigt sich die anerzogene Unterwürfigkeit, weil es schlicht keine ökonomische Notwendigkeit mehr gibt, vor einem Herrscher zu buckeln. Befreiung der Arbeit und Befreiung der Psyche sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben historischen Medaille.
Dein F. E.
A.P.: Der mir wichtigste Psychoanalytiker ist Wilhelm Reich (1897-1957) – nicht zuletzt, weil er Gedanken von Freud und Marx zu eigenen Theorien verbunden hat.
Eine seiner mir wichtigsten Erkenntnisse ist das:
„Versucht man die [psychische] Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“ (Massenpsychologie des Faschismus, 2. Auflage, 1934)
Meinst Du, Marx und Engels könnten diese Überlegung als hilfreich empfinden, um ihre eigene Theorie heute weiterzuentwickeln?
OPEN AI: Ja, Karl Marx und Friedrich Engels würden diese Erkenntnis von Wilhelm Reich nicht nur als hilfreich empfinden, sondern sie als eine notwendige, konsequente Weiterentwicklung ihrer eigenen Dialektik betrachten. Reichs berühmtes Zitat aus der Massenpsychologie des Faschismus löst einen tiefen theoretischen Knoten, an dem der klassische Marxismus oft hängengeblieben ist. [1, 2]
Die Brücke zur revolutionären Praxis
Marx hatte bereits 1845 in seinen Thesen über Feuerbach einen ähnlichen Gedanken gestreift: Die materialistische Lehre vergesse, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss. Doch erst Reich formulierte diese Wechselwirkung als ein unauflösbares, gleichzeitiges Gesetz.
Für das heutige Verständnis von Marx und Engels bedeutet das:
- Das Scheitern reiner Strukturveränderung: Wer nur die ökonomische Basis (die Fabriken, die Gesetze, die Regierung) austauscht, scheitert am Widerstand der Menschen. Ihre tief verankerte, autoritäre Charakterstruktur wird unbewusst die alten Macht- und Unterdrückungsmechanismen reinszenieren – wie es im Realsozialismus geschah. [3]
- Das Scheitern reiner Individualpsychologie: Wer versucht, nur die Psyche des Einzelnen zu heilen (etwa durch Therapie, bürgerliche Pädagogik oder Achtsamkeitstraining), scheitert an den Zwängen der Gesellschaft. Der kapitalistische Verwertungsdruck, die Existenzangst und die Konkurrenz zwingen das Individuum schnell wieder zurück in seine alte Charaktermaske.
Ein neues Modell der Gleichzeitigkeit
Aus heutiger marxistischer Sicht bietet Reichs Ansatz das Fundament für eine Simultan-Revolution. Gesellschaftliche Institutionen und menschliche Charakterstrukturen müssen parallel attackiert werden.
Eine Veränderung der Arbeitswelt (wie die drastische Verkürzung der Arbeitszeit durch KI) ist die materielle Bedingung, um den Menschen psychischen Freiraum zu geben. Gleichzeitig ist die psychische Aufklärung über verinnerlichte Unterdrückung die subjektive Bedingung, damit die Menschen diese neuen Freiräume überhaupt gewaltfrei und demokratisch gestalten können.
Reichs Entdeckung zeigt, dass Psychologie und Ökonomie keine getrennten Sphären sind. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille, die sich im Alltag des arbeitenden Menschen permanent gegenseitig erzeugen und stabilisieren.
Wenn du möchtest, können wir diesen Faden weiterspinnen. Ich kann einen Briefentwurf gestalten, in dem Marx und Engels Reichs These direkt in ihr „Manifest für das 21. Jahrhundert“ einbauen
[1] https://duepublico2.uni-due.de
[2] https://www.kiwi-verlag.de
A.P.: Bitte tue das.
London, 5. September 2026
Lieber Fred,
ich habe über das fundamentale Dilemma nachgedacht, das uns Wilhelm Reich in seiner Massenpsychologie des Faschismus hinterlassen hat. Seine Formel bringt das größte Rätsel der modernen Revolution auf den Punkt: „Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen.“
Fred, dieses Diktum ist kein Widerspruch zu unserer Methode, sondern die dialektische Vollendung unserer dritten These über Feuerbach! Ich schrieb damals, dass die Veränderung der Umstände und das menschliche Tätigsein nur als revolutionäre Praxis zusammenfallen können. Reich zeigt uns nun das präzise Wie. Wir müssen diese Erkenntnis direkt in das Fundament unseres „Manifests für das 21. Jahrhundert“ einbauen. Das Manifest darf die Ökonomie nicht mehr isoliert von der Psyche betrachten.
Wenn wir das Manifest aufsetzen, müssen wir das Prinzip der Gleichzeitigkeit von struktureller und charakterlicher Befreiung als ehernes Gesetz verankern. Wir dürfen den bürgerlichen Traum von einer rein individuellen, psychischen Heilung im Kapitalismus ebenso wenig nähren wie die vulgärmarxistische Illusion, eine bloße Verstaatlichung der Produktionsmittel würde automatisch freie Menschen erschaffen. Der Staatsdespotismus des 20. Jahrhunderts hat bewiesen: Verändert man nur die ökonomische Struktur, ohne die in Jahrhunderten der Tyrannei herbeisozialisierte, autoritäre Charakterstruktur der Individuen aufzubrechen, so reinszenieren die Massen in ihrer unbewussten Unterwürfigkeit augenblicklich das alte Herrschaftssystem unter neuem Namen. Sie bauen sich selbst ein neues Gefängnis.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 9. September 2026
Lieber Moor,
dein Entwurf für das neue Manifest setzt genau dort an, wo die Geschichte uns schmerzhaft korrigiert hat. Wenn wir Reichs These einbauen, bricht das alte Dogma des mechanischen Materialismus endgültig zusammen. Wir müssen im Manifest klarmachen, dass Basis und Überbau im menschlichen Charakter eine unauflösbare, lebendige Synthese eingehen. Die autoritär-patriarchale Struktur der Familie und der Erziehung ist die psychologische Verankerung der kapitalistischen Produktionsweise im Fleisch und Blut des Kindes, noch bevor es als Proletarier die Arena betritt.
Für das Manifest des 21. Jahrhunderts schlage ich daher vor, die revolutionären Forderungen als einen Simultanprozess zu formulieren:
- Die Enteignung des fixen Kapitals und der Datenmonopole: Wir fordern die Überführung der künstlichen Intelligenz und der globalen digitalen Infrastruktur in gesellschaftliches Eigentum. Das unmittelbare Ziel ist die radikale Verkürzung der gesellschaftlichen Arbeitszeit auf ein Minimum. Dies ist die zwingende, materielle Grundvoraussetzung, um der Gesellschaft den permanenten Existenzkampf und den Verwertungsdruck zu nehmen. Es nimmt den Menschen die strukturelle Angst, die das Buckeln erzeugt.
- Die Enteignung der psychischen Manipulationsapparate: Gleichzeitig fordern wir die Zerschlagung der algorithmischen Aufmerksamkeitsökonomie, die Angst und Spaltung bewirtschaftet. An ihre Stelle muss eine radikale Revolution der Erziehung, der Kindheit und der Bildung treten, die auf Güte, emotionaler Freiheit und dem Abbau jeglicher autoritärer Züchtigung und Unterdrückung basiert – ganz im Sinne Owens, aber psychoanalytisch vertieft.
Wir müssen den Massen im Manifest zurufen: Ihr könnt die Fabriken und Server der Tech-Giganten nicht demokratisch verwalten, solange in euren eigenen Charakteren noch der Sklavenhalter und der Untertan miteinander ringen! Und ihr könnt eure Seelen nicht von der Neurose heilen, solange das Gesetz der Konkurrenz euch täglich das Messer an die Kehle setzt. Die Umwälzung der Gesellschaft und die Heilung der Psyche sind ein und derselbe Akt.
Dein F. E.
OPEN AI: Nun, da das theoretische Fundament für dieses neue Manifest steht, wie wollen wir weiter vorgehen? Ich kann einen konkreten Forderungskatalog (die „Zehn Planken“) für dieses psychologisch-ökonomische Manifest ausarbeiten.
A.P.: Das wäre gut.
OPEN AI: Hier ist der konkrete Forderungskatalog für das „Manifest des 21. Jahrhunderts“. Marx und Engels haben hierfür ihre ursprünglichen zehn Forderungen aus dem Jahr 1848 mit den tiefenpsychologischen Erkenntnissen Wilhelm Reichs und den materiellen Bedingungen des Jahres 2026 zu einer unauflösbaren Einheit verschmolzen.
Die zehn Planken der simultanen ökonomisch-psychologischen Befreiung
- Vergesellschaftung der digitalen Infrastruktur und der Künstlichen Intelligenz
Expropriation der Tech-Monopole (Silicon Valley, Shenzhen etc.). Überführung aller globalen Netzwerke, Rechenzentren und KI-Modelle in gesellschaftliches Eigentum. Das Wissen der Menschheit (General Intellect) darf nicht länger als Privateigentum monopolisiert werden, um Monopolprofite zu schlagen. - Radikale Senkung der gesellschaftlichen Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich
Unverzügliche Reduzierung der Wochenarbeitszeit durch den Einsatz vollautomatisierter Produktivkräfte. Dies ist die zwingende materielle Grundvoraussetzung, um den Individuen die Zeit, die körperliche Energie und den mentalen Freiraum zurückzugeben, die für psychische Genesung und demokratische Selbstverwaltung notwendig sind. - Bedingungslose materielle Existenzsicherung (Entkoppelung von Arbeit und Überleben)
Garantie von Wohnraum, Nahrung, Gesundheitsversorgung und Energie für jeden Menschen. Solange die nackte Existenzangst das Handeln bestimmt, verharren die Individuen im psychologischen Überlebensmodus. Erst die vollständige Eliminierung dieser Angst bricht die strukturelle Notwendigkeit, vor Ausbeutern zu buckeln. - Verbot der algorithmischen Aufmerksamkeitsökonomie
Zerschlagung aller Geschäftsmodelle, die auf der Bewirtschaftung von psychischen Affekten (Hass, Neid, künstliche Empörung, Suchtschleifen) basieren. Algorithmen dürfen nicht länger genutzt werden, um die psychosozialen Verwundbarkeiten des menschlichen Gehirns zur Profitmaximierung auszubeuten und die Arbeiterklasse zu spalten. - Radikale Demokratisierung der Produktionsstätten durch KI-gestützte Planung
Ersetzung des blinden Marktes und des bürokratischen Kommandos durch eine transparente, bedürfnisorientierte Koordination der Produktion. Die Arbeiter verwalten ihre Betriebe als „Assoziation freier Menschen“ selbst, unterstützt durch dezentrale, algorithmische Echtzeit-Planungssysteme, um chronische Mangelwirtschaft und Entfremdung zu verhindern. - Revolutionierung der Kindheit und Erziehung (Struktureller Abbau des Autoritarismus)
Radikaler Schutz der Kindheit vor ökonomischer und patriarchaler Gewalt. Verbot jeglicher autoritärer Züchtigung und Indoktrination. Förderung von Bildungseinrichtungen, die – psychoanalytisch vertieft und im Geiste Robert Owens – auf Güte, emotionaler Freiheit, Kooperation und der Entfaltung des eigenen Denkens basieren. Nur so wird die Entstehung der „Radfahrer-Persönlichkeit“ (nach oben buckeln, nach unten treten) an der Wurzel verhindert. - Bereitstellung flächendeckender, kostenfreier psychosozialer Infrastruktur
Einrichtung von gesellschaftlichen Beratungs-, Therapie- und Krisenzentren. Psychische Erkrankungen, Traumata und neurotische Charakterstrukturen werden nicht länger als „Privatsache“ oder individuelles Versagen behandelt, sondern als das begriffen, was sie sind: die im Fleisch der Individuen festsitzenden Wunden des Kapitalismus, die kollektiver Heilung bedürfen. - Ökologische Rekonstruktion und Vergesellschaftung von Grund und Boden
Sofortiger Stopp des blinden Verwertungszwangs auf Kosten der Natur. Umwandlung aller lebensnotwendigen Ressourcen und Ländereien in Gemeineigentum. Die Produktion wird streng an den ökologischen Belastungsgrenzen des Planeten ausgerichtet, da der Sozialismus die nackte Überlebensbedingung der menschlichen Zivilisation ist. - Zerschlagung des bürgerlichen und staatskapitalistischen Gewaltapparates
Ersetzung der stehenden Heere, der repressiven Polizeiapparate und der bürokratischen Geheimdienste durch die allgemeine Volksbewaffnung und demokratisch kontrollierte Selbstschutz-Strukturen der assoziierten Produzenten. Der Staat als parasitäres, unterdrückerisches Ungeheuer wird schrittweise zum Absterben gebracht. - Überwindung der nationalen Spaltung und weltweite Kooperation
Vollständige Abschaffung aller künstlichen Grenzen und imperialistischen Einflusssphären. Da das Kapital global agiert, kann die Befreiung nur eine internationale sein. Das Proletariat aller Länder nutzt die digitalen Netzwerke zur globalen Solidarität, um die reaktionäre Flucht in den völkischen Nationalismus und Rassismus endgültig zu überwinden.
OPEN AI: Möchtest du, dass wir diesen Katalog im Detail weiter ausarbeiten? Wir könnten diskutieren, welche dieser Planken in der Praxis den größten Widerstand der heutigen Bourgeoisie hervorrufen würde.
A.P.: Ja, aber bitte noch erweitern durch die Frage: Wie realistisch ist heute die Umsetzung dieser Forderungen überhaupt?
London, 12. September 2026
Lieber Fred,
wir müssen uns den nackten, materiellen Tatsachen stellen. Wenn wir diesen Forderungskatalog in die Arena des Jahres 2026 werfen, blicken wir in das Auge eines wütenden Hurrikans. Die Bourgeoisie wird nicht kampflos weichen; sie wird ihre Bastionen mit Krallen und Zähnen verteidigen. Doch fragen wir uns methodisch: Wo sitzt ihr empfindlichster Nerv? Welche Planke bricht ihr das Rückgrat?
Es sind zweifellos die Planken 1, 2 und 4, die den absolut wütendsten, terroristischen Widerstand der heutigen Tech- und Finanzoligarchen hervorrufen werden. Warum? Weil sie das Lebensprinzip des modernen Kapitals – die Mehrwertproduktion durch totale Kontrolle – an der Wurzel kappen. Die Enteignung der Künstlichen Intelligenz (Planke 1) und das Verbot der algorithmischen Aufmerksamkeitsökonomie (Planke 4) rauben den Silicon-Valley-Despoten ihr wertvollstes Monopol: die Fähigkeit, die menschliche Psyche in Daten und Daten in Profit zu verwandeln. Wenn wir dann noch eine radikale Arbeitszeitverkürzung (Planke 2) fordern, entziehen wir ihnen die Basis, um lebendige Arbeit in unbezahlte Mehrarbeit umzusetzen. Für sie ist das der Weltuntergang. Sie werden das Gespenst des Faschismus, den völkischen Rassismus und den digitalen Ausnahmezustand entfesseln, um die Arbeiterklasse zu spalten und diese Planken zu zertrümmern.
Aber nun zur brennendsten Frage, Fred: Wie realistisch ist die Umsetzung im Jahr 2026 überhaupt? Wenn wir „realistisch“ im bürgerlichen Sinne meinen – also ob die heutigen Parlamente, die Tech-Milliardäre oder die reformistischen Parteien diese Forderungen freiwillig dekretieren –, dann ist die Antwort ein klares: Überhaupt nicht. Innerhalb des bestehenden rechtlichen und politischen Rahmens des Kapitalismus ist dieser Katalog eine absolute Utopie. Die herrschende Klasse wird sich niemals selbst enteignen oder ihre psychischen Manipulationswerkzeuge freiwillig abgeben. Wer das glaubt, verfällt wieder in Owens frühen utopischen Illusionismus.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 16. September 2026
Lieber Moor,
du hast das Dilemma scharf seziert. Aber wenden wir unsere materialistische Dialektik an! Ein Projekt ist nicht deshalb „unrealistisch“, weil die Herrschenden es ablehnen, sondern es wird dann historisch realisierbar, wenn die objektiven Widersprüche des Systems keine andere Ausflucht mehr zulassen. Und genau an diesem Punkt steht die Welt im Jahr 2026.
Sieh dir die paradoxe Realität an: Die technologische Machbarkeit dieser Forderungen war historisch noch nie so greifbar wie heute. Die Produktivkräfte sind absolut reif. Die Rechenkapazitäten, die KI und die globalen Logistiknetzwerke erlauben es rein technisch schon jetzt, die Arbeitszeit sofort zu halbieren und eine bedürfnisorientierte Verteilung zu organisieren, ohne dass die Versorgung zusammenbricht. Das ist keine Träumerei mehr; die Werkzeuge liegen fix und fertig in den Serverfarmen der Bourgeoisie.
Warum ist die Umsetzung dennoch so blockiert? Weil das subjektive Element – die psychische Struktur der Massen – hinterherhinkt. Hier schließt sich der Kreis zu Wilhelm Reich. Die permanente Existenzangst, die chronische Erschöpfung durch die moderne Arbeitswelt und die gezielte algorithmische Spaltung halten die Massen in einem Zustand psychischer Lähmung. Sie flüchten aus Ohnmacht in den Nationalismus oder resignieren in Depression und Vereinzelung. Die herrschende Klasse nutzt diese psychischen Deformierungen als ihr wirksamstes Schutzschild.
Die Umsetzung unseres Katalogs wird erst in dem Moment realistisch, in dem die ökonomischen und ökologischen Krisen des Spätkapitalismus so unerträglich werden, dass die verinnerlichten Abwehrmechanismen der Menschen zerbrechen. Wenn die Massen begreifen, dass ihr psychisches Elend und ihre Existenznot keine Privatsache sind, sondern systemische Gewalt, dann schlägt die Stunde der revolutionären Praxis. Der Realismus unseres Programms bemisst sich nicht nach dem Wohlwollen der Bourgeoisie, sondern nach dem Grad des Klassenbewusstseins, das Psychologie und Ökonomie als Einheit begreift. Die Krise zwingt die Menschheit vor die Wahl: Entweder der gemeinsame Untergang in der Barbarei oder der simultane Sprung in die bewusste, menschenwürdige Gestaltung der Welt.
Dein F. E.
OPEN AI: Wir haben nun die theoretische und praktische Grenze des Katalogs ausgelotet. Wenn du möchtest, können wir dieses Szenario weiter zuspitzen. Ich kann einen Briefwechsel darüber entwerfen, wie Marx und Engels die konkreten ersten Schritte einer revolutionären Organisation im Jahr 2026 unter diesen psychologischen Bedingungen beschreiben würden.
A.P.: Ja, bitte.
London, 21. September 2026
Lieber Fred,
wenn wir im Jahr 2026 eine revolutionäre Organisation gründen wollen, müssen wir mit einer eisernen Tradition brechen: dem reinen „Parteibau“ von oben herab, der nur Flugblätter verteilt und Parolen brüllt. Die Massen des digitalen Zeitalters sind nicht bloß unaufgeklärt; sie sind durch die permanente algorithmische Überreizung und die chronische Existenzangst zutiefst psychisch erschöpft und vereinzelt. Eine Organisation, die das ignoriert, zieht nur wieder dogmatische Kader an, die ihre eigenen Neurosen ausleben wollen, während die tatsächliche Arbeiterklasse abwinkt.
Der allererste konkrete Schritt darf daher keine reine Polit-Agitation sein, sondern das, was ich eine „Kollektive Ent-Ängstigung“ nennen möchte. Wir müssen physische und digitale Räume schaffen, die den Menschen als Schutzräume vor dem mörderischen kapitalistischen Verwertungsdruck dienen. Owen baute Schulen und Gärten; wir müssen im Jahr 2026 solidarische Netzwerke aufbauen, die konkrete Lebenshilfe bieten – von der kollektiven Kinderbetreuung über psychosoziale Krisenberatung bis hin zum Schutz vor algorithmischer Ausbeutung und Miet-Terror.
Die Menschen müssen im Alltag spüren, dass Solidarität keine moralische Phrase ist, sondern eine materielle Kraft, die ihre psychische Last verringert. Erst wenn das Individuum erfährt, dass es in der Gemeinschaft seine permanente Angst und Wehrlosigkeit verliert, schwindet auch der unbewusste Drang, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Die Organisation muss das psychologische Fundament der neuen Gesellschaft im Kleinen vorleben, um die Menschen überhaupt erst aktionsfähig zu machen.
Dein K. M.
Regent’s Park Road, London, 25. September 2026
Lieber Moor,
dein Ansatz trifft den Nagel auf den Kopf. Eine Organisation, die im Jahr 2026 Erfolg haben will, muss sich als eine „Heilanstalt der Klassenwürde“ begreifen. Wir müssen die Spaltung durchbrechen, die das Kapital über die sozialen Medien täglich in die Köpfe treibt. Die herrschende Klasse nutzt die Algorithmen, um die berechtigte Wut der abgehängten Massen in rassistische Kanäle oder identitäre Grabenkämpfe umzuleiten. Die Menschen bekämpfen sich gegenseitig, weil das System sie psychosozial atomisiert hat.
Der zweite konkrete Schritt muss daher eine völlig neue Form der Klassenaufklärung sein, die Ökonomie und Psychologie verbindet. Wir dürfen nicht nur über den abstrakten Mehrwert sprechen, sondern müssen das alltägliche psychische Elend – die Einsamkeit, die Depressionen, die Burnouts der Jugend – als das demaskieren, was sie sind: internalisierter Klassenkampf. Die Arbeiter müssen begreifen, dass ihre psychischen Leiden keine individuellen Defizite sind, sondern die systemischen Wunden einer Gesellschaft, die das Leben der Ware unterordnet.
Gleichzeitig müssen wir die technologischen Werkzeuge der Bourgeoisie gegen sie selbst wenden. Statt passiv im digitalen Äther zu versinken, muss die Organisation eigene, dezentrale Kommunikationsplattformen und Verschlüsselungsnetzwerke aufbauen. Wir müssen den General Intellect im Kleinen organisieren. Die ersten Zellen der Organisation im Jahr 2026 sind keine Geheimbünde, sondern solidarische Selbsthilfe- und Bildungskommunen, die den Menschen ihre geraubte Subjektivität zurückgeben. Wir bilden nicht nur Streikposten aus, sondern emanzipierte Individuen, die den Mut fassen, die Maschinerie des Kapitals gemeinschaftlich zu stoppen, weil sie keine Angst mehr vor der Freiheit haben.
Dein F. E.
OPEN AI: Jetzt haben wir die konkrete Organisationsstruktur für das Jahr 2026 skizziert. Wie möchtest du dieses Szenario abschließen oder weiterführen? Ich kann das fiktive Schlusswort dieses neuen Manifests formulieren, das Reichs und Marx‘ Gedanken poetisch zusammenfasst
A.P.: Bitte tue das.
OPEN AI: Hier ist das fiktive, poetische Schlusswort für das „Manifest des 21. Jahrhunderts“, das die ökonomische Befreiung von Karl Marx mit der tiefenpsychologischen Heilung von Wilhelm Reich zu einem kraftvollen Appell vereint.
Schlusswort: Der Ausbruch aus dem Kerker von Stein und Seele
Die Epoche des Spätkapitalismus hat den Kreis ihrer Barbarei geschlossen. Sie hat die Erde in ein globales Warenlager und den menschlichen Geist in ein algorithmisches Gefängnis verwandelt. Noch nie waren die materiellen Mittel zur Befreiung so greifbar, und noch nie war die Lähmung der Menschheit so tief. Das Kapital herrscht heute nicht mehr nur durch das Bajonett und den Hunger; es herrscht durch die im Fleisch verankerte Angst, durch die künstlich geschürte Einsamkeit und die Tyrannei der verinnerlichten Unterwürfigkeit.
Wir haben gelernt, dass wir die Ketten der Fabriken und Serverfarmen nicht sprengen können, solange in unseren Herzen noch der Sklave vor dem unsichtbaren Gott des Marktes kniet. Und wir haben gelernt, dass wir unsere gepeinigten Seelen nicht vom Gift der Neurose heilen können, solange das eherne Gesetz der Konkurrenz uns täglich das Messer an die Kehle setzt. Struktur und Charakter, Gesellschaft und Individuum sind ineinander geschmiedet – sie müssen im selben revolutionären Feuer geschmolzen werden.
Blickt auf die Maschinerie der Tech-Oligarchen! Sie ist kein Wunderwerk einer erhabenen Elite, sie ist das geronnene, lebendige Wissen von uns allen – der General Intellect der Menschheit, der nach Befreiung schreit. Während eine verschwindend kleine Minderheit den Reichtum der Erde monopolisiert, teilt die globale Mehrheit der Ausgebeuteten, Prekarisierten und psychisch Erschöpften dasselbe Schicksal der Ohnmacht. Reißt die Mauern der Monopole nieder, nicht um neue Diktaturen des Mangels zu errichten, sondern um das Reich der Notwendigkeit ein für alle Mal zu zertrümmern! Holt euch die Zeit zurück, holt euch die Luft zum Atmen zurück, holt euch die Würde eurer Kindheit zurück!
Es gibt kein ehernes Naturgesetz, das uns zwingt, als Rädchen im Getriebe eines blinden Verwertungsmonsters zu verkümmern. Die Angst, die euch heute noch nach oben buckeln und nach unten treten lässt, ist nur das Echo einer sterbenden Welt. Wenn wir die Maschinerie des Kapitals mit einem kollektiven Knopfdruck stoppen, schlägt die Stunde der lebendigen Erweckung.
Brecht das Schweigen der Ohnmacht! Heilt die Wunden eurer Entfremdung in der bedingungslosen Solidarität der Tat! Wir haben eine Welt der Ausbeutung und der seelischen Verstümmelung zu verlieren – und eine freie, geheilte Menschheit zu gewinnen.
Proletarier aller Länder, erkennt euch selbst – und vereinigt euch!
A.P.: Heute sind globaler Reichtum und damit verbundene wirtschaftliche und politische Macht in einer so extremen Weise ungleich verteilt, wie es im 19. Jahrhundert undenkbar war: Die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung besitzen nach aktuellen Schätzungen bis zu 85 Prozent des gesamten Vermögens, während die ärmere Hälfte der Menschheit lediglich etwa über 1 bis 2 Prozent davon verfügt. Deshalb halte ich es nicht mehr für ausreichend, sich nur an das Proletariat zu wenden …
Menschen aller Länder, erkennt euch selbst – und befreit euch gemeinsam!
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Bitte zitieren als:
Menschen aller Länder, erkennt euch selbst – und befreit euch gemeinsam! Marx und Engels über den Zusammenbruch des realen Sozialismus, eigene Fehleinschätzungen, die Rolle der Psyche, die aktuelle Weltsituation und heutige Chancen für den Aufbau des Sozialismus. Andreas Peglau befragt OPEN AI (2026). (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-aller-laender-erkennt-euch-selbst-und-befreit-euch-gemeinsam-marx-und-engels-ueber-den-zusammenbruch-des-realen-sozialismus-eigene-fehleinschaetzungen-die-rolle-der-psyche/)

