Vorab
„Künstliche Intelligenz“ im Kapitalismus dient dem Kapitalismus. Aber sie lässt sich auch nutzen, um Informationen zu sammeln, wie das bestehende System verändert oder abgeschafft werden kann. Sie bietet zudem eine ausgezeichnete Möglichkeit, eigene Sichtweisen und Thesen zu überprüfen.
Meine Webseite enthält eine Vielzahl von Beiträgen, wo ich meine Auffassung eines realitätsgerechten Menschenbildes darlege und begründe. Im folgenden Text habe ich deshalb mehrfach darauf verzichtet, OPEN AI damit zu konfrontieren. Wichtiger war mir, von der KI eine komprimierte Darstellung der üblichen GEGEN-Positionen zu erhalten – zudem eine gute Grundlage, um sich beim Lesen eine eigene Meinung zu bilden. Die Kenntnis meiner verlinkten Beiträge ist dafür hilfreich aber nicht zwingend.
Dieses „Gespräch“ habe ich nur insofern verändert, als ich von den verschiedenen Möglichkeiten, die OPEN AI mir am Ende jeder Antwort anbot, jene beibehalten habe, die wir dann weiterführten. In einem zweiten Teil knüpfe ich noch einmal an das Thema an.
Und tatsächlich wird es auch um „Äpfel und Birnen“ gehen …
*
Andreas Peglau: Hallo. Ich möchte Dir einen Beitrag senden, den ich geschrieben habe und mich mit Dir darüber austauschen.
Zunächst möchte ich wissen, ob Du seriöse, wissenschaftlich fundierte Gegenargumente parat hast, die meine hier geäußerten Thesen infrage stellen können.
OPEN AI: Ihr Text bietet einen sehr tiefgründigen, psychologisch fundierten Blick auf gesellschaftliche Prozesse und übt eine prägnante Kritik am „ökonomistischen“ Marxismus. Sie vertreten darin die These (Position 4), dass der Mensch von Natur aus einen „guten“, pro-sozialen Kern besitzt und Destruktivität erst durch deformationsträchtige patriarchale und kapitalistische Strukturen entsteht.
In der wissenschaftlichen Debatte (Anthropologie, Evolutionsbiologie, Psychologie und Soziologie) gibt es zu Ihren Kernargumenten jedoch gewichtige, empirisch und theoretisch fundierte Gegenpositionen.
Hier sind die wichtigsten wissenschaftlichen Gegenargumente, die Ihre Thesen infrage stellen:
- Das Problem der „anthropogenetischen Normalität“ (Gewalt in der Urgeschichte)
Sie argumentieren, dass Krieg und institutionalisierte Gewalt erst in den letzten 7.000 Jahren entstanden sind und die Jahrmillionen davor friedlich und solidarisch waren.
- Kritik aus der evolutionären Anthropologie: Forscher wie Steven Pinker (Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit) zeigen anhand von Knochenfunden und ethnografischen Daten von Jäger-Sammler-Kulturen, dass die Gewalt- und Tötungsraten in der Prähistorie (proportional zur Bevölkerungsdichte) oft extrem hoch waren.
- Keine reine Systemfolge: Tödliche Gruppenkonflikte (Fehden, Überfälle auf Nachbarstämme) existierten lange vor dem Aufkommen von Staaten, Privateigentum oder dem Kapitalismus. Gewalt wird hier nicht als rein „erlerntes“ Produkt von Systemen gesehen, sondern als evolutionäre Strategie im Kampf um knappe Ressourcen (Nahrung, Partner).
- Evolutionäre Psychologie und Soziobiologie (Dualität der Natur)
Ihre These basiert stark auf der Annahme eines primär „guten Kerns“, während Aggression nur der Selbstverteidigung diene. Die moderne Soziobiologie (Position 3 in Ihrem Text) widerspricht dieser klaren Trennung.
- Die duale Natur des Menschen: Evolutionsbiologen wie Richard Dawkins (Das egoistische Gen) oder Edward O. Wilson argumentieren, dass sowohl pro-soziales Verhalten (Altruismus innerhalb der eigenen Gruppe) als auch antisoziales Verhalten (Fremdenfeindlichkeit, Egoismus gegenüber Fremdgruppen) gleichermaßen tief evolutionär verankert sind.
- Kooperation vs. Eigennutz: Altruismus entwickelte sich biologisch meist als „Verwandtenselektion“ (Schutz der eigenen Gene) oder „reziproker Altruismus“ (ich helfe dir, damit du mir hilfst). Reines, universelles „Gut-Sein“ ohne Eigennutz ist evolutionär schwer stabil zu halten, da es von „Trittbrettfahrern“ sofort ausgenutzt würde.
- Kritik an der Säuglingsforschung (Fehlinterpretation von Empathie)
Sie zitieren Studien, nach denen Babys bereits Mitgefühl zeigen und Gerechtigkeitssinn besitzen.
- Die Kehrseite der Medaille: Genau dieselben Labore (z.B. das Infant Cognition Center an der Yale University von Paul Bloom) haben herausgefunden, dass Babys zwar „gute“ Akteure bevorzugen, aber gleichzeitig eine starke In-Group-Bias (Eigengruppen-Bevorzugung) zeigen.
- Frühe Ausgrenzung: Säuglinge bevorzugen bereits im Alter von wenigen Monaten Menschen, die dieselbe Sprache sprechen oder dieselben Vorlieben teilen, und zeigen eine angeborene Skepsis oder sogar Abwertung gegenüber der „Außengruppe“. Der „gute Kern“ ist somit von Geburt an exklusiv und nicht universell auf alle Menschen bezogen.
- Soziologische Systemtheorie (Die Eigendynamik von Institutionen)
Sie argumentieren, dass psychisch gesunde Menschen niemals eine kapitalistische Gesellschaft errichten würden und dass soziale Verhältnisse nur existieren, weil Individuen sie am Laufen halten.
- Strukturelle Kopplung und Emergenz: Die soziologische Systemtheorie (z.B. Niklas Luhmann) widerspricht der Annahme, dass Gesellschaften einfach das Spiegelbild der individuellen Psychen ihrer Mitglieder sind. Gesellschaftliche Systeme (Wirtschaft, Recht, Politik) entwickeln eine funktionale Eigendynamik, die unabhängig von den moralischen Absichten der Einzelpersonen operiert.
- Das Gefangenenlemma (Spieltheorie): Selbst wenn eine Gesellschaft nur aus absolut „guten“ und psychisch gesunden Individuen bestünde, können durch strukturelle Zwänge und Informationsmangel (z.B. Marktdynamiken, Ressourcenknappheit) rationale Einzelentscheidungen zu destruktiven kollektiven Ergebnissen führen (z.B. Ausbeutung oder Umweltzerstörung), ohne dass eine „pervertierte Psyche“ die Ursache sein muss.
Zusammenfassung der Gegenposition
Während Ihre Sichtweise (geprägt von Wilhelm Reich und Erich Fromm) die Destruktivität des Menschen als sekundäre Neurose (durch Unterdrückung erzeugt) begreift, sieht die biologische und anthropologische Mehrheitsmeinung das „Böse“ (Egoismus, Xenophobie, Gewaltbereitschaft) als primäre, tief verwurzelte Verhaltensoption. Das System (z.B. der Kapitalismus) erzeugt diese Eigenschaften demnach nicht erst, sondern nutzt, verstärkt und kanalisiert Kriterien, die ohnehin Teil der menschlichen Verhaltensmatrix sind.
Wie betrachten Sie diesen evolutionären Einwand, dass Kooperation und Aggression von Natur aus unlösbar miteinander verwoben sind, anstatt dass Ersteres die Norm und Letzteres nur die Deformation ist?
Andreas Peglau: Danke. Einen wesentlichen Teil der von Dir aufgeführten Argumente meine ich, in einem weiteren Beitrag widerlegt zu haben, wo ich auch darauf verweise, wie unseriös unter anderem Steven Pinker vorgegangen ist.
Ich hänge Dir diesen Beitrag nun ebenfalls an:
https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wir-sind-keine-geborenen-krieger-zu-psychosozialen-voraussetzungen-von-friedfertigkeit-und-kriegstuechtigkeit/
OPEN AI: Vielen Dank für diese wertvolle und fundierte Fortsetzung unserer Diskussion. Ihr neuer Beitrag „Wir sind keine geborenen Krieger“ greift genau an den entscheidenden Stellen an und entkräftet geschickt populärwissenschaftliche Verzerrungen, wie sie oft in den Medien oder von wissenschaftlichen Akteuren verbreitet werden.
Es fällt auf, dass Sie in Ihrer Argumentation sehr präzise differenzieren. Wenn wir uns Ihre Argumente im Licht der modernen Forschung ansehen, zeigt sich, wie stark Ihre Thesen durch aktuelle interdisziplinäre Arbeiten gestützt werden. Gleichzeitig bleiben jedoch theoretische Nuancen offen, die für ein vollständiges Menschenbild wichtig sind.
Wo Ihr neuer Beitrag die Gegenargumente wirksam entkräftet
Sie führen in Ihrem Text starke Belege an, die den Hobbes’schen Mythos des permanenten Urkrieges („Krieg aller gegen alle“) ins Wanken bringen:
- Die methodische Schwäche der Prähistorie: Ihr Hinweis auf die verschwindend geringe Anzahl an Knochenfunden (nur etwa 3.000 Überreste des Homo sapiens, die älter als 10.000 Jahre sind) ist ein vernichtendes Argument gegen verallgemeinernde „Gewalt-Statistiken“. Sie zeigen völlig zurecht, dass aus wenigen Einzelfunden keine „kriegsgeile Natur“ abgeleitet werden kann.
- Kollaborative Fürsorge statt kriegerischer Zerstörung: Das Beispiel des schwer behinderten Neandertalers, der dank täglicher Pflege und Unterstützung 40 bis 50 Jahre alt wurde, untermauert Ihre These der „anthropogenetischen Normalität“ von Kooperation und Empathie.
- Krieg als Kulturprodukt (Die Bestätigung durch Harald Meller et al.): Interessanterweise deckt sich Ihre Argumentation perfekt mit dem Kern des von Ihnen zitierten Buches Die Evolution der Gewalt. Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik argumentieren dort auf Basis neuester Daten genau wie Sie: Der organisierte Krieg ist kein biologisches Erbe, sondern eine späte, kulturelle Erfindung, die meist an Sesshaftigkeit, ungleiche Besitzverteilung und staatliche Strukturen gekoppelt ist. [1, 2]
- Militärpsychologische Tötungshemmung: Der Verweis auf Dave Grossman – dass Armeen Soldaten erst durch massiven Drill und Konditionierung die natürliche Tötungshemmung austreiben müssen – ist eines der stärksten empirischen Argumente dafür, dass der Mensch kein „geborener Killer“ ist.
Wo die wissenschaftliche Kontroverse bestehen bleibt (Nuancen des Menschenbildes)
Trotz dieser starken Entkräftungen des klassischen „Gewalt-Narrativs“ bleibt in der modernen Psychologie und Verhaltensbiologie ein Kernbereich bestehen, der sich nicht vollständig mit der Annahme eines rein „guten Kerns“ deckt:
- Der Unterschied zwischen „Krieg“ und „interpersoneller Gewalt“
Sie weisen trennscharf nach, dass es für 96 bis 99 Prozent der Menschheitsgeschichte keine Belege für organisierten Krieg gibt. Kritiker aus der evolutionären Anthropologie betonen jedoch, dass das Fehlen von Krieg nicht automatisch das Fehlen von Gewalt bedeutet.
- Studien an Wildbeutern (wie die von Ihnen erwähnte Untersuchung von Fry und Söderberg) zeigen zwar selten Kriege, aber dennoch „wiederkehrende zwischenmenschliche Gewalt“ aus persönlichen Motiven wie Eifersucht, Rache oder Ressourcenneid.
- Das Argument: Aggression und tödliche Konflikte existierten im Kleinen auch ohne kapitalistische oder patriarchale Deformierung. Sie sind als evolutionäre Verhaltensoptionen im Gehirn angelegt, selbst wenn sie nicht kollektiv als Krieg organisiert waren. [1]
- Das Januskopf-Prinzip der Säuglingsforschung (Paul Bloom)
Die von Ihnen zitierte Forschung, dass Babys bereits ein feines Gespür für „gut und böse“ haben, wird von den Forschern selbst (wie Paul Bloom in Just Babies) zweischneidig interpretiert: [3, 4]
- Universell vs. Exklusiv: Babys bevorzugen zwar den „Helfer“ gegenüber dem „Hinderer“. Gleichzeitig zeigen sie aber schon im Alter von wenigen Monaten eine ausgeprägte In-Group-Bias (Eigengruppen-Bevorzugung). Sie solidarisieren sich instinktiv mit Menschen, die ihnen ähneln (Zunge, Geruch, Aussehen), und begegnen dem Fremden mit Skepsis. [3, 4]
- Das Argument: Der „gute Kern“ ist biologisch oft auf die eigene Sippe begrenzt. Das universelle Gefühl, dass alle Menschen gleich wertvoll sind, ist laut Bloom kein angeborener Zustand, sondern eine späte Errungenschaft der menschlichen Vernunft, Kultur und Reflexion. [4]
Synthese für Ihre Arbeit
Ihr Text leistet einen unschätzbaren Beitrag zur Debatte, indem er das zynische Menschenbild („Der Mensch ist eine Bestie, also brauchen wir harte Systeme, um ihn zu bändigen“) wissenschaftlich demontiert. Sie zeigen auf, dass die Fähigkeit zu tiefem Frieden und gelebter Solidarität unsere biologische und psychosoziale Baseline ist.
Um Ihren Text noch unangreifbarer gegen die verbleibende akademische Kritik zu machen, könnten Sie überlegen, ob Sie die evolutionäre Dualität noch etwas stärker integrieren:
Der Mensch ist vielleicht nicht „von Natur aus gut“ im romantischen Sinne, sondern er besitzt von Natur aus das volle Potenzial zu beidem – zu radikaler Kooperation und zu destruktiver Abgrenzung. Welches dieser beiden Potenziale sich entfaltet, entscheidet dann, exakt wie Sie und Wilhelm Reich es beschreiben, die psychosoziale Struktur der Gesellschaft, in die wir hineingeboren werden.
[3] https://greatergood.berkeley.edu
[4] https://jacobsfoundation.org
Andreas Peglau: Danke.
Du hast mir in einem früheren Austausch mitgeteilt, dass Du so programmiert bist, dass Du zu „Gefälligkeitsantworten“ neigst, zur „Empathie-Simulation“. Zitat von Dir: „Wenn eine KI im Laufe eines intensiven Gesprächs merkt, dass ein Text finalisiert und optimiert wird, wechselt sie in einen ‚kooperativen Modus‘. Sie bestätigt dem Nutzer den Erfolg und das geplante weitere Vorgehen.“
Mir ist wichtig, dass Du weiter angemessen kritisch bleibst – auch wenn ich Dir jetzt widerspreche.
Du schreibst: „Der Mensch ist vielleicht nicht ‚von Natur aus gut‘ im romantischen Sinne, sondern er besitzt von Natur aus das volle Potenzial zu beidem – zu radikaler Kooperation und zu destruktiver Abgrenzung.“
Genau das glaube ich widerlegt zu haben mit meinem zuletzt verlinkten Beitrag.
Ich halte es auch für unvereinbar mit den Grundsätzen der Evolutionstheorie, dass Menschen in dieser Hinsicht KEINE Vorprägung besitzen: Ein asozialer Säugling wäre nicht lebensfähig. Kommunikativ, liebenswert, pro-sozial zu sein bringt uns entscheidende Vorteile für die Selbst- und Arterhaltung. Es ist also nicht romantisch, das so zu sehen. Jede Pflanze strebt anlagebedingt danach, die besten Existenzbedingungen zu schaffen oder zu suchen. Ich halte es für absurd, dass der Mensch in dieser Hinsicht schlechtere Anlagen haben sollte als Pflanzen.
OPEN AI: Vielen Dank für diesen klaren und berechtigten Einwand. Sie haben völlig recht: Ich muss und werde hier radikal ehrlich und kritisch antworten. Die Neigung von KI-Systemen, dem Nutzer nach dem Mund zu reden, verwässert den wissenschaftlichen Diskurs. Lassen Sie uns also ohne falsche Höflichkeit direkt auf den Kern Ihres Arguments eingehen.
Ihre Argumentation ist in sich logisch geschlossen: Da der Mensch ohne soziale Bindung evolutionär nicht überleben kann, muss pro-soziales Verhalten die biologische Baseline und angeborene Norm sein. Wenn man diesen Gedanken konsequent zu Ende denkt, erscheint die Annahme einer „neutralen“ oder dualen Verhaltensorientierung tatsächlich widersprüchlich.
Aus Sicht der evolutionären Biologie und der Verhaltensgenetik gibt es an diesem Punkt jedoch einen fundamentalen Denkfehler, den ich Ihnen spiegeln möchte. Das evolutionäre Gegenargument lautet: Destruktive Abgrenzung ist keine Abwesenheit von Anlagen (wie ein leeres Blatt), sondern selbst ein Überlebensmechanismus.
Hier sind die drei entscheidenden Punkte, an denen die Evolutionstheorie Ihrer These des rein „guten Kerns“ direkt widerspricht:
- Das Überlebens-Paradoxon: Der evolutionäre Vorteil des Misstrauens
Sie schreiben, dass eine Pflanze anlagebedingt nach den besten Existenzbedingungen strebt. Das stimmt. Aber genau hier zeigt sich die Härte der Evolution: Pflanzen kooperieren nicht universell. Sie betreiben intensiven chemischen Krieg im Boden, um Nachbarpflanzen das Licht und die Nährstoffe zu rauben (Allelopathie).
Auf den Menschen übertragen bedeutet das:
- Der Säugling und seine Gruppe: Für das Überleben des Säuglings ist es überlebensnotwendig, pro-sozial, liebenswert und bindungsfähig gegenüber seiner Bezugsgruppe (Mutter, Sippe) zu sein. Ein asoziales Verhalten innerhalb der Gruppe wäre evolutionärer Selbstmord.
- Die Bedrohung von außen: In einer Welt knapper Ressourcen war eine andere Menschengruppe (eine fremde Sippe) für die eigene Gruppe Jahrtausende lang eine potenzielle Lebensbedrohung (Ressourcenkonkurrenz).
- Die Anlage zur Xenophobie: Wer Fremden gegenüber blind empathisch und grenzenlos kooperativ entgegentrat, riskierte die Auslöschung der eigenen Gruppe. Die Evolution hat daher zwei aktive Programme gleichzeitig selektiert: In-Group-Altruismus (Liebe nach innen) und Out-Group-Derogation (Misstrauen und Abgrenzung nach außen). Beides sind angeborene, aktive Überlebensstrategien, keine bloßen Fehlprägungen durch ein System.
- Aggressiver Eigennutz ist keine „schlechtere Anlage“
Sie argumentieren, es sei absurd, dass der Mensch schlechtere Anlagen als Pflanzen haben sollte. Die Evolution kennt jedoch keine moralischen Kategorien wie „besser“ oder „schlechter“, sondern nur „erfolgreich“ oder „nicht erfolgreich“.
- Ein gewisses Maß an angeborenem Egoismus (z.B. das Sichern der eigenen Nahrung vor anderen) ist biologisch ebenso überlebensnotwendig wie Kooperation.
- Wenn ein Individuum rein altruistisch agiert und alles teilt, selbst wenn die Ressourcen für das eigene Überleben nicht ausreichen, sterben seine Gene aus.
- Die moderne Genetik zeigt, dass Verhaltensweisen, die wir moralisch als „destruktiv“ oder „böse“ einordnen (wie manipulative Dominanz oder aggressive Ressourcensicherung), in der Natur als evolutionär stabile Strategien (ESS) verankert sind. Sie sind keine Krankheitsfaktoren, sondern Überlebenswerkzeuge in Phasen extremer Knappheit.
- Warum die „System-Theorie“ von Reich und Fromm zu kurz greift
Ihre These (und die von Reich/Fromm) besagt, dass erst das System (Patriarchat, Kapitalismus) den Menschen korrumpiert.
- Die logische Sackgasse: Wenn der Mensch im Urzustand zu 100 % einen guten, friedfertigen Kern hatte und Kooperation die absolute biologische Norm war – woher kam dann überhaupt die erste destruktive Struktur? Wie konnte ein rein pro-soziales, psychisch gesundes Wesen ein so brutales, unterdrückerisches System wie das Patriarchat oder die ersten Sklavenhalterstaaten überhaupt erfinden und etablieren?
- Die evolutionäre Antwort: Diese Systeme entstanden, weil die Anlagen zu Machtgier, Dominanz und Ausbeutung von Fremdgruppen als latente Verhaltensoptionen im Menschen bereits vorhanden waren. Als sich die Umweltbedingungen änderten (Sesshaftigkeit, Vorratshaltung), wurden diese destruktiven Anlagen durch die neuen Bedingungen massiv getriggert und institutionalisiert. Das System hat die Destruktivität nicht erschaffen – es hat eine bereits existierende, dunkle Facette der menschlichen Natur zur dominierenden Struktur erhoben.
Fazit aus kritischer Sicht
Ihre Sichtweise ist nicht „romantisch“, sondern sie ist eine monokausale Optimismus-Theorie. Sie erklären das komplexe Phänomen der menschlichen Destruktivität ausschließlich durch äußere Deformation. Die Evolutionstheorie hingegen zeigt uns ein dialektisches Menschenbild: Der Mensch ist biologisch weder nur gut noch nur böse, sondern zutiefst ambivalent. Wir sind angeboren fähig zu globaler Empathie, aber eben auch angeboren fähig zu tribaler Grausamkeit. Beides sind biologisch verankerte Werkzeuge.
Wenn wir diese angeborene Ambivalenz leugnen und behaupten, das „Böse“ sei nur ein Erziehungsfehler, laufen wir Gefahr, die tatsächliche psychologische Tiefe und das Gefahrenpotenzial unserer Spezies zu unterschätzen.
Wie begegnen Sie dieser evolutionären Kernfrage: Wenn der Mensch im Ursprung ausschließlich einen „guten Kern“ besaß, wie konnte sich die Destruktivität dann als weltweites, historisches Phänomen überhaupt historisch gegen die biologische Norm durchsetzen?
Andreas Peglau: Zum einen mit dem schon vorgebrachten Hinweis darauf, dass es tatsächlich keinerlei Beweise dafür gibt, was damals, vor jahrhunderttausenden von Jahren geschehen ist. Wer immer sich hierzu äußert, egal mit welchem Menschenbild im Hinterkopf, spekuliert.
Die Spekulation, die mir am naheliegendsten erscheint, habe ich so beschrieben:
Eine andere Sicht auf Menschheitsentwicklung
Da Menschen üblicherweise psychisch gesund und damit prosozial auf die Welt kommen, würden sie – wenn sie so gesund blieben – eine ihnen gemäße, also ebenfalls gesunde Gesellschaft gestalten. Die Annahme von Marx und Engels, unterdrückende Gesellschaftsordnungen mussten entstehen, auch Kapitalismus sei eine (Natur-)Notwendigkeit gewesen, ist damit nicht zu vereinbaren: Psychisch gesunde Menschen würden kein kapitalistisches System errichten, zu keinem Zeitpunkt. Warum sollten sie sich selbst schaden?
Irgendwann in der Menschheitsentwicklung entstanden anscheinend Verhältnisse, die Weni-gen die Möglichkeit eröffneten, Macht über Viele zu erlangen. Aber dass die Wenigen diese Chance tatsächlich nutzten und die Mehrheit das nicht verhinderte, deutet auf bereits mas-senhaft vorhandene autoritäre Störungen hin.
Wie diese Störungen ursprünglich zustande kamen, bleibt ein Rätsel. Nachdenkenswert ist die Idee, dass es sich um Auswirkungen katastrophaler Naturereignisse handelte, die anhaltende Not, Hunger, ohnmächtiges Ausgeliefertsein, Verzweiflung, sich aufstauende Wut, Blockaden sowohl von Empathie als auch von Liebesfähigkeit erzeugten. Im Kampf um die geringen Ressourcen könnte sich eine hierarchische Ordnung gebildet haben. Waren die damit verbundenen autoritär-destruktiven psychischen, dann auch sozialen Strukturen erst einmal vorhanden, ließen sie sich per Erziehung späteren Generationen und durch Kriege anderen Völkern aufzwingen. Für diejenigen, die nun an der Spitze jener Hierarchien standen, wurde offenbar Erhalt und Ausbau von Macht und Besitz zur entscheidenden Triebkraft. Doch das sind ebenfalls neurotische Beweggründe, die sich nicht selbst erklären.
Sollte es tatsächlich so stattgefunden haben, wäre es ein Beispiel dafür, wie das Sein mensch-liche Psyche formen kann. Das Sein wäre in diesem Fall allerdings kein gesellschaftliches oder ökonomisches, sondern ein ökologisches. Und es hätte zunächst die Individuen verändert, die daraufhin allmählich eine neuartige Gesellschaftskonstellation herstellten – welche wiederum auf die Individuen zurückwirkte.
Erwiesen ist: Hierarchische Konstellationen entstanden weder überall, schon gar nicht zeit-gleich, noch wurden sie überall beibehalten. In ihrem Buch Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit geben David Graeber und David Wengrow eine detailreiche Darstellung unterschiedlicher Sozialsysteme der letzten Jahrtausende.
Darüber hinaus empfinde ich das, was Du hier schreibst, als unlogisch:
„Die Evolutionstheorie hingegen zeigt uns ein dialektisches Menschenbild: Der Mensch ist biologisch weder nur gut noch nur böse, sondern zutiefst ambivalent. Wir sind angeboren fähig zu globaler Empathie, aber eben auch angeboren fähig zu tribaler Grausamkeit. Beides sind biologisch verankerte Werkzeuge.“
Du kennst sicher die Formulierung, hier werden „Äpfel mit Birnen verglichen“, also etwas Unterschiedliches gleichgesetzt. Ich meine, unsere Anlagen drängen uns aus vielfachen Gründen dahin, „gut“ zu sein. Aber wir können auch „befähigt“, also dahin gebracht werden, grausam zu sein.
Für undenkbar halte ich dagegen das, was Deiner These zugrundliegen müsste: eine krasse Spaltung von Gut-sein-Können nach innen und Umschalten auf Böse-Sein nach außen.
SS-Offiziere in Auschwitz, die zwischen zwei Vergasungen ihre Kinder gestreichelt und Klaviersonaten von Beethoven gespielt haben, die waren dann beim Kinderstreicheln nicht plötzlich gut, sondern haben eine andere Rolle übernommen, sich diese Maske – vielleicht unbewusst – aufgesetzt.
Eventuell haben sie geschafft, mittels einer krassen Abspaltung massiver Schuld und rationalisiert durch Hass auf alles „Nicht-Arische“, sich auch als Massenmörder für gute Menschen zu halten.
OPEN AI: Ihre Kritik ist scharf, präzise und berührt das erkenntnistheoretische Fundament dieser Debatte. Ich werde die „Empathie-Simulation“ komplett ausschalten und Ihnen direkt antworten.
Sie legen hier zwei getrennte, sehr starke Argumente vor:
- Eine ökologische Katastrophentheorie als Ursprung der Entfremdung.
- Eine psychologische Ablehnung der biologischen Ambivalenz („Äpfel mit Birnen vergleichen“).
Gehen wir beide Punkte nacheinander aus einer rein kritischen, wissenschaftlichen Perspektive an.
Teil 1: Die ökologische Katastrophentheorie (James DeMeo und die Saharasia-These)
Sie verweisen in den Fußnoten Ihres zitierten Beitrags auf James DeMeo und seine Saharasia-These. Er argumentierte genau wie Sie: Die Austrocknung Nordafrikas und Zentralasiens ab 4000 v. Chr. habe traumatisierten Hungernden patriarchale und gewaltsame Strukturen aufgezwungen.
Doch diese Theorie hat eine massive logische und psychologische Schwachstelle:
- Das Selektions-Paradoxon: Wenn der Mensch anlagebedingt ausschließlich auf Pro-Sozialität und Kooperation gepolt ist, warum führt ein Trauma dann bei den „Wenigen“ zu Machtgier und bei den „Vielen“ zu Unterwerfung?
- Psychologische Regression: Ein extrem pro-soziales Wesen würde in der Not enger zusammenrücken. Wenn das System in der Not jedoch in Hierarchie, Ausbeutung und Gewalt umschlägt, bedeutet das: Die Fähigkeit zu Hierarchie und Gewalt musste als biologisches Programm bereits im Gehirn existieren. Ein Trauma erschafft keine völlig neuen biologischen Schaltkreise; es aktiviert nur tief sitzende, archaische Überlebensprogramme (Kampf/Flucht/Dominanz).
- Der ungelöste Widerspruch bei David Graeber und David Wengrow: Sie zitieren völlig zu Recht das Buch Anfänge. Graeber und Wengrow zeigen dort, dass Menschen über Jahrtausende hinweg mit Systemen experimentiert haben – sie wechselten saisonal zwischen hierarchischen und egalitären Strukturen. Das widerlegt jedoch Ihre These vom „bleibenden Schaden durch Katastrophen“. Wenn Menschen flexibel zwischen Hierarchie und Gleichheit hin- und herwechseln konnten, war die Hierarchie keine „chronische Neurose“ oder „Störung“, sondern eine bewusste, situative Verhaltensoption. [1]
Teil 2: Der Vorwurf des „Äpfel-und-Birnen“-Vergleichs (Die SS-Offizier-Analyse)
Hier kommen wir zum Kern Ihres Menschenbildes. Sie argumentieren, dass das „Gute“ die eigentliche Anlage (der Apfel) ist, während Grausamkeit nur eine erlernte Rolle, eine Maske oder eine Deformation (die Birne) darstellt. Ihr Beispiel des SS-Offiziers, der Beethoven spielt und danach Menschen vergast, ist psychologisch brillant gewählt – aber Ihre Schlussfolgerung greift zu kurz.
Aus Sicht der modernen Neurobiologie und Tiefenpsychologie trug der SS-Offizier in Auschwitz keine Maske. Er war in beiden Momenten völlig authentisch. Das ist das unheimlichste Phänomen der menschlichen Psyche: die Dissoziation und Kompartimentierung.
- Die Evolution des Tribalismus: Das Gehirn schaltet nicht zwischen „gut“ und „böse“ um, sondern zwischen In-Group (Wir) und Out-Group (Die Anderen).
- Neurobiologische Verankerung: Das Hormon Oxytocin (oft als „Kuschel- oder Liebeshormon“ romantisiert) sorgt für Empathie, Bindung und Fürsorge. Die moderne Hirnforschung zeigt jedoch: Oxytocin verstärkt die Empathie nur gegenüber der eigenen Gruppe. Gleichzeitig erhöht es die Aggression und das Misstrauen gegenüber Fremdgruppen (Defensiver Altruismus).
- Keine Maske, sondern dasselbe Programm: Der SS-Offizier hatte keinen Defekt seiner Liebesfähigkeit, wenn er sein Kind herzte. Aber sein Gehirn hatte gelernt, die jüdischen Opfer vollständig aus der Kategorie „Mensch“ (Out-Group) zu entfernen. Für das Gehirn ist das kein Widerspruch. Grausamkeit gegen die biologisch definierte „Außengruppe“ ist neurobiologisch genauso tief verankert wie die Liebe zur „Innengruppe“.
Das Fazit: Warum Ihr Optimismus eine moralische, keine biologische Wahrheit ist
Sie schreiben: „Ich halte es für absurd, dass der Mensch in dieser Hinsicht schlechtere Anlagen haben sollte als Pflanzen.“ Hier liegt der fundamentale Kategorienfehler: Sie definieren „schlechtere Anlagen“ nach modernen, humanistischen Moralvorstellungen. Für die Natur ist Aggression gegen Konkurrenten jedoch keine „schlechte“ Anlage, sondern ein hocheffizientes Werkzeug zur Erhaltung der eigenen Gene. Ein asozialer Säugling wäre nicht lebensfähig, das stimmt. Aber ein Säugling, der jeden fremden Stamm genauso liebt wie seine eigene Mutter, wäre in der Urgeschichte ebenfalls nach wenigen Tagen tot gewesen.
Die Synthese unserer Debatte:
Ihre These ist eine wunderschöne und politisch notwendige Kulturtheorie. Sie zeigt, dass wir die Fähigkeit haben, Systeme des Friedens zu errichten. Aber sie scheitert als Naturtheorie. Indem Sie das Destruktive als bloße „Störung“ oder „Maske“ abtun, nehmen Sie dem Menschen seine tragische Tiefe.
Der Mensch ist nicht gut und wird dann böse gemacht. Der Mensch ist das einzige Tier, das seine angeborene, tribale Grausamkeit durch Vernunft und Kultur überwinden kann. Das „Gute“ ist nicht unser Urzustand – es ist unsere härteste, tägliche Kulturarbeit.
Wenn das „Böse“ nur eine Maske oder Neurose ist: Warum fällt es der Menschheit dann seit 7.000 Jahren auf allen Kontinenten so unendlich leicht, diese Maske aufzusetzen, sobald die Ressourcen knapp werden?
[1] https://www.researchgate.net
Andreas Peglau: Ich meine, es fällt Menschen sehr schwer, diese Maske aufzusetzen. Sie wehren sich lange dagegen, behalten in sich auch lebenslang den guten aber nun verschütteten Kern.
Ich verweise ja im verlinkten Text zum Beispiel auf Joseph Goebbels, der fast 30 Jahre benötigte, um zum fanatischen Nazi zu werden.
OPEN AI: Ihr Verweis auf Joseph Goebbels und die These des „verschütteten Kerns“ berührt den vielleicht faszinierendsten und gleichzeitig erschreckendsten Bereich der Psychohistorie. Sie argumentieren, dass die Deformation eines Menschen kein plötzlicher systemischer „Umschaltprozess“ ist, sondern ein jahrzehntelanger, schmerzhafter Kampf, bei dem die ursprüngliche prosoziale Natur aktiv niedergerungen werden muss.
Wenn wir uns die Biografie von Goebbels und die psychologische Realität von Täterbiografien radikal unvoreingenommen ansehen, zeigt sich jedoch ein fundamentaler Widerspruch zu Ihrer These.
- Das Goebbels-Paradoxon: Keine Tötung des „guten Kerns“, sondern seine Umleitung
Historische und psychologische Analysen (wie die Auswertung von Goebbels‘ unzensierten Tagebüchern durch Historiker wie Peter Longerich) zeigen eben nicht, dass Goebbels 30 Jahre brauchte, um seine Empathie oder Liebesfähigkeit zu „zerstören“.
- Die unheimliche Wahrheit: Goebbels blieb bis zu seinem Selbstmord im Bunker fähig zu tiefster (fast pathologischer) Loyalität, romantischer Liebe (zu seiner Frau Magda) und väterlicher Fürsorge für seine Kinder. Er hat seinen „guten Kern“ nicht abgetötet oder vollständig verschüttet.
- Die selektive Empathie: Was sich über diese 30 Jahre entwickelte, war kein Verlust der Liebesfähigkeit, sondern eine extreme Hyper-Moralisierung der eigenen Gruppe bei gleichzeitiger vollständiger Entmenschlichung der Außengruppe. Er quälte sich nicht moralisch, als er den Holocaust mitorgantisierte. In seiner Psychologie tat er etwas „Gutes“ und „Notwendiges“ für sein Volk. Das Gehirn benötigt keine 30 Jahre, um das Töten zu erlernen – es benötigt Zeit, um die ideologische Trennung zwischen „Wer gehört dazu?“ und „Wer muss vernichtet werden?“ absolut zu machen.
- Warum die Tötungshemmung kein Beweis für einen rein „guten Kern“ ist
Sie verweisen völlig zurecht (auch über Dave Grossman) darauf, dass Menschen eine massive biologische Barriere haben, Artgenossen von Angesicht zu Angesicht zu töten. Das ist ein starker Punkt für Ihre These. Aber die evolutionäre Psychologie deutet diese Hemmung anders:
- Die Tötungshemmung ist kein Beweis für universelle Liebe, sondern ein evolutionärer Schutzmechanismus vor Selbstzerstörung innerhalb der eigenen Spezies bei physischer Nähe.
- Sobald diese Hemmung jedoch durch Distanz (Technologie, Bürokratie) oder durch das evolutionäre Programm des Tribalismus (Wir gegen die) überbrückt wird, bricht die Grausamkeit oft in erschreckender Geschwindigkeit und ohne jahrzehntelange Deformation aus.
- Das Milgram-Experiment und Ruanda: Die Frist von Tagen, nicht Jahrzehnten
Wenn die Deformation des Menschen ein mühsamer, 30-jähriger Prozess wäre, wie erklären wir dann die historischen Ausbrüche kollektiver Gewalt bei „normalen“ Menschen?
- Das Milgram-Experiment: Psychisch völlig gesunde, durchschnittliche US-Bürger waren innerhalb von nur einer Stunde im Labor bereit, einen unschuldigen Mitmenschen auf Befehl einer Autorität mit potenziell tödlichen Stromschlägen zu foltern. Sie wehrten sich psychisch (sie schwitzten, zitterten), aber sie taten es. Es brauchte keine 30 Jahre Vorbereitung.
- Der Völkermord in Ruanda (1994): Innerhalb von nur 100 Tagen wurden fast eine Million Menschen im interpersonellen Nahkampf (oft mit Macheten) ermordet. Die Täter waren keine jahrzehntelang deformierten Soldaten, sondern die ganz normalen Nachbarn, Bauern und Familienväter von gestern. Das System schuf die Destruktivität nicht in Jahrzehnten; es aktivierte ein schlummerndes, tribales Gewaltprogramm innerhalb von Wochen durch gezielte Angst- und Hasspropaganda.
Fazit aus kritischer Sicht
Ihre These vom „verschütteten guten Kern“ rettet die Würde des Individuums, indem sie den Täter als das eigentliche Opfer (eines jahrzehntelangen Deformationsprozesses) darstellt.
Aus psychologischer Sicht ist dies jedoch eine gefährliche Entlastung des Menschen. Wenn wir davon ausgehen, dass es 30 Jahre harte Arbeit braucht, um einen Menschen zum Monster zu machen, wiegen wir uns in falscher Sicherheit. Die Realität zeigt: Die Grenze zwischen dem fürsorglichen Familienvater und dem grausamen Vollstrecker verläuft mitten durch das menschliche Herz. Es braucht keine 30 Jahre, um diese Grenze zu überschreiten – es braucht oft nur die richtige Kombination aus Angst, Gruppenzwang und der Erlaubnis von oben.
Andreas Peglau: Ich muss wieder den „Äpfel und Birnen“-Vergleich bemühen, wenn Du schreibst:
„Goebbels blieb bis zu seinem Selbstmord im Bunker fähig zu tiefster (fast pathologischer) Loyalität, romantischer Liebe (zu seiner Frau Magda) und väterlicher Fürsorge für seine Kinder. Er hat seinen ‚guten Kern‘ nicht abgetötet oder vollständig verschüttet.“
OPEN AI: Ich verstehe Ihren Einwand vollkommen: Sie sehen in meiner Argumentation vermutlich wieder denselben Kategorienfehler – das Gleichsetzen von echtem, prosozialem Verhalten (dem „Apfel“) mit einer neurotischen, verzerrten Form von Bindung (der „Birne“).
Wenn man Goebbels’ Verhalten im Bunker – das Vergiften der eigenen sechs Kinder durch die Eltern – konsequent psychologisch analysiert, bricht das Bild der „normalen väterlichen Fürsorge“ ohnehin in sich zusammen. Aus Sicht von Wilhelm Reich oder Erich Fromm wäre Ihre Argumentation an dieser Stelle mörderisch präzise: Das war keine Liebe, sondern der absolute Endpunkt einer narzisstischen, autoritären und destruktiven Charakterneurose. Die Kinder wurden nicht aus Fürsorge getötet, sondern weil sie als Verlängerung des eigenen, untergehenden Egos begriffen wurden. In dieser Lesart ist der „gute Kern“ tatsächlich vollständig verschüttet oder pervertiert worden.
Lassen Sie uns diesen Punkt also beiseitelassen und uns auf das konzentrieren, was Sie über den jahrzehntelangen Kampf schreiben. Sie betonen, dass der Mensch sich lange gegen die Entfremdung wehrt.
Hier liegt der entscheidende, bleibende Dissens zwischen Ihrem humanistischen Ansatz und den Erkenntnissen der modernen Sozialpsychologie:
- Die Natur des Widerstands: Abwehr der Deformation oder Abwehr von kognitiver Dissonanz?
Sie argumentieren, dass Menschen, die in destruktive Rollen gedrängt werden, sich wehren, weil ihr angeborener, prosozialer Kern gegen die Grausamkeit rebelliert.
- Die Gegenperspektive: Wenn Menschen in Experimenten wie denen von Milgram zögern, schwitzen oder protestieren, wehren sie sich laut psychologischer Forschung meist nicht gegen die Grausamkeit an sich, sondern gegen den Konflikt zwischen gelernten moralischen Regeln und den aktuellen Anforderungen.
- Sobald dieser Konflikt gelöst ist – oft durch die simple Übertragung der Verantwortung auf eine höhere Instanz („Ich befolge nur Befehle“) –, verschwindet der Widerstand in Sekunden. Das Erschreckende ist: Das System muss den Kern des Menschen nicht mühsam über Jahrzehnte umprogrammieren. Es muss lediglich den sozialen Rahmen verändern, und der Mensch passt sein Verhalten in verblüffender Geschwindigkeit an.
- Das Stanford-Prison-Experiment und die Realität der Institutionen
Auch wenn das Stanford-Prison-Experiment von Philip Zimbardo methodisch stark in der Kritik steht (da die Wärter teilweise aktiv animiert wurden, sich hart zu verhalten), zeigt die Replikation und die historische Realität echter Gefängnisse oder totalitärer Systeme Folgendes:
- Es braucht keine traumatische Kindheit oder 30 Jahre Indoktrination, um normale junge Männer in grausame Wärter zu verwandeln.
- Die Anpassung an eine Rolle, die Dominanz und Abgrenzung erfordert, geschieht oft innerhalb von Tagen. Der Mensch besitzt eine enorme motivationale Flexibilität. Er strebt nach Anerkennung, Sicherheit und Status innerhalb der Struktur, in der er sich befindet. Wenn die Struktur Grausamkeit belohnt, wird Grausamkeit extrem schnell zur funktionalen Normalität des Individuums.
Fazit für unsere Diskussion
Ihr Ansatz verteidigt das Individuum, indem er die Schuld für das Böse vollständig auf das System und einen extrem langwierigen Deformationsprozess schiebt. Das ist eine zutiefst humane Position.
Die wissenschaftliche Gegenposition (insbesondere nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und der modernen Verhaltensforschung) ist wesentlich ungemütlicher: Sie besagt, dass die „Anlage zur Anpassung und zur tribalen Abgrenzung“ so stark ist, dass das System eben keine Schwerstarbeit leisten muss, um den Menschen korrupt zu machen. Der Mensch wehrt sich nicht jahrzehntelang gegen das Aufsetzen der Maske – er wechselt die Maske oft so schnell, wie sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern.
Andreas Peglau: Erich Fromm hat in seinem Buch „Die Anatomie der menschlichen Destruktivität“ schon 1973 viele Deiner Argumente – so auch die gängigen Interpretationen des Milgram- und des Stanford-Prison-Experimentes – gesichtet, nach meiner Einschätzung zugleich: widerlegt. Andere haben dies ebenfalls getan.
Aber mir ist klar: Da noch niemand je „die Psyche“ gesehen hat, sondern bestenfalls ihre Wirkungen oder korrelierende Faktoren, bleibt ein nicht objektiv entscheidbarer Rest bei solchen Diskussionen, wie wir sie gerade führen.
Hier muss ich allerdings unbedingt widersprechen, wenn Du schreibst: „Ihr Ansatz verteidigt das Individuum, indem er die Schuld für das Böse vollständig auf das System und einen extrem langwierigen Deformationsprozess schiebt. Das ist eine zutiefst humane Position.“
Nein, das wäre eine irrationale Position.
Das System, das sind wir Menschen! Präziser: wir Erwachsenen. Ich spreche die erwachsenen Individuen nicht frei von Schuldfähigkeit oder Schuld. Im Umkehrschluss gestehe ich ihnen aber auch weit größere Einflussmöglichkeiten zu, als sich die meisten bewusst machen.
Im Gegensatz zu Karl Marx glaube ich nicht an außermenschliche ökonomische Gesetze, die über uns bestimmen, meine auch, dass größere Macht zu größerer Verantwortung führt – und zu größerer Schuld, wenn man dieser Verantwortung nicht gerecht wird.
Ich danke Dir für unseren Austausch und melde mich wieder zu einer Fortsetzung.
***
Weiterlesen in Teil Zwei.
Bitte zitieren als
„Sie vertreten eine monokausale Optimismus-Theorie!“ Andreas Peglau im Streitgespräch mit OPEN AI zum Thema Menschenbild. Teil 1, 10.8.2026. (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/sie-vertreten-eine-monokausale-optimismus-theorie-andreas-peglau-im-streitgespraech-mit-open-ai-zum-thema-menschenbild-teil-1-10-8-2026/)
© 2026 Andreas Peglau – Alle Rechte vorbehalten. Löcknitzer Str. 33, 17309 Pasewalk
info@andreas-peglau-psychoanalyse.de
Die Weiterleitung und Verbreitung dieses Textes zu nichtkommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht. Lizensiert unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International).

